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Viktoria erfüllt sich mit vierzig Jahren einen lange gehegten Traum: Endlich studieren. Der Weg ist steiniger, als sie dachte: Leere Hörsäle, Zweifel und die leise Frage, ob sie wirklich dazugehören möchte. Zwischen Geldsorgen, einer Pilgertour und den skeptischen Blicken ihrer Mutter merkt sie schnell, dass es nicht leicht ist, zu neuen Ufern aufzubrechen. Zum Glück gibt es Freundinnen wie Bianca und Edith, die zeigen, dass es für Neuanfänge kein Alter gibt. "Viktoria bricht auf - Herbstregen" ist die Fortsetzung von "Viktoria bricht aus - Sommergewitter". Ein warmherziger Roman über Mut, zweite Chancen und die vielen Wege, sein Glück zu finden. Für alle, die starke Frauenfiguren und das Aufbrechen alter Muster lieben.
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Weitere Titel der Autorin:
Viktoria bricht aus - Sommergewitter
Viktoria erfüllt sich mit vierzig Jahren einen lange gehegten Traum: Endlich studieren. Der Weg ist steiniger, als sie dachte: Leere Hörsäle, Zweifel und die leise Frage, ob sie wirklich dazugehören möchte. Zwischen Geldsorgen, einer Pilgertour und den skeptischen Blicken ihrer Mutter merkt sie schnell, dass es nicht leicht ist, zu neuen Ufern aufzubrechen. Zum Glück gibt es Freundinnen wie Bianca und Edith, die zeigen, dass es für Neuanfänge kein Alter gibt.
Über die Autorin
Viola Marschall wurde 1969 in Gießen geboren. Nach 30 erfolgreichen Jahren in der Finanzbranche begann sie 2021 ein Studium der Publizistik und Buchwissenschaft, das sie 2024 mit dem Bachelor of Arts abschloss. Nach ihrem Debütroman legt sie mit Viktoria bricht auf – Herbstregen den zweiten Teil der Viktoria-Reihe vor. Viola Marschall lebt mit ihrem Mann im Westerwald.
Die schönsten Träume sind die,
die sich nicht erfüllen,
denn man kann sie weiter träumen
Für Jörg,
der mir ermöglicht, meine zu leben
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Nachwort
Genau wie mein Leben, dachte Viktoria, als sie den grauen Himmel vor ihrem Fenster betrachtete. Eine zähe Masse, die über der schwülen Hitze der Stadt festhing wie Knetgummi. Kein einziger heller Fleck war zu sehen, kein Windhauch, der die Wolken vertreiben könnte.
Zwei Semester Publizistik-Studium lagen hinter ihr. Zwei Semester, in denen sie gehofft hatte, das aufregende Studentenleben zu erfahren, das ihr als junge Frau verwehrt war. Sie hatte sich Partys bis zum Morgengrauen vorgestellt, um dann übermüdet in der Vorlesung zu sitzen. Spannende Zusammenkünfte mit jungen engagierten Menschen, dazu übervolle Hörsäle mit skurrilen Professoren, deren Marotten sie in den Pausen nachahmten. Ausschweifende Debatten zu wilden Theorien – bei billigem Wein aus Plastikbechern. Und Kaffee und Koffeindrinks, um das nächtelange Arbeiten für Klausuren durchzustehen. Sie hatte mit Leichtigkeit und Freude gerechnet, mit Aufbruchstimmung und Weltverbesserern. Vor allem aber hatte sie sich einen neuen Lebensweg mit beruflichen Chancen ausgemalt. Mit einem Studienabschluss und zwei Jahrzehnten Berufserfahrung sollte ihr doch die Welt offenstehen.
Doch so war es nicht.
Viktoria wand sich vom Fenster ab und strich mit den Fingern über die Ordner in ihrem Regal. Viele davon gab es nicht. Die meisten Studieninhalte wurden digital auf Lernplattformen zur Verfügung gestellt. Fast alle Arbeitsmaterialien waren auf ihrem Laptop gespeichert. Sie griff nach einer DIN-A5-Broschüre, die schon leicht verknickt unter einen Ordner gerutscht war. Fachschaft Publizistik - Ersti-Info. Wie verheißungsvoll das alles am Anfang geklungen hatte. Ersti-Brunch, Campus-Rallye, Kneipenbummel. Dann die humorvolle Beschreibung der Professoren und Dozenten oder der Gebäude, die sie mittlerweile nur allzu gut kannte. Dass sie trotz ihres Alters von fast vierzig Jahren überhaupt angenommen worden war, hatte sie als Auszeichnung empfunden.
Sie erinnerte sich, wie sie das Gelände der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, kurz JGU, das erste Mal betreten hatte. Andächtig war sie durch das große steinerne Portal des ehemaligen Militärgeländes geschritten und hatte kurz dahinter die Statue von Namensgeber Johannes Gutenberg ehrfurchtsvoll betrachtet. Nun würde sie endlich dazugehören zum erlauchten Kreis der Wissenschaftler.
Auf dem Gelände befanden sich neben Hörsälen, Seminarräumen, Bibliotheken und mehreren Mensen ein Botanischer Garten sowie ein großes Sportgelände. Sogar ein Schwimmbad war auf dem Campus-Plan eingezeichnet. Viktoria hatte sich am frühen Morgen ihre Bahnen ziehen und am Abend auf dem Sportplatz Laufrunden absolvieren sehen. Viele der jungen Menschen, die ihr entgegengekommen waren, trugen weite Hosen und Pullover, die ihre Figur verhüllten. Die meisten Frauen hatten ihre langen Haare auf dem Oberkopf zu einem unordentlichen Dutt zusammengesteckt und waren ungeschminkt. Manche hatten ihre Mähne blau oder grün gefärbt, eine trug sogar die ganze Palette des Regenbogens in ihrem hüftlangen Haar. Viktoria rechnete nicht damit, Freunde fürs Leben zu finden, aber sie hatte gehofft, den einen oder anderen Kneipenbummel mitzumachen. Vielleicht wären die jungen Menschen ja froh, jemanden kennenzulernen, der schon Lebenserfahrung mitbrachte und von dem sie das eine oder andere lernen konnten. Sie hatte sich gefreut auf neue Erfahrungen, den jugendlichen Spirit und engagierte Dozenten. Aber all das hatte sie nicht erlebt.
Jetzt – ein Jahr später wurde das Schwimmbad immer noch restauriert, auf dem Sportplatz war sie nicht ein einziges Mal gelaufen. Der Botanische Garten, in dem sie ihre Pausen hatte verbringen wollen, hatte jeglichen Reiz verloren. Der Ersti-Kneipenbummel war ausgefallen und später hatte Viktoria nicht einmal mitbekommen, ob und wo sich Kommilitonen verabredeten. Das mochte daran liegen, dass sie selbst nicht in Mainz wohnte, sondern ihre Wohnung in Frankfurt behalten hatte.
Sie fuhr meist mit ihrem schönen dunkelblauen Audi Cabriolet in die gut fünfzig Kilometer entfernte Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz. Wenn sie früh genug ankam, konnte sie vor dem ersten Seminar in Ruhe einen Kaffee in ihrer Lieblingsmensa im Rechtswissenschaftsgebäude trinken und ein Schokobrötchen dazu essen. Eines der wenigen Highlights ihres Studiums. Dort saß sie allein, denn ihre Kommilitonen mochten frühe Seminare nicht und blieben ihnen meist fern. Sämtliche Dozenten mahnten in den Erstveranstaltungen, die Lehrveranstaltungen regelmäßig zu besuchen. Abwesenheiten würden nur mit einer Entschuldigung und einem ärztlichen Attest gebilligt. Doch in der Realität gab es keine Konsequenzen für Fehlzeiten. Die meisten Studenten beschränkten sich darauf, das pro Semester obligatorische Referat zu halten und ihre Hausarbeit oder andere Abgaben buchstäblich in der letzten Minute einzureichen.
Statt Gemeinschaftsgefühl und Aufbruchstimmung galt Prokrastination – eine wissenschaftliche Bezeichnung für „Aufschieberitis“ – als positiver Wert, mit dem man sich sogar schmückte. Erst kürzlich hatte Viktoria ein Angebot der Fachschaft gesehen, das Studenten, die unter dieser Erledigungsblockade „litten“, ein mehrwöchiges Hilfsprogramm anbot. Als wenn das Aufschieben von Pflichten eine psychische Krankheit wäre. Im Berufsleben hätte eine solche Arbeitseinstellung zu einem Personalgespräch oder sogar einer Abmahnung geführt.
Aber auch die Dozenten hielten ihre Lehrveranstaltungen nach Lust und Laune online oder in Präsenz an der Uni ab. Oft genug wurde der Lehrmodus kurzfristig geändert. Sie hatten keine Scheu, Seminare aufgrund offen kommunizierter privater Probleme ausfallen zu lassen. Eine junge Dozentin hatte sich erst im Skiurlaub einen Bänderriss zugezogen und im Anschluss musste sie den Tod ihrer Stiefoma verkraften. Das entsprechende Seminar begann damit erst vier Wochen nach Semesterbeginn, womit schon ein Drittel der vorgesehenen Zeit verstrichen war. Vielleicht passte Viktoria einfach nicht hierher. Ihre Werte waren andere als die, denen sie hier täglich begegnete.
Die Kongruenztheorie, über die sie eine Hausarbeit geschrieben hatte, besagt, dass Menschen gerne in einem balancierten Zustand leben. Die eigenen Werte sollten mit dem eigenen Verhalten übereinstimmen. Doch Viktoria empfand schon länger einen äußerst unbalancierten Zustand. Obwohl sie viel lernte, hatte sie beständig das Gefühl, nicht weiterzukommen. Und so war aus einem anfangs fröhlichen „ich muss zur Uni“ mittlerweile ein gequältes pflichtschuldiges „ich muss zur Uni“ geworden.
Das alles nahm Viktoria trotzdem auf sich. Sie war aus ihrem früheren Berufsleben gewohnt, auch unangenehme Pflichten bis zum Ende durchzuziehen. Doch was würde danach kommen? Sie hatte gehofft, dass das Studium ihr beruflich neue Chancen eröffnete. Ein abgeschlossenes Hochschulstudium ergänzte dann ihre kaufmännische Ausbildung und die langjährige Berufserfahrung. Sie brachte mehr mit als viele andere. Doch bisher hatte sie nicht einmal einen Studentenjob ergattert. Ihre Bewerbungen waren entweder sofort oder nach einem kurzen Telefonat abgelehnt worden. Ihr Studium finanzierte sie aus ihren Ersparnissen. Doch die gingen langsam zur Neige.
Vier Semester lagen noch vor ihr, mindestens zwei Jahre - wenn sie es schaffte, die Bachelor-Arbeit ebenfalls in dieser Zeit zu schreiben. Zwei lange Jahre, in denen sie ihre Miete zahlen und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen hatte. Danach wollte und musste sie wieder ins Berufsleben einsteigen.
Frustriert stand Viktoria auf und lief zum Kühlschrank, in dem sich eine halb volle Flasche Pinot Grigio befand. Sie nahm sie heraus und schraubte den Deckel ab. Dann ließ sie ihre Hand, die im Regal nach einem Weinglas tastete, wieder sinken.
Ja, sie war aufgebrochen in ein neues Leben, doch wo würde sie ankommen?
„Bis zum nächsten Mal lesen Sie bitte den Artikel, den ich Ihnen auf der Lernplattform eingestellt habe, und verfassen dazu ein Exzerpt.“ Viktoria klappte den Laptop zu und schob ihn in das dafür vorgesehen Fach ihres Rucksacks. Die stylishe vakuumisolierte Trinkflasche aus Edelstahl, in der derzeit alle ihre Heiß- oder Kaltgetränke mit sich herumtrugen, behielt sie in der Hand. Zusammen mit den vier verbliebenen Studenten, die das Seminar mit ihrer Anwesenheit beehrt hatten, verließ sie den kleinen Seminarraum. Vor der Tür empfingen sie muffige Luft und der durchdringende Geruch der heutigen Bowl. Sie as schon lange nicht mehr in der Mensa. Obwohl Viktoria nichts gegen veganes Essen hatte, störten sie die Geschmacksverstärker, die sie regelmäßig am nächsten Tag auf ihrer Zunge schmeckte. Dazu war der Speiseraum meist hoffnungslos überfüllt.
Sie war heute mit Edith auf dem Campus verabredet. Ihre Freundin wohnte in Köln, reiste jedoch viel, seit sie Rentnerin war. Doch wann immer es sich ergab, nutzen die beiden Frauen die Chance für ein persönliches Treffen. Edith hatte einen schattigen Platz an einem kleinen Tisch vor der Alten Mensa ergattert. Sie bemerkte Viktoria von Weitem, stand auf und winkte ihr fröhlich zu.
„Na, wie war‘s heute? Was hast du gelernt?“, fragte sie, während sie die jüngere Freundin umarmte.
„Der Sommerkurs ist ganz interessant. Wir beschäftigen uns mit Mediennutzungsforschung und dem Grund, warum heutzutage viele Menschen Nachrichten vermeiden.“ Viktoria stellte ihren Rucksack auf einen freien Stuhl und setzte sich auf den Platz gegenüber.
„Das klingt spannend. Und zu welchen Ergebnissen seid Ihr gekommen?“, fragte Edith interessiert, während sie ebenfalls Platz nahm. Vor ihr stand ein großes Glas Apfelsaftschorle.
„Noch zu gar keinen. Die Endpräsentationen sind erst nächste Woche. Da werden dann hoffentlich mal wieder alle anwesend sein.“ Edith zog die braun gefärbten Augenbrauen nach oben.
„Wie meinst du das?“
„Wir waren heute gerade mal zu fünft.“
„Wie viele Leute sind denn im Kurs?“
„Über dreißig, aber die meisten kommen nur, wenn sie ihr Referat halten müssen.“ Viktoria zuckte die Schultern.
„Geht das so einfach?“ Edith griff nach ihrem Glas und trommelte mit den Fingern darauf herum.
„Seit vor einiger Zeit die Anwesenheitspflicht aufgehoben wurde, kommt kaum noch jemand. Die Dozenten sind richtig verzweifelt, aber sie können nicht viel tun.“
„Wie wird denn sichergestellt, dass die Studenten etwas lernen?“
„Heute sagt man Studierende“, verbesserte Viktoria die ältere Freundin, in gespielt belehrendem Ton. „Es gibt sogenannte Studienleistungen, die erbracht werden müssen, zum Beispiel eine Präsentation. Manchmal sind auch zu Hause Texte zu lesen und Fragen zu beantworten oder eine Zusammenfassung zu schreiben und abzugeben. Am Ende wird entweder eine Klausur oder eine Hausarbeit geschrieben. Der Sommerkurs ist allerdings nicht Teil des Modulplans. Da gibt es keine Pflichtaufgaben. Man kann dafür zusätzliche Creditpoints bekommen. Darauf scheinen die meisten aber keinen Wert zu legen oder sie mogeln sich am Ende irgendwie durch.“
„Hm, das habe ich von meinen Kindern anders in Erinnerung.“ Edith runzelte die Stirn.
„Es ist auch seltsam. Ich dachte, man studiert, weil man sich für die Themen interessiert und mehr darüber lernen will. Es ist schließlich nicht mehr wie in der Schule, wo man alle Fächer belegen muss. Man entscheidet sich für sein Lieblingsfach. Und ich finde, viele Dozenten geben sich sehr viel Mühe, die Themen spannend aufzubereiten. Mich interessiert es auf jeden Fall.“
„Das ist doch die Hauptsache.“ Edith nahm einen Schluck aus ihrem Glas. „Da kommt die Kellnerin. Was hältst du von einer Portion frischer Waffeln?“
Nachdem sie das herrlich duftende Gebäck verspeist und dazu eine Eis-Schokolade getrunken hatten, bestellte Edith einen Kaffee, griff nach ihrer Handtasche und zog einen farbigen Flyer heraus.
„Sag mal, was hältst du davon, wenn wir eine Pilgertour zusammen machen?“
„Pilgern? Du meinst den Jakobsweg in Spanien?“ Viktoria riss überrascht die Augen auf und versuchte, einen Blick auf den kleinen Prospekt zu erhaschen.
„Nein, nein.“ Sie hob beschwichtigend die Hand. „Wir fangen langsam an. Ich bin schließlich keine Studentin mehr.“ Sie hielt einen Moment inne und runzelte die Stirn. „Sagt man das noch - Studentin?“ Viktoria grinste und nickte.
„Ich glaube, das ist okay. Du identifizierst dich ja als Frau, nehme ich an.“
Edith hob kurz den Kopf, dann blickte sie die Jüngere an.
„Als was denn sonst?“
„Lassen wir das lieber“, winkte Viktoria ab. „Was hast du denn nun da?“. Sie deutete auf den Flyer und Edith breitete ihn auf dem Tisch aus.
„Also“, fuhr sie fort. „Pilgern kann man beispielsweise an der Mosel. Wir könnten in Trier starten.“ Sie zeigte auf eine Stelle auf der abgebildeten Karte und deutete mit dem Zeigefinger auf eine blaue Linie. „Bis nach Bernkastel-Kues sind es circa einhundert Kilometer. Dafür brauchen wir eine Woche.“
„Ich dachte, das machen nur Menschen am Scheideweg ihres Lebens.“ Viktoria blickte kurz auf den Prospekt, dann warf sie Edith einen skeptischen Blick zu.
„Du kannst es auch Wandertour nennen“, sagte diese beschwichtigend. „Aber ich finde, pilgern klingt aufregender.“ Dabei hob sie die Hände in die Luft und hätte beinahe die Kaffeetasse vom Tablett gefegt, die der Kellner gerade vor ihr absetzen wollte. Viktoria wartete, bis er das leere Geschirr abgeräumt hatte.
„Hundert Kilometer? Schaffen wir das? Ich meine, ich bin noch nie so lange Strecken gelaufen.“
Edith rührte in ihrer Kaffeetasse, bis sich das vom Barista kunstvoll gezauberte Herz aus Milchschaum in eine Spirale verwandelt hatte. „Natürlich schaffen wir das. So viel ist das gar nicht. Wenn wir pro Stunde vier Kilometer laufen, sind es gerade mal vier, höchstens fünf Stunden am Tag. Ich fände es schön, wenn wir das zusammen machen. So hätten wir viel Zeit zum Reden und schaffen uns gemeinsame Erinnerungen. Da du im letzten Jahr so gerne Neues ausprobiert hast ...“ Sie deute mit einer ausschweifenden Armbewegung auf das Unigelände „...dachte ich, du hättest bestimmt Lust auf eine weitere neue Erfahrung.“
„Tja, ich weiß nicht so recht.“ Viktoria rieb sich die Stirn. „Die Statistik-Klausur steht noch an. Die wurde wegen Krankheit des Professors in die vorlesungsfreie Zeit verlegt. Außerdem muss ich mich dringend um eine Arbeitsstelle kümmern. Das ist leider nicht so einfach. Ich dachte immer, die Unternehmen sind froh, wenn jemand Berufserfahrung mitbringt, aber Pustekuchen. Ich bekomme kaum ein Vorstellungsgespräch. Dabei brauche ich dringend einen bezahlten Nebenjob, besser noch eine Teilzeitstelle als Werksstudentin.“ Sie schwieg einen Moment. „Wie teuer ist denn so eine Pilgerreise?“
„Das ist ein Pluspunkt. Wir schlafen nicht in teuren Hotels, sondern in schlichten Pensionen. Es gibt auch Pilgerherbergen, in denen man in einem großen Schlafsaal in Stockbetten übernachtet. Das ist aber nichts mehr für mich. Ein eigenes Bad hätte ich schon gerne. Und ein wenig Privatsphäre wäre auch gut nach einem langen Wandertag.“ Viktoria, die in ihrem Leben nicht einmal in einem Zelt oder auf einem Campingplatz übernachtet hatte, zuckte zusammen.
„Das sehe ich genauso“, beeilte sie sich zu sagen.
„Ich dachte an eine Woche Anfang September. Würde das bei dir gehen? Da ist das Wetter noch schön, aber nicht mehr zu heiß.“
Viktoria spürte die Begeisterung der Freundin. Sie wollte sie nicht enttäuschen. Edith hatte ihr zur Seite gestanden, als Viktorias Leben vor einem Jahr aus den Fugen geraten war. Die reiselustige Rentnerin hatte vor einigen Monaten ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert und war damit knapp dreißig Jahre älter als sie. Sie hatten sich in New York kennengelernt und Viktoria hatte von Anfang an Vertrauen zu ihr gehabt. Edith war lebenserfahren und gab ihr einen Ratschlag nur, wenn sie ihn erbat. Niemals drängte sie ihr eine Meinung ungewollt auf wie ihre Mutter Gertrud. Sie bevormundete sie nicht oder sagte ihr, was sie tun sollte. Edith hatte ihr in schwierigen Situationen beigestanden und mittlerweile war daraus echte Freundschaft geworden. Mal dauerten ihre Treffen nur eine Stunde, mal dehnten sie sich über einen halben Tag aus. Aber es war immer angenehm und zwanglos. Viktoria genoss die Zeit stets sehr. Edith war im Herzen jung geblieben und kannte sich mit allem aus, was auf der Welt passierte. Das führte zu vielen Gesprächen und Diskussionen, die ihr guttaten und neue Perspektiven eröffneten.
„Die Statistik-Klausur ist nächste Woche. Das neue Semester beginnt erst in der letzten Oktoberwoche. Übernächste Woche würde also gehen.“ Sie streckte beide Daumen in die Luft. Sie blickte gedankenverloren in das vom Wind in Bewegung gebrachte Blätterdach der Kastanie über ihnen.
„Ausprobieren würde ich das ja gerne mal“, meinte sie dann.
„Ich kann mit der Planung beginnen und wir telefonieren.“
„So machen wir es“, stimmte Viktoria zu, während sie den letzten Schluck ihrer Eis-Schokolade trank. „Ich hoffe, ich hab alle Klausuren bestanden.“ Edith sah sie fragend an.
„Habt ihr denn die Noten dafür noch nicht bekommen?“
„Nein, das kann Monate dauern. Darüber rege ich mich schon nicht mehr auf. Bisher hab ich alle Prüfungen zum Glück bestanden. Ich frage mich allerdings, wie ich eine Klausur oder ein Seminar nachholen soll, wenn ich erst Mitte des nächsten Semesters erfahre, dass ich durchgefallen bin.“
„So wie du gebaut bist, hast du bestimmt alle Prüfungen bestanden. Du lernst doch fleißig.“
„Lernen alleine ist leider keine Garantie, aber ich hab mein Bestes gegeben.“
Eine auffallend große dünne Frau mit schwarzer Haremshose, schwarzem Shirt und einem geflochtenen Zopf, der ihr vom Hinterkopf bis über die Hüften reichte, drängte sich an ihrem Tisch vorbei und stieß beinahe Ediths halb volle Kaffeetasse um.
„Es tut mir leid, aber ich muss mich jetzt auf den Weg machen. Ich hab einen Termin mit der Dozentin zur Vorbesprechung unserer Abschlusspräsentation nächste Woche.“
„Na klar, geh nur.“
„Ich freue mich, dass du mich an der Uni besucht hast.“ Viktoria stand auf und griff nach ihrem Rucksack.
„Jetzt weiß ich wenigstens, wo du so unterwegs bist, und habe ein Bild vor Augen.“ Edith erhob sich und umarmte ihre Freundin zum Abschied. „Ich bleibe hier noch ein wenig sitzen“, meinte sie dann. „Ich mag die Atmosphäre.“ Sie deutete auf den halb vollen Biergarten und die jungen Menschen, die sich fröhlich unterhielten.
„Natürlich, mach das.“ Viktoria winkte ihr noch einmal zu und lief über den knirschenden Kies zurück zum Seminargebäude.
Später saß sie in der Zentralbibliothek der Uni, die von den Studenten kurz als „Bib“ bezeichnet wurde. Sie tippte zum wiederholten Mal auf die Rewind-Taste ihres Laptops und versuchte, im Video den Anfang der Erklärung des Dozenten zu finden. Der Stoff für den Statistik-Kurs war in der Vorlesung vermittelt worden. Zusätzlich hatten sie in einem Seminar den Umgang mit dem dazugehörigen Auswertungsprogramm gelernt. Einige dieser Inhalte waren ergänzend als Video zur Verfügung gestellt worden.
„Was verdammt noch mal meint der denn mit Stimulus Rec, das steht auf meinem Bildschirm überhaupt nicht!“, fluchte Viktoria. Eine blonde junge Frau mit Pferdeschwanz und schwarzer übergroßer Brille, wie die meisten Studentinnen sie zurzeit trugen, drehte sich mit genervtem Gesichtsausdruck zu ihr um. Hier war Sprechen und jede Art von Geräuschbelästigung unerwünscht. Viktoria hob beschwichtigend die Hand und wandte sich wieder ihrem Laptop zu. Sie spielte das Video noch einmal in Zeitlupe ab, um die Schritte zu verstehen, die sie durchgehen musste, um einen Mittelwertvergleich durchzuführen.
„Ich bin doch nicht blöd“, murmelte sie wieder vor sich hin. Trotzdem trieben sie dieses Seminar und vor allem der schnodderige Dozent an den Rand der Verzweiflung. Er zeigte die Übungen so schnell, dass sie ihm meist nicht folgen konnte. Auch in diese Veranstaltung waren meist nicht einmal die Hälfte der Seminarteilnehmer gegangen. Vor Kurzem hatte sie einen Kommilitonen gefragt, wie er sich den Stoff aneignete, wenn er nicht zum Kurs kam.
„Och, ich such mir einfach ein Youtube-Video, in dem das erklärt wird. Falls ich nichts finde – irgendeiner wird die Aufgabe schon haben, dann schreib ich ab“, hatte dessen simple Antwort gelautet. Entnervt klappt Viktoria ihren Laptop zu. So weit war sie langsam auch. Sie musste diese Klausur bestehen, um den Uni-Abschluss zu schaffen!
Vor einem Jahr hatte sie nach einer unschönen Szene die Versicherung, in der sie arbeitete, verlassen. Ein heftiges Zerwürfnis mit ihrer Mutter, und der tragische Unfalltod ihres Vaters hatten sie danach ziemlich aus der Bahn geworfen. Ein paar Monate hatte sie vor sich hingelebt und all das getan, wozu nie Zeit gewesen war oder was sie sich aufgrund ihrer beruflichen Position als Abteilungsleiterin nie hatte erlauben können. Sie lächelte bei der Erinnerung an einen ausgelassenen Abend mit ihrer besten Freundin Bianca, in der sie am Ende bei zwei Typen im Wohnzimmer gelandet waren und Space-Cookies gegessen hatten. Ein anderes Mal waren sie dabei erwischt worden, als sie mitten in der Nacht nackt in einem See gebadet hatten.
Bianca – das Lächeln verschwand für einen Augenblick aus ihrem Gesicht. Sie hatte mit ihrem Mann eine schwere Zeit durchgemacht. Erst hatte sie in der Schwangerschaft ihr Kind verloren, das Daniel ohnehin nicht hatte haben wollen. Und dann hatte er sie betrogen. Viktoria schluckte, denn Daniel hatte sie mit ihr betrogen. Besser gesagt, sie hatte ihre beste Freundin mit deren Ehemann betrogen. Sicher, es war eine Ausnahmesituation gewesen. Es passierte an dem Abend, an dem Viktoria vom Tod ihres Vaters erfahren hatte. Doch auch wenn Bianca ihr nach einigen Monaten verziehen hatte – dafür gab es keine Entschuldigung.
Nach diesem Vorfall hatte sie begonnen, ihr Leben neu zu ordnen und schließlich das Studium begonnen. Nicht studiert zu haben, hatte sie viele Jahre als Makel betrachtet. Die meisten Stellenausschreibungen forderten ein „abgeschlossenes Hochschulstudium“ und so fiel sie oft schon im Vorfeld aus Bewerbungsprozessen heraus. Dass sie kein Studium absolviert hatte, war nicht ihre eigene Entscheidung. Für ihre Kommilitonen war es heute selbstverständlich, dass sie von ihren Lehrern und Eltern ermuntert wurden, zu studieren. Bei ihr war das anders gewesen. Trotz ihres guten Abiturs hatte ihre strenge Mutter darauf gedrängt, dass sie „etwas Vernünftiges“ machte. Und das war in deren Augen eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau. Jede andere Idee hatte Gertrud sofort beiseite gewischt. Sie hatte sich nie die Mühe gemacht, mit Viktoria darüber zu reden, was diese für Neigungen oder Talente hatte. Sie hatte eine klare Vorstellung, wie das Leben ihrer Tochter aussehen sollte. Und die war zu jung und zu wenig selbstbewusst, um sich gegen ihre Mutter durchzusetzen. Das hatte sie erst später in ihrem Beruf gelernt. Manchmal fragte Viktoria sich, welche Rolle ihr Vater bei ihrer Berufswahl gespielt hatte. Doch sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er je etwas dazu gesagt hatte. Wenn sie an diese Zeit dachte, war er gar nicht vorhanden. Dieter Marland war beruflich sehr eingespannt. Und er hatte eine Geliebte gehabt, was sie - ebenso wie ihre Mutter - erst kurz vor seinem Tod erfahren hatte.
Jetzt erfüllte Viktoria sich den Traum vom Studium selbst und kam besser zurecht, als sie befürchtet hatte. Nur nicht mit Statistik und dem dazugehörigen Auswertungsprogramm. Sie seufzte und klappte ihren Laptop zu. Dann verstaute sie die Wasserflasche, schwang den schwarzen Rucksack über ihre Schulter und lief zum Ausgang.
Vor dem Gebäude standen Leonie und Vivien, die sie aus der Vorlesung zu Politischer Kommunikation im letzten Semester kannte.
„Hi. Was macht ihr denn hier?“, fragte Viktoria.
„Lerngruppe, wir warten auf Josie“, war die knappe Antwort von Leonie, die zu ihrer oversized Jeans eine orangefarbene Bluse trug. „Das nervt so hart, dass die immer zu spät ist.“
„Ja, voll“, antwortete Viktoria im Studentenjargon, den sie sich mittlerweile angeeignet hatte, wenn sie mit ihren Kommilitonen sprach.
„Wir schreiben den Forschungsbericht für Medienwirkungsforschung zusammen“, erläuterte Vivien und warf ihre schwarzen Locken mit einer geübten Handbewegung in den Nacken.
„Kommt ihr gut voran?“
„Geht so“, murmelte sie. Vivien war die Einzige, die ebenso wie Viktoria regelmäßig zu allen Vorlesungen erschien. Schon deshalb war sie ihr sympathisch. Die geübte Praxis der anderen sah so aus, nur zu genau drei Lehrveranstaltungen zu gehen. Insgesamt fanden davon zwölf pro Semester statt. Um sicherzustellen, dass die Studenten wenigstens ein Minimum der Inhalte mitbekamen, hatte die Dozentin gefordert, drei Protokolle zu frei wählbaren Themen anzufertigen. Viktoria würde es sehr wundern, wenn Josie, Leonie und Vivien nicht genau die gleichen Themen für ihre Abgaben auswählten und diese abgewandelte Formen von Viviens Notizen waren. Leonie hatte sie noch nie bei einer Vorlesung gesehen. Auch die meisten anderen nutzen neun der zwölf Termine lieber, um im Biergarten, beim Eis essen oder sonst wo auf dem Campus zu „chillen“. Im Jahrgangschat der Publizisten wurden solche Vorgehensweisen offen geteilt. Dort entbrannte regelmäßig kurz vor Ende des jeweiligen Abgabetermins eine hektische Diskussion darüber, wie lang der Text des Protokolls sein sollte, welche Schriftgröße erwartet wurde und ob man beim Zeilenabstand großzügig sein und so weniger schreiben konnte. Die Nutzung von künstlicher Intelligenz war mittlerweile Alltag, womit die Texte dann nicht einmal selbst verfasst wurden. Viktoria hatte sich oft gefragt, ob sie zu alt und zu unaufgeschlossen gegenüber der „heutigen Jugend“ war. Dinge auf den letzten Drücker zu erledigen oder nicht selbst zu machen, war ihr schon immer zuwider gewesen – damals in der Schule ebenso wie heute. Es war ihr persönlicher Ehrgeiz, der verlangte, dass sie ihre Aufgaben selbst und so gut wie möglich abschloss. Schließlich wollte sie etwas lernen.
Mittlerweile war Josie aufgetaucht und die drei Kommilitoninnen verabschiedeten sich, während Viktoria sich auf den Heimweg begab.
Viktoria schloss die Tür ihrer Wohnung in Frankfurt-Bornheim auf und ließ den Rucksack auf den Boden fallen. Draußen schien die Sonne und sie öffnete das Fenster. Sofort drangen Geräusche des belebten Viertels in das kleine Wohnzimmer: Stimmen von Menschen, die auf den Gehwegen in Cafés saßen und die warmen Sonnenstrahlen bei einem kalten Getränk oder einem Eisbecher genossen. Ein Fahrradklingeln drang zu ihr hinauf, gefolgt von einem genervten „Mensch, pass doch auf“. Ein Hund bellte und in der Ferne war die Sirene eines Polizei- oder Krankenfahrzeuges zu hören.
Viktoria liebte das Leben in der Stadt. Wenn sie Gesellschaft wollte, brauchte sie nur aus dem Haus zu gehen und schon war sie unter Menschen. Oft reichte es, sich in eines der im Viertel so zahlreich vorhandenen Straßencafés zu setzen und die vorbeigehenden Passanten zu beobachten. Sie musste sich nicht unbedingt unterhalten. Manchmal ergaben sich Gespräche, selten hatten sich weitergehende Kontakte entwickelt. Viktoria gefiel es genau so. Verpflichtungen hatte sie lange genug gehabt. Mittlerweile schätzte sie diese unverbindliche Lebensweise. Hier mal ein freundliches Gespräch, dort ein netter Abend auf dem Opernplatz- oder Freßgass-Fest und manchmal einfach alleine in ihrer gemütlichen Wohnung bei einem Glas Wein. Ein oder zwei Mal hatte sie sich mit einer ehemaligen Kollegin zum Mittagessen getroffen. Schnell hatte sie jedoch festgestellt, dass diese nur neugierig waren, „was denn genau passiert sei“, als sie im letzten Jahr von heute auf morgen ihre Firma verlassen hatte. Viktoria hatte stets nur „private Gründe“ genannt, woraufhin das Interesse an ihrer Person und was sie heute tat, schnell erloschen war. Sie hatte sich gewundert, dass niemand den unschönen Vorfall in Erinnerung hatte, der zum Ende ihrer Karriere im Versicherungsunternehmen geführt hatte: Ihr holländischer Kollege, Pim van den Baan, hatte sie so lange provoziert, bis sie sich eines Tages nicht mehr beherrschen konnte. Sie war laut geworden, hatte ihm gedroht, ihn beleidigt und war dann einfach abgehauen - zunächst nach Sankt Peter Ording, dem Lieblingsort ihrer Kindheit und anschließend nach New York. Das alles, ohne Urlaub einzureichen oder sich krank zu melden, was schließlich zu ihrer fristlosen Kündigung geführt hatte.
Damals war sie stolz darauf gewesen, sich etwas getraut zu haben. Heute bereute sie ihren Ausbruch zwar nicht, aber das Leben gestaltete sich doch schwieriger, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Wohnung in Bornheim war nicht groß, aber nicht gerade billig. Dazu kamen der Lebensunterhalt, Versicherungsprämien, ihr Auto und hin und wieder ein neues Kleidungsstück. Sie kochte selten, ging lieber in eines der Restaurants in der Nähe oder nutzte den Lieferservice. Mit ihrem damaligen Lebensgefährten Frank hatte sie einen großzügigen Lebensstil gepflegt. Sie hatten in einem geräumigen Haus gewohnt, das allerdings ihm und seiner von ihm getrenntlebenden Ehefrau gehörte. Sie waren oft ausgegangen, hatten sich teure Urlaube und zahlreiche Wochenendtrips gegönnt.
Jetzt waren ihre Ersparnisse fast aufgebraucht und bisher hatte sie sich nicht dazu durchringen können, ihr geliebtes Cabrio zu verkaufen, auch wenn sie es genau genommen nicht brauchte. In den Semestergebühren war ein Sechs-Monats-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr enthalten. Die Verbindungen von Frankfurt nach Mainz waren hervorragend. Trotzdem fuhr sie aus Bequemlichkeit lieber mit dem Auto. Ihr Cabrio bedeutete für sie Freiheit und Unabhängigkeit, auch wenn es wirtschaftlich vollkommen unsinnig war, Geld für Kraftfahrzeugsteuern, Versicherung und Benzin auszugeben.
In den letzten Wochen hatte sie sich auf einige Stellenanzeigen als studentische Hilfskraft beworben, um sich diesen Luxus weiter leisten zu können. Meist hatte sie jedoch standardmäßige Absagen erhalten. Morgen Vormittag aber fand nun endlich ein persönliches Bewerbungsgespräch statt. Es handelte sich um einen kleinen Verlag im Stadtteil Rödelheim, der eine Volontariatsstelle ausgeschrieben hatte. Volontariate schlossen sich üblicherweise an ein abgeschlossenes Bachelor- oder Masterstudium an. Dieser Verlag war auf Erwachsenenbildung spezialisiert und Viktoria war der festen Überzeugung, dass sie hierfür das beste Aushängeschild sei. So hatte sie die genannte Ansprechpartnerin, Frau Weber, angerufen und gefragt, ob sie nicht einen Nebenjob für eine Studentin hätte. Frau Weber hatte zunächst zurückhaltend reagiert, bis sie feststellte, dass Viktoria über umfangreiche Berufserfahrung verfügte. Daraufhin hatte sie ihr ihr Leid geklagt, dass „die jungen Dinger“ so unzuverlässig seien, oft krank würden und stets die große Karriere im Kopf hatten. Dabei vergaßen sie, dass sie sich erst einmal beweisen mussten. Schließlich hatte Frau Weber ihr ein persönliches Gespräch angeboten. Viktoria freute sich darauf und hoffte, dass sie es auf diesem Weg schaffte, in einer neuen Branche Fuß zu fassen.
Heute Abend stand jedoch erst einmal Lernen für die Statistik-Klausur auf dem Programm. Dass sie mit diesem Fach so zu kämpfen hatte, setzte ihr zu. Sie hatte Mathematik in der Schule gemocht, es sogar als Leistungsfach gewählt. Doch hatte Statistik weniger mit Mathe als mit dem Verständnis der Materie zu tun. Viktoria verstand den Stoff, hatte alle Aufgaben, die sie wöchentlich lösen musste, abgegeben. Ihr Problem war, dass jedes sogenannte Testverfahren der Statistik jeweils nur einmal vorgestellt und durchgerechnet wurde. In der Klausur musste sie alle beherrschen und voneinander unterscheiden. Sie betete, dass sie die Prüfung bestand. Denn schlimmer als eine schlechte Note wäre, die Prüfung wiederholen zu müssen.
Eine Fünf-Minuten-Terrine musste heute als Abendessen reichen. Zum Ausgehen blieb keine Zeit. Sie nahm die Plastikverpackung aus dem Schrank und füllte Wasser in einen Topf. Während sich dieses langsam erwärmte, legte sie sich Papier, Taschenrechner und ihren Laptop bereit. Es würde ein langer Abend werden.
***
„Schön, dass Sie so pünktlich sind, aber ich habe auch nichts anderes erwartet“, begrüßte Frau Weber sie bereits auf dem Treppenabsatz. „Frauen in unserem Alter haben einfach noch andere Werte“, meinte sie anerkennend, noch bevor Viktoria die ihr entgegengestreckte Hand ergreifen konnte.
„Guten Tag Frau Weber“, erwiderte sie die Begrüßung.
„Kommen Sie mit, unsere Verlegerin wird ebenfalls am Gespräch teilnehmen und erwartet uns im Konferenzraum“, sprudelte sie weitere Informationen heraus. Viktoria folgte ihr und betrat den kleinen Raum am Ende des Ganges. An den Wänden hingen bunte Plakate und Poster von diversen Veranstaltungen. An drei der vier Seiten befanden sich Sideboards im Stil der Siebzigerjahre, auf denen Bücher und Prospekte lagen. In der Mitte des Raumes stand ein rechteckiger Resopaltisch mit sechs wackligen Holzstühlen, die gerade so daran Platz fanden. Auf dem Tisch waren zwei Wasserflaschen und mehrere Gläser aufgereiht. Außerdem stand eine Schale mit Keksen von der Sorte bereit, die es bei ihrer Oma immer gegeben hatte. Viktoria fragte sich insgeheim, ob diese familiäre Ausstattung in der Buchbranche üblich war. Mit den Konferenzräumen, die sie aus ihrem Unternehmen kannte, hatte dieser Raum wenig gemeinsam.
Eine zierliche Frau mit grau-blond melierten Haaren, die zu einem kinnlangen Bob geschnitten waren, blickte ihr stumm entgegen. Die Lesebrille hing an einer silbernen Kette um ihren Hals. Sie erhob sich nicht, sondern ließ sich von Frau Weber vorstellen.
„Das ist unsere Verlegerin, Baroness Angela von Carstens.“ Viktoria war angesichts dieses hochherrschaftlichen Namens einen Augenblick versucht, einen Knicks zu machen. Sie lief um den Tisch herum und reichte Frau von Carstens die Hand.
„Viktoria Marland, es freut mich, Sie kennenzulernen.“ Die Baroness nickte kurz, dann bedeutete sie ihr, auf dem Stuhl am anderen Ende des Tisches Platz zu nehmen.
„Nun, was führt Sie zu uns“, eröffnete sie das Bewerbungsgespräch. Viktoria, die in der Vergangenheit zahlreiche Gespräche dieser Art selbst geführt hatte, stutzte. Üblich war, dem Bewerber erst einmal ein wenig über das Unternehmen zu erzählen und konkreter hinsichtlich der zu besetzenden Stelle und der damit verbundenen Erwartungen zu werden. Sie lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und wandte sich ihrer Gesprächspartnerin zu.
„Wie Sie von Frau Weber vermutlich wissen, habe ich meine Karriere als Versicherungskauffrau im letzten Jahr beendet und mich einer neuen Herausforderung gestellt. Ich studiere derzeit an der JGU in Mainz Publizistik und Buchwissenschaft. Jetzt würde ich gerne praktische Erfahrungen in der Branche sammeln. Frau Weber hatte mir eine Tätigkeit als studentische Hilfskraft in Aussicht gestellt.“ Sie machte eine Pause und wartete, ob die Baroness etwas erwiderte. Die blätterte in der Mappe vor ihr auf dem Tisch. Viktoria erkannte ihr Foto auf der ersten Seite.
„Wie ich sehe, haben Sie Abitur gemacht und waren dann mit Ende zwanzig in leitender Funktion in einer Versicherung.“ Frau von Carstens blätterte in der Mappe eine Seite nach vorne, dann wieder zurück. Frau Weber, die vorhin noch munter mit ihr geplaudert hatte, sagte nichts mehr. Es entstand eine unangenehme Pause.
„Nun“, die Baroness schloss die Bewerbungsmappe. „Eigentlich bieten wir keine Praktikantenjobs an.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Viel zu aufwendig. Bis man alles erklärt hat, sind die schon wieder in der Schule und wissen nicht, was sie in ihren Praktikumsbericht schreiben sollen.“ Sie öffnete die Mappe erneut und blätterte weiter zu Viktorias Arbeitszeugnissen.
„Ich hatte mich eigentlich für eine längerfristige Stelle als studentische Aushilfe interessiert“, entgegnete Viktoria und beugte sich nach vorne. „Ich lerne schnell und bin sicher, dass ich Sie in kurzer Zeit tatkräftig unterstützen kann.“
„Wir haben doch dieses neue Projekt mit den Dozenten der Kölner Universität. Da bräuchten wir eine gestandene Persönlichkeit, die mit den Damen und Herren auf Augenhöhe kommuniziert“, ließ sich nun Frau Weber vernehmen. „Die Texte der Wissenschaftler müssen lektoriert werden und Frau Marland könnte diese Aufgabe übernehmen. Sie hat in ihrer früheren Tätigkeit viel mit Geschäftsleuten und Managern zu tun gehabt und war auch für Kommunikation zuständig. Außerdem studiert sie Publizistik und Buchwissenschaft. Das ist eine ideale Kombination für diese Aufgabe“, warf sich Frau Weber nun ins Zeug. Wenigstens war sie auf das Gespräch vorbereitet und hatte sich Viktorias Unterlagen angesehen. Nur hatte sie offenbar versäumt, mit ihrer Chefin über ihre Ideen zu sprechen.
„Tja, ich denke, wir werden es uns überlegen und kommen auf Sie zu“, ließ sich Frau von Carstens vernehmen.
„Eine Aufgabe im Lektorat würde mich sehr interessieren“, wagte Viktoria einen letzten Versuch, das Gespräch in Gang zu bringen.
„Ich kann Ihnen einen Buchtipp zur Vorbereitung geben“, griff Frau Weber den Faden auf. „Es gibt ein Standardwerk, das ich Ihnen auch für Ihr Studium ans Herz legen kann“. Sie nahm einen Zettel und schrieb den Titel des Werkes auf.
„Wie gesagt, wir melden uns.“ Die Baroness erhob sich.
„Gerne“, antwortete Viktoria so freundlich wie möglich. „Ich würde mich freuen“.
Nachdem Frau Weber ihr auf den wenigen Metern nach draußen weitere Informationen zu geplanten Buchprojekten des kleinen Verlages gegeben hatte, stand Viktoria nach nur zehn Minuten wieder vor dem Eingang. Irritiert blickte sie auf den grauen Asphalt. Was war das denn gewesen? Am liebsten hätte sie Frau von Carstens – Baroness hin, Verlagschefin her – eine Lehrstunde erteilt, wie man mit Bewerbern umging. Aber wie so oft in den letzten Monaten war sie nicht wütend, sondern verunsichert. Hatte sie etwas falsch gemacht? War sie zu selbstbewusst aufgetreten oder im Gegenteil – zu unsicher? Wie verhielt man sich, wenn man vor wenigen Jahren selbst Chefin gewesen war und sich jetzt um einen Studentenjob bewarb?
Was immer das Problem war, sie musste es lösen, und zwar bald. Sie brauchte einen Job und eine Zukunftsperspektive. Und sie musste Geld verdienen.
„Bianca, was machst du hier?“ Erstaunt öffnete Viktoria ihre Wohnungstür.
„Was ist das denn für eine Begrüßung, liebste Tori?“ Den Spitznamen hatte sie ihr gegeben, als sie sich in der fünften Klasse auf dem Gymnasium kennengelernt hatten, und sie nutzte ihn bis heute. Bianca breitete die Arme aus und strahlte ihre Freundin an. Viktoria erwiderte die Umarmung und bat Bianca in die Wohnung.
„Ich dachte, du bist in Hamburg.“
„Wie du siehst, bin ich hier. Ich hatte heute einen Termin in Hanau“, erläuterte sie, als sie Viktorias fragenden Gesichtsausdruck bemerkte.
„Warum hast du nicht Bescheid gesagt? Dann hätte ich etwas vorbereitet.“
„Ich wusste nicht, wie lange der Termin dauert und ob ich gleich nach Hamburg zurückfahre. Außerdem liebe ich Überraschungen. Hast du Zeit oder störe ich die fleißige Studentin beim Flirten mit dem Professor?“, grinste sie.
„Meine Dozenten sind größtenteils jünger als ich und…“
„Das ist ein Grund, aber kein Hindernis“, unterbrach Bianca sie schmunzelnd.
„… und sie sind nur so semi-attraktiv“, beendete Viktoria ihren Satz. „Möchtest du was trinken? Wie viel Zeit hast du überhaupt?“
„Erstens: ja. Und zweitens: Ich könnte sogar über Nacht bleiben, falls du mir deine Couch überlässt.“
„Na hör mal, voll gerne, nice. Es wäre ja weird, wenn ich meiner besten Freundin keinen Schlafplatz anbieten würde, vor allem, wo ich damals mehrere Wochen bei dir wohnen durfte.“
Bianca hob die Augenbrauen. „Weird? Voll gerne? Ich sehe schon, du passt dich sprachlich den Studenten an.“
„Ja, sorry, wenn man das den ganzen Tag hört, färbt es ab.“
Viktoria ging zum Kühlschrank, in dem sich neben Getränken nur eine angefangene Diät-Margarine befand.
„Eine Apfelschorle hätte ich da. Aber außer Fünf-Minuten-Terrinen und ein paar Toastscheiben habe ich leider nichts anzubieten“, bedauerte sie.
„Weißt du was, wir bestellen uns einfach eine Pizza“, schlug Bianca vor. „Die liefern sicher gerne eine Flasche Wein dazu. Und dann machen wir uns einen netten Mädelsabend. Wir haben uns so lange nicht gesehen und es gibt bestimmt viel zu erzählen.“
Eine dreiviertel Stunde später saßen sie in Leggings und T-Shirts auf Viktorias bequemer Couch, einen Karton Familienpizza zwischen sich und jede mit einem Glas Rotwein in der Hand.
„So, nun lass mal hören. Wie geht es dir in Hamburg? Wir schicken uns fast nur noch Sprachnachrichten und haben lange nicht mehr miteinander gesprochen.“
„Stimmt, früher hat man telefoniert, heute werden Sprachnachrichten ausgetauscht. Na ja, ein Vorteil ist, dass jeder antworten kann, wann er Zeit hat.“
„Ja voll“. Bianca zog die Augenbrauen hoch. Viktoria korrigierte sich und sprach mit nasaler Stimme: „Ich wollte natürlich sagen, dass die direkte Kommunikation bei dieser Art des Interagierens verloren geht.“ Bianca streckte den Arm aus und deutete eine leichte Verbeugung an.
„Schon besser. Jetzt klingst du wenigstens wie eine Wissenschaftlerin. Du bist wohl noch in der Findungsphase, was deinen Kommunikationsstil angeht.“ Viktoria zuckte mit den Schultern und griff nach einem weiteren Pizzastück.
„Ist Daniel in Hamburg geblieben?“, wechselte sie das Thema. Bei dem Gedanken an Daniel wurde Viktoria immer noch mulmig. Sie hatte ihn seit ihrem damaligen Ausrutscher nicht mehr gesehen. Bianca hatte ihr schließlich verziehen. Das Paar hatte sich ausgesprochen und war zusammen nach Hamburg gezogen, um sich dort ein neues Leben aufzubauen. Seit ihrer Versöhnung hatten die beiden Frauen das Thema bewusst nicht mehr angesprochen.
„Daniel ist in Boston bei irgendeiner Ausstellung und kommt nächste Woche zurück. Ich werde ihm nachher eine Nachricht schicken. Jetzt ist er bestimmt noch mit anderen Künstlern im Gespräch. An der Ostküste ist erst früher Nachmittag.“
Viktoria nahm einen Schluck Wein und räusperte sich, bevor sie fragte: „Und, wie läuft es so mit euch?“ Bianca nippte an ihrem Weinglas und stellte es zurück auf den Couchtisch, ehe sie die Frage beantwortete. „Wollen wir nicht erst mal essen, bevor die Pizza kalt wird?“
„Es läuft also nicht gut“, interpretierte Viktoria die Nicht-Antwort ihrer Freundin. Sie kannte sie lange genug, um zu wissen, was dieses Ausweichmanöver bedeutete.
„Nein, ja, ach… wo fange ich an?“ Sie nahm ein Stück Pizza und biss hinein. „Daniel gibt sich wirklich sehr viel Mühe, aber es ist alles ein bisschen cringe, sagt man das so bei euch?“, versuchte Bianca dem Thema einen humorvollen Anstrich zu geben. Viktoria antwortete nicht darauf und wartete.
„Wir frühstücken jeden Morgen zusammen, er überlegt sich Unternehmungen fürs Wochenende und wir reden viel miteinander. Irgendwann ist aber auch mal alles gesagt. Dann unterhalten wir uns über Alltagsthemen. Das ist aber nicht besser. Irgendwie ist es verkrampft. Nichts ist mehr unbeschwert. Wir überlegen uns jeden Satz und jede Formulierung, um nur ja nichts falsch zu machen. Die Nähe und Vertrautheit ist verloren gegangen. Es ist schwer zu beschreiben. Das ist doch cringe, oder?“ Sie biss wieder in ihre Pizza.
„Jetzt hör mal mit den Studi-Begriffen auf“, Viktoria legte ihre Pizza zurück in die Pappschachtel. „Es ist doch egal, wie man es bezeichnet. Auf jeden Fall hört es sich kompliziert an. Habt ihr darüber geredet, wie es euch mit der Situation geht?“, hakte Viktoria nach.
„Ja, aber wir haben keine Idee, wie er es ändern sollen.“
„Möchtest du denn etwas ändern?“
„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall bin ich froh, mal rauszukommen.“
Viktoria stellte nun eine Frage, die sie früher oft in ihrem Berufsleben angewendet hatte. „Wo siehst du euch denn in fünf Jahren?“ Bianca stutzte. „Mach einfach mal die Augen zu und versuch dir vorzustellen, wie dein Leben in ein paar Jahren aussieht. Wo bist du dann? Was machst du beruflich? Und wer ist bei dir?“ Bianca legte das Pizzastück beiseite und wischte sich die Hände an der mitgelieferten Papierserviette ab. Sie trank einen Schluck und blickte zum Fenster.
„Beruflich weiß ich genau, wo ich stehen will. Ich möchte noch eine Weile in meiner jetzigen Firma bleiben. Danach mache ich mich selbstständig. Ich hätte Spaß daran, etwas Eigenes aufzuziehen. Ich sehe so viele Kollegen, die in ihrem Job nicht glücklich sind, weil sie ihre Talente und Interessen nicht nutzen können. Sie hängen in ihren Jobs fest, weil sie Angst vor Veränderung haben. Auf der anderen Seite gibt es viele Unternehmen, die engagierte Mitarbeiter suchen und sie nicht finden. Das ist kein Wunder, wenn man sieht, wie Personalrekrutierung heute läuft – alles über computergestützte Auswahlverfahren. Was die Menschen möglicherweise über ihre Abschlusszeugnisse hinaus können, wird nicht berücksichtigt. Das kann man besser machen. Mit fünfzig werde ich auf jeden Fall eine eigene Firma haben und mir meine Zeit selbst einteilen. Kunden und Mitarbeiter suche ich mir aus. Ich stelle mir vor, dass mein Zuhause und meine Firma in demselben Gebäude untergebracht sind. Vielleicht wohne ich in einem eigenen Haus im ersten Stock und meine Firma befindet sich im Erdgeschoss. Vielleicht komme ich sogar wieder zurück ins Rhein-Main-Gebiet. Unser Haus hier haben wir nur vermietet, das würde sich eignen. Als wir es damals gebaut haben, hatte ich schon diesen Gedanken. Außerdem wünsche ich mir einen Hund, mit dem ich morgens vor der Arbeit oder tagsüber am Main entlang spazieren kann. Und abends gehe ich Tennis spielen oder schwimmen. Im Sommer mache ich es umgekehrt, nehme mir tagsüber frei und arbeite abends. Da bin ich ohnehin kreativer und meine Kunden erreichbar.“ Biancas Augen leuchteten und ihre Wangen hatten sich gerötet. Sie schien das Bild klar vor sich zu sehen.
„Das hört sich ziemlich konkret an. Ich wünschte, ich hätte so genaue Vorstellungen.“ Viktoria seufzte. „Besonders gefällt mir die Idee mit deiner eigenen Firma. Du triffst damit glaube ich einen Nerv. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der in der Buchhaltung gearbeitet hat und total unglücklich war. Privat war er politisch aktiv, konnte Menschen begeistern und war ein super Organisator. Er hätte in der Firma viel mehr leisten können, wenn das jemand gesehen und ihm eine Chance gegeben hätte.“
Bianca lächelte und nahm sich noch ein Stück Pizza.
„Genau. Mir fallen viele dieser Beispiele ein. Ich finde es absurd, dass so viele Möglichkeiten verschenkt werden. Schau dich an. Du bist ein gutes Beispiel und genau genommen, hast du mich sogar auf die Idee gebracht. Du bist gelernte Versicherungskauffrau und hast deinen Fachwirt gemacht. Zusätzlich gibt es Zeugnisse, die deine Führungsqualitäten belegen und Zertifikate über deine Englischkenntnisse. Aber wer sieht, dass du darüber hinaus kreativ bist, mutig, risikofreudig und Spaß an Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation hast? Wenn ich überlege, was du in den letzten Jahren alles gemacht hast! Das ist doch großartig! Allein den Fallschirmsprung hätte dir vermutlich niemand zugetraut. Warum braucht man für alles ein Diplom?“
„Ich bin gerne deine erste Klientin, wenn du dein Projekt umsetzt“, grinste Viktoria. „Fünf Jahre kann ich allerdings nicht warten. Ich brauche vorher einen Job.“
„Dann muss ich mich wohl beeilen mit der Selbstständigkeit“, lachte Bianca. Viktoria stand auf, öffnete das Fenster und blickte in den dunklen Nachthimmel.
„Aber weißt du, was in deinem Bild fehlt?“
„In diesem Bild fehlt doch nichts.“ Bianca lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. „Es ist perfekt.“ Viktoria drehte sich zu ihr um.
„Du hast Daniel mit keinem Wort erwähnt.“
„Na ja, der … also … der hat dann wahrscheinlich…“, stammelte sie. Viktoria schaute ihr direkt in die Augen, streckte die Arme aus und drehte ihre Handflächen zur Decke. „Du hast recht“, stimmte Bianca zu und senkte den Blick. „Er kommt in diesem Szenario nicht vor.“ Sie legte das angebissene Pizzastück zurück in die Schachtel.
„Damit hast du deine Antwort.“
Bevor Bianca etwas erwidern konnte, klingelte das Telefon.
„Das kann nur meine Mutter sein“, stellte Viktoria fest und rollte mit den Augen. Gertrud war die einzige Person, die den Festnetzanschluss nutzte. Genau genommen hatte Viktoria ihn nur wegen ihrer Mutter angemeldet. „Ich geh kurz dran und sag ihr, dass ich morgen zurückrufe.“ Sie verschwand im Schlafzimmer. Fünfzehn Minuten später ließ sie sich wieder auf die Couch fallen.
„Das nennst du kurz?“ Bianca langte nach Viktorias Weinglas, das auf dem Tisch stand und hielt es ihr hin. „Nimm erst mal einen Schluck.“
„Du kennst ja meine Mutter.“ Viktoria nahm das Glas und trank es aus.
„Kommt ihr denn jetzt einigermaßen klar?“
„Sie hat im Frühjahr die Donau-Kreuzfahrt gemacht, die ich ihr vorgeschlagen hatte. Das hat ihr gutgetan, auch wenn sie meinte, es seien bloß alte Leute auf dem Schiff.“
„Das kenne ich. Meine Oma hat mit neunzig Jahren noch davon geredet, dass sie erst ins Seniorenheim geht, wenn sie mal alt sei. Komisch, dass jeder meint, nur die Jugend wäre positiv und alt sein etwas Schlechtes. Alter hat doch auch viel Gutes. Man hat Erfahrung, weiß, wo man im Leben steht, kann sich entspannt zurücklehnen und muss nicht mehr um die Karriere kämpfen.“
„Zum Glück hat meine Mutter keine gesundheitlichen Beschwerden. Sie kommt in Haus und Garten prima zurecht. Genau genommen hat sie das meiste schon lange alleine erledigt.“
„Seht ihr euch oft?“
„Nicht wirklich. Ich hab mit dem Studium viel zu tun. Der Tod meines Vaters hat uns näher zusammengebracht. Trotzdem ändert sich der Charakter ja nicht.“
„Soll heißen?“, fragte Bianca nach.
„Sie versucht weiter, mir Vorschriften zu machen. Sie weiß alles besser, obwohl sie vom Studieren nun wirklich keine Ahnung hat. Außerdem hat sie viele Vorurteile und festgefahrene Meinungen. Es ist einfach anstrengend, sich ständig rechtfertigen oder erklären zu müssen. Studieren bedeutet heute eben nicht mehr, dass man mal gelegentlich zur Vorlesung geht und ansonsten den ganzen Tag Party macht. Na ja, zumindest wenn man es ernst nimmt.“
„So wie du das tust.“ Bianca grinste. Viktoria reagierte nicht auf die Bemerkung.
„Sie hält ein Studium für unnütz - vor allem in meinem Alter. Ich verschwende meine Zeit, sagt sie. Gertrud ist der festen Überzeugung, dass ich keinen neuen Job finde nach dem Abschluss, weil mir da dann die Erfahrung fehlt. Wenn wir uns sehen, drängt sie darauf, dass ich mich wieder in der Versicherungsbranche umsehen und möglichst in meinen alten Beruf einsteigen soll, solange es noch geht, wie sie gerne betont.“
„Was meint sie denn damit?“
„Sie denkt, dass jeder Monat schadet, den ich aus dem Berufsleben heraus bin, weil diese Selbstverwirklichung, wie sie es nennt, kein Arbeitgeber versteht. Sie findet mein Studium nutzlos und hofft jedes Mal, wenn wir miteinander sprechen, dass ich endlich zur Vernunft komme und wieder etwas Ordentliches arbeite. Sie ist so festgefahren in ihren Ansichten. Immer glaubt sie, als Einzige zu wissen, was richtig und was falsch ist.“
„Das ist natürlich nicht sehr motivierend.“
„Das Schlimme ist, dass ich langsam selbst Zweifel bekomme. Meine Bewerbungen – und sei es nur für ein unbezahltes Praktikum – laufen nicht berauschend. Außerdem geht mir das Geld aus.“
„Wie finanzierst du denn dein Studium?“
„Mein Plan war, das erste Jahr aus meinen Ersparnissen zu bezahlen und mir dann einen Job zu suchen. Das machen doch viele Studenten so, oder? Aber es klappt nicht. Ich war mir sicher, dass viele Firmen dankbar sind, jemanden mit meinem Lebenslauf und meiner Berufserfahrung für billiges Geld zu bekommen.“
„Wahrscheinlich haben sie gerade wegen deines Lebenslaufes Angst, du willst gleich die Leitung übernehmen und den ganzen Laden umkrempeln“, überlegte Bianca.
„Das würde ich doch nie tun“, ereiferte sich Viktoria. „Ich wäre froh, wenn ich mal nur mitlaufen und nicht immer die ganze Verantwortung tragen müsste.“
„Das wissen deine potenziellen Arbeitgeber aber nicht, Tori.“
