Voll erwischt - Ellen Sommer - E-Book
Beschreibung

"Voll erwischt" ist ein Liebesroman mit mystischen Elementen für Jugendliche ab 14 Jahren und junge Erwachsene, die sich an die erste Liebe erinnern möchten. Im Mittelpunkt des Jugendbuches stehen die Teenager Lille und Chris, der Mädchenschwarm, die mehr miteinander verbindet, als sie ahnen. Lilles Oma, die Chris Geheimnis kennt und ihre Enkelin vor einer Tragödie retten will, versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass aus der aufkeimenden Lovestory zwischen Chris und Lille etwas wird. Das lässt Lille sich natürlich nicht so einfach bieten. Der Auftakt zu einem turbulenten Herbst bei dem die Schicksalsweberinnen, die von den griechischen Moiren abstammen, ihre Finger im Spiel haben.

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Seitenzahl:286

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Inhalt

Prolog

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Epilog

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Über die Autorin

Für MEINEN rothaarigen Handballer

Prolog

Moira saß in ihrem Zimmer und webte. Es war ein Teppich mit einem komplizierten Muster und einer Menge hauchdünner Seidenfäden. Schon seit Generationen wurde an diesem Teppich gearbeitet, doch nur Moira wusste, wie sie diese Fädchen verarbeiten musste und passte höllisch auf, dass keiner der Fäden riss.

Plötzlich klingelte es an der Tür und Moira zuckte erschrocken zusammen. Dadurch verhedderten sich zwei der Seidenfäden und bildeten einen Knoten, den sie auf die Schnelle nicht lösen konnte.

Beim zweiten Klingeln ließ sie widerwillig ihre Arbeit liegen und ging langsam zur Tür.

„Hat das Mädel etwa schon wieder den Schlüssel vergessen?“, grummelte sie vor sich hin.

Sie öffnete die Haustür und schaltete dabei das Licht neben der Eingangstür an. Vor ihr standen zwei Polizisten und schauten sie mit ernsten Gesichtern an.

„Es hat einen Unfall gegeben!“, schoss es ihr durch den Kopf und im nächsten Moment wurde es schwarz vor ihren Augen.

-1-

Lille

Ich war schon vor dem Wecker wach, obwohl ich die halbe Nacht nicht geschlafen hatte. Unten hantierte Oma schon in der Küche und anhand des Klapperns und des Geruchs deutete sich ein „Vier-Gänge-Frühstück" an. Ich musste schlucken: Wer sollte das alles essen?

Auf den Wecker wartete ich nicht, schwang stattdessen meine Beine aus dem Bett und stapfte ins Bad. Mal sehen, ob ich heute den richtigen Mix mit der Duscharmatur hinbekäme, denn bei Oma gab es entweder nur kochend heißes oder eiskaltes Wasser. „Der alte Boiler schafft es nur bis ins Erdgeschoß, für oben muss man entweder zaubern können, um warmes Wasser zu haben oder hart im Nehmen sein“, war ihre Devise. Wenn das mit der Heizung genauso wäre, wusste ich jetzt schon, dass ich diesen Winter nicht überleben würde…

Ich wusch mir die Haare mit eiskaltem Wasser und war nach 30 Sekunden fertig – nichts mehr mit stundenlangem Wellnessprogramm wie zu Hause.

Meine Sachen hatte ich gestern schon zurecht gelegt, nachdem ich mit Judy ausführlich und stundenlang die Vor- und Nachteile von Kleid und Ballerinas oder doch Jeans mit T-Shirt ausdiskutiert hatte. Für eine Webcam hatte es zu meinem Geburtstag nicht gereicht, aber Judy wusste sowieso genau, was in meinem Kleiderschrank hing. Überhaupt Judy, die aalte sich die nächsten Wochen noch am Mittelmeer, während unsereins jetzt hier im verregnetsten Kaff von Deutschland saß und die Schulferien zu Ende waren.

Auch die versprochene Karte aus Elba konnte mich nicht aufheitern. Viel lieber wäre ich jetzt mit dabei.

Ich schluckte den Kloß im Hals runter und unterdrückte die aufsteigenden Tränen. Dann blinzelte ich zweimal und versuchte mit ruhiger Hand einen Lidstrich hinzubekommen, was bei dieser Beleuchtung per se schon eine Zumutung war.

Wenn man etwas schielte, konnten die Striche als symmetrisch durchgehen, wenn nicht, war der linke eindeutig dicker als am rechten Auge. Ich griff zum Abschminkpad und versuchte es noch einmal.

„Lille, kommst du endlich?“

Mist, schon wieder verrutscht. Omas Stimme schallte durchs Haus und ich beschloss den Lidstrich wegzulassen und stattdessen nur zwei Mal über die Wimpern zu tuschen.

Musste auch so gehen. Ich konnte es mir nicht leisten, am ersten Schultag in der neuen Schule zu spät zu kommen. Ich sprang schnell in die Jeans, zog mir das Shirt mit dem „Yolo“-Aufdruck über und sprintete nach unten in die Küche.

Dort strahlte mich Oma vom Herd aus an, wo sie gerade dabei war, ein riesiges Omelett vorzubereiten, um es dann neben dem Müsli, dem Fruchtquark und dem frisch gepressten O-Saft zu kredenzen. „Deine Brote habe ich schon in deinem Rucksack verstaut“, ließ sie mich noch wissen, als ich sie ungläubig anstarrte.

Na bravo, wenn das Jahr hier rum wäre, könnte ich nach Hause rollen und bräuchte kein Ticket mehr – oder zwei, weil ich nicht mehr in einen Sitz im Flieger passen würde…

Mir war jetzt schon schlecht.

„Oma, das schaffe ich nie!“

„Du bist verständlicherweise aufgeregt, aber mit leerem Bauch lernt es sich nicht gut, also sieh zu, dass du Energie zum Lernen bekommst.“

Was Essen anbelangt, lässt Oma nicht mit sich diskutieren, also sah ich zu, die Sachen in mich reinzuschaufeln.

„Wenn sie das jeden Morgen so durchziehen will, muss ich noch früher aufstehen, sonst klappt das zeitlich gar nicht“, dachte ich.

Endlich war es geschafft und ich zog noch schnell die Chucks und die unentbehrliche Regenjacke drüber und sprintete zur Bushaltestelle. Keine zehn Sekunden später kam der Bus. Ich ließ mich erleichtert gleich vorne hinter dem Fahrer auf die Bank gleiten und starrte in den Regen.

Die Fahrt endete vor einem großen Sandsteinkasten aus den 30’ern. Direkt vor dem imposanten Portal hielt der Bus und ich sprang raus.

Ich musste in den ersten Stock zum Sekretariat, da war ich in den Ferien schon mit Oma bei der Anmeldung gewesen. Ich rannte fast den Gang runter. Mir kam es so vor, als würden mich mindestens 1000 Leute anstarren und mir von der Stirn ablesen: „DIE NEUE.“ Wie ich es hasste derart im Mittelpunkt zu stehen. Ich hoffte, es noch vor dem Läuten hinter mir zu haben, um nicht als Letzte in die voll besetzte Klasse zu kommen und mich vorstellen zu müssen. Ich weiß noch ganz genau, wie letztes Jahr Laura in unsere Klasse kam und alle sie von oben bis unten anstarrten und sie ein Gesicht dazu machte als würde sie zur Schlachtbank geführt werden. Judy hatte sie angesprochen und gesagt, dass neben uns noch ein Platz frei sei und Laura war völlig fertig und leichenblass auf ihren Stuhl gesunken. Hoffentlich blieb mir das erspart.

„Der Direktor ist noch in einer Besprechung“, ließ mich die Schulsekretärin wissen und ich kaute auf meiner Unterlippe herum, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich mich setzen oder auf und ab laufen sollte. Rumstehen war noch nie meins gewesen und ich hörte die Sekundenzeiger der Schuluhr vor sich hinschleichen.

Schlag Acht mit dem Gong ging die Tür zum Büro des Direktors auf und heraus kam Direktor Hofmann, mit einem Schwung, den man einem Lehrkörper dieser „ehrwürdigen Schulanstalt“ (wie Oma bei der Anmeldung meinte) gar nicht zugetraut hätte. Er hatte das obligatorische Direktoren-Taschentuch zum Stirnabwischen dabei und lächelte mich aufmunternd an: „Ja, hallo Frau Dechamps! Einen guten Start hier an unserer Schule. Ich werde Sie gleich mal zu ihrer Klasse bringen. Frau Sailer, haben Sie ihr schon den Stundenplan gegeben und die Bücherliste? Nein? Die brauchen wir jetzt aber sofort.“

Frau Sailer händigte sie ihm mit einem genervten Augenaufschlag aus: „Ich soll sie doch nicht schon vorher rausgeben, das wollen Sie doch immer so…“

Er drückte mir die beiden Zettel in die Hand und meinte, es würde reichen, wenn ich die Bücher im Laufe der Woche besorgen würde, die anderen hätten dafür ja schon in den Ferien Zeit gehabt. Während ich ihm hinterher trabte - er sah gar nicht so sportlich aus mit seinem Bauch - warf ich einen Blick auf die Liste. „Effi Briest“ hatten wir letztes Jahr schon gelesen – o.k. das war ja schon Mal nicht schlecht. Nicht, dass jetzt irgendwer meint, ich hätte das Buch gemocht, aber ich konnte mich noch ziemlich gut daran erinnern und würde es nur noch mal überfliegen, aber nicht mehr komplett lesen müssen.

Wir mussten nochmal runter ins Erdgeschoß. Dort bog er von der großen Treppe nach rechts, es ging mehrere Gänge auf und ab und am Ende hatte ich keinen Plan mehr, wie ich jemals wieder zur Eingangshalle zurückkommen sollte.

Während des Marsches erklärte er mir zwar knapp, dass die blauen Türen im Zwischenbau und die roten Türen im Neubau seien, doch dann ging es zwei Etagen hoch und er hielt vor einer orangefarbenen Tür (ganz oben waren sie gelb). Er klopfte zwei Mal und ging dann vor. Ich trat hinter ihm in die Klasse und schaute nur auf die Lehrerin. „Frau Maier, das ist die neue Schülerin Lille Dechamps, sie wird ab heute in ihrem Deutschkurs sein“, und verschwand dann einfach, ohne ihre Reaktion abzuwarten.

Ich blieb stocksteif stehen. Frau Maier ließ ihre Brille auf die Nasenspitze rutschen und musterte mich mit strengem Blick. Ich hätte schwören können, dass es in ihren Augenwinkeln kurz zuckte, als sie beim „Yolo“ ankam, aber ihr Gesicht blieb wie aus Stein gemeißelt. Ich spürte, wie sich langsam Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten und es in meinem Bauch zog, aber ich schaute sie nur mit weit aufgerissenen Augen an und wartete auf irgendeine Reaktion.

„Soooo, dann einen guten Start, such dir einen Sitzplatz“, nickte sie kurz und wandte sie sich wieder an die Klasse. Ich drehte mich um. Gleich neben der Tür erblickte ich ein Paar schwarze Schnürstiefel und daneben war ein Platz frei. Ich sprang auf den Sitz und machte mich klein. Hoffentlich war der Platz nicht für irgendwen freigehalten und ich müsste noch einmal aufstehen. Ich traute mich nicht nach links oder rechts zu schauen, da schob sich von rechts ein Buch zu mir rüber. In der oberen Ecke stand ganz klein geschrieben: „Hi, ich bin Sara.“ Ich blickte kurz nach rechts und schaute in ein Paar schokobraune Augen, die von ellenlangen schwarzen Wimpern umrahmt waren und von innen her zu leuchten schienen. Ich sagte nichts und versuchte tapfer zu lächeln.

“Wenn Sie dann so freundlich wären und dem Unterricht folgen würden, dann könnten wir unser Lernziel auch in diesem Schuljahr noch erreichen...“, giftete Frau Maier dazwischen.

Ich wurde knallrot und schaute zu Frau Maier, die vor der Klasse auf und ab stolzierte und eine Liste diktierte mit zusätzlich benötigtem Material. Nicht genug, dass wir bis Ende der Woche „Effi Briest“ komplett gelesen haben mussten, nein, wir sollten bis dahin auch noch einen Essay übers Lesen schreiben. „Warum lesen wir?“, war die genaue Aufgabenstellung, die in nicht weniger als 20 Seiten bearbeitet werden sollte. Ich schrieb alles mit, was wir brauchten. Sonst war ich immer super im Sachen merken, aber heute war ich so aufgeregt, dass ich heilfroh war, dass mir noch nicht mein Name entfallen war.

Zum Glück hatten wir nur 45 Minuten bei Frau Maier. Ich hatte „Effi Briest“ im letzten Jahr schon total öde gefunden und mir war klar, dass es beim zweiten Mal mit dieser Lehrerin ganz sicher nicht zu meinem Lieblingsbuch mutieren würde.

Erst kurz vor Schluss fiel mir auf, wie ruhig es in der Klasse war und dass keine Kommentare in die Klasse gerufen wurden. Es erstaunte mich sehr, dass Frau Maier es schaffte, die Klassenclowns, die ja wohl in jeder Klasse sind, mit so einem Thema ruhig zu halten.

Da entdeckte ich, dass es in dieser Klasse tatsächlich keinen Klassenclown gab – es war nämlich eine Klasse mit 27 Mädchen…

„Oh je, da ist ja Zickenterror vorprogrammiert“, schoss es mir durch den Kopf.

Sara sprang mit dem Pausengong auf, riss das Buch vom Tisch und sprintete zur Tür. Ich war so perplex, dass ich kurz überlegte, ob ich heute Morgen das Deo vergessen hatte, als sie mir von der Tür zurief: „Hast du jetzt auch Englisch? Dann halt dich dran, wir müssen ins Hauptgebäude in den 3. Stock.“

Ich warf einen kurzen Blick auf meinen Stundenplan: ja, ich hatte auch Englisch. Erleichtert sprang ich auf und hetzte hinter ihr her. „Miss Ibben legt großen Wert auf Pünktlichkeit. Wer zu spät kommt, bekommt doppelte Hausaufgaben und muss am Sonntag mit ihr im Altenheim englische Songs vorsingen, weil ihre Tante dort untergebracht ist und die nichts lieber hört als „What shall we do with the drunken sailor?“.

Ich war entsetzt von dieser Aussicht und legte noch einen Zahn zu. Sara schaffte es, entgegen der Hauptstromrichtung zu laufen, ohne mit irgendwem zu kollidieren und wir saßen eine Minute vor Pausenende mit den anderen in der Klasse. Ich war heilfroh, dass ich mich neben sie setzen durfte und musterte sie jetzt erst mal von der Seite.

Sara hatte schulterlange, glatte Haare, die fast genauso schokofarben waren wie ihre Augen und mit einem schwarzen Tuch nach hinten gehalten wurden. Abgesehen von den stark mit Kajal umrandeten Augen war sie ungeschminkt und sah sehr nett aus. Ihr Kleid war tiefschwarz und ging knapp bis übers Knie, es wirkte mit den Rüschen wie aus einem alten Film und ich war mir nicht sicher, ob sie es neu gekauft oder selbst genäht hatte. Sie unterhielt sich die ganze Zeit quer durch den Raum mit Maria und Steffi, und ich bekam mit, dass die drei sich die Ferien über komplett verpasst hatten. Weil alle versuchten, noch vor Pausenende auf ihren Plätzen zu sein, starrte mich niemand an, wie ich befürchtet hatte. Als Miss Ibben mit dem Gong den Raum betrat, begrüßte sie uns alle mit einem energischen: „Good Morning“ und alle setzten sich wie in alten Filmen stocksteif hin und riefen im Chor: „Good morning, Miss Ibben.“

Ich musste mir ein Grinsen verkneifen, was ging denn hier ab?

Sie bat uns alle, ein Namensschild vor uns aufzustellen mit unserem Vornamen drauf, und reichte uns eine Liste herum, in die wir uns mit Vor- und Nachnamen eintragen sollten, damit sie eine Strichliste mit Anwesenheit und Beteiligung führen konnte.

Miss Ibben sah aus, wie man sich eine Englischlehrerin vom alten Schlag vorstellt. Sie trug einen karierten Plisseerock und dazu ein hellblaues Twinset mit einer Brille, die an einer goldenen Kette vor ihrer Brust baumelte. Die Haare waren blondiert, onduliert und leicht antoupiert, so dass sie locker in einem 50er Jahre Film hätte mitspielen können. Beeindruckend waren ihre großen Zähne, ihr ständig grinsender Mund und die leichte Bewegung ihrer Hakennase wenn sie sprach.

Wenn sie sprach, kam so reines „Upperclass English“ aus ihrem Mund, dass jeder von uns mit dem Schulenglisch klang, als wären wir jahrelang am falschen Ende von London aufgewachsen und meilenweit entfernt, von dem, was man uns als „Oxford-English“ eingetrichtert hatte. Na bravo, das würde ja ein Jahr werden.

Miss Ibben erklärte uns ganz enthusiastisch, dass wir dieses Jahr so eine Freude hätten Shakespeare auf dem Lehrplan zu haben und den auch noch mit „Julius Cäsar“ und „Romeo and Juliet“.

Zwei Klassiker in einem Jahr, das hatten wir ja noch nicht mal an dem humanistischen Gymnasium in Bayern hinbekommen, ich war schwer beeindruckt.

Als nächstes klopfte es an der Tür und Miss Ibben ging hin, um sie zu öffnen. Alle Augen richteten sich auf die Tür. Herein kam ein Junge, ganz in Schwarz, der Miss Ibben mit einem entwaffnendem Lächeln begrüßte: „Madam, I am awfully sorry for interrupting you, but I just decided to take English because of reading Shakespeare is so enjoying.”

Miss Ibben war so was von geplättet von ihm, dass sie ihre Brille mehrfach auf- und wieder absetzte, bevor sie zurückflötete (das hättet ihr hören müssen): „Oh, my dear Christopher, that was a very good decision, please sit down, my dear.“

Und alle schlackerten mit den Ohren. Also, zu Hause hätte man so eine Schleimerei nicht durchgehen lassen.

Christopher schwang sich auf den freien Platz neben mich und grinste zu mir und Sara. Sara würdigte ihn keines Blickes und ich wusste auch nicht, ob ich noch eine Sekunde länger zu ihm hinschauen konnte, ohne rot zu werden. Was für ein Grinsen!

Der Typ sah absolut unglaublich aus. Judy hätte gequiekt, wenn er sie so angesehen hätte. Ich zog meinen Schreibblock aus der Tasche und klopfte mit meinem Stift auf den Block, so wie Paps das sonst immer gemacht hatte, wenn er vor einem wichtigen Artikel saß und nicht so recht wusste, wie er anfangen sollte.

Derweil war auch Miss Ibben wieder geistig in der Klasse angekommen und diktierte uns Fragen zur Lektüre, die wir bis zur nächsten Stunde bearbeiten sollten. Fragen, die ungelogen eine ganze DIN-A 4 Seite füllten und mir klarmachten, dass ich bis Freitag nicht nur „Effi Briest“ sondern beide Dramen lesen musste, um die Fragen beantworten zu können. Wie man das hinbekommen sollte, wenn man Freunde und ein Leben hatte, war mir schleierhaft und ich beglückwünschte mich erstmals, dass ich bisher hier noch niemanden gefunden hatte, der mich vom Lesen abhalten würde. Judies Eltern würden ihr sicherlich nicht jeden Tag ein mehrstündiges Gespräch aus dem Ausland zahlen, so dass eine ruhige Woche zu erwarten war.

Sara schob mir einen Zettel zu: „Was hast du nach der Pause?“

Ich kramte erst mal im meinem Rucksack nach dem rosa Zettel mit dem Stundenplan und sah, dass es Kunst war. Kunst als Doppelstunde. Das war mein Lieblingsfach und ich hoffte, dass es auch eine AG wie in meiner alten Schule geben würde.

Ich schrieb es ihr auf. Es kam kein Zettel mehr zurück, denn kurz darauf schellte es. Sie stand betont langsam auf und sagte mir, dass sie mir zeigen würde, wie ich zum Kunstraum im 6. Stock käme, aber dass wir jetzt erstmal in die Pausenhalle müssten. Sie würde sterben vor Hunger. Bevor wir raus gingen, räusperte sich Christopher und sagte: „Sara, ich zeige ihr, wie sie dorthin kommt, ich habe nämlich auch Kunst in diesem Jahr.“ Sie drehte sich um, musterte ihn kurz und nickte:

„Dann treffen wir uns bei Jack und du kannst sie mitnehmen.“ Unterkühlt wäre noch zu warm gewesen, um ihre Stimme zu beschreiben.

Danach nahm sie meine Hand und zog mich hinter sich her. Ich war überrascht über ihren ruppigen Ausbruch und fragte mich, was sie gegen Christopher hatte. Ihr Tempo war jetzt schon wieder so unglaublich, dass ich nicht dazu kam, sie zu fragen, und erst als sie sich einen Becher mit Latte Macchiato und einen Croque Monsieur geholt und rein gebissen hatte, besserte sich ihre Laune enorm und sie sah mich wieder an.

Wie sich herausstellte, war Jack kein Schülercafé, sondern ein Abschlussklässler, der täglich in derselben Ecke der Pausenhalle stand, umringt von seiner Clique. Jack stach mit seinen 1,96 m aus der Menge hervor und war von weitem sichtbar, auch wegen seiner roten Lockenmähne, die sich bis zu den Schulterblättern kräuselte und seiner Rockerkluft. Wie Sara mir berichtete, spielte Jack Handball und war eine Institution an dieser Schule. Zum x-ten Mal Schulsprecher usw. Ich fragte mich, wo sich die Leute im kommenden Schuljahr treffen würden, wenn er weg sei. Sara grinste mich an, als könnte sie Gedanken lesen: „Na da, wo Jack immer gestanden hat, ist doch klar…“ Klang logisch.

Ich schaute mich erwartungsvoll um und hielt nach Christopher Ausschau. Hoffentlich war er kein notorischer Zuspätkommer, denn das konnte ich heute überhaupt nicht gebrauchen. Ich wollte auf keinen Fall als Letzte in die Klasse kommen und von allen angestarrt werden. Langsam stieg Panik in mir auf. Dass seine Charmenummer ein 2. Mal ziehen würde – zumal bei einem Lehrer statt einer mittelalten Englisch Lehrerin –war auch nicht zu erwarten.

Aber genau so kam es:

Der Pausenhof war seit Minuten leer und ich Schaf stand dort, wo Jack gestanden hatte und ärgerte mich maßlos, nicht doch sicherheitshalber Sara nach dem Weg gefragt zu haben. „Wie kann man nur so blöd sein?“, murmelte ich vor mich hin.

Gerade, als ich mich zum Sekretariat aufmachen wollte, um mir eine Wegbeschreibung zu holen, kam Christopher angesprintet: „Sorry, habe die Zeit ganz vergessen…“ Ich joggte hinter ihm her und fluchte innerlich die ganzen 395 Treppen bis zum 6. Stock (könnten auch mehr sein, ich war zwischendrin gestolpert und aus dem Zählrhythmus gekommen).

Oben angekommen, ließ er mir den Vortritt (ganz der Gentleman, auf den ich gut hätte verzichten können). Ich wäre am liebsten zu einer Maus geworden und hätte mich hinter dem Papierkorb versteckt. Dann fackelte er seine Charmenummer ab: „Guten Morgen, Herr Späth, ich habe der Neuen, Lille Dechamps, erst noch den Weg zeigen müssen und bin dabei ins Erzählen gekommen…“ Er log, ohne rot zu werden – ich war geschockt. Wieder dieses Haifischgrinsen und ich traute meinen Augen nicht, als Herr Späth genauso zurückgrinste und säuselte: „Na das ist aber schööööööön, dass ihr jetzt da seid. Dann sucht euch doch mal ein Plätzchen und lauschet.“ Er sagte allen Ernstes „lauschet“ – ich dachte, ich hätte mich verhört und stolperte hinter Christopher her, der mich in die letzte Reihe leitete, wo noch zwei Plätze frei waren. Wo sagt man denn so was? Wir stellten unsere Rucksäcke ab und „lauschten“. Ein Zettel wurde zu mir rüber geschoben: „Er ist stocktaub und wahrscheinlich schwul…“ stand dahingekritzelt und ich hatte Mühe, die Schrift zu entziffern. Das erklärte einiges, aber nicht alles, dachte ich mir. Ich steckte den Zettel ein und versuchte mich auf den Lehrer zu konzentrieren.

Unglaublich, dass Christopher mit seiner Charmenummer schon wieder durchgekommen war. Ich mochte Schleimer überhaupt nicht. Aber keiner hatte blöd geschaut. Judy würde sich über die Story schlapp lachen, da war ich mir ganz sicher. Im nächsten Moment klingelte mein Handy, ich fuhr vor Schreck zusammen und sprang halb von meinem Stuhl. Zu Hause wäre jetzt Pause. Ich drückte auf den Aus-Knopf, denn Judy würde die nächsten 45 Minuten keine Ruhe geben, bis sie mich nicht am Apparat hatte. Jetzt starrten mich alle an. Ich wurde knallrot und hätte am liebsten losgeheult.

Nicht, dass ihr mich jetzt für eine Heulsuse haltet! Ich habe das letzte Mal in der Schule geheult als Peter Kühnmann meine Kaulquappen ins Klo gekippt hat und das war in der 3. Klasse. Damals hatte Judy ihn so was von rund gemacht, dass er sich sogar bei mir entschuldigt hatte. Und seitdem war Judy meine allerbeste Freundin. Wir verstanden uns blind, keiner hätte mich jetzt so blöd angestarrt, wenn sie hier gewesen wäre und ich hätte mich auch nicht anstarren lassen.

Aber das war mir jetzt echt zu viel.

Meine Eltern waren auch nicht da und ich war jetzt hier die Neue, die keinen Plan hatte und am allerliebsten gar nicht hier wäre…

Wieder kam ein Zettel von links: „Dein Freund?“

Ich merkte, wie jetzt auch noch die Ohren kurz vorm Verglühen waren und im Comic hätte man jetzt kleine Rauchwölkchen über meinem Kopf gesehen. Ich schrieb zurück: „Das geht dich gar nichts an…!“ und kam mir dabei sehr gewieft vor. Ich schaute wieder nach vorne.

Wieder schob er den Zettel unter meine Hand. Dabei berührten sich unsere kleinen Finger und ich spürte ein Prickeln, das sich den ganzen Arm hochzog wie beim Akupunktieren. Ich zog meine Hand wieder zu mir und schlagartig endete das Prickeln.

Mittlerweile stand Herr Späth genau vor unserem Tisch, hatte die Augenbrauen hochgezogen und die Hand ausgestreckt. Er näselte: „Vielleicht möchte die neue Schülerin Lille Dechamps uns an den literarischen Ergüssen zum Thema teilhaben lassen“ und winkte dabei unbeherrscht mit den Fingern, damit ich ihm den Zettel aushändigte. Jetzt wäre ich wieder gerne Mäuschen und hätte den Zettel verschluckt. Was tun?

Alle starrten, mir wurde ganz übel und ich merkte, dass ich gleich umkippen würde, da reichte Christopher ihm einen Zettel rüber: „Meinen Sie den hier?“ Herr Späth blickte etwas verblüfft zwischen uns hin und her, dann nahm er den Zettel und las ihn laut vor:

„Willst du mit mir gehen? Bitte ankreuzen: ja /nein“.

Die Klasse johlte. Meine Ohren glühten jetzt durch. Da klingelte es zum Glück schon und alle stürzten nach draußen in die 2. große Pause. Wie waren die 90 Minuten so schnell vorbei gegangen? Ich hatte nichts mitbekommen. Christophers richtigen Zettel steckte ich in meine Hosentasche, ohne ihn anzusehen und rannte die Treppe runter.

„Hey Lille, war doch nur ein Scherz!“ Ich stapfte wutschnaubend davon. „Hey, das war ein Zettel, den ich seit der 5. Klasse mit mir rumschleppe und ihn endlich mal anbringen konnte, wenn ein Lehrer danach fragt…“

Ich ging weiter und schaltete auf Durchzug. Plötzlich sah ich Sara im Foyer stehen und sprintete auf sie zu.

„Hi Lille, wie war es in Kunst?“ Sie verabschiedete sich von einem blonden Mädel, das die Arme voller Bücher und am linken Oberarm ein Tattoo mit Blumenranken hatte. Ich starrte ihr hinterher. Genau SO ein TATTOO hatte Judies große Schwester, genauso ein Tattoo wollte ich mir letztes Jahr auch stechen lassen und wegen genau so einem Tattoo hatte es heiße Diskussionen daheim gegeben, als meine Eltern noch da waren. Ich hatte extra mein Geld gespart und wollte von ihnen nur zum Tattooshop gefahren und wieder abgeholt werden. Die Fahrt als solche wäre nicht das Problem gewesen, aber meine Eltern hatten mir unter Androhung sämtlicher Hausarreste, Fernsehverbote usw. bis ins Rentenalter verboten, mir jemals ein Tattoo stechen zu lassen, nachdem sie von ihrer letzten Reportage zurückkamen und felsenfest davon überzeugt waren, dass man vom Tattoostechen Hepatitis, Aids und Krebs kriegen kann - und da waren sie nicht von abzubringen.

Um sie nicht vollends um den Schlaf zu bringen, hatte ich versprochen, mir niemals eins stechen zu lassen…

Sara fragte jetzt zum 2. Mal, wie es mir in der Kunststunde ergangen sei und ich erzählte ihr von dem peinlichen Zettel. Sie lachte kurz auf und erklärte mir dann, dass ALLE an dieser Schule für alle Fälle so einen Zettel in der linken Hand hätten. Alle hatten gelacht, weil das der „Running Gag“ der Schule war.

Ich war, ja was war ich eigentlich? Geschockt, entsetzt, angewidert, aber irgendwie auch amüsiert. Das heißt, die Lehrer hatten im Laufe der Jahre immer wieder denselben Witz geboten bekommen? Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Sara stupste mich mit dem Ellenbogen an: „Hey, bist du immer so ernst?“

Ich wurde schon wieder rot und wünschte mir zum

wiederholten Male, Mama hätte damals doch dem Drängen ihres Kommilitonen Jean aus dem Senegal nachgegeben und hätte sich von ihm schwängern lassen, dann würde man mir nicht jedes Erröten ansehen und ich könnte immer cool und gelassen mein Pokerface aufsetzen. Tja, stattdessen hatte sie sich in Paps verliebt, der mit seinen Sommersprossen und den roten Haaren wie ein waschechter Ire aussah. Die blasse Haut hatte ich von ihm, wenn auch zum Glück meine Ohren von Mama waren, denn er hatte ziemlich große Ohren, mit denen er getrennt wackeln konnte. Das hatte mich immer schon fasziniert, wie er das hinbekam, aber das konnte ich auch nach jahrelangem Üben vor dem Spiegel nicht nachmachen. Bei ihm sah es auf jeden Fall immer so lustig aus, dass ich immer lachen musste, und so bekam er mich aus den tiefsten Depressionen heraus (Liebeskummer usw.). Von ihm hatte ich auch meine roten Haare, allerdings waren meine nicht so kupferfarben sondern kastanienbraun, weil Mama mit ihren schwarzen Locken auch mitgemischt hatte. Ich hatte mir immer so glatte Haare gewünscht wie Judy, deren Haare wie Honig glänzten, aber die Kombi Mama und Paps hatte zu einer kastanienbraunen Löwenmähne geführt, wo die Locken in alle Richtungen abstanden, egal wie oft und wie lange ich sie kämmte. In den Ferien hatte ich stundenlang mit dem Glätteisen versucht, die Mähne zu bändigen, um am ersten Schultag mit einer anständigen Frisur zur Schule zu gehen, aber nachdem es hier ja andauernd regnete, habe ich es frustriert aufgegeben.

Auf Saras Frage zuckte ich nur mit den Schultern und gab dann zerknirscht zu: „Meistens nicht, aber ich hasse es, neu irgendwo zu sein. Da hab ich dann das Gefühl, ich werde zum Trampel der Nation und weil ich so vorsichtig bin, passiert dann meistens auch was….“

Sara lachte, aber nicht gehässig, eher so wie Judy, wenn ich mal wieder absoluten Mist von mir gegeben habe.

„Was hast du als nächstes?“

„Französisch und danach Bio.“

„Französisch habe ich auch, da gehen wir dann zusammen hin und zu Bio kommst du diesen Gang hier runter- grüne Türen, die letzte links. Jetzt müssen wir nur hier entlang, bleiben aber auf der gleichen Etage, so dass es ganz leicht zu finden ist…“

Ich war sehr erleichtert, dass Sara mit zu Französisch gehen würde, so hatte ich nur noch eine Stunde vor der ich Panik haben musste und dann müsste ich nur noch die Busfahrt hinter mich bringen.

Oma hatte darauf bestanden, dass ich nicht mit der Vespa zur Schule fahre. Sie meinte, bei dem Regen könnte alles Mögliche passieren und es sei viel sicherer mit dem Bus zu fahren. Sie musste sich da ja auch nicht anstarren lassen.

Irgendwie gingen dann auch die letzten zwei Stunden noch herum und ich ging erleichtert die Stufen zur Bushaltestelle runter, als ich von hinten angerempelt wurde und fast die Stufen heruntergefallen wäre. Bevor ich fiel, spürte ich aber, wie sich von hinten ein Arm um mich legte und mich zurückzog: „Hey, kein Grund sich vor den Bus zu werfen…!“ Es war seine Stimme, ich blieb wie angewurzelt stehen und er krachte mit voller Wucht gegen mich. Langsam drehte ich mich um und fuhr ihn an: „Willst du mir den Tag heute komplett vermiesen oder was sollte das jetzt?“ Er grinste nur etwas schief und dabei blitzten seine Augen auf. In mir schrillte eine Alarmglocke: „Charmeoffensive die 3.“, dachte ich und schaute ihn fragend an. Die Antwort kam aber nicht, stattdessen schaute auch er. Nach 10 Sekunden kam ich mir vor wie in einem alten Kitschfilm, den ich mit Judy als 8-jährige heimlich gesehen hatte als unsere Eltern Onkel Pauls Geburtstag feierten und wir länger aufbleiben durften. Ich guckte als erstes weg, spürte seinen Blick aber immer noch. Also schaute ich erneut hin. „Du siehst süß aus, wenn du rot wirst, hat dir das schon mal jemand gesagt?“ Mir fiel da jetzt gar nichts mehr zu ein und ich lief feuerrot an. „Hey, ich habe dir einen Plan gemalt, mit allen Klassen, die wir zusammen haben – achte auf die roten Herzchen und der Rest ergibt sich von selbst.“ Danach sprang er in den vollen Bus und war weg, ehe ich irgendwas sagen konnte. Die Tür ging zu und ich setzte mich auf die klitschnasse Treppe und starrte auf den Plan, der akkurat gezeichnet und beschriftet war. Es war ein Grund- und ein Aufriss der Schule und es waren 3 rote Herzchen eingezeichnet.

Ich war kurz davor den Plan zu zerreißen und hinter dem Bus her zu werfen, aber die pure Notwendigkeit morgen nicht wieder so orientierungslos durch die Gegend zu irren, ließ mich ihn in meinen Rucksack stopfen. Der nächste Bus kam mit 15-minütiger Verspätung und ich war nach 20 Minuten komplett durchnässt.

Christopher

„Puh, das war knapp“ – ich sprang in den Bus und setzte mich in die letzte Reihe. Dort saß ich neben Sara, die den Fensterplatz blockierte, wo sie meistens saß, es sei denn, ich war schneller. Heute war der Tag an dem ich scheinbar überall zu spät war. In Bio hatte ich mich gar nicht erst blicken lassen, weil Direx Hofmann immer so einen Aufstand macht, wenn man ihn beim Reden unterbricht und man lieber draußen bleibt, das schätzt er mehr. Witzigerweise war auch sein Lieblingsschüler Bobbele zu spät und so hatten wir uns nur angestarrt und waren dann in getrennte Ecken der Pausenhalle abgedreht. „Hi Sara!“ Sie starrte weiter aus dem Fenster und würdigte mich keines Blickes. War klar, irgendwie. Ich hatte gehofft, sie sei jetzt nach den Ferien drüber weg aber sie hatte sich scheinbar immer noch nicht eingekriegt. „Bist du immer so nachtragend?“ Wieder keine Reaktion. Es war, als wäre ich gar nicht da. Ich stopfte mir die Kopfhörer in die Ohren und drehte meinen Ipod auf.

Draußen schüttete es wie aus Eimern und ich fragte mich, was sie wohl soooooo interessantes in dieser grauen Stadt sehen würde, dass sie sich nicht normal benehmen konnte.

Zwei Haltestellen später stand ich auf und sprang in den Regen hinaus, ohne die Musik leiser zu drehen. Ich ging, ohne mich umzudrehen, weiter in die Stadt. Im „Da Vinci“ ging ich an Celia und Nina vorbei bis in die Küche, warf meinen Rucksack in den Spind und zog mir die Schürze von gestern wieder an. Sie war ganz mehlig und man konnte nicht mehr so genau sagen, ob sie mal blau oder schwarz war. Claudio nickte mir kurz zu, als ich mich an die Spüle stellte, um mir die Hände zu waschen und dann seinen Platz am Pizzaofen einzunehmen.

„Ciao Bello“, brummte er und verschwand nach hinten.

Er hatte heute die „Burgerschicht“, d.h. er fing früh morgens an, schnipselte das Gemüse und die anderen Zutaten und setzte schon mal den Teig an. Wenn es dann so ab 11 Uhr losging, schwitzte er bis 14 Uhr durch und verschwand bis um 20 Uhr, um dann wieder als zweiter Pizzabäcker dazu zu stoßen. Meine Schicht ging bis 22 Uhr, aber meistens kam ich nicht vor Mitternacht raus. Der Vorteil an dem Job war, man konnte sich das Mittag- und Abendessen selber frisch zubereiten und es gab nicht jeden Tag Tante Almas Ravioli aus der Dose oder gar nichts, wenn meine Tante wieder mal einen schlechten Tag hatte und erst am Abend aufstand. Ich blickte kurz auf die Zettel, die Claudio am Klemmbrett befestigt hatte und machte mich an die Pizza Diavolo und Machiavelli, die am Tisch 7 erwartet wurden.

In den Ferien hatte ich Claudios Schicht übernommen, damit er heim zu seiner Mama und den Bambini konnte und wusste, wie nervig es war, nur daheim zu sein, um zu schlafen und viel zu wenig Freizeit zu haben, um mal mit Freunden ins Schwimmbad zu gehen oder abends mal auszugehen. Nicht, dass hier das Wetter öfter für Schwimmbadbesuche getaugt hätte, aber grundsätzlich wäre es nett, mehr Zeit zu haben…

Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ausgeschlafen hatte. Trotzdem war ich froh über den Job und hätte auf keinen Fall den ganzen Tag daheim bei meiner Tante abhängen wollen. Ich überlegte schon länger, ob ich gleich an meinem 18. Geburtstag ausziehen oder erst dann mit der Wohnungssuche anfangen sollte. Ich setzte Wohnungssuche auf Prio 1 meiner inneren Liste.

Wenn mir heute schon jemand ein Zimmer angeboten hätte, wäre ich sofort eingezogen, aber die paar Wochen würde ich jetzt auch noch hinter mich bringen. Ich schluckte und knetete den Teig für zwei Pizza Frutti di Mare an Tisch 8 und dann schaltete ich die Gedanken aus und machte Pizza bis am Abend Claudio wieder kam.

Sara

Musste der Typ sich schon wieder neben mich setzen? So was Penetrantes hatte ich noch nicht erlebt. Er schien nicht zu merken, dass ich jedes Mal wieder dieses Zittern bekam und am liebsten aus dem Bus gesprungen wäre. Stattdessen kam er immer wieder an und tat so, als sei nie was gewesen und seine Fröhlichkeit ging mir ziemlich auf den Senkel.