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In "Vollmondzauber" entfaltet Ossip Schubin ein mitreißendes literarisches Werk, das die emotionale Tiefe und die mystischen Elemente der menschlichen Erfahrung miteinander verwebt. Die Geschichte spielt in einer von Träumen und Realität durchdrungenen Welt, wo der Vollmond als Katalysator für transformative Erlebnisse dient. Schubins stilistische Präzision und seine Fähigkeit, Stimmungsbilder zu gestalten, verleihen dem Text eine nahezu poetische Qualität, die den Leser in ihren Bann zieht. Durch den Einsatz von Symbolik und metaphysischen Fragestellungen reflektiert der Autor zentrale Themen wie Liebe, Verlust und Selbstfindung und verleiht dem Werk eine zeitlose Relevanz. Ossip Schubin, ein herausragender Vertreter der zeitgenössischen Literatur, hat sich durch sein umfangreiches Werk und sein Engagement für das geschriebene Wort einen Namen gemacht. Als literarischer Forscher und sensibilisierter Beobachter der menschlichen Psyche hat Schubin in "Vollmondzauber" seine persönlichen Erfahrungen und kulturellen Hintergründe in eine fesselnde Erzählung eingewebt. Sein interkulturelles Wissen und die Auseinandersetzung mit psychologischen Konzepten ermöglichen ihm, komplexe Charaktere zu schaffen, die dem Leser nahegehen. Ich empfehle "Vollmondzauber" jedem Lesebegeisterten, der auf der Suche nach einer tiefgehenden, emotionalen und zugleich magischen Lektüre ist. Schubins meisterhafte Erzählweise und der hypnotische Rhythmus der Geschichte laden dazu ein, in eine Welt einzutauchen, in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Ein Buch, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Der Oberst des 32. Dragonerregiments, Baron Stahl, war soeben von einer Inspektion nach Breznitz zurückgekehrt. Die Inspektion hatte in Zdibitz stattgefunden, einem Städtchen, das von Breznitz volle anderthalb Reitstunden entfernt lag, und in dem die vierte Eskadron dieses Regiments garnisoniert war.
Es war ein kalter, windiger Oktobernachmittag. Die Sonne schien zwar hell, aber sie wärmte nicht, und auf den Straßen lag ein dicker, brauner Brei, in dem die Pferde bis über die Hufe versanken. Der lange Ritt hatte nicht zu den erquicklichsten gehört. Der Oberst fühlte sich, wenn auch nicht müde – welcher flotte Reitersmann würde so etwas zugestehen? – doch immerhin froh, unter Dach zu kommen. Er forderte die ihn begleitenden Offiziere auf, eine Tasse Thee bei ihm zu trinken.
In seiner Wohnung fand er alles genau, wie es sein sollte: die Öfen geheizt, die Lampen angezündet. Er hieß seinen Diener das Theezeug in das Rauchzimmer bringen und sprach die Hoffnung aus, daß seine Gäste sich recht zu Hause bei ihm fühlen möchten. Dies schien ihnen nicht schwer zu fallen, und da nun einer nach dem andern dem Obersten die Behaglichkeit seines Heims rühmte, bemerkte er triumphierend: „Nicht wahr, meine Herren, der Mangel einer Hausfrau macht sich entschieden nicht – unangenehm fühlbar?“ Das „Nicht“ betonte er mit der Verbissenheit eines alten Junggesellen, dem einmal etwas quer gegangen ist.
Die meisten Herren lachten über das „Nicht“ und die Kunstpause wie über einen sehr guten Witz. Über die Witze des Obersten lachen seine Offiziere immer.
„Nicht … unangenehm … nein, nicht … unangenehm fühlbar macht sich der Hausfrauenmangel,“ wiederholte einer nach dem andern, und dann setzten sie hinzu: „Freilich, wenn der Hausherr so vorzüglich ist!“
Nur ein Oberstlieutenant Baron Drewinsky brummte: „Laß gut sein, alter Kamerad, es ist sehr gemütlich bei dir – aber schade ist’s doch!“
Der Oberst fand diesen Ausspruch taktlos und ärgerte sich darüber. Eben wollte er dem Waffenbruder etwas recht Übellauniges erwidern, da bemerkte er einen Brief, der knapp neben dem Fuß der Lampe in der Mitte eines Tisches lag. Die Schrift einer Dame mußte es sein, das war klar; undiszipliniert und kühn, großmächtig und steil füllte sie fast die ganze Fläche des Umschlags aus, obwohl die Adresse sich, alle offiziellen Floskeln weglassend, knapp auf Titel und Namen des Obersten beschränkte. Postmarke und Stempel fehlten, der Brief mochte persönlich abgegeben worden sein.
„Wo kommt der Brief her?“ fragte der Oberst etwas unwirsch seinen Diener, der soeben frisch gestopfte Tschibuks für die Herren hereintrug.
„Ich bitte, Herr Oberst, der Herr Graf Swoyschin haben den Brief gebracht.“
Dem Obersten sagte der Name nichts, er schüttelte den Kopf, stierte ärgerlich vor sich hin, bis einer seiner Majore ihm ins Gedächtnis zu rufen wagte: „Der neue Oberlieutenant.“
„Ach richtig … der, der von den Windischgrätz-Dragonern herversetzt worden ist,“ murmelte der Oberst. „Den hatte ich ganz vergessen. Ja, ja, er sollte heute eintreffen – der Wind hatte mir ihn aus dem Kopf geblasen. Aber was fällt denn dem ein, mir gleich mit so einer Epistel ins Haus zu fallen?“
„Hm, der Brief enthält gewiß eine warme Empfehlung des jungen Mannes von einer nahen Anverwandten,“ bemerkte der Oberstlieutenant von Drewinsky, derselbe, der soeben das Junggesellentum des Hausherrn bedauert hatte. Er war ein famoser Soldat, schneidiger Reiter, vorzüglicher Kamerad und hatte nur eine unangenehme Eigenschaft: er fühlte sich bei jeder halbwegs möglichen Gelegenheit verpflichtet, den Demokraten herauszukehren, obzwar er es eigentlich nicht nötig gehabt hätte, da er aus einer sehr anständigen Militäradelsfamilie stammte. Im Herzen hatte er eigentlich nichts gegen die Aristokraten, er that nur so, vielleicht um den Strebern eine Lektion zu geben, von denen sich einige unter die Zweiunddreißiger verirrt hatten. Diese Streber haßte er nämlich wirklich.
„Unsre Hocharistokraten,“ fuhr er fort, „sind meistens so verwöhnte Muttersöhnlein, daß ihr Eintritt ins Regiment immer mit einem halben Dutzend um Schonung bittender Petitionen einbegleitet wird, damit man sie beileibe nicht zu hart anfaßt.“
„Ich glaube nicht, daß Swoyschin darum zu thun sein wird, sich besonders zart anfassen zu lassen,“ bemerkte einer der jüngeren Offiziere, ein Rittmeister Gerhart, der infolge einer Erkrankung des Adjutanten zeitweilig dessen Stelle vertrat.
„Kennst du ihn?“ fragte der Oberst. Er nannte den Rittmeister „du“, und dieser ihn auch – natürlich „du, Herr Oberst“, des Respekts wegen.
„Ja,“ erwiderte der Rittmeister, „er ist ein famoser Mensch! Er wird dir gefallen, Herr Oberst. Das ganze Regiment wird stolz auf ihn sein!“
„Na, ’s ist immerhin gut, wenn wir wieder ein paar junge Leute von Familie ins Regiment bekommen,“ sagte, sich mit gezierter Vorsichtigkeit nach unbefugten Zuhörern umsehend, ein Oberlieutenant. Er hieß Hermann von Märzfeld, war der Sohn eines neugeadelten Ofenfabrikaten. „Ganz gut, daß wir ein paar Leute von Familie ins Regiment bekommen, wir haben uns letzterer Zeit ohnehin zu stark demokratisiert!“ Einer verjährten Mode gemäß näselte er wie der Graf im Lustspiel auf einer Provinzbühne – der wohlbekannte junge Graf mit der strohgelben Perücke, der immer ein Trottel sein muß. „Da rühm’ ich mir die preußischen Einrichtungen,“ näselte er weiter, „nicht ein Bürgerlicher in einem anständigen Offizierscorps! Haben doch was für sich – sehr viel für sich – die wirklich vornehmen Leute!“
„Haben gewöhnlich das eine vor den minder vornehmen voraus,“ unterbrach ihn Drewinsky, „daß sie es nicht nötig haben, vornehm zu thun!“
Das war scharf, aber es prallte an dem Hochmut des Einfaltspinsels ab, denn während die andern Herren sich vielsagend ansahen, ließ er nur nachlässig die Enden seines Schnurrbarts durch die Finger gleiten und versicherte: „Sehr gut, Herr Oberstlieutenant – famos!“ Und dann setzte er hinzu: „Es gibt so viele Swoyschins, was für eine Geborene ist denn die Mutter dieses Swoyschin?“
„Eine Sensenheim,“ erwiderte ihm ein lustiger Lieutenant – Graf Bärenburg –, und halblaut, so daß die neben ihm sitzenden Kameraden es hören konnten, murmelte er vor sich hin: „Den Kerl kauf’ ich mir noch einmal – der Kerl muß ’raus!“
Damit meinte er: heraus aus dem Offizierscorps, und die Kameraden gaben ihm im stillen recht.
Indessen fragte Märzfeld, der sich trotz all seiner aristokratischen Prätensionen im „Gotha“ nicht auskannte: „Eine – Komtesse Sensenheim?“
„Ja, entschiedene Komtesse … Komtesse Theres Sensenheim – kannst dich beruhigen!“ versicherte Bärenburg. „Mutter eine Donnersberg … Ich sollt’s wissen, da sie und meine Mama Schwestern sind.“
Theres Sensenheim! Bei dem Namen zuckte der Oberst zusammen. Wieder griff er nach dem Brief und hielt ihn diesmal etwas näher an sein Gesicht. Ein schwacher, aber sehr eigenartiger Wohlgeruch entströmte dem dicken Papier. Die Schrift kannte der alte Reitersmann nicht, aber den Duft. Mit einemmal war’s ihm, als ob der Herbstwind den Weg ins Zimmer gefunden hätte durch unsichtbare Ritzen in der Wand.
„Hm! Weshalb hat er sich eigentlich von den Windischgrätzern versetzen lassen? Bei den Kaiserhusaren war er auch schon,“ brummte der dicke Major Falb.
„Schulden!“ mutmaßte lakonisch Drewinsky.
„Zdenko und Schulden!“ rief halb lachend, halb empört der Vetter des Besprochenen, Graf Bärenburg, „nicht einen Kreuzer! Zdenko weiß, daß sein Alter die Schulden bezahlen müßte, und das thäte ihm leid.“
„Also, warum dieser Wankelmut?“ fragte mit seiner krächzenden Stimme der Major. „Einen Grund muß es doch haben, daß ein Mensch von vierundzwanzig Jahren schon zum zweitenmal das Regiment wechselt. Ist er unverträglich?“
„Der beste Kerl von der Welt,“ beteuerte Bärenburg.
Und der Rittmeister Gerhart fügte hinzu: „Ein famoser Kamerad.“
„Also, wo hapert’s?“ fragte jetzt aus seinem langen Schweigen heraus der Oberst.
„Du wirst schon selber darauf kommen, Herr Oberst,“ erwiderte mit einem diskreten Lächeln Rittmeister Gerhart.
Worauf der Oberst etwas heiser: „Wenn er seiner Mutter ähnlich sieht, muß es ein hübscher Mensch sein!“ Und fragend setzte er hinzu: „Weiber?“
Bärenburg und der Rittmeister sahen einander an.
„Na, das kommt mir aber verflucht ungelegen,“ ereiferte sich der Oberst. „Jemand, den ich nicht mit Namen nennen will“ – mit einem Blick auf Bärenburg –, „gibt mir nach der Richtung hin gerade genug zu thun! Ein zweiter Don Juan im Regiment paßt mir gar nicht.“
Bärenburg kratzte sich hinter dem Ohr, und der Rittmeister rief: „O! das ist etwas ganz andres – eine sehr komplizierte Abart des Urtypus. Bei Swoyschin fängt es gewöhnlich mit Gutmütigkeit an.“
„So, und hört auch mit Gutmütigkeit auf?“ fragte der Oberst kurz. Bärenburg und der Rittmeister lächelten.
„Hol ihn der Teufel!“ grollte der Oberst.
„Wenn du ihn einmal kennen gelernt hast, wirst du’s nicht mehr sagen, Herr Oberst!“ behauptete der Rittmeister Gerhart.
Der Oberst verfiel von neuem in tiefes Schweigen. Er hatte eine Falte zwischen den Augenbrauen, hielt den Tschibuk auf Armeslänge von sich gestreckt, ohne zu rauchen, und schien über etwas nachzudenken.
Mit der Gemütlichkeit war’s vorbei, die Konversation erlosch. Die Konversation ist wie ein Kaminfeuer, sie stirbt, wenn man nicht von Zeit zu Zeit ein neues Scheit Holz nachlegt. Der Oberst hatte vergessen, nachzulegen, in weniger als einer Viertelstunde war das Zimmer leer. –
Jetzt saß er allein neben der Lampe mit dem roten Schirm. Theres! Theres Sensenheim! … Er hatte sie geliebt – und hatte vor sechsundzwanzig Jahren einen Korb von ihr bekommen! Aus dem Grunde war er Junggeselle geblieben. Kennen gelernt hatte er sie in dem Schloß ihrer Eltern, das an der mährisch-ungarischen Grenze, gerade dort gelegen war, wo die Karpathen ihren Wald- und Wasserzauber am malerischsten ausbreiten.
Mit seinem Zug in dem Dorf einquartiert, wohnte er im Schloß. Die Sensenheims bewiesen ihm große Freundlichkeiten, besonders die Komtesse Theres. Ehe zwei Tage vergangen waren, hatte er sich über Hals und Kopf in sie verliebt.
Machte es ihrer Eitelkeit Spaß, rührte es sie, kokettierte sie einfach mit ihm, that er ihr leid oder – gefiel er ihr wirklich? Er war sich nicht klar geworden darüber, und vielleicht mochte sie’s selber nicht gewußt haben! … Jedenfalls munterte ihn ihr Wesen zu den unsinnigsten Hoffnungen auf.
Wenn er jetzt daran zurückdachte, sagte er sich, daß er sich damals nicht nur als Grünspecht, sondern als Gimpel gezeigt, indem er sich eingebildet hatte, die Komtesse Theres Sensenheim könnte sich entschließen, so einen armen Freiherrn und schlecht besoldeten Lieutenant, wie er es war, zu heiraten. Aber mit dreiundzwanzig Jahren glaubt man an Wunder.
Später sagte er sich oft, daß hinter all ihrer berückenden Lieblichkeit nicht viel Tiefes gesteckt habe; aber er gestand sich’s ungern und fand immer noch beschönigende Entschuldigungen für sie. Sie hatte ihm den Korb, den sie ihm geben mußte, mit Thränen in den Augen gegeben. Das vergaß er ihr nie!
Am Allerseelentag verließ er das Schloß, ritt fort an der Spitze seines Zuges über die kotdurchweichten Straßen. Es war ein kalter, neblichter Morgen, durch die scharfe, graue Luft wehten die roten und gelben Herbstblätter, und schwarze Krähenzüge flatterten krächzend über die frisch geackerten Felder.
Am östlichen Horizont arbeitete sich eine müde, schwache Sonne aus den kalten Windwolken heraus. Er sagte sich, daß es seine Lebenssonne war, die da am Horizont aufstrebte, – eine Sonne, die weder Glanz noch Wärme mehr gab, nur ein wenig Licht – Licht genug, um ihm die eigene Thorheit zu zeigen!
Den Obersten überkam’s noch immer, wenn er an jenen Morgen dachte.
Na, er hatte es überstanden, aber die Krankheit war schwer und lang gewesen, und etwas von der Kratzbürstigkeit, die ihn neben allen seinen wirklich vorzüglichen Eigenschaften auszeichnete, verdankte er jener Krankheit. Die Kratzbürstigkeit war nämlich eine Defensiveigenschaft, die er sich angearbeitet hatte, um sich nicht ein zweites Mal zum besten haben zu lassen.
Es gibt Menschen, die Dornenzweige auf ihre Blumenbeete legen, damit ihnen Hunde und Katzen nicht darüber laufen. Zu denen gehörte der Oberst. Er war froh, die traurige und demütigende Geschichte vergessen zu haben. Der Brief, der sie ihm ins Gedächtnis zurückrief, machte ihm wenig Vergnügen. Er öffnete ihn widerwillig, vorsichtig, als ob er Angst gehabt hätte, ein Skorpion könne herauskriechen – ein Skorpion mit Thränen in den Augen –, aber es sprang nichts heraus.
Alles, was der Umschlag enthielt, war der Brief einer gutmütigen, etwas albernen Frau, die dem ehemaligen Anbeter im festen Vertrauen an seine unerschütterliche Anhänglichkeit ihren Sohn ans Herz legte.
Offenbar war sie davon überzeugt, daß er sie heute noch liebe. Und bis dahin war allerdings etwas von der alten Neigung in ihm übrig geblieben – das Gefühl einer großen Kränkung, das Gefühl eines schrecklichen Verlustes. Der Brief riß auch noch das Letzte mit sich fort – er bewies dem Obersten schonungslos, daß er nichts verloren hatte!
Von einem Augenblick zum andern wurde sein Herz leer, ganz leer, aber es war an die Last, die es jahrelang mit sich herumgetragen hatte, dermaßen gewöhnt, daß ihm nun die Last fehlte. Es sehnte sich nach den Gespenstern, die es gepeingt und ihm dazwischen alte Märchen erzählt hatten. Das nüchterne Tageslicht war in das Herz gedrungen und hatte sie verscheucht!
Die Nacht schlief der Oberst schlecht. Er ärgerte sich im voraus über den neuen Oberlieutenant. „Hm! hm! Wird ganz seiner Mutter nachgeraten sein,“ murmelte er vor sich hin, „bei der fing es auch immer mit Gutmütigkeit an!“
Trotz der freundlichen Dinge, die Bärenburg und der Rittmeister Gerhart über ihn geäußert hatten, brachte der Oberst dem neuen Offizier ein großes Mißtrauen entgegen. Seine feindseligen Gefühle wuchsen von einer Viertelstunde zur andern und hatten sich bereits zu einer Art Haß gesteigert, als am nächsten Tag gegen zwölf Uhr der Diener meldete: „Der Herr Graf Swoyschin!“
„Ich lasse bitten!“
Die Thür öffnete sich – der junge Mann trat ein. Der Oberst fuhr zusammen – er machte eine krampfhafte Anstrengung, um seinen entfliehenden Mißmut festzuhalten – aber vergebens. Der Anblick des jungen Offiziers hatte ihn verscheucht! Die alten Erinnerungen tauchten von neuem in der Seele des Obersten auf, und zwar im schönsten, verklärtesten Lichte! Wie er ihr ähnlich sah – so ähnlich als ein Mann einer Frau überhaupt ähnlich sehen kann! Dieselbe hoch aufgeschossene Gestalt, dasselbe schmale Gesicht, dieselben leuchtenden dunklen Augen, dieselbe kurze, gerade Nase, derselbe volle, schöne Mund mit klassisch geschnittener Oberlippe.
Zdenko Swoyschin kam damals, wie schon erwähnt, von den Windischgrätz-Dragonern und hatte nicht Zeit gehabt, sich den Schnurrbart wachsen zu lassen[1]. Die Windischgrätz-Dragoner sehen immer entweder aus wie die Kammerdiener oder wie die Engel – und Swoyschin sah entschieden nicht wie ein Kammerdiener aus.
Die Schönheit seiner Erscheinung gewann noch sehr durch den liebenswürdigen Freimut des Ausdrucks, durch die sympathische Natürlichkeit des ganzen Auftretens. Es war die einschmeichelnde Natürlichkeit eines verwöhnten Kindes, das nie dazu gekommen ist, sich zu fürchten, und es nie nötig gehabt hat, sich zu verstellen, – eine spezifische Eigenschaft des jungen österreichischen Aristokraten, wenn er einschlägt.
Ehe der Oberst von dem neuen Oberlieutenant schied, hatte er ihn aufgefordert, noch denselben Nachmittag mit ihm spazieren zu reiten; er wollte ihm die Honneurs der Gegend machen. –
Das Wetter hatte sich indessen geändert. Die Luft war feucht-weich, fast warm. Der Sonnenschein kämpfte mit dem Nebel. In den weiten Breznitzer Wäldern glitzerte und flimmerte alles von Tau, und ein schillernder bläulicher Dunst verwischte die Fernen. Gegen den Dunst hoben sich die Bäume in ungewöhnlich tiefen, satten Farben ab. Die Birken mit grellweißen Stämmen und goldig schimmerndem Laub, mit schwermütig-launiger Anmut dem Tod entgegenschauernd, mischten sich zwischen den großartigen Ernst der hohen alten Kiefern, die, unverändert schwarzgrün, sich von dem Wechsel der Jahreszeit nichts anhaben ließen. Die Eichen, von bronzefarbigen Blättern verhüllt, streckten ihre knorrigen Äste in den Himmel, dann plötzlich sah man’s hinter ihnen wie eine Feuersbrunst aufglühen. Es waren die Zweige eines Ahornbaumes. Das Moos, teilweise vom Nebel verwischt, leuchtete an andern Stellen smaragdgrün. Die rötlich verschwimmenden Strahlen der tiefstehenden Nachmittagssonne breiteten sich lang über den Boden aus, malten leuchtende Regenbogenfarben in die schleichenden Nebelschleier und verkrochen sich wohlig in das feuchte Moos. Es machte den Eindruck, als ob das Moos aus einem goldigen Untergrund herauswüchse.
Swoyschin, der offenbar ein empfängliches, angenehmen und unangenehmen Empfindungen gleichermaßen zugängliches Gemüt besaß, lobte die Schönheiten der Landschaft, und der Oberst freute sich daran, als ob ihm die Wälder von Breznitz gehört hätten. Anfangs hatte sich das Gespräch der beiden Männer nur um die edle Reitkunst gedreht; der Oberst bewunderte die Geschicklichkeit, zugleich auch den diplomatischen Takt, mit dem der junge Mann sein ungewöhnlich feuriges Pferd ritt. Er erteilte dem Oberlieutenant erst Lob, dann – ein Oberst muß doch etwas an Erfahrung voraus haben – gute Ratschläge. Für beides schien der jüngere Offizier gleich dankbar.
Sie ritten einen lustigen, gestreckten Galopp über die breiten Rasenstreifen, die sich die Waldränder entlang an der Straße hinziehen. Der Duft der Nadelbäume würzte die Luft, die Sonne wärmte liebkosend, ohne zu brennen, die Pferdehufe versanken weich im Gras.
„Es ist herrlich, wunderschönes Terrain, eine prachtvolle Luft und allem Anscheine nach“ – Swoyschin legte die Hand an die Mütze – „ein eminent liebenswürdiger Oberst; ich wüßte nicht, was ich mir noch mehr wünschen sollte!“ Dabei parierte er, dem Beispiel des Obersten folgend, sein Pferd.
Der Oberst lächelte gutmütig. Er war ein sympathisch aussehender Mann von fünfzig Jahren, dem seine romantische Jugendschwärmerei noch immer aus den grauen Augen herausglänzte. „Freut mich, daß es Ihnen bei uns gefällt, ’s ist wirklich nicht übel,“ sagte er, „und über den Obersten sollen Sie sich auch nicht zu beklagen haben! Das können Sie,“ fuhr er mit einem etwas maliziösen Lächeln fort, „Ihrer Frau Mutter versichern, die Sie mir so warm ans Herz gelegt hat.“
Swoyschin wurde feuerrot.
„Ach, Herr Oberst!“ rief er, „wenn Sie wüßten, wie ungern ich den Empfehlungsbrief abgab! Aber ich konnte es meiner Mutter doch nicht gut abschlagen.“
„Ihre Mutter hatte ganz recht, mir zu schreiben,“ erklärte der Oberst, der sich gar nicht mehr zu erinnern schien, wie sehr ihn der Brief gestern geärgert hatte. „Ihre Mutter wußte, daß ich allezeit bereit sein würde, ihren Wünschen entgegenzukommen. Ich … hm! … ich war einmal ein großer Verehrer Ihrer Mutter.“
Der junge Mann lächelte zutraulich. „Das weiß ich, Herr Oberst,“ versicherte er, „meine Mutter hat mir davon erzählt. Sie sagte mir gleich: wenn der Oberst gehalten hat, was der Lieutenant versprach, würde ich einen Freund an Ihnen haben im Regiment.“
„Ah! … Und hat Sie das ein wenig bestimmt, bei uns einzutreten?“ fragte lächelnd der Oberst.
„Vielleicht … ein wenig,“ gestand Swoyschin, – „aber … Sie dürfen nicht fürchten, daß ich irgendwie daran dachte, auf Ihre Nachsicht zu sündigen oder Ihr Wohlwollen auszunützen.“
„Hüten Sie sich!“ Der Oberst drohte ihm mit dem Finger. „Sie werden keine überschüssige Nachsicht finden. Im Gegenteil, – ich nehme mir vor, sehr streng gegen Sie zu sein, so streng, wie vernünftige Väter nur gegen die Söhne sind, von denen sie viel halten und infolgedessen viel verlangen können.“
Sie lachten beide – sie waren sehr zufrieden miteinander. Das Gespärch nahm einen immer vertraulicheren Charakter an. Es schien Swoyschin Vergnügen zu machen, ungeniert von seinen Verhältnissen reden zu können. Sein Vater lebte noch, war aber seit zehn Jahren gelähmt. Zdenko war der zweite Sohn. Der Älteste, dem nach des Vaters Ableben das Majorat zufallen sollte, war ein Verschwender. Kaum hatte Swoyschin das harte Wort fallen lassen, so nahm er es schon wieder zurück. Er schien sehr an dem Bruder zu hängen, verteidigte ihn gegen seine harte Anschuldigung.
Verschwender war nicht das richtige Wort – Konrad war eigentlich kein Verschwender, er brauchte für sich verhältnismäßig wenig, hatte nur ein zu gutes Herz, und – die Mama konnte nicht sparen. Ach, das Sparen sei eine so schauderhaft unästhetische Sache, klagte er. Wenn man überhaupt keine Bedürfnisse und einen angeborenen Ordnungssinn besitze wie er, Zdenko, da ergab sich ja das Sparen von selbst, – aber von einer so verwöhnten Frau, wie seine Mutter es war, konnte man das nicht verlangen. Nur war leider das Majorat infolgedessen sehr verschuldet. Swoyschin hatte eigentlich Diplomat werden sollen – dazu langte es nun nicht. Er sprach von der Knappheit seiner Geldverhältnisse mit einem Freimut, den nur die jüngeren Söhne böhmischer Fideikommißbesitzer kennen.
So habe er sich denn die Gelüste aus dem Kopf geschlagen und sei Offizier geworden. Glücklicherweise sei der militärische Beruf auch seiner Natur angemessener, und dazu reiche seine Zulage prachtvoll. Bei der Armee, in den Nestern, in denen die Kavallerieregimenter gewöhnlich stationiert sind, da brauche man rein gar nichts. Für den armen Papa sei’s wirklich von Wichtigkeit, daß er zum wenigsten einen Sohn habe, der nichts brauche, – denn jetzt stand es mit den Finanzen zu Hause recht schlecht. Ja, wenn der Papa den Prozeß gewinnen sollte, den großen Familienprozeß, – der Herr Oberst habe ja wohl davon gehört.
Der Oberst hatte von nichts gehört. … Wie es schien, handelte es sich um einen Erbschaftsprozeß mit einem Vetter – dem Rimitzer Swoyschin. Der Papa müsse ihn gewinnen, wenn es noch eine Gerechtigkeit gäbe in Österreich, nun, dann hätte alle Not ein Ende. Hier in der Gegend müsse auch eines von den Schlössern gelegen sein, das zu der bestrittenen Erbschaft gehöre – Zdibitz heiße es.
„Man sieht die Fassade von hier aus; bei der nächsten Lichtung zeig’ ich sie Ihnen,“ bemerkte der Oberst.
Und in der That, als sie die nächste Lichtung erreichten, zeigte der Oberst seinem jungen Begleiter ein weißes Schloß, das einen fernen Hügel krönte.
Wieder legte Swoyschin lustig salutierend die Hand an die Mütze. Dann gönnten sich die Herren noch einen schneidigen Galopp und ließen hierauf die Pferde verschnaufen, ritten ruhig nebeneinander, behaglich träg. Obzwar sie sich erst seit einigen Stunden kannten, fühlten sie sich als gute alte Freunde und benahmen sich als solche. Wenn ihnen nichts mehr zu sagen einfiel, schwiegen sie.
Es war nichts zu hören als das leise Versinken der Pferdehufe in dem weichen, kurzen Rasen, das leise Knistern des Herbstes in den Wäldern – ringsum nur ein großes, dem Schlaf entgegenträumendes Schweigen in Wald und Flur, – goldene Blätter fielen von den Zweigen der Linden, wiegten sich einen letzten Augenblick wie frühlingstrunkene Schmetterlinge in der von Nebelgewinden durchschwebten Luft und sanken dann still zu Boden. Plötzlich veränderte sich das etwas eintönige landschaftliche Bild dadurch, daß die Hauptstraße von einer schmäleren Nebenallee durchquert wurde. Zwischen vielfarbigen, von dem schwärzlichen Grün der Kiefern unterbrochenen Laubbogen sah man in einen geheimnisvoll schillernden Dunst.
Auf der Erde lag zwischen den tief in die Straße hineinwachsenden Rasenrändern der Sonnenschein wie ein langsam in Licht zerfließender Goldklumpen.
Plötzlich, in die beklommene Herbststille hinein, langgezogen und schauerlich drangen die Töne von Trauerposaunen. Man hörte die unrhythmischen Schritte einer großen, nicht disziplinierten Menschenmenge. Aus einem der Seitenwege des Waldes trat ein Begräbnis. Voran der Priester im Trauerornat mit seinen Ministranten, mit Weihrauchfässern und Kreuzen und einem Muttergottesfähnlein. Dann die Musikanten mit ihren schrill jammernden Trompeten und endlich, von sechs Burschen getragen, mit Kränzen bedeckt, der Sarg. Vor dem Sarg hinschreitend ein weiß gekleidetes Mädchen, das einen Myrtenkranz auf weißem Seidenkissen trug, – hinter dem Sarg ein zweites Mädchen, welches jedoch schwarz gekleidet, dazu vom Kopf bis zu den Füßen schwarz verschleiert war. Dieses trug ein schwarzes Kissen, auf dem eine gebrochene Kerze ruhte – wahrscheinlich das gebrochene Lebenslicht symbolisierend; hinterher noch viele Menschen, Männer und Frauen mit brennenden Wachskerzen in der Hand.
Der dunkle Zug, aus dem geheimnisvollen Nebeldunst auftauchend und langsam zwischen den goldenen Herbstbäumen weiterschreitend, machte einen schauerlichen, gespenstischen Eindruck. Die Musik tönte laut – traurig! Der Geruch des Weihrauchs und der Wachskerzen verband sich mit dem süßen und wehmütigen Herbstduft der Wälder.
Die beiden Reiter hielten ihre Pferde an; ehrerbietig salutierend ließen sie den Zug vorbei. Er bog in den nächsten, gegenüberliegenden Querweg ein. Der Nebel zog sich hinter ihm zusammen, die gelben Blätter fielen dich, – man sah ihn nicht mehr.
Der Oberst blickte jetzt nach seinem Begleiter hin. Swoyschin war totenblaß geworden und zitterte wie im Fieber.
„Ja, was ist Ihnen denn?“ fragte der Oberst.
„Ich kann den Geruch nicht vertragen – den Leichengeruch!“
„Der hat doch nicht bis zu Ihnen dringen können durch all den Weihrauch und Wachskerzenduft aus dem geschlossenen Sarg!“ rief der Oberst.
„Doch, Herr Oberst, – es war entsetzlich! Ich spür’ ihn immer, wenn ein Begräbnis an mir vorüberkommt.“
Der Oberst starrte ihn an. „Mensch! wie wird denn das werden! Was werden Sie machen in der Schlacht, wenn Ihnen dermaßen vor Leichen graut?“
Ein Lächeln zog über Swoyschins blasses Gesicht. „Fürchten Sie nichts, Herr Oberst,“ gab er dem Vorgesetzten zur Antwort, „in der Schlacht hoff’ ich meinen Mann zu stellen.“ Und leise fügte er hinzu: „Es ist nur vor Mädchenleichen, daß mir so graut!“
Einen anspruchsloseren, gutmütigeren Kameraden, – einen, der rascher bereit gewesen wäre zu helfen, wo er konnte, – schneidiger wo es sein mußte, oder geduldiger, wo es sein durfte, hatte das Regiment nicht gesehen.
Dabei mit Männern sehr lustig, – kein Spaßverderber, – wenn auch etwas sensitiv veranlagt. Rohe Witze waren ihm widerwärtig! – Ein sehr heller Kopf!
Der Oberst fand täglich mehr Gefallen an seinem jungen Schützling, und da sein Adjutant noch immer nicht hergestellt war, der Rittmeister Gerhart aber um einen Urlaub nachgesucht hatte, so fragte er Swoyschin, ob er nicht an seine Stelle treten, provisorisch den Adjutantenposten ausfüllen wolle.
Swoyschin war mit Freuden dabei. Im Regiment schüttelte man natürlich ein wenig den Kopf über diese Vereinbarung. Die Adjutanten wählte man gewöhnlich nicht aus den Reihen der Hochgeborenen, besonders nicht im Frieden. Der Posten ist mit viel zu viel Schererei und Schreiberei verbunden, um einem jungen Kavalier wünschenswert zu erscheinen. Aber Swoyschin füllte ihn vorzüglich aus, hielt sich auch tapfer mit der leidigen Schreiberei. Seine Neider – natürlich hatte er deren im Regiment – behaupteten, der Oberst mache es ihm leicht. Das mochte sein – jedenfalls vertrugen sich die beiden sehr gut, auch ganz abgesehen von dienstlichen Angelegenheiten.
Der Oberst klimperte ein wenig Klavier, der Adjutant kratzte ein wenig auf der Geige. Wenn der Abend kam, sperrten sie die Thür zu und musizierten bis Mitternacht. Beide hatten denselben ruhigen, klassische Musik vorziehenden Geschmack. Sie spielten Mozart und Bach und hie und da ein Andante von Beethoven. Und wenn sie nicht spielten, so verloren sie sich in endlosen Gesprächen über Gott, die Menschen und die Weltordnung – oder vertieften sich in ein interessantes Buch, das Swoyschin dem Obersten vorlas.
Die Adjutantenwohnung stieß an die des Vorgesetzten, und so waren Oberst und Adjutant von früh bis abends beisammen.
Man lachte im Regiment über diese intime Freundschaft – nannte die beiden Wallenstein und Max –, aber man ließ sie gewähren. Der einzige im Regiment, der sich unermüdlich über Swoyschin den Mund zerriß, war der schöne Märzfeld.
„Ein netter Bursch,“ pflegte er zu näseln, „immerhin ganz gut fürs Regiment, – aber daß der ein Don Juan sein soll! … Er fürchtet sich vor allem, das einen Unterrock trägt.“
Worauf ihm Bärenburg erwiderte: „Mein preußischer Vetter bei der Garde würde sagen: ‚Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste‘ – auf österreichisch: ‚Das gebrannte Kind scheut ’s Feuer!‘“ – Aber auf deutlichere Auseinandersetzungen ließ er sich nicht ein.
Es war übrigens wirklich merkwürdig, daß Swoyschin ein Don Juan sein sollte. Selbst der Oberst fing an, sich darüber zu wundern, wie er zu dem Ruf gekommen war. Er fragte sich, ob Bärenburg sich nicht einfach einen Spaß mit ihm und dem ganzen Offizierscorps erlaubt hatte. Dafür, daß er solcher lustiger Nichtsnutzigkeiten fähig war, kannte er ihn.
Einigermaßen mußte man dem schönen Märzfeld recht geben; es machte thatsächlich den Eindruck, als fürchte sich Swoyschin vor jedem Weiberrock. Bei den Damenabenden im Offizierskasino, die der Oberst zur Belebung der Geselligkeit in Scene gesetzt hatte, erschien er selten – immer nur, wenn er vom Obersten besonders aufgefordert worden war –, drückte sich gegen die Wand und sprach mit keinem weiblichen Wesen.
Manchmal wurde bei diesen Abenden getanzt. Swoyschin tanzte vorzüglich, machte aber den denkbar geringsten Gebrauch davon. – Die Damen erklärten ihn für hochmütig, aber diesen Verdacht, von dem er gewiß nie etwas ahnte, schlug er rasch und siegreich aus dem Feld.
Einmal nämlich hatte sich die Frau des Regimentsarztes in eine dieser Elitegesellschaften hineingewagt. Die Damen spotteten über ihre unmögliche Toilette – sie war in ihrem Brautkleid aus lilagefärbter, dünn raschelnder Seide erschienen. Auch die Herren spotteten über sie, besonders die ganz jungen Lieutenants, die bekanntlich gern mit ihrer up to date-Weisheit in Bezug auf weiblichen Tand prahlen. Einige lachten über den verjährten Schnitt ihrer Ärmel, und andre behaupteten, sie könnten den Benzingeruch ihrer frischgereinigten Handschuhe nicht vertragen. Nur Swoyschin bemerkte, daß sie wunderschöne Augen habe. Er ließ sich ihr sofort vorstellen und tanzte im Laufe des Abends mehrmals mir ihr, zum Schluß sogar den Lancier. Als er sich zu dieser komplizierten und exotischen Quadrille mit ihr anstellte, heftete Bärenburg, der zufällig nicht mittanzte, einen langen, kuriosen Blick auf ihn, dann sich gegen den Obersten wenden, der sich zufällig neben ihm befand, sagte er leise: „Passen Sie auf, Herr Oberst, jetzt fängt’s an!“
Und der Oberst paßte auf. Er sah nichts, was seinen Sympathieen für Swoyschin hätte Eintrag thun können. Im Gegenteil …
Kaum irgend etwas wirkt demütigender auf die Menschen als das Zartgefühl, wenn es sichtbar wird. Bei Swoyschin wurde es nicht sichtbar. Eine Prinzessin von Geblüt, die ihn zum Tanz befohlen, hätte er nicht mit freundlicherer Ritterlichkeit durch alle Verwickelungen des Lanciers hindurchpilotieren können als die verschmähte, kleine Regimentsärztin. Dabei sah er gänzlich unbefangen, sehr vergnügt, in seine Beschäftigung vertieft aus, als mache ihm das Tanzen wirklich Spaß.
Als der Lancier seinem Ende zuging, war die Frau Emmi Swoboda vor lauter Glückseligkeit und innerer Aufregung hübsch geworden. Aber sie hatte sich auch mit einem Schlag grenzenlos in ihren schönen Kavalier verliebt.
„Hab’ ich’s Ihnen nicht gesagt, Herr Oberst?“ flüsterte Bärenburg dem Vorgesetzten zu. „So fängt es an! … Nun, ich will nicht sagen, daß es immer gerade so anfängt, denn schließlich stammen Zdenkos Opfer nicht alle aus so bescheidenen Verhältnissen. Manches Mal fängt’s auch mit ein wenig Eitelkeit an – aber irgendwie tritt die Gutmütigkeit schließlich mit ins Spiel. Mir ist’s herzlich leid um meinen alten Zdenko, denn er ist ein Goldmensch, und es ist sehr schade, daß er sich trotz all seiner guten Vorsätze immer wieder dort einpantscht, wo kein Pläsier und viel Verdruß zu holen ist. Sie werden sehen, ohne Verdruß wird’s auch in diesem Fall nicht abgehen!“
Der Oberst zuckte die Achseln. Was sollte schließlich da für ein Verdruß herauskommen – die Sache war doch ganz harmlos.
Kurz darauf gab die Gattin des schönen Märzfeld eine Soiree. Sie war eine sehr gebildete Dame aus einer hohen Wiener Beamtenfamilie. Hübsch, kalt, gefallsüchtig, ebenso stolz auf ihre Tugend als auf ihre Schönheit, kokettierte sie mit jedem vornehmen Offizier im Regiment, da es ihr darum zu thun war, so viele Verehrer als möglich hoffnungslos zu ihren Füßen schmachten zu sehen.
Obwohl ihr Swoyschin von Anfang an geflissentlich ausgewichen war, wurde sie es nicht müde, ihn, wo sie nur konnte, bei den Haaren zu sich heranzuziehen, worauf sie ihn dann mit allerhand geistvollen Bemerkungen zu verblüffen und neben sich festzuhalten trachtete. Aber er ließ sich nicht halten; trotz aller seiner berühmten Gutmütigkeit legte er in der Kunst, sich ihren Zudringlichkeiten zu entziehen, ein großes Geschick an den Tag.
