Viktorias Erbe - Jenny Glanfield - E-Book
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Viktorias Erbe E-Book

Jenny Glanfield

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Beschreibung

Der letzte Teil der Romantrilogie setzt mit dem Jahr 1945 ein: Das Hotel Quadriga ist bis auf die Grundmauern zerstört. Doch Viktoria will die Tradition der Hoteliersfamilie nicht aussterben lassen. Sie gründet im Boom des Wiederaufbaus mit Entschlossenheit im Westen das Hotel Berlin. Auch in den Jahren des geteilten Berlins bleibt das Schicksal ihrer Familie mit dem der deutschen Geschichte eng verbunden. Bis die Mauer schließlich fällt ... «Viktorias Erbe» ist der dritte und letzte, in sich geschlossene Band der Familiensaga um das dem Hotel Adlon nachempfundene fiktive Hotel Quadriga am Brandenburger Tor, anhand dessen eindrucksvoll deutsche Geschichte von der Kaiserzeit bis zum Fall der Mauer beschrieben wird. Der erste Band der Trilogie, «Hotel Quadriga», reicht von der Kaiserzeit bis zur Machtergreifung Hitlers. Der zweite Band, «Viktoria», erzählt von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

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Seitenzahl: 800

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jenny Glanfield

Viktorias Erbe

Die Geschichte einer Berliner Familiendynastie

 

 

Aus dem Englischen von Wolfgang Rhiel

 

Über dieses Buch

Der letzte Teil der Romantrilogie setzt mit dem Jahr 1945 ein: Das Hotel Quadriga ist bis auf die Grundmauern zerstört. Doch Viktoria will die Tradition der Hoteliersfamilie nicht aussterben lassen. Sie gründet im Boom des Wiederaufbaus mit Entschlossenheit im Westen das Hotel Berlin. Auch in den Jahren des geteilten Berlins bleibt das Schicksal ihrer Familie mit der deutschen Geschichte eng verbunden. Bis die Mauer schließlich fällt ...

»Viktorias Erbe« ist der dritte und letzte, in sich geschlossene Band der Familiensaga um das dem Hotel Adlon nachempfundene fiktive Hotel Quadriga am Brandenburger Tor, anhand dessen eindrucksvoll deutsche Geschichte von der Kaiserzeit bis zum Fall der Mauer beschrieben wird.

Der erste Band der Trilogie, »Hotel Quadriga«, reicht von der Kaiserzeit bis zur Machtergreifung Hitlers. Der zweite Band, »Viktoria«, erzählt von 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Vita

Jenny Glanfield lebt in London und auf ihrem Landsitz in Chatelaine.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2015

Copyright © 2019 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Copyright © 2007 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Copyright © 1994 by Jenny Glanfield

Covergestaltung HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

Coverabbildung Nina Masic/Trevillion Images; akg-images

ISBN 978-3-644-52411-8

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

TEIL EINS 1945–1950

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

TEIL ZWEI 1950–1961

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

TEIL DREI 1961–1972

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Epilog

Stammbaum

TEIL EINS1945–1950

1

Berlin, Samstag, den 18. August 1945

Der amerikanische Militärjeep holperte über von Bombenkratern übersäte Straßen durch rauchgeschwärzte, ausgebrannte Ruinen, die öde in den Himmel starrten. Größere Straßen waren mit Bulldozern geräumt worden, aber überall sonst rückten Menschen, zumeist Frauen, den Trümmern zu Leibe. Aus Brettern, Ziegelsteinen und Planen waren Notunterkünfte errichtet worden. Auf Feuerstellen zwischen den Ruinen wurde im Freien gekocht. Lange Schlangen warteten vor den Läden und an Wasserpumpen. Notdürftig zusammengenagelte Kreuze markierten die Stellen, wo Menschen bei Luftangriffen umgekommen waren. Von Zeit zu Zeit überholte der Jeep einen von Menschen gezogenen Leichenwagen.

Ganz im Bann jener Faszination des Schreckens, die jeden neu ankommenden Berlinbesucher packte, hielt Mortimer Allen sich an der Windschutzscheibe fest, während Jeff Malone den Jeep routiniert über unsichere Wege ins Stadtzentrum steuerte. Mortimer, zweiundfünfzig Jahre alt, mit grauen Augen und einer leicht ergrauten Strähne, die ihm widerspenstig in die hohe Stirn hing, war ein großgewachsener, stattlicher Amerikaner deutscher Abstammung und mit einer Engländerin verheiratet. Bis 1940, als er sich mit den Nazis angelegt hatte, war er Berliner Korrespondent der New York News gewesen. Die letzten fünf Jahre hatte er aus London über den Krieg berichtet.

Mortimer holte ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche, bediente sich, bot sie Jeff an, drehte sich dann um und hielt sie Stefan Jochum hin, der hinten im Jeep kauerte.

Stefan, das bleiche Gesicht unter einer britischen Militärmütze, nahm die Zigarette dankend an, wobei er sich bemühte, die zitternden Finger ruhig zu halten. Natürlich hatte er von den Luftangriffen und Feuerstürmen gewusst, die über und in Berlin getobt hatten, und von der letzten Schlacht im April dieses Jahres, als russische Truppen sich zu Fuß bis zur Reichskanzlei und dem Führerbunker vorgekämpft hatten. Aber auf diese schreckliche Stadtwüste war er denn doch nicht vorbereitet gewesen.

Es war sechs Jahre her, seit er Berlin verlassen hatte, voll Verachtung für seine Mutter, Hass auf die Nazis und Angst vor dem Gedanken an einen Krieg zwischen England und Deutschland, den er sich, als er ausbrach, nie so lang und verheerend vorgestellt hatte. Während sechs Jahren hatte er sich gegen jegliche Gefühle gewappnet, hatte er an Deutschland nur als den Feind und an Berlin nicht als seine Geburtsstadt gedacht, sondern nur als die Hauptstadt des Nazireichs.

Aber trotzdem war es seine Heimat. Seine Familie wohnte noch in Berlin – falls sie die Zerstörung überlebt hatte. Die letzte Nachricht hatte Stefan 1940 von Mortimer erhalten. Nicht einmal über das Rote Kreuz hatte er irgendetwas erfahren können.

Sie fuhren am Gerippe des Potsdamer Bahnhofs vorbei und kamen zum Potsdamer Platz, auf dem jetzt Panzerwracks und ausgebrannte Militärlaster standen. Ein Militärfahrzeug hupte ungeduldig, und Jeff gab Gas. Links lag der Tiergarten, jetzt kaum noch wiederzuerkennen als der verlockende Park mit Teichen und Rosengärten, wie Stefan und Mortimer ihn in Erinnerung hatten. Er glich vielmehr einem Schlachtfeld – versengter Rasen mit den Narben von Schützengräben und MG-Stellungen, die zerfetzten Bäume überschattet von einem monströsen Flakturm, der trotz der vielen Treffer noch stand.

Der Jeep umfuhr das Brandenburger Tor, an dem ebenfalls zerstörte Laster, Panzer, Panzerwagen und Geschütze lagen. Über den zwölf Säulen thronte die zerschossene Quadriga, der von vier stolzen Rossen gezogene und von der Siegesgöttin Viktoria gelenkte Triumphwagen, der an den Frieden zwischen Frankreich und Preußen von 1795 erinnern sollte. Auf dem Tor flatterte eine große rote Fahne mit Hammer und Sichel.

Vor ihnen lag Unter den Linden, einst Berlins Prachtstraße, doch die Linden, die dem Boulevard den Namen gegeben hatten, waren verschwunden, und von den Gebäuden zu beiden Seiten standen nur noch die Außenmauern. Die Promenade in der Mitte wurde von einem Riesenplakat beherrscht, das Stalin zeigte.

«Hier beginnt der sowjetische Sektor», erklärte der Fahrer.

Nichts interessierte Stefan in diesem Augenblick weniger als die politische Teilung Berlins. Er starrte auf die Ruinen und versuchte zu erkennen, wo das Hotel Quadriga gestanden hatte. Plötzlich schrie er auf, sodass Jeff abrupt anhielt und sich fragend umdrehte.

«Hier hat Captain Jochums Haus gestanden», erklärte Mortimer.

Während Jeff leise durch die Zähne pfiff, war Stefan aus dem Jeep geklettert. Fassungslos schüttelte er den Kopf, das Hotel noch so vor Augen, wie er es zuletzt gesehen hatte: den imposanten Granitsäulengang; die weiße Marmortreppe vor den gläsernen Drehtüren, an denen zwei Portiers in kobaltblauer Livree standen; den Balkon, von dem er und seine Familie so oft Paraden und Aufzüge verfolgt hatten; die elegant eingerichteten Zimmer, Restaurants und Bars …

Seine Großeltern Karl und Ricarda Jochum hatten das Hotel erbaut und an dem Tag eröffnet, an dem seine Mutter, Viktoria, im Juni 1894 zur Welt gekommen war. Stefan selbst war vor gut dreißig Jahren am 28. April 1915 dort geboren worden. Er hatte das Hotel immer für unvergänglich gehalten.

Doch jetzt gab es nur noch Berge von Granitbrocken, verkohlte Balkenreste, Trümmer von Marmorbädern und -böden, über denen ein Schleier aus Ruß und Asche lag.

Aus den Ruinen tauchten ein paar Kinder auf, dreckstarrende, zerlumpte Gassenbengel mit schmutzigem Gesicht. Einer kam auf Mortimer zu und bettelte: «Schokolade, Schokolade.»

Mortimer hatte bereits erlebt, welche Macht Schokolade und Zigaretten auf die ausgehungerten Menschen in Deutschland hatten. Er sprang aus dem Jeep und holte einen Schokoladenriegel aus der Tasche. «Here you are, kid.» Als der Junge danach griff, fragte er auf Deutsch: «Was ist mit diesem Haus passiert?»

«Ham die Russen anjesteckt.»

«Und die Besitzer? Was ist aus denen geworden?»

Doch der Junge, dem Mortimers inquisitorischer Ton Angst gemacht hatte, nahm Reißaus. Wie Ratten stahlen sie sich fort in die düsteren Ruinen.

Beruhigend legte Mortimer Stefan die Hand auf die Schulter. «Er hätte ohnehin nichts gewusst. Deine Eltern waren wahrscheinlich gar nicht hier. Dein Vater ist bestimmt mit der ganzen Familie nach Heiligensee gefahren.»

«Vielleicht.» Doch Stefan glaubte es nicht. Das Hotel Quadriga war im Leben seiner Mutter immer das Wichtigste gewesen. Egal, welche Gefahren der Familie gedroht hatten, für Viktoria war immer das Hotel zuerst gekommen. Sie hätte das Quadriga nie verlassen, nicht einmal auf Befehl seines Vaters. Wahrscheinlich hätte sie die übrige Familie in ihr Landhaus am Rand von Berlin geschickt, aber sie wäre im Hotel geblieben.

«Vielleicht sind sie auch zum Café Jochum», sagte Mortimer. Es war eine vage Hoffnung. Sie gingen zum Auto zurück, und Jeff fuhr sie zum Kurfürstendamm im britischen Sektor.

Obwohl nicht ganz so schwer zerstört wie Unter den Linden, stand auch am Kurfürstendamm kaum noch ein Haus. Biergärten, Straßencafés, Kaufhäuser und Kinos glichen gespenstischen Skeletten.

Plötzlich rief Stefan ungläubig: «Da!» Vor ihnen erhob sich das rußgeschwärzte Gerippe des Cafés Jochum. Verbogene Eisenträger ragten in die Luft. Die Reste einer unfassbar verdrehten Treppe hingen an nackten, fensterlosen Betonmauern. Mehr war nicht geblieben von einem der umstrittensten Berliner Gebäude des Bauhaus-Architekten Erich Mendelsohn, das einmal Stefans Tante Luise geleitet hatte. Doch an einem freigeräumten Weg durch die Trümmer stand ein handgemaltes Schild: CAFÉ JOCHUM – FIVE O’CLOCK TEA IS NOW BEING SERVED.

Daneben hing noch ein Blatt: «Entry strictly forbidden to civilians.» Aber Stefan nahm das kaum wahr. Noch bevor der Jeep richtig hielt, war er auf die Straße gesprungen. Gefolgt von Mortimer, ging er ein paar Stufen hinunter und trat in einen verräucherten Raum, in dem sich amerikanische und britische Soldaten drängten. In einer Ecke spielte jemand auf einer total verstimmten Geige. Drei ältere Kellner in schäbigem Gehrock und grauweißen Handschuhen balancierten Tabletts über den Köpfen der Gäste.

Hinten im Raum tauchte eine Frau mittleren Alters auf und blieb einen Augenblick prüfend stehen. Ihr blasses Gesicht war ungeschminkt, der Krieg hatte tiefe Spuren um die blauen Augen hinterlassen; sie war hager und hatte schlohweißes Haar. «Mortimer», flüsterte Stefan, «sie lebt!»

Mortimer beobachtete sie, wie sie zwischen den vollbesetzten Tischen hindurch zum Eingang kam. Als Viktoria Jochum-Kraus einst in einer scheinbar anderen Welt mit noch goldblondem Haar durch die Marmorhallen des Hotels Quadriga geschritten war, hatte er geglaubt, er liebe sie. Es war jedoch nie etwas zwischen ihnen gewesen: Persönliche Umstände und die Politik hatten sie einander mehr und mehr entfremdet, bis der Krieg für eine endgültige Trennung sorgte. Also ließ er Viktoria und Stefan besser mit ihrer Wiedersehensfreude allein.

Stefan tat ein paar Schritte in den Raum, und Viktoria, die den großen, eleganten Mann mit Sonnenbrille und Schirmmütze nicht erkannte, sagte auf Englisch: «Welcome to Café Jochum.»

Stefan nahm die Brille ab, und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, als er die Hände ausstreckte. «Mama, ich bin wieder da.»

Einen Augenblick stand Viktoria sprachlos und ungläubig da, dann warf sie die Arme um ihn und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals. «Stefan, o Stefan.»

 

Viktoria führte ihren Sohn nach hinten in den vollgepackten Lagerraum, der ihr auch als Schlafzimmer und Büro diente, mit Feldbett, altem Küchentisch und Stuhl ausgestattet war und von einer Öllampe erleuchtet wurde, die sie mit zitternden Händen anzündete. «Stefan, ich kann es immer noch nicht glauben. Kein Tag ist vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht und gebetet habe, dass du in Sicherheit bist.»

«Ich bin so schnell wie möglich gekommen. Es ist nicht einfach, nach Berlin zu kommen. Mortimer hat schließlich erreicht, dass ich ihn begleiten durfte.»

«Mortimer?» Viktoria nannte seinen Namen wie etwas Unwirkliches. Der amerikanische Journalist hatte ihr einmal viel bedeutet. Jetzt war er nur noch eine Episode aus einer fast vergessenen Vergangenheit.

«Mama, wir waren beim Quadriga. Ein Junge hat uns gesagt, die Russen hätten es niedergebrannt. Was ist passiert?»

Viktoria dachte nicht mehr an Mortimer, sondern sah Stefan an, den Sohn, den sie so geliebt und so verletzt hatte, dass er in den schweren Tagen vor Kriegsausbruch, im August 1939, nach England geflohen war. Und jetzt, wo er wieder da war, musste sie ihm erneut weh tun mit Nachrichten, die zu erzählen sie fast nicht übers Herz brachte. «Erzähl erst mal von dir», versuchte sie, Zeit zu gewinnen. «Was hast du …?»

Doch Stefan tat ihre Frage ungeduldig ab. Er würde noch Zeit genug haben zu erzählen, wie es ihm seit seiner Flucht aus Berlin ergangen war, von seiner Internierung durch die Briten als «feindlicher Ausländer» auf der Isle of Man zu berichten; davon, wie er später dank Mortimers Hilfe einen Posten im Political Warfare Executive bekommen und bei deutschsprachigen Propagandasendungen der Engländer gegen die Nazis mitgearbeitet hatte; davon, dass Mortimer bei Kriegsende angeregt hatte, er solle sich bei der Englischen Kontrollkommission bewerben, um beim Entnazifizierungsprogramm der Alliierten mitzuwirken.

Was er zu berichten hatte, konnte warten. «Wo ist Papa?», fragte er. «Und Tante Luise und Oma? Wo ist Monika – und Christa?»

Viktoria setzte sich auf das Notbett und forderte Stefan auf, neben ihr Platz zu nehmen. Dann nahm sie seine Hand und begann tastend zu erzählen. Manchmal brachte sie zeitlich etwas durcheinander. Manchmal versagte ihre Stimme vor Schmerz, und sie musste sich räuspern, bevor sie weiterreden konnte. Doch größtenteils sprach sie leidenschaftslos, als wäre das alles gar nicht ihr selbst widerfahren, sondern jemand anderem. Nur so hatte sie mit ihrem Leid leben können.

Stefan hörte ihr benommen zu. Seine Schwester Monika und ihre beiden Kinder hatten während des Krieges bei Monikas Schwiegereltern in Fürstenmark gelebt, einem Dorf ein paar hundert Kilometer nördlich von Berlin. «Monikas Mann, Hans, ist 1942 in Kriegsgefangenschaft geraten», berichtete Viktoria. «Von Monika habe ich zuletzt im März gehört. Fürstenmark ist jetzt von den Russen besetzt. Ich weiß nicht, wie es ihr geht. Man hört so entsetzliche Dinge.»

Es war ein Totenappell. Viktorias Schwester, Luise, war bei einem Luftangriff ums Leben gekommen, während ihre kleine Tochter, Lili, überlebt hatte. Luises Mann, Josef Nowak, Flieger bei der Luftwaffe, war in Russland gefallen.

Die gesamte Familie Biederstedt war tot. Peter Graf von Biederstedt war wegen Beteiligung am Anschlag auf Hitler vom 20. Juli 1944 erschossen worden – Viktorias Geliebter vor ihrer Heirat mit Benno Kraus und Stefans leiblicher Vater, wie sie Stefan hatte offenbaren müssen, als er sich in Peters Tochter Christa verliebt hatte und sie heiraten wollte. Das war auch der Grund für Stefans überstürzte Abreise aus Berlin gewesen. Er hatte die Nazis verabscheut. Vor allem aber hatte er nicht in der Nähe des Mädchens bleiben können, das er liebte und das seine Halbschwester war.

Peters Frau, Ilse, war tot. Jedenfalls nahm Viktoria das an. Sie war ins KZ Ravensbrück gekommen, und man hatte nie mehr von ihr gehört. Und – Viktoria hielt kurz inne, bevor sie tapfer fortfuhr – auch Christa war tot. Sie war von russischen Soldaten vergewaltigt und tot in Heiligensee aufgefunden worden.

Stefan stöhnte auf. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Viktorias Mann, Benno, war tot, umgekommen in den letzten Kriegstagen in den Flammen, die das Hotel Quadriga zerstörten, als russische Soldaten das Gebäude geplündert hatten. Viktoria fuhr sich durch das weiße Haar, das erlittene Leid stand ihr im Gesicht geschrieben. «Ich wäre auch tot», sagte sie, «wenn Hasso Annuschek nicht gewesen wäre, unser Barmann. Erinnerst du dich an ihn? Er hat mich aus den Flammen gezogen und bei seiner Schwester untergebracht.»

Ihre Stimme bebte, doch sie riss sich zusammen. «Ich bin bei Hasso geblieben, bis ich nach Heiligensee konnte, wo deine Oma und Lili waren. Ich war erst ein paar Tage dort, als russische Truppen das Haus beschlagnahmten. Da haben Oma und ich Lili bei Hilde und Fritz Weber gelassen, die nach dem Haus gesehen haben, und sind hierhergekommen. Wir haben unter Planen geschlafen und tagsüber einen Weg durch die Trümmer zum Keller gegraben.» Abwesend blickte sie auf ihre roten, schwieligen Hände mit den kurzen, abgebrochenen Nägeln. «Wir haben etwa sechs Wochen gebraucht. An dem Tag, als wir zum Keller vorstießen, ist Mama gestorben. Herzschlag.»

Stefan traten Tränen in die Augen. Er hatte das Gefühl, dass alles, was er gekannt und geliebt hatte, zerstört war. Josef und Luise Nowak, sein Lieblingsonkel und seine Lieblingstante; Ricarda Jochum, seine heißgeliebte Oma; Peter von Biederstedt, sein leiblicher Vater; Christa, die er über alles geliebt hatte; Benno Kraus, der ihn wie seinen eigenen Sohn aufgezogen hatte …

Viktoria strich ihm wie einem Kind übers Haar, aber obwohl dieses Wiedersehen einer der schönsten Augenblicke ihres Lebens hätte sein sollen, ließ es sie eigenartig kalt. Als sie Stefan am meisten gebraucht hatte, war er nicht da gewesen. Er hatte die Schrecken des Krieges nicht erlebt. Er hatte nicht geholfen, Luises Leiche aus den Trümmern zu ziehen. Er war nicht da gewesen, als die Russen kamen. Er hatte das Quadriga nicht in Flammen aufgehen sehen. Er war nicht bei ihr gewesen in den quälenden Wochen nach Bennos Tod – des Mannes, den sie hintergangen hatte, des einzigen Mannes aber, der sie je wirklich geliebt und durch alle Wirren zu ihr gestanden hatte, bis zum bitteren Ende.

Stefan hatte nicht stundenlang mit schmerzendem Rücken Schutt geräumt. Er war nicht bei ihr gewesen, als ihre Mutter Ricarda starb. Er hatte nicht ihre grenzenlose Einsamkeit und Verzweiflung erlebt, als man Ricardas Leiche abgeholt und öffentlich verbrannt hatte. Er wusste nicht, wie es war, zu erschöpft, zu ausgebrannt, zu voll von Schmerz zu sein, um noch weinen zu können.

Ihr Sohn war zurückgekommen – aber er kam zu spät.

 

Mehr als sechzig Jahre hatte es in Berlin das Café Jochum gegeben. Karl Jochum hatte das erste 1883 am Potsdamer Platz eröffnet, im Herzen der Stadt in jenen so fernen Tagen, als Berlin die neue Hauptstadt eines neuen deutschen Reichs war. Vierzig Jahre später, 1923, war das Café verkauft und ein neues Café Jochum am Kurfürstendamm eröffnet worden, das zum eleganten Treff für Künstler, Schauspieler und Schriftsteller wurde, die Berlin in den 20er Jahren berühmt machten.

Dann kam 1929 die Weltwirtschaftskrise, die ein Deutschland traf, dessen neuer, noch anfälliger Wohlstand auf amerikanischen Krediten gründete, die abrupt zurückgefordert wurden. Banken brachen zusammen. Arbeitslosigkeit griff um sich. Drei Kanzler in Folge trieben das Land in den wirtschaftlichen Ruin. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler, der Führer der NSDAP, zum neuen Reichskanzler berufen. Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, inszenierte Ausschreitungen gegen die «dekadenten» Intellektuellen, Kommunisten und Juden. Das Café Jochum verlor rasch seine Kundschaft. Zwölf Jahre später war nur noch der Kellner übrig.

Mortimer Allen saß vor einem Glas Bier an einem kleinen Tisch in einer schummrigen Nische des Kellers. «Mich interessieren im Moment ein paar Geschichten aus Berlin», hatte Anthony Rutherford, Chef der Nachrichtenagentur, bei einer kurzen Besprechung gesagt. «Als Erstes die Besetzung. Ich möchte was über die französischen, amerikanischen, russischen und auch britischen Truppen haben. Wenn’s geht, irgendwas Ungewöhnliches.»

In mehreren Gipfelgesprächen, zuletzt im Juli in Potsdam, war über die Zukunft Deutschlands nach dem Krieg entschieden worden. Man einigte sich schließlich darauf, dass Deutschland zwar als Staat untergehen, aber nicht zerstückelt und annektiert werden, sondern als eine wirtschaftliche Einheit weiterbestehen sollte. Es sollte in vier von England, Amerika, Russland und Frankreich besetzte und verwaltete Zonen eingeteilt werden, wobei die oberste Entscheidungsgewalt beim Alliierten Kontrollrat mit Sitz in Berlin lag.

Berlin, Insel in der sowjetischen Besatzungszone, wurde in vier Sektoren aufgeteilt, und Anfang Juli waren amerikanische und britische Truppen in ihre bis dahin allein von den Russen besetzten Sektoren eingezogen. Einen Monat später hatten die Franzosen ihren Sektor übernommen.

«Zweitens natürlich Kriegsverbrecher», hatte Anthony erklärt. «Soweit ich das beurteilen kann, haben wir es mit drei Arten zu tun: mit den Politikern und Generälen, die die Befehle gaben; denjenigen, die sie ausführten; und den Zivilisten, die Hitler finanziert und vom Naziregime profitiert haben. Die Weltpresse wird sich auf die beiden ersten Gruppen konzentrieren. Aber Sie haben Verbindungen, die die andern nicht haben. Sie haben Baron Heinrich von Kraus gekannt.»

Ja. Mortimer hatte den Baron gekannt. Er war Viktorias Schwiegervater und Stefans Großvater. Er war außerdem Chef der weltberühmten Kraus-Werke gewesen, die mit der Produktion von Eisenbahnen, Waffen, Schiffen und Chemikalien ein Vermögen verdient hatten. Mortimer wusste, dass Zuwendungen der Kraus-Werke an die Nazis es Hitler ermöglicht hatten, die Macht an sich zu reißen und seine zwölfjährige Schreckensherrschaft in Europa zu errichten. Er wusste, wie sehr die Kraus-Werke von den NS-Gesetzen und vom Krieg profitiert hatten. Er würde mit Vergnügen mithelfen, den Baron vor Gericht zu bringen.

«Und drittens, wie sehen die Deutschen das Dritte Reich heute?», hatte Anthony gefragt. «Was halten sie von den Besatzungsmächten? Wie sieht der Mann auf der Straße die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Und was ist mit den Deutschen, die sich gegen Hitler gestellt haben? Pastor Scheer zum Beispiel. Sie kannten ihn doch, oder? Man hat ihn in Tirol entdeckt. Wäre doch vielleicht ganz interessant, etwas über ihn zu schreiben», schloss Anthony.

Die deutsche Widerstandsbewegung – ein so kleiner Kreis. Stefan hatte ihm angehört, bis er 1939 nach England geflohen war. Bernhard Scheer, der evangelische Pfarrer aus Berlin-Schmargendorf, ebenfalls. 1937 hatte er von der Kanzel gegen die Nazis gepredigt, war von der Gestapo festgenommen worden und hatte die folgenden acht Jahre in Konzentrationslagern verbracht. Pastor Scheer hatte tatsächlich überlebt – anders als die meisten Menschen, die Widerstand gegen Hitler geleistet hatten.

Ein Kellner stand plötzlich neben Mortimer und riss ihn aus seinen Gedanken. «Möchten Sie noch etwas trinken, Sir? Oder eine Kleinigkeit essen?»

Der Kellner blickte Mortimer prüfend an. Schließlich sagte er: «Entschuldigen Sie, Sir, aber sind Sie nicht Herr Allen?»

Erst da erkannte Mortimer Hasso Annuschek, der sich erheblich verändert hatte, seit Mortimer im Hotel Quadriga an der Bar gesessen hatte, während Barkeeper Hasso, ein überzeugter Sozialdemokrat, Whiskey eingeschenkt und ihn mit Hitlerwitzen amüsiert hatte. «Hasso! Das ist lange her …» Aber er reichte ihm nicht die Hand.

Hasso versuchte seine Enttäuschung über diese frostige Begrüßung zu verbergen und ließ die Hand sinken. Mortimer Allen war also wie alle Amerikaner geworden, die ihm begegnet waren und sämtliche Deutschen für Nazis hielten und sie wie Dreck behandelten. «Ja, Herr Allen, eine dunkle und schreckliche Zeit.»

Mortimer ließ sich in seiner Arbeit nicht durch persönliche Gefühle beirren. «Haben Sie einen Augenblick Zeit, mir darüber zu erzählen?»

Hasso sah sich im Lokal um. «Einen Augenblick schon, Herr Allen, aber das hier ist nicht die Quadriga-Bar.» Die Manschetten schauten unter dem speckigen Gehrock hervor, durchgescheuert und grau, passend zum fahlen Grau seines Gesichts. Er erzählte Mortimer Allen die Geschichte von seinem und Viktorias Krieg.

Als Mortimer auf die Uhr sah, war bereits eine Stunde vergangen. Er machte Anstalten, zu der Tür zu gehen, durch die Viktoria und Stefan verschwunden waren.

«Wohin gehen Sie, Herr Allen?»

«Stefan holen.»

Ein ungläubiges Lächeln huschte über Hassos ausgemergeltes Gesicht. «Der englische Captain bei Frau Jochum ist Stefan?»

Von der Theke rief ein Amerikaner: «Service, you goddam Kraut!»

Hasso zuckte leicht zusammen, doch ohne auf seine Kunden zu achten, schob er Mortimer in den hinteren, dunklen Bereich des Kellers.

Mortimer konnte Viktorias ausgestreckte Hand nicht übergehen. Sein Handschlag war jedoch kurz und seine Stimme ohne jede Regung. «Hasso hat mir erzählt, was passiert ist. Erlaube mir, dir mein Beileid auszudrücken.»

Viktoria sah die Kälte in seinen Augen. «Danke, Mortimer. Und danke, dass du mir meinen Sohn zurückgebracht hast.»

Aus dem Hintergrund trat Hasso vor. «Herr Jochum, ich freue mich, dass Sie wieder da sind.»

Stefan ergriff Hassos Hand. «Hasso! Danke für alles, was Sie für meine Mutter getan haben. Sie haben ihr das Leben gerettet, wie sie mir erzählt hat.»

«Ich wünschte, ich hätte auch Ihren Vater retten können.»

Mortimer unterbrach sie. «Hasso, besteht die Chance, eine Flasche Whiskey zu bekommen?»

«Selbstverständlich, Herr Allen.» Er ging zu einem Schrank hinten im Raum und schloss ihn auf. «Wir haben sogar Ihre Lieblingsmarke, Jack Daniels.»

Doch auf Mortimer machte es keinen Eindruck, dass er das noch wusste. Während Hasso einschenkte und dann zurück ins Lokal eilte, dachte Mortimer mit Bitterkeit an den unaufdringlichen Luxus von einst: Nein, das ist nicht die Quadriga-Bar.

 

Der Whiskey konnte sie auch nicht aufheitern. Stefan stand noch ganz im Bann der Enthüllungen seiner Mutter, während Mortimer und Viktoria sich wie Fremde gegenübersaßen. Aber Mortimer war unbeeindruckt. «Du hast das Café Jochum also wiedereröffnet, Viktoria. Es war wohl doch nicht so stark beschädigt, wie es den Anschein macht.»

«Nach der Bombardierung 1943 hat Benno alles, was er retten konnte, hier im Keller gelagert – Möbel, Geschirr, Wein, Kaffee, Konserven. Er hat sogar einen Herd hergebracht.»

«Euer Besitz muss doch im Quadriga fast völlig verbrannt sein. Wie kommst du an Geld?»

Automatisch glitt Viktorias Hand zur Taille und dem Gürtel, den sie ständig auf dem Leib trug und der den Familienschmuck barg, von dem sie schon ein, zwei Stücke versetzt hatte, um auf dem Schwarzmarkt wichtige Dinge für das Café zu kaufen. Doch sie antwortete nur: «Benno hat die Wertsachen und Papiere noch vor Kriegsende nach Heiligensee gebracht. Ich habe so viel, dass ich über die Runden komme.»

«Wann hast du das Geschäft wiedereröffnet?»

«Vor etwa sechs Wochen, als die ersten amerikanischen und britischen Truppen kamen. Aber es ist schwer. Deutsche haben zum Beispiel keinen Zutritt.»

Briten und Amerikaner hatten ihre Soldaten angewiesen, nicht mit dem Feind zu fraternisieren, und ihnen eingebläut: «Seinem Wesen nach ist jeder Deutsche ein Hitler. Freundet euch nicht mit Hitler an.» Das würde nicht sehr lange vorhalten, wie Mortimer wusste. Die Soldaten waren weit von zu Hause weg. Für sie hatten die hübschen deutschen Fräuleins nicht viel mit Hitler zu tun, sie waren in erster Linie Frauen.

«Du müsstest eigentlich erstaunt sein, dass Stefan eine britische Uniform trägt», sagte Mortimer.

«Ich arbeite für die Englische Kontrollkommission», erklärte Stefan. «Ich muss morgen wieder zurück nach Hamburg.»

Es war Ironie des Schicksals, dass die britischen Militärbehörden in ihrer Weisheit entschieden hatten, Stefan sei ihnen für das Verhören von Flüchtlingen und Vertriebenen in Westerstedt, in der britischen Zone bei Hamburg, nützlicher als in Berlin, obwohl er ihnen viele stichhaltige Gründe genannt hatte, die dafür sprachen, ihn irgendwo in Berlin einzusetzen. Nur dank Mortimers Fürsprache an höchster Stelle war ihm erlaubt worden, kurz nach Berlin zu fahren, um nach seiner Familie zu suchen.

Mit einem Gefühl der Verzweiflung nippte Viktoria an ihrem Whiskey. Sie hatte bei ihrem Bericht eine Menge ausgelassen. Sie hatte von denen gesprochen, die umgekommen waren, aber kaum von denen, die noch lebten. «Wirst du etwas mit dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zu tun haben?», fragte sie.

«Nicht direkt, obwohl vielleicht der eine oder andere, den ich enttarne, in anderen Verfahren abgeurteilt werden wird», sagte Stefan.

«Bennos Bruder, Onkel Ernst, ist im Ruhrgebiet verhaftet worden. In den Zeitungen steht, dass er vielleicht in Nürnberg angeklagt wird.»

Für Stefan kam diese Nachricht nicht überraschend. «Das wusste ich schon vor meiner Abreise aus England», sagte er gefasst. «Ich persönlich halte Industrielle wie ihn und meinen Großvater für in hohem Grad mitverantwortlich, dass Hitler an die Macht gekommen ist und Deutschland den Krieg begonnen hat. Deshalb nenne ich mich auch nicht mehr Kraus, sondern Jochum.»

Das war die Gelegenheit, auf die Mortimer gewartet hatte. «In den Zeitungen wird Ernst Kraus als ‹Stahlbaron› bezeichnet», sagte er, «dabei dachte ich, so würde nur sein Vater, Baron Heinrich, genannt. Ist der alte Mann etwa tot?»

Viktoria hatte außer Benno und seinem Neffen Norbert niemanden aus der Kraus-Familie gemocht, am wenigsten ihren Schwiegervater. Allmählich ärgerte sie sich jedoch über Mortimers Haltung. Von der Nähe, die einmal zwischen ihnen bestanden hatte, war nichts mehr zu spüren, und Mortimer war genau wie alle anderen Amerikaner, mit denen sie zusammenkam: hasserfüllt und rachsüchtig. Sosehr sie dem Baron misstraute, Mortimer misstraute sie noch mehr. Deshalb sagte sie nur: «Soweit ich weiß, lebt er noch.»

«Warum ist er dann nicht verhaftet worden? Warum nur Ernst?»

«Vermutlich wegen seiner schlechten Gesundheit. Er hatte vor zwei Jahren einen Herzinfarkt.»

«Dann hat er Ernst also doch noch die Zügel übergeben.»

Viktoria widersprach ihm nicht, obwohl sie wusste, dass der Baron seinem ältesten Sohn nie die Geschäftsführung übertragen hatte.

«Wo ist der Baron jetzt?»

«Er hat Berlin im Januar verlassen. Er besitzt ein Schloss in der Nähe von Innsbruck. Ich glaube, er hält sich dort auf.»

Mortimers Augen verengten sich. Der Baron mochte sich zurückgezogen haben, aber an seiner Beute, dem Lohn Hitlers, hielt er fest. «Natürlich. Er erwarb das Schloss nach dem Anschluss Österreichs. Vermutlich der Besitz eines jüdischen Bankiers. Er hat ganz schön von der Judenverfolgung profitiert, nicht wahr?»

Viktoria erwiderte nichts. Sie wollte nicht den Baron verteidigen, war aber auch nicht geneigt, Mortimer zu helfen.

«Wenn der Baron so krank war, wie ist er dann nach Österreich gereist? Er war doch sicher nicht allein.»

«Die Hausbediensteten und Werner waren bei ihm», antwortete sie knapp.

«Werner?»

«Sein Enkel, der Sohn von Ernst. Werner ist nach dem Herzinfarkt des Barons in die Firma eingestiegen.» Sie hatte keine Bedenken, diese Information weiterzugeben. Sie konnte Werner nicht leiden.

«Ja, jetzt erinnere ich mich.» Mortimer hatte Werner Kraus im Quadriga kennengelernt. Aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der Baron. «Hatte Ernst nicht zwei Söhne? Wie hat der andere denn dem Führer geholfen?»

Es wurde mehr und mehr zu einem Verhör. «Norbert», antwortete Viktoria, ihren aufkommenden Unmut zügelnd. Norbert war anders, er war so verschieden von seinem Bruder Werner wie Benno von seinem Bruder Ernst. «Er hatte nichts mit den Kraus-Werken zu tun. Er war Architekt bei der Organisation Todt. Im Krieg verliebte er sich in eine unserer Empfangsdamen. Sie sind, glaube ich, nach Lübeck gegangen.»

Mortimer ging einen Schritt weiter. «Du hast vorhin eure Papiere erwähnt. Weißt du, ob Bennos Anteilscheine darunter waren? Hast du seine Kraus-Aktien geerbt?»

Viktoria fiel aus allen Wolken. Mit keinem Gedanken hatte sie bisher an diese Seite von Bennos Tod gedacht. In einem Land, wo alle Konten gesperrt waren, wo die Industrie am Boden lag, wo nur das Überleben bis zum nächsten Tag zählte, waren Testamente und Anteilscheine bloßes Papier. «Ich nehme es an», sagte sie langsam.

Mortimer hatte über die Kraus-Familie erfahren, was er wissen wollte. Er blickte auf die Uhr. «Du musst morgen früh raus, Stefan. Wir sollten gehen.»

Stefan nickte bedrückt, stand auf und nahm die Hand seiner Mutter. «Mama, es tut mir leid.»

In ihr war eine schmerzende Leere, die ihr aber nicht anzusehen war. «Pass auf dich auf, Stefan. Viel Glück bei deiner Arbeit.»

Stefan küsste sie, dann bahnten er und Mortimer sich einen Weg durch das volle Kellercafé, die Treppe hinauf und zurück zu den nackten, schwarzen Ruinen des Kurfürstendamms.

2

Das Landhaus der Jochums in dem alten Fischerdorf Heiligensee im Nordwesten Berlins war seit Generationen in Familienbesitz. Ursprünglich war es ein Bauernhof gewesen, doch das Ackerland war nach und nach an benachbarte Bauern verkauft worden, und als Viktoria geboren wurde, waren nur noch das Haus und etwa 12000 m2 Park geblieben, der bis zum Nieder-Neuendorfer-See, einem der Havelseen, reichte.

Als Kinder hatten Viktoria und ihre Schwester Luise die ganzen Ferien in dem Landhaus verbracht und die Familientradition später mit den eigenen Kindern fortgesetzt. Fritz und Hilde Weber, die in der Hauptstraße bei der Kirche wohnten, führten Jochums den Haushalt, wenn sie da waren, und schauten ansonsten nach dem Haus.

Der Krieg hatte Heiligensee praktisch verschont. Nach Luises Tod bei einem Luftangriff war Ricarda mit der achtjährigen Lili sicherheitshalber in das Landhaus gezogen; Christa von Biederstedt war kurz darauf zu ihnen gestoßen.

Dann waren die Russen in den idyllischen Ort eingedrungen. Die Soldaten plünderten und vergewaltigten und brachten neben anderem Leid auch Christa den Tod. Ein russischer Oberst beschlagnahmte das Haus der Jochums. Als Viktoria mit ihrer Mutter zurück nach Berlin ins Café Jochum ging, vertrauten sie Lili den Webers an.

Am Wochenende nach Stefans Rückkehr fuhr Viktoria zum ersten Mal wieder nach Heiligensee, seit sie und Ricarda es verlassen hatten. Fritz und Hilde Weber begrüßten sie herzlich, machten sich dann aber sofort Sorgen, ob genug zu essen da wäre. Viktoria hatte das vorausgeahnt. Sie steckte Hilde einen Umschlag mit Devisen und eine Tasche mit Konserven vom Schwarzmarkt zu.

Hilde bedankte sich überschwänglich. «Ich bekomme zwar eine ganze Menge von den Bauern hier», sagte sie, «aber jedes bisschen extra nehme ich gerne. Bei den Preisen, die die Bauern verlangen, und den Schwierigkeiten, die Sachen aus der Sowjetzone rauszubringen.» Sie berichtete, wie die Russen sich Ende Juli in ihren Sektor hatten zurückziehen und Heiligensee an die Franzosen übergeben müssen, in deren Sektor das Dorf lag. Dennoch blieben die Russen bedrohlich nah.

«Lili ist im Garten», sagte Fritz. «Ich hol sie.» Auf eine Holzkrücke gestützt, hinkte er davon, das leere Hosenbein hochgesteckt. Er hatte das Bein in den letzten Kriegsmonaten verloren.

Augenblicke später stürmte Lili ins Zimmer und warf sich Viktoria in die Arme. «Tante Vicki! Ich dachte schon, du hättest mich vergessen.»

«Natürlich nicht, mein Schatz.» Viktoria küsste ihre hagere, lebhafte Nichte, die ihrer Schwester Luise im gleichen Alter so ähnlich war mit ihren kastanienbraunen Locken und den dunkelbewimperten grünen Augen in dem blassen, herzförmigen Gesicht.

Beim Essen erzählte Viktoria von Stefans Rückkehr und erkundigte sich dann nach dem Haus. «Jetzt sind die Franzosen drin», sagte Hilde. «Aber ich gehe immer noch zum Putzen hin, und Fritz arbeitet ein bisschen im Garten.»

«Ich habe Papiere dort. Mama und ich haben sie gegen Kriegsende im Keller versteckt. Ich brauche sie.»

«Ich denke, du kannst fragen», meinte Fritz. «Der französische Oberst ist, glaube ich, ganz in Ordnung.»

Nach dem Essen suchte Viktoria mit Lili das Landhaus auf. Von der Straße aus sah es beschaulich aus vor den hohen Bäumen, hufeisenförmig mit kiesbedecktem Hof, der jetzt voller französischer Militärfahrzeuge stand, und einer zum See gehenden Südveranda.

Ein bewaffneter Posten erkundigte sich energisch nach ihrem Anliegen, und Viktoria erklärte in fließendem Französisch, warum sie hier war. Die Wache führte sie zum Haupteingang, wo sie ein höherer Offizier empfing, dessen Büro im früheren Esszimmer lag. Die eleganten Möbel und Bilder waren verschwunden. Teilnahmslos vermutete Viktoria, dass die Russen sie mitgenommen hatten.

Der Offizier prüfte ihre Papiere, stellte ihr ein paar Fragen und willigte dann ein, dass sie ihre Papiere haben könne. Zwei Soldaten begleiteten sie in den Keller, wo sie auf den markierten Stein wies, unter dem sie und Ricarda die Kassette versteckt hatten. Während sie den Stein heraushebelten, blickte Viktoria sich um. Der Keller war noch so, wie sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Noch immer lagen ein paar zerlegte Feldbetten herum, Decken, eine Öllampe, ein Bücherstapel, ein Nachttopf – das, was man bei einem Luftangriff brauchte. Schlimme, traurige Erinnerungen … Sie fröstelte.

Die Soldaten holten die Kassette heraus und brachten sie nach oben. Viktoria gab dem Offizier einen Schlüssel, und er schloss auf. Er blätterte die Papiere rasch durch, zuckte dann gleichgültig die Schultern.

Sie wusste, was er meinte. Diese Papiere – die Notariatsurkunden für das Haus, das Hotel und das Café, verschiedene Versicherungspolicen, Bennos Aktien, die Testamente von Ricarda, Luise, Benno und ihr – waren nichts als Papier. Im besetzten Berlin waren Papiere keine Besitzdokumente. Sie mochte die rechtmäßige Eigentümerin des Hauses sein, aber die Franzosen hatten es beschlagnahmt und würden so lange bleiben, wie sie wollten.

Sie unterschrieb eine Quittung, dann verließ sie das Haus wieder, die Kassette unter dem Arm und Lili an der Hand.

Lili war auf dem Weg zurück ganz still. Der Besuch im Haus hatte schreckliche Erinnerungen geweckt, an russische Soldaten, die die Sachen durchwühlten, an Christas Leiche, die mit dem Gesicht nach unten im See trieb, die Kleider zerfetzt. Christa, ihre Freundin, die sie so geliebt hatte …

Kurz vor dem Haus der Webers fragte sie: «Tante Vicki, darf ich heute Abend mit zu dir?»

Viktoria überlegte einen Augenblick, dann verwarf sie den Gedanken. Sie hätte Lili gern bei sich gehabt, aber es wäre nicht gut für das Kind. Hier konnte Hilde wenigstens hin und wieder etwas Frisches vom Land besorgen. Die Luft war gesund, und es war einigermaßen hygienisch.

Sie konnte Lili nicht den Entbehrungen, Nöten und Krankheiten aussetzen, die in der Stadt drohten, vor allem nicht den Kinderbanden, die durch die Straßen streiften, in Kellern hausten, bettelten, stahlen oder den Schwarzhändlern zur Hand gingen – Kinder, die ihrem Alter voraus waren, nie ein normales, geordnetes Leben kennengelernt hatten. «Gefällt es dir denn nicht bei Webers?»

Lili biss sich auf die Lippe, eine typische Jochum-Geste. «Doch, aber …»

Viktoria kniete nieder und legte ihr die Hände auf die Schultern. «Lili, versuch das zu verstehen. Wenn ich das Café wiederaufgebaut habe, kannst du kommen und bei mir wohnen, aber jetzt lebe ich in einem Keller. Es würde dir gar nicht gefallen. Du könntest nirgendwo spielen, nur in Ruinen, und du hättest nicht die schöne Schule und die Freundinnen wie hier.»

«Du bist meine Tante. Ich möchte bei dir sein.»

Viktoria zwang sich, hart zu bleiben. «Nein, Schatz, es ist unmöglich.»

Als Viktoria an jenem Nachmittag gegangen war, lief Lili in den Garten und kroch in ihr Versteck, eine efeuüberwucherte baufällige Hütte. Sie rollte sich zusammen und weinte.

 

Am nächsten Tag unternahm Viktoria eine weitere mühsame Fahrt – nach Wannsee, wo der Anwalt der Familie, Dr. Oskar Duschek, wohnte. Er hauste in seiner Garage, da sein Haus von amerikanischen Soldaten besetzt war. Er hatte es sich so wohnlich wie möglich gemacht, mit Feldbett, Brettertisch auf Böcken und altem, gusseisernem Ofen.

Er durfte nicht mehr praktizieren, wie er Viktoria erzählte. Als die Spruchkammer herausfand, dass er für Baron Heinrich von Kraus gearbeitet hatte, erhielt er Berufsverbot als Jurist. Obwohl er die Verbindung zum Baron 1943 abgebrochen hatte, hatte die Kammer das nicht berücksichtigen wollen. «Wäre Kraus zu einer anderen Kanzlei gegangen», sagte Oskar bekümmert, «hätte ich sie vielleicht von meiner Integrität überzeugen können. Aber der Baron hat die Geschäfte lediglich von Berlin nach München verlegt, von mir zu meinem Sohn Joachim. So enttäuscht ich über Joachim bin, ich habe es doch nicht fertiggebracht, ihn zu denunzieren, obwohl es um meine Existenz ging.»

Als Viktoria von Stefan erzählte, hörte Dr. Duschek interessiert zu, spürte auch die unterschwellige Ablehnung in ihrer Stimme, die er durchaus verstand. Dennoch hätte er sich gewünscht, dass sein eigener Sohn mehr von Stefans Haltung gehabt hätte.

Als Viktoria jedoch auf Mortimer Allen zu sprechen kam, stieg Zorn in ihm auf. «Mortimer hat ganz gezielt gefragt», sagte sie, «vor allem über die Kraus-Werke. Als ich ihm erzählte, dass Ernst verhaftet worden sei, wollte er wissen, ob der Baron sich zurückgezogen hätte. Er hat auch gefragt, ob ich Bennos Aktien geerbt hätte.»

«Sicher nichts, was ihn angeht», warf Duschek scharf ein.

«Nein, aber er erinnerte mich an die Papiere, die ich in Heiligensee versteckt hatte. Ich habe sie von den Franzosen zurückbekommen.» Sie reichte ihm den dicken Umschlag.

«Das war klug von Ihnen.» Duschek ging die Papiere sorgfältig durch. «Ja, hier ist Bennos Testament. Sie erben tatsächlich seinen Aktienanteil von zehn Prozent.»

«Ich möchte nichts mit den Kraus-Werken zu tun haben. Ich wollte vor Mortimer Allen nichts sagen, aber ich weiß Bescheid über einige schlimme Geschäfte, in die das Unternehmen verwickelt war. Am liebsten würde ich die Aktien vernichten und mit diesem Teil meines Lebens abschließen.»

Duschek nahm die Brille ab und putzte sie gewissenhaft, um Zeit zum Nachdenken zu haben. Dann sagte er: «Ich rate von einer Überreaktion ab. Ich empfehle Ihnen, die Aktien an einem sicheren Ort zu verwahren und abzuwarten.»

Viktoria nagte an der Lippe. Duschek sah die Dinge aus juristischer, sie aus emotionaler Sicht. «Ich würde auch gern meinen Namen ändern. Ich bin einundfünfzig. Ich werde nicht mehr heiraten. Ich möchte mein Leben mit dem Namen beenden, mit dem ich es begonnen habe, als Viktoria Jochum.»

«Das lässt sich machen. Ich schicke Sie zu einem Kollegen.» Duschek sah die übrigen Papiere durch. «Hm, das Testament Ihrer Mutter ist auch da. Ich weiß noch, wie ich es nach Luises Tod aufgesetzt habe. Ja, das ist alles klar. Ihr gesamtes Vermögen geht zu gleichen Teilen an Lili und Sie, wobei Sie und ich als Lilis Treuhänder fungieren, bis sie einundzwanzig ist. Allerdings» – er sah Viktoria über seine Brille an – «ist das Problem jetzt, woraus dieses Vermögen besteht. Das Haus in Heiligensee ist von den Franzosen besetzt. Das Hotel Quadriga liegt im sowjetischen Sektor …»

«Wenn die Besetzung endet, müssen sie an mich zurückfallen.»

«Falls sie endet.» Duschek wiegte bedenklich den Kopf und steckte die Papiere wieder in den Umschlag. «Auf jeden Fall sollten Sie mit den Dokumenten zu den jeweiligen alliierten Behörden gehen und Ihre Ansprüche eintragen lassen.»

Viktoria befolgte Duscheks Rat und stand in den nächsten Wochen stundenlang vor den Militärregierungsbehörden Schlange, um ihre Besitzansprüche beim zuständigen Beamten anzumelden. Weder die französische noch die sowjetische Militärverwaltung gab zu erkennen, wann sie jemals wieder zu ihrem Eigentum kommen würde, und ob überhaupt, doch beide registrierten ihre Ansprüche und gaben ihr eine Bescheinigung mit.

 

Ernst Kraus saß in einem amerikanischen Lager, in Schloss Kransberg im Taunus, nördlich von Frankfurt am Main.

Solange er lebte, würde Ernst sich an seine Verhaftung im März 1945 und den schwarzen amerikanischen MP-Leutnant erinnern, der ihm eine Pistole in den Bauch gedrückt und auf die zerstörte Stadt Essen gezeigt hatte: «Diese Schornsteine werden nie wieder rauchen, Kraus. Sie werden nie wieder eine Firma leiten. Ihre Zeit ist vorbei. Sie sind erledigt – kaputt.»

Ernst hatte gestammelt: «Sie begehen einen schrecklichen Fehler. Sie suchen nicht mich, sondern meinen Vater, Baron Heinrich von Kraus.»

«Reden Sie keinen Blödsinn!», hatte der Schwarze ihn angefahren. «Sie haben in der ‹Festung› gewohnt. Sie haben die Waffenfabriken geleitet. Sie sind der ‹Stahlbaron›!»

Doch das war Ernst nicht. Er mochte fast sechzig sein, mochte sein Leben den Kraus-Werken gewidmet haben, aber er hatte das Industrie-Imperium nie wirklich geleitet. Seine Söhne Werner und Norbert hatten sogar mehr Einfluss als er, denn jeder besaß fünfunddreißig Prozent der Unternehmensaktien, während er nur zehn Prozent hielt. Und Werner wusste zweifellos weit mehr über die Kraus-Werke als sein Vater, denn seit dem leichten Schlaganfall des Barons 1943 hatte Werner an der Seite seines Großvaters in Berlin gearbeitet, während Ernst an der Ruhr über alles im Unklaren gelassen wurde, was sich im übrigen Deutschland und den besetzten Gebieten tat.

Im Schloss Kransberg war Ernst in Gesellschaft einiger der prominentesten Zivilisten seines Landes, bedeutender Köpfe wie Professor Albert Speer, Wernher von Braun und Dr. Hjalmar Schacht.

Im Gegensatz zu den anderen Lagern, in denen er inhaftiert gewesen war, hatte sein spartanisches Zimmer hier keine Gitter. Er und die übrigen Insassen durften miteinander sprechen, auf dem Schlossgelände herumlaufen, Zeitungen lesen und gelegentlich Radio hören. Sie bekamen das gleiche Essen wie ihre Bewacher und durften sogar zu ihrer Unterhaltung selbst etwas auf die Beine stellen: ein wöchentliches Kabarett, Dichterlesungen und wissenschaftliche Vorträge. In einem Land, in dem Millionen ohne Wohnung waren und Hunger litten, führte Ernst ein fast luxuriöses Leben. Wegen seiner ständigen Unschuldsbeteuerungen wurde er in Kransberg allerdings zu einer Art Zielscheibe des Spotts – seine Bewacher nannten ihn spöttisch «Schneewittchen».

Jahrelang schon litt Ernst, ein massiger Mann, der viel und gerne aß, an Brustbeschwerden, sichere Vorboten eines Herzinfarkts, wie er meinte, obwohl sein Arzt Dr. Dietrich stets erklärte, er leide lediglich unter chronischen Verdauungsstörungen. Mit dem Herbst verschlimmerten sich diese Schmerzen.

Eines Morgens Ende August, Ernst war eben mit Herzbeschwerden und schweißnass aufgewacht, stürmte ein Wachposten in sein Zimmer und befahl, ihm in den Verhörraum zu folgen. Er stolperte aus dem Bett, zog sich an und folgte dem Soldaten durch die Korridore.

Er wurde von einem Amerikaner mittleren Alters verhört, der sich als Major Wunsche vorstellte. Wunsche fragte nach Ernsts Rolle in den Kraus-Werken und hörte genau zu, als Ernst von den Produktionsschwierigkeiten und der persönlichen Enttäuschung über die Haltung seines Vaters ihm gegenüber berichtete. Ernst hatte schon gut eine Stunde gesprochen und wurde zusehends zuversichtlicher, als der Major fragte: «Waren Sie für das Ruhr-Geschäft allein verantwortlich?»

«Ja», antwortete Ernst, obwohl es nicht ganz stimmte. Selbst in Essen hatte er keine Vollmacht gehabt.

Major Wunsche blickte kurz zum Stenografen hinüber, der alles mitschrieb, was Ernst sagte, und schlug dann eine Mappe auf. «Ich habe gestern einen gewissen Dr. Eugen Dietrich vernommen, der tagebuchartige Aufzeichnungen über seine Gespräche mit Ihnen gemacht hat, insbesondere was die Arbeiter betraf. Ich möchte aus seiner beeidigten Aussage zitieren: ‹… Polnische Zwangsarbeiter kamen waggonweise in Essen an, viele bereits unterernährt und mit ansteckenden Krankheiten. Ich tat, was ich konnte, um ihren Zustand zu verbessern, doch Herr Kraus verweigerte mir eine Krankenstation und die grundlegendsten Medikamente. Die Rationen waren vollkommen unzureichend, oft kaum mehr als eine Wassersuppe und schimmliges Brot. Einmal schlug eine Bombe im Lager der Zwangsarbeiter ein, und mehrere hundert Polen wurden getötet und schwer verwundet.› Als Dr. Dietrich Sie um Hilfe bat, erwiderten Sie …»

«Sie werden mir kaum britische Bomben anlasten können!», hielt Ernst dagegen.

«Offenbar sagten Sie ‹diese verfluchten Polen!›»

«Ich hatte wohl anderes im Kopf. Mein Werk hatte einen Treffer abbekommen.»

Die Augen Wunsches wurden kalt, hart, eisgrau. «Lassen Sie sich nicht durch meinen Namen täuschen, Kraus. Meine Familie kommt aus Polen. Ich bin polnischer Jude.»

Der Schmerz in Ernsts Brust stellte sich wieder ein, schlimmer denn je. Ernst wand sich. «Dietrich hat Ihnen nicht alles gesagt. Eine solche Entscheidung konnte nur mein Vater treffen. Ich hatte zugesagt, mit ihm zu sprechen …»

«Eben haben Sie behauptet, allein für die Kraus-Werke im Ruhrgebiet verantwortlich gewesen zu sein. Jetzt sagen Sie, Entscheidungen über die Zwangsarbeiter konnte nur Ihr Vater treffen.»

Zu spät. Ernst merkte, dass er in eine Falle gegangen war. Er sackte auf seinem Stuhl zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. Major Wunsche klingelte nach dem Posten und gab mit einer geringschätzigen Handbewegung Befehl, Ernst Kraus abzuführen.

 

Wenn Mortimer nicht bei Pressekonferenzen oder militärischen Besprechungen war, machte er sich wieder vertraut mit Berlin, oft in Begleitung von Gordon Cunningham, einem jungen britischen Fotografen, der zur Zeit der Landung der Alliierten nach Deutschland gekommen und den Alliierten nach Berlin gefolgt und dort geblieben war. Mit Jeff, der Mortimer in sein Herz geschlossen hatte, gaben sie ein gutes Team ab.

Sie sahen sich die zerstörte Stadt an, dann fuhr Jeff sie zum Platz der Republik mit dem ausgebrannten Reichstagsgebäude und der Kroll-Oper gegenüber. Der Platz wimmelte von Menschen, die Sachen tauschten, welche blitzschnell in Taschen verschwanden. «Hier ist der Schwarzmarkt», sagte Jeff grinsend. «Hier und am Alexanderplatz.»

«Wo kommt die Ware her?», fragte Mortimer.

«Zum Teil geschmuggelt. Zum Teil aus geheimen Beständen der Berliner. Aber das meiste kommt von uns. Es ist ein gutes Geschäft. Jeder kann seinen Lohn dadurch verdoppeln, dass er seine Zuteilung an Zigaretten, Alkohol und Süßigkeiten verkauft, und manch einer treibt hier einen einträglichen Handel, überweist das Geld nach Hause und lässt sich von seinen Leuten Nachschub schicken.»

«Das ist doch verboten, oder?»

«Natürlich. Aber alle machen es. Man muss es so sehen: Wenn wir nicht wären, würden die Berliner verhungern.»

«Wohin jetzt?», fragte Mortimer seinen Fahrer.

«Wie wär’s mit dem Stettiner Bahnhof? Da gibt’s was zu sehen, was nachdenklich macht.»

Das gab es tatsächlich, und Gordon machte mit seiner Leica viele Aufnahmen, die zusammen mit Mortimers anschaulichem Text weltweit verbreitet wurden. Die Bahn fuhr wieder, wenn auch nach einem wenig verlässlichen Fahrplan. In der Bahnhofshalle sahen sie sich im Nu inmitten einer unübersehbaren Menge Menschen, die zwischen Bündeln standen, saßen und lagen, ohne jede Hoffnung, krank und entkräftet.

Eine Frau in einem zerfetzten Kleid, ein Baby im Arm, streckte kraftlos die Hand nach ihm aus, die Augen teilnahmslos in tiefen Höhlen, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern. «Mein Kind ist krank. Es hat seit Tagen nichts gegessen.» Das Kind war nur in eine schmutzige Windel gewickelt. Sein Bauch war gebläht, das Gesicht eingefallen und verschorft.

Mortimer bemühte sich, seinen Ekel zu verbergen. «Woher kommen Sie?»

«Ostpreußen. Mein Kind war gerade geboren, und meine Mutter war krank, deshalb konnten wir nicht mit den anderen fliehen. Jetzt haben uns die Russen vertrieben. Wir hatten eine halbe Stunde Zeit zum Packen. Meine Mutter ist unterwegs gestorben. Bitte helfen Sie uns.»

Andere um sie riefen dazwischen. «Ich bin aus Breslau …»

«Wir kommen aus dem Sudetenland …» – «Was sollen wir tun? Sie lassen uns nicht aus dem Bahnhof …»

Eine Rotkreuzschwester trat zu ihnen. Hunderte Arme streckten sich ihr entgegen. Mortimer zeigte ihr seinen Presseausweis. «Was, um Gottes willen, ist hier los?»

Die Schwester zuckte resigniert die Schultern. «Sie sollen von hier in Übergangslager, bevor sie weiter nach Westen kommen, aber die Hälfte der Lager ist wegen Typhus geschlossen. Sie bleiben also, bis Platz für sie gefunden ist. Aber wir haben keinen Platz, keine Lebensmittel, keine Medikamente.»

«Und die Behörden?»

«Die Russen tun gar nichts. Die Westalliierten sagen, die Deportierten sind Sache der Deutschen. Das Sozialamt stellt Genehmigungen aus, mit denen sie in Lager außerhalb von Berlin wechseln können, aber es dauert lange, so eine Genehmigung zu bekommen. Dann brauchen sie eine weitere Bescheinigung zum Verlassen des russischen Sektors. Bis es so weit ist, sind viele schon tot. Jede Woche kommen hunderttausend Deportierte nach Berlin, vielleicht auch mehr. Und in ganz Deutschland ist es so. Millionen Menschen sind heimatlos. Schreiben Sie das in Ihrer Zeitung. Sagen Sie Amerika, was in Deutschland passiert. Wir wollen kein Mitleid, aber wir brauchen Hilfe.»

Mortimer und Gordon überließen die Rotkreuzschwester ihrer hoffnungslosen Aufgabe, gingen zu ihrem Jeep zurück und fuhren die Friedrichstraße hinunter. Jeff fuhr unter den Linden entlang zum Opernplatz, wo die Nazis einst Bücher verbrannt hatten. Dort hielt er an. «Jetzt geht’s zu Fuß weiter.»

Über Trümmer und um ausgebrannte Panzer herum, durch den Lustgarten und am zerstörten Schloss und Dom vorbei strebten sie dem Alexanderplatz zu. Sie waren jetzt im sowjetischen Sektor. Überall hingen Stalinbilder und Plakate mit kommunistischen Parolen. Auf den Straßen sah man viele bewaffnete russische Soldaten in schäbigen Uniformen, verglichen mit denen der Amerikaner und Briten. Widersinnigerweise liefen viele mit normalen Koffern herum.

Als Mortimer das erwähnte, erklärte Jeff bündig: «Schwarzmarkt. Die russischen Truppen haben für mehrere Jahre ausstehenden Sold in Besatzungsgeld bekommen, das sie hier ausgeben müssen. Es sind nämlich zwei Sorten Geld in Umlauf, die alte Reichsmark und das Besatzungsgeld, eins so wertlos wie das andere. Ein GI kann für eine billige Armbanduhr zehntausend Mark Besatzungsgeld kriegen. Zehntausend Mark sind tausend Dollar.»

An den Mauern klebten zwischen Plakaten und amtlichen Bekanntmachungen unzählige kleine Zettel. Beim Nähertreten bemerkte Mortimer, dass es Mitteilungen waren: «Tausche Silberbrosche gegen Damenschuhe.» – «Älteres Paar sucht Wohnmöglichkeit. Eigenes Haus zerstört.» – «Suche meine Tochter, Lieselotte Braun, 12 Jahre alt …»

«Diese Zettel hängen überall», sagte Jeff. «Jeder sucht in Berlin irgendwas oder irgendwen.» Er warf seine Zigarettenkippe weg; sofort stürzte sich ein kleiner Junge darauf und verschwand triumphierend mit seiner Beute in einer Ruine.

 

Bei einer anderen Gelegenheit fuhr Mortimer nach Schmargendorf. Sein Besuch galt einem alten Freund.

Pastor Scheer öffnete selbst die Tür des Pfarrhauses. Er hatte sich sehr verändert, seit Mortimer ihn das letzte Mal gesehen hatte, wirkte hager, gebeugt und wesentlich älter als seine zweiundsechzig Jahre. Ungläubig schaute er Mortimer einen Moment an und rief dann: «Herr Allen! Was für eine Überraschung! Klara wird sich freuen, Sie wiederzusehen.»

Im gleichen Moment kam Klara Scheer aus der Küche. Auch sie hatte sich verändert, war nicht mehr die rundliche, immer fröhliche Frau von früher. Sie hatte etliche Zähne verloren und war nur noch ein Schatten ihrer selbst.

«Es ist fast wie in alten Tagen», sagte der Pastor, als sie sich an den einst so vertrauten Küchentisch setzten. «Da sitzen wir wieder. Wir haben überlebt und sind in unsere Stadt zurückgekehrt.»

Klara stellte Tassen auf den Tisch und setzte sich neben ihren Mann. Aus einem Nebenzimmer klang Kinderlachen herüber. «Unser Enkel», erklärte sie. «Das Haus unseres Sohns wurde bombardiert. Als Bernhard zurückkam und wir wieder hier einziehen durften, zog er mit Frau und Kind nach. Es ist gut, junge Menschen um sich zu haben.»

«Ja, wir sind glücklich, dass so viele von unserer Familie überlebt haben», sagte der Pastor. «Aber was werden diese Kinder denken, wenn sie später die Dummheit und Blindheit ihrer Eltern und Großeltern erkennen? Wir hinterlassen ihnen ein schreckliches Erbe, denn sie müssen die Hauptlast unserer Schande tragen. Wir alle tragen eine furchtbare Schuld.»

«Aber Sie haben die Nazis doch bekämpft», wandte Mortimer ein. «Und viele andere sind bei dem Versuch umgekommen.»

«Wir haben nicht genug getan, und deshalb sind wir schuldig.» Der Pastor hob seine Kaffeetasse.

Klara wandte sich an Mortimer. «Wussten Sie, dass Otto Tobisch Kommandant des Lagers war, in dem Bernhard zuerst gefangen gehalten wurde?»

«Otto Tobisch.» Mortimer stieß nachdenklich die Luft aus. Er hatte Tobisch nur einmal gesehen, wusste aber einiges über ihn.

Otto Tobisch war der Sohn eines kaiserlichen Offiziers, der erster Direktor im Hotel Quadriga geworden war. Otto selbst hatte als Page dort gearbeitet, aber immer nur ein Ziel gehabt: Soldat zu werden. 1910 war er eingezogen worden und hatte 1914 bis 1918 gedient. Als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, war er an der Ostfront. Nach der Demobilisierung bildete er eine der berüchtigten Freikorpsbrigaden, die 1919 bei der Niederschlagung der Revolution in Deutschland halfen und Keimzelle der SA waren.

1923 hatte Tobisch an Hitlers gescheitertem Putsch in München teilgenommen und Schutz in Österreich suchen müssen. 1930 war er jedoch nach Berlin zurückgekehrt und SS-Offizier geworden.

«Ich habe Tobisch am Tag nach dem Reichstagsbrand kennengelernt», erinnerte Mortimer sich. «Er stürmte mit seinen Schwarzhemden unter dem Vorwand ins Quadriga, Viktorias Cousine zu suchen, die Kommunistin Olga Meyer. Hat er noch immer seine Narbe?»

Der Pastor nickte. «Mitten auf der Stirn.»

«Die ist von Viktoria. Sie hat sich auf ihn gestürzt und wollte ihm die Augen auskratzen. Sie hassten sich offenbar seit ihrer Kindheit.»

«Haben Sie Viktoria gesehen?», fragte Klara.

«Ja», antwortete Mortimer kurz.

«Sie lässt sich nicht unterkriegen, das Café hat sie bereits wiedereröffnet.»

«Wirklich?»

Pastor Scheer sah ihn prüfend an. «Ich hatte den Eindruck, Sie und Viktoria waren einmal gute Freunde.»

«Sie hat sich verändert. Sie ist kalt und gleichgültig geworden, herzlos.»

«Berlin hat sein Herz verloren», stellte der Pastor lakonisch fest. «Ich weiß, was Sie denken. Sie meinen, es ist ihr egal. Doch das stimmt nicht. Sie versucht, ihre Verzweiflung hinter einer Maske zu verbergen, wie viele Berliner. Sie dürfen nicht so vorschnell urteilen. Es ist zu einfach zu denken, wer jetzt noch lebt, hat nichts gegen Hitler unternommen und bedauert nicht, was gewesen ist. Diesen Fehler begehen Ihre Landsleute, wenn sie sagen, nur ein toter Deutscher ist ein guter Deutscher.»

In dem Moment kam ein magerer kleiner Junge mit hellblondem Haar und großen blauen Augen ins Zimmer. Pastor Scheer hob ihn hoch und setzte ihn sich auf den Schoß. «Das ist mein Enkel, Matthias. Er ist zwei, keines Verbrechens schuldig. Wenn Sie über Deutschland schreiben, dann denken Sie an Matthias – und die unzähligen Kinder wie ihn.»

 

Am 7. September 1945 veranstalteten die Alliierten in Berlin eine Siegesparade. Mortimer betrachtete die Parade nicht von der Pressetribüne aus, sondern mischte sich unter die Menge, wo er unverhofft auf einen Bekannten aus vergangenen Tagen stieß – Dr. Oskar Duschek. Der ehemalige Anwalt war ärmlich gekleidet, die Hand, die er Mortimer reichte, rau von Arbeit.

In dem Augenblick marschierte eine amerikanische Einheit vorbei. Duschek zog die Schultern hoch. «Ich habe schon viele Siegesparaden erlebt, aber ich finde auch die hier trotz allem unpassend. Warum müssen die Sieger immer ihre Macht demonstrieren? Sehen die Westalliierten nicht, dass wir Berliner gegen Hitler getan haben, was wir konnten, so wie wir jetzt gegen die Kommunisten tun werden, was wir können?»

«Nein, das sehen sie nicht», erwiderte Mortimer knapp.

Duschek ließ sich nicht beeindrucken. «Es bedrückt mich, dass wieder einmal fremde Mächte Deutschlands Zukunft bestimmen. Wenn wir nicht aufpassen, sind wir plötzlich wieder in einer Situation wie nach dem Versailler Vertrag.» Er blickte nachdenklich zum Tiergarten hinüber. «Und dann die Nürnberger Prozesse. Kann ein Gericht Recht sprechen, vor dem die Besiegten von den Siegern abgeurteilt werden? Und überhaupt, wer sorgt dafür, dass die Richtigen angeklagt werden?»

Mortimer wurde hellhörig. «Denken Sie da an jemand bestimmten?»

«An Ernst Kraus», sagte Duschek, ohne zu zögern.

«Wollen Sie etwa behaupten, die Kraus-Werke hätten keine Verbrechen zu verantworten?»

«Natürlich nicht. Aber wenn, dann sollte der Kopf der Firma vor Gericht kommen, also Baron von Kraus.»

«Ich dachte, er hätte einen Schlaganfall gehabt und sich zurückgezogen.»

«Es war ein leichter Anfall. Soviel ich weiß, hat er sich nicht zurückgezogen, auch wenn er den Großteil der Aktien auf seine Enkel übertragen hat.»

Mortimers Augen verengten sich. «Auf seine Enkel?»

«Ja, vor allem Werner war immer sein Liebling.»

«Werner hat also mehr Firmenaktien als sein Vater?»

«Genau.»

«Können Sie das beweisen?»

«Nein. Meine Unterlagen wurden größtenteils vernichtet. Trotzdem glaube ich, dass der Baron bewusst den Anschein erweckte, als ob Ernst die Firmenleitung innehätte, um selbst einer Verhaftung zu entgehen, und gleichzeitig sorgte er dafür, dass Ernst keinen Einfluss auf die Kraus-Werke ausüben konnte, indem er die Aktien auf Werner und Norbert übertrug.»

Mortimer zuckte die Schultern. Baron Heinrich war schon immer ein abgefeimter Widerling gewesen, dem durchaus zuzutrauen war, dass er seinen Sohn ans Messer lieferte, um sich selbst zu retten. «Selbst wenn es so ist, treiben Sie es nicht etwas zu sehr auf die Spitze? Warum einen alten kranken Mann anklagen? Warum soll nicht Ernst für ihn vor Gericht?»

«Das ist so, als würde statt Göring einer seiner Adjutanten angeklagt.»

Mortimer gab sich geschlagen. «Sie haben wahrscheinlich keinen Kontakt zum Baron gehabt seit seiner Abreise?»

«Nein. In den letzten Jahren hat mein Sohn seine Angelegenheiten vertreten.»

Mortimer sah ihn neugierig an. Es klang so, als wäre der Baron nicht der Einzige, der wenig für seinen Sohn übrighatte. «Und wo ist Ihr Sohn jetzt?»

«Der Verkehr zwischen den Zonen ist verboten. Ich nehme an, Joachim ist in München.» Duschek machte eine Pause. Dann fuhr er fort: «Aber Sie dürfen ja ungehindert reisen. Sie könnten Joachim besuchen und selbst mit ihm sprechen. Und wenn Sie erfahren, dass meine Behauptung stimmt, können Sie ja die amerikanischen Behörden verständigen.»

«Warum sollte ich mich darum kümmern?»

«Weil Sie genauso gut wie ich wissen, wie wichtig es ist, dass in Nürnberg Recht gesprochen wird.»

Die Parade war noch immer im Gang. Gerade zog schwere russische Artillerie vorbei. Mortimer betrachtete die Geschütze und die daneben paradierenden Rotarmisten, doch in Gedanken war er schon woanders. In London hatte er Anfang des Jahres einen Major des amerikanischen Geheimdienstes kennengelernt, einen Emigranten polnisch-jüdischer Herkunft namens David Wunsche, der vielleicht an Duscheks Geschichte interessiert war. Bedächtig sagte er: «Mal sehn, vielleicht fahre ich nach München.»

Als Mortimers Maschine zwei Tage später vom Flughafen Tempelhof abhob, blickte er auf die Stadtwüste unter sich. Flüchtig ging ihm durch den Kopf, dass es für die Berliner nicht so leicht war wie für ihn, da rauszukommen.

 

David Wunsche hörte sich Mortimers Informationen mit finsterem Gesicht an. «Ein typischer Fall. Joachim Duschek ist verhört worden und hat bereitwillig Akten früherer Nazis herausgegeben. Aufgrund seiner Kooperationsbereitschaft durfte er seine Kanzlei weiterführen.»

«Hat er zugegeben, für den Baron tätig gewesen zu sein?»

«Da hatte er doch einige Erinnerungslücken. Ich habe Ernst Kraus vor ein paar Wochen befragt. Für mich steht außer Frage, dass er ein Kriegsverbrecher ist. Der Baron wurde im Juni auf Schloss Waldesruh gesehen. Der alte Mann war offenbar in schlechter Verfassung. Seine rechte Seite war völlig gelähmt.»

«Völlig gelähmt? Hört sich nach mehr als einem leichten Schlaganfall an.»

Wunsche nickte. «Die Leute, die ihn gesehen haben, meinten, er werde bald das Zeitliche segnen.»

«Da wäre ich nicht so sicher», entgegnete Mortimer. «Aber egal, in welchem Zustand er ist, ich finde es empörend, dass er auf einem Schloss wohnt, das von Rechts wegen einem jüdischen Bankier gehört.»

«Einem jüdischen Bankier? In den Unterlagen stand davon nichts.»

«Ich versichere Ihnen, der Baron hat sich Schloss Waldesruh nach dem Anschluss unter den Nagel gerissen.»

Wunsche atmete tief durch. «Suchen wir Duschek.»

Ein Teil der Münchener Innenstadt hatte wie durch ein Wunder das Schlimmste der Bombardierungen überstanden. Auch die Peterskirche und der Frauendom, in deren Schatten die Kanzlei von Dr. Joachim Duschek lag.

Eine gutgebaute Blondine öffnete ihnen die Tür und führte sie in einen Raum mit geschnitzten Tischen und Stühlen und einem großen Schreibtisch, hinter dem Joachim Duschek sich halb erhob. Er war ein unscheinbarer Endzwanziger, den rechten Arm hielt er seltsam abgewinkelt. «Was kann ich für Sie tun, Major?», fragte er auf Englisch.

David Wunsche sprach Deutsch, wie Mortimer wusste, doch der Major antwortete auf Englisch: «Ich möchte einige Informationen über Sie und Ihre Klienten.»

«Ich bin bereits eingehend befragt worden.»

«Nicht eingehend genug, wie es scheint», erwiderte Wunsche ungerührt. «Fangen wir vorne an. Sie sind in Berlin geboren?»

Fast wie einstudiert erzählte Joachim Duschek sein Leben. Er hatte sein juristisches Examen mit Auszeichnung absolviert, war in die Familienkanzlei Duschek & Duschek eingetreten und hatte