Vom Träumen und Aufwachen -  - E-Book

Vom Träumen und Aufwachen E-Book

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Beschreibung

Runde Tische, zähe Verhandlungen, große Träume, erschüttertes Erwachen: Vieles von dem, was vor, während und nach dem Jahr 1989 erlebt und erlitten wurde, ist genauso Geschichte wie das Ereignis des Mauerfalls selbst. Aber ist es auch verstanden? Und ist es so erzählt, dass es überhaupt verstanden und daraus womöglich Besseres entwickelt werden kann? Das Buch führt Expert:innen zu Themen wie Biografiearbeit, Scham und Trauma mit Praktiker:innen aus Beratung, Coaching und Therapie zusammen. Zeitzeugen treffen junge Menschen, die verstehen und verstanden werden wollen. Es dokumentiert den Reichtum an Formen, methodischen Ansätzen und Reflexionszugängen, die für die Behandlung eines so komplexen Ereignisses und der damit verbundenen Erfahrungen notwendig sind: Verstehen von Scham, Trauma; die eigene Biografie in politischen Kontexten, Systemaufstellungen, sprachliche Besonderheiten, narrative Muster u. v. a. m. So zieht das Buch die Leser:innen in seinen Bann, als wären sie noch einmal oder ganz neu und direkt dabei.

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Seitenzahl: 525

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Beate Jaquet/Christine Ziepert/Matthias Ohler(Hrsg.)

Vom Träumen und Aufwachen

Drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall

Mit freundlicher Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für systemische Pädagogik und der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen

2022

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Tom Levold (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Dr. Burkhard Peter (München)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Reihengestaltung: Uwe Göbel

Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann

Umschlagmotiv: © Evelyn Imbusch

Redaktion: Uli Wetz

Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2022

ISBN 978-3-8497-0361-5 (Printausgabe)

ISBN 978-3-8497-8338-9 (ePUB)

© 2022 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Carl-Auer Verlag GmbH

Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg

Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22

[email protected]

Inhalt

Vorwort

Teil 1: Während der Tagung

30 Jahre Mauerfall – die Veranstaltung in Naumburg

Christopher Bodirsky

Literatur

Meine Gedanken und inneren Bewegungen – Ein persönlicher Bericht

Annegret Chucholowski

Übung: Schalter der biochemischen Programmierung ausbauen

Populismus und Mauerfall – Anmerkungen zur Auflösung einer unheilsamen Verbindung

Albrecht Mahr

Einleitung

Zum Thema: Populismus und Mauerfall

Populismus

Die Treuhand

Nachwort

Literatur

Meine Biografie. Mein Leben. Mein Beitrag.

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein

Politische Bildung und Biografiearbeit – eine geniale, weil aktivierende Verbindung

Das Workshopkonzept

Aus der Praxis

Literatur

Auf der Suche nach den gefundenen Kraftquellen

Barbara Innecken

Identitätsstiftende Ressourcen vor und nach dem Mauerfall

Meine persönliche Ost-West-Spurensuche

Gefundene Kraftquellen – in der Planung des Workshops

… und Zweifel

Meine persönliche Suche nach den gefundenen Kraftquellen

Die Methode

Das NIG®-Format

Gefundene Kraftquellen – in meinem Erleben des Workshops

Gefundene Kraftquellen – im Erleben von Teilnehmern und Teilnehmerinnen

Gefundene Kraftquellen – auf der Tagung

Dank

Literatur

Scham – die tabuisierte Emotion

Stephan Marks

Warum Hitler folgen? – Ein Forschungsprojekt

Ein zentraler Affekt

Was ist Scham?

Scham – ein Nicht-Thema?

Universalität von Scham

Die Psychologie der Scham

Scham im Gehirn

Scham und Abwehr: Projektionen, Ressentiments, Wut, Gewalt

Scham und Schule

Literatur

Vom Träumen und Aufwachen – damals und heute

Irene Misselwitz

Reflexionen zur Berliner Mauer

Von den Schwierigkeiten mit der Identität

Von den Schwierigkeiten mit den Vergangenheiten – Aneignung der Geschichte

Von den Schwierigkeiten mit der Demokratie

Von den Schwierigkeiten für die Frauen

Friedliche Revolution oder Wende?

Mut zum Träumen statt resignative Apathie

Literatur

Gesprächsforum

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein

Diese Mauer wird fallen – Hoffnung und Zuversicht

Darüber wird (nicht) gesprochen

Es reicht! Was bringt den Menschen ins politische Handeln?

Gemeinsam in der Vielfalt

Welche Sprache braucht die Demokratie?

Wir in der Welt – Vorbild oder was?

»Es vergisst sich nicht mehr«

Valeska Riedel

»Wahnsinn!«

Vererbte Angst

Literatur

Blick übern Tellerrand – 100 Tage ohne Geld durchs Land

Andreas Reinhard

Lesung und Dialog über eine Reise durch Ost und West

Zur Rahmung

Idee

Warum? Wofür das Ganze?

Psychowalz(er)

Route

Aufwärmen oder bisherige Tellerränder

Also: Ich möchte …

Tag 38 – Von Hessisch Himalaya bis Thüringer Welcome-Bier … 24. Mai

Reflexion – zurück ins Leben …

… und seine neuen Herausforderungen

Fazit

Suche wonach?

Dafür braucht(e) es …

Luxusfragen?

Luxus kleiner feiner Momente

Rucksackweisheit(en)

30 Jahre Mauerfall – welche?

Ich habe viel innerdeutsche Heimat erlebt

Vom Erinnern und Vergessen und der Hinwendung zur Zukunft

Rica Salm-Rechberg

Einführung

Eine Schicksalsmelodie

Die Aufstellungsarbeit als Methode der Erinnerung

Die Ausrichtung auf eine befriedete Zukunftsutopie

Literatur

Reflexionen zum Workshop »Zwischen Widerstand und Opportunismus in Ost und West«

Manfred Ziepert

Widerstand und Anpassung

Zur Aufstellungsmethodik

Weiter im Workshop

Verstehen und Heilung

Ausblick

»Die Freiheit, die ich meine« Playing Arts – ein kreativ-schöpferisches Gestaltungsspiel

Heike Beck und Gianna Hennig

Spurensuche

Zusammenspiel

Ende und Anfang

Literatur

Naumburg – Der Unterschied, der einen Unterschied macht

Cornelia Stieler

Kontext kann entscheidend sein

Das andere als Bereicherung

Lösung durch andere Problembeschreibung

Lernfelder Ost und West verbinden

Die »friedliche Revolution« als Auftrag

Erfahrungsraum Gewaltfreiheit

Selbstwirksamkeit stärken

OSTZIGARTIG® – im Ost-West-Dialog entstanden

Krise als Vorläufer

Was hinterlassen uns die friedliche Revolution und die Nachwendezeit?

Literatur

Aufgewacht: Von Blitzgewittern in den Pubertätsjahren zur systemischen Achtsamkeit

Anett Renner

Wofür ich dankbar bin

Teil 2: Nach der Tagung

Nachklang zur Tagung

Heike Beck und Gianna Hennig

Literatur

Berührung – »Darf’s ein bisschen mehr sein?«

Volker Fleing

Die lange Trennung

Die Berührung

Das Eigene

Das Verbindende

Nachbetrachtungen zur Tagung »30 Jahre Mauerfall«

Uwe Langbein

Die Vögel über der Mauer

Reflexionen über Grenzen

Autokratische politische Strömungen

Hoffnungen auf eine bessere Zukunft

Diskurskultur

Schicksalsfragen

Literatur

Innerdeutsche Geschichte(n) zur Ein- und Verführung in die Unverfügbarkeit der Welt – Eine osteuropäisch gefärbte Skizze in Corona-Zeiten

Mechthild Reinhard und Peter Pristas im Gespräch mit Albrecht Reinhard und Hanna Wredenhagen

Weiter-Führung

Ein-Führung

Hin-Führung

Durch-Führung

Zusammen-Führung

Ver-Führung

Literatur

Machen Unterschiede Unterschiede?

Christa Renoldner

Interview mit Ruth Sander 14 Monate nach der Tagung

Verbindungen auf Augenhöhe möglich? Eine Reflexion zur Vernetzung von Systemik, Diversität und (Ost-)Diskriminierungserfahrungen/-mechanismen

Katja Wrobel

Schreiben

Ausschnitte aus meinem Lebensweg

Die Tagung, Radical Diversity und systemische Begleitung

Momentaufnahmen der Tagung

Geschafft

Literatur

Wenn die Fassade fällt – Authentisch leben mit der Gewaltfreien Kommunikation

Caroline Winning

Eine lebensdienliche Haltung

Verantwortung schafft Raum

Verständnis ist nicht gleich Einverständnis

Bedürfnisse als universelle Triebkräfte

Gefühle als Signale

Ein Ausblick: Brücken bauen mit der Gewaltfreien Kommunikation

Literatur

Teil 3: Zu der Tagung

Durchs Gestrüpp der Richtigkeiten – Über den Sprachgebrauch vor und nach der Wende

Jürgen Reifarth

Literatur

Urst!

Maik Priebe

1

2

3

4

5

Kleines Lexikon

Literatur

Der Einbruch der Freiheit: 1989 und 2020 – Eine Momentaufnahme

Heiko Kleve

1

2

3

4

5

Literatur

Gastgeberinnen im Gespräch

Literatur

Nachwort

Matthias Ohler

Über die Autorinnen und Autoren

Über die Herausgeberinnen und den Herausgeber

Vorwort

Während der DGSF1-Jahrestagung vom 12. bis 14. Oktober 2017 in München, die unter dem Motto »Von der Neutralität zur Parteilichkeit – Systemiker*innen mischen sich ein« stand, haben uns die Eröffnungsvorträge von Valeska Riedel, Stephan Marks und Jochen Schweitzer sehr angesprochen. Noch während dieser Tagung entstand die Idee, WO und WIE wir uns einmischen können: Wir wollten »die friedliche Revolution«, »30 Jahre Mauerfall«, das historische Ereignis aus dem Jahr 1989 mit dem DAVOR und DANACH genauer in den Blick nehmen.

Das Tagungsprogramm sollte möglichst so Gestalt annehmen können, dass die unterschiedlichen Perspektiven einen Raum finden und miteinander geteilt werden können. Systemiker*innen mischen sich nicht nur ein, sondern sind auch in verschiedenen Berufs- und Fachverbänden organisiert. Welchen dieser Verbände könnten wir für diese Idee und als Veranstalter gewinnen, und ist dies überhaupt möglich? Wir meinten, dass sich die unterschiedlichen systemischen Methoden (systemisch-konstruktivistisch, systemisch-phänomenologisch und hypnosystemisch) in ihrer Unterschiedlichkeit ergänzen (können). Somit war eine weitere Idee hinzugekommen. Wie wäre es wohl, wenn systemische Verbände sich dieses Themas gemeinsam annehmen und uns drei Organisatorinnen (Beate Jaquet, Christine Ziepert, Madlen Tamm) darin unterstützen würden? Die Deutsche Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) hatte die Idee wohlwollend aufgenommen. Der Vorstand war bereit, als Veranstalter zur Verfügung zu stehen. Die DGfS vertritt vorrangig den systemisch-phänomenologischen Ansatz, die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V. (DGSF) und die Deutsche Gesellschaft für systemische Pädagogik e. V. (DGsP) eher den systemisch-konstruktivistischen und zum Teil den hypnosystemischen Ansatz. Außerdem wurde die Tagung durch die Carl-Auer Akademie, die sysTelios-Klinik und die Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching e. V. (DGSv) unterstützt. Das waren die inspirierenden Anfänge.

In diesem Buch sind Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven zusammengeführt. Stephan Marks hat seinen DGfS-Eröffnungsvortrag Scham – die tabuisierte Emotion … zur Verfügung gestellt. Er beschreibt nicht nur die Entwicklung von Scham, sondern auch ihre Auswirkungen. Die Leser*innen fühlen sich durch viele Praxisbeispiele in den Vortrag einbezogen.

Valeska Riedel als systemische Therapeutin berichtet persönlich: Es vergisst sich nicht mehr. Sie beschreibt ihre zutiefst deutsch-deutsche Familiengeschichte. Die Wurzeln reichen bis in den Burgenlandkreis, den Veranstaltungsort der Tagung.

Irene Misselwitz beeindruckt mit ihrem psychoanalytischen Blick auf die Zeit der DDR, der »alten« BRD und danach mit dem Thema: Vom Träumen und Aufwachen. Der Titel ihres Vortrags gab uns den Impuls, eine Brücke zwischen der Tagung und dem vorliegenden Buch zu bauen.

Albrecht Mahr schreibt über Populismus und Mauerfall – Anmerkungen zur Auflösung einer unheilsamen Verbindung. Dabei macht er auch auf den verstärkten Antisemitismus aufmerksam und spannt den Bogen weit über die Tagung hinaus bis in das so besondere Frühjahr 2020.

Anett Renner hat ihr eigenes Konzept der systemischen Achtsamkeit (SACHT®) entwickelt. Dabei dient ihr die liegende Acht als Brille dafür, komplexe Zusammenhänge im Innen und/oder Außen genau zu betrachten und zu erkennen.

Ihr Bericht ist sehr persönlich; ebenso persönlich schreiben Annegret Chucholowski und Volker Fleing. Chucholowski beschreibt ihre inneren Bewegungen und Gedanken vor, während und nach der Tagung, erinnert sich an Rituale aus ihrer Kindheit und die Hoffnung ihrer Eltern auf die Wiedervereinigung Deutschlands. Fleing denkt über das Eigene, das Trennende und das Verbindende nach und lässt sich und die Leser*innen davon berühren.

Manfred Ziepert gibt Einblicke in die Arbeit mit dem Wertequadrat (nach Friedemann Schulz von Thun). Er zeigt mit dem Modell des Wertequadrats Polaritäten auf, die helfen, zwischen Werten und Extremen zu unterscheiden. Am Modell wird das Thema Zwischen Opportunismus und Widerstand in Ost und West bearbeitet.

Rica zu Salm-Rechberg geht auf Spurensuche und beschäftigt sich mit dem Thema Vom Erinnern zum Vergessen und der Hinwendung zur Zukunft. Diese von ihr angeleitete politische Aufstellungsarbeit hilft, sich zu erinnern, anzuerkennen und sich dem Leben im Hier und Jetzt zuzuwenden.

Das Herzstück der Tagung war ein Gesprächsforum in sechs Kapiteln. Es wurde von Anna Hoff und Ansgar Röhrbein moderiert. Die Gesprächspartner*innen kamen mit ihren unterschiedlichen Biografien und Positionen aus der gesamten Bundesrepublik Deutschland (Annegret Chucholowski, Christian Dietrich, Ulrike Galander, Thomas Geßner, Thomas Kretzschmer, Valeska Riedel).

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein verbinden in ihrem eigenen Beitrag die systemische Biografiearbeit und die politische Bildung, um Menschen in ihrem Workshop ins gesellschaftspolitische Handeln zu bringen. Ergänzt und abgerundet wird dieser Beitrag durch das Interview mit Cornelia Stieler, einer Workshopteilnehmerin während der Tagung »30 Jahre Mauerfall …«. Diese Verbindung wird durch die Zusammenarbeit mit ihr im Anschluss an die Tagung noch intensiviert und findet im Beitrag Der Unterschied, der einen Unterschied macht ihren Niederschlag.

Barbara Inneken gibt einen Einblick in die systemisch-phänomenologisch-konstruktivistische Arbeit. Sie nutzt das Neuro-Imaginative Gestalten (NIG®) als ressourcenorientierte Methode und lässt die Leser*innen in den Prozess des Workshops eintauchen.

Einen eindrücklichen Beitrag zur Demokratiebildung geben die Referenten Uwe Langbein und Christopher Bodirsky. Von einem sehr persönlichen Einblick ausgehend, bietet Uwe Langbein einen Diskurs über den Umgang mit Grenzen, Entgrenzungen und Hoffnung auf eine bessere Zukunft an. Christopher Bodirsky eröffnet einen Denkraum, der auch durch den Workshop von Mechthild Reinhard angeregt wurde. Er beschreibt seine eigene Betroffenheit vom und seine Auseinandersetzung mit dem Einigungsprozess.

Christa Renoldner hat ein Interview mit der Referentin Ruth Sander zu deren Thema Politik im Raum geführt. Sie haben nicht nur Verlauf und Resonanz miteinander ausgetauscht, sondern auch politische Positionen. Beide stammen aus Österreich und fühlen sich dem (Wende-)Prozess der Geschichte beider Länder sehr verbunden.

Mechthild Reinhard ist im Gespräch mit ihrem Mann Albrecht Reinhard und mit Hanna Wredenhagen als Tagungsteilnehmende sowie dem katholischen Priester Peter Pristas. Sie gehören verschiedenen Generationen an, sind alle im »Osten« geboren und leben jetzt im »Westen«. Sie tauschen sich über Innerdeutsche Geschichte(n) zur Ein- und Verführung in die Unverfügbarkeit der Welt aus.

Die nächste Generation, Caroline Winning, Andy Reinhard, Katja Wrobel, beeindruckt mit Themen ganz anderer Art: durch Gewaltfreie Kommunikation, den Blick über den Tellerrand mit einer Reise ohne Geld und die Frage, ob Verbindung auf Augenhöhe möglich ist.

Den Prozess der Tagung haben Gianna Hennig und Heike Beck mit Playing Arts als kreativschöpferischem Gestaltungselement methodisch aufbereitet. In ihrem Beitrag nehmen sie die Leser*innen mit auf eine kurze Reise durch die Tagung.

Jürgen Reifarth weist auf die Bedeutung von Sprache vor und nach der Wende hin. Er nimmt uns im »Schlenderschritt durch [m]eine Sprachbiografie« … Durch das Gestrüpp der Richtigkeiten mit.

Heiko Kleve spannt einen Bogen von den Demonstrationen im Herbst 1989 in der DDR bis hin zur Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 mit dem Thema: Der Einbruch der Freiheit: 1989 und 2020 – Eine Momentaufnahme.

Corona lässt uns innehalten. Wir machen eine gemeinsame existenzielle Erfahrung, nicht nur im Osten und Westen Deutschlands, sondern in der gesamten Welt. Es geht um globale Themen und Probleme, die wir nur gemeinsam angehen und lösen können. Wir erleben eine hochkomplexe Zeit mit einer Flut von Informationen. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann formuliert, dass Vertrauen Komplexität reduziert. Wir brauchen einen kritischen Diskurs mit konträren Positionen, um die demokratische Vitalität zu erhalten und Anpassungsleistung zu ermöglichen. Das erfordert die Verantwortung eines und einer jeden Einzelnen. Dieses Buch soll für die Herausforderungen unserer Zeit einen Impuls und einen Raum geben.

Jena und Naumburg, im Frühjahr 2021

Beate Jaquet und Christine Ziepert

1Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V.

Teil 1: Während der Tagung

30 Jahre Mauerfall – die Veranstaltung in Naumburg

Christopher Bodirsky

Gibt es Zufälle? Ich weiß es nicht. Aber manchmal fällt es mir schwer, noch an Zufälle zu glauben. Ich wurde gebeten, zu der Veranstaltung in Naumburg als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) eine kurze Eröffnungsrede zu halten. Zunächst sah das für mich nicht besonders problematisch aus. Allerdings überfielen mich dann doch Zweifel, ob ich, als Westdeutscher, den richtigen Ton treffen kann. In der fast zweijährigen Vorbereitungsphase gab es immer wieder Situationen, in denen sich für mich zeigte, dass Begriffe eine »etwas andere« Bedeutung haben können – und ich wollte auf gar keinen Fall versehentlich jemandem auf die Füße treten. Eindrucksvoll wurde meine Vorsicht bestätigt, als ich in meinem Workshop auch das Element »Gemeinschaft« in einer prototypischen Aufstellung einsetzen wollte. Das führte zu einer längeren Diskussion darüber, wie hier »Gemeinschaft« gemeint sei – und ich lernte, dass im ostdeutschen Sprachgebrauch dieses Wort nicht so eindeutig ist, wie ich als Westdeutscher es verstehe.

Denn es gab – so habe ich das verstanden – eine »innere Gemeinschaft«, oft die Familie, in der man auch offen reden konnte, und eine als »Zwangsgemeinschaft« verstandene, von außen aufgesetzte »Gemeinschaft«. So erhöhte sich meine Unsicherheit, je näher der Termin rückte.

Zufällig stieß ich drei Wochen vor dem Termin auf eine Webseite, die sich unter anderem mit politischer Manipulation durch die Medien beschäftigte – Neudeutsch »fake-news« – mit einem Hinweis auf das Buch von Albrecht Müller: Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut (Müller 2019). Und die dort enthaltenen Informationen haben mich zutiefst erschüttert.

Was wusste ich denn wirklich von der Wiedervereinigung? Es gab eine große Volksbewegung in der DDR, es gab »runde Tische«, es gab den zentralen Satz »Wir sind das Volk!«, aber in meiner Wahrnehmung war das zwar eine große Gruppe von Menschen, aber eben nur eine Gruppe und nicht das ganze Volk. So wurde uns das zumindest in den Medien präsentiert.

Es gab dann die Maueröffnung mit diesen beeindruckenden Bildern, es gab längere Verhandlungen, und es sah so aus, als würde die breite Masse der Bevölkerung der DDR für einen raschen Anschluss plädieren. Es hieß auf einmal »Wir sind EIN Volk!« und »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!«. Von westlicher Seite wurde dann statt einer Wiedervereinigung nach den Regeln des Grundgesetzes ein Anschluss nach Artikel 23 und 146 ins Gespräch gebracht mit der Begründung, dass es nur ein kleines Zeitfenster gebe und man die Gunst der Stunde nutzen müsse. Der Rest ist Geschichte.

Und was musste ich diesem Buch von Albrecht Müller entnehmen, das sich mit Medienmanipulationen beschäftigt? Für die CDU unter Helmut Kohl war die Idee, es könnte sich da ein zweiter deutscher Staat mit einer freiheitlichen, demokratischen Ordnung entwickeln, nicht akzeptabel. Es waren die Bild-Zeitung und die CDU-Geschäftsstelle, die zwei Tage nach dem Mauerfall daher den Satz »Wir sind DAS Volk« in »Wir sind EIN Volk« umdichtete. Es wurden 400 000 Aufkleber mit diesem Satz gedruckt und in das Gebiet der DDR gebracht, CDU-Mitglieder reihten sich in die noch stattfindenden Demonstrationen ein und trugen Schilder mit dem Satz »Wir sind ein Volk« – was wiederum von der Bild-Zeitung veröffentlicht wurde.

Der Satz »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!« stammt von Kohls Vizekanzleramtschef Horst Teltschik und wurde ebenfalls in den Osten gebracht, weil man dort den Eindruck erzeugen wollte, dass es die Bürger der DDR waren, die einen schnellen Anschluss wollten. Dem Publizisten Otto Köhler fiel zusätzlich auf, dass die Plakate mit diesen Texten nicht an den in der DDR üblichen Holzlatten befestigt waren, sondern an Bambusstangen, wie sie später auch in Kohls Wahlkämpfen in Dresden verwendet wurden.

Da bekam ich einen ersten Eindruck, wie wir alle betrogen wurden: Die Menschen im Osten wurden manipuliert und wir im Westen mit diesen Lügen sozusagen ruhiggestellt. Das ganze Ausmaß wurde mir aber erst vor Augen geführt in einem Workshop von Mechthild Reinhard, die mit ihrer Familie angereist kam.

Die Familie hatte während dieser Umbruchszeit in Dessau gelebt und war sehr stark beim »runden Tisch« engagiert gewesen. Sie brachte Material, Fotos, Dokumente, Flugblätter aus jener Zeit mit – und der Bruder von Mechthild Reinhard berichtete, dass in Dessau, einer Stadt mit 103 000 Einwohnern und Einwohnerinnen, 70 000 Menschen auf die Straße gegangen waren, um für eine neue, andere DDR zu demonstrieren – nicht für eine Wiedervereinigung! Also das war das Volk und nicht eine elitäre Minderheit, die eine eigene, bessere DDR wollte. Ihm kamen die Tränen dafür, dass der Westen diese einmalige Gelegenheit, in einer Bewegung von unten einen neuen, demokratischen Staat aufzubauen, mutwillig zerstört habe.

Ich wusste nicht, was mich mehr betroffen macht: Die Tatsache, wie den Menschen im Osten mitgespielt wurde; wie wir im Westen manipuliert wurden; oder die verpassten Chancen, die sich hier eröffnet haben. Und irgendwie fühlte ich mich als Westdeutscher mitschuldig.

Das Thema hat mich weiter beschäftigt. Ich habe noch ein wenig recherchiert darüber, wie vielen Menschen ihr Beruf weggenommen wurde, indem Berufsabschlüsse nicht nur nicht anerkannt, sondern schlicht gestrichen wurden – und die damit vor dem Nichts standen.

Die Veranstaltung hat mich tief bewegt, in den »Kamingesprächen« am Freitagabend wurden Einzelschicksale lebendig, und da gab es viel Neues, Trauriges, aber auch Mutmachendes zu hören, zu dem ich sonst keinen Zugang gehabt hätte. Eigentlich kommt vieles 30 Jahre zu spät – aber vielleicht brauchte es 30 Jahre, damit alles endlich auf den Tisch kommt. Und erst nach dieser Veranstaltung ist mir der Schwindel aufgefallen, dass immer die »Jahrestage der Wiedervereinigung« gefeiert werden, obwohl es ein Anschluss, eine Einverleibung war. Vielleicht sollte man da beginnen …

Literatur

Müller, A. (2019): Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst. Wie man Manipulation durchschaut. Frankfurt a. M. (Westend).

Meine Gedanken und inneren Bewegungen – Ein persönlicher Bericht

Annegret Chucholowski

Meine Eltern hatten einen großen Traum gehabt, an dem sie uns – meine Geschwister und mich – von früher Kindheit an hatten teilhaben lassen.

Obwohl meine Herkunftsfamilie keine Verwandten in der DDR gehabt hatte, waren die Teilung Deutschlands und die Hoffnung auf Wiedervereinigung für meine politisch engagierten Eltern Gesprächsthema Nummer eins gewesen.

Rituale wie

•die brennende Kerze im Fenster

•das Packen von »Ostpaketen« mit Kaffee und Damenseidenstrümpfen

•Besuch Geflohener mit ihren Geschichten

•Urlaub in Braunlage mit Blick auf den hohen Zaun und den Todesstreifen

hatten ihres dazu beigetragen.

Der Mauerfall war für mich ein überwältigendes Ereignis. Tränen der Glückseligkeit und ein »Endlich!« ließen unsere Söhne – Jahrgang 1981, 1982, 1985 und 1986 – über ihre Mutter staunen.

Selbstverständlich ging ich davon aus, dass sich jede und jeder Deutsche über den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung freuen würde. Umso betroffener machte mich die Entdeckung, dass es sowohl auf ost- als auch auf westdeutscher Seite Menschen gab, die anders darüber dachten und denken. Diese Tatsache löste in den letzten 30 Jahren (also seit 1989) immer wieder tiefe Betroffenheit, große Trauer und einen unvorstellbaren Schmerz in mir aus. Das verwirrte mich, und ich fand bis zur Tagung in Naumburg keine Erklärung dafür. Die Begegnungen, die Gespräche, das Zuhören, das Miteinanderteilen und das gemeinsame Tun auf der Tagung dienten meiner Spurensuche und trugen wesentlich zur Wandlung des Gefühls bei. Ich empfinde nun große Freude, tiefe Dankbarkeit und inneren Frieden.

Als Ansgar Röhrbein, der mit Anna Hoff das Gesprächsforum moderierte, mich fragte, was ich auf der Fahrt nach Naumburg bezüglich der Tagung mit ins Gepäck genommen hätte, kamen mir sofort »die Spiegel« in den Sinn.

Bereits im Vorfeld hatte ich in meinen Gedanken zur Tagung u. a. folgende Spiegel formuliert:

•Wo lasse ich Trennungen (eventuell aufgrund von Traumatisierungen) zu und bin nicht daran interessiert, die Vereinigung herbeizuführen?

•Wo halte ich noch an einem Freund-/Feindbild fest?

•Wo ist es praktisch, an Altem festzuhalten?

•Wo habe ich eine Haltung von: »Ich weiß es besser!«, »Ich will euch retten!«?

•Wo erlaube ich meinen Kindern nicht, sich ihrer eigenen Bestimmung gemäß zu entwickeln, aus welchen Gründen auch immer?

•Wo habe ich Angst vor Veränderung, Angst vor der Freiheit, Angst, Verantwortung zu übernehmen?

In der Marienkirche gestattete ich mir, den Spiegel zu nehmen und mir einzugestehen, dass ich bereits seit der Anreise Donnerstagmittag nicht mehr bei mir war. Mein Körper war anwesend, doch nicht der Rest von mir. Ich brauchte bis Sonntagvormittag, um dem Spiegel einen Namen zu geben: Ich war im Schock.

Zu dieser Erkenntnis kam ich im interaktiven Workshop mit Aufstellungsarbeit bei Ruth Sander, die sich vorgenommen hatte, das Tagungsthema im Raum zu bewegen. Sie lud uns zu einer kurzen Meditation ein. Wir sollten das auf der Tagung bereits Erlebte und Erfahrene Revue passieren und eine Aussage oder Frage in uns entstehen lassen, die zum Gegenstand der Bewegung im Raum werden könnte.

Drei Fragen waren das Ergebnis:

•Sind wir (noch) im Schock?

•Wie kann es in Bezug auf das Erleben von Enteignung/Ausbeutung/Entwurzelung/Identitätsverlust … gut weitergehen?

•Was braucht es an Bewusstwerdung, damit wir als Gesellschaft in Vielfalt in einen Heilungsprozess eintreten können?

Gemeinsam definierten wir sieben Elemente, die im Aufstellungsfeld ihren Platz bekommen sollten.

Ruth Sander beabsichtigt mit ihrem Aufstellungsformat ein Sichtbarmachen und ein Bewusstwerden. Sie erwartet kein Heil- bzw. Lösungsbild. In der Repräsentanz des Elementes »Schock« konnte ich viele Erkenntnisse gewinnen, durfte den inneren Bewegungen folgen und einen Prozess der Heilung erleben. Wieder im Außenkreis sitzend, nahm ich über mir Goldstaub wahr. Ich beobachtete, wie er über meinen Scheitel von mir aufgenommen wurde. War das meine zurückgekehrte Seele, die zaghaft erneut meine Körperhülle in Besitz nahm? Ich begann, mich zunehmend präsent und vollständig zu fühlen. Was für ein Geschenk.

Kann es sein, dass ich bereits seit Donnerstagmittag als Spiegel in der repräsentierenden Wahrnehmung unterwegs war, um auf ein wesentliches Element – nämlich den Schock – aufmerksam zu machen? War ich in den Dienst genommen? Durfte ich durch die Bewegung im Feld etwas weiterführen und aus dem Schock herausführen?

Enteignung, Ausbeutung, Entwurzelung und Identitätsverlust waren zum Zeitpunkt der Tagung nicht in meinem Bewusstsein. Jetzt, da ich diesen Artikel schreibe, erkenne ich, dass auch darin der Schock gebunden war bzw. gebunden gewesen sein könnte.

Kurz nach dieser Erfahrung fragte ich mich: Wann wurde der Schock, den ich stellvertretend wahrnahm, ausgelöst? War es der Schock des Mauerfalls oder der Schock der Wiedervereinigung? … Nein – der Schock war älter, viel älter.

Ein paar Minuten später nahm ich den Schock wahr

•über die »Teilung Deutschlands«

•über den »Verlust des Krieges«

•über den »Rausschmiss aus dem Paradies«.

Heute gehe ich davon aus, dass es ein uralter Schock ist, der in unser aller Zellgedächtnis gespeichert ist. Dieser Schock wiederholt sich in unterschiedlichen Prägungen und wird immer wieder anders erlebt.

Jeder und jede von uns hat Kontrollmechanismen, Kompensationsmöglichkeiten, Glaubenssätze, Überzeugungen und Verhaltensweisen entwickelt, um sich im Leben zurechtzufinden, um den täglichen Anforderungen gerecht zu werden und um zu überleben. Unsere Eltern und Vorfahren trugen Ihres dazu bei, in der festen Überzeugung, dass sie es genau wüssten – wüssten, wie Überleben gelingt. Wir haben ihr Verhalten ungefragt gelernt, haben es integriert, wenden es reflexhaft an und geben es an unsere Nachkommen unreflektiert weiter.

Aber: Wie gelingt Leben? Gelingt Leben, wenn ich zunehmend mutig meinen Träumen und Visionen Raum gebe, ohne mich zu begrenzen?

Solange ich im Überlebensmodus bin, kann ich nicht wirklich frei sein. Ich bin nicht frei, mein Leben kreativ, meinen Visionen und Träumen folgend, in Achtung und mit Hingabe zu gestalten. Solange ich im Überlebensmodus bin, hat mein Ego das Sagen.

Welche Überzeugungen sollte ich hinter mir lassen? Welche Schocks gilt es zu überwinden? Von welchen Loyalitäten sollte ich mich verabschieden?

Der Mauerfall sollte den »Ostdeutschen« die erhoffte Freiheit geben, die Freiheit, einen eigenen sozialistischen Staat ihren Visionen gemäß aufzubauen. Die »Westdeutschen« verbanden damit die große Chance der (zum Teil) heiß ersehnten Wiedervereinigung. Ich sehe in diesem Spiegel zwei unserer inneren Bewegungen: die Sehnsucht nach Nähe, Dazugehörigkeit und Verschmelzung und gleichzeitig den Drang nach Autonomie, nach Individualität und Einzigartigkeit.

Kann Wiedervereinigung gelingen, indem ich den zwei gegensätzlichen inneren Bewegungen Raum gebe? Könnte es funktionieren, wenn ich einerseits ganz bei mir bin und andererseits im Einklang mit dem Großen und Ganzen mein Leben gestalte?

In meiner 27-jährigen Praxiserfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie kristallisierte sich immer mehr der Wunsch heraus, die Bindungen zu finden, die uns an einem eigenständigen Voranschreiten und Gestalten hindern. Bindungen, von denen wir überzeugt sind, sie zum Überleben zu brauchen. Nach meiner Beobachtung sind hier vor allem die Bindungen, die wir während der Geburt eingegangen sind, prägend fürs Leben.

Wie ist das zu verstehen? Hier ein paar Beispiele:

•Eine Klientin beschrieb ihre Frustration darüber, regelmäßig kurz vor Vollenden einer Sache »stecken zu bleiben«. Es stellte sich heraus, dass sie eine Weile im Geburtskanal stecken geblieben war, bis sie dann endlich das Licht der Welt erblicken konnte. Die noch bestehende Bindung an diese Situation könnte zum Glaubenssatz geführt haben: »Steckenbleiben ist für das Überleben wichtig.«

•Ein kleiner Junge fällt durch seine große Wut auf, und wir entdecken, dass die Mutter während seiner Geburt wütend auf die Hebamme und den Geburtshelfer war. Das Programm »Wut führt ins Leben, erhält mich am Leben« war installiert.

•Häufig erlebe ich bei Kaiserschnittkindern das Programm: »Ich schaffe es nicht allein!«

Das Faszinierende ist, dass oft allein mit Aufdecken und Aussprechen solcher Zusammenhänge eine Veränderung erfolgen kann.

Zugleich habe ich die Vorannahme, dass wir an bestimmte biochemische Prozesse gebunden sind, die während der Zeit im Mutterleib und während der Geburt abliefen. Die unbewusste Überzeugung, diese Biochemie zum Überleben zu benötigen, könnte uns immer wieder in ähnliche, sich wiederholende Situationen bringen.

In meiner Praxis begleite ich meine Klienten und Klientinnen dahin gehend, diese Überzeugung hinter sich zu lassen und sich auf einen neuen biochemischen Cocktail einzulassen, der sie in ihren Visionen unterstützen und nähren wird.

Ich habe den Verdacht, dass unsere Biochemie durch Ängste und durch Stress gespeist wird. In beiden Fällen tritt eine evolutionär bedingte Kampf-, Flucht- oder Totstellreaktion ein. Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Der Blutzuckerspiegel steigt. Wir fühlen uns vorübergehend vermeintlich in der Komfortzone. Um diesen Zustand aufrechtzuerhalten, brauchen wir zwangsläufig immer wieder Trigger, die die geschilderte Reaktion auslösen.

In einem Hypnose-Webinar bei Gabriel Palacios – einem Schweizer Hypnotherapeuten – lernte ich eine Trance kennen mit der Idee, den Schalter stillzulegen und auszubauen, der mich z. B. begrenzt am Erreichen von Zielen und/oder an Glaubenssätzen festhalten lässt. Mit Begeisterung wandte ich die Hypnose an. Wird es mir gelingen, einen Schalter zu finden und auszubauen, der meine biochemische Programmierung aus der Zeit im Mutterleib aufrechterhielt? In mehreren Trancezuständen ging ich zu angstauslösenden und stressbesetzten Themen auf Entdeckungsreise.

Übung: Schalter der biochemischen Programmierung ausbauen

Gern lasse ich Interessierte an dieser Stelle an einer Trance teilhaben, die ich für mich persönlich entwickelte und die sich in meiner Praxis bewährt.2

Nimm einen tiefen Atemzug, und schließe beim Ausatmen die Augen. Beobachte eine Weile deine Atmung – du atmest ein … und wieder aus … ein … und wieder aus. Während du atmest und deinen Atem beobachtest, gehst du in eine immer tiefere Entspannung, in eine Trance. Dein Gehirn kommt in einen Frequenzbereich, der dir hilft, den Schalter zu finden, der verantwortlich ist für deine biochemische Prägung. Scanne deinen Kopf.3 Entdeckst du den Schalter, nach dem du suchst?

Es kann ein Kippschalter älteren Modells sein mit einer kleinen Nase oder auch ein Kippschalter neueren Modells mit einer großen Kippfläche.

Es kann ein uralter schwarzer Drehschalter sein.

Es könnte sein, dass dein Schalter über das Ziehen einer Kordel aktiviert wird.

Vielleicht siehst du einen Schalter in Form eines Hebels, der von links nach rechts bewegt wird. Möglicherweise ähnelt dein Schalter auch einem Hahn, der auf- oder zugedreht werden kann.

Sobald du ihn entdeckt hast, bitte ich dich, diesen Schalter auszuschalten.4

Als Nächstes lade ich dich ein, diesen Schalter auszubauen.

Nun visualisiere, wie neben dir ein unbemannter Heißluftballon landet. Gib alles, was du ausgebaut hast, in den Korb hinein. Vielleicht brauchst du sogar einen zweiten oder dritten Heißluftballon, um alles zu entsorgen.

Beobachte, wie der Heißluftballon aufsteigt, immer weiter aufsteigt … bis du ihn nicht mehr siehst. Gehe davon aus, dass es kosmische Energien und Kräfte geben wird, die sich der Transformation des Inhaltes annehmen werden.

Nun blicke nochmals dorthin, wo du den Schalter ausgebaut hast. Braucht es hier noch etwas dafür, eventuell die entstandene Lücke zu schließen? Dann nimm dich der Lücke an. Folge deinen Eingebungen und Ideen …

Allmählich wird es Zeit, wieder ins Hier, Heute und Jetzt zurückzukommen. Nimm einen tiefen Atemzug, öffne deine Augen, recke und strecke dich.

Einerseits begleite ich meine Klienten und Klientinnen darin, sich von wenig förderlichen Bindungen zu trennen, andererseits halte ich mit ihnen Ausschau nach ihrem noch nicht registrierten Potenzial.

Es gibt nach meinem Dafürhalten einen weiteren Schritt im Prozess der Wiedervereinigung, den ich zum Abschluss meiner momentanen Gedanken noch ansatzweise zu Papier bringen mag.

Die Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands könnte man mit einer Metapher so ansehen, als seien die beiden Teile den »Bund der Ehe« eingegangen.

Wenn zwei Menschen eine Bindung eingehen und zum Beispiel heiraten, sind sie zunächst an ihr Herkunftssystem mit den jeweiligen Werten, Rollen und Prägungen gebunden. Das Paar ist vor die Herausforderung gestellt, sich neu zu definieren. Wenn es beiden gelingt, das Herkunftssystem im anderen zu achten und beide sich liebevoll dafür öffnen, das zu entdecken, was sich weiterzuführen und an gemeinsamem Neuen zu entwickeln sich lohnt, dann wird Partnerschaft gelingen.

Vielleicht wird die Wiedervereinigung von einigen nicht als Liebes-, sondern eher als Zwangsheirat empfunden.

Könnte in diesem Fall der erste Schritt darin bestehen, zu registrieren, was wir aneinander haben, worin der Gewinn unserer Beziehung liegt?

Ich persönlich erfreue mich an einer wunderbaren Schwiegertochter und zwei entzückenden Enkeltöchtern, die es so nicht gäbe, wäre die Mauer nicht gefallen. Und so vertraue ich darauf, dass es gut weitergehen wird.

2In dem Webinar bei Gabriel Palacios erlebte ich viele kleine Trancezustände, aus denen sich in meiner Praxis diese Trance entwickelte.

3Hals, Körper, … Herzgegend …

4Vielleicht steckst du an irgendeiner Stelle fest und kommst nicht weiter. Dann visualisiere eine Farbe. Atme die Farbe zum Ort deiner Aufmerksamkeit, beobachte, wie sich die Farbe von dort aus immer mehr in deinem Körper verteilt. Bald hat jede Zelle deines Körpers diese Farbe aufgenommen. Vielleicht magst du dir sogar noch ein Kraftfeld in dieser Farbe um dich herum vorstellen.

Populismus und Mauerfall – Anmerkungen zur Auflösung einer unheilsamen Verbindung

Albrecht Mahr

Als Erstes möchte ich zwei zentrale Tatsachen hervorheben, die unsere ganze Aufmerksamkeit brauchen.

Populismus stellt eine ernste Gefahr dar, gegenwärtig vor allem in zwei seiner Ausprägungen: als rechtsextreme Splittergruppen und als Antisemitismus.

Rechtsextreme Splittergruppen nehmen überall zu. Sie bestehen lokal jeweils aus wenigen Personen, die über das Internet mit vielen anderen Gruppen verbunden sind, die einander aufstacheln und z. B. Prämien für erfolgreiche Morde ausstellen. Gegenwärtig ist die AWD (»Atomwaffen-Division«) mit ihren typischen Totenkopf-Masken als die radikalste und gefährlichste zu nennen, eine aus den USA stammenden Gruppe, die Töten und Vernichten mit allen Mitteln zum Ziel hat. In den USA gehen wahrscheinlich fünf Morde auf ihr Konto.5

Der Antisemitismus wächst in Deutschland. Nach einer repräsentativen Studie des Jüdischen Weltkongresses in Deutschland (Zeit 24.10.2019) sind 27 % der Deutschen antisemitisch eingestellt, Tendenz steigend. Antisemitische Parolen auf Hauswänden, Pöbeleien oder körperliche Attacken gegen Juden auf offener Straße nehmen zu. Uns allen wünsche ich die Entschlossenheit und den Mut, dagegen aufzustehen!

Einleitung

Bei der Formulierung meines Themas, »Populismus und Mauerfall«, vor ein paar Monaten meinte ich, dass ich biografisch zu solchen Anmerkungen vielleicht etwas qualifiziert sei, weil meine Mutter in Chemnitz aufgewachsen ist und ich damit ein »halber Sachse« bin und weil ich seit vielen Jahren hier in Naumburg bei Beate Jaquet in Aufstellungsseminaren arbeite … Aber ich war bei der Vorbereitung dann alsbald perplex und betroffen davon, wie wenig ich von Mauerfall und Nachwendezeit de facto wusste!

Ich bin in Göttingen aufgewachsen, 30 km von der »Zonengrenze«, wo wir, meine Eltern und ich, glaube ich, nur einmal hinfuhren – wie an einen etwas exotischen und eigentlich unwichtigen Ort. 1989 lebten wir, meine Frau und unsere kleinen Kinder in Würzburg, wir hatten aus Überzeugung keinen Fernseher, und die Belange der DDR hatten für uns so gut wie keine Bedeutung. Ein Anruf meiner in Westberlin lebenden Schwester klärte mich dann auf, wir hörten von den bewegenden Momenten nach der Maueröffnung, jedoch auch in der Folgezeit entwickelte sich kein besonderes Interesse am wiedervereinigten Deutschland, das für uns halt ein Stück größer geworden war durch Übernahme der DDR in die BRD. Bei unserer Haushaltshilfe, die 1989 noch über Ungarn aus der DDR kam, waren wir ungläubig-überrascht, dass ihr erster Besuch in einem Westsupermarkt sie in eine Art von Schockstarre versetzt hatte, sodass sie nach wenigen Minuten völlig überwältigt aus dem Markt fliehen musste.

Meine Aufstellungsarbeit bei Beate Jaquet hier in Naumburg (später auch in Suhl, Dresden und Leipzig) habe ich immer sehr gerne gemacht, es wurden natürlich viele Fakten des Lebens in der DDR angesprochen und gut bearbeitet – aber merkwürdigerweise hat sie eine auch bei mir wirksame kollektive Ebene des Nicht-ganz-Beteiligtseins für lange Zeit unberührt gelassen.

Es gab für uns eine Art von eisernem Bewusstseinsvorhang, auf dessen östlicher Seite so etwas wie »Dunkeldeutschland« ein graues Dasein fristete. Grau schienen sogar die Ostlandschaften bei Zug oder Autoreisen nach Westberlin. Und »die da drüben« hatten mit der sowjetischen Besatzung, ihrem neuen totalitären Regime, der gegenseitigen Bespitzelung etc. eben Pech gegenüber dem ungleich besseren Los von Westdeutschland. Das war halt so und löste auch Schuldgefühle aus, die aber bei den allermeisten im Westen keine Handlungsimpulse weckten, was sich auch nach der Wende nicht wesentlich änderte.

In diesem westdeutschen Desinteresse sieht Irene Misselwitz in ihrem Tagungsbeitrag einen Grund für die besonderen Erfolge der AfD im Osten, die sich dort als »Kümmererpartei« anbiete und die Ostbelange scheinbar wirklich ernst nehme.

Die von vielen Westdeutschen geteilte Indifferenz hat sich bei mir in den letzten Monaten sehr verändert, was auch durch die Ausrichtung auf diese Tagung »30 Jahre Mauerfall« angestoßen wurde. Ich bin dabei, zu anderen Empfindungen zurückzukommen oder erstmals dorthin zu gelangen: eine einfache Verbindung vom Herzen aus, Anteilnahme und Zuneigung.

Zum Thema: Populismus und Mauerfall

Ich möchte vier Bereiche ansprechen:

1)Was ist Populismus?

2)Der Mauerfall und seine Folgen als ein »Brandbeschleuniger« für Populismus.

3)Die noch immer kontroverse Bedeutung der Treuhandanstalt für die Nachwendezeit.

4)Und schließlich die zentrale Rolle einer »frohen Botschaft« (so lautet ein Buchtitel), die auf der Tatsache beruht, dass sich die Welt über die vergangenen Jahrzehnte in fast allen Lebensbereichen nachweislich überaus positiv entwickelt hat.6

Populismus

Populismus ist definiert durch eine vierfache Idee von Gesellschaft, nämlich:

1)die Unterscheidung zwischen der Fiktion von einem »wahren Volk« (»populus«) einserseits – und »den korrupten Eliten sowie den anderen« andererseits. Also: auf der einen Seite wir/ das einfache Volk/die anständigen Bürger – auf der anderen Seite die Politiker/die Eliten/die anderen, die Ausländer, die Migranten

2)die Idee von gesellschaftlicher Homogenität, von weitgehender Übereinstimmung innerhalb dieses »Volkes« und damit die Annahme eines allgemeinen, identischen Volkswillens innerhalb dieses Wir

3)die Behauptung, dass wir am Abgrund stehen und in beängstigenden Gefahren leben, wie Migration, Islamisierung oder der »Umvolkung« des Westens

4)die Idee: Wir, das Volk, sind das Opfer dieser Entwicklungen, die von den Eliten sowohl hervorgerufen als auch geleugnet werden und die nicht benannt werden dürfen.

Daraus ergeben sich die vier konstituierenden, typischen Elemente des Populismus:7

1)Antiestablishment

2)die exklusive Souveränität hinsichtlich des Wir, unseres Volkes: Nur unsere Stimme ist wahr, nur unsere Überzeugungen sind gültig.

3)Und damit: Antipluralismus, d. h. gegen die grundsätzliche Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit unterschiedlicher Interessen und Weltanschauungen.

4)Betonung des Opferstatus, der Gegenwehr dringend nötig und legitim macht.

Wenn wir diese knappen Kriterien etwas ausführen, lässt sich Folgendes sagen:

Populisten – und wir alle haben solche Neigungen in uns – möchten das sichere Gefühl haben, zu einer großen, gleichgesinnten Gruppe zu gehören, zu Uns, zum Volk, dessen Mitglieder das Gleiche für wahr und richtig halten und die alles, was unwahr, falsch und schädlich ist, bei »denen da oben«, den Eliten oder den anderen, den Fremden, festmachen.

Wir Populisten sind in vieler Hinsicht die Opfer dieser vom wirklichen Volk abgehobenen Eliten, die schuld daran sind, dass Migranten und Asyltouristen auf unsere Kosten bevorzugt werden und dass unsere Bedürfnisse und Wünsche, unsere nationale Würde, unser Volkswille verkannt und in unüberschaubaren und unverständlichen europäischen und globalen Töpfen untergerührt werden.

Wir Populisten wollen endlich wieder auf unsere deutsche Geschichte stolz sein können und diesen krankhaften deutschen Schuldkult ad acta legen – in diesem Sinn ist mit dem Zurechtstutzen der Nazi-Zeit auf einen »Vogelschiss der Geschichte« (Gauland 2018)8 ein guter Anfang gemacht.

Wir Populisten wollen einfache, klare Worte und Erklärungen von unseren »Führern« – oder, besser noch: von unserem »Führer« –, die aus unserer Mitte heraus für uns eintreten, die wissen, wo’s langgeht und nicht lange fackeln. Wir wollen kein intellektuelles Geschwurbel, sondern wir wollen hören, was Sache ist und was jeder sofort versteht.

Wir Populisten wollen also eine Führungsfigur, am besten einen Mann, der eine solche Dynamik in seinem Auftreten hat, dass wir wissen: Der hat den Durchblick und die Unbeirrbarkeit eines zu höheren Aufgaben Berufenen, der eigene, womöglich abweichende Denkanstrengungen unnötig macht.

Wir Populisten wollen freiweg und impulsiv sprechen, so wie wir fühlen, und dabei gewalttätige, obszöne oder hasserfüllte Ausdrücke gebrauchen können, die von den elitären Medien, von der Lügenpresse unerwünscht sind.9

Die Kontraktion auf populistische Neigungen wird immer hervorgerufen und befördert durch die Unsicherheit äußerer Lebensbedingungen, besonders wenn sie begleitet sind von kollektiven Gefühlen der Überforderung, Enttäuschung, Kränkung oder Demütigung, wie gegenwärtig bei den Folgen des Mauerfalls oder der Globalisierung.

Letztere, die Globalisierung also, ist ein mächtiger Auslöser für Populismus: Internationale Handelsbeziehungen, enorme weltweite Informationsfülle über Medien aller Art, Konsumgüter aus allen Ländern der Welt, rasch zunehmende internationale Kontakte durch stark vereinfachtes, verbilligtes Reisen und die erlebte Auflösung von Landesgrenzen etc. – diese Öffnungs- und Entgrenzungserfahrungen lösen immer auch ihr Gegenteil aus: Kontraktion auf Nahes, Vertrautes, Eigenes bis hin zu Ablehnung oder Bekämpfung des und der Anderen und Fremden.

Was den Mauerfall und die Nachwendezeit als Auslöser bzw. Brandverstärker von populistischen Haltungen betrifft, so sind sie an Dramatik nicht zu überbieten: massenhafter und oft dauerhafter Verlust von Arbeitsplätzen unter radikaler Privatisierung und Deindustrialisierung im Osten, Anpassung nahezu aller Lebensbereiche im Osten an westliche Verhältnisse – also eine Anpassung mit der ausschließlichen Richtung von Ost nach West.

Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung 1.11.2019) fasst kurz zusammen: »Die DDR-Wirtschaft wurde liquidiert und von der Treuhand exekutiert.« Im Grundgesetz wäre ein Zusammenführen beider deutscher Staaten unter einer neuen Verfassung vorgesehen gewesen, u. a. mit den Grundgesetzartikeln 23 und 146.10 Damit hätte man die Erfahrungen der DDR-Deutschen in ein überarbeitetes Grundgesetz einbringen können. Freilich wurde diese Möglichkeit einer gemeinsamen neuen Verfassung auch von ostdeutschen Kritikern abgelehnt und auch sie wurde erst einmal als Übernahme durch die Bundesrepublik erlebt. Mit Bezug auf den Grundgesetz-Artikel 23 gab es z. B. den Ostslogan »Kein Anschluss unter dieser Nummer«.

Und so geschah die Wiedervereinigung mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Dynamik – und in summa änderte sich für die Ostdeutschen fast alles, für die Westdeutschen fast nichts.

Vielen Ostdeutschen ging es so, wie Egon Bahr die Abwicklung der Nationalen Volksarmee NVA beschrieb (Süddeutsche Zeitung 1.11.2019). Es wurde »übernommen, verschrottet, eingeschmolzen, abgewickelt, aufgelöst, übergeben. Insofern passierte der NVA nichts anderes als dem Land und seinen Menschen insgesamt.«

Am letzten Tag der DDR, so Bahr, verweigerte die westdeutsche Seite der ostdeutschen den symbolischen Akt der Würde, die alte Fahne einzuholen und die neue zu hissen. Die bundesdeutsche Politik beantwortete den Mut der Demonstranten, aufzubegehren, und den Mut der DDR-Machthaber und der Volkspolizei, nicht auf sie zu schießen – mit Demütigung.

Das ist nützlich für Populisten. Sie wenden sich an frustrierte, gekränkte und gedemütigte Menschen, präsentieren sich selbst als ebenso geschädigt, wollen sich das ihnen genommene Land zurückholen, identifizieren vermeintlich schuldige Minderheiten, »Ausländer« und »die da oben, die Eliten« als die Verursacher und verkaufen den Ausdruck von Hass, übler Pöbelei und primitiven Entwertungen als die wiedererkämpfte Redefreiheit.

Und mit 23,4 % bei den Landtagswahlen in Thüringen (Oktober 2019) für die AfD und ihren rechtsextremen Flügelmann Björn Höcke (auch er bekanntlich ein Westimport) trifft all das auf eine beklemmende Resonanz.

»Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«, Bild Nr. 43 der Sammlung »Los Caprichos« (= Launen), 1797 – dieses Schwarz-Weiß-Bild von Francisco de Goya kommt mir dann in den Sinn. Sie erinnern sich vielleicht: ein eingeschlafener Mann, um den herum unheimliche vogel- und fledermausartige Wesen in den Nachthimmel aufsteigen.

Wir sind mit dieser Tagung »30 Jahre Mauerfall« also aufgerufen, aufzuwachen und die gefährliche Verbindung von Mauerfall und Populismus sowie die dadurch eingetrübte Vernunft zu klären.

Zu diesem Zweck nun noch zwei Anmerkungen.

Die erste betrifft die Bedeutung der Treuhandanstalt. Und die zweite beschreibt die enorme Bedeutung der Tatsache, dass fast alle Entwicklungslinien der Welt in den letzten Jahrzehnten steil nach oben, ins Positive, weisen.

Die Treuhand

Die Treuhandanstalt war eine noch in der Spätphase der DDR unter dem damaligen Ministerratsvorsitzenden Hans Modrow gegründete Institution des öffentlichen Rechts mit der Aufgabe, die bisherige DDR-Planwirtschaft in die soziale Marktwirtschaft der BRD zu überführen. Sie war von Anfang 1990 bis Ende 1995 tätig, im letzten Jahr unter dem umständlichen Namen »Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben«.

Ein Gutteil der Treuhandtätigkeit ist in der Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannt, und erst seit Ende der 1990er-Jahre beginnt eine langsame und längst fällige Aufarbeitung der Treuhandarbeit. Parallel zu dieser weitgehenden Unbekanntheit der Treuhandaktivitäten besteht nicht nur im Osten eine überwiegend negative Einschätzung der Treuhand, was sich z. B. in Buchtiteln wie den folgenden äußert:

•Dirk Laabs (2012): Der deutsche Goldrausch: Die wahre Geschichte der Treuhand

•Dietmar Grosser (2013): Treuhand in Thüringen: Wie Thüringen nach der Wende ausverkauft wurde

•Otto Köhler et al. (2011): Die große Enteignung: Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte

•Klaus Behling (2016): Die Treuhand: Wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffte

•Klaus Huhn (2009): Raubzug Ost: Wie die Treuhand die DDR plünderte

In der Tat ist die Geschichte der Treuhand auch mit Vorfällen von Korruption, Veruntreuung und betrügerischer Bereicherung verbunden (oder auch mit groben Fehleinschätzungen der Entwicklungsmöglichkeiten einzelner Betriebe und mit entsprechenden Fehlentscheidungen). So entstand von der Treuhand das Bild eines negativen Gründungsmythos der Wiedervereinigung mit entsprechenden negativen Überzeugungen wie »Die wollen dich doch sowieso alle über den Tisch ziehen«, was natürlich auch auf erlebten Erfahrungen beruhte, wie dem betrügerischen Verkauf wertloser Versicherungen oder eigentlich schrottreifer Autos. Was wiederum Wasser auf die Mühlen der AfD mit ihrer eigenen Opfermythologie bedeutet.

Aber es bestand in der Treuhand doch ein sehr großes und ernsthaftes Bemühen bei Vorsitzenden wie Detlev Rohwedder oder Birgit Breuel, das der Treuhand überantwortete DDR-Staatsvermögen tatsächlich »zu treuen Händen« zu verwalten.

Es gibt gegenwärtig noch viel zu wenig genaueres Wissen zum Thema, und die Aktenlage besteht aus mehr als zusammen 45 km an Länge ausmachenden Schriftstücken oder an die 100 000 Akten, die zu sichten sind!11

Die sächsische Integrations- und Gleichstellungsministerin Petra Köpping hat in ihrem lesenswerten, 2018 erschienenen Buch Integriert doch erst mal uns – Eine Streitschrift für den Osten eine bedenkenswerte Idee formuliert. Sie schlägt die Bildung einer gesamtdeutschen »Kommission zur Aufarbeitung des Unrechts der frühen Nachwendezeit« (Köpping 2018, S. 155 ff.), also eine Art Wahrheitsund Versöhnungskommission, vor, in der auch die Treuhandakten und viele weitere Zeugnisse zu Mauerfall und der Folgezeit aufgearbeitet werden mit dem Ziel, die Geschichte der Nachwendezeit in eine gemeinsame Version zu fassen.12

Petra Köpping schließt die Einrichtung eines staatlich finanzierten Gerechtigkeitsfonds ein, durch den wendebedingte Ungerechtigkeiten wie drohende Altersarmut durch den Verlust der zu DDR-Zeiten erworbenen Rentenansprüche anerkannt und wenigstens etwas ausgeglichen werden.

Nach all den skizzierten Herausforderungen und Problemen – zum Schluss: Was können wir tun? Und vor allem: Was möchten wir tun?

Meine Antwort: die enorm positiven Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in fast allen Lebensbereichen und allen Regionen der Welt anerkennen.

Walter Wüllenweber, Politikwissenschaftler und Journalist beim Stern, hat diese positiven Entwicklungen in seinem 2018 erschienenen Buch unter dem Titel zusammengefasst: Die frohe Botschaft – mit dem Untertitel: Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor (Wüllenweber 2018).

Dort heißt es:

»Die vergangenen Jahrzehnte waren die beste Phase in der Geschichte des Homo sapiens. Noch nie waren die Menschen (global gesehen) so gesund, so gebildet, so reich, so frei und so sicher vor Gewalt wie heute. Fast alle Entwicklungskurven zeigen steil nach oben. Doch in den Köpfen hat sich das gegenteilige Bild festgesetzt: Gewalt und Elend nehmen zu, alles verschlechtert sich, die Welt steht am Abgrund.

Diese apokalyptische Botschaft ist die Mutter aller Fake News und die Basis für den Siegeszug der Populisten. Um Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Migration zu bewältigen, müssen die Gesellschaften die Lehren nicht nur aus ihren Fehlern ziehen, sondern vor allem auch aus ihren Erfolgen. Darum ist es kein Wohlfühl-Programm, die nachgewiesenen Verbesserungen in allen Bereichen des Lebens zu erkennen und zu würdigen. Die frohe Botschaft ist die politischste Botschaft unserer Zeit.«

Und weiter:

»Die weit verbreitete Weltsicht, alles verschlechtert sich, ist offenbar auch bei politisch interessierten, lesenden Altbaubewohnern die dominante Haltung. Gerade in diesem Milieu – und wir hier können uns dem durchaus zurechnen – gehört der ›Immerschlimmerismus‹ zum kulturellen Selbstverständnis … Seit den 70er-Jahren gilt in dem Teil der Gesellschaft, der sich für aufgeklärt hält, jeder Warner prinzipiell als klug und weitsichtig. Wer […] auf Verbesserungen hinweist, ist naiv oder uninformiert. Dieses Buch jedoch vertritt den Standpunkt: Das prägende Merkmal unserer Zeit ist nicht der Niedergang, sondern die weltweite Aufwärtsentwicklung in einem historisch einmaligen Ausmaß. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse könnten in dieser Frage eindeutiger nicht sein.«

Dieses Buch lege ich Ihnen ans Herz – weil es faktenbasiert und äußerst sorgfältig recherchiert ist. Und weil es in der extrem komplexen Nachwendezeit vor allem dem gefährlich aufkommenden Populismus die mächtigste Gegenposition entgegenhält, die es nun einmal gibt: Tatsachen. Und zwar äußerst erfreuliche Tatsachen.

Dazu nur ein paar Kapitelüberschriften – Sie können bei sich nebenbei beobachten, wie immer wieder ein »Ja, aber …« auftauchen mag:

•Der mehr als 70-jährige Frieden nach dem 2. Weltkrieg

•Noch nie so umweltbewusst: Das Wasser wird sauberer, das Ozonloch schließt sich, die Luft wird sauber, das Essen wird gesünder etc.

•Abnahme von Gewaltkriminalität – und zwar besonders dort, wo viele Zuwanderer leben!

•Der Analphabetismus stirbt aus

•Das erfolgreichste Mittel gegen Armut ist: die Globalisierung

Und sehr vieles mehr.

Wüllenweber unterstreicht ausdrücklich, dass ein äußerst negativer Sachverhalt bisher noch unangetastet bleibt: die ständige Umverteilung von Vermögen und Erträgen nach oben – sodass immer weniger Personen immer mehr besitzen. Allein das reichste 1 % der Weltbevölkerung besitzt mehr als die restlichen 99 %, Tendenz steigend zugunsten der Reichen – oft genug mit üblen Methoden wie Land Grabbing (= sich über unübersichtliche Investorenketten riesige Landflächen aneignen) oder Water Grabbing (notorisches Beispiel: Nestlé).

Diese inakzeptablen Ungerechtigkeiten sollten gewiss einer der Faktoren sein, die uns davon abhalten, uns einfach nur auf die genannten positiven Entwicklungen zu beschränken.

Es gibt aber noch weitere Gründe, die unsere Anerkennung der positiven Wirklichkeiten einschränken.

Ich will hier nur einen dieser Gründe nennen: den Pessimismusreflex. Er besteht darin, dass wir inmitten der besten aller bisherigen Welten leben und gleichzeitig negativen bis apokalyptischen Vorstellungen von der Weltlage anhängen, verbunden mit solchen »Weisheiten« wie: Pessimisten sind Hellseher, die schwarzsehen – oder: Ein Pessimist ist ein Optimist, der nachgedacht hat.

Ein Grund für dieses Phänomen ist eine aus unserem weit zurückliegenden Stammesleben in kleinen Gruppen (von maximal etwa 150 Mitgliedern) herrührende Angst- und Alarmbereitschaft gegenüber allgegenwärtigen lebensbedrohlichen Gefahren. Diese uralten neurophysiologischen Bahnungen gehören zu unserer Natur und benötigen heute unseren Verstand und unser Bewusstsein, um als unzeitgemäß erkannt und entmachtet zu werden. Sonst, siehe Francisco Goya, schläft unsere Vernunft in alten Reflexmustern, und wir gebären immer aufs Neue die Monster ständiger Angstbereitschaft, kurz den Populismus.

Wir wissen ja auch, dass die eigentlich sensationellen Nachrichten guter Entwicklungen uns nicht weiter anmachen – »Heute keine Unfälle auf der B 19« verkauft sich nicht, sondern »blood sells«, wie es Journalisten formulieren, also Katastrophen und dramatische Missstände aller Art – dies aus unserem stammesgeschichtlichen Erbe des Lebens in kleinen Überlebensgemeinschaften, wo wir ständig in Angstbereitschaft und auf dem Sprung sein mussten.

Diese Zeiten sind vorbei, und wir sind eingeladen, nicht in einer Art Retro-Illusion zu leben, wozu Populisten auffordern, als habe es Evolution nie gegeben.

Und, noch einmal, das mächtigste Mittel dafür sind die Fakten und die Freude daran, sie zu kennen und zu verbreiten.

Eben habe ich frisch aus der Druckerei Norbert Pötzls Buch Der Treuhand-Komplex (Pötzl 2019) bekommen, das zurzeit wohl beste Buch über Treuhand und Wende.

Am Schluss erwähnt Pötzl den Verein »Ost-West-Forum Gut Gödelitz«, dessen Beschreibung ich an Sie weitergebe als eines der wesentlichen Anliegen auch dieser Tagung:

»Im Gutshaus Gödelitz (Nähe Dresden) erzählen sich regelmäßig seit 1994 jeweils eine Handvoll Ost- und Westdeutsche ein Wochenende lang gegenseitig ihre Lebensgeschichten. Wolfgang Thierse (aus Ostdeutschland stammender Ex-Bundestagspräsident u. v. m.) und der niedersächsische, aus Mecklenburg stammende Politologe Peter von Oertzen haben die Anregung zu dieser Dialogform gegeben. Die Gesprächsteilnehmer, insgesamt waren es bereits mehr als 3000, hören einander zu, lassen ausreden, niemand wird beurteilt oder kritisiert. Damit sollen vor allem die tief gehenden Vorurteilsstrukturen aufgebrochen werden, die die Beziehungen zwischen Ost und Westdeutschen belasten.«

Diese Tagung war gewiss ein eigenes, wertvolles Ost-West-Forum Naumburg – vielen Dank und alles Gute!

Nachwort

Populismus und Corona-Pandemie

Zum Zeitpunkt dieses Nachwortes (26. April 2020) hat sich die Corona-Pandemie über nahezu alle Länder der Welt ausgebreitet.

Die wenigen noch nicht flächendeckend betroffenen schwarzafrikanischen Länder wird es wegen der extrem schlechten Struktur ihrer Gesundheitssysteme mit besonderer Härte treffen.

Diese Phase – vor der kausalen Therapie durch einen Impfstoff und vor dem Einsatz wirksamer Medikamente – ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass es über die genaue(n) Ursache(n), den weiteren epidemiologischen und in der Folge den möglichen wirtschaftlichen Verlauf (etwa eine Sturmflut von Insolvenzen) noch keine verlässlichen Aussagen und Prognosen geben kann.

Und damit ist gegenwärtig auch nur ein langsames, sehr vorsichtiges Voranschreiten hinsichtlich Schutz- und Freiheitsmaßnahmen möglich.

In diesem kurzen Nachwort möchte ich ein paar Beobachtungen zusammentragen, wie populistische Parteien mit dieser Lage umgehen. Vor allem ist »diese Lage« eines: global – in jeder Hinsicht. Kein einziger Mensch hat vor dem Hintergrund eigener Interessen oder Entscheidungen dieses Virus geschaffen noch willentlich zu seiner grenzenlosen Verbreitung beigetragen. Die Pandemie setzt sich über alles hinweg, so als würde sich aufgrund von kosmischen Ereignissen der Sauerstoffgehalt der Atemluft auf einmal ändern.

Auf einen solchen Sachverhalt hält populistisches Ideengut und Handeln offensichtlich keine adäquate Antwort bereit. Die typisch populistische Polarisierung in »Wir, das eigentliche Volk versus die Eliten, die Anderen, Fremden, Ausländer, Migranten etc.« ergibt keinen Sinn in einer Pandemie – es sind halt alle gleichermaßen betroffen.

Populistische Hochburgen wie Matteo Salvinis Lega Nord mit ihrem Schwerpunkt in Norditalien z. B. in Bergamo; die USA unter Trumps Desorganisation inklusive wahnwitziger »Einfälle« (Desinfektionsmittel zur inneren Anwendung); in Brasilien Jair Bolsonaros Verharmlosung der Pandemie als »Grippchen«; auch Boris Johnsons lang anhaltende Leugnung der Gefahr für Großbritannien – in diesen Einflussgebieten sind besonders schlimme Verläufe der Pandemie zu verzeichnen.

Die AfD hat sich in Sachen Pandemie zerstritten (s. etwa Spiegel 17/17.4.2020) und hat in den vergangenen Monaten deutlich an Zustimmung eingebüßt. In dieser Pandemie kann keine kleinsinnige Fraktion sich mit ihrem lokalen Dialekt als Opfer bzw. potenzieller Retter anbieten – die Fakten sprechen eine ganz andere, eine globale Sprache.

Wir können während dieser Pandemie an vielen Orten beobachten, wie Hilfsbereitschaft, Wohlwollen, freundliche Zuwendung und Anteilnahme Ausdruck finden, so als zeigte sich unser ursprünglich freundliches Wesen unter diesen widrigen Umständen besonders »gerne« oder selbstverständlich – nicht weil das moralisch wünschenswert wäre, sondern weil es allen guttut und weil es sich so einfach besser lebt.

Und wir sind ebenso Zeugen von ganz anderen, üblen und destruktiven Vorfällen, die Fassungslosigkeit hinterlassen.

Ich neige zu der Sicht von Stefano Mancuso, Dozent für Neurobiologe und Botanik an der Universität von Florenz, der das Überleben der Spezies Mensch von der Einsicht abhängig sieht, dass Kooperation viel erfolgreicher ist als Konkurrenz und dass alle Formen von »Wir zuerst« selbstschädigend und am Ende zum Scheitern verurteilt sind. Siehe auch sein einschlägiges Buch Die Intelligenz der Pflanzen (2015).

Das ist es, was ich angesichts einer tatsächlich globalen Bedrohung zu erkennen meine: eine globale menschliche Antwort, die in jedwedem populistischen Rahmen zu eng gefasst ist, ihn sprengt und überschreitet.

Literatur

(Es sind hier auch einige inhaltlich relevante Bücher aufgeführt, die im Text nicht erwähnt sind.)

»Das Einheits-Gold wird braun«. Süddeutsche Zeitung, 1.11.2019.

»Der Aufbruch«. Spiegel, 17/17.4.2020.

Detering, H. (2019): Was heißt hier »wir«? – Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten. Ditzingen (Reclam).

Hochhuth, R. (1993): Wessis in Weimar: Szenen aus einem besetzten Land. Berlin (Volk & Welt).13

»Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch«. Zeit, 24.10.2019.

Köpping, P. (2018): Integriert doch erst mal uns – Eine Streitschrift für den Osten. Berlin (Ch. Links).

Kowalczuk, L.-S. (2019): Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde. München (Beck).

Ludwig, J. (2018): Populismus. Hamburg (Carlsen).

Mancuso, S. (2015): Die Intelligenz der Pflanzen. München (Antje Kunstmann).

Müller, J.-W. (2016): Was ist Populismus? Ein Essay. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Müller, J.-W. (2019): Furcht und Freiheit: Für einen anderen Liberalismus. Frankfurt a. M. (Suhrkamp).

Pinker, S. (2011): Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit. Frankfurt a. M. (S. Fischer).

Pinker, S. (2018): Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung. Frankfurt a. M. (S. Fischer).

Pohl, R. (2019): Feindbild Frau. Hannover (Offizin).

Pötzl, N. F. (2019): Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen. Hamburg (kursbuch.edition).

Rosling, H. (2018): Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie ist. Berlin (Ullstein).

Simon, F. B. (2019): Anleitung zum Populismus. Oder: Ergreifen Sie die Macht! Heidelberg (Carl-Auer).

Wüllenweber, W. (2018): Frohe Botschaft – Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor. München (DVA).

5Atomwaffen-Division. Verfügbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffen_Division [9.8.2021].

6Siehe z. B. im Literaturverzeichnis unter Walter Wüllenweber und Steven Pinker.

7Ein weiteres Merkmal des Populismus ist eine weitverbreitete Frauenfeindlichkeit. Die vermeintliche Schwächung weißer Männer durch eine Überschwemmung mit nichtdeutschen Migranten, deren besondere Fruchtbarkeit und die Verdrängung der »ursprünglichen, gesunden Kleinfamilie« nötigen deutsche Männer, sich jetzt als besonders stark und männlich zu erweisen und die Frauen zur intensivierten Wiedervermehrung des deutschen Volkes in ihre traditionelle Rolle als Mutter zurückzuverweisen. S. auch in der Literaturliste Rolf Pohl (2019). In diesem Text hier wird dieses Thema nicht zusätzlich behandelt.

8Wörtliches Zitat: »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer übertausendjährigen Geschichte«. Am 2.6.2018 auf dem Bundeskongress der Jungen Alternative für Deutschland. Verfügbar unter https://afdbundestag.de/vollstaendige-rede-dr-alexander-gaulands-vom-02-juni-2018/ [4.10.2021].

9»Lügenpresse« ist ein Begriff aus der 1848er-Revolution, der aus antisemitischen Ressentiments gegenüber den für Freiheit und Gleichheit Kämpfenden gebraucht wurde. »Lügenpresse« wurde in diesem antisemitischen Sinn später oft von den Nationalsozialisten verwendet, was die AfD bisher nicht daran hindert, den Begriff weiter einzusetzen (siehe auch den Eintrag »Lügenpresse« in Graf von Bernstorff 2020).

10Grundgesetz-Artikel 23 ist der sog. Beitrittsartikel für die Aufnahme anderer deutscher Länder in die BRD. Artikel 146: »Dieses Grundgesetz, das nach der Vollendung der Einheit und Freiheit für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.«

11Nach den gesetzlichen Vorgaben können Akten im Bereich des öffentlichen Rechtes erst 30 Jahre nach Auflösung der betreffenden Institution eingesehen werden.

12»Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ursachen und Folgen der Transformation [seit dem Mauerfall, Anm. d. Verf.]. In dieser Aufarbeitung müssen alle Erfahrungsräume Platz finden. […] Historische Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert, Prägungen durch den Nationalsozialismus und den SED-Kommunismus, die fehlende Aufarbeitung von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus und der Transformationsprozess seit 1990 gehören in der Analyse zusammen […] als eine gesamtdeutsche Geschichte […]. Bundesdeutsche und DDR-Geschichte, deutsche und europäische, europäische und globale Geschichte gehören zusammen […]. Das könnte gelingen« (Kowalczuk 2019, S. 214).

13Dieser wichtige und überaus kontrovers aufgenommene Text zur Treuhand wurde mir erst kurz vor Drucklegung dieses Textes hier bekannt.

Meine Biografie. Mein Leben. Mein Beitrag.

Anna Hoff und Ansgar Röhrbein

Politische Bildung und Biografiearbeit – eine geniale, weil aktivierende Verbindung

Das Leben ist politisch. Wir Menschen werden in politische Systeme hineingeboren, die unmittelbar Einfluss auf unser Dasein haben. Unsere medizinische Versorgung vom ersten Lebenstag an, unser Zugang zum Bildungssystem, die uns zur Verfügung stehenden Produkte im Supermarkt bis hin zur Frage, ob wir unsere gleichgeschlechtliche Partnerin heiraten dürfen oder nicht – das alles wird politisch verhandelt.

Was ist, wenn sich das politische System verändert? 1945 (von heute, 2020, aus gesehen vor 75 Jahren) endete die Diktatur des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. Mit dem Ende des heißen Krieges begann der Kalte Krieg und damit eine Zweiteilung der deutschen Gesellschaft. Die Menschen im Osten der heutigen Bundesrepublik erlebten weitere 40 Jahre Diktatur, diesmal unter kommunistischen Vorzeichen. Seit, von heute aus gesehen, 30 Jahren ist das politische Fundament der gesamten Bundesrepublik nun demokratisch verankert. Wer demnach heute im Osten Deutschlands lebt, rund 80 oder 90 Jahre alt ist und sein Leben überwiegend am gleichen Ort verbracht hat, hat drei politische Systeme erlebt. Das prägt – nicht zuletzt durch unterschiedliche Bildungsansätze (vgl. Hepp 2013). Aber mindestens so wirkmächtig wie Gesellschaftsgeschichte ist die eigene Familiengeschichte.

Denn selbst wenn sich die politische Ordnung, in der Menschen miteinander leben, von heute auf morgen verändert, verändern sich nicht (automatisch) die Menschen (mit). Sie sind geprägt von den Geschichten ihrer Familien, von Glaubenssätzen und persönlichen Wertvorstellungen (vgl. Bode 2019).

Wie bewusst sind uns all diese Zusammenhänge?

Die Demokratie beschert dem einzelnen Menschen im Vergleich zu allen anderen politischen Systemen, die wir kennen, die größtmögliche Freiheit. In keinem anderen Gesellschaftssystem ist das Individuum in der Lage, eigenmächtiger und selbstwirksamer zu agieren. Und doch gibt es Menschen, die sich in unserem demokratischen System ohnmächtig fühlen, weil sie keine Gestaltungsräume sehen. Einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zufolge war 2019 nicht mal die Hälfte der befragten Bürgerinnen und Bürger in Deutschland mit der Demokratie zufrieden (Decker, Best, Fischer u. Küppers 2019). Sie stellen das System infrage, in dem sie demokratietheoretisch der oberste Souverän sind. Viele von ihnen nutzen keins der ihnen zur Verfügung stehenden demokratischen Instrumente: Wahlen, Petitionen, Demonstrationen, Sprechstunden der Abgeordneten im Wahlkreis. Viele Menschen erleben keinerlei gesellschaftspolitische Selbstwirksamkeit.

Alleine das politische System dafür verantwortlich zu machen und die Menschen, die dieses System aktiv gestalten, wäre verkürzt. Denn auf der anderen Seite stehen Bürgerinnen und Bürger, die ihre Gestaltungsspielräume sehr wohl sehen und wahrnehmen: 2018 sind über 13 000 Petitionen beim zuständigen Ausschuss des Deutschen Bundestages eingegangen (vgl. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/9900). Alleine in Berlin wurden 2019 mehr als 5350 Demonstrationen angemeldet (vgl. Tagesspiegel