Visionäre der Gesundheit (m/w/d) -  - E-Book

Visionäre der Gesundheit (m/w/d) E-Book

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Beschreibung

Das Rad der Innovation dreht sich immer schneller. Die digitale Transformation ist der größte Treiber der Veränderung. Menschen und Organisationen im Gesundheitswesen arbeiten daran, die Zukunft der Gesundheitsversorgung auf Basis der digitalen Möglichkeiten neu zu gestalten. Globale Unternehmen aus der Technologiebranche drängen in den attraktiven Gesundheitsmarkt. Neue Technologien und Plattformen entstehen, die Versorgungspfade werden digitaler und dabei treten die Patient:innen immer weiter in den Vordergrund. Sie bringen als Konsumierende Erwartungen mit, haben Zugang zu Informationen und stehen zunehmend vor der Herausforderung, diese für sich einzuordnen. Auch die medizinischen Berufe wandeln sich. Doch was bringen diese Veränderungen mit sich? Was sollte bedacht werden? Und welche Entwicklungen können als Grundlage für neue Ideen genutzt werden? Für diese Fragen braucht es Visionär:innen – Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag mit den stetigen Veränderungen konfrontiert sind und daraus Folgerungen ziehen können, um sich den wechselnden Gegebenheiten immer wieder neu und bedacht anpassen zu können. Am wichtigsten ist es stets das Wissen zu teilen, sich untereinander auszutauschen, Standpunkte und Meinungen zu präsentieren, um Entwicklungen in die richtige Richtung zu bringen. In diesem Buch erzählen unterschiedlichste Expert:innen von ihrem Bild und ihren Ideen von und für das Gesundheitswesen. So kann sich die Leserschaft einen Überblick verschaffen, denn indem Ideen und Gedanken geteilt werden, können neue Innovationen entstehen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 449

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inga Bergen (Hrsg.)

Visionäre der Gesundheit

Perspektiven für das Gesundheitswesen

mit Beiträgen von

A. Arntzen | J. Baas | L. Behrens | J. Bielmann | D. Brakmann | S. Chung | C. Dierks | S. Ebener | M. Eckert | A. Ekkernkamp | F. Faltin | C. Friebertshäuser | F. Fuhrmann | A. Galle | T. Gantner | A.S. Geier | M. Goyen | J. Graf | P.A. Haberland | P. Hammer | R. Hecker | S. Heinemann | M. Henningsen | L. Henrich | W. Hess | R. Hipp | F. Hoffmann | H. Horvath | M. Höselbarth | M. Janezic | E. Jensch | S. Jungmann | I. Kespret | V. Kirchberger | B. Klapper | J. Kley | H. Kolbe | A.-S. Kouparanis | S. Kreimer | J. Kreuzburg | E. Lang | K. Lanz | M. Leyck Dieken | G. Ludewig | J. Ludwig | D. Matusiewicz | F. Meyer zu Bentrup | M.U. üller | M. Müschenich | R.S. Neeter | K. eumann | S. Oelrich | S. Ozegowski | M. Rimmele | R. Rittweger | P. Schardt | H.H.H.W. Schmidt | R. Schnitzler | B. von Siemens | T.  Silberzahn | D. Teichert | A. Ternès von Hattburg | D.-R. Thies | M. Tischler | M. Waldmann | E. Weber | S. Weiss | F. Weiß | J.A. Werner | P. Wülfing

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft

Die Herausgeberin

Inga Bergen

Visionäre der Gesundheit

Berlin

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG

Unterbaumstr. 4

10117 Berlin

www.mwv-berlin.de

ISBN 978-3-95466-777-2 (eBook: PDF)

ISBN 978-3-95466-778-9 (eBook: ePub)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Informationen sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2023

Dieses Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Im vorliegenden Werk wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen nur die männliche Form verwendet, gemeint sind immer alle Geschlechter, sofern nicht gesondert angegeben. Sofern Beitragende in ihren Texten gendergerechte Formulierungen nutzen, übernehmen wir diese in den entsprechenden Beiträgen oder Werken.

Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Daher kann der Verlag für Angaben zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen (zum Beispiel Dosierungsanweisungen oder Applikationsformen) keine Gewähr übernehmen. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.

Produkt-/Projektmanagement: Viola Schmitt, Berlin

Copy-Editing: Monika Laut-Zimmermann, Berlin

Layout & Satz: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Zuschriften und Kritik an:

MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]

Vorwort

Mein Name ist Inga Bergen, ich beschäftige mich seit über 10 Jahren mit digitaler Transformation im Gesundheitswesen. Ich habe mehrere Unternehmen geführt, aufgebaut und viele innovative Medizin- und Gesundheitsprodukte auf den Markt gebracht. Ich habe Mitarbeitende durch Veränderungsprozesse geführt und Unternehmen geholfen, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Seit 3 Jahren bin ich Gastgeberin des Podcasts „Visionäre der Gesundheit“, für den ich Menschen mit Visionen für das Gesundheitswesen vorstelle – als unternehmerischer und kreativer Geist sehe ich Möglichkeiten und Potenzial – und empfinde Veränderungen selten als etwas Bedrohliches.

Die digitale Transformation bewirkt gigantische Veränderungen in der Welt, unserer Gesellschaft, in unserer Wirtschaft, in unserem persönlichen Leben und auch im Gesundheitswesen und der Medizin. Sie verändert die Innovations- und Veränderungsgeschwindigkeiten, die medizinischen Möglichkeiten und vor allem auch die Identität, die Rollen und Gewohnheiten aller Menschen, die im Gesundheitswesen beteiligt sind. Sie verändert Gesellschaften, Geschäftsmodelle und ganze Industrien.

In Deutschland herrschen in weiten Teilen eine Innovationsskepsis und Verhinderungs-Mentalität – der Status Quo lässt sich auch als Panik, den Anschluss verpasst zu haben, beschreiben. Wir müssen das Gesundheitswesen dringend innovieren, um die Versorgungsqualität aufrecht zu erhalten und zeitgemäß weiterzuentwickeln.

Manchmal ist es zum Verzweifeln, wenn man sich wie ich 10 Jahre lang mit digitaler Innovation im Gesundheitswesen beschäftigt, und sieht, wie schleppend Innovation voran geht – in solchen Momenten richte ich den Fokus auf Menschen, die mich inspirieren, weil sie einfach Tatsachen schaffen, in der Versorgung, der Forschung, in Start-ups, in etablierten Unternehmen oder als Aktivist:innen. Aus der Motivation heraus, Inspiration zu finden, entstand auch unser Podcast „Visionäre der Gesundheit“. Wir wollten die Personen nach vorne bringen, die Innovation im Gesundheitswesen vorantreiben.

In diesem Buch geht es um Visionen der Zukunft und um Haltung – Innovation und Veränderung als etwas zu sehen, das unausweichlich ist und aktiv gestaltet werden muss.

Alle Visionär:innen, denen ich in diesem Buch Fragen zu ihren Visionen für das Gesundheitswesen und die Medizin gestellt habe, eint diese Perspektive.

Allen Autor:innen habe ich die gleichen Fragen gestellt:

1. Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

2. Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

3. Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

4. Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

5. Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Viel Freude und Inspiration beim Lesen.

Inga Bergen

Oktober 2022

Inhalt

Visionäre der Gesundheit

Andreas Arntzen

Jens Baas

Lina Behrens und Johanna Ludwig

Jan Bielmann und Stefan Ebener

Dorothee Brakmann

Sophie Chung

Christian Dierks und Monika Rimmele

Axel Ekkernkamp

Felix Faltin

Chantal Friebertshäuser

Florian Fuhrmann

Andrea Galle

Tobias Gantner

Anne Sophie Geier

Mathias Goyen

Jürgen Graf

Patrick A. Haberland

Paul Hammer

Ruth Hecker

Stefan Heinemann

Maike Henningsen

Laura Henrich

Walter Hess

Roman Hipp, Maximilian Höselbarth und Felix Meyer zu Bentrup

Felix Hoffmann

Hanne Horvath

Marco Janezic

Enrico Jensch

Sven Jungmann

Istok Kespret

Valerie Kirchberger

Bernadette Klapper

Julian Kley

Hannes Kolbe

Anna-Sophia Kouparanis

Susanne Patricia Kreimer

Joachim Kreuzburg

Estefanía Lang

Kai Lanz und Melanie Eckert

Markus Leyck Dieken

Gottfried Ludewig

David Matusiewicz

Martin U. Müller

Markus Müschenich

Rob S. Neeter

Karsten Neumann

Stefan Oelrich

Susanne Ozegowski

Roman Rittweger

Peter Schardt

Harald H.H.W. Schmidt

Robert Schnitzler

Björn von Siemens

Tobias Silberzahn

Daniela Teichert

Anabel Ternès von Hattburg

David-Ruben Thies

Max Tischler

Maximilian Waldmann

Eckhardt Weber

Sievert Weiss

Florian Weiß

Jochen A. Werner

Pia Wülfing

Andreas Arntzen

Jeff Bezos wurde mal gefragt, welche Branchen durch die Digitalisierung in den kommenden Jahren „disrupted“ werden. Er beantworte dies mit der Gegenfrage, welche Branchen denn nicht „disrupted“ werden würden.

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Jeff Bezos wurde mal gefragt, welche Branchen durch die Digitalisierung in den kommenden Jahren „disrupted“ werden. Er beantworte dies mit der Gegenfrage, welche Branchen denn nicht „disrupted“ werden würden.

Natürlich wird die Digitalisierung auch das Gesundheitsbranche und das gesamte Gesundheitssystem maßgeblich verändern. Die Möglichkeiten zur Vermeidung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten werden deutlich zunehmen. 24/7 Echtzeiterfassung von z.B. Vitalwerten, der Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI), Virtual Reality (VR), Robotic und Vieles mehr werden sich analog zum technologischen Fortschritt exponentiell weiterentwickeln. Vieles von dem, was sich die breite Masse nicht vorstellen kann, ist rudimentär bereits jetzt Realität und die Massentauglichkeit erscheint nur eine Frage der Zeit zu sein. In Deutschland und Europa wird es dabei interessant sein zu sehen, ob und wie der Datenschutz den Spagat zwischen sinnvollem Regulativ und Innovationsbremse schafft. Die Antwort hierauf wird weit mehr als die Entwicklung des Gesundheitsbereichs beeinflussen.

Eine wesentliche Herausforderung werden aber auch qualifizierte Arbeitskräfte sein. Der Mangel an Ärzt:innen, Pflegekräften, Apotheker:innen, PTAs/PKAs und anderen wird leider vorhersehbar noch deutlich zunehmen. Die Kombination aus demografischem Wandel und technologischem Fortschritt wird dazu führen, dass sich die durchschnittliche Lebensdauer der Menschen deutlich verlängert. Hat sich diese in den letzten 200 Jahren verdoppelt, so werden bereits unsere Kinder/Enkelkinder über Hundert werden. Es erscheint offensichtlich, dass wir alle länger gesund und fit bleiben. Was jedoch nur selten thematisiert wird, ist, dass wir eben auch überproportional lange Pflegefälle sein werden und das Gesundheitssystem hierauf bisher wenig Antworten parat hält. Der Mangel an Pflegekräften ist also nicht nur jetzt brisant; er wird katastrophal werden und die Kosten werden entsprechend explodieren.

Umso wichtiger wird es sein, entsprechend gegenzusteuern, von der Ausbildung und Migration bis zur viel offensiver zu nutzenden Digitalisierung. Viele Länder sind hier deutlich weiter und wir sollten aufhören zu betonen, wo wir gut sind, sondern eher zu schauen, wo wir hinterherlaufen und von anderen lernen sollten.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Arbeitsprozesse müssen durch die Digitalisierung vereinfacht und zugleich verbessert werden, sowohl in der Verwaltung als auch der Betreuung, der Diagnose und der Behandlung. Das Zeitlupentempo bei der Umsetzung der elektronischen Patientenakte oder dem E-Rezept sind nur einige beschämende Beispiele und sie werfen ein weit über den Gesundheitssektor hinaus imageschädigendes Bild auf den eigentlich unternehmerisch geprägten Industriestandort Deutschland.

Israel, die skandinavischen Länder und andere sind da merklich weiter. Investitionen in Forschung und Entwicklung, Förderung junger Unternehmen und Projekte sowie der Umgang bzw. die Nutzung gesundheitsrelevanter Daten können und müssen forciert werden. Gerade, wenn wir nicht mit richtungsweisenden Zukunftstechnologien, wie z.B. der Gen-Analyse und -reparatur, Reproduktion von Organen oder Medical Food ins Hintertreffen geraten wollen.

Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

Genau diesen Aspekt haben wir im gesamten Unternehmen thematisiert und versuchen es mehr und mehr in unserer Kultur zu verankern. Dabei geht es in erster Linie um Neugierde, positives Denken, Partnerschaften und Wille. Man muss neugierig, geradezu hungrig nach neuen Endrücken, Möglichkeiten, Angeboten und Lösungen sein.

Jeder sollte die eigenen Sinne schärfen für das, was Potenzial zur Adaption und/oder zur Weiterentwicklung im Sinne der eigenen Aktionsfelder hat.

Es ist wie ein Treibstoff für Kreativität und die Zutaten hierfür lassen sich überall und zu jeder Zeit finden. Je offener man dafür ist, umso mehr findet man Bedenkenträger werden nicht die Chancen, sondern nur die Risiken sehen und diese nicht eingehen wollen. Sie sind der Gegenspieler von Innovation und Unternehmertum. „Positives Denken“ ist der Schlüssel zum Öffnen vieler Räume mit Herausforderungen und Chancen für Neues. Die wachsende Zahl der sich bietenden Möglichkeiten kann nur adäquat im Sinne einer Verbesserung genutzt werden, wenn man auch bereit ist, diese in Partnerschaften einzugehen. Wer allein agiert, wird priorisieren und sich gegen viele Optionen entscheiden müssen. In Partnerschaften kann viel mehr erreicht werden und der Nutzen wird größer sein.

Dies penetrant zu verfolgen, setzt absoluten Willen voraus. Man muss Veränderungen wollen, man muss es wollen, immer und immer wieder die Bedürfnisse der Menschen zu verstehen und Lösungen für deren Bedarfe zu finden. Jeden Tag muss man die eigene Leistung und die eigenen Produkte und Services hinterfragen und optimieren. Es darf keinen Stillstand geben, denn Stillstand ist Rückschritt in einer sich stetig verändernden Welt.

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Unsere Vorstellungsgabe basiert zumeist auf der Historie, auf den Erfahrungen und dem, was aktuell sichtbar und greifbar ist. Wir sollten offener danach suchen und häufiger fragen, was wir uns nicht vorstellen können, um es dann sukzessive bis zu dem Vorstellbaren herunterzubrechen.

Nehmen wir z.B. Reproduktion von Organen. Einige werden in den kommenden Jahren Massentauglichkeit erlangen und die Medizin revolutionieren. Aber was ist mit dem menschlichen Gehirn? Wird es irgendwann kopierbar oder unser Wissen extern speicherbar sein? Und wie werden wir leben, wenn die nachrückende Generationen 120 Jahre und älter werden? In den kommenden 25 Jahren wird es viel mehr Veränderungen geben, als in den letzten 100 Jahren … darüber sollte man nachdenken!

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Zum einen werden wir eine rasant dynamische Entwicklung in der Medizin und damit im gesamten Gesundheitswesen erleben. Zum anderen werden wir einen enormen Anstieg der Kosten haben, da jede Evolutionsstufe ihre Zeit bis zur finanzierbaren Massentauglichkeit hat.

Gesundheit darf dabei kein Luxusgut werden und die Fortschritte in den Möglichkeiten dürfen nicht über die anderen ganz grundlegenden, aktuellen Probleme von zum Beispiel Wasser- und Hungersnot hinwegtäuschen. Lösungen müssen gefunden werden und es wird diese auch geben. Jeder von uns, der das derzeitige Leben zu schätzen weiß, der sollte auch beherzigen, dass dies nur so bleiben kann, wenn wir uns verändern, denn die Welt tut es auch!

Jeder sollte die eigenen Sinne schärfen für das, was Potenzial zur Adaption und/oder zur Weiterentwicklung im Sinne der eigenen Aktionsfelder hat.

Andreas Arntzen

Andreas Arntzen ist Vorsitzender und Sprecher der Geschäftsführung des Wort & Bild Verlags. Der Diplom-Betriebswirt war zuvor bei der Schweizer NZZ-Mediengruppe sowie Geschäftsführer u.a. der ZEIT-Verlagsgruppe, der Verlagsgruppe Handelsblatt und der Madsack Mediengruppe. Andreas Arntzen ist Mitglied im Vorstand sowie Delegierter der Fachvertretung Publikumsmedien im Medienverband der freien Presse (MVFP). Zudem ist er Mitglied des Beirats der Augsburger Allgemeine, Beirat bei projecttogether.org und Stiftungsmentor der Nicolaidis YoungWings Stiftung sowie Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Sporthilfe. Er ist Gründer und Gesellschafter mehrerer Digitalfirmen, wie Parship, apploft, radio.de etc.

Jens Baas

Werden Ärzte im Gesundheitswesen der Zukunft noch darauf verzichten können, eine Künstliche Intelligenz in der Behandlung zurate zu ziehen?

Die Diagnose und Behandlung von Patienten beruhten von jeher auf der Auswertung von Informationen und Daten, auch wenn diese lange oft eher intuitiv oder aus einem Erfahrungsschatz der Ärzte heraus genutzt wurden. Die digitale Transformation und die Nutzung von Big Data werden aber auch im Gesundheitssystem die Datennutzung grundlegend ändern: zum einen steigt die Menge der nutzbaren Daten in einem vorher nie gekannten Ausmaß, zum anderen ermöglichen neue Technologien wie künstliche Intelligenz, diese Datenmengen auch sinnvoll auszuwerten. Die Entwicklungen, die auf uns zukommen, bieten viele spannende Chancen und Möglichkeiten für das Gesundheitssystem – diese Zukunft gilt es aktiv zu gestalten.

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Das Gesundheitssystem der Zukunft muss vor allem eines sein: besser vernetzt als das heutige! Und diese Vernetzung bezieht sich sowohl auf die im System tätigen Akteure und deren Vernetzung mit den Patienten, vor allem aber auch auf die Vernetzung und Nutzbarmachung der Gesundheitsdaten. Das Sammeln, Vernetzen und Auswerten von Daten hat das Potenzial, unsere Gesundheitsversorgung grundsätzlich zu verändern und die Versorgung des Einzelnen deutlich zu verbessern. Alle strukturiert zur Verfügung stehenden Daten können Teil der Diagnostik oder Therapie werden, die Behandler werden Expertensysteme nutzen, die den aktuellen Stand des medizinischen Wissens zu jeder Zeit und an jedem Ort zur Verfügung stellen können. Durch die Nutzung von Daten werden digitale Patientenpfade entstehen, durch die Leistungserbringer und auch Patienten besser informiert und beraten durch die Versorgungslandschaft des Gesundheitssystems geleitet werden können. Dadurch wird sich endlich ein vernetztes Gesundheitssystem entwickeln, in dem die Akteure über die Systemgrenzen hinweg zusammenarbeiten und miteinander Daten austauschen können. Die Hoheit der eigenen Gesundheitsdaten muss dabei allerdings immer beim Patienten liegen, der selbst bestimmen kann, was damit geschehen soll. Zudem wird es eine größere Einbindung von digitalen Anwendungen und Künstliche Intelligenz in der Prävention und in der Versorgung geben. Die Gesundheitsversorgung der Zukunft ist personalisiert, datengetrieben und vernetzt – mit den Patienten und Patientinnen im Mittelpunkt.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Durch einige Gesetze der letzten Legislatur und den Schwung, den die Corona-Pandemie in die Digitalisierung gebracht hat, können wir schon jetzt mehr Bewegung und Innovationskraft bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens beobachten. DiGAs und auch die Nutzung von Telemedizin sind gute Beispiele für digitale Angebote, die Bestandteil der Regelversorgung wurden und zunehmend an Akzeptanz in der Gesellschaft gewinnen. Deutschland ist das erste Land, das über die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten von digitalen Gesundheitsanwendungen auf Rezept übernimmt. Die Anzahl der Videosprechstunden zeigt einen rasanten Anstieg: Im vierten Quartal im Jahr 2019 wurden gerade einmal 252 Videosprechstunden von den TK-Versicherten in Anspruch genommen, im ersten Quartal 2021 sprang die Leistungsinanspruchnahme auf über 330.000 Videosprechstunden. Auch Künstliche Intelligenz ist in der Medizin auf dem Vormarsch und wird schon jetzt bei der Diagnostik unterstützend eingesetzt, zum Beispiel bei der Analyse von Bilddaten, um schwarzen Hautkrebs zu erkennen. Werfen wir einen Blick nach China zur „One Minute Clinic“ von Ping An, sehen wir wie sogar schon heute Diagnosen von einer KI gestellt und anschließend die Medikamente nebenan am Automaten abgeholt werden können. Diese Entwicklungen zahlen auf die Zukunft ein, indem Sie den Weg für zukünftige Innovationen ebnen. Sobald der Nutzen und Mehrwert dieser digitalen Anwendungen für die Versicherten und Leistungserbringer erlebbar und spürbar werden, werden diese nicht mehr wegzudenken sein und der Wunsch nach weiterer Digitalisierung nur größer.

Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

Wir möchten definieren was es heißt, eine Krankenkasse im digitalen Zeitalter zu sein. Um das zu erreichen, gestalten wir die Digitalisierung im Gesundheitswesen aktiv mit und sind stetig dabei, unsere digitalen Angebote auszuweiten. Das Herzstück der patientenorientierten Versorgung ist dabei unsere elektronische Patientenakte, durch welche die Versicherten ihre Gesundheitsdaten selbst in der Hand halten – sicher verwahrt im digitalen Datentresor. Die elektronische Patientenakte bildet die Basis für eine Plattform, welche Anknüpfungspunkte für weitere digitale Angebote bietet – sowohl von der Krankenkasse als auch von anderen Akteuren im Gesundheitswesen und der Industrie. Daraus soll ein Netzwerk aus Partner- und Angebotsportfolio entstehen, das individuell und mit hoher Nutzerfreundlichkeit die Bedürfnisse der Versicherten trifft und den Patienten und die Patientin in den Mittelpunkt stellt. Dabei ist uns wichtig, nicht für jeden Vorgang eine digitale Insellösung zu erschaffen, sodass nicht am Ende ein Flickenteppich an Anwendungen entsteht. Wir arbeiten eng mit der Politik und mit den Akteuren aus dem Gesundheitswesen zusammen, um mit unserer Vision mehr Qualität und Kundenorientierung in der Versorgung zu erreichen.

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Der europäische Weg des Datenschutzes ist eine Chance. Durch die hohen Anforderungen sind die besonders schützenswerten Gesundheitsdaten der Versicherten bei den Krankenkassen an einem sicheren Ort. Damit diese Daten jedoch zum Wohle der Patientinnen und Patienten und in der Forschung genutzt werden können, müssen wir über einen neuen Umgang mit der Datennutzung sprechen.

Derzeit haben wir häufig ein ambivalentes Verhältnis zum Datenschutz. Auf der einen Seite schenken wir Online-Kartendiensten bedenkenlos bei jeder Nutzung unsere Bewegungsdaten und akzeptieren Zugriffsberechtigungen von Apps, ohne deren Nutzungsabsichten zu kennen. Auf der anderen Seite sind die Datenschutzanforderungen an eine App zur Kontaktverfolgung im Krankheitsfall, wie die Corona-Warn-App so hoch, dass diese dem praktischen Nutzen im Weg stehen. Die Befürchtungen des Missbrauchs bei Gesundheitsdaten sind so hoch, dass häufig die daraus resultierenden Einschränkungen einen wertstiftenden Einsatz verhindern. Zum Beispiel dürfen Krankenkassen bei Wechselwirkungen verschiedener Arzneimittel den Versicherten nicht warnen, auch wenn die Daten vorliegen, dass die Kombination gefährlich ist. Wir müssen das große Potenzial, das in diesen Daten liegt für die Menschen und die Gesundheitsversorgung nutzen und diese Datennutzung mit einem sinnvollen Datenschutz und hohen Sicherheitsstandards in Einklang bringen.

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Auch wenn die Digitalisierung in der Corona-Pandemie Fortschritte gemacht hat, die Pandemie hat uns auch gezeigt, wie hoch der Aufholbedarf bei der Digitalisierung noch ist und wie groß die Chancen daraus wären. Durch die Regulierungen im Gesundheitswesen werden wir uns darauf einstellen müssen, dass vieles nicht gleich oder so schnell umsetzbar ist wie wir es aus anderen Branchen kennen. Die gute Nachricht ist aber: es tut sich etwas. Doch wir dürfen jetzt nicht an Geschwindigkeit verlieren. Diese Forderung ist nicht nur an die Akteure im Gesundheitswesen gerichtet, sondern auch an die Politik, von der wir klare Ziele und Leitplanken fordern. Eine optimale Versorgung ist nur mit einem kundenzentrierten Ansatz, einer funktionierenden Vernetzung und der Interoperabilität der Schnittstellen möglich. Wir werden uns auch darauf einstellen müssen, unser Gesundheitssystem vor dem Einfluss von großen Plattformanbietern aus den USA oder China zu schützen. Bereits jetzt investieren sie große Summen, um digitale Angebote im Gesundheitsbereich zu entwickeln und die Schnittstelle zum Kunden zu besetzen. Wenn wir die besonders schützenswerten Gesundheitsdaten nicht in die Hände von Unternehmen mit kommerziellen Interessen legen wollen, müssen wir den Patienten und Patientinnen den gleichen Mehrwert durch eigene digitale Anwendungen liefern können, die sie durch diese Angebote bekommen könnten.

Wir werden unser Verständnis von der Nutzung von Daten hinterfragen müssen: Was muss sich ändern, um die Chancen der Gesundheitsdaten nutzen zu können und eine personalisierte und datenbasierte Versorgung zu ermöglichen? Wollen wir den Datenschutz vor das Recht auf Gesundheit stellen?

Dr. Jens Baas

Jens Baas ist seit 2012 Vorsitzender des Vorstands der Techniker Krankenkasse (TK). Vor seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender war er bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group tätig, zuletzt als Partner und Geschäftsführer. Sein Studium der Humanmedizin absolvierte Jens Baas an der Universität Heidelberg und der University of Minnesota (USA). Er arbeitete anschließend als Arzt in den chirurgischen Universitätskliniken Heidelberg und Münster.

Lina Behrens und Johanna Ludwig

Verknüpfungen zwischen Kliniken, Praxen, und ePAs müssen datenschutzkonform, aber auch zielgerichtet ermöglicht werden.

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Eine Wanderung zu unserer Vision des Gesundheitswesens

Ergreift Sie manchmal Fernweh, der Wunsch neue Orte und Länder zu entdecken? Wir möchten Sie auf eine andere Reise mitnehmen, eine Reise in die Gesundheitsversorgung der Zukunft. Gemeinsam begeben wir uns auf eine Wanderung, um Ihnen vom höchsten Gipfel unsere Vision zu zeigen.

Die Planung unserer Reise oder: Individualisierung von Prävention und Therapie

Unsere Reise startet lange vor der Abfahrt, mit der individuellen Planung. Welches Gepäck nehme ich mit? Mit welcher Ausrüstung bin ich ausgestattet? Wieviel Training habe ich vorher absolviert?

Mit Blick auf unsere Gesundheitsversorgung werden diese individuellen Bedürfnisse durch unsere Genome und unsere Prädisposition für einzelne Krankheiten, durch unseren Lebensstil und unser tagtägliches Verhalten bestimmt. Weiterentwicklungen in der Datenerfassung und -analyse ermöglichen personalisierte Risikoprofile sowie individuelle Empfehlungen. Prävention und Therapie basierend auf diesen individuellen Profilen steht im Vordergrund unserer Vision.

Während der Wanderung oder: Alltagskompatible Versorgungsstrukturen

Wer mehrtägige Wandertouren kennt, weiß, wie wichtig es ist, die eigene Geschwindigkeit zu finden und diese langfristig in das Bewegungsverhalten zu integrieren. Nur so kann ein:e Wanderer:in ohne zu große Erschöpfung das Ziel erreichen.

Analog sehen wir die zweite Etappe unserer Vision – die Integration von Gesundheit als Selbstverständlichkeit in unseren Alltag. Dies kann u.a. durch eingebaute Sensorik in Wearables und Alltagsgegenständen geschehen, durch smarte Assistent:innen und At-Home-Tests, unterstützt durch telemedizinische Angebote. Kern sind dabei integrierte Gesundheitsdienstleistungen, die – wo möglich – bequem von zuhause durchgeführt werden können, verbunden – wo notwendig – in die Versorgung vor Ort.

Der Aufstieg zum höchsten Gipfel – oder: Zwischenmenschlichkeit durch Technologie

Nun steht das Erklimmen des höchsten Gipfels bevor. Ein Blick auf das bisher Erreichte lässt uns stolz werden und die Strapazen der langen Wanderung vergessen.

Der höchste Gipfel unserer Vision ist die Zwischenmenschlichkeit im Gesundheitswesen, unterstützt durch Technologie. Digitale Tools erleichtern den Versorgungsalltag und ermöglichen es dem medizinischen Personal, sich verstärkt ihren Kernaufgaben zu widmen: Hand anlegen, zuhören und Hoffnung geben. So wird die Gesundheit der Patient:innen priorisiert und eine Interaktion auf Augenhöhe ermöglicht.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Individualisierung von Prävention und Therapie

Weit vorangeschritten auf der Wanderung sind insbesondere „Volkskrankheiten“ wie Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Hier existieren zahlreiche digitale Biomarker, gemessen u.a. durch Wearables wie der Apple Watch. Diese können zur Individualisierung beitragen – bei einer entsprechenden Datennutzung.

Die Anwendung von Continuous Glucose Monitor (CGM) – eines im Diabetes Bereich bereits weit erforschten und sicheren Systems – zur Individualisierung setzen sich einige Start-ups zum Ziel. So bieten z.B. HelloInside und Perfood Apps in Verbindung mit einem Standard CGM an, um im Alltag Blutzuckermessungen vorzunehmen. Die Nutzer:innen verstehen so, ob für sie persönlich z.B. eine Banane oder ein belegtes Schwarzbrot die bessere Wanderverpflegung wäre. Da in Deutschland über 10 Prozent der Bevölkerung an Diabetes leiden und zahlreiche weitere Krankheiten mit unserer Ernährung zusammenhängen, kann ein individuelles Verständnis in der Vorsorge helfen.

Somit priorisieren die Wandernden die Planung und Ausrüstung anstatt (wie es manchmal der Fall ist) erst auf dem Weg zum Bahnhof zu schauen, wo es hingeht und welche Ausrüstung benötigt wird.

Alltagskompatible Versorgungsstrukturen

Ein stressiger Alltag und oft komplexe Versorgungsstrukturen erschweren uns eine frühzeitige Konzentration auf unsere Gesundheit. Diese ist jedoch eine langfristige Wanderung und kein kurzer Sprint und sollte daher fest in unseren Alltag integriert sein.

Daten- und technologiegetriebene Innovationen sorgen schon heute für eine sukzessive Steigerung der Patientenautonomie und verringern die physische Präsenzpflicht für Patient:innen. Die heutige Generation der Wearables ist in der Lage, bei Akuttherapie und Nachsorge zu unterstützen, z.B. durch kardiologische Kennzahlen, Blutzuckermessung und Sauerstoffversorgung. Im At-Home-Testing Bereich bietet z.B. Judit Giró Benet eine Brustkrebs-

Früherkennung mittels Urintest an. Die Ergebnisse werden via Smartphone empfangen, bei positivem Testergebnis erfolgt die Verbindung zu einem Telemedizin-Service.

Somit werden die Patient:innen unterstützt, das für sie individuell angemessene Wandertempo zu finden und das Ziel zu erreichen.

Zwischenmenschlichkeit durch Technologie

Die Reisebranche verwöhnt uns seit Jahren mit digitalen Angeboten, sei es durch Vergleichsportale für Wanderhotels, digitaler Routenplanung oder Reviews für ortskundige Wanderführer:innen.

Geprägt von diesen Erfahrungen erwarten Patient:innen vermehrt eine durch Komfort und Service geprägte Versorgung, sowie Transparenz bei medizinischen und operativen Kennzahlen. Lange Wartezeiten auf einen Termin werden ebenso inakzeptabel wie überfüllte Wartezimmer oder eine lange Anreise zum Arzt. Jedoch: Ein:e stationäre:r Arzt:Ärztin verwendet heute durchschnittlich 44 Prozent und eine Pflegekraft 36 Prozent ihrer Zeit auf die Dokumentation und administrative Aufgaben anstatt mit Zwischenmenschlichkeit – dem höchsten Gipfel unserer Wanderung.

Einzelne Innovator:innen sind bereits im Aufstieg auf den Gipfel und priorisieren die „Patient Experience“. So bieten zahlreiche Start-ups wie MAYD Medikamentenlieferungen binnen 30 Minuten, Avi Medical baut moderne, auf die Patient:innenbedürfnisse fokussierte Hausarztpraxen und die Waldkliniken Eisenberg orientieren sich an Hotelerfahrungen für ihre stationäre Behandlung. Derzeit stellen diese Erfahrungen einzelne Wandernde dar, in unserer Vision wird der Gipfel gemeinsam mit allen Akteuren im Gesundheitswesen erfolgreich erklommen.

Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

Für Wanderungen in einer neuen Umgebung empfiehlt sich der Austausch mit ortskundigen Wanderführer:innen.

Aktuell findet die Patient:innenversorgung oft wie bisher statt, während parallel Innovationen entwickelt werden – als wenn zwei Wander:innen gemeinsam zum gleichen Ziel wollen, jedoch an verschiedenen Orten starten, ohne miteinander zu kommunizieren. Um Veränderung in die Gesundheitsversorgung zu bringen, müssen Personen aus der direkten Patient:innenversorgung wie Dr. Johanna Ludwig und Innovationstreiber wie Lina Behrens zusammenarbeiten. Wir verstehen uns in unserer jeweiligen Arbeit als Wanderführer:innen zur Vision der Gesundheitsversorgung der Zukunft.

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Einige Wandernde versuchen bereits, den höchsten Gipfel zu erklimmen, während andere noch nicht einmal mit der Reiseplanung begonnen haben.

Viele Akteure im Gesundheitswesen, die sich mit fortschreitender Digitalisierung von alten Prozessen, Technologien und Verhaltensweise trennen (müssen) und sich an neue Tools, Abläufe und Arbeitskulturen gewöhnen (müssen), erleben dies als ambivalent. Es wird jedoch nicht funktionieren, Gesundheitsversorgung der Zukunft in kleinen Schritten voranzutreiben. Aktuell gilt es mehr denn je, eine durchdachte, ausgedehnte und synchrone Systemumstellung als Voraussetzung für individualisierte Prävention und Therapie durchzuführen, um alltagskompatible Versorgungsstrukturen und mehr Zwischenmenschlichkeit zu schaffen.

Dies erfordert ein Umdenken der Finanzverwaltenden, Therapeut:innen und der Bevölkerung. Der Weg von der Krankheitsgesellschaft zur gesundheitsfördernden Versorgung stellt immense Herausforderungen an alle Beteiligten. Ein Kernaspekt ist die Umgestaltung unserer bisher krankheitsorientierten Vergütungsstruktur, um Anreize für individuelle Prävention und Therapie zu schaffen – so wie es auch auf den Wanderwegen Ausschilderungen gibt.

Eine Einigung in puncto Datenschutz vs. Nutzung von Gesundheitsdaten ist unabdingbar, damit wir in Deutschland weiterhin eine hochwertige Versorgung anbieten können. Ein System, das die vorhandenen Daten ignoriert, ist nicht zukunftsorientiert – so wie wir auch bei Wanderungen Wetter- und GPS Daten nutzen.

Es ist zudem notwendig, unseren Wildwuchs aus nicht-miteinander kommunizierenden Systemen auf einen zeitgerechten Stand anzuheben. Verknüpfungen zwischen Kliniken, Praxen, und ePAs müssen datenschutzkonform, aber auch zielgerichtet ermöglicht werden. Ein „weiter so“ mit Fax und Papier ist nicht möglich – so wie wir auch nicht mehr mit der Kutsche zur Wanderung fahren.

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Brennen Sie darauf, den höchsten Gipfel zu erklimmen? Oder wären Sie lieber an den Strand geflogen zum Entspannen, anstatt mühsam zu wandern? Oder wären Sie gar lieber zu Hause geblieben?

Wir können Ihnen versichern: wir sind nicht mehr zuhause auf dem Sofa. Wir können nicht mehr umbuchen und die Digitalisierung zurückdrehen, denn wir sind bereits auf der Wanderung. Der Abschnitt vor uns ist steil und mühsam. Wir haben zu viel Gepäck und sind durch fehlendes Training nicht in der besten Verfassung. Wir werden stolpern, es wird teils frustrierend – aber wir werden es schaffen, denn es gibt kein Zurück mehr. Und es lohnt sich, jeden einzelnen Schritt weiterzugehen und den Gipfel zu erklimmen. Denn dort werden wir nach vorne auf die Vision unserer Gesundheitsversorgung blicken, die wir gemeinsam erschaffen haben.

Ein „weiter so“ mit Fax und Papier ist nicht möglich – so wie wir auch nicht mehr mit der Kutsche zur Wanderung fahren.

Lina Behrens

Lina Behrens ist eine Expertin im Bereich digitale Gesundheit. Als ehemalige Geschäftsführerin von Flying Health, dem führenden Ökosystem für die Gesundheitsversorgung der Zukunft, unterstützte sie jahrelang Unternehmen aus der Gesundheits- und Konsumgüterindustrie sowie Digital-Health-Start-ups bei allen Fragen rund um die digitale Gesundheitsversorgung. Zuvor war sie u.a. bei der Boston Consulting Group (BCG) in Großbritannien sowie bei dem Company Builder Polymath Ventures in Kolumbien tätig. Sie ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Startupverbands und Mitglied des Beirats Junge Digitale Wirtschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Sie hält einen MPA der London School of Economics sowie einen B.A. in Economics und in International Affairs der Universität St. Gallen.

 

Dr. med. Johanna Ludwig

Johanna Ludwig arbeitet als Fachärztin für Unfallchirurgie und Orthopädie am Unfallkrankenhaus Berlin. Durch einen Master in Surgical Science and Practice an der Universität Oxford hat sie Expertise im Bereich Innovation, Veränderung und Qualität im Gesundheitsmanagement erlangt. Diese bringt sie nun im Bereich digitaler Gesundheit und ärztlicher Weiterbildung ein. Sie ist Teil des medizinischen Gutachtenboards des Trusted Health Projekts der Bertelsmann Stiftung, unterstützt Start-ups als Beraterin und ist selbst Mitgründerin einen Start-ups im Bereich der ärztlichen Ausbildung.

Jan Bielmann und Stefan Ebener

Das Gesundheitssystem wird deutlich datenorientierter, deutlich vernetzter und adressiert viel stärker das Potenzial der Daten.

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Die Zukunft der Gesundheitsversorgung liegt in einem fundamentalen Paradigmenwechsel: Dieser Wechsel führt uns weg vom Patienten und hin zum gesünderen Bürger. Gemeint ist damit die Abkehr vom Fokus des Gesundheitswesens auf die Erkennung, Behandlung und Heilung von Krankheiten. Stattdessen wird das Gesundheitswesen inklusive aller Akteure – und zwar jenseits der heutigen offenkundigen Institutionen – das Ziel verfolgen, die Gesundheit in allen Bevölkerungsschichten aktiv zu verbessern. Die damit einhergehende Neuausrichtung erfordert nicht nur völlig neue Technologien, sondern auch deutliche Veränderungen in den Systemen und Abläufen der Gesundheitsversorgung. Zentrale Elemente werden jedoch die Digitalisierung und die Verarbeitung von Daten sein. Schon heute werden viele Daten in unterschiedlichen Phasen und Organisationen der Gesundheitsversorgung verarbeitet, allerdings selten zusammenhängend und bereichsübergreifend ausgetauscht. Hier liegt aktuell die größte Herausforderung und gleichzeitig das größte Potenzial.

In Zukunft werden die Akteure der Gesundheitsversorgung zueinander vernetzt und Teil eines aktiven Ökosystems sein. Dieses Ökosystem basiert sowohl auf Standards als auch auf Prinzipien, die es ermöglichen, einerseits ein voll umfassendes Bild eines Patienten abbilden zu können, als auch Heilungsprozesse oder Präventionsmaßnahmen detailliert analysieren und individuell anpassen zu können. Dies geschieht entlang der gesamten Patienten-Reise und beginnt – und dies ist der entscheidende Paradigmenwechsel – nicht erst bei Beschwerden und dem etwaigen Arztbesuch, sondern jeden Tag durch Gesundheitstracker, Apps bzw. einer vorsorgeorientierten Gesellschaft.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Schon heute steigt die Erwartungshaltung von Patienten an die Gesundheitsversorgung. Angeführt durch die Technologien des Smartphones und gekoppelt durch die Plattformtechnologie, erwartet der Patient über den gesamten Gesundheitsprozess hinweg eine auf ihn zentrierte und angepasste Ansprache der Akteure. Die Zielsetzung dieser Kundenansprache ist über das gesamte Kundenerlebnis (engl. Customer Journey) individuelle Präventionen, Diagnosen, Behandlungen und Nachsorgen zu ermöglichen.

Der Ausgangspunkt dieser zentralen Kundenausrichtung sind Daten, die im gesamten Ökosystem erhoben und verteilt werden, wie beispielsweise Demografiedaten, Bewegungsdaten, Diagnose- und Operationsdaten bis hin zu Behandlungs- und Nachsorgepläne.

Cloud-Technologien werden als Katalysator für Innovationen in der Gesundheitsversorgung eine zentrale Rolle einnehmen. Bereits heute bilden Datenplattformen die Grundlage für die Demokratisierung von Gesundheitsdaten und Informationen. Eine solche Datenplattform ist bspw. die Google Cloud Healthcare Data Engine, die es den Akteuren in der Gesundheitsversorgung erlaubt, interoperable, Langzeitaufzeichnungen von Patienten einzusetzen, indem die Plattform Datenformate einander zuordnet, verwaltet sowie diese für weitere Auswertungen und Analysen bereitstellt. Datenplattformen gelten zudem als Schlüsselbaustein für den großflächigen Einsatz von Künstlicher Intelligenz bspw. in der Krebsfrüherkennung, Screening etc. Diese Technologie finden wir bereits heute in einer Vielzahl von Anwendungsszenarien.

Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

Google Health ist unser unternehmensweites Bestreben, Milliarden von Menschen dabei zu helfen, gesünder zu leben. Dies ist kein einzelner Produktbereich oder Fokus – es ist eine echte unternehmensweite Initiative, die unsere Stärken und unser Fachwissen nutzt, um Menschen zu helfen, ein gesünderes Leben zu führen. Wie wir in der Pandemie gesehen haben, wenden sich die Menschen weiterhin an uns als Unternehmen, um ihre wichtigsten Fragen zu beantworten, bspw. wo finde ich einen COVID-Test? Ist es sicher, sich impfen zu lassen?

Google tritt an, um bei der Transformation der Gesundheitsversorgung mit Daten und Erkenntnisse für die öffentliche Gesundheitsgemeinschaft und der Forschung zu helfen. Und zwar mit allem, was wir haben: Radikale neue Technologie, Informationen aber auch mit acht Produkten, die jeden Tag jeweils mehr als 1 Mrd. Menschen erreichen. Unser Ansatz adressiert Konsumenten, Versorger und die Community.

Jan Bielmann und Dr. Stefan Ebener sind Teil dieser Bewegung und arbeiten mit verschiedenen Institutionen zusammen, um diese Transformation voranzutreiben. Dies umfasst die Anwendung von Technologien und Werkzeugen für umfassende Analysen, aber auch die Sicherstellung des Zugangs zu qualitativ hochwertiger, gleichberechtigter Versorgung der Akteure im Gesundheitswesen. Unser Fokus liegt dabei auf der Einbeziehung möglichst vieler Gesundheitsdeterminanten wie bspw. dem Klimawandel.

Unsere Leitmaxime lautet: Menschen in alltäglichen Momenten zu begegnen und sie auf ihrem Weg zu einem gesünderen Leben und einer verbesserten Gesundheit aktiv zu unterstützen. Dies umfasst eine Vielzahl von Aktivitäten, beispielsweise via Fitbit, Google Search, Nest, YouTube, Google Maps oder auch Google Health. Jedes dieser Produkte hat seinen ganz eigenen Mehrwert in der Gesundheitsreise und der Suche nach Informationen und Unterstützung eines Menschen.

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Kernziele der zukünftigen Gesundheitsversorgung wird sein, die Plattformökonomie zu adaptieren und ein vernetztes Ökosystem aufzubauen, das weit über reine Effizienzsteigerungen hinausgeht.

Der Aufbau dieses Ökosystems stellt die Akteure jedoch vor völlig neue Herausforderungen. Die Zusammenarbeit zwischen Lieferanten, Mitarbeitern, Marktteilnehmern und Patienten wird sich spürbar verändern, indem der Austausch von Informationen und Daten die Grundlage des Ökosystems bildet. Ein elementarer Bestandteil für den Datenaustausch innerhalb des Ökosystems der Gesundheitsversorgung nehmen Kommunikationsschnittstellen ein, in der Informatik APIs „Application programming interfaces“ genannt. Durch diese APIs werden die Nutzungsrichtlinien für die Schnittstellen definiert und die Zugriffskontrollen überwacht, damit nur die richtigen Daten an die richtigen Teilnehmer gelangen.

Dabei geht es bei diesem Datenaustausch nicht nur um die Nutzung von neuen Daten, sondern auch von vorhandenen Daten, um Prozess und Dienstleistungen zu verbessern und neue datenorientierte Services dem Ökosystem bereitzustellen. Das Gesundheitssystem wird damit eine wesentliche Änderung erfahren: Es wird deutlich datenorientierter, deutlich vernetzter und adressiert viel stärker das Potenzial der Daten.

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Durch die neuen Technologien wie Smartphone, Fitness-Tracker oder andere Wearables hatten die Menschen noch nie so viel Zugang und Verständnis für ihre persönliche Gesundheit. Dieses Verständnis mündet in den Anspruch, dass das Gesundheitswesen in der Lage ist, weitere Informationen und Daten für den Patienten zur Verfügung zu stellen, wie Krankheitsverläufe, Therapiepläne bis hin zur Optimierung der Prävention oder Nachsorge.

Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen neue Daten, Technologien und Schnittstellen Einzug erhalten, die einen ganzheitliche Sicht auf den Patienten ermöglichen, über alle Begegnungen innerhalb des Gesundheitswesens hinweg. Dabei wird die Diskussion über Datenzugriff und Datenschutz nicht abreißen. Denn hier muss ein Einklang zwischen Nutzen und Sicherheit gewährleistet werden, der es den Akteuren des Gesundheitswesens ermöglicht, die Interoperabilität der Daten in Nutzungsszenarien für den Kunden zu transformieren. Nur dann können die starken Netzwerkeffekte zunehmen und das Ziel einer gesünderen Bevölkerung erfüllt werden. Dies ist jedoch keine reine Frage der richtigen Technologie, es ist vor allem eine Frage des Mindsets. Gemeinsam müssen wir das Potenzial der Daten in den Vordergrund stellen – ohne dabei den Schutz der Daten aufzugeben. Die aktuelle Diskussion orientiert sich ausschließlich auf den Schutz und lässt damit viele Möglichkeiten ungenutzt. Die Menschen im Gesundheitswesen müssen daher ausgebildet, sensibilisiert und auf den Weg in eine patienten- und datenorientierte Gesundheitsvorsorge mitgenommen werden.

Die Menschen im Gesundheitswesen müssen ausgebildet, sensibilisiert und auf den Weg in eine patienten- und datenorientierte Gesundheitsvorsorge mitgenommen werden.

Jan Bielmann

Aufgewachsen in einem landwirtschaftlichen Betrieb, entwickelte Jan Bielmann schon in jungen Jahren eine Leidenschaft für Technologie und Innovationen. Diese Leidenschaft ermöglichte es ihm, seit mehreren Jahren unter anderem Finanzdienstleistern bei der Transformation zu datengetriebenen Unternehmen zu unterstützen. Neben der Tätigkeit verbindet ihn auch die Neugier und die Hands-on-Mentalität mit Pionieren und Visionären verschiedener Ebenen und Unternehmensgrößen. Im Fokus steht dabei, jegliche Veränderung als Chance zu verstehen und durch den Einsatz von Technologie den Kundennutzen zu steigern.

 

Dr. Stefan Ebener

Stefan Ebener leitet für Google Cloud ein internationales Expertenteam. Seine Leidenschaft gilt den datengetriebenen Zukunftstechnologien und der Weiterentwicklung von Technologiekompetenzen in Unternehmen und Gesellschaft. Zudem ist er freiberuflicher Dozent der Wirtschaftsinformatik, Mitglied der d*Health Academy, gehört dem Institut für IT-Management & Digitalisierung der Hochschule für Ökonomie & Management an, ist Start-up-Mentor, Autor und Keynote Speaker.

Dorothee Brakmann

Die systematische – und einfache! – Erfassung, Auswertung und sinnvolle Verknüpfung von Gesundheitsdaten aus dem Behandlungs- und Versorgungsalltag ist die Basis dafür, dass wir das enorme Potenzial im Sinne der Patient:innen ausschöpfen können.

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Meine – unsere Vision bei Janssen – ist ein Gesundheitssystem, das nicht nur nachhaltig leistungsfähig, sondern auch nachhaltig bezahlbar ist, weil die zur Verfügung stehenden Ressourcen im Sinne der Patient:innen bestmöglich eingesetzt werden. Jeder Patient soll die Chance haben, von Anfang an die individuell am besten geeignete Therapie zu erhalten. Im Gegensatz zu heute bedeutet das: Weg von einer standardisierten Versorgung nach dem Prinzip „one pill fits all“, hin zu einer ganzheitlichen, möglichst individuellen Gesundheitsversorgung, die darauf abzielt, das bestmögliche Ergebnis, den besten „Outcome“ für die einzelnen Patient:innen zu erreichen. Mit anderen Worten: Meine Vision von der Gesundheitsversorgung der Zukunft ist eine Versorgung im Sinne von Value Based Healthcare, kurz VBHC. Bei einer nach den Grundsätzen von VBHC ausgerichteten Versorgung bestimmt das individuelle Versorgungsziel die Therapieauswahl und -sequenz. Das von den Patient:innen wahrgenommene Ergebnis – der „Value“, den die Behandlung für sie hat – ist neben den medizinischen Faktoren ein wichtiger Maßstab für die Bewertung der Qualität der Behandlung und damit letztlich für die Erstattung.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Wir sehen immer mehr KI-basierte Tools, die es Ärzt:innen ermöglichen, in hochgradig komplexen Indikationsgebieten die Therapie auszuwählen, die den besten „Outcome“ für die Patient:innen verspricht. Auch wir bei Janssen arbeiten an derartigen Lösungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: In Kooperation mit dem Uniklinikum Leipzig und dem Innovationszentrum für Computerassistierte Chirurgie (ICCAS) haben wir die auf Künstliche Intelligenz (KI) beruhende Plattform KAIT entwickelt. KAIT liefert den behandelnden Ärzt:innen die notwendigen Daten und Evidenz, damit diese für ihre Patient:innen mit komplexen Bluterkrankungen den individuell besten Therapiepfad identifizieren und eine entsprechende Therapieentscheidung treffen können. Das Wissen, auf das KAIT hierfür zurückgreift, sind im Wesentlichen klinische Daten aus hämatologischen Studien, Registerdaten und medizinischen Leitlinien. Die medizinischen Werte der Patient:innen werden von den behandelnden Ärzt:innen selbst eingepflegt. Nach Auswertung aller verfügbaren Daten informiert KAIT die involvierten Ärzt:innen und Patient:innen, welche Therapie in vergleichbaren Fällen am wirkungsvollsten war – inkl. Begründung. Auf diese Weise ermöglicht und fördert KAIT zudem den kollegialen Austausch über verschiedene Therapieoptionen. Ich bin überzeugt, dass Plattformen wie KAIT die Versorgungsqualität im Sinne von Value Based Healthcare in Zukunft entscheidend verbessern.

Wie arbeiten Sie innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

Indem wir tun, was wir am besten können: Wir entwickeln innovative, zunehmend personalisiert und präzise wirkende Arzneimittel und völlig neue Therapieansätze, die die Lebensqualität von Patient:innen nachweislich erhöhen. Um sicher zu stellen, dass der patientenrelevante Outcome unserer Therapien im Sinne von VBHC adäquat gemessen wird, bringen wir unser methodisches Know-how konstruktiv in die Entwicklung entsprechender Parameter und Feedbacktools ein. Last but not least: Wir entwickeln proaktiv konkrete Vorschläge für eine ergebnisorientierte Erstattung unserer medizinischen Innovationen, um die Chance zu erhöhen, dass diese schnellstmöglich den Weg in die Versorgung und damit zu den Patient:innen finden. Erstattungspreise, die das Ergebnis bei den Betroffenen wertbasiert abbilden, ermöglichen es Unternehmen wie Janssen zudem, in die Erforschung von medizinischen Innovationen der nächsten Generation zu investieren – damit Krankheiten, die heute nicht oder nur unzureichend behandelt werden können, eines Tages behandel- oder sogar heilbar sind.

Eine weitere Ebene, auf der wir konkret daran arbeiten, dass VBHC im deutschen Gesundheitssystem implementiert wird: Der Dialog mit sämtlichen Akteuren im deutschen Gesundheitssystem. Wie definieren wir den „Value“ von therapeutischen Maßnahmen für Patient:innen, wie messen wir ihn? Welche Strukturen und Rahmenbedingungen braucht eine konsequent wert- und ergebnisorientierte Gesundheitsversorgung? Welche Anknüpfungspunkte gibt es bereits im System, worauf können wir sinnvoll aufsetzen? Bei der Beantwortung dieser Fragen und der entsprechenden Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems müssen alle involviert werden: Ärzt:innen, Wissenschaftler:innen, natürlich Patient:innen, Krankenkassen, Verbände, Politik und die forschenden Unternehmen. Den notwendigen Dialog über die Chancen, Herausforderungen und Umsetzungsmöglichkeiten treiben wir seit mehr als einem Jahr voran, unter anderem im Rahmen unseres Janssen Open House (https://www.janssen.com/germany/openhouse).

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Die Medizin hat in den vergangenen Jahren unglaubliche Fortschritte gemacht! Moderne Therapien setzen immer früher an, berücksichtigen zunehmend die individuellen biologischen Besonderheiten und Bedürfnisse von Patient:innen, wirken immer zielgerichteter und präziser. Das Konzept der „Disease Interception“ geht sogar noch einen Schritt weiter: Es sieht vor, in das Krankheitsgeschehen einzugreifen, bevor die Erkrankung im eigentlichen Sinne ausbricht. Validierte Biomarker werden es eines Tages möglich machen, ein besonders hohes Erkrankungsrisiko oder bereits laufende Krankheitsprozesse zu erkennen, noch bevor sich klinische Symptome gebildet haben. Das Zeitfenster zwischen der frühen Diagnose und dem eigentlichen Ausbruch der Erkrankung bezeichnen wir bei Janssen als „Window of Opportunity“. Im Idealfall gelingt es innerhalb dieses Zeitfensters, die Krankheit durch eine gezielte Therapie aufzuhalten, zu verzögern oder den Krankheitsverlauf sogar umzukehren. Mithilfe von Biomarkern werden Ärzt:innen im Rahmen einer präventiven Diagnostik in der Lage sein, Gesundheitsrisiken ihrer Patient:innen frühzeitig zu erkennen, sodass sie diese im Hinblick auf mögliche Behandlungsoptionen beraten und rechtzeitig die medizinisch notwendigen Schritte einleiten können. Damit ändern sich natürlich auch die Rollen und Verantwortlichkeiten aller Beteiligten.

Worauf müssen sich die Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Wir alle werden mehr Eigenverantwortung für unsere Gesundheit übernehmen müssen. Das Ziel von VBHC ist, das beste gesundheitliche Ergebnis für jeden einzelnen Menschen zu erreichen. Dafür muss im ersten Schritt definiert werden, was das im Einzelfall beste Ergebnis ist. Weniger Schmerzen? Ein längeres Leben? Ein verzögerter oder sogar verhinderter Ausbruch der Erkrankung? Die Entscheidung, was das für die Betroffenen beste gesundheitliche Ergebnis ist, können der behandelnde Arzt bzw. die Ärztin nicht allein treffen. Die Betroffenen selbst – perspektivisch also wir alle – sind gefragt. Wir müssen uns bewusst machen, welches Ergebnis wir persönlich mit der Behandlung erreichen wollen, was uns wichtig ist – um mit unserem Arzt bzw. unserer Ärztin abzugleichen, was medizinisch möglich ist. Unsere Mitwirkungspflicht endet dabei nicht mit Abschluss einer Behandlung. Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass allein die Betroffenen selbst bewerten können, wie zufrieden sie mit dem Ergebnis der Behandlung sind. Unser strukturiertes Feedback ist essenziell, um die Qualität und den Erfolg einer Behandlung zu evaluieren – und um für künftige Therapieentscheidungen daraus zu lernen. Auch in punkto Transparenz werden wir umdenken müssen. Ich denke hier konkret an Transparenz im Hinblick auf unsere Gesundheitsdaten. Diese bergen ein unglaubliches Potenzial für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung sehr vieler Menschen. Angefangen von der Diagnostik, über die Erforschung und Entwicklung zunehmend personalisierter, smarter Therapien bis hin zur datenbasierten Auswahl der individuell erfolgversprechendsten Therapie durch den Arzt bzw. die Ärztin.

Am Beispiel KAIT: Je mehr Daten aus unterschiedlichen Quellen in das System einfließen, desto präzisere und aussagekräftigere Therapieempfehlungen kann es modellieren. Ergo: Je transparenter wir unsere eigenen, auf unserer elektronischen Patientenakte gespeicherten Gesundheitsdaten teilen, indem wir sie zu Forschungszwecken spenden oder unseren Ärzt:innen Einsicht in diese Daten erlauben, desto effektiver tragen wir dazu bei, dass nicht nur unsere eigene Gesundheitsversorgung bestmöglich auf unsere individuellen Bedürfnisse zugeschnitten wird, sondern auch die unserer Mitmenschen. Erfassung, Auswertung und sinnvolle Verknüpfung von Gesundheitsdaten aus dem Behandlungs- und Versorgungsalltag ist die Basis dafür, dass wir das enorme Potenzial im Sinne der Patient:innen ausschöpfen können.

Dr. Dorothee Brakmann

Dorothee Brakmann verantwortet die Marketing- und Sales-Strategie für den Bereich Onkologie/Hämatologie von Janssen Deutschland und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Vor ihrem Wechsel in die Onkologie leitete die Pharmazeutin u.a. mehrere Jahre lang den Bereich Marktzugang und Erstattung des Unternehmens. Sie ist Mitglied im Vorstand des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH).

Sophie Chung

Wir müssen Freiräume im Alltag schaffen, in denen Ärzte, Pflege und Labor sich mit neuen Lösungen beschäftigen können und diese mitgestalten können, und sie genug Zeit für Ihre Arbeit für und mit Patienten haben.

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Meine Vision ist, dass die Patienten und deren Interessen im Zentrum der Gesundheitsversorgung stehen. Dies wird nur möglich sein, wenn alle Beteiligten – vor allem aber das medizinische Personal an vorderster Front in den Praxen und Krankenhäusern, einem erfüllten und fair bezahlten Beruf nachgehen können. Dazu ist eine Modernisierung der alten Strukturen, angefangen von der Ausbildung des Personals bis hin zum einem radikalen Umdenken im klinischen Alltag, gepaart mit dem kompromisslosen Ziel der vollständigen Digitalisierung und Vernetzung von Daten, notwendig.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Ich denke hier sehr einfach. Gesundheitsversorgung – so bin ich überzeugt – ist eine tief menschliche Angelegenheit. Ich glaube an keine Zukunft, in der die gesamte Kette der Gesundheitsversorgung von Robotern und Computern übernommen wird. Ganz im Gegenteil, der Faktor Mensch wird in Zeiten von Web 3 und dem Metaverse immer mehr an Gewicht und Relevanz gewinnen. Dennoch ist nicht für alle Schritte in der Gesundheitsversorgung manuelle oder analoge Arbeit notwendig – ich denke hier an Dokumentation, bestimmte Bereiche in der Diagnostik oder vermeintlich einfache Schritte wie Terminvergabe. Abgesehen von Innovationen im therapeutischen Bereich habe ich große Hoffnung auf Innovationen, die dazu verhelfen, die Zeit am Patienten zu maximieren und Ärzten und Patienten helfen, die richtigen Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Das sind meine beiden Hauptkriterien, die ich anlege:

1. Werden Ärzte und Patienten dadurch direkt oder indirekt mehr sinnvolle Zeit miteinander verbringen können? Darunter fällt alles, was Abläufe effizienter macht wie z.B. Telemedizin, elektronische Datenverarbeitung und -speicherung

2. Werden Ärzte oder Patienten bessere Entscheidungen treffen können? Dazu gehören zum Beispiel Lösungen, die zu mehr Transparenz führen oder datenbasierte Diagnosealgorithmen einsetzen.

Wie man an den genannten Beispielen schon sieht, wird Digitalisierung und der Einsatz von Technologie ein Kerntreiber von Innovation sein.

Abb. 1Die digitale Patientenjourney end-to-end

Wie arbeiten Sie persönlich oder innerhalb Ihrer Organisation ganz konkret darauf hin, welche anschaulichen Beispiele gibt es heute schon?

Bei Qunomedical zielt unsere Lösung darauf ab, Patienten sehr früh in ihrer Patientenjourney abzuholen und von da an zu begleiten – von Anfang bis zum Ende. Daten aus den USA zeigen, dass 70 Prozent aller Patienten zuerst auf Google suchen (Frist 2021), bevor sie sich in eine Notfallaufnahme begeben. Ich bin mir sicher, die Zahlen aus Deutschland sehen ähnlich aus. Die Patientenjourney fängt heutzutage also online, im Internet an und der Weg bis zum richtigen Arzttermin oder Behandlung kann anschließend leider sehr lange und beschwerlich sein. Oft werden Patienten von einem Arzt zum anderen weitergeschickt und man bekommt 10 unterschiedliche Antworten von 5 unterschiedlichen Ärzten auf die gleichen Fragen. Es werden Tests und Untersuchungen sinnlos wiederholt und Medikamente verschrieben, ohne die Transparenz zu haben, was bisher schon gewirkt hat und was nicht. Bei seltenen oder sehr speziellen Erkrankungen, werden Patienten sehr spät diagnostiziert begleitet von vielen Fehldiagnosen. Und wenn es dann zu einer Behandlung kommt, haben Patienten so gut wie keine Transparenz über ihre Optionen – Behandlungsart, Arzt, Krankenhaus und schon gar nicht, wie man diese gegeneinander abwägt. Man möchte meinen, dass dies die Rolle des Arztes wäre, Patienten hier auf die medizinische Reise mitzunehmen. Wer schon einmal in einem öffentlichen Krankenhaus oder eine nicht-privaten Praxis schon einmal gearbeitet hat, dem überkommt an dieser Stelle maximal ein müdes Lächeln. Meiner Meinungen nach, ist dies das Kernproblem. Dass es entlang der Patientenjourney zu vielen Ineffizienzen kommt – lange Wartezeiten, Fehldiagnosen, Artzwechsel etc. – das führt zu Unzufriedenheit auf beiden Zeiten und zusätzlich einer enormen Kostenbelastung für das gesamte System.

Mit Qunomedical bieten wir nicht nur Patienten eine Lösung an, um sich besser zurecht zu finden, sondern auch Krankenhäusern eine Software, ihre Patientenjourney nach ihren Vorstellungen zu digitalisieren. Für mehr Transparenz, Effizienz und eine Journey, die den Menschen in den Mittelpunkt rückt, auf einer einzigen Plattform.

Wenn wir aktuelle Entwicklungen weiterdenken, welche grundlegenden Veränderungen kommen auf uns zu?

Es gibt aktuell schon sehr viele Lösungen auf dem Markt, die sehr spezielle Bereiche abdecken. Hier müssen wir hinbekommen, dass die patientenzentrierte Vernetzung zwischen Anwendungen passiert. Wenn ich als Patientin in einer App meinen Zyklus dokumentiere, in einem anderen Portal meine Medikamentenliste speichere und meine letzten Blutbefunde nur ausgedruckt vorliegen habe, wird es schwierig werden, auf dieser Basis Innovation für Patienten zu treiben.

Worauf müssen sich die beteiligten Menschen im Gesundheitswesen einstellen?

Ich bin davon überzeugt, es wird neue Stakeholder auf dem Gesundheitsmarkt geben, die aus dem Technologiesektor kommen werden. Was aber immer zu kurz kommt in jeder Diskussion rund um Innovation im Gesundheitswesen, sind die Menschen, die hier tagtäglich arbeiten. Wir müssen auch hier, ganz früh in der Bildung und Ausbildung ansetzen und massenhaft Berührungspunkte mit innovativen Ansätzen schaffen. Wir müssen Freiräume im Alltag schaffen, wo die Ärzte, Pflege und Labor sich mit neuen Lösungen beschäftigen können und diese mitgestalten können, und wo sie genug Zeit für Ihre Arbeit für und mit Patienten haben. Denn ohne die Menschen, wird es nicht gehen.

Literatur

Frist B (2021) Googling Our Way To Better Health: Insights From My Conversation With Dr. David Feinberg. Forbes. com. URL: https://www.forbes.com/sites/billfrist/2021/03/11/googling-our-way-to-better-health-insights-from-my-conversation-with-dr-david-feinberg/?sh=369fd401eabf (abgerufen am 19.09.2022)

Dr. med. Sophie Chung

Sophie Chung ist Ärztin und Gründerin von Qunomedical, einer digitalen Plattform, die Patienten weltweit Zugang zu erschwinglichen Behandlungen und kurzen Wartezeiten bei Spitzenmedizinern im In- und Ausland ermöglicht.

Bevor sie 2015 Qunomedical gründete, war sie als Director of Healthcare Strategy bei Zocdoc in New York tätig, einem Technologie-Start-up mit dem Fokus auf Arztterminbuchungen. Sie arbeitete zudem 5 Jahre lang als Strategieberaterin in der Healthcare Practice bei McKinsey & Company in Deutschland, wo sie Regierungen, Krankenhäuser, Krankenversicherungen und Pharmaunternehmen zu ihren Klienten zählte. Erste Erfahrungen im Umgang mit Patienten sammelte sie während ihrer Arbeit als Ärztin in Australien sowie bei einer NGO in Kambodscha.

Neben diversen Beiratsfunktionen engagiert sich Sophie Chung für Gründerinnen, ist Mitglied im Digitalrat zur Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums sowie regelmäßiger Gast in Panel-Diskussionen rund um das Thema Digitalisierung, insbesondere zum Thema „Digital Health“.

Christian Dierks und Monika Rimmele

Wir müssen bereits heute damit beginnen, die Gesundheitskompetenz der Bürgerinnen aufzubauen, damit sie befähigt werden, aktiv Gesundheitsentscheidungen zu treffen.

Welche Vision haben Sie von der Gesundheitsversorgung der Zukunft?

Das zukünftige Gesundheitswesen stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Versorgung und befähigt ihn, seine Gesundheit – und Krankheit – aktiv zu gestalten und zu managen. Gesundheitsversorgung wird von vielen Akteuren, darunter traditionellen Leistungserbringern wie Ärztinnen und Krankenhäusern, aber auch vielen nicht-traditionellen Versorgern und Trägern, angeboten werden. Cloudbasierte Plattformen und IT-Lösungen verbinden alle Akteure und ermöglichen damit den Datenfluss und die Datennutzung in Echtzeit. Gesundheitsleistungen werden individualisiert und auf die Bedürfnisse des Einzelnen zugeschnitten. Der Fokus wird auf Prävention, Früherkennung und disease interception liegen. So wird das gegenwärtige Krankheitsverwaltungssystem zu einem wahren Gesundheitssystem.

Insgesamt sehen wir drei große Trends, die eine wichtige Rolle spielen.

1.Konsumismus: Die derzeit eher passive Patientin, die erst bei Unwohlsein oder Beschwerden ärztliche Hilfe aufsucht, wird zukünftig schrittweise zur aktiven Konsumentin, die durch Technologie und erhöhte Gesundheitskompetenz (health literacy) befähigt, ihre Gesundheit und Krankheit selbst verwaltet. Drehscheibe hierfür ist eine umfangreiche digitale Gesundheitsakte (nicht „Patienten“akte!), in der Krankheits- aber vor allem auch Gesundheitsdaten von der Geburt bis zum Tod strukturiert zusammenfließen. Dazu gehören klinische Daten sowie Daten aus Apps, Wearables und smart sensors, die eine umfassende individuelle Datengrundlage für jeden Einzelnen schaffen.

2.Lokalisierung: Der zukünftige Konsument wird die Entscheidungen, welche Gesundheitsleistungen er wann in Anspruch nehmen wird, nach persönlichen Kriterien treffen. Verbraucherfreundlichkeit, Komfort, Service und Preis-Leistungsverhältnis werden dabei eine Rolle spielen. Der Gesundheitsmarkt wird reagieren und dem Konsumenten im freien Wettbewerb entsprechende Angebote, basierend auf individuellen Datenanalysen, machen. Dadurch wird das Gesundheitswesen zugänglicher und lokaler, aber auch fragmentierter: Digitale Angebote werden an Zahl und Bedeutung zunehmen, da sie sich leichter in den Alltag integrieren lassen. Das häusliche Umfeld wird zum Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung. Durch digitale Lösungen, Sensorik und Robotik wird es Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen und zunehmendem Alter ermöglicht, ein selbstbestimmtes und sicheres Leben im eigenen Zuhause zu führen und so ihre Lebensqualität zu verbessern.

3.Individualisierung: Aufbauend auf rasanten Fortschritten in der Molekularbiologie und Genetik und höheren Erwartungen der Konsumenten, werden Gesundheitsleistungen von der Prävention und disease interception bis hin zu Behandlungen und Nachsorge zunehmend auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten. Diese Individualisierung der Gesundheit wird nicht nur genetische, sondern auch Umwelt- und Alltagsfaktoren wie soziale Determinanten von Gesundheit mit einbeziehen.

Welche Innovationen können wir heute schon sehen und wie zahlen diese auf diese mögliche Zukunft ein?

Nicht zuletzt durch die COVID-19-Pandemie ist die Gesundheitswirtschaft als krisenresistenter und attraktiver Markt sichtbar geworden. Investitionen, auch durch branchenfremde Unternehmen, sind auf einem Höchstniveau.

Wir möchten drei besonders interessante Innovationsbereiche hervorheben:

1.Digitale Medizin: