Vierzehn Tage -  - E-Book

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Beschreibung

Geschichten machen die Welt zu einem besseren Ort Packend, anrührend, voller Überraschungen – dieses einzigartige literarische Projekt versammelt viele der erfolgreichsten Autorinnen und Autoren aller Genres der Gegenwart und verknüpft beeindruckende Erzählungen raffiniert durch eine brillante Rahmenhandlung. New York im April 2020. Während des ersten Lockdowns treffen sich die Bewohner eines Mietshauses abends auf dem Dach und erzählen einander Geschichten. Jeder Mieter und jede Mieterin steuert eine Geschichte bei (wahr oder zumindest gut erfunden) und ein neues Decamerone für unsere Zeit nimmt seinen Anfang. Die Erzählungen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sich hier versammeln, und über die Geschichten in dieser Ausnahmesituation entwickelt sich ein ganz neuer Zusammenhalt. Allmählich findet die Runde zu einer unerwarteten Gemeinschaft und Anteilnahme füreinander.  Vierzehn Tage und Abende auf dem Dach eines Mietshauses in New York: Dieses Buchprojekt ist ein Lobgesang auf Leben, Menschlichkeit und Gemeinschaft. Ein einzigartiges Romanprojekt, das 36 der hochkarätigsten Autorinnen und Autoren der US-Gegenwartsliteratur versammelt – von Margarete Atwood bis Silvia Day, von Celeste Ng bis John Grisham. Alle Autoren dieses Buchs: Charlie Jane Anders, Margaret Atwood, Jennine Capo Crucet, Pat Cummings, Joseph Cassara, Angie Cruz, Sylvia Day, Emma Donoghue, Dave Eggers, Diana Gabaldon, Tess Gerritsen, John Grisham, Maria Hinojosa, Mira Jacob, Erica Jong, CJ Lyons, Celeste Ng, Tommy Orange, Mary Pope Osborne, Douglas Preston, Alice Randall, Caroline Randall, Ishmael Reed, Roxana Robinson, Nelly Rosario, James Shapiro, Hampton Sides, R.L. Stine, Nafissa Thompson-Spires, Monique Truong, Scott Turow, Luis Alberto Urrea, Rachel Vail, Weike Wang, DeShawn Charles Winslow, Meg Wolitzer

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Seitenzahl: 645

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

EIN LOBLIED AUF DAS LEBEN, DIE MENSCHLICHKEIT UND DIE GEMEINSCHAFT

 

Der Ort: das Dach eines Mietshauses in New York, die Zeit: die ersten Wochen der Pandemie, als noch niemand wusste, was kommen würde. Es ist ein strenger Lockdown verhängt, und die einzige Möglichkeit der Hausbewohner, an die frische Luft zu kommen, ist das Dach. So versammeln sie sich jeden Abend dort, zunächst eher zufällig, dann mit dem Ziel, die Geschichten zu hören, die die anderen zu erzählen haben. Geschichten von Rache und Vergebung, Freundschaft und Verlust und von der Suche nach Liebe und Vertrauen. Und allmählich entsteht zwischen den zufällig zusammengewürfelten Bewohnern eine immer engere Bindung.

 

Packend, anrührend, voller Überraschungen – ein großes literarisches Projekt. Beeindruckende Erzählungen, raffiniert verknüpft durch eine brillante Rahmenhandlung. Viele der erfolgreichsten Autorinnen und Autoren aller Genres der Gegenwart sind hier versammelt.

 

 

 

EINLITERARISCHESPROJEKTDERAUTHORSGUILDOFAMERICA

 

Mit Erzählungen von

 

 

Charlie Jane Anders

Margaret Atwood

Jennine Capó Crucet

Joseph Cassara

Angie Cruz

Pat Cummings

Sylvia Day

Emma Donoghue

Dave Eggers

Diana Gabaldon

Tess Gerritsen

John Grisham

Maria Hinojosa

Mira Jacob

Erica Jong

CJ Lyons

Celeste Ng

Tommy Orange

Mary Pope Osborne

Douglas Preston

Alice Randall

Ishmael Reed

Roxana Robinson

Nelly Rosario

James Shapiro

Hampton Sides

R.L. Stine

Nafissa Thompson-Spires

Monique Truong

Scott Turow

Luis Alberto Urrea

Rachel Vail

Weike Wang

Caroline Randall Williams

De’Shawn Charles Winslow

Meg Wolitzer

Vierzehn Tage

Ein Gemeinschaftsroman

Herausgegeben von Margaret Atwood und Douglas Preston

Deutsch von Pieke Biermann, Christine Blum, Christiane Burkhardt, Svenja Geithner, Susanne Goga-Klinkenberg, Susanne Höbel, Brigitte Jakobeit, Stephan Kleiner, Claudia Max, Hella Reese, Mechtild Sandberg-Ciletti

Ein Vorwort der Authors Guild Foundation

Das literarische Werk, das Sie in Händen halten, ist ungewöhnlich und einzigartig. Ein Roman, der ganz der ursprünglichen Bedeutung der englischen Bezeichnung »novel« entspricht – dieses Wort leitet sich über italienisch »novella« vom lateinischen »novellus« ab und stand von alters her für eine Geschichte, die nicht eine vertraute Erzählung, einen Mythos oder eine biblische Parabel verarbeitete, sondern etwas ganz Neues, Frisches, Erstaunliches, Unterhaltsames und Überraschendes bot.

Auf Vierzehn Tage trifft diese Definition genau zu. Es ist verblüffend und originell – man könnte es sogar als literarisches Ereignis bezeichnen. Verfasst wurde der Roman gemeinschaftlich von sechsunddreißig amerikanischen und kanadischen Autorinnen und Autoren aller literarischen Gattungen und Genres, im Alter von Anfang dreißig bis Mitte achtzig, mit ganz unterschiedlichem kulturellem, politischem, sozialem und religiösem Hintergrund. Dabei ist es ein in sich geschlossenes Werk. Die jeweiligen Beiträge sind im Buch nicht mit Verfassernamen gekennzeichnet. Erst beim Blick auf die Liste im Anhang werden Sie wissen, welche Geschichte von wem stammt. Überwiegend sind es namhafte Autorinnen und Autoren ihres Genres – vom Liebesroman bis zum Thriller, von der Hochliteratur bis zum Kinderbuch, von Lyrik bis Sachbuch. So ist Vierzehn Tage eine Hommage an die Vielfalt nordamerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller und eine Entgegnung auf die zunehmende Zersplitterung unserer Literaturlandschaft.

Die erzählenden Personen in Vierzehn Tage sind eine Gruppe New Yorker zu Beginn der Corona-Pandemie, denen es nicht möglich war, aus der Stadt aufs Land zu fliehen, wie es die Wohlhabenden noch vor dem Lockdown getan hatten – und wie es die Reichen und Privilegierten angesichts drohender Katastrophen schon immer gemacht haben. Allabendlich versammelt sich eine Hausgemeinschaft auf dem Dach ihres heruntergekommenen Mietshauses in der Lower East Side, spendet durch Jubeln und Töpfeklappern den Corona-Einsatzkräften Applaus, streitet, diskutiert – und erzählt sich Geschichten. Wie in jedem guten Roman gibt es Konflikte, Erlösung … und jede Menge Überraschungen.

In erster Linie aber feiert Vierzehn Tage die Macht von Geschichten. Schon lange vor Erfindung der Schrift war das Erzählen von Geschichten ein Mittel des Menschen, sich großen Herausforderungen zu stellen. Im Angesicht von Krieg, Gewalt und Terror – oder einer Pandemie – erzählen wir uns Geschichten, um Dinge zu klären und die unbegreifliche, beängstigende Welt zurückzudrängen. Geschichten zeigen uns, woher wir kommen und wohin unser Weg führt, sie verleihen dem Sinnlosen Sinn und bringen Ordnung ins Chaos. Sie übermitteln über Generationen hinweg unsere Werte und halten unsere Ideale aufrecht. Sie üben Kritik an den Mächtigen, entlarven Heuchler und geben den Entrechteten eine Stimme. In vielen Kulturen werden dem Akt des Geschichtenerzählens magische Kräfte zugesprochen, die geistige und körperliche Gebrechen heilen und Profanes in Heiliges verwandeln können. Evolutionsbiologen zufolge ist der Drang, Geschichten zu erzählen, in unseren Genen verankert. Geschichten sind es, die uns zu Menschen machen.

Wir von der Authors Guild Foundation freuen uns, Ihnen nun Vierzehn Tage zu präsentieren.

Der Roman entspricht in Struktur und Thematik genau den Zielen der Authors Guild Foundation, der Förderungs- und Bildungsstiftung der Authors Guild of America. Und Vierzehn Tage ist selbst ein Projekt, das der Literaturförderung dient; alle Einnahmen daraus kommen der Arbeit unserer Stiftung zugute. Die Authors Guild Foundation wurde aus der Überzeugung heraus gegründet, dass literarische Fülle und Vielfalt und die Freiheit des literarischen Ausdrucks unabdingbar für unsere Demokratie sind. Wir unterstützen und bestärken amerikanische Literaturschaffende jedes Hintergrunds in jedem Stadium ihrer Karriere in ihrer Arbeit durch berufliche Weiterbildung, Beihilfen, Förder- und Betreuungsprogramme. Die Authors Guild Foundation ist die einzige Organisation ihrer Art, deren Ziel es ist, tatsächlich allen Autorinnen und Autoren Unterstützung zukommen zu lassen. Daraus spricht der verdienstvolle Geist ihrer Gründungsmitglieder – u.a. Toni Morrison, James A. Michener, Saul Bellow, Madeleine L’Engle und Barbara Tuchman –, die selbst eine breite Mischung literarischer Genres repräsentierten.

Tiefen Dank schuldet die Authors Guild Foundation Margaret Atwood dafür, dass sie die Leitung dieses Projekts übernommen und so viele exzellente Köpfe für die Teilnahme gewonnen hat. Ebenso nachdrücklich danken wir Doug Preston, ehemals Präsident der Authors Guild, für die Idee zu dem Konzept und für das Schreiben der Rahmenhandlung. Herzlichen Dank sprechen wir außerdem Suzanne Collins aus, durch deren großzügige Spende die Honorare sämtlicher Mitwirkender finanziert werden konnten.

Großer Dank gebührt Daniel Conaway von der Writers House Literary Agency und deren Leiter, Simon Lipskar, die ihre Gebühr vollständig der Authors Guild Foundation spendeten; hinzu kommt Dans außerordentliche, kluge Unterstützung das gesamte Projekt hindurch. Danken möchten wir sodann Liz Van Hoose als Projektredakteurin bei der Zusammenstellung der Geschichten sowie Millicent Bennett, unserer wundervollen Lektorin bei HarperCollins, die das unwiderstehliche Potenzial von Vierzehn Tage sofort erkannte und es mit großem Einsatz in unermüdlicher, unschätzbar minutiöser Arbeit in veröffentlichungsreife Form brachte. Weiterhin vielen Dank an Angela Ledgerwood von Sugar23 Books und das restliche HarperCollins-Team für die begeisterte Unterstützung des Projekts, darunter Jonathan Burnham, Katie O’Callaghan, Maya Baran, Lydia Weaver, Diana Meunier, Elina Cohen, Robin Bilardello und Liz Velez. Auch danken wir dem Team der Authors Guild für seinen beharrlichen Einsatz für die Rechte amerikanischer Literaturschaffender.

Unserer größter Dank aber geht an die sechsunddreißig an diesem Projekt beteiligten Autorinnen und Autoren.

Es sind:

Charlie Jane Anders, Margaret Atwood, Jennine Capó Crucet, Joseph Cassara, Angie Cruz, Pat Cummings, Sylvia Day, Emma Donoghue, Dave Eggers, Diana Gabaldon, Tess Gerritsen, John Grisham, Maria Hinojosa, Mira Jacob, Erica Jong, CJ Lyons, Celeste Ng, Tommy Orange, Mary Pope Osborne, Douglas Preston, Alice Randall, Ishmael Reed, Roxana Robinson, Nelly Rosario, James Shapiro, Hampton Sides, R.L. Stine, Nafissa Thompson-Spires, Monique Truong, Scott Turow, Luis Alberto Urrea, Rachel Vail, Weike Wang, Caroline Randall Williams, De’Shawn Charles Winslow, Meg Wolitzer.

Alle Einnahmen aus diesem literarischen Werk kommen der Authors Guild Foundation zugute. Ein Teil des Vorschusses für das Buch floss in das gemeinsame Bestreben der Guild und der Foundation, Autorinnen und Autoren während der kritischen Phase der Pandemie zu unterstützen, als Buchhandlungen und Bibliotheken geschlossen waren, Erscheinungstermine verschoben wurden und es sehr schwierig war, neue Bücher auf den Markt zu bringen. Wie eine Studie der Guild zeigte, kam es während der Pandemie wegen verzögerter Buchveröffentlichungen, abgesagter Lesereisen, Lesungen und Vorträge, zurückgezogener Schreib- und anderer Aufträge zu Einnahmeeinbußen von bis zu 49 Prozent bei sage und schreibe 71 Prozent ihrer Mitglieder. Die Guild setzte sich beim Nationalkongress für Gesetze und Regelungen ein, dank derer freischaffende Autorinnen und Autoren bei dem Coronahilfen-Paket berücksichtigt wurden, nachdem dies beim ersten Entwurf unerklärlicherweise nicht der Fall gewesen war.

Einen weiteren Teil des Vorschusses widmete die Foundation dem Kampf gegen Bücherverbote in Schulen und Bibliotheken und drohende Bibliotheksschließungen. Sie unterzeichnete und unterbreitete Amicus-curiae-Briefe für mehrere Gerichtsverfahren, in denen gegen Bücherverbote oder kürzlich in Kraft getretene Gesetze zur Begünstigung derselben geklagt wurde.

Von der Foundation unterstützte Projekte sind beispielsweise das Stop Book Bans Toolkit und ein inzwischen mehr als siebentausend Mitglieder umfassender Leseclub für verbotene Bücher auf der Fable-Platform, der es allen, besonders aber jungen Leserinnen und Lesern ermöglicht, Bücher aus dem Lesekanon ausgeschlossene Werke zu lesen und darüber zu diskutieren. Mit der Authors Guild ist die Foundation aktives Mitglied im Unite Against Book Bans Council und betreibt Kampagnenarbeit zusammen mit dem Nationalen Bündnis gegen Zensur.

Die Authors Guild Foundation unterstützt die Authors Guild bei ihrer tatkräftigen Vertretung der Interessen von Literaturschaffenden vor dem Kongress in Washington, wo sie beratend und gestaltend bei Gesetzesvorlagen behilflich ist, die sich auf das literarische Leben auswirken. Gemeinsam mit der Authors Guild verfasst und unterbreitet die Foundation Amicus-curiae-Briefe bei entscheidenden Gerichtsverfahren zur Wahrung von Autorenrechten, zur Erhaltung eines gesunden wirtschaftlichen Umfelds für den Literaturbetrieb und Schriftstellerberuf und zur Unterstützung der literarischen Freiheit.

Zu den Mitgliedern der Authors Guild zählen Verfasserinnen und Verfasser von Literatur und Sachliteratur aller Gattungen und Kategorien, Journalistinnen, Historiker, Lyrikerinnen und Übersetzer. Die Mitgliedschaft steht sowohl traditionell verlegten Autoren als auch unabhängig im Selbstverlag veröffentlichenden Personen offen.

 

Der folgende Text ist die Transkription eines Manuskripts aus der Fundsachenabteilung des New York City Police Department, 11 Front Street, Brooklyn, NY 11201, auf das nie jemand Anspruch erhoben hat. Archiviert am 14. April 2020, wiederentdeckt und veröffentlicht am 6. Februar 2024.

Tag eins

31. März 2020

Sie können mich einfach 1A nennen. Ich bin Hausmeisterin eines Mietshauses an der Rivington Street in der Lower East Side von New York City. Fünfstöckig, ohne Aufzug, hört auf den absurden Namen The Fernsby Arms. Eine baufällige Bruchbude, die schon längst abgerissen gehört hätte – jedenfalls macht sie bei der glorreichen Yuppiefizierung des übrigen Viertels nicht gerade eine gute Figur. Soweit ich weiß, hat hier nie irgendeine Berühmtheit gewohnt. Keine Serienkiller, keine subversiven Graffitikünstler, berüchtigten trunksüchtigen Dichter, radikalen Feministinnen oder Broadway-Song-Radiopromoter, die zur Tin Pan Alley pendelten. Ein, zwei Morde mag es vielleicht gegeben haben – das Haus sieht danach aus –, aber keinen, der es in die New York Times geschafft hätte. Die Bewohner kenne ich noch kaum, weil ich erst seit ein paar Wochen hier bin. Ich bekam den Job etwa zu der Zeit, als die Stadt von Corona lahm gelegt wurde. Die Wohnung war übrigens mit inbegriffen. Von der Nummer her – 1A – klang es, als läge sie im Erdgeschoss, aber als ich hier ankam, zu spät, um noch einen Rückzieher zu machen, stellte ich fest, dass sie in Wahrheit im Souterrain liegt, finster wie die Besenkammer im Hades, und in Sachen Handynetz ist es auch wie in einer Totengruft. Hier im Haus liegt die Einser-Wohnung im Untergeschoss, die Zweier-Nummern sind im Erdgeschoss, die Dreier im ersten Stock und so weiter. Die reine Verarsche.

Die Bezahlung ist auch grottenschlecht, aber ich war verzweifelt, und immerhin landete ich so nicht auf der Straße. Mein Dad kam in seiner Jugend aus Rumänien hierher, heiratete, schuftete wie ein Besessener als Hausmeister in einem Gebäude in Queens. Dann wurde ich geboren. Als ich acht war, haute meine Mom ab. Also trottete ich mit ihm mit, während er tropfende Wasserhähne reparierte, Glühbirnen auswechselte und gute Ratschläge gab. Ich war ein ziemlich niedliches Kind, da gab’s mehr Trinkgeld. (Natürlich bin ich auch heute noch niedlich, ja?) Er war so einer, dem jeder seine Sorgen und Nöte anvertraute. Ob er ein verstopftes Klo wieder flottmachte oder Kakerlakenfallen auslegte, die Bewohner schütteten ihm regelmäßig ihr Herz aus, und er war stets einfühlsam, wohlwollend und aufmunternd. Immer fiel ihm ein tröstliches rumänisches Sprichwort oder eine alte Lebensweisheit aus den Karpaten ein – zusammen mit seinem rumänischen Akzent ließ ihn das weiser klingen, als er war. Die Leute liebten ihn. Also, jedenfalls einige. Ich liebte ihn auch, denn seine Art war kein bisschen aufgesetzt, er war wirklich so, ein warmherziger, umsichtiger, liebender, pseudo-strenger Vater. Sein einziger Fehler war, dass er in seiner europäischen Art nicht kapierte, wie ihn Amerika Tag für Tag herumschubste und auspresste. Sagen wir einfach, ich hab seine menschenfreundliche, versöhnliche Art nicht geerbt.

Für mich wünschte sich mein Dad ein ganz anderes Leben, fern von den Klos und Kakerlaken anderer Leute. Er legte jeden Cent beiseite, damit ich aufs College gehen konnte; ich bekam ein Basketballstipendium für die State University of New York und wollte Sportreporterin werden. Darüber gab es Streit – er wollte, dass ich Ingenieurswissenschaften studierte, seit ich in der fünften Klasse in der First Lego League den Robotics-Wettbewerb gewonnen hatte. Aber aus dem College wurde dann sowieso nichts. Zuerst flog ich aus dem Basketballteam, weil ich positiv auf Gras getestet wurde, dann brach ich das Studium ab und ließ meinen Vater auf 30000 Dollar Schulden sitzen. Also, zuerst waren es keine 30000 gewesen, sondern nur ein kleines Darlehen, um das Stipendium aufzubessern, aber die Zinsen wucherten wie ein Tumor. Nach dem Abgang vom College lebte ich eine Weile in Vermont bei meiner Freundin, die mich unterstützte, aber dann passierte was Ungutes, und ich zog wieder bei meinem Dad ein und kellnerte bei Red Lobster in der Queens Place Mall. Als bei Dad Alzheimer ausbrach, erledigte ich so viel von seinen Aufgaben wie möglich, frühmorgens, bevor ich selbst zur Arbeit musste. Aber irgendwann verpfiff uns so eine Giftnatter aus dem Haus an die Besitzer, und er musste gehen. (Zum Dank nahm ich meinen Generalschlüssel und spülte meine alten Legosteine ihr Klo hinunter.) Schließlich musste ich ihn ins Heim bringen. Geld hatten wir ja keins, also wurde es ein staatliches Heim für Demenzkranke in New Rochelle. Evergreen Manor – Haus Immergrün, was für ein Name. Das einzig Grüne daran sind die Wände – so typisch anstaltsmäßig kotzgrün. Unvergleichliche Atmosphäre – bis an Ihr Lebensende. Am Tag, als ich ihn hinbrachte, warf er mir einen Teller Fettuccine Alfredo ins Gesicht. Bis zum Lockdown besuchte ich ihn, wann immer ich konnte, was allerdings nicht allzu oft war wegen meines Asthmas und der generellen Katastrophe, die mein Leben ist.

Ich hatte gedacht, Medicare käme jetzt für Dad auf, aber Pustekuchen. Kaum war er im Heim, trudelten haufenweise Rechnungen ein. Tja, so ist das wohl, wenn man alt und krank ist. Es war ein fünf Zentimeter hoher Stapel. Ich habe ihn im Papierkorb verbrannt, woraufhin der Feueralarm losging. Das war im Januar.

Es wurde ein neuer Hausmeister eingestellt – mich wollten sie nicht, weil ich eine Frau war, obwohl ich das Gebäude besser kannte als irgendwer sonst –, und ich bekam einen Monat Zeit, um auszuziehen. Dann wurde ich auch noch bei Red Lobster rausgeschmissen, weil ich so oft gefehlt hatte, um mich um Dad zu kümmern. Der Doppelschlag, kein Job und keine Wohnung mehr, führte zu einem solchen Asthmaanfall, dass ich mit Blaulicht in die Notaufnahme des Presbyterian gefahren und an tausend Schläuche angeschlossen wurde. Als ich aus der Klinik kam, war die Wohnung leergeräumt. Alles weg, Dads Sachen ebenso wie meine. Immerhin, mein Handy hatte ich noch, und in meinen Mails war dieses Jobangebot für das Fernsby, möblierte Wohnung inbegriffen, hieß es, also zögerte ich nicht lange.

Alles ging so schnell. Gerade hieß es noch, in weiß-der-Kuckuck-wo in China sei irgendein neuartiges Coronavirus ausgebrochen, und gefühlt am nächsten Tag hatten wir eine weltweite Pandemie, sogar hier in den USA. Eigentlich hatte ich, sobald ich umgezogen war, Dad in Haus Kotzgrün besuchen wollen – in der Zeit davor hatte ich mithilfe einer Schwester fast jeden Tag über Facetime mit ihm geredet. Aber dann wurde New Rochelle plötzlich von der Nationalgarde abgeriegelt, und Dad saß mittendrin, unerreichbar in der Todeszone. Und das Schlimmste war, dass ich dort niemanden mehr erreichte, weder die Pforte noch die Station noch Dads eigenes Telefon. Ich versuchte es wieder und wieder. Entweder es klingelte einfach endlos lange, oder jemand hatte den Hörer danebengelegt und es war ewig besetzt, oder eine Automatenstimme sagte mir, ich solle eine Nachricht hinterlassen. Und dann wurde das komplette öffentliche Leben der Stadt wegen Covid runtergefahren, und da saß ich nun in besagtem Kellerloch voll bizarrem Krempel in einem verlotterten Kasten mit einem Haufen mir völlig unbekannter Mieter.

Ich war ein bisschen nervös, denn die meisten Leute erwarten nicht, dass der Hausmeister eine Frau ist, aber ich bin eins achtzig groß, verdammt stark und fähig zu allem. Ich sei »strălucitor«, sagte Dad immer von mir, das heißt strahlend, was ein typischer Dad-Ausspruch gewesen wäre, nur dass es tatsächlich stimmt. Ich kriege sehr viel Aufmerksamkeit von Männern – unerwünscht, natürlich, denn mein Interesse geht in die andere Richtung –, aber das macht mir nichts aus. Sagen wir einfach, ich bin schon mit so einigen Arschlöchern fertiggeworden, und zwar so, dass sie es nicht bald vergessen werden. Es war für mich keine Frage, dass ich auch alles hinkriegen würde, was mich in diesem Job erwartete. Ich meine, ich stamme in dreizehnter Generation von Dracula ab, behauptet jedenfalls Dad. Und zwar nicht von diesem Hollywood-Vampirtrottel, sondern von Vlad III. Drăculea, Fürst der Walachei, auch bekannt als Vlad der Pfähler (von Sachsen und Osmanen). Ich kriege jedes handwerkliche Problem gelöst. Ich kann im Kopf fünfstellige Zahlen durch zweistellige teilen, habe mal die ersten vierzig Stellen von Pi auswendig gelernt und weiß sie immer noch. (Was soll ich sagen: Ich mag eben Zahlen.) Ich hoffe doch, dass ich nicht den Rest meines Lebens im Fernsby Arms verbringen werde, aber fürs Erste komme ich klar. Und es ist ja nicht so, als wäre Dad noch in der Lage, enttäuscht von mir zu sein.

Als ich hier anfing, war der vorige Hausmeister schon weg. Offenbar wird die Wohnung des Hausmeisters nicht in jedem Gebäude sofort komplett leergeräumt, wenn er aufhört – die hier war jedenfalls voller Zeug von ihm, und Mann, hatte der viel angesammelt! Ich konnte mich kaum darin umdrehen, also schaute ich als Erstes alles durch und sortierte es zu zwei Haufen: einen für eBay und einen für den Sperrmüll. Das meiste war für Nummer zwei, aber manches war noch was wert, und ein paar Sachen sahen aus, als könnten sie richtig viel einbringen. Hab ich schon erwähnt, dass ich Geld brauche?

Hier nur mal ein kleiner Einblick in meine Funde: sechs originale 45er Elvis-Singles, mit einem speckigen Band zusammengebunden; gläserne betende Hände; ein Einmachglas voll alter U-Bahn-Münzen; der Vesuv, auf Samt gemalt; eine alte Pestmaske mit großem gebogenem Schnabel; eine Fächermappe voller Papiere; eine Schachtel mit einem aufgespießten blauen Schmetterling darin; ein mit Strasssteinen verziertes Lorgnon; ein Bündel alter griechischer Geldscheine. Das Erstaunlichste war eine mit Asche gefüllte Urne aus Zinn, in die eingraviert war: Wilbur P. Worthington III R.I.P. Wilbur war vermutlich ein Hund. Oder wer weiß, vielleicht eine zahme Python oder ein Wombat? So gründlich ich auch suchte, ich fand absolut nichts Persönliches von meinem Vorgänger, nicht einmal seinen Namen. Daher fing ich an, ihn im Stillen auch Wilbur zu nennen. Ich stelle ihn mir als knurrigen alten Griesgram vor, der unrasiert und mit vorgeschobenen feuchten Lippen vor sich hinbrummelnd eine zerbrochene Fensterscheibe begutachtet. Wilbur P. Worthington III, Hausmeister, The Fernsby Arms.

Im Abstellraum fand ich schließlich einen Schatz, der mehr nach meinem Geschmack war: Die Regale bogen sich unter einer regenbogenbunten Mischung halb leerer Flaschen, die Alkoholika und Cocktailsirupvarianten enthielten.

Die Fächermappe interessierte mich allerdings schon. Die Papiere darin hatte garantiert nicht der Hausmeister selbst verfasst; es waren Dokumente, die er gesammelt haben musste. Manche uralt, mit Schreibmaschine geschrieben, andere mit dem Computer ausgedruckt, einige sogar handschriftlich. Bei den meisten schien es sich um Texte in der ersten Person zu handeln, verworren und weitschweifig, ohne Anfang, Ende oder erkennbare Handlung und erst recht ohne Autorenangabe. Willkürliche Fragmente und Splitter von Menschenleben. Bei vielen fehlten Seiten, die Texte begannen und endeten mitten im Satz. Dazwischen fanden sich auch ein paar lange Briefe und unverständliche offizielle Dokumente. All das gehörte jetzt wohl mir, dachte ich, und mir war übel bei dem Gedanken, dass dieser fremde Plunder alles war, was ich auf der Welt besaß anstatt meiner einstigen Habe, die aus der Wohnung meines Dad entsorgt worden war.

Doch ein dickes Ringbuch gab es, das ganz für sich auf einem Holzschreibtisch mit abblätterndem Furnier lag, ein angenagter Kugelschreiber obendrauf. Und wenn ich »angenagt« sage, dann meine ich: buchstäblich halb aufgegessen. Mein mysteriöser Vorgänger hatte gute zweieinhalb Zentimeter vom Ende weggeknabbert. Der Schreibtisch war so ziemlich der einzige ordentliche, aufgeräumte Fleck in der ganzen Wohnung, und das Ringbuch machte mich sofort neugierig. Auf den Einband war in Frakturschrift ein Titel gemalt: Die Fernsby-Bibel. An die erste Seite hatte der alte Hausmeister mit einer Büroklammer eine Nachricht an seinen Nachfolger – also mich – geheftet. Darin stand, er sei Amateurpsychologe und beobachte seine Mitmenschen genau, und dies seien die Ergebnisse der Studien, die er an den Hausbewohnern betrieben habe. Ihr Umfang war beträchtlich, und beim Durchblättern staunte ich, was für einen gründlichen und prägnanten Eindruck sie machten. Ganz hinten im Ordner kamen eine Menge leerer Blätter, überschrieben mit »Beobachtungen und Notizen«. Und unten auf dem Blatt in sehr kleiner Schrift: »(Vom nächsten Hausmeister auszufüllen.)«

Ich starrte die leeren Blätter an und dachte mir, was für ein Spinner der Alte sein musste, zu denken, dass sein Nachfolger – oder überhaupt irgendwer – Lust haben könnte, etwas hineinzuschreiben. Noch ahnte ich nicht, was für eine Anziehungskraft dieser halb gegessene Kuli und die leeren Seiten auf mich ausüben würden.

Ich blätterte zu den Aufzeichnungen zurück. Ausführlich und in pedantisch sauberer Handschrift hatte er Seite um Seite mit Beschreibungen der Bewohner des Hauses gefüllt, mit scharfen Kommentaren zu ihren Lebensgeschichten, Schwächen und Eigenheiten, worauf man bei den Einzelnen achten musste und höchst essenzielle Informationen darüber, wie sie es mit dem Trinkgeld hielten. Da waren Szenen und Anekdoten, Zwischenbetrachtungen und Rätsel, Beiläufiges, Schwülstiges und Bissiges. Jeder Person hatte er einen Spitznamen verpasst, der zugleich witzig und kryptisch war. »Die Herrin der Ringe«, schrieb er beispielsweise von der Dame in Wohnung 2D. »Klimpernd und funkelnd, mit Stil und Stahl.« Und von der in 6C: »La Cocinera, Souschefin gefallener Engel.« Oder von 5C: »Eurovision, ein Mann, der sich weigert, zu sein, was er nicht ist.« Oder 3A: »Wurly, dessen Tränen zu Noten werden.« Viele der Spitznamen und Anmerkungen waren derart verrätselt. Wilbur musste ein Meister des Prokrastinierens gewesen sein und hatte ganz offensichtlich seine Zeit lieber in solche Beobachtungen gesteckt, statt tropfende Wasserhähne und kaputte Fenster in der Bruchbude zu reparieren.

Ich war völlig gefesselt von der Lektüre. Abgesehen davon, wie seltsam das Ganze war, stellte es für mich als Neuling einen wahren Schatz dar. Ich machte mich daran, sämtliche Bewohner samt Spitznamen und Wohnungsnummer auswendig zu lernen. Der Wälzer ist mein Grundlagenwerk. So lächerlich es klingt, ohne die Fernsby-Bibel wäre ich verloren. Dass das Haus so marode ist, dafür entschuldigte Wilbur sich übrigens: Der Eigentümer reagiert nicht auf Anfragen, übernimmt keine Kosten, geht nicht mal ans Telefon, ist total untergetaucht. »Sie werden nicht ein und aus wissen vor Frust«, schrieb er, »bis Sie akzeptieren: Sie sind auf sich gestellt.«

An der Rückseite der Bibel war mit Klebeband ein Schlüssel befestigt, zusammen mit einer Notiz. »Schauen Sie sich’s an.«

Ich hielt ihn für einen Generalschlüssel zu den Wohnungen, musste aber feststellen, dass dem nicht so war. Er hatte eine seltsame Form, die in keines der vielen Schlösser passte, an denen ich es versuchte. Daraufhin begann ich, systematisch das ganze Gebäude durchzugehen, ein Schloss nach dem anderen. Ohne Erfolg. Ich wollte schon aufgeben, da fand ich am Ende des Flurs im obersten Stock eine schmale Treppe zum Dach. Sie endete an einer Tür mit Vorhängeschloss – und siehe da, der Schlüssel glitt problemlos hinein! Ich öffnete die Tür, trat hindurch und sah mich um.

Ich war sprachlos. Das Dach war das reinste Paradies, trotz der Spinnen, der Taubenscheiße und der losen Fetzen Teerpappe. Es war riesig, und man hatte eine traumhafte Aussicht. Die Gebäude rechts und links waren kürzlich abgerissen worden, damit Investoren neue Häuser hochziehen konnten, daher stand das Fernsby Arms allein in einem Trümmerfeld – mit umwerfendem Blick die Bowery hinauf und hinunter, bis zur Brooklyn Bridge und zur Williamsburg Bridge und auf die Wolkenkratzer von Downtown und Midtown. Es war Abend, die gesamte Stadt war in zartrosa Licht getaucht, über mir zog sich ein einsamer leuchtend oranger Kondensstreifen über den Himmel. Ich riss mein Handy aus der Tasche. Voller Empfang. Noch immer staunend blickte ich mich um und dachte, vielleicht würde ich Dad ja von hier oben aus erreichen, vielleicht war es nur ein Netzproblem, warum ich nicht zum Haus Kotzbrocken durchkam. Es war natürlich nicht erlaubt, sich auf dem Dach aufzuhalten, aber der Eigentümer würde garantiert nicht in die coronaverseuchte Stadt kommen, um nach seinen Immobilien zu sehen. Der Lockdown dauerte schon fast zwei Wochen an, und das Dach schien mir eine halbwegs ungefährliche Möglichkeit, an die frische Luft und die Sonne zu kommen. Eines Tages würden nebenan hippe Glastürme in die Höhe wachsen und das Fernsby Arms in ewigen Schatten tauchen. Aber bis dahin konnte ich das Dach für mich beanspruchen. Offenbar hatte sich der gute alte Wilbur P. Worthington III das Gleiche gedacht, und der hatte hier nicht mal einen Lockdown mitmachen müssen.

Beim genaueren Umsehen bemerkte ich mitten auf der Dachfläche ein großes unförmiges Ding mit einer Kunststoffplane darüber. Ich zerrte sie herunter. Zum Vorschein kam eine alte, mäusezerfressene Chaiselongue aus fleckigem rotem Samt – keine Frage, hier hatte es sich mein Vorgänger bequem gemacht. Ein Hoch auf Wilbur P. den Dritten, dachte ich, während ich gleich mal Probe saß.

Von da an kam ich jeden Abend zum Sonnenuntergang aufs Dach, mit einer Thermosflasche voller Margaritas oder einem anderen exotischen Cocktail, den ich mir aus meinem bunten Schnapskabinett zusammengemixt hatte, streckte mich auf meinem Sofa aus, sah zu, wie die Sonne über Lower Manhattan versank, und wählte wieder und wieder Dads Nummer. Ich erreichte ihn weiterhin nicht, aber wenigstens war ich angenehm angesäuselt, während ich es versuchte.

Doch mein einsames Paradies, wenn man es so nennen will, war nicht von langer Dauer. Vor ein paar Tagen, als in der letzten Märzwoche Corona in der Stadt explodierte, zwickte jemand aus dem Haus das Vorhängeschloss von der Tür ab und stellte einen Plastik-Balkonstuhl, einen kleinen Tisch und einen Topf mit einer Geranie auf die Dachterrasse. Ich war echt angesäuert. Bei dem Krempel des guten alten Wilbur waren auch ein paar Vorhängeschlösser, also nahm ich mir ein dickes Monstrum aus Chrom und gehärtetem Stahl, mit dem man einem Elch den Schädel einschlagen konnte, garantiert aufbruchsicher, sonst dreifaches Geld zurück, und hängte es an die Tür. Aber die anderen Leute sehnten sich wohl ebenso nach Freiheit wie ich, denn das Ergebnis war, dass jemand die Falle samt Schloss abhebelte, wobei die Tür halb auseinanderbrach. Abschließen? Keine Chance mehr. Und woher soll man während des Corona-Lockdowns eine neue Tür kriegen.

Ich bin mir ziemlich sicher, wer es war. Als ich durch die frisch aufgebrochene Tür hinaustrat, saß die Schuldige in so einen »Höhlensessel« gekuschelt – das sind diese eiförmigen, flauschig gefütterten Dinger, in die man hineinkriechen muss –, dampfte eine E-Zigarette und las in einem Buch. Es musste eine Tortur gewesen sein, den Sessel da raufzuschleppen. Ich erkannte die junge Mieterin aus 5B, die Wilbur in seiner Bibel als Hello Kitty bezeichnete, weil sie immer Pullis und Hoodies mit diesem Motiv trug. Sie bedachte mich mit einem kühlen Blick, wie um mich herauszufordern, sie wegen der Tür zu beschuldigen. Ich sagte nichts. Was auch? Außerdem musste ich ihr dafür durchaus Respekt zollen. Sie erinnerte mich an mich selbst. Und wir mussten uns ja nicht unterhalten – sie schien ebenso darauf aus, mich zu ignorieren, wie ich sie. Also hielt ich mich zurück.

Danach begannen allerdings nach und nach auch andere Bewohner das Dach zu entdecken. Sie schleiften ihre hässlichsten Stühle die enge Treppe hoch und nahmen bei Sonnenuntergang darauf Platz, brav nach den »Abstandsregeln«, dem neuesten Modewort. Ich versuchte redlich, sie davon abzuhalten. Ich klebte ein Schild an die Tür, der Aufenthalt auf dem Dach sei verboten (was grundsätzlich stimmte!) und obendrein gefährlich, weil die Gefahr bestand, zu stolpern und über die niedrige Brüstung zu stürzen. Doch zu diesem Zeitpunkt waren wir gefühlt schon eine Ewigkeit im Lockdown, und keiner ließ sich noch davon abhalten, etwas Aussicht und frische Luft zu genießen. Kann ich verstehen. Das Haus ist dunkel, kalt und zugig, in den Fluren riecht es komisch, und eine Menge Fensterscheiben haben Sprünge oder sind ganz zerbrochen. Außerdem wirkt das Dach trotz allem groß genug – alle achten darauf, einander nicht zu berühren, niemand redet laut oder putzt sich auch nur die Nase, und wir halten anderthalb Meter Abstand. Zu dumm, dass man in der ganzen Stadt kein Handdesinfektionsmittel mehr bekommt, sonst würde ich neben der Tür eine Doppelmagnumflasche davon aufstellen. So gehe ich wenigstens einmal am Tag mit Putzmittel über die Türklinken. Um mich selbst hab ich keine Angst – ich bin erst dreißig, es heißt ja, da wäre das Virus noch nicht gefährlich, mein Asthma mal ausgenommen.

Trotzdem vermisste ich meine Ungestörtheit.

Währenddessen traf das Virus die Stadt mit voller Wucht. Am 9. März sprach der Bürgermeister von sechzehn Fällen; am 13. März wurde, wie schon erwähnt, New Rochelle von der Nationalgarde abgeriegelt; und am 20. März wurde das gesamte öffentliche Leben in New York City heruntergefahren, gerade zur rechten Zeit, dass alle sich bis zum Exzess Tiger King reinziehen konnten. Eine Woche später war die Anzahl der Infizierten auf über 27000 gestiegen, täglich starben Hunderte, und die Fallzahlen schossen weiter in die Höhe. Ich brütete über den Statistiken und begann sie – schicksalhafte Entscheidung – auf den leeren Seiten hinten in Wilburs sogenannter Fernsby-Bibel festzuhalten.

Natürlich waren alle, denen es möglich war, längst aus New York geflohen. Wie Ratten von einem sinkenden Schiff waren die Reichen und Besserverdiener quiekend in die Hamptons, nach Connecticut, in die Berkshires, nach Cape Cod und Maine ausgeschwärmt – egal wohin, Hauptsache raus aus New Covid City. Wir sind die kläglichen Reste. Als Hausmeisterin bin ich dafür verantwortlich (denke ich), dass das Virus hier nicht reinkommt und die Hausbewohner dahinrafft. (Bis auf die mit gedeckelter Miete, haha, deren Türklinken müssen Sie nicht putzen, würde mir der Eigentümer bestimmt sagen.) Ich steckte allen ein Rundschreiben mit den Regeln in den Briefkasten: keine Besucher von außen, in allgemein zugänglichen Bereichen mindestens anderthalb Meter Abstand halten, keine längeren Aufenthalte zu mehreren im Treppenhaus, und so weiter und so fort. Genau wie Dad es gemacht hätte. Für Masken gibt es bisher keine Vorschriften, weil ohnehin nicht mal genug für diejenigen da sind, die im Gesundheitswesen arbeiten. Tja, so sitzen wir nun mehr oder weniger in diesem Gebäude fest. Eingesperrt auf unbestimmte Zeit.

Jeden Abend kamen die Bewohner, die das Dach entdeckt hatten, herauf und machten es sich bequem. Anfangs waren es sechs. Ich schaute alle in der Fernsby-Bibel nach: Es waren Vinegar aus 2B, Eurovision aus 5C, die Herrin der Ringe aus 2D, die Therapeutin aus 6D, Florida aus 3C und Hello Kitty aus 5B. Vor ein paar Tagen hatten die New Yorker angefangen, um sieben Uhr abends, kurz nach Sonnenuntergang, den Ärzten und anderen an vorderster Front Tätigen laut Beifall zu spenden. Es fühlte sich gut an, zumindest irgendwas zu tun und aus der Routine auszubrechen. So spielte es sich ein, dass wir uns kurz vor sieben auf dem Dach einfanden und, wenn es so weit war, alle klatschten, jubelten, auf Töpfe schlugen und pfiffen, gemeinsam mit dem Rest der Stadt. Das war der Auftakt zum Abend. Ich brachte eine gesprungene Laterne mit einer Kerze darin aus Wilburs Fundus mit nach oben. Auch andere stellten Laternen und Windlichter auf, genug, um einen kleinen erleuchteten Bereich zu schaffen. Eurovision kam sogar mit einer antiken Petroleumlampe aus Messing mit verzierten Glasscheiben.

In den ersten Tagen redete niemand mit den anderen, was mir nur recht war. Nachdem ich erlebt hatte, wie mein Dad von den Leuten behandelt wurde, mit denen er seit Jahr und Tag Seite an Seite gewohnt und denen er immer geholfen hatte, wollte ich niemanden hier näher kennenlernen. Ich wäre gar nicht mit heraufgekommen, wäre es nicht zuerst mein Ort gewesen. Hausmeisterinnen, die glauben, sie könnten sich mit den Bewohnern anfreunden, kriegen nur Scherereien. Selbst in einem so gammeligen Loch wie dem hier halten sich die Mieter für was Besseres. Also ist mein Motto: auf Distanz bleiben. Und die anderen wollten mich eindeutig auch nicht kennenlernen. Gut so.

Da ich neu war, waren sie mir alle noch fremd. Hauptsächlich beschäftigten sie sich damit, auf ihren Handys herumzuwischen, Bier oder Wein zu trinken, zu lesen, Gras zu rauchen oder etwas auf dem Laptop zu erledigen. Hello Kitty hatte ihre Höhle auf die windabgewandte Seite platziert und dampfte fast nonstop. Einmal bekam ich einen Schwall davon ab; es roch ekelhaft süßlich nach Wassermelone. Sie atmete praktisch durch das Ding. Ein Wunder, dass sie noch lebte. Wenn ich an die Meldungen dachte, wie in Italien massenweise Leute beatmet werden mussten, selbst wenn es hauptsächlich Ältere waren, hätte ich ihr das Scheißteil am liebsten aus der Hand geschlagen. Aber wir haben alle unsere Laster, und außerdem, wer lässt sich schon von der Hausmeisterin was sagen? Eurovision brachte einen Mini-Bluetooth-Lautsprecher mit herauf und stellte ihn neben seinen Stuhl, wo er leise Europop spielte.

Keiner der Bewohner schien groß aus dem Haus zu gehen, soweit ich es mitbekam; nicht mal, um Lebensmittel oder Klopapier zu kaufen. Wir waren komplett im Lockdown-Modus. Wegen unserer Nähe zum Presbyterian Downtown Hospital waren ständig die heulenden Sirenen der Rettungswagen, die die Bowery entlangrasten, zu hören, immer lauter und dringlicher im Näherkommen, dann wie ein ersterbendes Jammern, wenn sie vorbeizogen.

Und überall sah man unbeschriftete Kühllaster; bald wurde bekannt, dass sie die verstorbenen Covid-Opfer transportierten. Tag und Nacht rumpelten sie durch die Straßen wie in alten Pestzeiten die Leichenkarren und hielten viel zu oft an, um weitere verhüllte Fracht aufzunehmen.

Dienstag, der 31. März – also heute – war eine Art Wendepunkt für mich: denn ich begann tatsächlich, in dieses Buch zu schreiben. Eigentlich hatte ich nur Zahlen und Statistiken festhalten wollen, aber irgendwie verselbständigte sich das Schreiben und wurde zu einer größeren Sache.

Die heutige Zahl setzt neue Maßstäbe: Laut der New York Times haben die Corona-Todesfälle in der Stadt die Tausend überschritten. Erkrankt sind hier nun 43139 Personen, im ganzen Staat insgesamt 75795. Von den fünf Bezirken sind Queens und Brooklyn am heftigsten getroffen mit 13869 beziehungsweise 11160 Fällen; in der Bronx sind es 7814, in Manhattan 6539 und in Staten Island 2354. Durch das Aufschreiben schienen die Zahlen ein wenig gezähmt, sie verloren etwas von ihrem Schrecken.

Am Nachmittag hatte es geregnet. Wie üblich kam ich etwa eine Viertelstunde vor Sonnenuntergang aufs Dach. Das Abendlicht warf lange Schatten über die regenglänzende Bowery. In den Pausen zwischen den Sirenen war die Stadt still und leer. Es war seltsam und ungewöhnlich friedvoll – keine Autos, kein Gehupe, keine Fußgängerfluten auf den Bürgersteigen, kein Dröhnen von Flugzeugen über unseren Köpfen. Die Luft war rein, wie gewaschen, voll dunkler Schönheit und magischer Vorzeichen. Ohne die Auspuffgase roch es so frisch, fast wie in meinem kurzen glücklichen Leben in Vermont, bevor … ach, egal. Während sich die Dämmerung über die Straßen senkte, trudelten die üblichen Hausbewohner ein.

Um sieben, als von den Häusern das erste Johlen und Scheppern erklang, stemmten wir uns aus unseren Sitzen hoch und absolvierten unser gewohntes Pfeif- und Jubelkonzert – außer der Mieterin aus 2B. Sie blieb einfach sitzen und bemühte sich, ihr Handy zum Laufen zu kriegen. Wilbur hatte mich vor ihr gewarnt: Sie sei so eine von der herrischen Sorte, die einen sogar zum Wechseln einer Glühbirne einbestellte; aber wenigstens gab sie auch fürstliche Trinkgelder. »New York Vinegar – nativer sortenreiner Essig«, schrieb er, gefolgt von einem seiner Rätsel: »Für guten Essig braucht es einen guten Wein.« Was das auch immer heißen sollte. Ich schätzte sie auf Anfang fünfzig, sie trug nur Schwarz, diesmal ein T-Shirt und verwaschene Skinny-Jeans. Die einzigen Farbtupfer waren die bunten Spritzer und Kleckse auf ihren abgetragenen Doc Martens. Es stand zu vermuten, dass sie malte.

Die Frau aus 3C, im Ringbuch als Florida bezeichnet, rief Vinegar zu: »Was ist, machst du nicht mit?« Am Ton spürte ich sofort, dass die beiden sich nicht grün waren. Florida – diesen Namen hatte der alte Hausmeister nicht erklärt, vielleicht war sie allgemein so bekannt – war eine mollige Frau mit üppigem Busen, die eine rastlose Energie ausstrahlte. Sie sah aus wie Ende fünfzig, hatte eine perfekt gelegte Frisur und trug ein paillettenbesetztes Oberteil, darüber ein golden schimmerndes Schultertuch. Die »Bibel« wies sie als Klatschbase aus, gefolgt von dem Bonmot »Klatsch ist Gerede über die Menschheit durch Liebhaber derselben«.

Eisig erwiderte Vinegar Floridas Blick. »Nein.«

»Was soll das heißen, nein?«

»Ich bin es müde, sinnlos ins Universum hinauszuschreien, tut mir leid.«

»Damit zeigen wir doch Solidarität mit den Leuten, die da draußen ihr Leben riskieren.«

»Oh, Ihre Heiligkeit spricht. Und was soll unser Geschrei ihnen bringen?«

Florida funkelte sie an. »Ist das ein Argument? Esto es una mierda, und wir versuchen ihnen einfach zu zeigen, dass wir sie unterstützen.«

»Und du denkst, auf einen Topf eindreschen hilft?«

Florida zog das goldene Tuch enger um die Schultern, presste missbilligend die Lippen zusammen und ließ sich wieder auf ihren Stuhl nieder.

»Wenn das alles vorbei ist«, sagte nach kurzem Schweigen die Herrin der Ringe, »wird es sein wie bei 9/11. Niemand wird mehr darüber reden wollen. Oder wie wenn jemand Selbstmord begeht. Darüber spricht man auch nicht.«

»Über 9/11 wird deshalb nicht gesprochen«, sagte die Therapeutin, »weil das ganz New York traumatisiert hat. Ich habe immer noch Patienten, die wegen 9/11 mit PTBS kämpfen. Nach zwanzig Jahren.«

»Was, über 9/11 wird nicht geredet?«, mischte sich Hello Kitty ein. »Darüber wird doch ständig geredet. Als wäre halb New York damals dort um sein Leben gerannt oder fast am Rauch und Staub erstickt. Mit der Sache hier wird’s genauso sein. Wie ich die große Pandemie 2020 überlebt habe … Die Leute werden endlos davon erzählen.«

»Ach«, sagte Vinegar. »Waren Sie bei 9/11 überhaupt schon auf der Welt?«

Hello Kitty nahm einen Zug von ihrer E-Zigarette, ohne sie zu beachten.

»Wenn man sich überlegt, wie traumatisierend diese Pandemie sein wird …«, merkte Eurovision an. »Mein Gott, was werden wir Psychotherapie brauchen.« Mit einem kleinen Lachen blickte er zur Therapeutin. »Gut fürs Geschäft.«

Sie sah ihn mit steinerner Miene an.

»Heutzutage hat sowieso jeder PTBS«, fuhr Eurovision fort. »Ich auch. Weil der ESC abgesagt wurde. Das ist das erste Mal seit 2005, dass ich nicht dort bin.« Er legte dramatisch die Hand an die Brust und machte eine kummervolle Miene.

»Was ist der ESC?«, fragte Florida.

»Der Eurovision Song Contest. Ein Singwettbewerb, Darling. In allen möglichen Ländern wird jeweils eine Person oder Gruppe bestimmt, die das Land mit einem neu komponierten Song vertritt. Und aus denen wird per Abstimmung ein Sieger gekürt. Das Ganze hat sechshundert Millionen Fernsehzuschauer. Der Weltcup der Musik. Dieses Jahr sollte er in Rotterdam stattfinden, aber letzte Woche wurde er abgesagt. Ich hatte schon alles gebucht, Flug, Hotel, Tickets. Und jetzt« – er fächelte sich übertrieben Luft zu – »helfen Sie mir, ich hab PTBS.«

»Über PTBS macht man keine Witze«, sagte die Therapeutin. »Und über 9/11 auch nicht.«

»9/11 steckt immer noch in uns drin«, fügte eine Frau Mitte dreißig hinzu. Ich erkannte sie als »Tochter des Merenguero«, 3B. »Es ist immer noch frisch. Und es hat sich auf alle ausgewirkt, auch auf meine Familie. Selbst in Santo Domingo.«

»Sie haben jemanden bei 9/11 verloren?«, fragte die Herrin der Ringe in herausforderndem Ton.

»In gewisser Weise, ja.«

»Wie das?«

 

 

Die Frau holte tief Luft. »Mi papá war ein großer merenguero, will heißen, er verdiente seinen Lebensunterhalt damit, Merengue zu spielen. Er war oft bei El Show del Mediodía – der Mittagsshow. Wenn es in der Dominikanischen Republik eine Sendung gibt, die sich alle ansehen, dann diese. Sie läuft bis heute.«

Ich hörte ihr an, dass sie im Begriff war, eine Geschichte zu erzählen. Da kam mir ein Gedanke. Schon mit Anfang zwanzig hatte ich angefangen, das, was die Leute um mich herum sagen, aufzunehmen, vor allem den Scheiß, den manche Typen von sich gaben, die mich in der Bar anmachten. Zum Beispiel ließ ich wie zufällig mein Handy auf dem Tresen oder Tisch liegen, oder ich tat in der U-Bahn so, als tippte ich darauf herum, oder ich hatte es einfach in der Tasche. Und ließ es in Wahrheit alles aufnehmen, was der fragliche Blödmann sagte. Was ich über die Jahre nicht alles gesammelt habe! Die unglaublichsten Dummheiten und Widerwärtigkeiten für die Nachwelt, stundenlang. Ich wünschte, ich könnte auf YouTube oder so Geld damit machen. Übrigens ist nicht nur Dreck dabei. Ich habe auch anderes aufgenommen – Trauriges, Lustiges, Freundliches, Bekenntnisse, Wunschträume, Albträume, Erinnerungen, sogar Kriminelles. Was einem wildfremde Leute spätabends auf der Linie E so alles erzählen … Einmal kam ich so auf Entzug, dass ich in meiner Verzweiflung Hundescheiße rauchte … Ich hab meine Großeltern beim Sex ausspioniert, du kannst dir nicht vorstellen, was die gemacht haben … Ich hab mal hundert Dollar gewonnen, indem ich die Wüstenrennmaus meines Bruders geschlachtet, gebraten und gegessen habe.

Mein Dad sammelte Menschen mit seinem Charme. Ich sammle sie mit Heimlichkeit.

Wie auch immer, ich fing also an, aufzunehmen. Aber meine Chaiselongue stand zu weit von der Tochter des Merenguero entfernt, also stand ich auf, zerrte das verdammte rote Ding durch die Eins-fünfzig-Zwischenräume zwischen den abstandhaltenden Leuten hindurch näher zu ihr, grinste dabei dämlich in die Runde und murmelte etwas davon, dass ich kein Wort verpassen wollte. Dann setzte ich mich wieder und holte mein Handy aus der Tasche, scheinbar nur, um kurz draufzuschauen. Und tippte auf AUFNEHMEN. Dann legte ich es beiläufig aufs Polster in Richtung der Tochter des Merenguero, lehnte mich zurück und zog die Füße hoch, meine Margarita in der Hand.

Was wollte ich mit der Aufnahme? In diesem Moment wusste ich es nicht, aber später, in meiner Wohnung, fiel mein Blick auf Wilburs dickes Buch dort auf dem Schreibtisch mit all den für mich reservierten leeren Seiten. Okay, dachte ich, dann fülle ich sie eben. So hab ich wenigstens was zu tun, wenn wir jetzt wochenlang in dieser Scheiß-Pandemie festsitzen.

Aber psst, die Tochter des Merenguero erzählte.

»Damals traten dort die angesagtesten und vielversprechendsten Merengue-Bands auf. Manche Songs hatten übrigens ziemlich krasse Titel und Texte. Das nur als Triggerwarnung, denn da gibt es eine Menge rassistischen Scheiß.«

Sie machte eine Pause und sah sich etwas nervös um, als überlegte sie, wie sie weitermachen sollte, aber auch, als wollte sie die Reaktion der Zuhörer prüfen.

»Ein Lied fragte allen Ernstes: ›Qué será lo que quiere el negro?‹ Was will der schwarze Mann? Es war in den 1980er-Jahren sehr beliebt und lief oft in der Show del Mediodía, die ich mir als Kind immer angesehen habe. Ins Studio durfte ich nicht, weil mein Vater mich dort nicht haben wollte, er arbeitete und konnte nicht auf mich aufpassen. Vergesst nicht, er war ein alleinerziehender Vater. Er hatte die Verantwortung für mich und musste immer ein Auge auf mich haben, deshalb wollte er nicht, dass ich zu so etwas mitkam.

Mit einigen der Tänzerinnen und Tänzer der Show war Dad befreundet, und er lernte dort eine Frau kennen. Ich weiß nicht, was zwischen ihnen lief. Sie erklärten bloß, sie seien ›muy amigos y muy queridos‹. Was immer das hieß, ich habe nicht nachgefragt. Aber sie blieben über viele Jahre hinweg befreundet. Die Frau war immer nett zu mir. Nicht wie eine lang vermisste Mutterfigur, nichts dergleichen, aber als ich in dem Sommer, in dem ich elf war, meine Periode bekam, zeigte sie mir, was zu tun war. Ich kann mir nicht mal vorstellen, was mein Vater getan hätte. Sie verschwand aus unserem Leben, als ich noch ein Kind war, doch ich habe nur gute Erinnerungen an sie.

Vor nicht allzu langer Zeit, ein paar Wochen vor diesem Shutdown, habe ich sie zufällig wiedergetroffen. Es war total verrückt. Ich saß in meinem Lieblingssalon und ließ mir die Haare glätten, ihr wisst schon. Wie in diesen abgedroschenen Witzen über dominikanische Friseure, die sogar im Himmel noch mit einer Hand die Locke mit der Bürste straff ziehen, während sie mit der anderen wer weiß wie viel Grad direkte Hitze auf das Haar halten, um es so glatt wie möglich zu kriegen.

Tja. Früher habe ich das meinen Haaren jede Woche angetan, aber mir ist klar geworden, dass der Scheiß einfach schlecht für meine Haare und meinen Kopf ist, und ich habe damit aufgehört.

Ich treffe sie jedenfalls im Salon und frage sie, wie es ihr so ergangen ist. Zuerst scheint es ihr unangenehm zu sein, mich zu sehen oder überhaupt irgendjemand Bekanntes. Doch dann fängt sie mit dieser verrückten Geschichte an, die unglaublich klingt, aber tatsächlich so passiert ist. Die Geschichte der Frau begann am 11. September. Alle stöhnten: ›Oh Mann, müssen wir echt wieder mit dem 11. September anfangen?‹ Es ist hart, das stimmt schon. Aber wir können vielleicht etwas daraus lernen für den jetzigen Moment, wo wir hier auf dem Dach sitzen. Ich nenne diese Geschichte Die doppelte Tragödie.

Ich sage nur so viel – wenn eine Geschichte alle in ihren Bann zieht, dann verstummen im Salon sämtliche Föhne. Man kann sich immer noch die Haare auf Lockenwickler drehen lassen. Man kann immer noch Farbe auftragen lassen. Man kann sich immer noch die Haare schneiden lassen. Aber wenn jemand das Wort hat und eine Geschichte erzählt, die alle fesselt, dann ist Schluss mit Föhnen. Da könnt ihr euch drauf verlassen.

Vielleicht sollte ich erwähnen, dass Eva siebzig war, aber wie fünfzig aussah. Sie hatte sich ihre grau gewordenen Haare glatt föhnen lassen, aber das Schwarz dazwischen ließ immer noch erkennen, dass ihr Haar früher pechschwarz gewesen war. Nun trug sie ein vornehmes Grau. Außerdem hatte sie, sagen wir mal so, an einigen Körperstellen etwas nachhelfen lassen. Und es stand ihr gut. Sie wusste diese tetas und diesen pa’trás an einer Siebzigjährigen gut zu präsentieren. Vielleicht wird JLo später mal so aussehen. Da können wir nur mutmaßen. Worauf ich hinauswill, sie sah heiß aus mit ihren siebzig Jahren.

Sie erzählte, dass sie sich in ihren Fünfzigern, als sie nicht mehr bei El Show del Mediodía abhing und wir uns aus den Augen verloren hatten, in einen jüngeren Mann verliebt hatte. Sie tat etwas Verrücktes – sie verließ ihren Mann, mit dem sie nie hatte schwanger werden können. Und verliebte sich in diesen dominikanischen Typen, der überraschenderweise auch in Merengue-Bands spielte. Er war Perkussionist, deshalb beherrschte er alles Mögliche – Claves, Bongos, Maraca, Triangel, Cascabel und, ja, eine peruanische Rassel aus getrockneten Ziegenhufen. Allerdings spielte er jazzigen sozialkritischen Merengue wie die Altmeister Juan Luis Guerra (bevor er wiedergeboren wurde), Victor Victor, Maridalia Hernandez und Chichi Peralta.

Eva erzählte, dass sie plötzlich diesen verrückten verrückten Drang hatte, endlich auf ihr Herz zu hören und sich einen Dreck um die Meinung anderer zu scheren. Sie kümmerte sich nicht mehr um das, was viele Leute in Lateinamerika und auf la isla davon abhält, zu tun, was sie wollen: ›El qué dirán‹ – was werden die Nachbarn sagen. Eva lebte nach dem Motto: ›Scheiß drauf. Ist mir egal. Ich liebe diesen Kerl. Er spielt in einer Band. Und ich verlasse meinen Mann.‹

Vielleicht passierte es, weil sie sich so tief und heftig ineinander verliebten, dass sie schwanger wurde. Es klingt unglaublich. Aber wie Eva dem ganzen Salon ohne eine Spur Verlegenheit erklärte, war der Sex fantastisch. Sie hatten ständig Sex. Mit ihrem Ehemann hatte sie nicht mehr gevögelt, mehr kann ich nicht sagen. Sie taten es einfach nicht, sie hatten aufgehört. Aber dieser Typ war schätzungsweise um die dreißig und im besten Mannesalter. Oh mein Gott. Wie sie über Sex redete! Er war so gut, dass sie schließlich schwanger wurde. Was gibt es da mehr zu sagen.«

»Ja, je heißer der Sex, desto schneller geht’s«, warf Florida, 3C, ein. Aus der Bibel war ich ja gewarnt, dass sie gern tratschte.

Vinegar winkte genervt ab. »Blödsinn. Das ist dummes Altweibergeschwätz, das schon vor Jahren medizinisch widerlegt wurde.«

»Ach, und wo hast du denn Medizin studiert?«

Nach einer höflichen kleinen Pause nahm die Tochter des Merenguero, ohne darauf einzugehen, den Faden wieder auf.

»Manchmal geht es nur um Sex. Manchmal geht es um Sex und Leidenschaft. Und die Kombination aus beidem bewirkte hier ein Wunder. Sie war fünfzig, schwanger mit dem Kind ihres dreißigjährigen Geliebten, nun ihr Ehemann. Natürlich fand man sie skandalös. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon mit dem ›El qué dirán‹ gebrochen. Und zwar ein für alle Mal.

Und er genauso. Ihr neuer Mann stammte aus sehr bescheidenen Verhältnissen in Santo Domingo, einem Viertel namens Villa Mella. Dass er von seiner Musik leben konnte, war eine Leistung. Er war glücklich. Und hatte sich in diese unglaubliche Frau verliebt. Sie kümmerten sich nicht um die Traditionen, und es funktionierte. Von Anfang an beschlossen sie, den Krieg und die Worte von draußen niemals in ihre Ehe zu tragen.

Alle im Salon waren wie gebannt von Evas Geschichte. Yo! Die Geschichte fing gerade erst an und war schon so spannend, dass die Kundinnen bei der Salonhilfe eine Runde café con leche bestellten.

Dann kommt Eva wieder auf den 11. September zurück. Sie hatte an diesem Tag zufällig einen Termin an der Wall Street und hat alles mitgekriegt. Sie sah das Flugzeug direkt über ihren Kopf fliegen und in den ersten Turm krachen. Sie war auf dem Weg zu einem Termin in diesem Turm. Und sie gehörte zu den etwa tausend Leuten, die das Pech hatten – und zwar ganz besonderes Pech, oder ganz besonderes Glück, je nachdem, wie man es sieht –, zufällig vor Ort zu sein, als es geschah. Der Schock ließ sie stolpern, sie stürzte und verstauchte sich böse den Knöchel, aber dank des Adrenalinschubs rannte sie trotz ihrer Verletzung los. Ihr einziger Gedanke war, wie sie zu ihrem Mann und ihrem zweijährigen Sohn zurückkam.

Das war alles, was sie wollte. Bloß weg von dort und in eine Subway und zurück nach Washington Heights zu ihrer Familie. Ja, sie befand sich zwar in dem Alter, in dem die meisten schon Großmütter waren. Doch sie war eine Frau in den mittleren Jahren, die unbedingt ihren kleinen Sohn sehen und wieder in den Armen halten wollte. Ihn riechen wollte. Eva erwischte die Subway, aber im allerletzten Moment. Nicht mal eine Stunde später war der gesamte Subway-Verkehr in New York City eingestellt. Sie schaffte es nach Hause, trat durch die Tür, und dort war er, ihr umwerfender Mann mit den klaren braunen Augen und dichten Locken, die an die Wellen eines zornigen Ozeans erinnerten. Seine Haare waren dunkelbraun, doch die Spitzen waren heller und spielten mit der Zimtfarbe seiner Haut.

Er hieß Aleximas (der Name setzte sich aus Alexis und Tomas zusammen, sehr dominikanisch, aber kein vorschnelles Urteil, yo), und er begann zu weinen, als er sie sah. Wie einem Baby liefen ihm die Tränen über die Wangen. Doch weil sich dieses unkonventionelle Paar so sehr liebte, spielte es keine Rolle, dass er als erwachsener Mann Tränen vergoss. So sicher fühlte sich Aleximas bei seiner zwanzig Jahre älteren Frau. Sie vermittelte ihm Geborgenheit. Das Leben war sehr hart für ihn gewesen, als er in Villa Mella aufwuchs. Sein Zuhause in der DR hatte einen Lehmboden. Das sagt alles, oder?

Mittlerweile nippten alle an ihrem cafecito. Eva fuhr fort und erzählte, wie sehr ihr die Erlebnisse vom 11. September zugesetzt hatten. So sehr, dass sie nicht schlafen konnte.

Die Ärztin erklärte ihr, dass ein Muskel gerissen sei, als sie sich den Knöchel verdreht hatte, und sie mehrere Wochen zu Hause bleiben und das Bein hochlegen müsse. Eva fiel die Decke auf den Kopf. Sie war völlig von ihrem Mann abhängig. Er erledigte die Einkäufe. Er tat alles für sie und die Familie. Einzukaufen machte ihm nichts aus, selbst wenn es darum ging, Tampons für sie zu besorgen. Sie sagte, dass es einfach zu ihrer unkonventionellen Liebe dazugehörte. Er war ein starker, ausgeglichener dominikanischer Mann, der das Glück hatte, eine Frau zu finden, die nach dem Motto lebte ›Ist mir scheißegal, was irgendjemand über mich oder was ich tue sagt‹. Soy una de muchas mujeres as!

Eva wusste nicht, wie sie mit diesen neuen Gefühlen umgehen sollte. Ihr dürft nicht vergessen, damals, 2001, hatte noch niemand von PTBS gehört. Der Irak-Krieg hatte noch nicht angefangen. PTBS, was war das? Es war ihr nicht bewusst, aber sie litt daran. Sie beschrieb uns, wie sie einfach nicht aus der Depression herausfand. Sie saß zu Hause vor dem Fernseher und dachte darüber nach, dass sie ihr Bein nicht bewegen konnte, weil sie es sich verletzt hatte, als sie in Todesangst vor dem Schrecklichsten davonlief, was sie je gesehen hatte. Jedes Mal, wenn sie Bilder von diesem Tag im Fernsehen sah – in den Nachrichten wurde über nichts anderes mehr berichtet und die Bilder liefen in Endlosschleife –, hatte sie wieder das Gefühl, dort auf der Straße zu stehen, und sie begann zu zittern und zu weinen.

Aleximas machte sich allmählich Sorgen, denn ihre Albträume hielten die ganze Familie wach. Die Angstzustände der Mutter hatten sich auf das Baby übertragen, das nun auch nicht mehr schlief. Das Flugzeug war nicht nur in den Turm gekracht, sondern auch in ihr Zuhause, und es hatte ihr Leben auf den Kopf gestellt.

Sie kamen aus dem Kreislauf des Traumas nicht heraus. Gemeinsam trafen sie schließlich die schwierige Entscheidung – von der sie aber wussten, dass sie letzten Endes die beste sein würde –, New York zu verlassen und in die Dominikanische Republik zurückzukehren, nach Santo Domingo. Dabei hatten sie es in Amerika so gut wie geschafft und konnten ihr Traumleben in New York City führen, in einer Wohnung mit großen Fenstern und drei Schlafzimmern, einem Wohnzimmer und einem separaten Speisezimmer, eines hinter dem anderen.«

»Unmöglich«, brummte Florida. Ein Raunen war in unserem kleinen Kreis von Zuhörern zu hören – schwer zu sagen, ob wegen der Wohnung oder Floridas Unterbrechung. Diese kam jetzt richtig in Fahrt. »Wie konnten sie sich so eine Wohnung leisten? Dafür zahlt man heute über drei-, viertausend im Monat! Und selbst damals – nein! Und falls es eine mit gedeckelter Miete war, wären sie verrückt gewesen, die aufzugeben.«

»Erstaunlich, wirklich«, stimmte Eurovision zu. »Dieser Tage kann ich mir kaum noch das Loch da unten leisten.«

»Jetzt lasst sie doch weitererzählen«, sagte Vinegar scharf.

»Ja. Ein separates Speisezimmer an der 172nd Street mit Blick auf die Fort Washington Avenue. Oh ja. Das alles würden sie zurücklassen, weil der Terror in ihr Zuhause eingedrungen war und Evas Albträume nicht aufhörten.

Der Plan sah vor, dass zuerst ihr Mann und ihr Sohn nach Santo Domingo reisen würden, während sie zurückbleiben und einige Arbeitsangelegenheiten klären würde. Außerdem brauchte sie Raum, um allein zu trauern und über alles hinwegzukommen, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, ohne ihr Kind zu verängstigen. In einem, spätestens zwei Monaten würde sie sich ebenfalls auf den Weg machen. So wurde es beschlossen. Sie würden nach Santo Domingo umziehen und ein neues Leben anfangen. Sie hatten genügend Bekannte dort, es würde sich alles regeln.

Sie sah sich die Flugpläne an, der früheste buchbare Flug für Aleximas und ihren Sohn ging am 11. November. Sie dachte sich: ›Nein, um nichts in der Welt lasse ich meine Familie je wieder am Elften eines Monats reisen. Der Elfte está quema’o. Er ist verflucht.‹ Für diesen Tag würde sie nie wieder einen Flug buchen. Niemals. Sie kaufte also Tickets für den 12. November, brachte ihren Mann und ihren kleinen Sohn zum Flughafen und verabschiedete sich von ihnen.

Sie war ein Nervenbündel, aber sie wusste, dass sie ihre Angst überwinden würde, sobald die beiden fort waren. Vielleicht würde sie drei-, viermal am Tag in ein Kissen schreien – was sie nicht tun konnte, solange ihr Zweijähriger in der Wohnung war. Und könnt ihr euch vorstellen, was passiert wäre, wenn ihr Mann sie dabei gesehen hätte? Er hätte gedacht, sie hätte den Verstand verloren, und das hatte sie ja tatsächlich. Sie war traumatisiert. Nur ihre Liebe und ihre Verantwortung für ihren Mann und ihren Sohn hielten sie davon ab, verrückt zu werden.

Vom JFK fuhr sie nach Washington Heights zurück. Sie schob eine CD mit der Musik ihres Mannes in den CD-Player, so haben das die Leute damals gemacht, und es versetzte sie augenblicklich in eine bessere Stimmung. Die Traurigkeit über ihren Abschied am Flughafen wich der Erleichterung, dass sie bald weit weg von der Tragödie ein neues Leben haben würde. Sie lächelte und lachte und tanzte auf dem Fahrersitz, und bei dem bloßen Gedanken an ihren Mann und wie sehr sie ihn bereits vermisste, wurde sie sogar leicht erregt und feucht. Stellt euch vor. Eine erwachsene Frau, heiß wie ein Teenager. Ay!

Selig ahnungslos und in diesen ersten Glücksmoment seit Monaten versunken, überhörte sie die Meldung. In Washington Heights humpelte sie in ihre Wohnung und sah das Licht des Anrufbeantworters blinken (nicht vergessen, es war 2001). Sie drückte auf Play und hörte die Stimme ihrer Schwägerin fragen: ›Wo ist er? Wo ist er? Wie konnte das passieren? Warum hast du sie auf diesen Flug gebucht?‹ Eva schaltete hastig den Fernseher ein, und da erfuhr sie, dass Flug 587 neunzig Sekunden nach dem Abheben über Far Rockaway, Queens, abgestürzt war.

Flug 587 war so bekannt in der Dominikanischen Republik, dass sogar ein Merengue nach ihm benannt ist. Und ja, auch ihr Mann hatte ihn gespielt. Der Merengue El Vuelo Cinco Ochenta y Siete lief selbst im Flugzeug, so beliebt war er. Der Flug ging immer frühmorgens, damit man bei der Ankunft in Santo Domingo das erste extrakalte Bier trinken konnte, das einen auf Eis gelegt erwartete. Mit einer Eisschicht überzogenes Bier nennt man ›wie eine Braut gekleidet‹, weil es aussieht, als würde die Flasche ein weißes Kleid tragen.

Ihr Mann hätte jetzt sein Bier vestida de novia trinken sollen, stattdessen waren er und ihr kleiner Junge nicht mehr am Leben. Sie waren beim Absturz von Flug 587 am 12. November 2001 auf der Stelle tot gewesen. Und dabei hatten sie nur vermeiden wollen, am 11. November zu fliegen.

Mittlerweile waren bis auf eine schluchzende Frau alle im Salon verstummt.«

Die Tochter des Merenguero blickte in die Runde. Auch wir waren so geschockt, dass keiner etwas sagte. Nicht einmal Vinegar. Im Glauben, die Geschichte wäre beendet, griff ich nach meinem Handy. Mehr als alles andere wünschte ich mir, ich könnte meinen Dad erreichen.

Doch die Tochter des Merenguero sprach mit einem Kopfschütteln weiter.

»Eva sagte bloß: ›Tja, das war mein Leben. Ich habe eine doppelte Tragödie erlebt.‹ Ich wischte mir die Nase mit meinem Shirt ab und fragte: ›Wie bist du darüber hinweggekommen?‹

›Bin ich nicht‹, sagte Eva. ›Ihr seid die Ersten, denen ich davon erzähle. Es ist zwanzig Jahre her, und ich spreche nicht darüber. Ich habe alles, was von meinem Mann und meinem Sohn zu finden war, begraben. Ich habe die Wohnung hier in New York hinter mir abgeschlossen. Und ich bin in die Dominikanische Republik gezogen. Dort weiß niemand, wer ich bin und was ich durchgemacht habe. Und mehr werde ich euch auch nicht über mich erzählen, ich will nicht, dass ihr mich je findet.‹ Als Eva das sagte, blickte sie in meine Richtung, und ich nickte, damit sie wusste, dass ich sie nicht verraten würde.

Sie musterte die Frauen, die sich im Schönheitssalon um uns versammelt hatten, mit einem fast trotzigen Blick. ›Es ist mir egal, was ihr denkt. A mí no me importa el qué dirán. Es ist mir egal, was irgendjemand über mein Leben oder die Entscheidungen denkt, die ich getroffen habe, oder darüber, wie ich mit meiner doppelten Tragödie umgehe. Y así fue, y así es la vida‹, fügte Eva hinzu und wandte sich zu ihrem Friseur. ›Termina mi peinado, por favor.‹ Föhnen Sie meine Haare zu Ende.

Als der Friseur fertig war, gab die siebzig Jahre alte Frau ihm fünfundzwanzig Dollar Trinkgeld und verließ den Salon.

Ich weiß nicht recht. Was lernen wir daraus?«

Alle auf dem Dach schwiegen. Sie wartete einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern.

»Verdrängung. Im Großen und Ganzen hat es für sie funktioniert, alles zu verleugnen. Sie hat ihr Leben strikt in getrennte Bereiche eingeteilt und sich einfach eingeredet: Ich werde nicht mehr daran denken. Später fand ich heraus, dass Eva tatsächlich ein ganz neues Leben in der Dominikanischen Republik hat. Sie hat nicht wieder geheiratet, aber sie hat mehrere Verehrer, die sie besuchen und wie eine Königin behandeln. Im Klartext heißt das, dass sie so viel Sex hat, wie sie will.