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Die Jochums werden vom Balkon ihres Hotels Quadriga aus Zeuge, wie Hitlers Sturmtruppen durch das Brandenburger Tor in Berlin einmarschieren. Nicht alle Mitglieder der Hoteliersfamilie sind jedoch Gegner des neuen Regimes. Noch ahnen sie und Viktoria, die Tochter des Hauses, nicht, welches Schicksal die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg für sie und das glanzvolle Hotel bereithalten. «Viktoria» ist der in sich geschlossene zweite Band der Trilogie um das Schicksal des fiktiven Hotels Quadriga, das dem Adlon in Berlin nachempfunden ist. Der erste Band der Familiensaga, «Hotel Quadriga», reicht von der Kaiserzeit bis zur Machtergreifung Hitlers. «Viktorias Erbe» setzt beim Wiederaufbau nach dem Krieg ein und schließt die große Romantrilogie ab, die die deutsche Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Fall der Mauer 1989 erzählt.
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Seitenzahl: 729
Veröffentlichungsjahr: 2015
Jenny Glanfield
Die Geschichte einer Berliner Familiendynastie
Die Jochums werden vom Balkon ihres Hotels Quadriga aus Zeuge, wie Hitlers Sturmtruppen durch das Brandenburger Tor in Berlin einmarschieren. Nicht alle Mitglieder der Hoteliersfamilie sind jedoch Gegner des neuen Regimes.
Noch ahnen sie und Viktoria, die Tochter des Hauses, nicht, welches Schicksal die Nazizeit und der Zweite Weltkrieg für sie und das glanzvolle Hotel bereithalten.
«Viktoria» ist der in sich geschlossene zweite Band der Trilogie um das Schicksal des fiktiven Hotels Quadriga, das dem Adlon in Berlin nachempfunden ist. Der erste Band der Familiensaga, «Hotel Quadriga», reicht von der Kaiserzeit bis zur Machtergreifung Hitlers.
«Viktorias Erbe» setzt beim Wiederaufbau nach dem Krieg ein und schließt die große Romantrilogie ab, die die deutsche Geschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Fall der Mauer 1989 erzählt.
Jenny Glanfield lebt in London und auf ihrem Landsitz in Chatelaine.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2015
Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Copyright © 2007 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Copyright © 1989 by Jenny Glanfield
Covergestaltung HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich
Coverabbildung Lee Avison/Arcangel; akg-images
ISBN 978-3-644-52401-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
Stammbaum
28. April 1915
Auf der Prachtstraße Unter den Linden, nicht weit vom Brandenburger Tor, wurde der Gehsteig von einem langen Säulengang überwölbt. Eine prächtige weiße Marmortreppe führte hinauf zu den gläsernen Drehtüren, neben denen zwei eindrucksvolle Türsteher den Eingang des exklusivsten Hotels der Stadt bewachten. Sie trugen makellose kobaltblaue Livreen mit Goldlitzen und glänzenden Messingknöpfen, dazu passende Mützen, weiße Handschuhe und auf Hochglanz polierte schwarze Stiefel.
Ein auffälliges Hotelschild existierte nicht. Doch für den Fremden und historisch Interessierten war eine schimmernde Messingtafel in die Mauer eingelassen, auf der mit vornehmer Zurückhaltung in gotischen Lettern geschrieben stand: Hotel Quadriga, eröffnet von Seiner Majestät, Kaiser Wilhelm II., am 15. Juni 1894.
Genau an diesem Tag war Viktoria Jochum-Kraus geboren worden. Jetzt, einundzwanzig Jahre später, hatte sie in den gleichen Räumen im ersten Stock ihr eigenes Kind zur Welt gebracht.
Ihr blondes Haar lag schweißverklebt auf den Kissen, und sie fühlte sich vollkommen erschöpft, doch die in den vergangenen Stunden ausgestandenen Schmerzen waren durch die Freude, ihren neugeborenen Sohn in den Armen zu halten, bereits vergessen. Nie zuvor hatte sie ein solches Gefühl der Liebe verspürt wie in diesem Moment, da sie ihn zärtlich an ihre Brust drückte. «Ich liebe dich so sehr», flüsterte sie. «Ich habe dich schon geliebt, bevor du geboren wurdest, und ich werde dir mein ganzes Leben lang beweisen, wie sehr ich dich liebe.»
Die Krankenschwester führte Viktorias Mann, Benno, herein. «Meinen Glückwunsch, Herr Kraus, ein prächtiger Junge.»
Benno durchquerte den Raum und kniete sich neben dem Bett nieder. Vorsichtig streckte er eine Hand aus und berührte den Kopf des Kindes, dann gab er seiner Frau einen zarten Kuss. «Wie fühlst du dich, mein Liebling?»
«Müde, aber glücklich. Ich bin so glücklich. Benno, ist er nicht wundervoll?»
Benno nickte verwundert. «Er ist so klein, es scheint kaum möglich, dass er eines Tages zu einem Mann heranwächst. Irgendwie flößt er mir das Gefühl von Demut ein …»
Der Hausarzt, Dr. Blattner, räusperte sich diskret. «Herr Kraus, es tut mir leid, aber Ihre Frau braucht Ruhe …»
Schwester Hedwig nahm den Säugling aus Viktorias Armen. Benno küsste seine Frau noch einmal und folgte der Schwester ängstlich-besorgt ins Kinderzimmer. «Wird er durchkommen? Er sollte doch erst Anfang Juni zur Welt kommen?»
«Natürlich kommt er durch, Herr Kraus. Schauen Sie ihn doch an, den kleinen Schatz. Er ist absolut vollkommen.»
Ja, dachte Benno, er war wirklich perfekt ausgebildet. Man hätte nicht glauben wollen, dass er eine Frühgeburt war. Vorsichtig hob er die kleinen Händchen mit den winzigen Fingernägeln hoch und lächelte, als sie sich um seinen Finger zur Faust ballten. Er blickte auf den feinen braunen Flaum auf dem Kopf des Babys, die Stupsnase, die fest geschlossenen Augen, und wieder kamen die alten Ängste in ihm hoch. War das sein Sohn? Oder war sein Cousin, Leutnant Graf Peter von Biederstedt, der Vater?
Das Baby öffnete die Augen und sah ihn an – eher wie ein weiser alter Mann als ein hilfloses Kind. Lange blickten sie sich so in die Augen, und plötzlich hatte Benno das Gefühl, dass das Kind ihm etwas sagen wollte. Es fixierte ihn so eindringlich, als wollte es Benno genauso ergründen wie Benno das Kind. Dann gähnte es, wie um zu sagen: «Du bist schon in Ordnung.»
«Hallo, mein Sohn», sagte Benno.
Das Baby begann zu weinen. «Du lieber Himmel», rief Schwester Hedwig. «Er will uns sagen, dass er Hunger hat.»
Aber Benno wusste es besser. Das Baby hatte ihm gerade mitgeteilt, dass es ihn als seinen Vater betrachtete, gleichgültig, ob das der Wahrheit entsprach oder nicht.
Während der folgenden Monate stellte sich heraus, dass Stefan nicht blond und blauäugig wie Viktoria werden würde, sondern braunhaarig und dunkeläugig wie Benno und seine Mutter, Julia Kraus von Biederstedt.
Es war fast unmöglich, Benno aus dem Kinderzimmer herauszuhalten. «Es ist erstaunlich», sagte er. «Selbst die Haare und die Augen hat er von mir. Und schau, wie er die Finger biegt. Genau wie ich. Andererseits ist es ja nur natürlich, dass er seinem Vater gleicht. Stefan, sag deinem Papa guten Tag.»
Das Baby stieß einen gurgelnden Laut aus, und Benno rief: «Hast du das gehört? Er sagt Papa.»
Viktoria fasste daraufhin den endgültigen Entschluss, Benno nie zu enthüllen, dass er nicht Stefans leiblicher Vater war. Wichtig war nur, dass er und Stefan glaubten, sie seien Vater und Sohn. Aber tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie alle betrog, dass sie mit einer Lüge leben würde, die eines Tages ans Licht käme.
Am Winterabend des 30. Januar 1933 marschierten, angeführt von Standartenträgern, die dichtgeschlossenen Reihen der braununiformierten SA und der schwarzuniformierten SS durchs Brandenburger Tor. Auf ihren roten Armbinden prangte in weißem Kreis das schwarze Hakenkreuz. Triumphierend feierten sie Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler.
Trommelwirbel dröhnten, Fanfaren erklangen, und brennende Fackeln erhellten die Nacht. In stetem Tempo hallten Tausende um Tausende schwarzer Stiefel über das Pflaster, Stunde um Stunde, während die dichtgedrängte Menge auf den Gehsteigen die Arme zum Hitlergruß erhoben hatte.
Auf dem Balkon des Hotels Quadriga schlug Viktoria Jochum-Kraus zum Schutz gegen die bitterkalte Nachtluft den Kragen ihres Zobelmantels hoch, sodass er ihr blasses Gesicht umrahmte. Nach den gängigen Vorstellungen war es etwas zu eckig, aber mit den blauen Augen besaß es eine Schönheit ganz eigener Art. Aufmerksam sah Viktoria auf die lohenden Fackeln hinunter, die sich wie ein Feuerstrom über den schmelzenden Schnee der Straßen bewegten. Die Sturmtruppen erhoben die Stimmen zum Horst-Wessel-Lied.
«Wie viele sind das wohl?», murmelte Luise, Viktorias jüngere Schwester, die grünen Augen in ihrem herzförmigen Gesicht weit aufgerissen.
Bevor Viktoria antworten konnte, erklärte ihr Schwiegervater voller Selbstzufriedenheit: «Mehr als zwei Millionen in ganz Deutschland.» Baron Heinrich von Kraus, einer der reichsten Industriellen Deutschlands, war ein Riese von einem Mann, er wog zweieinhalb Zentner, hatte ein rosiges Gesicht, und hinter der goldumrandeten Brille blitzten kleine Augen. Er stützte sich auf einen Stock und schnippte seine Zigarrenkippe in die Menge auf dem Gehsteig. «Die Bolschewiken haben keine Chance gegen sie. Hitler wird ihren Streiks und ihren Demonstrationen bald ein Ende machen.»
«Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein», sagte Benno und beugte sich über die Balustrade. In seinem Knopfloch blinkte das Parteiabzeichen. Für ihn bewies diese Zurschaustellung militärischer Stärke, dass Deutschland nicht länger schamvoll das Haupt beugen musste, weil es den Krieg verloren hatte, und auch mit den Demütigungen des Versailler Vertrages würde es bald ein Ende haben. Deutschland mochte zwar nur über eine hunderttausend Mann starke Armee verfügen, aber Hitlers Sturmtruppen, die an ihnen vorübermarschierten, zeigten die eigentliche Realität. Deutschland war wiedererstarkt! Deutschland war wieder eine Macht, mit der man rechnen musste!
«Ich wünschte, ich wäre ein Mann», seufzte Monika, Viktorias zwölfjährige Tochter, wehmütig. Begeistert schwenkte sie ihr Hakenkreuzfähnchen, ihre grauen Augen leuchteten, ihre Zöpfe wippten, und mit vor Aufregung heiserer Stimme fügte sie hinzu: «Dann könnte ich mitmarschieren.» Viktoria holte tief Luft und versuchte, ihren Ärger über die Begeisterung der Tochter zu unterdrücken.
Monika wandte sich an Stefan. «Möchtest du kein Soldat werden?»
Stefan war jetzt siebzehn und sah aus, wie Benno und Peter von Biederstedt in diesem Alter ausgesehen hatten, braunhaarig und dunkeläugig, doch mit einer ganz eigenen, ernsthaften Ausstrahlung. «Ich will ganz sicher kein Braunhemd werden.»
Auf Viktorias Gesicht zeigte sich ein Lächeln der Erleichterung.
«Siegreich werden wir Frankreich schlagen …» Die Stimmen der vorbeiziehenden Sturmtruppen grölten das alte Kampflied, das aus den Napoleonischen Kriegen stammte. Die Menge stimmte mit ein, und der Chor schwoll zu triumphierendem Crescendo an. «Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!»
«Findet ihr das ‹Sieg Heil!› und diese Massen nicht bedrohlich?», fragte Stefan.
Seine Großmutter antwortete. Ricarda Jochum war eine elegante Dame von fünfundsechzig Jahren. Ihr einstmals kastanienbraunes Haar war nun grau und zu einem Knoten geschlungen. Wie immer seit dem Tod ihres Gatten Karl trug sie Schwarz, nur ein cremefarbenes Spitzenfichu hob sich von ihrem Kleid ab; um ihre Schultern hatte sie einen Pelzmantel gelegt.
«Stefan, du bist ein Berliner, du bist hier geboren und aufgewachsen, du solltest die Berliner verstehen. Früher standen wir zu Tausenden auf der Straße, um einen Blick auf unseren Kaiser zu erhaschen; wir kamen zu den Hochzeitszügen und den Totenprozessionen. Gestern Nacht ging man zu den Arbeiterdemonstrationen, heute feiert man Hitlers Ernennung. Aber das Schöne an uns Berlinern ist, wie ich schon vor langem festgestellt habe, dass wir uns tief im Innern einen gesunden Skeptizismus bewahrt haben. Keiner von uns mag diese Sturmtruppen, aber wir schauen uns das eine Zeitlang an und geben Hitler eine Chance.»
Viktoria verspürte plötzlich ein überwältigendes Gefühl der Dankbarkeit für die heitere Ausgeglichenheit ihrer Mutter. «Ich bin sicher, deine Großmutter hat vollkommen recht», versicherte sie Stefan. «Wenn uns nicht gefällt, was Hitler tut, können wir ihn schließlich immer noch abwählen.»
Ihre Worte gingen in einem Trommelwirbel fast unter, darauf erscholl mit mächtigem Klang die Nationalhymne. «Deutschland, Deutschland über alles …»
Viktorias Blicke schweiften über die Prachtstraße, über die kahlen Lindenbäume, die dem Boulevard den Namen gegeben hatten, bis zu den zwölf dorischen Säulen des Brandenburger Tores. Durch den Schneeregen konnte sie unscharf die bronzene Statue der Quadriga erkennen, den vierrädrigen Streitwagen mit den vier sich aufbäumenden Pferden. Nach dieser Statue hatten ihre Eltern das Hotel benannt.
Aber Viktoria blickte auf die Figur, die den Wagen lenkte. Eingehüllt in einen Mantel aus Schnee, hielt die Siegesgöttin Viktoria ihren Arm heldenhaft erhoben, während sie über die Straßen Berlins wachte.
Am folgenden Morgen, nachdem die Kinder fertig für die Schule waren, ging Viktoria die Treppe hinunter ins Foyer des Hotels. Zu ihrem Ärger sah sie, dass die Halle noch immer mit Hakenkreuzfahnen geschmückt war. Missbilligend kräuselte sie die Lippen, dann fasste sie sich wieder.
Das Foyer war voller Gäste, die im Begriff waren, abzureisen. Viele waren extra nach Berlin gekommen, um die Aufmärsche des gestrigen Abends zu sehen. Hubert Fromm, der Chefportier, und seine Angestellten erledigten umsichtig die Abreiseformalitäten, während unter den Adlerblicken von Hallenportier Johann Dorn die Pagen das Gepäck der Gäste zu den Limousinen und den Taxis trugen, die Unter den Linden warteten.
Höflich verabschiedete sie ihre Gäste, lächelte, wünschte ihnen eine gute Reise und gab der Hoffnung Ausdruck, dass sie sie bald wiedersehen würde; dann betrat Viktoria den kleinen Nebenraum, wo ihre Sekretärin bereits viel zu tun hatte. «Guten Morgen, Helga.»
Helga Ruh, in frisch gestärkter weißer Bluse und marineblauem Schneiderrock – ganz ähnlich gekleidet wie Viktoria –, sprang auf. «Guten Morgen, Frau Viktoria. Ich habe die Post auf Ihren Schreibtisch gelegt.»
«Danke. Sagen Sie bitte Herrn Brandt, dass er die Hakenkreuzfahnen sofort entfernen lassen soll.»
«Gewiss, Frau Viktoria.»
Das ganze Personal nannte sie «Frau Viktoria», obwohl die Gäste sie formeller mit «Frau Jochum-Kraus» anredeten. Viktoria mochte die Familie ihres Mannes nicht besonders gern, und das Schlimmste an der Heirat mit Benno war der Zwang, seinen Namen tragen zu müssen. Als Kompromiss hatte sie nach englischer Sitte einen Doppelnamen angenommen. Von Geburt und Wesensart war sie eine Jochum; eine Kraus war sie nur durch Heirat geworden.
Viktoria betrat ihr Büro, das einst ihrem Vater gehört hatte; die Tapeten, der Schreibtisch und die anderen Möbel stammten noch aus seinen Tagen. Auch vierzehn Jahre nach seinem Tod fand sie es noch immer merkwürdig, dass sie den Vater dort nicht vorfand – sie vermisste ihn schrecklich. Niemals betrat sie das Büro, ohne dass lebhafte Erinnerungen in ihr aufstiegen.
Die Beziehung zwischen den beiden, zwischen Vater und Tochter, war enger als üblich gewesen. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich nach der Geburt der beiden Töchter nicht mehr aktiv an der Führung des Hotels beteiligte, hatte Viktoria, trotz Stefans Geburt, während des ganzen Krieges mit ihrem Vater gearbeitet. Nach Karl Jochums Tod hatte sie die Leitung des Hotels Quadriga übernommen. Damals war sie vierundzwanzig Jahre alt gewesen.
Doch Viktoria gab als Erste zu, dass sie es allein nicht geschafft hätte, selbst mit Unterstützung des sehr fähigen leitenden Personals, das sie mit vererbt bekommen hatte. Sie war eine ausgezeichnete Organisatorin und wusste über alle Einzelheiten der Verwaltung Bescheid, aber ihr fehlte Karl Jochums geschäftliches und finanzielles Geschick, das vor allem in einer Zeit wirtschaftlichen Niedergangs und galoppierender Inflation vonnöten war.
Benno hatte sich nach einem schweren Zerwürfnis mit seinem Vater wegen der Praktiken der Kraus-Werke während des Krieges von der Firma zurückgezogen und konnte ihr daher zur Seite stehen. Er hatte sich bald als geschickter Geschäftsmann erwiesen. Sein Büro war etwas kleiner und lag neben dem Viktorias.
Sie setzte sich hinter ihren großen, dunklen Eichenschreibtisch, zündete sich die erste Zigarette des Tages an und sah die Papierstapel durch, die sie zu bearbeiten hatte. Einiges legte sie für Helga Ruh beiseite, anderes für die Morgenbesprechung mit Emil Brandt, dem Direktor.
Benno mochte sagen, dass die Hauptfunktion des Hotels darin bestand, Profit zu machen, aber Viktoria glaubte – wie einst ihr Vater –, dass es darüber hinaus weit mehr erfüllen sollte. Es sollte den Gästen ein Heim in der Fremde anbieten, einen Ort, wo ihnen jeder Wunsch von den Augen abgelesen wurde, wo nichts zu viel Mühe kostete und wo sie wussten, dass sie einen Service bekamen, der mit keinem anderen zu vergleichen war. Ständig erinnerte sie ihr Personal an die Devise: «Der Gast hat immer recht.»
Verglichen mit einigen neueren Hotels war das Quadriga nicht groß: Auf vier Stockwerken besaß es nur einhundertfünfzig Suiten und Zimmer, konnte maximal dreihundert Gäste beherbergen und verfügte über eine Belegschaft von zweihundertfünfzig Mitarbeitern. Aber dieses Haus konnte gleichzeitig fünf Bankette mit über tausend Gedecken ausrichten, wobei mehrere hundert Kellner und Küchenbedienstete zusätzlich beschäftigt wurden. Dafür zu sorgen, dass alles reibungslos ablief, war keine leichte Aufgabe.
Um zehn Uhr klopfte Helga an die Tür und ließ Brandt eintreten. Emil Brandts Tag begann früh am Morgen. Vor der Unterredung mit Viktoria hatte er bereits mit den verschiedenen Abteilungsleitern die wichtigsten Punkte des Tages besprochen, ob nachts Schäden oder besondere Vorkommnisse aufgetreten waren oder Personal durch Krankheit ausfiel.
Bestimmte Informationen von Brandt hielt Viktoria schriftlich fest und gab sie dann an Benno weiter. Die Leiter der einzelnen Abteilungen hatten relativ großen Spielraum, aber Benno musste dafür sorgen, dass die Budgets nicht überschritten wurden und jede Abteilung profitabel wirtschaftete. Viktorias Hauptaufgabe bestand darin, ihren Gästen den bestmöglichen Service zu bieten.
Als Erstes reichte ihr Brandt die Gästeliste und den Belegungsplan. Einige neue Gäste waren eingetroffen: ein österreichischer Graf und seine Familie, eine Delegation von Chemikern aus Leipzig, die an einer wissenschaftlichen Tagung teilnahmen, eine Hochzeitsgesellschaft aus Magdeburg und einige Auslandskorrespondenten, darunter Mortimer Allen von den New York News.
Viktoria blätterte schnell die Karteikarten durch, die sie über alle früheren Gäste führte, und zog die betreffenden Karten heraus. Bevor sie sie Brandt reichte, warf sie einen raschen Blick darauf. «Ich erinnere mich an Herrn Allen», schmunzelte sie. «Das ist doch der Journalist, der die ganze Nacht getippt hat, und Baroness Ems hat sich dann über ihn beschwert?»
«Ich schlage vor, wir geben ihm Zimmer 401.»
Viktoria nickte. In diesem Raum würde der Journalist niemanden stören. «Bitten Sie Herrn Fromm, dafür zu sorgen, dass der Schreibtisch ausreichend ausgestattet ist: genügend Papier, Durchschlagpapier, Radiergummi, Notizblock und Bleistifte.»
«Gewiss, Frau Viktoria.» Emil Brandt machte sich die entsprechenden Notizen.
«Jetzt zu den beiden Diners heute Abend – handelt es sich dabei um politische Treffen?»
«Eines wird von einer Handelsgesellschaft veranstaltet, das andere von Freimaurern.»
Erleichtert nickte Viktoria. «Gut. Gibt es sonst noch etwas, Herr Brandt?»
«Ich glaube nicht, Frau Viktoria. Die Nazifahnen sind entfernt worden, wie Sie es angeordnet haben.»
Sie nickte, ihr Gesicht blieb ausdruckslos. «Das ist alles, Herr Brandt. Danke.»
Nachdem er gegangen war, begann sie ihre tägliche Inspektionsrunde. Wie ihr Vater delegierte sie die Arbeit, hielt aber trotzdem ein wachsames Auge über alles. Fehler traten dann auf, wenn die Leitung den Kontakt zum alltäglichen Betriebsablauf verlor. Kontrolle musste also sein.
Sie begann in der blitzsauberen Küche, wo Maître Vittorio Mazzoni, seine Souschefs, der Vorratsmeister und die Küchenhilfen seit den frühen Morgenstunden an der Arbeit waren. Mazzoni war der erste Chefkoch aus Italien, den das Quadriga eingestellt hatte, aber seine meisterliche Kunst musste sich neben der seiner französischen Konkurrenten nicht verstecken. Da er immer ein paar Tage vorausplante und umsichtig wirtschaftete, mussten nur selten Esswaren weggeworfen werden.
Viktoria war mit der Wahl seiner Menüs für den folgenden Tag einverstanden, beglückwünschte ihn zu dem hervorragenden Wildbret, das er am Morgen erstanden hatte, und wollte gerade gehen, als Mazzoni sagte: «Heute sind sogar noch mehr da draußen. Es bricht mir das Herz, wenn ich sie hungrig gehen lassen muss, vor allem die bambini.»
Sie trat mit ihm ans Fenster, von dem aus man den Hinterhof überblicken konnte. An der Küchentür warteten an die fünfzig Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder in abgetragenen Kleidern, die Gesichter spitz vor Kälte. Jeden Tag bettelten sie um Essen, genau wie ihre Männer jeden Tag am Dienstboteneingang um Arbeit nachfragten.
«Von gestern sind noch Kartoffeln übrig», sagte Mazzoni, «und ein paar saure Heringe. Wenn Sie es erlauben, Frau Viktoria …»
Viktoria stimmte sofort zu, aber sie wusste, dass morgen nur noch mehr anstehen würden.
Von der Küche ging sie durch die grünen Holztüren in das prunkvolle Restaurant. Der riesige Raum mit den hohen Decken wurde von schweren Kristalllüstern erleuchtet, in denen sich der kobaltblaue Teppich und die goldgefleckten blauen Tapeten spiegelten. Ober im schwarzen Frack glitten geräuschlos zwischen den mit weißem Damast gedeckten Tischen umher, auf denen Silberbestecke und Bleikristallgläser einladend schimmerten.
Der Leiter des Restaurants, Philip Krosyk, eilte zu Viktoria und schlug eine schwere, ledergebundene Speisekarte auf, die in Schönschrift aufgelistet die Menüs und die à-la-carte-Gerichte enthielt. Dann zeigte er Viktoria die Speisenfolge der beiden Empfänge, die in den beiden angrenzenden Banketträumen stattfanden: Suppe à la Parisienne, Kalbsbries mit Trüffeln, Steinbutt mit Kaviarsauce, Artischockenherzen, gefüllt mit Erbsen und Spargelspitzen, Wildschweinrücken mit Kartoffelpüree und Salat, Ananaseis und Käse.
Viktoria lag die Frage auf der Zunge, ob es recht war, dass die Gäste des Hotels Quadriga in solchem Luxus lebten, wenn die Menschen draußen fast verhungerten. Doch Philip Krosyk war zwar ein ausgezeichneter Restaurantleiter, aber kein Mensch, dem man derart philosophische Fragen stellen konnte.
Viktorias nächstes Ziel war die Bar. Obwohl sie am Tag zuvor erst weit nach Mitternacht geschlossen hatte, waren Hasso Annuscheks Leute bereits mit dem Aufräumen fertig. Hasso stand schon hinter der Bar und kümmerte sich um einige Gäste, die in den tiefen Ledersesseln saßen, Kaffee tranken oder einen ersten Drink zu sich nahmen und die Morgenzeitung lasen.
Viktoria sah in Hasso Annuscheks offenes, freundliches Gesicht und spürte, wie sich ihre Laune hob. Hasso, ein gutaussehender Mann Ende Vierzig mit sich lichtendem Haar, gehörte zu ihren bevorzugten Angestellten. Außerdem war er ein würdiger Nachfolger des legendären Arno Halbe, der die Bar seit der Gründung des Quadriga geführt und sich erst kürzlich zur Ruhe gesetzt hatte.
«Aus der Gästeliste ersehe ich, dass mein alter Freund, Herr Allen, erwartet wird», sagte Hasso. «Das ist einer von der Art, wie ich sie als Gäste liebe. Er verträgt einen Tropfen – Jack Daniels, wenn ich mich recht erinnere. Keine Cocktails, verwässert seine Getränke nie und weiß sich vor allem zu beherrschen.»
Als sie auf ihrem Rundgang beim Hallenportier Johann Dorn ankam, stellte Viktoria fest, dass Hasso nicht als Einziger gute Erinnerungen an Mortimer Allen hegte. «Ich freue mich, dass Herr Allen wieder kommt», sagte er. «Ein sehr großzügiger Herr, Frau Viktoria.»
Inge Fiedler, die Hausdame, zeigte sich weniger begeistert. «Ein sehr unordentlicher Mann, soweit ich mich erinnere. Überall lagen Papiere. Und bei seinem letzten Besuch hat er doch fast sein Zimmer in Brand gesetzt. Ich werde dafür sorgen, dass er mehrere große Aschenbecher bekommt – und einen Papierkorb aus Metall.»
Viktoria war gerade in ihr Büro zurückgekehrt, als Benno hereinstürzte. Er schloss die Tür hinter sich und stieß zwischen zusammengepressten Lippen hervor: «Hast du etwa die Fahnen entfernen lassen?»
«Ja, das habe ich.» Viktoria sah ihn trotzig an. «Direkt nach Weihnachten nehmen wir ja auch immer die Dekorationen ab. Warum sollte das bei politischen Feiern anders sein?»
Ihre Blicke trafen sich für einen Moment, dann zuckte Benno mit den Schultern. «Mach, was du willst, meine Liebe. Aber vielleicht hast du noch nicht gehört, dass Hitler heute den Reichstag aufgelöst hat. Am 5. März finden wieder Wahlen statt. Hitler wird sich länger halten, als ein Weihnachtsfest dauern kann – das sage ich dir jetzt schon.»
«Das ist noch lange kein Grund, dass mein Hotel wie ein Aufmarschplatz der Nazis oder wie eine Kaserne der Sturmtruppen aussieht», gab Viktoria schnippisch zurück.
Die Betonung, die sie auf das Wort «mein», legte, entging Benno nicht. Mit seltsamem, fast traurigem Blick verließ er den Raum.
Mortimer Allen wurde bei seiner Ankunft herzlich empfangen. Die Türsteher verbeugten sich, als er durch die Drehtüren trat, und auch Johann, der den großgewachsenen, gutaussehenden Amerikaner sofort erkannte, machte einen respektvollen Bückling. «Guten Tag, Herr Allen. Willkommen im Hotel Quadriga.» Auf sein Fingerschnippen eilten die Pagen herbei, um Mortimers Gepäck aus dem Taxi auf Zimmer 401 zu bringen, wobei einer voller Ehrfurcht die Remington-Schreibmaschine trug.
Hubert Fromm begrüßte ihn mit einem Kopfnicken. «Guten Tag, Herr Allen. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise. Wenn Sie freundlicherweise die Anmeldung ausfüllen wollen …»
Ein Hilfsportier eilte vom Empfang zu Helga Ruh: «Herr Allen ist angekommen. Würden Sie bitte Frau Viktoria Bescheid sagen?»
Viktoria kam aus ihrem Büro und ging mit ausgestreckter Hand auf den Journalisten zu. «Herr Allen, ich freue mich sehr, Sie wieder in Berlin zu begrüßen.»
Auf Mortimers Gesicht mit den blaugrauen Augen und den dunklen Wimpern erschien ein entwaffnendes Lächeln. Er nahm ihre Hand, beugte sich tief hinunter und streifte sie mit den Lippen. «Es ist wunderbar, wieder hier zu sein. Berlin war immer meine geistige Heimat.»
Das entsprach der Wahrheit. Mortimers Familie mütterlicherseits stammte aus Berlin und war in den späten achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika emigriert. Mortimer war mit Deutsch als seiner zweiten Muttersprache aufgewachsen, aber erst im Alter von dreißig Jahren hatte er bald nach 1920 Berlin für sich entdeckt. Damals war er dem Zauber dieser Stadt verfallen. Die Cafés, die Kabaretts, Theater, Konzerthallen und die Oper faszinierten ihn; vor allem aber zog ihn die freizügige, vibrierende und weltoffene Atmosphäre an. Was er immer schon vermutet hatte, bestätigte sich – durch den Zufall der Geburt war er Amerikaner, durch seine Heirat mit einer Engländerin lebte er nun in Großbritannien, in seinem Herzen aber war er ein Berliner.
Von seinem Lächeln eingenommen, sagte Viktoria: «Unsere Familie trifft sich um sieben Uhr in der Bar zum Aperitif. Würden Sie uns die Ehre geben und sich heute Abend anschließen?»
«Es ist mir ein Vergnügen.»
Viktoria kehrte in ihr Büro zurück, und Mortimer folgte einem Pagen in einen der Lifts, der ihn zu seinem Zimmer im vierten Stock brachte. Bewundernd sah er sich um. Kaiser und Kanzler mochten kommen und gehen, das Hotel Quadriga änderte sich nicht. Die Räume waren so makellos und geschmackvoll eingerichtet wie immer, sie waren noch genauso hervorragend gepflegt wie an jenem Eröffnungstag, als Karl Jochum, Viktorias Vater, Kaiser Wilhelm II. von Preußen als seinen ersten Gast begrüßte.
Nachdem er ausgepackt hatte, ging Mortimer zu dem kleinen Büro der New York News, das ganz in der Nähe des Hotels in der Dorotheenstraße lag, und informierte die dortige Redaktion von seiner Ankunft. Danach machte er sich auf einen Spaziergang durch die Stadt.
Was er dabei zu sehen bekam, war ziemlich niederdrückend. Schäbig gekleidete Männer standen mit hoffnungslosem Gesichtsausdruck an Straßenecken herum. Vor Fabriken und Büros bildeten sich lange Schlangen, trotz der Schilder mit der Aufschrift «KEINE STELLEN FREI». Immer wieder kam es zu Schlägereien zwischen Gruppen von Arbeitern und SA-Leuten in Braunhemden. Das war eine vollkommen andere Stadt als diejenige, die Mortimer Allen von seinen früheren Besuchen her kannte.
Als Viktoria am Abend in die Bar kam, fand sie die Familie bereits versammelt, Mortimer Allen in ihrer Mitte. Benno, Stefan und Mortimer erhoben sich höflich, ihr Schwiegervater, Baron von Kraus, unternahm einen angestrengten Versuch, seinen mächtigen Leib zu bewegen, als Hasso ihr den Stuhl zurechtrückte. Sie bedeutete ihnen, sitzen zu bleiben, bat Hasso um einen Martini-Cocktail und wandte sich dann an den Journalisten. «Ich hoffe, Sie sind mit Ihrem Zimmer zufrieden, Herr Allen?»
«Es ist ganz ausgezeichnet, Frau Jochum-Kraus.»
«Wie lange gedenken Sie dieses Mal zu bleiben, Herr Allen?», fragte Ricarda Jochum.
Er zuckte mit den Schultern. «Sicherlich lange genug, um die Wahlen am 5. März mitzubekommen.»
Ricarda runzelte leicht die Stirn. «Sie führen ein seltsames, ziemlich nomadenhaftes Leben. Ihre Frau muss sehr verständnisvoll sein, um sich mit so langen Trennungen abzufinden.»
«Joyce könnte mich schon begleiten, aber sie möchte das gar nicht. Zum einen ist sie selbst berufstätig – sie ist Landschaftsmalerin –, und zum anderen muss sich jemand um unsere Tochter Libby kümmern. Wir möchten sie nicht ins Internat schicken, und es würde ihr nicht gut tun, wenn wir sie von Land zu Land schleppten, nur weil ich so ein unstetes Leben führe.»
«Wie alt ist Ihre Tochter?», fragte Monika.
«Ein bisschen jünger als du, nehme ich an. Sie ist erst zehn.»
«Wo leben Sie in England?», erkundigte sich Benno höflich.
Mortimer lächelte. «In Oxford. Ich bin vor zwanzig Jahren als Student hingekommen, habe dort meine Frau kennengelernt und bin seitdem dort geblieben.»
«Oxford!», rief Stefan mit glänzenden Augen. «Meine Erzieherin hat es mir als die schönste Stadt der Welt beschrieben.»
«‹… whispering from her towers the last enchantments of the Middle Age›», zitierte Mortimer.
Voller Stolz beendete Stefan das Zitat des Dichters Matthew Arnold: «‹Home of lost causes and forsaken beliefs, and unpopular names, and impossible loyalties!› – Ich hoffe, dass ich eines Tages nach Oxford gehen kann!»
«Ich bin in England aufgewachsen», warf Ricarda ein. «Mein Vater war um 1890 Handelsattaché bei der deutschen Botschaft in London. Ich war schon immer der Ansicht, dass es für Stefan gut wäre, im Ausland zu studieren.»
Benno fügte hinzu: «Stefan ist nicht nur Klassenbester, er ist auch in Sport sehr gut. Er könnte im Herbst an die Friedrich-Wilhelm-Universität gehen. Aber ich denke auch, dass eine englische Universität ihm sehr nützen würde.»
«Ich wüsste nicht, worin England einer deutschen Ausbildung überlegen wäre», sagte Viktoria aufgebracht. «Stefan, warum willst du unbedingt nach Oxford, wo wir hier doch eine ausgezeichnete Universität haben?»
«Kann dem Jungen nur gut tun, wenn er rauskommt», brummte der Baron. «Du verhätschelst ihn, Viktoria.»
Viktoria setzte gerade zu einer ärgerlichen Antwort an, aber Mortimer warf begütigend ein: «Wenn Sie wirklich so begabt sind, wie Ihr Vater behauptet, sollten Sie sich um ein Stipendium der Rhodes-Stiftung bemühen. Mein Stipendium hatte einen sehr großen Einfluss auf mein weiteres Leben.»
«Stefan ist kein Amerikaner», entgegnete Viktoria scharf.
«Die Rhodes-Stipendien sind auch deutschen Studenten zugänglich.»
Viktoria sank in ihren Stuhl zurück. Mortimer Allen begriff nicht, dass es ihr das Herz brechen würde, wenn Stefan fortginge, um im Ausland zu studieren.
In dem Augenblick stürmten ein halbes Dutzend SA-Leute von der Straße in die Bar und verlangten lauthals nach Bier. Die Gespräche verstummten, und die Leute sahen sich besorgt an. Viktorias Schwester Luise wurde bleich und griff mit zitternder Hand nach einer Zigarette. Stefan warf den Eindringlingen wütende Blicke zu; Viktoria und Benno, der sich halb erhoben hatte, sahen sich kurz an. «Tut mir leid», hörte man Hasso mit höflicher Stimme sagen, «wir schenken hier kein Bier vom Fass aus.»
Die SA-Leute blickten sich voller Abscheu um. «Was ist denn das für ein Misthaufen hier!», rief einer und trat seine Zigarette auf dem Teppichboden aus.
Jedermann im Raum hielt die Luft an.
«Wenn ich Ihnen einen Vorschlag machen darf, Sturmführer», fuhr der Barmann fort, «der Kaiserhof ist berühmt für sein Bier. Ich trinke dort selbst öfter ein Glas», setzte er vertraulich hinzu. Der Trick funktionierte. Grobe Beleidigungen murmelnd, verließen die SA-Leute die Bar.
«Warum servieren wir kein Bier vom Fass?», fragte Monika.
Mortimer biss sich auf die Lippen und strich sich mit der Hand die Haare aus der Stirn. Dann fragte er in perfektem Berliner Akzent: «Wissense eijentlich, warum de SA braune Hemden trägt?» Grinsend gab er selbst die Antwort auf das Rätsel. «Weil se se dann nich so oft waschen müssen.»
Die Atmosphäre entspannte sich. Obwohl Monika ein finsteres Gesicht machte und Luise nervös an ihrer Zigarette zog, lächelten Benno, Baron Kraus und Stefan leicht gequält, Ricarda verhehlte ihr Amüsement keineswegs. «Herr Allen, Sie beherrschen nicht nur den Berliner Dialekt perfekt, Sie wissen auch, wie gern wir Witze mögen. Sie müssen Berliner Blut in sich haben.»
«Die Familie meiner Mutter stammte aus Berlin.»
Baron Heinrich schlug sich auf die Schenkel und verkündete: «Großartig! Dann sind Sie ja einer von uns, mein Lieber! Essen Sie mit uns zu Abend!»
Mortimer sah Viktoria an, sie nickte. «Es würde uns sehr freuen.» Sie winkte Hasso heran. «Sagen Sie Herrn Krosyk, dass Herr Allen mit uns essen wird.»
Ein paar Minuten später saß der Baron im Restaurant in einem schweren geschnitzten Eichenstuhl am Kopfende der Tafel. Wie immer wählte er das siebengängige Menü, die anderen entschieden sich für eine weniger üppige Speisenfolge. Nachdem Benno den Wein bestellt hatte, wandte sich der Baron an Mortimer.
«Sie sind also hier, um über die Wahlen zu berichten. Nun, da sind Sie am richtigen Ort. Wenn Sie Meinungen suchen, hier finden Sie alles.» Er machte eine Geste, die den ganzen Raum umfasste. «Geschäftsleute, Politiker, Offiziere – hier steigen sie ab.»
Die Art, wie ihr Schwiegervater das Hotel Quadriga seinem Industrie-Imperium einverleibte, ließ Viktoria vor Ärger erstarren.
«Wer soll denn Ihrer Meinung nach die Wahlen gewinnen, Herr Baron?», fragte Mortimer.
«Die Nationalsozialisten», antwortete der Baron unmissverständlich. «Seit dem Krieg hatten wir unfähige Koalitionsregierungen. Als Resultat liegt unsere Wirtschaft völlig darnieder, unsere Auftragsbücher sind praktisch leer, und wir haben über sechs Millionen Arbeitslose. Hitler ist entschlossen, Deutschland wieder zu der Großmacht zu machen, die es unter dem Kaiser war, und meiner Meinung nach ist er als einziger Politiker dazu in der Lage.»
«Denken die meisten Berliner so? Ich dachte, Berlin war seit jeher eine Hochburg der Sozialisten.»
«Der Sozialisten und der Kommunisten», sagte Benno grimmig. «Haben Sie von der Demonstration letzten Sonntag gehört, als hunderttausend Arbeiter durch das Zentrum marschierten, angeführt von Kommunisten wie Olga Meyer? Olga Meyer war eine der Anführerinnen des spartakistischen Aufstands am Ende des letzten Krieges. Solange es Leute wie sie gibt, besteht immer noch die Gefahr einer kommunistischen Revolution in Deutschland.»
Der Spartakusaufstand hatte Mortimer immer fasziniert, jene kurzen Monate Ende 1918 und Anfang 1919, als die Möglichkeit aufschien, dass Deutschland genauso unter kommunistische Herrschaft geraten könnte wie Russland im Jahr 1917.
«Olga Meyer war jahrelang eine verdammte Plage», schnaubte der Baron. «Jetzt zieht sie mit ihrem Balg herum und schwört, dass der Traum ihres Mannes eines Tages wahr wird und die Kommunisten in Berlin an die Macht kommen. Aber solange ich lebe, wird es dazu nicht kommen!»
Mortimer suchte in seinem Gedächtnis, dann sah er Viktoria an. «Ist Olga Meyer nicht eine Verwandte von Ihnen?»
Obwohl sich Viktoria lieber nicht an diese verwandtschaftliche Beziehung erinnerte, wäre es töricht gewesen, sie zu verneinen. «Ja, sie ist meine Cousine. Sie war mit dem linken Journalisten Reinhardt Meyer verheiratet. Als es nach einem Sieg der spartakistischen Revolution aussah, rief die Regierung die Freikorps, um sie niederzuschlagen. Reinhardt wurde als einer der Ersten getötet.»
«Wie ist Olga entkommen?»
«Sie konnte nirgendwo sonst hingehen, also kam sie ins Quadriga», erklärte Ricarda. «Weil sie hier nicht sicher war, brachten Benno und Vicki sie in unser Landhaus in Heiligensee.»
Mortimer runzelte die Stirn. «Jetzt erinnere ich mich wieder. Wurde Reinhardt Meyer nicht von Otto Tobisch erschossen?» Otto Tobisch führte eine der berüchtigtsten Freikorps-Brigaden, deren nachhaltigstes Vermächtnis an das moderne Deutschland vermutlich das Hakenkreuz war, das die Brigade Tobisch auf ihren Helmen trug.
«Ja, Otto Tobisch war der Anführer der Hexenjagd», gab Viktoria bitter zur Antwort. «Er hat früher im Quadriga als Page gearbeitet und wusste, dass Olga meine Cousine war. Er und seine Leute haben das Hotel nach ihr durchsucht – aber sie haben sie natürlich nicht gefunden.» Ihre Stimme stockte, als sie sich an jenen schicksalhaften Tag im Januar 1919 erinnerte, als nach Ottos Abzug ihr Vater in einem Wutanfall auf die Straße stürmte, wo ihn Minuten später der Tod ereilte …
«Tobisch hat hier gearbeitet!», rief Mortimer aus. «Das wusste ich nicht.»
«Er war der Sohn unseres damaligen Geschäftsführers», seufzte Ricarda. «Der arme Eitel Tobisch. Ein zwanghafter Spieler, der Selbstmord beging, nachdem seine Schulden zu hoch wurden. Später haben wir erfahren, dass Ottos Mutter Alkoholikerin war. Ich habe mich oft gefragt, ob das wohl der Grund ist, warum Otto so wurde, wie er geworden ist.»
«Mama, du musst nicht nach Entschuldigungen für ihn suchen!», rief Viktoria ärgerlich aus. «Er hat sich schon immer abscheulich benommen. Ich werde nie vergessen, wie ich ihn eines Tages überrascht habe, als er in einen Pflanzenkübel im Palmengarten urinierte. Als ich ihm androhte, es Papa zu sagen, versuchte er, mich zu erwürgen.»
Ihre Mutter starrte sie entsetzt an. «Vicki, das habe ich nicht gewusst!»
«Damals war ich höchstens fünf und hatte solche Angst, dass ich dir nichts sagte. Später hat er mich dann allein im vierten Stock überrascht und mich belästigt.»
«Vicki, mein Liebling, ich hatte keine Ahnung …»
«Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.» Sie hatte ihrer Mutter auch nie erzählt, was Otto gesagt hatte, als er zur Armee eingezogen wurde – Worte, die sie niemals vergessen würde: «Eines Tages werde ich derjenige sein, der hier im Hotel die Anweisungen gibt», hatte er geschrien. «Dann rechne ich mit dir ab!»
Mortimer kratzte sich nachdenklich am Kopf. «Hat Tobisch nicht auch am Kapp-Putsch teilgenommen?»
«Ich wurde im Mai 1920 während des Kapp-Putsches geboren», sagte Monika. «Als er misslang und die Freikorps-Soldaten Berlin verließen, hat Otto Tobisch sein Maschinengewehr auf unser Hotel abgefeuert.» Sie wandte sich an ihre Mutter. «Das stimmt doch, oder?»
«Ja.» Es war wirklich nicht schön, aber Monikas Geburt stand für Viktoria immer mit Otto in Verbindung. Manchmal fragte sie sich, ob die gegenwärtige Faszination ihrer Tochter für die Sturmtruppen mit den turbulenten Ereignissen während ihrer Geburt zu tun hatte.
«Ach! Nehmt doch Tobisch nicht so wichtig!», brummte der Baron. «Er ist auch nicht anders als Tausende Soldaten, die sich den Freikorps angeschlossen haben, nachdem die Reichswehr durch den Versailler Vertrag reduziert wurde. Er war dann auch in Hitlers missglückten Putsch 1923 in München verwickelt. Jetzt allerdings steht er auf der Seite der Gewinner.»
«Was macht er jetzt?»
«Er ist wieder in Berlin», sagte Viktoria bedrückt. «Als Offizier bei der SS.»
Stefans Gesicht verdüsterte sich. «Vor ein paar Jahren war Minister Göring bei einem Essen hier, Otto Tobisch gehörte zu seiner Leibwache. Vor dem Hotel demonstrierten Kommunisten, es kam zu Auseinandersetzungen, und dabei hat Otto Tobisch einen der Demonstranten zu Tode getrampelt. Ich habe gesehen, wie es passiert ist. Seitdem hasse ich die Nazis.»
«Ich verstehe nicht, dass man Göring und der politischen Polizei, der SA und der SS, Männern wie Otto so viel Macht gibt», sagte Viktoria bitter. «Solange Otto auf freiem Fuß ist, werde ich den Nazis niemals trauen.»
Luise warf ihre kastanienbraunen Locken zornig zurück. «All unsere Schwierigkeiten in den letzten Jahren wurden durch die Sturmtruppen verursacht. Mein Café Jochum zum Beispiel …»
Benno seufzte gereizt auf. «Luise, wann wirst du einsehen, dass es deine Freunde aus dem Café Jochum waren, die aus Berlin einen Sumpf der Korruption und eine Brutstätte von Revolutionären gemacht haben? Dadurch wurden die Sturmtruppen doch erst notwendig!»
«Meine Freunde sind Künstler, keine Revolutionäre! Um Himmels willen, wirf sie doch nicht in einen Topf mit Leuten wie Olga!»
«Luise», murmelte Ricarda, «reg dich doch bitte nicht so auf.»
«Ich finde die Sturmtruppen aufregend», sagte Monika. «Letzte Nacht bei dem Fackelzug …»
Viktoria seufzte ungeduldig. «Monika, du bist erst zwölf. Du verstehst nichts von Politik.»
«Ich weiß mehr, als du denkst. Und überhaupt, ich weiß mehr über Hitler als du», gab ihre Tochter triumphierend zurück. «Unser Klassenlehrer liest uns jeden Morgen vor dem Unterricht aus ‹Mein Kampf› vor. Es ist sehr interessant.»
Viktoria holte tief Luft. «Schade, dass du an Mathematik und Englisch nicht ebenso großes Interesse zeigst.»
Benno tätschelte seiner Tochter liebevoll die Hand. «Ich freue mich, dass du am Tagesgeschehen so lebhaft Anteil nimmst.»
Am Tisch war peinliche Stille eingetreten, und Viktoria bedeutete den wartenden Kellnern, das Geschirr abzuräumen. Als der nächste Gang serviert wurde, lenkte sie die Konversation geschickt auf ein anderes Thema. Sie fragte Mortimer nach den Gemälden seiner Frau, und der Rest des Abendessens verlief harmonischer.
Den Kaffee nahmen sie im Palmengarten ein. Mortimer entschuldigte sich danach, dankte für die Gastfreundschaft und erklärte, dass er nach der langen Reise ziemlich müde sei und sich zurückziehen wolle.
«Allen ist ein guter Journalist», meinte der Baron. «Er versteht eine ganze Menge von deutscher Politik, obwohl ich mit dem, was er schreibt, überhaupt nicht einverstanden bin.»
«Er spricht ausgezeichnet Deutsch, unter den anderen amerikanischen Korrespondenten ist er damit eine große Ausnahme», unterstrich Benno.
«So ein charmanter Mann», murmelte Ricarda.
«Zumindest scheint er die Braunhemden nicht mehr zu mögen als wir», setzte Luise schneidend hinzu.
«Ich mag ihn nicht», verkündete Monika. «Ich glaube, er ist gar kein Journalist. Ich halte ihn für einen bolschewistischen Spion – vielleicht ist er auch Jude.»
«Mach dich nicht lächerlich! Du bist bloß beleidigt, weil wir nicht über dich gesprochen haben», antwortete Stefan mit der Überlegenheit des großen Bruders.
Viktoria sagte nichts. Sie wusste nicht, warum, aber sie hielt Mortimer für einen seltsam attraktiven und ziemlich verwirrenden Mann.
Oben, in seinem Zimmer, dachte Mortimer über Viktoria nach. Die Veränderungen in ihrem Gesicht während des Gesprächs waren ihm nicht entgangen: der Anflug besitzergreifender Eifersucht, als man über Stefans Studium in Oxford sprach; Unbehagen, als Olga Meyers Name fiel, und Hass, als er das Gespräch auf Otto Tobisch brachte. «Ein wacher Kopf», dachte er, «eine gute Freundin und eine erbarmungslose Feindin.» Er wusste nicht genau, warum, aber irgendetwas an ihr zog ihn an. Es versprach äußerst interessant zu werden, sie näher kennenzulernen.
Mitte Februar gehörte Baron Heinrich von Kraus zu den ausgewählten Gästen bei einem Empfang in Görings offiziellem Amtssitz, dem Palais des Reichstagspräsidenten, wo Hitler seine Zukunftspläne, insbesondere für die Großindustrie, erläuterte. Seine Worte klangen wie Musik in den Ohren des Barons.
In einem satirischen Beitrag stand einmal zu lesen, dass beim Tod des Barons Heinrich von Kraus der heilige Petrus die Himmelstüren verriegeln würde, für den Fall, dass der Baron eventuell beabsichtigte, das Himmelreich zu übernehmen. Der Baron hatte den Artikel aufgehoben, nicht, weil er ihn so amüsant fand, sondern weil er eigentlich überhaupt nicht daran dachte zu sterben. Er war jetzt vierundsiebzig Jahre alt, aber es gab auf der Welt noch eine ganze Menge zu übernehmen, bevor er ein Auge auf den Himmel warf.
Als einziger Sohn hatte er von seinem Vater Stahlwerke in Schlesien, Waffenfabriken im Ruhrgebiet und chemische Betriebe in Berlin-Wedding geerbt. Zu seinem Reich gehörten nun auch eine Werft an der Mündung der Weser, eine Schifffahrtslinie, eine Fluggesellschaft und an die vierhundert Zulieferungsbetriebe, die er während der Wirtschaftskrise aufgekauft hatte; außerdem verfügte er natürlich auch über umfangreiche Anlagen im Ausland. In der ganzen Welt war er als der «Stahlkönig» bekannt.
Seinen Erfolg verdankte er zwei Faktoren. Einer war seine Verbindung mit der Familie von Biederstedt aus Fürstenmark in Vorpommern. Seine Heirat mit Julia von Biederstedt hatte ihm viele Tore geöffnet, die ihm sonst verschlossen geblieben wären, und war indirekt auch der Anlass für die Verleihung des Adelstitels durch den Kaiser. Um die Verbindung zwischen den beiden Familien zu stärken, hatte der Baron seinen ältesten Sohn Ernst mit dessen Cousine Trude verheiratet. Ernst führte nun die amerikanische Kraus-Niederlassung in New York, während Trude und ihre beiden Söhne Werner und Norbert bei Julia in Essen lebten.
Der Hauptgrund aber für den Erfolg des Barons war seine politische, wirtschaftliche und finanzielle Gerissenheit. Der Versailler Vertrag, der die Herstellung militärischer Ausrüstung verbot, hatte die Kraus-Werke weniger getroffen als seine Konkurrenten, denn bereits während des Krieges hatte Baron Heinrich gemerkt, aus welcher Richtung der Wind wehte, und seine Pläne darauf abgestimmt.
In vielen Ländern wurden Waffen und militärische Ausrüstung in Lizenzbetrieben der Firma Kraus produziert. Mit der Firma van der Jong nahe Rotterdam gab es Abmachungen, die die Weiterproduktion von Unterwasserbooten und Schiffen für die Kriegsmarine sicherstellten. Und in geheimer Zusammenarbeit mit der Reichswehr wurde in den Werken an der Ruhr weiter an der Entwicklung moderner Waffen und Panzer geforscht, in den Laboratorien am Wedding experimentierte man mit Sprengstoffen, synthetischem Öl und Benzin. Die Flugzeugfirmen, die nach außen hin nur für die zivile Luftfahrt produzierten, beschäftigten sich in Wirklichkeit mit der Entwicklung von Kampfflugzeugen.
Während der Weimarer Regierung gab es wenig Chancen für die Umsetzung seiner Pläne. Mit den Nazis war dies etwas anderes. Wenn es jemals ein Parteiprogramm gab, das für Kraus maßgeschneidert war, dann war es das von Hitler. Der Baron hatte dies schnell erkannt. Er pflegte seine Freundschaft zu Hermann Göring und half der Partei über manches finanzielle Desaster hinweg. Die Profite dafür konnte er bald ernten. Eine seiner ersten Erwerbungen war das Bankhaus Arendt in der Behrenstraße, das er in Liegnitzer Bank umbenannte, um jede Erinnerung an die jüdischen Ursprünge des Hauses zu tilgen. Ein Teil dieses Handels war auch der Erwerb der Grunewaldvilla des Bankiers Theo Arendt. Im Augenblick residierte Kraus in einer Suite im ersten Stock des Quadriga, bis seine Villa bezugsbereit war.
Als die Versammlung vorüber war, griff der Baron in seine Tasche und zückte sein Scheckbuch. «Mein kleiner Beitrag für die Parteikasse», sagte er zu Göring.
Er spendete nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus der Überzeugung, dass sich die Investition in den kommenden Jahren mehr als bezahlt machen würde. Schon vor langem hatte er erkannt, dass nicht die Politiker, sondern diejenigen, die über das Kapital verfügten, das Schicksal eines Landes kontrollierten.
Die Bar war vergleichsweise leer, als Mortimer hereinschlenderte und sich auf einen Hocker setzte. «Guten Abend, Hasso. Das Übliche bitte, und nehmen Sie sich auch etwas.»
«Danke, Herr Allen.» Hasso reichte Mortimer seinen Whisky und schenkte sich selbst ein Bier ein, während er anerkennend den Schaum der braunen Flüssigkeit betrachtete. «Schultheiss-Patzenhofer, das beste Lagerbier der Welt. Und die größte Brauerei der Welt, wussten Sie das? Mein Vater hat dort gearbeitet.»
Mortimer sah ihn interessiert an. «Sie stammen aus Berlin?»
«Natürlich. Aus Wedding.»
Mortimers Interesse nahm zu. «Haben Sie immer noch Familie dort?»
«Meine Schwester Rosa, sie lebt in der Maxstraße. Ihr Mann arbeitet bei Kraus-Chemie.» Hasso runzelte die Stirn. «Ich habe heute Nachmittag etwas erfahren, das Sie vielleicht interessieren dürfte, Herr Allen. Letzte Nacht, als einer der Vorarbeiter der Kraus-Werke, Joachim Richter, mit einigen seiner Kollegen von einem Gewerkschaftstreffen zurückkehrte, wurde ihnen von bewaffneten SA-Leuten aufgelauert. Sie versuchten, sich zu verteidigen, und als die Polizei auftauchte, wurde Richter wegen Gewalttätigkeit verhaftet und abgeführt. Heute Morgen gab es eine Versammlung, man wollte besprechen, wie vorgegangen werden sollte, um seine Freilassung zu erreichen, aber auch dieses Treffen haben die Braunhemden aufgelöst. Inzwischen wurden Versammlungen der Gewerkschaft und der Kommunistischen Partei per Staatsverordnung verboten.»
Mortimer kräuselte die Lippen. «Die Leute scheinen große Angst vor einer neuerlichen kommunistischen Revolution zu haben. Halten Sie so etwas für möglich?»
Hasso schüttelte den Kopf. «Nein, eine Revolution wird nicht geplant. Die Arbeiter wollen nur ihre Rechte – und etwas Geld in der Tasche.»
In einem tristen Klassenzimmer des Gymnasiums an der Wiesenstraße im Wedding nahm Olga Meyer an einer Elternversammlung teil. Sie war eine kleine, unscheinbare Frau von einundvierzig Jahren, das graue Haar trug sie in einen Knoten geschlungen, und ihr Gesicht durchzogen mehr Falten, als ihrem Alter angemessen war; ihr Leben hatte sie der kommunistischen Sache verschrieben. Doch mit einem Mal ergriff sie das Gefühl, dass ihre Arbeit vergeblich gewesen war.
«Ich möchte betonen, dass sich durch die Wahl Hitlers zum Reichskanzler nichts an dieser Schule ändern wird», versicherte Dr. Paul Lukas den versammelten Eltern und Lehrern.
Kaum hatte der Schulleiter seine Rede beendet, sprang Olga auf. «Genossen, ich glaube nicht, dass ihr den Ernst unserer Lage richtig einschätzt. Habt ihr nicht gehört, wie Hitler immer wieder gesagt hat, er werde unsere Kinder im Dienst des ‹neuen Nationalstaates› erziehen?» Ihre Stimme wurde schrill. «Seht euch doch einmal an, wie viele Schüler der Hitlerjugend beitreten. Jetzt müssen wir handeln. Wir müssen für Erziehungsfreiheit streiken!»
Aufgeregtes Stimmengewirr brach los, die kleine Versammlung teilte sich schnell in zwei Gruppierungen, aber nach ein paar Minuten erkannte Olga, dass sie ihre Zeit verschwendete. Am Ende würde, wie so oft, alles beim Alten bleiben. Sie stand auf, um zu gehen.
Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen. Flankiert von etwa einem halben Dutzend SA-Leuten, betrat ein Polizist den Raum. Er blickte über die kleine, aufgeregte Schar, ohne Olga zu bemerken. «Wie uns zu Ohren kam, handelt es sich hier um ein Treffen von Kommunisten … Gemäß den letzten Verordnungen sind kommunistische Versammlungen strikt verboten. Ich muss Sie leider verhaften.»
«Das ist keine kommunistische Versammlung …», stotterte Dr. Lukas.
Olga hatte genug gehört. Sie schlüpfte hinter den SA-Leuten aus der Tür, rannte schnell durch die leeren Korridore der Schule und entkam durch die Hintertür des Gebäudes.
Am Eingang ihres Mietshauses hielt sie inne und versteckte sich im Schatten. Von der Schule drangen ärgerliche Stimmen herüber, Türen wurden geschlagen und Motoren angelassen. Die Wagen brausten an ihr vorüber. Auf dem Rücksitz des Polizeiautos, eingeklemmt zwischen zwei SA-Leuten, erkannte sie das weiße Gesicht von Dr. Lukas. Wenn sie in Zukunft nicht vorsichtiger vorgingen, würde es am Wedding bald keine Kommunisten mehr geben. Unerbittlich zog sich das Netz enger zusammen.
An Viktorias Bürotür klopfte es leise, und Mortimer Allen trat ein.
«Ich hoffe, ich störe nicht?»
«Nein, natürlich nicht, Herr Allen.»
«Danke.» Mortimer lehnte sich mit ernstem Gesicht an die Wand. «Ich komme gerade von einer Pressekonferenz bei Goebbels. Görings Polizei hat das Büro der Kommunistischen Partei durchsucht und Beweise dafür gefunden, dass eine Revolution geplant ist. Ausdrücklich fiel der Name von Olga Meyer. Nachdem Sie ihr einmal geholfen haben, als sie in Schwierigkeiten war, dachte ich, dass Sie ihr vielleicht jetzt auch helfen wollten.»
Viktoria biss sich auf die Lippen. Als sie an jenem Abend von Olgas Flucht erzählt hatte, war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass die Geschichte sich wiederholen könnte. «Herr Allen, Sie können das nicht ganz verstehen. Olga und ich waren vor langer Zeit einmal befreundet, aber seitdem hat sich viel geändert.»
«Sie ist aber dennoch Ihre Cousine – und sie ist in großer Gefahr …»
Viktoria blickte auf die Papiere hinunter, die ihren Schreibtisch bedeckten. «Herr Allen, halten Sie mich bitte nicht für herzlos, aber Olga hat eine Menge Leid in meiner Familie verursacht.»
«Wegen ihrer Sympathien für die Kommunisten?»
«Es kommen noch andere Dinge hinzu.» Mortimer Allen war ein Fremder, dem sie keine Erklärungen schuldete, dennoch wollte sie nicht als gefühllos erscheinen. Sie sah zu ihm auf. «Wenn Olga im Jahr 1919 nicht hierher geflüchtet wäre, hätte Otto Tobisch sie hier nicht gesucht – und mein Vater wäre vielleicht nicht gestorben. Er regte sich damals so auf, dass er wütend aus dem Hotel rannte – und von einem Auto getötet wurde. Bis zum heutigen Tag bin ich sicher, dass Otto Tobisch in dem Wagen war, der Papa überfuhr.»
«Ich hatte keine Ahnung … Aber trotzdem können Sie doch Olga nicht für den Tod Ihres Vaters verantwortlich machen.»
«Es war ihre Haltung danach, die mich so furchtbar aufregte. Olga zeigte absolut kein Mitgefühl. Sie schien sich weder um den Tod meines Vaters noch um den ihres Mannes zu scheren. Tatsächlich behauptete sie, dass – verglichen mit der kommunistischen Sache – das Leben Einzelner nicht wichtig sei und es nicht zähle, wie viele Menschen sterben, wenn nur die Revolution siege.»
Mortimer schwieg einen Moment, dann nickte er teilnehmend. «Ja, ich verstehe, wie Sie fühlen müssen. Danke, dass Sie so offen zu mir waren.»
Nachdem er gegangen war, blieb Viktoria bewegungslos sitzen. Sie hatte Mortimer viel, aber nicht die ganze Wahrheit erzählt. Olga wusste, dass Stefan nicht Bennos Sohn war. Denn als Viktoria bemerkte, dass ihre kurze Affäre mit Peter von Biederstedt nicht ohne Folgen geblieben war, hatte sie eines Tages Olga um Hilfe gebeten. Sie hatte Mortimer auch nichts von Olgas Worten erzählt, die schließlich das Ende ihrer Freundschaft besiegelten: «Ich werde mein Kind als wahren Kommunisten aufziehen», hatte Olga gesagt, die damals schwanger war, «damit es den Platz einnehmen kann, den Reinhardt hätte ausfüllen sollen. Die Zukunft von Deutschland hängt von Kindern ab, wie ich eines in mir trage, denn sie werden die Kinder der Revolution sein.»
«Dann tut mir dein Kind leid», hatte Viktoria ärgerlich erwidert.
«Und mir tut deines leid, denn es wird mit einer Lüge aufwachsen. Eines Tages werden sich dein und mein Kind begegnen, und wir werden sehen, welches das bessere geworden ist.»
Viktoria zitterte. Noch immer sah sie den unversöhnlichen Hass in Olgas Augen, und sie wusste nicht, was sie mehr fürchtete: Olga Meyers Fanatismus oder Otto Tobischs Rachegelüste.
Luise Jochum, eine schlanke Gestalt mit einer Masse nicht zu bändigendem kastanienbraunen Haar, ging mit müden Schritten den Kurfürstendamm hinunter in Richtung Café Jochum.
Seit fünfzig Jahren gab es nun ein Café Jochum in Berlin. Ihr Vater, Karl Jochum, hatte 1883 das erste am Potsdamer Platz erbaut, in jenen fernen Tagen, als Berlin die neue, aufstrebende Hauptstadt des Kaiserreichs geworden war. Er machte sich einen Namen, und zehn Jahre später konnte Karl Jochum das Hotel Quadriga bauen.
Mitte der zwanziger Jahre wurde das ursprüngliche Café verkauft und auf dem Kurfürstendamm ein neues Café Jochum eröffnet. Dieses Café war Luises Schöpfung. Während ihre Schwester Viktoria, die immer noch den Traditionen der Wilhelminischen Ära nachhing, das Hotel Quadriga leitete, fand Luise, begeistert von den vielfältigen Ideen der zwanziger Jahre, mit dem Café eine eigene Aufgabe. Das neue Café Jochum war nach einem Entwurf des Bauhaus-Architekten Erich Mendelsohn gebaut und eines der umstrittensten Gebäude in Berlin: ein vierstöckiger Glas- und Betonbau mit riesigen Neonlettern auf dem Dach, die abgerundeten Balkone von Kaskaden orangefarbenen Lichts umflutet.
Seit der Eröffnung 1924 hatte Luise das Café Jochum mit Hilfe ihres Geschäftsführers Oskar Braun geleitet. Während dieser Zeit war das Café der Hauptanziehungspunkt für die kulturelle Szene Berlins geworden. Schauspieler hielten hier mit ihren Bewunderern Hof, Bühnenschriftsteller, Dichter, Künstler und Musiker verbrachten die Nächte bei heißen Diskussionen.
Dann hatte sich plötzlich der Einfluss von Goebbels bemerkbar gemacht, von seinen gehässigen Reden über das, was er als Pornographie und entartete Kunst bezeichnete.
Die Sturmtruppen hatten sich das Café Jochum als Zielscheibe ihrer Angriffe ausgesucht: Sie drangen in das Lokal ein, krakeelten, warfen Tische um und belästigten die Gäste. Allmählich verschwanden Luises Freunde. Einige gingen nach Amerika, London oder Paris. Andere waren noch immer in Berlin, aber sie zogen es vor, die Abende sicher zu Hause zu verbringen. Und auch Luise hatte sich mehr und mehr von der Leitung des Cafés zurückgezogen und war immer einsamer geworden.
Nun ging Luise mit schwerem Herzen zum Café Jochum. Sie war zweiunddreißig Jahre alt und schien in ihrem Leben nichts erreicht zu haben. Die Männer, die sie geliebt hatte, hatten sie alle verlassen. Der Kampfpilot Josef Nowak, der ihr kurz nach dem Krieg einen Heiratsantrag gemacht hatte, verließ Berlin, nachdem sie ihn abgewiesen hatte. Der jüdische Jazzmusiker Georg Jankowski, den sie leidenschaftlich geliebt hatte, lebte jetzt in Amerika. Selbst ihr treuer Freund Lothar Lorenz, der Schweizer Kunstmäzen, war kürzlich in die Schweiz zurückgekehrt.
«Darf ich Sie begleiten?», fragte eine Stimme neben ihr. Als Luise sich umwandte, fand sie Mortimer Allen an ihrer Seite.
Sie war so in ihre Sorgen versunken, dass seine vorsichtige Frage sie nicht überraschte. Mortimer Allen war im Hotel eine vertraute Figur geworden, der mit Hasso Annuschek in der Bar plauderte oder mit anderen Journalisten im Restaurant dinierte. «Natürlich, Herr Allen, ich kann nur nicht versprechen, dass ich eine gute Gesellschafterin bin.»
«Ich habe sehr liebe Erinnerungen an das Café Jochum», sagte Mortimer im Plauderton. Luise biss sich auf die Lippen, sie war sich plötzlich sicher, dass sie beim ersten Wort, das sie sagte, in Tränen ausbrechen würde.
Als sie das Café mit der ausladenden Straßenterrasse erreichten, war klar, dass dort etwas nicht in Ordnung war. Eine Fensterscheibe war eingeworfen, die Tür hing schief in den Angeln. «O nein», murmelte Luise angstvoll. «Das ertrage ich nicht.»
Das Innere des Cafés war verwüstet, die Tische mit den Glasplatten umgestürzt, die mit schwarzem Leder bezogenen Chromstühle umgestoßen und aufgeschlitzt. Zerbrochene Flaschen, Geschirr- und Glasscherben lagen über den Boden verstreut.
Oskar Braun eilte auf sie zu, sein rechtes Auge war blau geschlagen und geschwollen.
«Ich habe schon versucht, Sie zu erreichen. Heute am frühen Morgen kam ein SS-Führer mit einer Schlägertruppe her», erklärte er mit zitternder Stimme. «Er sagte, das Café Jochum sei ein Treffpunkt für kommunistisch-jüdische Verschwörer. Er beschuldigte mich, kommunistischer Revolutionär zu sein. Er schlug mich. Dann haben seine Rowdys alles zertrümmert.»
Luise sank auf eine Stufe.
«Sie haben sich nicht damit zufriedengegeben, das Lokal zu zerstören – sehen Sie nur, was sie mit dem Wandgemälde gemacht haben.» Braun deutete auf das von dem berühmten Maler Otto Dix gestaltete Wandgemälde, das die ganze Längsseite einnahm und für das das Café berühmt war. Jetzt war ein großes Hakenkreuz darübergeschmiert.
Luise hob den Kopf und starrte durch einen Tränenschleier auf das Bild. Mortimer legte beschützend seinen Arm um ihre Schultern. «Man kann doch wieder aufräumen. Die Möbel können repariert werden. Selbst das Gemälde kann man restaurieren lassen.»
«Aber es wird nie wieder wie früher sein …»
«Wie ich gerade Herrn Benno am Telefon gesagt habe: Ich komme mit dieser Art Vorkommnisse nicht zurecht», fuhr Oskar Braun mit bebender Stimme fort. «Ich habe meine Kündigung eingereicht.»
«Nein, Oskar, Sie können doch jetzt nicht gehen», bettelte Luise.
«Fräulein Luise, ich werde alt, und die Welt ändert sich zu schnell. Mein Sohn lebt in Brüssel. Ich habe mich entschlossen, zu ihm zu ziehen.»
Tränen strömten über Luises Wangen.
Mortimer wusste, dass er nun eingreifen musste. «Hallo, Sie!», rief er einen der Kellner, die in einer Ecke zusammenstanden. «Rufen Sie ein Taxi! Und ihr Übrigen beginnt, hier aufzuräumen!»
Seine Worte brachten sie in Bewegung. Als das Taxi eintraf, war bereits das schlimmste Durcheinander beseitigt.
Im Quadriga angekommen, brachte Mortimer Luise direkt in die Wohnung der Jochums. Luise warf sich in die Arme ihrer Mutter und brach wieder in hemmungsloses Weinen aus.
«Im Café Jochum hat es Schwierigkeiten gegeben», erklärte Mortimer.
Ricarda sah ihn mit ihren ruhigen grünen Augen über Luises kastanienbraunen Schopf hinweg an. Weisheit lag darin, die aus langer Erfahrung geboren war. «Danke, Herr Allen. Ich kümmere mich jetzt um sie. Komm, Luischen.»
«Ach, Mama, warum können sie das Café Jochum nicht in Ruhe lassen?», schluchzte Luise. «Warum zerstören Menschen immer die schönen Dinge? Warum müssen Hässlichkeit und Bosheit immer gewinnen?»
Etwas später kam der Hausarzt Dr. Blattner zu seiner täglichen Routinevisite ins Hotel. Es war nicht der gleiche Dr. Blattner, der Stefan zur Welt gebracht hatte, denn dieser hatte sich vor ein paar Jahren zur Ruhe gesetzt. Sein Sohn führte die Praxis nun und war dem Quadriga genauso verbunden wie vor ihm sein Vater.
Ricarda bat ihn, nach Luise zu sehen, und als er die Untersuchung beendet hatte, sagte er zu Viktoria und Ricarda: «Sie ist ziemlich erschöpft und steht unter beträchtlichem psychischem Druck.»
«Können wir denn irgendetwas tun?», fragte Viktoria besorgt.
Dr. Blattner zuckte mit den Schultern. «Ich verschreibe ihr ein Stärkungsmittel und empfehle, alle Aufregungen von ihr fernzuhalten.»
Jeden Abend kam Mortimer Allen nun in Viktorias Büro und erkundigte sich nach Luise. Viktoria konnte wenig Neues sagen. Luise blieb in ihrem Zimmer und wollte außer ihrer Mutter und ihrer Schwester keinen Menschen sehen.
Nachdem sie sich eine Weile über Luise unterhalten hatten, gingen sie zu anderen Themen über. Mortimer achtete darauf, Viktorias Zeit nicht über Gebühr zu strapazieren, und seine Fragen nach ihrem Wohlergehen und dem des Hotels wurden nie zu persönlich. Er versuchte nicht, in ihr Privatleben einzudringen, umgekehrt machte auch Viktoria keine Anstalten dazu. Mit ihm ließ es sich so angenehm plaudern, dass Viktoria bald das Gefühl hatte, sie seien alte Freunde.
Noch vor dem Ende der Woche hatte Benno einen Ersatz für Oskar Braun eingestellt, einen früheren Gastwirt namens Fredi Förster, mit Bierbauch und Boxernase. Viktoria wünschte, Benno hätte ein wenig länger gewartet, damit sie sich an der Entscheidung beteiligen konnte. Aber im Moment war sie einfach zu beschäftigt. In weniger als einer Woche standen die Wahlen an, jedes Zimmer im Quadriga war belegt, und in den Bankettsälen fanden Diners statt, bei denen prominente Politiker als Ehrengäste geladen waren.
Gleich zum Einstand ließ Förster das verschmierte Dix-Wandbild entfernen. Das Alpenpanorama, das er stattdessen anbringen ließ, veränderte die Atmosphäre des Cafés völlig. Genauso änderte sich die Klientel. Ein Zitherspieler unterhielt nun mit seinen sentimentalen Melodien eine Zuhörerschaft aus spießig gekleideten Kleinbürgerhausfrauen, die sich hier zum Kaffeeklatsch trafen. Im hinteren Teil des Raumes lümmelten sich SA-Leute, kippten ihr Bier hinunter und legten die Füße auf die Tische.
Für das Café Jochum begann eine neue Ära.
Am Montag, dem 27. Februar 1933, saß die Familie gerade beim Abendessen, als ein Page hereinrannte und Philip Krosyk eine Nachricht übergab, der sie eiligst zum Tisch von Mortimer Allen brachte. Die Stimme des Journalisten war deutlich zu hören, als er aufsprang: «Gütiger Gott! Der Reichstag brennt!» Sofort brach ein schreckliches Durcheinander los. Die Gäste sprangen von den Tischen auf und stürmten zu den Türen. Benno folgte Mortimer Allen ins Foyer, Viktoria gleich hinterher. Sie hielt nur inne, um Stefan und Monika zu bitten, bei ihrer Großmutter zu bleiben. Als sie den Eingang erreicht hatte, stiegen Benno und Mortimer gerade in eine der hoteleigenen Limousinen, die vor dem Hotel warteten. Viktoria quetschte sich hinein, bevor einer der Türsteher ihr die Tür vor der Nase zuschlug. Mit Höchstgeschwindigkeit rasten sie zum Platz der Republik. Schon von ferne erkannte man, dass der Himmel über dem Reichstag rot glühte.
Ein paar Minuten später sahen sie die Menschenmasse, die sich vor dem Parlamentsgebäude versammelt hatte, und starrten in sprachlosem Entsetzen auf die aus Türen und Fenstern strömenden Rauchwolken und auf die Glaskuppel, die sich leuchtend gegen den Himmel abhob. Löschfahrzeuge waren bereits zur Stelle, und Feuerwehrleute richteten ihre Wasserschläuche auf den Brand.
Die Polizei versperrte ihnen den Weg, aber Mortimer hielt seinen Presseausweis hoch und brachte sie zu einem Platz, von dem aus sie die bekannte Gestalt Görings sehen konnten, der grotesk gestikulierend rief: «Das ist ein kommunistisches Verbrechen! Das ist der Anfang der kommunistischen Revolution!» Reporter drängten sich um ihn und schrieben fieberhaft mit.
