Vier Pfoten und drei Koffer - Helge Sobik - E-Book
Beschreibung

Hoover, der schwarze Flat Coated Retriever, vielen bekannt durch sein erstes Buch »Vier Pfoten und ein Tintenfisch«, geht auf große Fahrt. Zusammen mit seinem Herrchen wird er gut drei Monate ganz tief im Süden Europas verbringen, da, wo es im Winter morgens eine halbe und abends über zwei Stunden mehr Tageslicht gibt als zu Hause. Schon die Vorbereitungen sind aufregend. Nachdem er den entscheidenden Satz „Aber Du kommst doch mit“ gehört hat, beginnt er zu packen. Das ist gar nicht so leicht, wenn man so viele Sachen hat, die mit müssen. Und schließlich stehen drei Koffer zur Abfahrt bereit, zwei für ihn und einer für Herrchen. Nach 36 Stunden Fahrt sind die beiden endlich am Ziel. Für Hoover gibt es kein Halten mehr. Er flitzt eine ausgedehnte Runde um das Ferienhaus herum, Begeisterung pur. Dann springt er an seinem Herrchen hoch und versucht, dessen Ohren abzuschlabbern. Was so viel heißen soll wie »Hurra, endlich da« und »Ist das schön hier! Wir zwei in den Ferien! Das alles werden wir gemeinsam erkunden! Und ganz viele Hunde kennen lernen!« Genauso ist es. Eine wunderbare Zeit beginnt. Mit allerlei Unternehmungen und zahlreichen neuen Spielen, die sich die beiden einfallen lassen. Denn Flat Coated Retriever sind keine Sofahunde. Sie sind enorm intelligent und feinfühlig, brauchen Aufmerksamkeit, wollen beschäftigt sein, gefordert werden, Probleme lösen müssen. Zweimal wird der Hund auch in lebensbedrohliche Situationen geraten. Aber er wäre nicht Hoover, wenn er nicht ganz viel Glück und noch mehr Schutzengel hätte. Und so geht alles gut. Als er seine Kumpel zuhause wiedersieht, schauen sie ihn an, als wollten sie wissen: »Wo warst Du eigentlich so lange? Erzähl mal!« Herrchen hat genau zugehört und die Reiseerlebnisse mit Hoover aufgeschrieben. Viele farbige Fotos Ein Buch für alle Hundefreunde

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Seitenzahl:253

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Helge Sobik

Vier Pfoten und drei Koffer

Ein Hunderoman von unterwegs

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Von Uwe, von Hubert und vom schwarzen Schafhoover

Der Unruhebeobachter

Der Ball im Koffer oder: Bloß nicht vergessen werden

Der Morgen des Aufbruchs

Boxenstopp in der Eifel

Hund ohne Handy

Der Mineralwasser-Test

Bett mit Gebühr

Das Hotelzimmer verteidigen

Einer muss den Hund nehmen

Der Blechmann hinterm Rasthof

Terrain markieren – endlich angekommen

Hund am Abgrund

Die erste Nacht in der Fremde

Randale im Bad

Wo sind Deine Sachen?

Frühstück im Freien – und die Gegend beobachten

Ein Land mit wenig Stöckchen

Hundsküsse auf den Mund – iih, ein Mensch

Die Hundsperson grinst

Alleine bleiben

Wildschweine

Brille abnehmen

Freundschaftsbänder flechten

Getränke apportieren

Auf Spanisch brummen und bellen

Besänftigen beim Hämmern

Der Gimpel ist abgetaucht

Zecke am Plüschschwein

Schon wieder: auf zur Sockenernte

Jede Menge Flusen

Der Sofa-Überwurf und das Hundsgesetz

»Meine hat ein hervorragendes Sozialverhalten«

Ein Opfer: der Verband

Jetzt kann ich es ja sagen

Schon wieder das Hundsgesetz

Der Futtersack aus Barcelona

Der Gelbe Mann

Was hat er bloß?

Die Natur als Hausapotheke

Ohrenrauschen

Im Kapuzenpulli versteckt

Der halbe Mensch hinter dem Rollo

Minigolf mit der Nase

Mein Platz, sein Platz

Urlaub bei Luna

Loco

Gewagt durchs Gatter

Das Attentat

Po-li-zei-hund

Die Altpapierkiste

Wo ein Hoover ist, ist auch ein Weg

Die Raupen

Das ganze Meer für sich haben

»Wollen wir nachhause?«

Pullover-Klau von der Gartenliege

Wölfe, Bären und ein Koyote hinterm Fernseher

Schlange in Stöckchentarnung

Das Badehandtuch bringen

Heilsame Wirkung

Schon wieder packen

Tschüss sagen

Auf forsch folgt forsch

Der eigene Garten

Emmy, Black Jack & Co

Von Uwe, von Hubert und vom schwarzen Schafhoover

Es ist immer dasselbe mit seinem Namen. Ihm gefällt er. Mir auch. Aber die anderen verstehen ihn meistens falsch. Wahrscheinlich rechnet keiner damit, dass ein Hund genauso heißt wie ein amerikanischer Staubsauger – weil er alles Mögliche einsaugt, was sichtbar oder unsichtbar auf dem Boden verteilt ist, und fast dieselben Geräusche macht, wenn er eine Spur in der Nase hat und an ihr entlangschnauft. Ob im Wald oder an der Fußleiste im Wohnzimmer. Dass ich wirklich gerade »Hoover, hierher!« gerufen habe oder dass ich das schwarze 33-Kilo-Energiebündel eben als »Der heißt Hoover« vorgestellt habe – das decodieren immer noch die meisten beim ersten Aufeinandertreffen nicht richtig. Als er mit neun Wochen zuhause eingezogen war und das erste Mal durch den Garten sprang, rief meine Nachbarin gleichermaßen erstaunt wie beglückt: »Aber Du kannst Deinen Hund doch nicht ›Uwe‹ nennen!« Und beim Tierarzt in der Praxis haben sie ihn das erste Mal mit »Ach, da ist der kleine Hubert!« begrüßt und zum Glück auch gleich ins Herz geschlossen, ob unter Pseudonym oder unter Klarnamen. In der Hundeschule hat ein und dieselbe Trainerin ihn im Dreieinhalb-Minuten-Abstand hörbar verwirrt mal als »Uwe«, mal als »Hubert« gerufen, jeden meiner korrigierenden Zwischenrufe mit »Ach so, na klar« kommentiert, um gleich darauf dann wieder nach Hubert oder Uwe zu rufen. Ihm ist das egal. Hauptsache, jemand meint ihn. Hauptsache, jemand interessiert sich für ihn. Und Hauptsache, da ist jemand, den er mit einer Schlabber-Attacke begrüßen und über den er sich ausführlich freuen kann. So enthusiastisch zugewandt wie Flat Coated Retriever einfach sind, diese Hunde, die etwas größer und etwas schlanker als Labradore sind und etwas längeres Fell haben, voller unbändiger Aktivität stecken und auf Anhieb fast jeden Menschen lieb haben, der ihnen vor die Augen tritt.

Tatsächlich sind Menschenvornamen in der Hundewelt inzwischen durchaus zahlreich. Insofern liegt der Verhörer nahe. Staubsaugermarken jedenfalls sind deutlich seltener. In den zweieinhalb Jahren, die Hoover jetzt alt ist, haben wir in der Kategorie Menschenvornamen Ben, Bernie, Heinz, Kalle, Max und sogar Günther mit »th« kennengelernt, außerdem Emmy, Amy, Tabea und Gisela. Und Abwandlungen von Vornamen wie Fine oder Fili. Aber auch Hunde mit schönen Fantasienamen wie Chewie oder Milo, mit zeitlosen Klassikern wie Bello oder Bella. Und welche, die nur einen Nachnamen haben. Ich muss immer grinsen, wenn ich das eine Frauchen aus dem Nachbardorf nach ihrem fröhlichen Dobermann-Mix rufen höre: »Schröder, verdammt, kommst Du jetzt her!«

Hoovers bester Freund heißt Black Jack und ist ein Flat Coated Retriever wie er. Es gibt Leute, die sagen »Blacky« zu ihm, für andere ist er »Jacky«, für Frauchen ist er »Schatzi« und nur, wenn er allzu sehr zieht, ist er »Black! Jack! Schluss! Jetzt!«. Er kommt mit allen Varianten wunderbar klar. Wahrscheinlich würde ihn auch Schwarzer Peter nicht stören, immerhin passte es farblich. So wie Hoover sich ohne Problem mit Uwe und Hubert als Anrede abfindet.

Neulich hat ihm sein Name auf Anhieb gleich mehrere Sympathie-Punkte eingebracht. Und der Glanz hat sogar irgendwie auf mich abgestrahlt. Da sind wir das erste Mal auf großer Fahrt gen Süden gewesen, um ein paar Tage Wanderurlaub in Österreich zu verbringen, und haben im Landhotel von Familie Schafhuber gewohnt, wo Hunde erlaubt sind, nur möglichst nicht mit ins Bett sollen. Gleich an der kleinen Rezeption wurde er begeistert geklopft, gestreichelt, immer wieder mit seinem Namen angesprochen. Jedenfalls schien es mir so. Erst von Frau Schafhuber, dann von Herrn Schafhuber, anschließend von der Schafhuber-Tochter. Und ich habe aufgepasst, dass er bloß ja nicht hochspringt und vor Begeisterung über die derart euphorische Begrüßung allen nacheinander am Ohr knabbern will. Als Dankeschön für diese spontan entflammte Liebe.

Und abends im Speiseraum höre ich, wie Schafhubers an den anderen Tischen – noch immer hocherfreut – herumerzählen, dass das ja ein Ding sei. Dass das kurios sei und dass sie so was in fast vierzig Jahren Hotelbetrieb noch nicht erlebt haben. Dass nämlich ein Hund einzieht, dem bloß das Schaf am Anfang fehle und der sonst so heiße wie sie: der liebe schwarze »Huber« von dem Herrn da vorne am Fenstertisch.

Ich schaue erst etwas betreten, nicke dann freundlich herüber. An einem anderen Tisch schüttelt jemand mit dem Kopf, als wollte er »Was für ein saublöder Name für einen Hund« sagen. Ich zucke mit den Schultern. Und lächele. Und wenn diesen Abend noch einer genauer nachfragen sollte: Mein Hund heißt Uwe-Hubert Huber. Mit Bindestrich. Oder wie auch immer. Warum? Gegenfrage: Warum nicht? Hauptsache, er und ich wissen, dass er in Wirklichkeit Hoover ist. Und das seit inzwischen zweieinhalb Jahren.

Ich muss an diesem Abend nichts sagen, nichts aufklären, es fragt keiner. Und es ist ja auch egal. Den netten Schafhubers jedenfalls möchte ich auf keinen Fall die Freude verderben. Manchmal rufe ich ihn seitdem »Hundehoover«. Oder »Schafhoover«. Vor allem, wenn gerade niemand anders in der Nähe ist. Menschen hören offenbar als Erstes immer das, womit sie rechnen und was ihnen vertraut vorkommt. Als gäbe es so eine Art Auto-Korrektur-Modul fürs Unvorhergesehene im Gehirn. Und so wird aus Hoover mal Uwe, mal Hubert. Und mal Huber.

Gibt es Leute, die er nicht mag? Kaum. Welche, denen er abweisend gegenüber tritt und die er vielleicht sogar anknurrt? Fast keinen. Und falls doch, dann hat er bisher stets einen guten Grund gehabt. Die Sache mit dem Hochspringen unterdessen war unproblematisch, so lange er noch ein Welpe war, und ist schwieriger geworden, seit er ausgewachsen ist, den Leuten mit einem Satz die Vorderpfoten auf Brustkorb oder Schulter packen kann und – wenn er sie denn mag – zärtlich am Ohr zu knabbern versucht. Das ist nicht jedermanns Sache. Aber ich bin ja auch noch da und passe auf, dass Hoover das nur dort macht, wo es gern gesehen ist. Zur Sicherheit bei niemandem im Hotel, sowieso bei keinem Fremden.

Ob die Leute wissen, dass sein bester Freund in der Welpenzeit ein Tintenfisch aus Plüsch war, den er überallhin mitgeschleppt hat? Mit dem er gekuschelt hat, bis er eines Tages die Tentakeln abgekaut, sie in einer Hau-ruck-Aktion kurzerhand aufgefressen hat und nur noch ein mit lila Kunstfell beklebter Kautschuk-Kern übrig geblieben war? Eigentlich nicht. Es sei denn, ich erzähle davon. Oder von allem, was seitdem geschehen ist. Von Hoovers Eigenarten, seinen Erfindungen, seinen Erlebnissen, dem Stoff-Schwein aus dem Ikea-Regal, das in seinem Herzen inzwischen die Stellung des Kindheits-Tintenfischs eingenommen hat. Und von seinen Reisen. Denn Hoover ist viel unterwegs, weil ich viel unterwegs bin und ihn nach Möglichkeit mitnehme. Meistens hat er mehr Gepäck als ich. So viele Spielsachen müssen immer mit, dazu das vertraute Futter, die Lieblingskauknochen, seine ganze Sammlung an Apportiertiergut. Es gilt die Faustregel: Zwei von drei Koffern sind seine, einer bleibt für meine Sachen. Jedenfalls über den Daumen.

Jetzt wollen wir sogar bis nach Spanien, möchten auf Zeit vor etwas fliehen, das ich die »norddeutsche Polarnacht« zuhause an der Ostsee nenne – da oben an der Lübecker Bucht, wo die Sonne im tiefsten Winter so gegen kurz vor halb neun Uhr morgens aufgeht und um Viertel vor vier am Nachmittag wieder verschwunden ist. Falls sie sich denn überhaupt zeigt und irgendein kräftiger Sturm die November-, die Dezember-, die Januar- und die Februar-Wolkenberge weggeschoben hat.

Viel weiter im Süden, das jedenfalls ist der Plan, haben wir morgens eine halbe und abends über zwei Stunden mehr Tageslicht. Wie beglückend, wie inspirierend. Und wo ich als Journalist schreibe, ist eigentlich egal. Hauptsache ich habe Telefon, ich habe Internet. Und am allerwichtigsten: Ich habe meinen Hund mit dabei. Aber das ist eine lange Geschichte.

Der Unruhebeobachter

Bis zur Abfahrt sind es noch zwei Tage. An einem Wintersonntag soll es losgehen, gleich früh morgens über leere Autobahnen erst Richtung Eifel, dann durch Luxemburg und weit nach Frankreich hinein bis zum ersten geplanten Boxenstopp über Nacht – und dann weiter an die Costa Blanca, wo uns ein Ferienhaus erwartet. Ich habe Hoover zwar davon erzählt, und interessiert geschaut hat er auch, aber ebenso gut hätte ich ihm wahrscheinlich aus der Autobiografie von Disneys Pluto oder Kater Karlos gesammelten Schriften vorlesen können.

Was ihm an der Story am besten gefiel: dass ich mich mit ihm beschäftigt habe. Dass es irgendwie spannend klang. Dass ich alles mit Gesten untermalt habe, die auch bedeuten könnten, dass wir gleich im Garten Ballwerfen gehen würden. Er hat Worte erkannt, die er perfekt einordnen kann, sogar ganze Sätze, die er versteht. »Aber Du kommst doch mit« ist so einer davon. Dann ist er immer begeistert und hüpft wie ein Flummi durchs Zimmer, tritt sich mit allen Vieren gleichzeitig ab und schafft damit inzwischen mit Leichtigkeit einen halben Meter Flughöhe aus dem Stand. Immer und immer wieder in dichter Folge nacheinander. So springt er erst zur Leine, die meistens auf dem Küchentisch liegt, dann zur Garderobe, wo meine Waldspaziergangs-und-sonstwohin-mit-Hund-wegfahr-Jacke hängt, anschließend zur Haustür. Und von dort aus schaut er mich aus erwartungsfrohen Augen an.

Irgendwie scheint sein Verständnis mancher Aussage nicht nur an einzelnen Vokabeln zu hängen, sondern auch andere Zusammensetzungen erschließt er sich. Für jemanden, der nie gelernt hat, was konjugieren und deklinieren ist, klingen »kommen« und »kommst Du« ganz schön verschieden.

Zugleich ist seine Reaktion auf die Worte »kommen« und »mitkommen« völlig unterschiedlich. »Kommen« ist gehorchen, ist herbeieilen müssen. »Mitkommen« ist eine größere gemeinsame Aktion außerhalb des Hauses, auf die er sich freut.

Insofern: Er mag manches von dem verstanden haben, was ich ihm erzählt habe, ohne aber wirklich zu wissen, um was es geht oder den Zeithorizont zu kennen. Auch nicht, wenn ich »noch zweimal groß schlafen« sagen würde.

Was er übrigens auch versteht und in seinen komplett unterschiedlichen Reaktionen darauf eindeutig unterscheidet: »Wollen wir los?«, »Gleich kommen Leute!«, »Da ist ja auch ein Hund!«, »Wollen wir Futter fertig machen?«, »Wollen wir spielen?«. Besonders niedlich ist es, wenn ich sage: »Einer muss den Hund nehmen«. Dann holt er die Leine und läuft im Schritttempo wie ein Dressurpferd – als ob er stolz darauf ist, Verantwortung übertragen zu bekommen und sich selber am wichtigen Herrschaftsinstrument Leine halten zu dürfen.

Seit Tagen beobachtet er mich ganz genau, ist anhänglicher, neugieriger, reagiert sofort auf Veränderungen. Er merkt ganz genau, dass da etwas im Busch ist. Weil vorgestern einmal kurz der Reiserucksack im Spiel war, in den bei größeren Touren die Vorräte kommen. Weil die schwarze Laptoptasche seit zwei Tagen im Flur an der Wand lehnt. Weil ein Karton mit Arbeitsunterlagen in der Küche steht, die mitreisen sollen. Denn die Winterflucht ist kein Urlaub, sie ist ein Wechsel des Arbeitsortes. Ein wunderbarer Wechsel sogar.

Wahrscheinlich spürt er auch meine gewisse innere Unruhe, denn normalerweise breche ich die Zelte auch nicht mal eben für so lange ab. Es ist ein Versuch. Für uns beide. Mal schauen, wie er gelingen wird.

Der Ball im Koffer oder: Bloß nicht vergessen werden

Das Blödeste an einer großen Reise ist immer die Gefahr im Vorfeld, dass der Mensch beim Packen, spätestens aber bei der Abfahrt seinen Hund vergessen könnte. Einfach so. Und dann wäre es geschehen. Findet Hoover. Fürchtet Hoover! Deshalb hat er sich für den entscheidenden Moment eine Zwei-Stufen-Taktik zurechtgelegt.

Es beginnt damit, dass er sein wichtigstes Spielzeug zusammensucht, dafür das Wohnzimmer durchkämmt, unters Bett im Schlafzimmer schaut und schließlich auch seinen Korb mit dem überhängenden Polsterwulst filzt, als wollte er sich erst einen aktuellen Überblick über sein Hab und Gut verschaffen und dann entscheiden, was davon auf alle Fälle mit muss.

Als Erstes schleppt er diesmal ein verdrehtes Zerr-Tau mit zwei Knoten an, drückt es mir erst ins Gesicht und rempelt es mir schließlich gegen die Schulter, während ich bereits auf dem Fußboden knie und Hemden in den aufgeklappten Koffer stapele: so weit eine übliche Spiel-Aufforderung. Als ich aber nach dem bunten Tau greifen will, dreht er sich weg, macht anderthalb Schritte nach vorne – um es auf die Hemden in den Koffer fallen zu lassen und sofort wieder aus dem Zimmer zu laufen. Was er damit sagen will? Wahrscheinlich dies: »Wenn Du hier heimlich vor Dich hin packst und Deine Sachen irgendwohin mitkommen, müssen meine auch mit. Weil ich auch mitfahren werde! Wohin auch immer!« Das ist Teil eins seiner Strategie.

Ich bin verdutzt und muss grinsen. Und während ich noch da sitze, ist Hoover wieder zurück, um nun auch seinen neongelben Tennisball in den Koffer plumpsen zu lassen. Damit ganz klar ist, was er meint: Ohne Hund zu verreisen, geht nicht. Und auch sonst läuft es vom Volumen her offenbar wieder auf das inzwischen übliche Bild hinaus – zwei Koffer für seine Sachen, einer für meine …

Ganz sicher werde ich ihn nicht vergessen! Er soll mit. Von vornherein war das geplant. Nur ahnt er noch nicht, dass er dafür diesmal ganz schön lange still sitzen muss. Und ich auch: Schließlich wollen wir in Spanien überwintern, mit ein oder zwei Zwischenübernachtungen von Norddeutschland aus gut 2300 Kilometer bis an die Costa Blanca fahren und fast drei Monate bleiben. Hoovers Zuhause während der Fahrt gen Süden wird die Rückbank des Autos sein. Eine U-förmige Abdeckung ist bereits an den Kopfstützen sowohl der Vordersitze wie auch der Rückbank befestigt und wird dafür sorgen, dass er unterwegs nicht in den Fußraum rutschen, sich gleichwohl aber auf der Bank einigermaßen bewegen kann. Und ein Hundesicherheitsgurt mit Brustgeschirr liegt auch bereit. Sogar wie er da am besten hineinsteigt, hat er schon gelernt und hebt, wenn er das Geschütz mit den vielen dicken Schnüren sieht, bereits erst die linke und kurz darauf die rechte Pfote.

Nachdem nun aber erst mal das Spielzeug im Koffer ist, greift Stufe zwei seines Ich-muss-auf-jeden-Fall-mit-Plans: Er liegt im Weg, wo er nur kann. In der Türfüllung. Erst der des Schlafzimmers, dann des Wohnzimmers, später der Küche. Wo auch immer ich gerade bin – er sieht seine Rolle darin, eine lebende Stolperfalle zu sein. Denn, so dürfte die Hunde-Logik sein, wer angemessen häufig über seinen zweieinhalbjährigen schwarzen Flat Coated Retriever stürzt, wird zwar irgendwann womöglich ärgerlich, aber der Vierbeiner kann ihm im entscheidenden Moment unmöglich aus dem Sinn geraten.

Neben Hoover lagert derweil immer sein Lieblingsspielzeug aus der Welpenzeit, das von Stolperposition zu Stolperposition mitgeschleppt und stets aufs Neue zwischen den Pfoten drapiert wird. Mit Sicherheit soll es morgen ins Hundshandgepäck: der violette Plüsch-Tintenfisch mit vier Tentakel-Armen. Genau genommen ist es bereits das Nachfolgemodell des ursprünglichen Plüschkraken. Der war um zwei Drittel kleiner, auf dem Etikett als Welpenspielzeug ausgewiesen und bekam nach und nach alle vier Tentakeln sehr freundschaftlich abgekaut oder ausgerissen. Heimlich verschwand der verbliebene Kautschuk-Leib irgendwann in der Kiste der Reliquien aus der Hundekindheit, die vor lauter anhaftender Erinnerungen zu schade für den Mülleimer sind, und wurde durch das zwei Nummern größere Modell ersetzt. Das sieht genauso aus, roch nur ungewohnt neu, sodass es anfangs gewisse Akzeptanzprobleme gab. Es hat sogar heute noch alle vom Hersteller vorgesehenen Tentakeln. Für immer? Dafür kann keiner seine Pfote ins Feuer legen.

Warum Hoover überhaupt mitbekommt, dass es ums Verreisen geht? Beim ersten Mal, da war er drei Monate alt, ließ es ihn kalt, dass ich Koffer packte. Er wusste nicht, warum man das tut – und was das für kleine Hunde bedeuten kann. Ich ging auf Dienstreise, er für vier Tage ins Ausweichquartier zu einer älteren Dame, die Hunde liebt. Die beiden sind seitdem ein Herz und eine Seele und trotzdem begrüßte er mich zum Glück bei der Rückkehr stürmisch. Beim nächsten Mal Kofferpacken registrierte er bereits genau, dass da etwas geschah, was nicht zum normalen Tagesablauf gehörte. Anschließend ging es für ein paar Tage auf Dänemark-Urlaub – mit Hund. Das wurde ihm spätestens klar, nachdem neben all meinen Sachen auch sein Korb mit im Kofferraum verschwunden war. Er schaute höchst irritiert und war begeistert, als ich das erste Mal fragte: »Kommst Du auch mit?« Fortan hat er jede Pack-Aktion aufmerksam begleitet. Aber noch nie sind seine Ich-gehöre-dazu-Signale so deutlich gewesen wie dieses Mal.

Der Morgen des Aufbruchs

Noch so eine irritierende Änderung des Ablaufs: Um Viertel nach vier am Morgen klingelt der Handy-Wecker, vier Stunden eher als sonst. Für Hoover ist es die falsche Zeit. Für mich auch. Er blinzelt irritiert, hebt kurz das Köpfchen, sieht mich aufstehen und im Bad verschwinden – und schießt plötzlich hoch, als wären ihm in der Sekunde all die Koffer, Taschen und Tüten eingefallen, die ich am Vorabend nach und nach im Kofferraum verstaut hatte. Auch den mit Ball und Tau, dazu eine Kiste mit Futter, Leckerlis, Hundedecke, Kamm, Tiermedizin, mit Leucht-Halsband, dem Kauknochen-Vorrat und zwei Hundertschaften Kot-Tütchen aus hauchdünner Folie. Und mit noch mehr Spielzeug.

Er schiebt die Tür auf, drängt resolut mit ins Bad, versucht mich mit Blicken zu hypnotisieren, und entschließt sich wieder zur erfolgversprechenden Im-Weg-liege-Taktik. Auf sein Futter hat der normalerweise durchaus verfressene Kerl mit dem schwarzen Fell um diese Zeit und, mehr noch, unter diesen aufregenden Umständen wenig später gar keine Lust. Er schnüffelt nur kurz daran. Zum Glück findet er Zeit, zwei sehr große Abschieds-Seen in den Garten zu setzen, ehe er den Tintenfisch packt und zur Haustür läuft. Sein Blick fragt: »Wann geht es denn nun los?« Und derselbe Blick sagt: »Natürlich komme ich mit!« Natürlich, denn ohne wäre ja doof.

Er trampelt vor der Autotür unruhig von einem Bein aufs andere, als ich ihm das Korsett anlege, an dessen Halterung wenig später der Hunde-Sicherheitsgurt befestigt wird. Und endlich sind letzte Zweifel zerstreut: Er ist drin, die Tür ist zu. Und der Tintenfisch liegt direkt neben ihm. Hoover schläft sofort. Fünf Stunden lang tief und fest. In Höhe der Eifel wacht er auf, reckt und streckt sich, legt kurz vorm ersten ohnehin notwendigen Tankstellenstopp sein Köpfchen auf meine Schulter und lässt es immer schwerer und schwerer werden. In der Hoover-Sprache bedeutet das: Der nächste Rastplatz ist meiner. Ich muss mal. Kein Problem, ich auch.

Boxenstopp in der Eifel

Was Hoover bereits als Kleiner gelernt hat, nachdem er ein paar Mal zu übermütig war und umgehend wieder ins Auto zurückgekrempelt wurde: Das Signal, herausspringen zu dürfen, ist nicht die geöffnete Wagentür, auch nicht das befreiende Klicken des Hunde-Sicherheitsgurts, sondern erst das Kommando »Jetzt komm!«. Er hält sich dieses Mal bravourös daran, obwohl er enorm aufgeregt ist. »Deswegen also«, scheint sein Blick zu sagen. »Wegen dieses Parkplatzes mit dem Wäldchen links und dem noch kleineren rechts vom Auto! Deshalb sind wir so früh aufgestanden, so viel gefahren! Hier machen wir Urlaub!«

Er scheint nicht sonderlich wählerisch zu sein, springt erst vor Freude an mir hoch, dann ein paar Mal mit allen Vieren gleichzeitig in die Luft – um sich schließlich zu erinnern, was ihm vor einem Moment noch so wichtig war: Er macht erst mal einen See an den erstbesten fast entlaubten Haselnussstrauch und ist gleich danach kaum zu halten. So spannend findet er es hier, so viele neue Gerüche scheint er aufzusaugen, einzusammeln geradezu.

Ob ich mich auch so freuen würde, wenn ich Hund wäre? Wenn ich zweieinhalb Jahre alt wäre? Die Welt entdecken wollte? Und nicht wüsste, dass es schönere Ziele als einen rappeligen und an diesem Dezember-Sonntagmorgen fast geisterhaft leeren Autobahnrastplatz an der A1 gibt? Wenn ich nicht wüsste, dass wir noch 1800 Kilometer vor uns haben und der Sonne und dem Frühling entgegen reisen wollen? In ein Ferienhaus hoch über einem Orangenhain, von der Veranda aus mit Blick aufs drei Kilometer Luftlinie entfernte Meer, auf diesen breiten blauen Streifen da am Horizont direkt unterhalb des Himmels? In ein Häuschen mit Pool in einer Sackgasse am Rande der Wildnis, wo man weit und breit eher eine Schafherde trifft als einen Trucker mit halb offener Hose auf dem Weg zum Rastplatz-Klo? Ich beschließe, mich mit Hoover zu freuen: über ihn, übers Beinevertreten, aufs Frühstück und zwei Becher Tee aus der Thermoskanne. Und auf die Weiterfahrt, auf nach und nach wärmere Temperaturen, auf den Duft der Provence am späten Nachmittag, den Seewind im Süden des Languedoc-Rousillon am Abend. Und auf Spanien!

Er ist immer noch ganz euphorisch, scheint sich mit noch mehr Glückssprüngen und mit sehr herzlich gemeinten Anschlabber-Attacken für die Auswahl dieses tollen Ferien-Rastplatzes bedanken zu wollen und schaut zwischendurch nur kurz etwas irritiert, als ein Motorrad im Vorbeirasen eine Fehlzündung verursacht. »Der Hund ist schussfest«, würde es im immer etwas seltsamen Jäger-Jargon heißen und nicht etwa meinen, dass er kugelabweisend wäre, leider, sondern dass er sich nicht erschrickt, wenn es knallt.

Zwei im Akkord leer getrunkene Wassernäpfe und eine nachgeholte Hundsmahlzeit später kann Hoover sein Schicksal nicht fassen. »Was denn?«, sagt der Blick, als ich ihm das Korsett für den Sicherheitsgurt wieder umlege. »Doch nicht hier Urlaub machen, wo so viele Hunde ihre Nachrichten ins von Raureif überzogene Gras geschrieben haben und es noch so viel zu erschnuppern gibt? Haben wir womöglich ein noch tolleres Ziel?« Kurz überlegt er, dann lässt er sich darauf ein, dass ich das in unser beider Sinne entschieden haben werde, und springt wieder in den Wagen. Wir setzen Kurs Richtung Luxemburg.

Hund ohne Handy

Wie gut, dass es auch in Luxemburg Tankstellen gibt. Und dass Tankstellen Toiletten haben, denn wer zwei Becher Tee trinkt oder zwei Näpfe leer schlabbert, kommt nicht allzu viel weiter. Kaum hundert Kilometer, und dann gibt es keine Wahl. Erst hat Hoover auf einem Grünstreifen Druck abgelassen, dann bin ich auf dem Tankstellenklo dran – und bedauere das erste Mal, dass Hunde keine Handys haben. Sonst hätte ich ihn angerufen und gebeten, im Kassenhäuschen eine eilig hingebellte Nachricht loszuwerden: dass die verdammte Tür des Mini-Waschraums zwar mit Hilfe des mit Draht an einer leeren Öldose befestigten Schlüssels zu öffnen war, aber in Gegenrichtung ziemlich wenig geht. Der Türdrücker klemmt, will nicht mehr nach unten gehen, und mit dem Schlüssel ist dabei auch nichts zu wollen. Ich sitze im Waschraum der Tankstelle fest, mit Tür zur Straße statt zum Kassenbereich mit den Süßigkeits- und Zeitschriftenregalen.

So bleibt mir nur, erst zu rütteln, zu zerren, zu drücken, noch mal in aller Ruhe, dann wieder die etwas gröbere Variante. Nichts geht.

Ich versuche es schließlich mit osteopathischen Techniken: hier ein gewisser Druck mit dem Knie gegen den Rahmen, dann mit der Hand den Drücker erst versuchsweise leicht anheben. Das klappt! Nun herunterdrücken, mit der anderen Hand im selben Moment gegen den Beschlag stemmen. Das gelingt auch – und prompt fällt die Tür auf. Endlich! Zum Glück!

Und auf der Weiterfahrt male ich mir aus, wie Hoover mit einem Mobiltelefon umginge. Wahrscheinlich wäre es eher ein Smartphone in iPad-Größe. Mit ausreichend Fläche eben, um mit der rechten Vorderpfote Tasten zu drücken und zu wischen. Ob er SMS-Mitteilungen oder WhatsApp-Nachrichten an andere Hunde schriebe? Ob man auf Tastendruck vielleicht sogar vorprogrammierte Kläff-Tonfolgen verschicken könnte? Manchmal mache ich mir solche absurden Gedanken, weil ich mich an den slapstickhaften Bildern erfreue, die dann vor meinem inneren Auge entstehen.

Hoover jedenfalls hat weder von meinem Missgeschick noch meiner Aufregung etwas mitbekommen, wartet seelenruhig auf der Rückbank des Autos auf dem Tankstellenparkplatz und begrüßt mich beim Einsteigen so herzlich wie eh und je bei solchen Gelegenheiten. Ohne sein festgeklicktes Sicherheitsgeschirr wäre er inzwischen über die Schutzabhängung nach vorne geklettert und hätte pflichtbewusst auf dem Fahrersitz Platz genommen – weil einer den Chef bei Abwesenheit ja vertreten und Verantwortung übernehmen muss. Und weil so ein Auto so viele Knöpfe und Hebel und dazu noch ein in der Mitte der linken Hälfte angebrachtes Rad zum Festhalten hat, dass man all das nicht einfach sich selbst überlassen kann, sondern auch bei Stillstand überwachen sollte. Und da Hoover in seiner Wahrnehmung die Position nach dem Chef besetzt und jener Chef sich gerade im Tankstellen-Klo eingesperrt hatte, hätte er übernehmen müssen.

Glücklicherweise müssen wir unsere interne Hackordnung nie neu ausfechten. In der Hundspubertät war das anders. Da hat er durchaus versucht sich emporzuarbeiten und die Akzente zumindest ein wenig zu verschieben. Mehr als einmal. Jetzt gilt die Formel: Er darf viel. Er darf sich auch mal etwas herausnehmen. Er darf mich foppen, er darf frech sein und wir sind super Kumpel. Aber er darf nicht alles. Wenn eine klare Ansage kommt, gilt sie. Sofort. Und dann kommt sie von mir, nicht von ihm. Das weiß er und daran hält er sich. Mit einer Ausnahme.

»Bei Fuß« will er sich partout nicht merken. Für diese blödeste aller Anweisungen hat er zu viel Temperament. Ich bleibe inzwischen einfach stehen, wenn die Leine stramm ist, und sage nichts. Weiter geht es erst, wenn er wieder exakt auf meiner Höhe neben mir steht. Er findet das unfassbar nervig und manövriert dann inzwischen meist im Rückwärtsgang in die geforderte Position. Manchmal stöhnt er dabei. Und mehr als einmal hörte ich Passanten sagen: »Huch, guck mal, ein Hund, der rückwärts gehen kann!« Meistens reagiere ich nicht darauf oder lächele kurz. Denn dieser Hund, der rückwärts gehen kann, ist in meiner Wahrnehmung in solchen Momenten eher einer, der noch immer nicht bei Fuß gehen kann. Oder will. Mehrere groß angelegte Feldversuche jedenfalls haben gezeigt: Die Worte versteht er ganz genau und füllt sie auch richtig. Er will nur nicht. Weil ja fünfzehn Meter weiter vorne gerade etwas Spannendes geschehen könnte und er doch besser schon jetzt genau dort aufgehoben wäre.

Was ganz toll ist: Manchmal scheint er zu fragen, ob er etwas darf. Ob das, was er da gerade im Schilde führt, ausnahmsweise okay ist, obwohl es haarscharf an den Bereich des Verbotenen grenzt. Fällt mir beim Essenzubereiten in der Küche etwas Appetitliches herunter, stürzt Hoover herbei und bremst dreißig Zentimeter vor dem Objekt der Begierde abrupt, um mir direkt ins Gesicht zu schauen. Sage ich »Is’ gut«, dann nimmt er sich, was da unten liegt, ob es ein bisschen Hack (irgendwie akzeptabel, etwas fleischig im Geschmack) oder ein Stück Karotte (großartig und mit besonderer Begeisterung aufgesogen) oder eine einzelne Nudel (in der Konsistenz seltsam; wird deshalb zur näheren Untersuchung abtransportiert) ist. Oder wenn er im Übermut einen Gäste-Schuh abtransportieren will, obwohl das illegal ist: Entweder stoppt er mit den Zähnen millimetergenau oberhalb des Schuhs und luschert mich aus den Augenwinkeln an oder er greift ihn und schaut mich wiederum direkt an, um sich unmittelbar vorm Abtransport zu erkundigen, ob das diesmal nicht vielleicht doch klar geht, weil der Besuch das lustig finden könnte. Sage ich »Is’ gut« oder »Dann lauf«, ist die Freude groß und er entschwindet mit lauter dicht hintereinander gereihten kleinen Bocksprüngen. Kommt aus meinem Mund ein lang gezogenes »Neeeiiinnn« oder ist der Blick über den Rand der Lesebrille streng, lässt er ab von seinem Plan. Das klappt zwischen uns ganz wunderbar.

Diesmal gibt es nichts weiter zu regeln. Ich bin zurück, er sitzt auf der Rückbank. Getrunken hatte er gerade, einen kurzen Spaziergang gemacht auch. Also zurück auf die Autobahn und Start frei zur langen Etappe quer durch Frankreich gen Süden. Mit Tempomat und Hörbuch. Und fast niemandem sonst auf der teuren Maut-Piste. Hoover grunzt einmal kräftig, wirft sich der Länge nach auf die Rückbank und schaltet wieder in den Winterschlafmodus. Sein Vorgänger, ebenfalls ein Flat Coated Retriever, brauchte da hinten mehr Auslauf und gewährte ihn sich auch. Von Welpentagen an ließ er sich über die seitliche Stoffbahn der Sitzabhängung fallen und zog es vor, abwechselnd im Fußraum hinter Fahrer- oder Beifahrersitz oder – der allerbeste Platz – auf dem schutzbedürftigen Sitzpolster direkt unter der Abhängung zu campieren, trotz arg in die Länge gezogenen Hunde-Sicherheitsgurts. Er hatte da seine Tricks und Techniken.

Hoovers selbst auferlegte Beschränkung auf die offizielle Liegefläche gab mir die Chance, das Auto für die vielen Wochen umso voller zu laden und auch in den beiden Fußräumen noch Unterlagen, Bücher, originalverpackte Kauknochen und einen Extra-Sack der vertrauten Trockenfuttersorte zu transportieren.

Erst der Geruch meiner Bifi irgendwo knapp südlich von Dijon weckt ihn kurzfristig auf und ein immer schwerer werdender Hundekopf auf meiner Schulter signalisiert, dass davon doch mindestens ein paar Zentimeter schon grundsätzlich vom Hersteller für ihn speziell oder wenigstens für mitreisende Hunde im Allgemeinen vorgesehen sein müssen. Trotzdem esse ich die Mini-Salami alleine auf und reiche ersatzweise einen Kauknochen nach hinten durch. Davon ist jeder Zentimeter bereits ab Werk für Hoover und seinesgleichen gedacht.

Der Mineralwasser-Test

Das Nachbarland zieht in immer gleichem Tempo an uns vorbei und es kommt, wie es kommen sollte: Langsam wird es wärmer, grüner, südlicher. Die Form der Bäume wandelt sich. Auf der Höhe von Lyon und auf vielen Hundert Kilometern danach sind sie plötzlich kleiner und vom Wind geformt, landeinwärts gebogen. Viele sehen aus, als hätte man sie falsch herum eingepflanzt. Mit der Wurzel nach oben. Es sind vom Mistral modellierte Pinien. Neben ihnen wachsen einigermaßen flexible Zypressen, die immer dann kerzengerade dastehen, wenn es mal windstill ist, und sich bei Sturm um sechzig Grad zur Seite biegen können, ohne zu brechen oder irgendwann in dieser Position zu verharren. Die Luft wird milder, es riecht auch schon nach Süden. Und mancherorts reichen die Weinstöcke jetzt bis fast an die Autobahn heran.