Viktoria bricht aus - Viola Marschall - E-Book

Viktoria bricht aus E-Book

Viola Marschall

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Beschreibung

Wir bereuen im Leben nur die Dinge, die wir nicht getan haben. Viktoria wollte eigentlich studieren und die Welt bereisen. Doch ihre dominante Mutter drängte sie dazu, Karriere in einer Versicherung zu machen. Bis heute mischt sie sich in ihr Leben ein. Berufliche Probleme und ein Lebensgefährte, der sich nicht scheiden lassen will, führen dazu, dass sie völlig überraschend ausbricht. Sankt Peter Ording, Wien, New York, ein Fallschirmsprung, eine heiße Affäre und nächtliches Nacktbaden im See - sie läßt nichts aus. Erst ein tragischer Unfall macht ihr klar, dass sie ihr Leben noch einmal vollkommen neu gestalten muss. Ein Mutmacherbuch für jede Frau!

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Seitenzahl: 417

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lebe Deine Träume

Für Jörg

der mir ermöglicht, meine zu leben

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Epilog

Danksagung

Prolog

Auf der schmalen Landstraße hatte sich ein Stau gebildet. Es waren mehr als zwanzig Fahrzeuge. Manche Fahrer waren ausgestiegen, um den Grund für die Verzögerung auszumachen. Einige Ungeduldige wendeten ihren Wagen und fuhren in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren, auch wenn das in dieser ländlichen Gegend einen großen Umweg bedeutete.

Nach einem schönen Sommertag hatte sich die Luft deutlich abgekühlt. Eine Frau suchte auf ihrem Rücksitz nach einem Pullover, bevor auch sie ausstieg. In der Ferne war das Grollen des Donners zu hören. Der Wind trieb das abgerissene Teil eines Werbebanners für eine Dorf-Kirmes am kommenden Wochenende vor sich her, bevor es im Straßengraben endlich Ruhe fand. In der Luft lag der Geruch von nassem Gras.

Ein Notarztwagen näherte sich der Autoschlange. Sein blaues Signal spiegelte sich rhythmisch auf dem gelben Wegweiser, der die Abzweigung zum nächsten Dorf in 2 Kilometern anzeigte. Er hatte keine Sirene angeschaltet, sondern setzte den Blinker und fuhr ruhig auf der Gegenfahrbahn an der Autoschlange vorbei, folgte dem leichten Anstieg und der Linkskurve, bis er an der Unfallstelle ankam. Es war der gleiche Weg, den vor Kurzem der Schwertransporter genommen hatte.

Die Polizei hatte beide Fahrbahnen mit zwei Einsatzwagen abgesperrt. Blaue Blitze warfen ein stroboskopartiges Licht auf die dunkler werdende Szenerie und wurden von Tausenden Glassplittern reflektiert.

Der Notarztwagen hielt nun hinter dem Schwertransporter und ein Arzt stieg aus. Zwei Sanitäter kümmerten sich bereits um dessen Fahrer, der auf einer Ambulanz-Liege saß. Er hatte keine sichtbaren Verletzungen. Sein Gesicht war leichenblass und er blickte mit weit aufgerissenen Augen auf den Pkw, der auf die Hälfte seiner ursprünglichen Größe zusammengestaucht war. Dampf quoll aus den Ritzen zwischen beiden Fahrzeugen.

Die Fahrertür des Pkw war mittels Schere und Spreizer gewaltsam geöffnet worden und gab nunmehr den Blick auf den Innenraum des Fahrzeuges frei. Die Fahrgastzelle war ebenfalls übersät mit Glassplittern. Aus dem Ballon des Airbags war die Luft entwichen und hatte sich schlaff über das völlig deformierte Lenkrad gelegt. Die Blutspuren waren auf dem Weiß viel besser zu erkennen als auf dem Fahrersitz und im Fußraum.

Ein Polizeibeamter fügte den blauen Blitzen weiße hinzu, als er die Unfallstelle aus allen Perspektiven fotografierte. Weitere Feuerwehreinsatzkräfte suchten die Straße, die Kreuzung und den angrenzenden Acker ab. Gegenstände, die auf der Fahrbahn lagen, wurden fotografiert und in einem grauen Plastiksack gesammelt.

Das Tageslicht wurde schwächer. Doch auch in der Dämmerung blieben die neugierigen Blicke der nun langsam vorbeifahrenden Autofahrer an dem weißen großen Tuch hängen, das am Straßenrand lag.

1

Viktoria Marland fühlte sich, als stünde sie am Ende der Welt. Sie sog die Luft tief in ihre müden Lungen ein, als könne sie sie so mit neuer Energie füllen. Unruhig breitete sich das endlose Meer vor ihr aus. Nur wenige Lichtstrahlen des herannahenden Tages bahnten sich einen Weg durch die Wolkenberge. Nebelschwaden stiegen aus den Dünen empor und tauchten die Landschaft in diffuses Licht. Trotzdem war es der schönste Sonnenaufgang, den sie je gesehen hatte. Sie hatte sich so sehr nach diesem Moment gesehnt. Wann immer die Müdigkeit dieser anstrengenden Nacht sie zu überwältigen drohte, hatte sie sich diesen Augenblick vorgestellt. Sie hatte ihr altes Leben verlassen, ohne zu wissen, wohin das führen würde. Vielleicht war es der größte Fehler, den sie je begangen hatte, vielleicht aber auch die größte Chance, die sie je ergreifen würde. Auch wenn sie einen langen Weg vor sich hatte, sie würde nie wieder dieselbe sein.

Doch nun musste sie schnell zurück zu ihrem Auto. „Parken nur für Appartement-Gäste“ stand auf dem Schild, das an einer geklinkerten Mauer prangte. Und damit das auch ausländische Touristen verstanden, zeigte die Grafik einen Abschleppwagen, der einen Pkw hinter sich her zog.

Seufzend zog Viktoria den Reißverschluss ihrer dunkelblauen Jacke bis obenhin zu und schob mit geübter Handbewegung ihre etwas über schulterlangen Haare aus dem Kragen. Für Mitte April war es durch den heftigen Wind recht kalt. Der Parkplatz war menschenleer. Von den gut 25 eingezeichneten Stellplätzen waren lediglich zwei besetzt. Es war erst kurz nach halb sieben Uhr morgens. Wie viele Appartement-Gäste würden sich hier wohl aufhalten? Die Osterferien waren schließlich schon vorbei. Sie wollte nach der langen Fahrt endlich ihr Ziel erreichen, daher war sie so nah wie möglich ans Meer herangefahren. Aber sie wollte auch kein Risiko eingehen. Daher fuhr sie ein Stück die Straße hinunter, bis sie einen Abstellplatz am Straßenrand fand, der zumindest für zwei Stunden das Parken erlaubte. Viktoria zog die Parkscheibe aus dem Handschuhfach und stellte sie auf sieben Uhr ein. Dann stieg sie aus und lief die Straße wieder zurück. Der Geruch von Salz hing in der Luft. Er erinnerte sie an ihre Kindheit. Feine Sandkörner prickelten auf ihrem Gesicht und färbten ihre müde blasse Haut rosa. Die blonden Haare wirbelten um ihren Kopf herum wie ein aufgescheuchter Wespenschwarm.

Nach wenigen Minuten erreichte sie den Deich und stieg die schmale Holztreppe erneut hinauf. Oben angekommen traf eine Windböe sie so heftig, dass sie einen Moment mit ihrem Gleichgewicht kämpfen musste. Da lag sie vor ihr, die unendliche Weite der Dünenlandschaft, durchsetzt von einzelnen Prielen und Wasserstellen. Zwei Möwen kämpften kurz gegen den Wind an, um sich dann von ihm ein weites Stück tragen zu lassen. Der Deich war an einigen Stellen zusätzlich mit Drahtgittern befestigt und zur Meerseite hin hatten sich Risse gebildet, aus denen Gras wuchs. Zu ihrer Rechten in etwa hundert Meter Entfernung erblickte sie auf einem Platz ein rötliches Holzgebäude mit weißen Fenster- und Dachrahmen. Von dort führte ein schier endlos langer Holzsteg zum Meer. Außer dem Geräusch der Brandung und einem einsamen Möwenschrei war nichts zu hören.

Viktoria ging auf dem Deich die wenigen Meter in Richtung Steg am Dünenhus vorbei, vor dem fest installierte Bänke im Sommer zu Konzerten und anderen Veranstaltungen einluden. Auf dem mit Holzbohlen befestigten Platz überholte sie keuchend ein Jogger im fortgeschrittenen Alter mit Wollmütze und hautenger Laufhose, sonst war niemand zu sehen.

Als sie den Seesteg erreichte, blies ihr der Wind frontal entgegen, und sie musste sich mit voller Kraft dagegen stemmen, um halbwegs aufrecht gehen zu können. Doch sie wollte ans Meer, wollte endlich am Wasser stehen, egal wie unruhig die See heute Morgen sein mochte. Sie war angekommen – am Strand von Sankt Peter Ording.

Die Fahrt war sehr anstrengend gewesen. Zu allem Überfluss hatte ihre Mutter Gertrud angerufen, als sie kurz vor Kassel war. Viktoria hatte sich nicht getraut, den Anruf abzulehnen, denn sie würde es so lange versuchen, bis sie sie erreichte und sie sich erklären musste, warum sie den Anruf nicht angenommen hatte. Trotz ihrer 39 Jahre hatte sie immer das Gefühl, ihr nicht zu entkommen und stets Rechenschaft schuldig zu sein.

Offenbar in der Stimmung, sich die Zeit zu vertreiben, hatte ihre Mutter gefragt, wie es ihr denn so ginge.

„Ich bin im Auto unterwegs.“

„Kommst du so spät von der Arbeit?“

Es war gerade mal 21 Uhr und nicht selten war sie wirklich erst um diese Zeit nach Hause gekommen. Ihr Vater hatte sich wohl in sein Büro zurückgezogen und somit hatte ihre Mutter Zeit. Dieter Marland arbeitete noch, obwohl er bereits das Rentenalter erreicht hatte. Als Diplom Ingenieur war er viele Jahre in einem großen Unternehmen tätig gewesen. Da ihm die Arbeit weiter Freude bereitete und man seine Expertise dringend benötigte, arbeitete er jetzt als externer Berater für sein ehemaliges Unternehmen. Viktoria hatte den leisen Verdacht, dass er ganz froh war, nicht allzu viel Zeit mit seiner Frau verbringen zu müssen. Die hatte ihren Beruf als Verkäuferin, wie es damals schlicht hieß, mit Viktorias Geburt aufgegeben, um sich ausschließlich um die Familie zu kümmern. Zu ihrem Leidwesen war es bei nur einem Kind geblieben, doch sie hatte nie wieder den Weg zurück ins Berufsleben gefunden.

„Du hast es gut, in einem so tollen Unternehmen zu arbeiten“, fing sie an zu plaudern. „Ich vermisse das ja schon ab und zu. Einfach mal unter Menschen zu sein, Anerkennung zu bekommen, das wäre schön.“ Sie hielt einen Moment inne und Viktoria wechselte sicherheitshalber auf die rechte Spur und verlangsamte ihr Tempo. Dann fuhr ihre Mutter fort. „Aber das war ja mit dir und der Karriere deines Vaters nicht denkbar. Einer musste sich schließlich um den Haushalt kümmern.“

Viktoria hörte nur mit halbem Ohr zu. Dieses Lamento wiederholte ihre Mutter bei jeder Gelegenheit. Es schien fast, als wolle sie sich verteidigen, dass sie nicht selbst Karriere gemacht hatte. Manchmal hatte Viktoria sogar den Eindruck, als neide sie ihr den Erfolg. Dabei hatte sie sie stets angetrieben, in der Schule genauso wie beim Sport, beim Musikunterricht und später bei der Berufswahl. Mittlerweile vermied Viktoria es, von ihrer Arbeit zu erzählen. Denn wann immer sie das tat, fiel ihre Mutter ihr ins Wort und hielt ihr vor, was sie besser oder anders hätte machen sollen. Nur selten stellte Viktoria sich die Frage, woher diese eigentlich glaubte zu wissen, was in ihrem Beruf richtig war. Doch das kleine Mädchen in ihr wünschte sich insgeheim Anerkennung.

Viktoria hatte sich ihr Leben lang nie getraut, ihrer Mutter Widerworte zu geben oder gar die Stimme gegen sie zu erheben. Deren funkelnde grüne Augen hatten sie stets davon abgehalten. Ihre Mutter hatte immer recht. Und Widerworte führten nur zu noch länger andauernden Vorträgen. So war sie still geworden und ließ es bis heute über sich ergehen.

„Mama, ich muss hier gerade ziemlich aufpassen, es ist viel Verkehr.“

„Ja, dann fahr lieber vorsichtig. Und komm endlich mal wieder vorbei. Man hört ja gar nichts mehr von dir.“

„Das mache ich, aber du weißt ja, ich hab viel Arbeit. Mach‘s gut.“ Damit hatte sie die Beenden-Taste gedrückt und am Rasthof Kassel eine längere Pause eingelegt, um etwas zu essen. Dann hatte sie sich wieder auf den Weg gemacht.

Zwischen Seesen und Bockenem hatte sie dann in einer Baustelle fast eine Stunde im Stau gestanden. Der Versuch, sich mit Hörbüchern wach zu halten und von diesem schrecklichen Tag abzulenken, war gescheitert. Hinter Hildesheim hatte sie ein Gewerbegebiet angefahren und im Auto ein wenig geschlafen.

Nun war sie endlich angekommen. Viktoria ging weiter den Steg entlang. Nun konnte sie die Brandung nicht nur hören, sondern im aufkommenden Tageslicht auch sehen. Sand und Regentropfen schlugen ihr ins Gesicht. Ihre Nase lief und sie kramte in ihrer Jackentasche nach einem Papiertuch. Um sie zu putzen, musste sie sich mit dem Rücken zum Wind drehen, sonst hätte er ihr das Taschentuch aus der Hand gerissen.

Irgendetwas hatte sie hierher gezogen, obwohl sie zuletzt vor fast 25 Jahren in Sankt Peter Ording gewesen war. Genau genommen nicht einmal am Meer, sondern auf einem Reiterhof etwas weiter im Landesinneren. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Hier oben war immer alles schön und leicht gewesen. Fast automatisch begann sie, die Melodie des Liedes zu summen, das sie mit diesem Ort verband:

Heimweh nach dem schönen, grünen Marschenland

Wo die Nordseewellen spülen an den Strand

Wo die Möwen schreien schrill im Sturmgebraus

Da ist meine Heimat, da bin ich Zuhaus

Die Sommer ihrer Kindheit auf diesem Reiterhof waren vor allem so schön, weil sie ohne Eltern stattgefunden hatten. Vor ihrem Auge tauchte wieder das rote, unter Denkmal stehende Backsteingebäude auf, in dessen erstem Stock sich die Sechser-Zimmer für die Kinder befunden hatten. Sie sah das große grüne Scheunentor, spürte die Ruhe im Inneren, nur hin und wieder unterbrochen vom leisen Schnauben der Pferde. Fast nahm sie den Geruch nach Heu und Pferd wieder wahr, den sie so sehr geliebt hatte.

Es war nicht das sonntägliche Lagerfeuer, die mit Gitarre gesungenen Lieder oder der Heuboden, in dem sie nach Herzenslust hatten herumtoben können. Es war auch nicht das gemeinsame Essen mit den vorgeschmierten Johannisbeer-Marmeladenbroten, der Discoabend, an dem sie sich einige Male als Sängerin versucht hatte oder die Ausflüge an den Strand. Was diesen Ort für Viktoria so magisch gemacht hatte, war das Gefühl von Freiheit.

Sie sah sich wieder alleine auf die Weide laufen. Ihr Lieblingspferd Julius graste am Rande der Koppel mit anderen Pferden und hob nur kurz den Kopf, als er sie kommen sah. Sie ging vorsichtig, um die Tiere nicht zu erschrecken, lief dann weit in die Weide hinein und suchte einen Platz, der vom Haus und dem Spielplatz aus nicht zu sehen war.

Dort setzte sie sich ins halbhohe Gras, saß einfach da, blickte in den Himmel und sah den Wolkenbergen zu, wie sie mal schnell, mal langsam einem fernen Ziel entgegen schwebten. Sie spürte den warmen Wind und hörte, wie er die Blätter der Pappeln, die die Koppel begrenzten, zum Rascheln und Glitzern brachte.

Sie hatte dort immer eine kleine Ewigkeit gesessen, niemand hatte gewusst, wo sie war, niemand wollte etwas von ihr. Sie hatte sich frei und voller Selbstvertrauen gefühlt. Und oft hatte sie sich dann vorgestellt, sich auf eine dieser Wolken zu setzen und mit ihr davon zu fliegen. Dort würde ihr niemand etwas anhaben. Dort wäre sie frei.

Viktoria spürte, wie ihre Energie bei diesen Gedanken zurückkehrte. Sie hatte schon so viel in ihrem Leben erreicht. Und auch jetzt würde sie bestimmt einen Weg finden. Aber in den letzten Monaten hatte sich irgendetwas verändert. Auf einmal schien sie vieles nicht mehr im Griff zu haben. Gewohnte Methoden funktionierten plötzlich nicht mehr. Und eine zunehmende Unzufriedenheit hatte sich in ihr breitgemacht.

In zahlreichen Führungsseminaren hatte sie gelernt, dass man sich immer ein festes Ziel suchen sollte. Am besten, man stellte sich genau vor, wie das gewünschte Endergebnis aussah und steuerte dann darauf zu. Doch sie hatte im Moment nicht die leiseste Vorstellung davon, wie ihr Leben eigentlich aussehen sollte.

2

Es herrschte Flut, denn das Wasser überspülte die unterste Markierung für den Hundestrand um mindestens zehn Meter. Die Wellen brachen und produzierten weiße Schaumkronen, die sich am Flutsaum ablagerten.

Viktoria blieb eine ganze Weile am Wasser stehen. Der Himmel hatte sich mittlerweile zugezogen und war nun eine einzige graue Masse. Sie spürte, wie die Kälte von ihrem Körper Besitz ergriff. Die lange Fahrt durch die Nacht, der ermüdende und aussichtslose Streit mit Frank, die Vorkommnisse im Büro. Die Gedanken kreisten in ihrem Kopf wie ein Karussell, das niemals anhielt. Sie wollte nur weg, alles hinter sich lassen und am liebsten nie mehr zurückkommen.

Jetzt würde sie sich erst einmal eine Unterkunft suchen. Hoffentlich gab es um diese Zeit schon ein Zimmer, das sie beziehen konnte. Wieder am Anfang des Seesteges angekommen, entdeckte sie ein Hotel mit einem schönen Café im Erdgeschoss. Bodentiefe Fenster umsäumten den kompletten Gastraum und auch zu dieser frühen Stunde war schon einiges los. Bei dem Gedanken an einen frisch gebrühten Kaffee und knusprige Brötchen wurde ihr bewusst, wie hungrig sie war. Am Fenster direkt hinter dem Windfang neben der Eingangstür war ein kleiner Tisch frei. Von dort hatte sie einen herrlichen Blick auf die Dünen.

Sie setzte sich und entschied sich nach einem Blick in die Speisekarte für das „Große Deichfrühstück“. Eine zierliche Kellnerin mit dunklem Pferdeschwanz, klimpernden Ohrringen und den unvermeidlichen Rissen an Knie und Oberschenkel in der schwarzen Jeans begrüßte sie und nahm ihre Bestellung auf.

„Möchten Sie Kaffee oder Tee dazu? Ich kann Ihnen unsere Teesorten empfehlen, sie stammen alle aus nachhaltiger Produktion.“

Die Sorten klangen in der Tat verlockend und so bestellte Viktoria einen Tee mit Apfel und Minze. Wenig später stand bereits die Glaskanne vor ihr auf dem kleinen wackligen Tisch.

„Bitte 3 bis 4 Minuten ziehen lassen.“ Die Bedienung erklärte, wie sie den Sieb-Einsatz drehen musste, um den Ziehvorgang zu beenden. Viktoria stellte den Timer ihres Smartphones auf 3:30 Minuten und wartete genau die angegebene Zeit ab. Dann schenkte sie sich die erste Tasse ein. Auf Zucker und Milch verzichtete sie wie immer. Zu viele Kalorien. Als das heiße Getränk ihren Hals hinunter in den Magen rann, wurde ihr endlich wieder warm. Sie blickte erneut auf ihr Smartphone. Kein Empfang und damit auch keine Nachrichten. Es ist alles für etwas gut im Leben, dachte sie bei sich und steckte das Handy wieder in ihre Tasche. Sie war weg, nicht erreichbar und das war auch gut so. Sollten sich Frank und auch alle anderen ruhig ein paar Gedanken machen.

Vom Frühstück aß sie das Rührei, den mageren Schinken sowie Joghurt mit Früchten. Zum Abschluss gönnte sie sich mit schlechtem Gewissen eine Hälfte des knusprigen Brötchens mit Marmelade, jedoch ohne Butter. Auf das Mittagessen würde sie dafür verzichten. Mit einem Bürojob und wenig Zeit musste sie stets aufpassen, nicht zuzunehmen. Doch es fühlte sich gut an, etwas im Magen zu haben und nicht mehr zu frieren. Nun fehlte ihr nur ein wenig Schlaf. Sie sprach die Bedienung an.

Ich denke, jetzt nach Ostern sollten Sie ohne Probleme ein Zimmer bekommen. Zurzeit haben wir nur am Wochenende einige Tagesgäste aus Hamburg und Umgebung da. Die kommen aber nur bei schönem Wetter. Also heute eher nicht.“ Sie deutete mit einem Kopfnicken in Richtung Himmel und lachte. Viktoria zahlte und ließ sich den Weg durch das Innere des Gebäudes zur Rezeption zeigen. Wenig später betrat sie ein großzügiges und modern eingerichtetes Zimmer im 5. Stock. Herrlich, sie würde morgens beim Aufwachen das Meer sehen!

Mittlerweile war es kurz vor halb zehn. Langsam formte sich ein Plan in ihrem Kopf. Sie würde sich bei ihrer Chefin für die nächsten Tage krank melden und bis Montag bleiben. Eine Auszeit mit langen Spaziergängen würde ihr sicher guttun. So konnte sie in Ruhe nachdenken.

Sie rief kurz bei ihrer Assistentin an, die zum Glück keine weiteren Fragen stellte. Das wäre erledigt. Nun musste sie ihr Auto umparken, ihre in der letzten Nacht hastig gepackte Reisetasche holen und dann konnte sie sich in Ruhe ausschlafen.

Als Viktoria sich wenig später in die weichen Kissen sinken ließ und einen letzten Blick auf das tosende Meer erhaschte, hörte sie wie aus weiter Ferne den Klopfton, der eine neue Nachricht auf ihrem Handy signalisierte.

„Jetzt nicht ...“, murmelte sie vor sich hin, bevor sie in einen tiefen Schlaf versank.

Als sie erwachte, wusste sie zunächst nicht, wo sie war. Der Himmel war strahlend blau und Sonne blendete sie. Staubpartikel hingen in der Luft und gaben den Sonnenstrahlen eine Form, die jetzt das Zimmer erhellten. Wie spät mochte es sein? Auf dem Nachttisch stand ein Radiowecker. Die roten Ziffern zeigten 13:36 Uhr. Viktoria streckte sich, gähnte und setzte sich auf. Ihr Handy blinkte. Sie nahm es vom Nachttisch, legte den Daumen auf den Home-Button und schaltete den Sperrbildschirm damit aus. Die Nachrichten waren alle von Frank: Du bist aber früh los heute Morgen. Ich wünsche dir einen schönen Tag, lautete die Erste. Er hatte offenbar gar nicht gemerkt, dass sie bereits gestern Nacht nicht mehr zu Hause war und geglaubt, sie habe im Gästezimmer übernachtet. Komm, jetzt sei nicht mehr beleidigt. Und wenig später: Jetzt melde dich wenigstens mal kurz. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er allmählich ungehalten wurde. Das ist doch albern. Okay, unser Streit tut mir leid. Jetzt schreib mal zurück. Das war die letzte Nachricht von vor einer Stunde.

Viktoria hatte keine Lust zu antworten. Für sie gab es nichts zu sagen. Und der Punkt, an dem sie einfach über den Streit hinweg und zur Tagesordnung übergehen konnte, war für sie überschritten. Nach zwölf Jahren Beziehung wollte sie aber auch nicht unfair sein. Also tippte sie eine kurze Nachricht: Ich brauche mal Abstand, bin bis Montag verreist. Mach dir keine Sorgen. Er las die Nachricht sofort und tippte seinerseits einen Text ein. Wo bist du? Was soll das heißen, du brauchst eine Auszeit? Zum Glück rief er nicht an, denn sie war noch nicht bereit, mit ihm zu sprechen. Viktoria antwortete noch einmal: Wir reden, wenn ich zurück bin. Dann schaltete sie das Handy sicherheitshalber aus und kam sich furchtbar feige vor. Im Job hatte sie gelernt, Konflikte nicht aufzuschieben, sondern sofort zu lösen. Aber sie hatte keine Lust mehr, alles immer richtig zu machen. Sie wollte nur weg sein, verschwinden und in Ruhe gelassen werden.

Jetzt erst fiel ihr das moderne Bad mit den hellen Fliesen und der großen Eckbadewanne auf. Das war jetzt genau das Richtige. Sie stand auf und ließ heißes Wasser einlaufen, gab reichlich von dem vorhandenen Badeschaum dazu und beobachtete, wie sich die Wanne füllte. Ein Duft von Vanille und Kirsche breitete sich aus. Sie zog ihren blauen Pyjama aus und ließ sich genussvoll in den warmen Schaum gleiten. In der großen Wanne musste sie mit ihren 1,65 Metern aufpassen, nicht abzurutschen und unterzugehen. Ihr Körper entspannte sich allmählich. Jetzt erst merkte sie, wie angespannt sie die ganze Zeit gewesen war. Es tat gut, alleine und nicht erreichbar zu sein. In dem Großraumbüro, in dem selbst Führungskräfte kein eigenes Zimmer mehr hatten, konnte sie nicht einmal auf die Toilette gehen, ohne dass sie unterwegs angesprochen oder um Hilfe gebeten wurde.

Nach einer gefühlten Ewigkeit herrlicher Entspannung beschloss sie, einen langen Strandspaziergang zu machen. Unterwegs konnte sie sich eine Kleinigkeit zu essen holen.

Direkt am Hotel befanden sich einige Bars, Eisdielen und Restaurants. Rechts verlief eine schmale, mit roten Backsteinen gepflasterte Straße, die von Hotels, Reha-Kliniken sowie zahlreichen netten Geschäften gesäumt wurde. Die Menschen trugen dicke Jacken und Mützen, einige die für Seeleute so typischen Strickmützen in Dunkelblau. Es roch nach Fisch, Pommes Frites und frischen Waffeln.

Ihr Blick fiel auf eine Werbetafel, auf der ein bunter Fallschirm über der traumhaften Nordseekulisse abgebildet war.

„Das Abenteuer startet direkt am Strand von Sankt Peter Ording. Dort erhalten Sie von ihrem Tandemmaster eine Einweisung, bevor es zum Flugplatz geht. Schon während des Steigfluges können Sie die traumhafte Aussicht auf die norddeutsche Küste genießen. Dann folgt das einmalige Erlebnis des freien Falls aus 4000 Meter Höhe. Wo Sie landen möchten, können Sie selbst entscheiden: zurück auf dem Flugplatz oder ... direkt auf dem breiten Strand von Sankt-Peter-Ording.“

Viktoria blieb wie gebannt stehen. Allein das Foto mit der Kulisse war atemberaubend. Frank hatte sie im Urlaub einmal zu einem Bungeesprung überreden wollen. Es schien ihr jedoch wenig reizvoll, sich für wenige Sekunden in die Tiefe zu stürzen und dann kopfüber in der Luft zu hängen. Das hier klang dagegen nach einem traumhaften Erlebnis. Hatte sie nicht immer davon geträumt, auf eine Wolke zu springen und mit ihr davon zu fliegen?

„Alles hat seinen Sinn im Leben“, sagte ihr Vater immer. Und dass dieses Angebot gerade jetzt gemacht wurde, sollte wohl einen Sinn haben. Jetzt oder nie. Viktoria zog ihr Smartphone aus der Tasche und wählte die angegebene Nummer.

Bereits für morgen Vormittag bekam sie einen der wenigen freien Termine. Das war auch gut so, vielleicht hätte sie es sich sonst anders überlegt.

Sie lief um das Hotel herum und gelangte zu einem großen Platz, an dessen Ende der Seesteg zum Meer begann. Diese „Seebrücke“ hatte einst über Wasser zu einer Sandbank geführt. Über die Jahre war jedoch immer mehr Sand angeweht worden und es hatten sich Dünen und schließlich die sogenannten Salzwiesen gebildet. Heute gelangte das Wasser nur noch bei Sturmfluten und widrigem Wetter bis an den Ort heran. Der Deich bildete in diesen Fällen die letzte Absicherungslinie vom Meer. Bis Viktoria den Strand erreichte, der sich nun deutlich ausgedehnt hatte, vergingen gut fünfzehn Minuten. Diese großzügige Weite hatte sie gar nicht mehr in Erinnerung gehabt.

Die Sonne schien strahlend vom tiefblauen Himmel, große weiße Watte-Wolken jagten darüber einem fernen Ziel entgegen. Morgen würde sie selbst dort oben sein!

Im Gegensatz zu heute Morgen waren viele Menschen unterwegs. Die Erwachsenen genossen das herrliche Wetter, gingen spazieren oder spielten mit ihren Hunden. Kinderlachen begleitete das bunte fröhliche Treiben, während sie Möwen jagten oder Muscheln sammelten.

Viktoria entschied sich für den Weg in Richtung Süden zum Böhler Leuchtturm. Hier waren weniger Menschen unterwegs und es gab keine Pfahlbauten mehr. Die Sonne zauberte Millionen Glitzerpunkte auf die bewegte Wasseroberfläche. Möwen schwebten darüber, während die kleinen eifrigen Strandläufer mit ihren kurzen Beinchen über den Spülsaum rannten und hier und da Nahrung aufpickten. Sie drehte sich zum Meer hin, sog die frische raue Luft ein und ein lange nicht mehr erlebtes Glücksgefühl machte sich in ihr breit.

3

Viktoria lief flotten Schrittes am Flutsaum entlang. Nur vereinzelte Spaziergänger - zumeist mit Hunden - kamen ihr entgegen. In einigem Abstand vor ihr spazierte ein Pärchen. Der Sand war nass und fest. Sie trug zwar knöchelhohe Wanderboots, die aber mitnichten wasserfest waren. Auf der Landseite nahm sie immer wieder kleine Wasserstellen und Priele wahr, dahinter erstreckte sich nach dem breiten Sandstrand die Dünenlandschaft, für die Sankt Peter Ording so bekannt war. Die Häuser schienen in einer Linie entlang des Deiches gebaut zu sein. Immer wieder ragten klotzige Betongebäude zwischen den Kiefernwäldern auf und Viktoria fragte sich, warum man schöne Orte mit solch hässlichen Bauwerken verschandelte.

Sie marschierte weiter und weiter, als wolle sie ihren Gedanken davonlaufen, doch die holten sie immer wieder ein. Irgendwann ließ sie sie zu. Die letzten Wochen waren nicht gut verlaufen. Wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass es schon eine Weile nicht mehr gut lief ...

***

Nach dem Abitur in der Kleinstadt, in der ihre Eltern heute noch lebten, hatte sie eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau gemacht und war damit auf das Unverständnis der meisten ihrer Mitschüler gestoßen. Mit Abi nur eine Lehre machen? Das schien vielen undenkbar. Die anderen hatten große Pläne, wollten exotische Studiengänge belegen wie Indologie, archäologische Wissenschaften oder wenigstens etwas Karriereförderndes wie Betriebswirtschaftslehre.

Eigentlich wollte Viktoria ebenfalls studieren. Alles rund um das Thema Sprachen interessierte sie, denn sowohl ihr Englisch als auch ihr Französisch waren sehr gut. Sie dachte auch über Literatur oder Journalismus nach. Doch ihre Mutter drängte sie, etwas Vernünftiges zu lernen.

„Als Versicherungskauffrau hast du eine gute Altersversorgung, das ist heutzutage wichtig. Und wenn du dich nicht ganz blöd anstellst, kannst du Prokuristin oder Direktorin werden.“

Journalisten und Schriftsteller hingegen gäbe es wie Sand am Meer. Schreiben sei außerdem eine brotlose Kunst, war ihre Meinung. Wann immer sie eine negative Buch-Kritik fand, legte sie sie ihrer Tochter auf den Schreibtisch.

„Siehst du, so etwas musst du dann aushalten. Du tingelst durch die Gegend, hockst spätabends in verräucherten Kneipen und machst Lesungen.“

Einmal fand sie eine Statistik, in der die Einkommen verschiedener Berufsgruppen aufgelistet waren. Mit einem dicken roten Stift umrandete sie die Kategorie der 'Schreiberlinge' und versah sie mit Ausrufezeichen. Kaufmännische Angestellte rangierten deutlich weiter oben. Diese markierte sie grün.

Beim letzten Familienurlaub vor dem Abitur war ihr Vater leider nicht mitgekommen, da er einen Kollegen vertreten musste. Darüber war Viktoria sehr traurig, denn sie hätte gerne mit ihm ihren möglichen Werdegang besprochen. Im Urlaub hätten sie in Ruhe miteinander reden können. Ihr Vater arbeitete damals schon viel und hatte wenig Zeit für seine Familie. Abends und am Wochenende spielte er Tennis oder erledigte notwendige Handwerkerarbeiten. Es gab kaum Gelegenheit, ein längeres Gespräch zu führen.

Und so musste Viktoria sich in diesem Urlaub endlose Vorträge ihrer Mutter anhören. Als sie einmal vorschlug, wenn sie schon eine Ausbildung mache, dann vielleicht etwas mit Reisen, hatte diese gleich ein neues Thema gefunden.

„Da bist du nur eine bessere Verkäuferin und musst den Leuten was aufschwatzen.“ Es gab keinen Tag, an dem sie nicht auf sie einredete.

Irgendwann gab Viktoria auf. Sie hatte ohnehin keine Vorstellung, wie das Berufsleben aussah. Aber ein Wunsch wurde immer größer: Sie wollte unabhängig sein und ihr eigenes Geld verdienen. So bewarb sie sich schließlich um die gewünschte Ausbildung zur Versicherungskauffrau. Ihre Mutter kontrollierte jedes ihrer Bewerbungsschreiben und begleitete sie zum Fotografen für die Bewerbungsfotos.

Es schadet ja nicht, dass du einigermaßen gut aussiehst. Man muss seine Vorteile nutzen. Lange blonde Haare kommen immer gut an bei den männlichen Personalchefs.“ Viktoria wollte sich später keine Vorwürfe anhören, wenn sie nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen wurde. Also tat sie, was ihre Mutter für richtig hielt. Heute fragte sie sich manchmal, warum sie deren Meinung nie infrage gestellt hatte. Bei Eltern setzte man – zumindest in jungen Jahren – wohl einfach voraus, dass sie immer recht hatten und sich besser auskannten. Außerdem war es vor 20 Jahren kaum möglich gewesen, sich unabhängige Informationen zu beschaffen.

Ihre Mutter machte ihr eine Liste mit Adressen der Firmen, an die sie ihre Bewerbungen schicken sollte. Neben der örtlichen Versicherungsagentur waren fast alle in Frankfurt oder Köln ansässig. Viktoria witterte ihre Chance, endlich aus der Kleinstadt herauszukommen.

Das erste Auswahlverfahren in Köln bestand sie nicht.

„Leider müssen wir Ihnen mitteilen .... Wir wünschen Ihnen für Ihre berufliche Zukunft alles Gute“, stand in dem Brief, den sie wenige Tage darauf erhielt. Ihre Mutter tobte. Mit ihren grünen Augen, die Viktoria seit jeher in eine Angststarre versetzten und es ihr unmöglich machten, klar zu denken, funkelte sie sie vorwurfsvoll an:

„Wenn es auf dich ankommt, versagst du!“

Viktoria unterdrückte mühsam die Tränen, bis sie in ihrem Zimmer ankam. Dort weinte sie hemmungslos und grübelte tagelang, was sie falsch gemacht hatte. Erst viel später verstand sie, dass Absagen völlig normal waren. Viele Bewerber bestanden Aufnahmetests nicht. Die Tagesform, die ungewohnte Umgebung, die Aufregung und natürlich auch, was das jeweilige Unternehmen gerade suchte, spielten eine entscheidende Rolle.

Zu den nächsten Terminen ging sie, ohne ihrer Mutter etwas davon zu erzählen. Und schließlich klappte es. Eine große Versicherungsgesellschaft lud sie gleich für den folgenden Tag zu einem Einzelgespräch ein. Am Ende hielt sie einen Ausbildungsvertrag in Händen und konnte ihr Glück kaum fassen. Stolz lief sie nach Hause und legte ihrer Mutter den Vertrag auf den Tisch.

„Siehst du, wenn ich dich nicht ein bisschen motiviert hätte, hätte es nie geklappt.“

Die Ausbildung lag ihr. Anfangs war sie noch etwas schüchtern. Sie traute sich kaum, das Telefon abzuheben aus Angst, jemand könne eine Frage stellen, auf die sie keine Antwort wusste. Aber mit der Zeit wurde sie selbstbewusster.

Nach Abschluss der Ausbildung bot man ihr eine Festanstellung an. Das Gehalt reichte für eine kleine Wohnung. Es war wunderbar, finanziell unabhängig zu sein. Das wollte sie auf keinen Fall wieder aufgeben. Darüber hinaus bot ihr ihr Arbeitgeber immer wieder neue interessante Aufgaben an. Mit 28 Jahren war sie bereits in leitender Funktion.

Als vor ein paar Jahren die große Finanzkrise über die Unternehmen hereinbrach, ging es auch Viktorias Arbeitgeber schlechter. Schließlich kam die Ankündigung, dass das Unternehmen umstrukturiert werden müsse. Am Ende ging es natürlich darum, Personal abzubauen. Augenblicklich merkte sie, wie der Konkurrenzkampf untereinander wuchs. Kollegen, die eben noch gut zusammengearbeitet hatten, fuhren ihre Ellenbogen aus und nutzen jede Gelegenheit, um sich selbst positiv darzustellen.

Viktoria wurde zunehmend dünnhäutiger. Sie schlief schlecht, aß wenig und hatte kaum noch Lust, Freunde zu treffen oder mit Frank das ganze Wochenende unterwegs zu sein.

Und dann bekam sie einen neuen Kollegen aus der Konzernzentrale: Pim van den Baan, ein großer dürrer Holländer mit ungepflegter, viel zu weiter Kleidung und Haaren, die dringend mal ordentlich geschnitten werden müssten. Pim verlor keine Zeit. Sein erstes Ziel war Viktorias Abteilung.

„Der Service hier ist katastrophal, unsere Kunden sind unzufrieden“, stellte er schon im zweiten Meeting fest.

„Ja stimmt, weil wir viel zu viele Aufgaben und zu wenig Leute dafür haben.“

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, dass Sie in Zeiten wie diesen mehr Personal fordern, Frau Kollegin. Auch Ihnen sollte bekannt sein, dass wir effizienter werden und Kosten einsparen müssen.“

Die Diskussion fand vor dem gesamten Management statt. Alle beobachteten Viktoria gespannt. Sie biss die Zähne fest aufeinander und lächelte, bevor sie antwortete: „Daran arbeiten wird bereits seit Monaten ...“

„Dann sind Sie bisher aber nicht weit gekommen“, unterbrach er sie. „Im Head Office machen die Kollegen die gleiche Arbeit mit viel weniger Personal.“

Viktoria blickte hilfesuchend zu ihrer Chefin. Doch Sabine, die sie eigentlich seit Monaten unterstützte, saß nur stumm da. Vielleicht hatte man ihr gesagt, dass sie sich zurückhalten solle, wenn ihr ihr Job lieb war.

„Mag sein, dass sie in Holland weniger Personal für die gleiche Arbeit brauchen. Allerdings stehen dort auch andere IT-Systeme zur Verfügung.“ Viktoria ärgerte sich im selben Augenblick, dass sie sich an die Wand drängen ließ.

Sabine warf ihr einen Blick zu, den sie nicht deuten konnte, sagte aber weiterhin nichts.

„Nun, vielleicht sollten wir das Thema lieber unter vier Augen besprechen. Denn auch in Ihrer Abteilung, Pim, gibt es erhebliche Defizite. Vielleicht könnten wir uns mit einigen Ihrer und einigen meiner Mitarbeiter zusammensetzen und in Ruhe darüber reden?“ Viktoria musste ihre Souveränität zurückgewinnen. So leicht würde sie sich nicht unterkriegen lassen.

„Natürlich. Dann können wir auch gleich darüber reden, warum Ihre Abteilung keine ausländischen Kunden betreuen möchte.“ Viktoria atmete tief ein und zwang sich, nicht zu antworten. Dieses Streitthema gab es schon lange. Der Moderator des Meetings beendete glücklicherweise die Diskussion an diesem Punkt und notierte im Protokoll einen Folgetermin zur Erörterung des Themas.

Dieser Pim hatte schlichtweg keine Lust, ausländische Unternehmen zu betreuen. Im einige Tage später stattfindenden Meeting betonte er, er sei dafür eingestellt worden, sich ausschließlich um deutsche Kunden zu kümmern. Viktoria wusste genau, dass es ihm nur um die attraktiveren Geschäfte ging. Ausländische Kunden hatten oft andere Geschäftsgebaren und andere rechtliche Voraussetzungen. Das war ihm zu anstrengend. Er wollte mit seiner Abteilung schnelle Erfolge und die versprachen vor allem die deutschen Kunden. Viktoria entgegnete nicht zum ersten Mal, dass ihre Abteilung für die Bearbeitung von Kundenaufträgen zuständig sei, nicht aber für die persönliche Betreuung. Dafür seien ihre Mitarbeiter weder ausgebildet, noch gebe es die entsprechenden Kapazitäten. Doch Pim ignorierte sie. Das Gespräch führte zu keiner Lösung.

Gestern dann hatte Pim ohne Abstimmung begonnen, Kunden aus diesem Segment an sie weiterzuleiten. Auf einmal klingelte ihr Telefon, sie bekam E-Mails, in denen er Viktoria namentlich als zuständige Ansprechpartnerin nannte. Er schuf Fakten und stellte Viktoria vor vollendete Tatsachen. Das Schlimme war, dass sie die Kundenanfragen nicht beantworten konnte. Es war einfach nicht ihr Fachgebiet und eben auch nicht die Aufgabe ihrer Abteilung. Nach dem vierten Anruf war es mit ihrer Beherrschung vorbei. Sie rief Pim an.

„Hören Sie mir jetzt genau zu. Ich weiß nicht, was für eine Nummer Sie hier abziehen, aber wenn Sie noch ein einziges Mal meinen Namen an Kunden herausgeben, lernen Sie mich kennen.“ Mit dieser, wie sie hoffte deutlichen Ansage legte sie auf.

Zehn Minuten später rief der nächste Kunde an, dann folgte die E-Mail eines weiteren. Na bitte, wenn er es unbedingt wollte, das konnte er haben! Kämpfen hatte sie gelernt. Die Zeiten als schüchternes Mädchen vom Land, das Angst hatte, das Telefon abzunehmen, waren lange vorbei!

Sie schnappte sich die ausgedruckten Kundenanfragen und jagte wie eine Löwin, die zum Sprung auf ein Gnu ansetzt, in das zwei Etagen tiefer liegende Großraumbüro von Pim. Der saß völlig entspannt auf seinem Stuhl, weit zurückgelehnt und die Beine übereinandergeschlagen. In der einen Hand hielt er eine Kaffeetasse, in der anderen den Telefonhörer. Er grinste und wippte leicht vor und zurück.

„Der hab ich's gezeigt, der blöden Nuss. Die hat mich von Anfang an genervt, meint, sie könnte alles besser. Die soll da oben erst mal ihre Arbeit machen, ich kümmere mich hier doch nicht um so einen Kleinkram ...“

Er stockte, als er Viktoria auf sich zustürmen sah. Sie baute sich vor ihm auf und klatschte ihm die ausgedruckten E-Mails auf den Tisch. „Damit Sie es jetzt endlich verstehen, mache ich es einfach: Ihre Abteilung – Kundenbetreuung, meine Abteilung – Sachbearbeitung. Und wenn Sie noch ein einziges Mal“, sie sprach jetzt akzentuiert und betonte jede Silbe, „meinen Namen oder den meiner Mitarbeiter an Kunden herausgeben, bin ich zehn Minuten später beim Vorstand!“ Im eben noch hektischen Büro wurde es still. Auch Pim war einen Moment sprachlos, dann sagte er in den Telefonhörer:

„Ich ruf dich zurück, Schatz, ich muss mich hier erst mal um eine wildgewordene Furie kümmern.“

Viktorias Herz fühlte sich an wie eine lodernde Flamme in ihrer Brust und nahm ihr fast den Atem. Ihre Nägel krallten sich in ihre Fäuste.

„Ich bin keine Furie, aber offenbar verstehen Sie es nicht anders. Hören Sie endlich auf und machen Sie ihren Job! Sie können sich nicht mal die Haare ordentlich kämmen und von Unternehmensführung haben Sie schon gar keine Ahnung. Gehen Sie einfach dahin zurück, wo Sie hergekommen sind!“

40 Augenpaare waren auf Viktoria gerichtet. Niemand schien auch nur mehr zu atmen.

„Na, nun beruhigen Sie sich mal“, hörte sie eine Stimme weiter hinten im Raum. Sie ignorierte die Bemerkung.

„Ich werde keine Kundenanfragen mehr beantworten und die Gespräche direkt zu Ihren Mitarbeitern weiterleiten. Haben Sie das verstanden?“ Viktoria stützte beide Fäuste auf seinen Schreibtisch. Pim stand nun ebenfalls auf und wollte etwas sagen, doch Viktoria war schneller.

„Haben Sie das verstanden?!“, schrie sie. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ das Büro. 40 Augenpaare blickten ihr nach. Noch bevor die Tür ins Schloss fiel, schwoll das Stimmengewirr an wie ein Bienenschwarm, der sie verfolgte.

Sie wusste später selbst nicht mehr, was in sie gefahren war. Wo hatte sie ihre Sachlichkeit und Professionalität gelassen? Wie ein Kleinkind hatte sie herumgebrüllt. Das war ihr noch nie passiert. Das nächste Meeting fand in zehn Minuten statt. Sie konnte jetzt unmöglich daran teilnehmen. Mit dem Fahrstuhl fuhr sie zurück nach oben in ihr Büro, packte ihre Sachen zusammen, entschuldigte sich kurz bei der Abteilungsassistentin und verließ das Gebäude. Erst einmal raus, weg hier, durchatmen.

Sie rannte los und erwischte die einfahrende Straßenbahn. Als sich die rettenden Türen hinter ihr schlossen, hielt sie sich erschöpft an einer Haltestange fest. Am Hauptbahnhof stieg sie aus. Der Frühlingswind kühlte ihre brennenden Wangen zumindest etwas.

Erst beim Betreten der Bahnhofshalle nahm sie ihre Umwelt wieder wahr. Viktoria mochte das Gewimmel von Ankommen und Abfahren, die vielen Menschen und zahlreichen Geschäfte. Am Südausgang befand sich eine Bar. Dort genehmigte sie sich einen doppelten Whisky.

Allmählich beruhigte sich ihr Herzschlag. Sie hatte sich völlig blamiert. Sie hatte Pim seine Grenzen aufzeigen müssen, allerdings ging ihr Verhalten - noch dazu vor Mitarbeitern - überhaupt nicht. Was hatte sie nur so weit gebracht? Und was sollte sie jetzt tun? Reuevoll zurückzukehren und sich zu entschuldigen, war keine Option. Sicher machte der Vorfall bereits überall die Runde. Man würde sie verurteilen, an ihrer Professionalität zweifeln und sich über sie lustig machen. Obwohl sie sachlich im Recht war, stand sie nun als diejenige da, die sich falsch verhalten hatte. Wer schreit, hat unrecht, niemand fragt nach dem Grund. Sie hatte vollkommen versagt. Wenn es auf dich ankommt, versagst du.

Bevor sie nach Hause fuhr, musste sie ihre Gedanken sortieren. Und so verließ Viktoria das Bahnhofsgebäude wieder und schlenderte ziellos durch das belebte Viertel. Am Schauspielhaus bog sie ab und spazierte hinunter zum Main. Hier waren immer viele Menschen und sie konnte in der Menge verschwinden.

Vom Eisernen Steg winkten Touristen den Ausflugsschiffen der Primus Line zu. Ein Flusskreuzfahrtschiff legte am Kai darunter an. Am liebsten wäre Viktoria zugestiegen und davon gefahren. Den Drang zu fliehen hatte sie in den letzten Monaten oft verspürt. Am gegenüberliegenden Ufer stand die Dreikönigskirche von der Sonne beschienen unerschütterlich da. Gelassen schien sie das Wasser des Mains zu beobachten, das träge dahinfloss und irgendwann in den Rhein münden und sich schließlich in der Nordsee verlieren würde.

Viktoria lief und lief und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Sie spürte, dass an diesem Tag ein Wendepunkt in ihrem Leben erreicht war. Erst Stunden später hatte sie sich auf dem Heimweg gemacht. Sie hatte mit Frank reden und von ihm einen Rat bekommen wollen. Als Zahnarzt konnte er viele ihrer Probleme zwar nicht nachvollziehen, aber einen Versuch war es wert. Das hatte sie zumindest geglaubt.

4

„Dein Abenteuer beginnt hier“ kündigte das Schild an, das extra zu diesem Zweck am Strand aufgestellt worden war. Mit rotweißen Plastikbändern war ein weiträumiger Bereich abgesperrt worden, damit die Springer genügend Platz hatten zum Landen. Hier tummelten sich bereits einige Menschen. Ein paar trugen bunte Overalls und Schutzbrillen und erinnerten an Piloten aus alten Filmen. Da Tandemsprünge nicht regelmäßig angeboten wurden, diente ein provisorisch aufgestellter Tisch als Anlaufstelle.

„Du bist allein?“, fragte ein junger drahtiger Kerl mit zerzausten Haaren, der Viktoria eher an einen Windsurfer erinnerte.

„Füll das hier bitte aus.“ Er reichte ihr ein Klemmbrett und einen billigen Plastik-Kugelschreiber. „Und deinen Ausweis bräuchte ich bitte.“

Neben ihren persönlichen Daten wurde nach Größe und Gewicht gefragt.

„Das dient der Einordnung der Tandems.“

Viktoria füllte alles brav aus und unterschrieb die Haftungserklärung, ohne sie durchzulesen. Für einen Moment huschte der Gedanke durch ihren Kopf, was wäre, wenn sie hier und heute verunglücken würde. Darüber wollte sie nicht nachdenken. Sie hatte sich dafür, wenn auch sehr spontan, entschieden und vertraute den Profis. Für sie sollte es der Beginn von etwas Neuem sein. Ein Sprung in die Freiheit sozusagen!

„Wo möchtest du gerne landen?“

„Sehr gerne am Strand, wenn das geht“, antwortete Viktoria, ohne zu zögern.

„Na klar geht das. Warte bitte hier. Ich denke, Viktor wird dich übernehmen.“

Was immer das bedeutete, Viktoria tat, wie ihr geheißen. Sie setzte sich auf einen der Klappstühle, die man um den Stand herum aufgebaut hatte, und beobachtete das muntere Treiben. Sie hatte wettertechnisch einen Traum Tag erwischt. Die Sonne schien vom eisblauen Himmel, der sehr zu ihrer Freude einige plüschig aussehende Wattewolken aufwies. Sie betrachtete sie sehnsüchtig. In so eine Wolke würde sie hoffentlich in Kürze hineinspringen!

Außer den Tandemspringern waren nur einige Spaziergänger unterwegs, die fast alle stehen blieben und dem Geschehen eine Weile zusahen. Gerade näherte sich wieder einer der bunten Fallschirme. Viktoria sah, dass beide Männer, die dicht hintereinander geschnallt waren, die Beine anzogen und mit dem Hinterteil im Sand landeten. Der hintere war offensichtlich der Profi, der nun begann, die schweren Karabinerhaken zu öffnen. Der Zweite saß etwas benommen und ziemlich blass vor ihm und beeilte sich, aufzustehen und in Richtung Toilette zu rennen, sobald er befreit war.

Viktoria, die selbst oft bei Busfahrten, auf kleinen Booten oder auf Rücksitzbänken im Auto reisekrank wurde, konnte nachfühlen, wie es dem jungen Mann gerade ging. Trotzdem hatte sie keine Sorge, dass ihr heute das Gleiche passieren würde.

Bist du die Vicky?“ Ein gut 50-jähriger Mann mit deutlichen Geheimratsecken, schmalen braunen Augen und einem Bauch, als hätte er einen Medizinball verschluckt, kam direkt auf sie zu. Mit einem breiten Akzent, den Viktoria irgendwo zwischen Bayrisch und Österreichisch ansiedelte, sprach er sie an.

„I bin der Viktor, na dann woi mer mal.“ Viktoria gab ihm die Hand. „Viktor und Viktoria, na da kann wohl nichts mehr schief gehen.“

„Bei mir gehd nie was schief“, antwortete er, während er sie zu einem langen Tisch führte, auf dem sich zahlreiche bunte Kleidungsstücke stapelten. „Host du sowas schon amal g'macht?“

„Nein, bisher nicht. Aber ich wollte immer schon auf eine Wolke springen.“

„Wir springen eher durch die Wolken, ned oben drauf.“ Seinem Lachen sah man die viele Zeit in sonniger Höhenluft an. Routiniert betrachtete er die aus dünnem Stoff bestehenden Overalls und griff nach einem roten mit breiten hellgrauen Streifen an der Seite und Strickbündchen am Hals. „Der müsst dir bassen.“ Dazu reichte er ihr eine Kappe und eine dieser Schutzbrillen, mit der sie aussehen würde wie die Stubenfliege Puck aus der Zeichentrickserie „Biene Maja“. „Die brauchst erst im Flieger anziehen.“

Viktoria schlüpfte in den dünnen Overall und wunderte sich, dass dies alles war, was sie an „Schutzkleidung“ bekam.

„Ist es da oben nicht wahnsinnig kalt? Reicht da so ein dünner Overall?“

„Ah geh, du hast doch a Jeans und an warme Pullover drunter. Des geht scho. Sin ja nur a paar Minuten, die hält man aus.“

Sie wusste nicht, was sie genau erwartet hatte, aber Ski- oder Motorradfahrer trugen nicht nur wärmere, sondern auch stabilere Kleidung und vor allem Helme. Andererseits – was nützte ein Helm, wenn man aus 4000 Metern Höhe abstürzte. Der Anzug passte auf Anhieb und sie zog den Reißverschluss zu.

Viktor trug keinen Anzug, sondern lediglich einen dicken Pullover. Dann winkte er sie zu einem zweiten Tisch hinüber, auf dem das Geschirr lag, das sie wohl gleich angeschnallt bekommen würde. Doch zuerst bekam sie eine Einweisung.

„Hoast Angst vor dem Sprung?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Brauchst auch net zu haben. I moch des jeden Tag.“ Sie nickte gespannt.

Wir werden glei mit zwei weiteren Tandems zum Flugplatz nüber gehn und in den Flieger steigen. Net wundern, der Innenraum is quasi komplett leer. Während wir bis auf circa viertausend Meter hochsteigen, werd i hinter dir sitzen und die Gurte anbringen. Es wird ziemlich eng werden, du musst dich also mit meiner Nähe abfinden.“ Er lachte kehlig. „Und ned aufregen, wennst keine Luft mehr bekommst, des fühlt sich nur kurz so an.“

„Okay.“

„I sag dir Bescheid, wenn du die Mütze und die Brille aufsetzen sollst. Wenn wir di Absprunghöhe erreicht haben, rutschen wir im Sitzen bis an die Ausstiegsstelle ran. Den Absprungzeitpunkt bestimm i. Da du vor mir sitzt, werd i di einfach 'nausschiebn.“

Viktoria konnte sich nur vage vorstellen, wie er das meinte.

„Des Allerwichtigste is, des du sofort nach dem Absprung eine 'Banane' machst.“

„Banane?“ Viktoria blickte ihn verständnislos an.

„Des bedeutet, des du ein Hohlkreuz machst, den Rücken soweit du kannst durchdrückst und die Arme und Beine nach hinten bzw. nach oben drückst. Des is sehr wichtig für die optimale Flugdynamik.“

„Verstanden.“

„Also, 'Banane' is unser Stichwort beim Absprung. Versuch bitte vor allem beim Absprung dran zu denken. Jetzt üben wir des amal.“

Er forderte Viktoria auf, die „Banane“ gleich hier auf dem Sandstrand vorzuführen. Sie kam sich ein wenig lächerlich vor, aber was sein musste, musste sein.

„Des Zweitwichtigste is, des du bei der Landung die Beine hochziehst, als wolltst du di mit ausgestreckten Beinen hinsetzen.“ Er machte es ihr vor. „Dazu sin auf deinem Oberschenkel Schlaufen anbracht. Damit ziehst deine Beine in die Luft in eine Sitzposition, sobald i es dir sog.“

„Das hab ich vorhin schon bei den anderen gesehen.“

„Perfekt. Bist eine Musterschülerin. Hast sonst no a Frage?“ Viktoria schüttelte den Kopf.

„Dann kannst di jetzt no an Moment entspanne. I hol di, wenns losgeht.“

Viktoria blieb der Einfachheit halber im Sand sitzen, stützte die Arme hinter sich auf und blickte in den blauen Himmel. Dabei genoss sie die wärmenden Strahlen der Aprilsonne und das bunte Treiben um sie herum.

Der nächste Tandemspringer landete wenige Meter von ihr entfernt im Sand. Die junge Frau, die sofort aufsprang, nachdem ihr Tandemmaster sie losgeschnallt hatte, sprang wie ein aufgeregter Strandläufer umher. Viktoria konnte nur Wortfetzen erhaschen, die ein leichter Windstoß zu ihr herüber trug: „Sowas von klasse ... aufgeregt ...Wahnsinn“. Hinter sich hörte sie, wie die nächste Person eingewiesen wurde. „Ganz wichtig ist die Banane ...“.

Und dann war es soweit. Viktor rief nach ihr und sie machten sich mit zwei weiteren Tandems und einem Videofilmer auf den Weg zum Flugplatz. Ein großer sportlicher Mann um die Vierzig, der eine recht zierliche Frau als Tandemmasterin zugeteilt bekommen hatte, stieg zuerst ein. Dann folgte Viktoria. Das dritte Gespann bestand aus einem kräftigen älteren Herren und einem kleinen sehr sportlich wirkenden Profipartner. Viktoria überlegte, ob die Zuordnung wohl danach gewählt war, dass die Tandems zusammen ein bestimmtes Gewicht erreichten bzw. nicht überschritten. Zeit zum Nachfragen blieb nicht, denn schon setzte sich die Cessna, die den Motor nach der letzten Landung gar nicht erst abgeschaltet hatte, in Bewegung. Sie saßen alle auf dem Boden, dicht gedrängt hinter- und nebeneinander, als sie über das Rollfeld rumpelten und schnell an Fahrt aufnahmen. So musste es im ersten Weltkrieg gewesen sein, wenn die Maschinen Ladung transportierten. Im Gegensatz zu ihren Dienstreise-Flügen war das hier pures Fliegen mit minimaler Ausstattung. Sie hoben ab und gewannen schnell an Höhe. Viktoria wurde von dem überwältigenden Ausblick auf die Nordseeküste gefangen genommen. Viktor hinter ihr zurrte und zerrte an den Gurten und wie angekündigt wurde das Atmen nun etwas mühselig. Karabinerhaken klickten, dann rutschte er näher an sie heran und Viktoria war schon beinahe in „Bananen“-Stellung, als Viktor seinen Kugelbauch in ihren Rücken schob. Unter ihr breitete sich die traumhafte Landschaft aus – immer wieder unterbrochen von Wolkenbändern, die sich dazwischen schoben. Sie überflogen in Richtung Norden einige Halligen und in der Ferne glaubte Viktoria die markante Küste von Sylt zu erkennen. Dann drehte das Flugzeug in einem großen Bogen übers Meer ab.

„So, glei sin wir soweit“, informierte Viktor sie. „Zieh jetzt di Kappe und die Schutzbrille auf“.

Der Mann, der mit der zierlichen Frau fliegen würde, saß bleich und angespannt schräg hinter ihr. Sie selbst hatte seltsamerweise überhaupt keine Angst. Es kam, wie es kam. Und wenn das hier das Ende war, dann war das eben so. Aber bis dahin wollte sie jede Minute genießen. Kurz fiel ihr ein, dass niemand wusste, wo sie war. Und das gab ihr ein Gefühl von Freiheit.

Der Videofilmer öffnete die Ausstiegstür des Flugzeuges. Bevor der ängstliche Mann groß überlegen konnte, hatte seine Tandemmasterin ihn routiniert bereits zum Ausstieg manövriert. Viktoria hörte nur noch, wie sie ihrem Partner „Banaaaane“ zurief und schon waren die Beiden aus ihrem Sichtfeld verschwunden.

„Können wir nicht sanft auf die Wolken zufliegen?“, rief Viktoria Viktor zu, der ebenfalls bereits begonnen hatte, mit ihr in Richtung Ausstiegsluke zu robben. Für einige Sekunden saß sie mit baumelnden Füßen im Ausstieg und blickte auf die von oben noch viel herrlicheren Sandstrände. Sie erkannte die Seebrücke und …

Schon hatte Viktor sie aus der Luke geschoben und dann befanden sie sich im freien Fall. Viktoria beeilte sich, die Bananen-Position einzunehmen. Gleichzeitig wollte sie nach unten sehen und den Ausblick genießen.