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Ein alter Mann kehrt in seine Heimat zurück, weil er das Leben der Nomaden wieder spüren möchte. Eine Frau verdammt ihren Mann, als der mit ihren Ersparnissen durchbrennt. Ein Dichter betritt das Fotostudio, Müllkippen geben ihre Geheimnisse preis. Auf Küsten mit mediterranem Zauber, wo aberwitzige Wellen aus Flaschen ausbrechen und eine Stadt überfluten, folgen raue Landstriche im Osten des Landes, wo Schneemassen einen Träger und einen Tierarzt unter sich begraben. Menschen erzählen von der Liebe und ihrer Sehnsucht nach der Familie, nach einem besseren Leben. Die Geschichten sind so gegensätzlich und vielfältig wie dieses Land selbst. In einer literarischen Rundreise führen uns Autoren von der schillernden Metropole Istanbul in die Welt der ägäischen Mittelmeerwinde, in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes.
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Seitenzahl: 570
Veröffentlichungsjahr: 2017
Die Geschichten sind so gegensätzlich und vielfältig wie dieses Land selbst. In einer literarischen Rundreise führen uns Autorinnen und Autoren aller Generationen von der schillernden Metropole Istanbul in die Welt der ägäischen Mittelmeerwinde, in die jüngere Vergangenheit und Gegenwart ihres Landes.
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Tevfik Turan (*1954) arbeitete nach seinem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte zunächst als Übersetzer und Deutschlehrer in der Türkei und zog 1981 nach Deutschland, wo er seither als Lektor für Türkisch an der Universität Hamburg tätig ist.
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Tevfik Turan (Herausgeber)
Von Istanbul nach Hakkari
Eine Rundreise in Geschichten
Mit einem Nachwort von Erika Glassen
Türkische Bibliothek
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Türkische Bibliothek im Unionsverlag, Zürich, herausgegeben von Erika Glassen und Jens Peter Laut
Eine Initiative der Robert Bosch Stiftung
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Bayram Gümüş, Ayasofya (Ausschnitt)
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30148-1
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
VON ISTANBUL NACH HAKKARI
IstanbulFotostudio GlückSchreibstifteDie PlatzanweiserinKindheit in BostancıDie Ränder der FinsternisDie MärchenfeeDie HeimreisendenEdirneAdatoWestanatolienDie ÜberschwemmungBursaWie Elvan seinen Schlüssel verlorAyvalikSaubohnenpasteÄgäisDer WankelmütigeIzmirImbatEs gab einmal eine Stadt …ÄgaisKancayBodrumDie FlascheBurdurAyşe PerlchenMittelmeerDort irgendwo war der WindGaziantepAsım, der BonbonmacherŞevket aus AntepHarranVollmond über HarranDiyarbakirDas HeidenviertelMardinFestungsmauernAnatolienDer DamaszenerNächtliche DüfteDer SpielkameradDie Geschichte von Ibrahim, Sohn des IbrahimÖmer, der WaisenjungeDer letzte BeritanerSchwarzes MeerVersammlung auf dem AchterdeckAnkaraSanchos MorgengangDrinnenModerne AlteNachwortWorterklärungenZur Aussprache des TürkischenBiografienDer HerausgeberDie ÜbersetzerUmschlagmotivNachwortMehr über dieses Buch
Über Tevfik Turan
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Ziya Osman Saba
An jenem Abend konnte ich früh von der Arbeit weg. Warum nicht einfach mal bis Beyoğlu spazieren, sagte ich mir. Das Goldene Horn und den Bosporus grüßend, schlenderte ich über die Brücke und gewährte meinen Lungen, die seit Stunden nur schlechte Luft geatmet hatten, das Recht auf Erholung.
Die Dampfer zu den Stadtteilen, in denen ich früher einmal gewohnt hatte, waren noch immer in der gleichen Abfahrtshektik. Da, die Klingel für den 6-Uhr-Dampfer nach Kadıköy. Dort schon der 6-Uhr-05er, der die asiatische Seite des Bosporus abfährt … Bei diesen mal runden, mal krummen Zahlen waren früher sogar die Sekunden kostbar gewesen – und jetzt hatten sie jede Bedeutung für mich verloren! Mag die Klingel noch so schrillen, mag der Beamte das Eisentor ruhig drohend zuschieben, ich bin kein Passagier dieser Dampfer mehr, dort drüben wartet niemand mehr auf mich. Ich kann die Yüksekkaldırım-Straße so langsam hinaufsteigen, wie ich möchte, und vor den Schaufenstern der Antiquariate kann ich nach Lust und Laune die Zeit vertrödeln. Am Tünel angekommen so tun, als würde ich auf die Straßenbahn warten, dann traurig die Einsteigenden beobachten, und zuletzt mit einer Geste, als hätte ich mich nun doch anders entschieden, bis zum Galatasaray und dann weiter bis zum Taksim-Platz spazieren.
Menschen kommen mir entgegen, Menschen gehen hinter mir her. Die in meinem Rücken überholen mich schließlich, mit manchen der mir Entgegenkommenden wechsle ich flüchtig einen Blick; andere schauen an mir vorbei, auch ich übersehe einige, gelegentlich werde ich gestreift, angerempelt. Männer, Frauen, Große, Kleine, Alte, Junge, Schöne, Hässliche, Reiche, Arme … Verheiratete Frauen, frisch Verlobte, Einsame, manche mit dem Geliebten am Arm, kleine Kinder, die neben ihren Müttern herlaufen. Da sind junge Mädchen, jedes einzelne ein Schatz fürs ganze Leben, deren Beine, von Cahit Sıtkı in einem Gedicht als »Schatz des Tages« besungen, leider in hässliche, hohe Gamaschen eingesperrt sind. Und barfüßige Kinder. Sie flitzen zwischen denen hindurch, deren Füße gut aufgehoben sind, und versuchen Zeitungen zu verkaufen. Aber sie scheinen nicht an den Füßen zu frieren, sie sind es offenbar gewohnt, sage ich mir. Zudem wirken sie nicht weniger glücklich als die Beschuhten. Die Reichen kaufen die Zeitungen und lassen ihnen das Wechselgeld. Da freuen sich die Kinder noch mehr.
Auf beiden Seiten Läden, Geschäfte, elegante Cafés, die nur eines wollen: all diese Menschen einkleiden, sättigen, amüsieren, sie noch glücklicher machen. Ich kann nicht anders, ich bleibe vor den Schaufenstern stehen und gebe mich meinen Träumen hin. Wie schön diese Wohnzimmereinrichtung ist! Wie bequem man in diesem breiten Sessel nach dem Essen versinken kann! Welch liebliches Rosé dieser Lampenschirm in das Gesicht der Ehefrau zaubert, die vollkommen in ihr Strickzeug vertieft ist. Der Ehemann legt dann seine Zeitung beiseite, ganz in den Anblick seiner Frau versunken. Der Tisch dort ist wie gemacht für eines der Radios, die im Laden gegenüber verkauft werden, er würde genau passen. Auf das Radio dann ein Figürchen von dem Antiquitätenhändler dort vorne …
Der größte Möbelhändler der Stadt stellt ein komplettes Schlafzimmer aus. Ein Doppelbett, die seidene Steppdecke ausgebreitet, samt Nachtschränkchen am Kopfende, darauf die Nachttischlampe, der kleine Teppich und sogar die Tüllvorhänge an den Fenstern – an alles ist gedacht, ein perfektes Schlafzimmer. Zwischen den Vorhängen lugt noch eine Winteransicht hervor. Das ganze Zimmer in seinem rötlichen Licht scheint schon ungeduldig auf seine Besitzer zu warten.
Doch wohin all diese schönen Sachen tragen? Welche Wohnung in diesem mehrstöckigen Wohnhaus könnte mir gehören? Ich gehe weiter …
Und erst das blaue Kollier in diesem Geschäft da. Von den Mädchen, die ich kenne – wie gut würde es dem mit den blauesten Augen stehen! Schade, dass sie nicht meine Freundin ist!
In der Auslage des Schuhmachers, als hätten sie sich schamhaft an den Rand geflüchtet, Damenpantöffelchen, einige hochgeschlossen, andere recht weit ausgeschnitten, Pantöffelchen, die Träume von der Intimität häuslichen Lebens wecken.
Ach, und die Geschäfte, die Damenartikel, Wäsche und Kleider verkaufen … Selbst wenn ich ganz viel Geld hätte und von all dieser Wäsche, den Kleidern, Kostümen, Mänteln nach Herzenslust einkaufen könnte, dann hätte ich doch keine, die ich glücklich machen, die all das tragen, der ich sagen könnte: »All das ist für dich.«
Es ist, als würden all diese Geschäfte an all diese Menschen Glück verkaufen. Da, unter den tausend Farben und Sorten bei diesem Obsthändler, diese großen Früchte mit der gelben Schale zum Beispiel – das sind nicht etwa Orangen, das ist eine Seligkeit aus Genuss, Geschmack, Duft und Frische, um die Tafelfreuden abzurunden. Die Verkäufer schreien aus vollem Halse: »Kauft von unseren Waren!«, aber eigentlich meinen sie: »Werdet noch glücklicher.« Und erst recht die Boza-Flaschen aus Vefa in der Ecke dort. Wenn der Vater ein paar Stunden nach dem Essen jeden Einzelnen in der Familie davon, mit etwas Zimt bestäubt und gerösteten Kichererbsen belegt, schlückchenweise kosten lässt, ist das nicht ein ganz besonderes Glück?
So viele Fotoläden haben sich in dieser Straße versammelt, ich versinke in all diesen Bildern! Diese glücklichen Menschen sind wohl herbeigeeilt, um ihr Glück zu verewigen. Über ihren Tod hinaus wird ihr Lächeln auf diesen Bildern weiterleben. Ist die Braut da nicht die verheiratete Frau, die ich soeben gesehen habe? Ist das kleine Kind mit dem rosigen Gesicht und den zu zwei Zöpfen geflochtenen Haaren nicht das kleine Mädchen, das gerade an mir vorbeigehüpft ist? Natürlich! In diesen Fotostudios gibt es kein einziges Bild von einem Toten. Der nächste Friedhof ist sowieso kilometerweit von hier entfernt. In dieser Straße flanieren nur die Glücklichen. Nur schon in dieser Straße zu sein, kann einen glücklich machen. Auch ich sollte an mein Glück denken, daran, dass ich lebe. Unter all diesen Läden gibt es sicher den einen oder anderen, der Dinge verkauft, die auch mich glücklich oder zumindest zufrieden machen könnten! Gleich dort kann ich mir meine Schuhe putzen lassen. Warum sollte ich mir nicht diese Krawatte kaufen? Dieser neu eingetroffene Gedichtband würde mir gewiss vergnügliche Stunden bereiten. Ich könnte ja auch in eines dieser Fotostudios gehen, in denen diese glücklichen Menschen sich fotografieren lassen, auch ich bin glücklich, könnte ich sagen, machen Sie auch von mir ein Bild! Der Fotograf kann mir nicht widersprechen, er kann ja nicht einfach sagen: Sie haben ja gar niemanden, was wollen Sie mit dem Foto anfangen! Sollte er danach fragen, würde ich antworten: Auch ich könnte doch eines Tages eine Freundin haben. Die schönste Aufnahme, die Sie machen, wird dann umgeben von wundervollen Düften in einer geheimen Ecke ihres Täschchens stecken.
Und sollte wirklich keine auftauchen, die mich liebt, so haben Sie vielleicht noch nicht gehört, dass ein neuer Gedichtband von mir veröffentlicht wurde. Wegen dieses Buchs kann man mich mit Fug und Recht einen Dichter nennen, und wer weiß, es kommt vielleicht der Tag, an dem ein Literaturhistoriker ein Foto von mir aus den Jahren sucht, in denen eben dieses Buch veröffentlicht wurde. Vielleicht werde ich zwischen den Seiten einer zukünftigen, auf edlem Papier gedruckten Literaturgeschichte jugendlich hervorlächeln. Oh ja, ich bin ja noch recht jung, vergessen Sie meine grauen Strähnen und dass ich leicht verdrießlich dreinschaue, hier ist mein Personalausweis, bitte sehr, man kann mich durchaus noch als jung bezeichnen. Schon allein meine Jugend wird mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern, ganz so, wie Sie es wünschen.
Vor einem Fotostudio hatte ein Wagen angehalten, und um ihn hatte sich eine neugierige Menschenmenge geschart. Ich trete näher, das Innere des Wagens und die Fensterrahmen sind über und über mit Blumen geschmückt. Braut und Bräutigam sind also im Fotostudio. Nichts wie hinein, so kann ich mich fotografieren lassen und gleichzeitig das Paar, das gerade einen der glücklichsten Momente seines Lebens erlebt, grüßen, auch wenn wir uns nur kurz an der Tür begegnen.
Ich warte im Vorraum, dessen Wände über und über mit Fotografien behängt sind. Alle lächeln. Hier der soeben beförderte junge Offizier, der sich stolz und selbstsicher auf seine Zukunft freut. Hier der Wonneproppen, der vor Gesundheit nur so strotzt und einen großen Plastikball umklammert, als sei er der größte Schatz der Welt. Ein Gruppenbild von Universitätsabsolventen: Die Professoren zufrieden und erhaben, um sie herum die frisch gebackenen Absolventen, sie lächeln, sie lachen vor Glück wie Menschen, die unter einem Baum rasten, nachdem sie einen langen Weg hinter sich gebracht, eine Last von ihren Schultern abgeworfen haben.
Und all diese frisch Vermählten, wie sie inmitten von Blumen nebeneinander stehen, ihr freudiges, erregtes Zittern spürt man förmlich. Immer schon haben diese jungen Männer dann irgendwann geheiratet, sind selig zu dem Fotografen gerannt, der schon die Fotos von ihrem Schulabschluss gemacht hatte, und haben gesagt: So, wir haben geheiratet, machen Sie ein Bild von uns, diesmal als glückliches Paar.
Dann die gestandenen Paare, die sich auf dem Höhepunkt eines langen tadellosen Ehelebens, vielleicht an einem Hochzeitstag, im Kreise ihrer Sprösslinge fotografieren lassen. Die Frau ist etwas füllig geworden, an der Stirn des Mannes geht das Haar langsam zurück, sie betrachten das Foto eines frisch vermählten Paares an der gegenüberliegenden Wand und lächeln. Jeder lächelt hier jeden an. Nirgends ein Bild von einem alten, hässlichen oder nachdenklichen Menschen. Als hätte niemals ein freudloser Mensch seinen Fuß in dieses Fotostudio gesetzt. Oder als wäre es das Erfolgsgeheimnis des Fotografen, nie einen Kunden zu fotografieren, wenn dieser im Angesicht seiner Kamera nicht von Herzen lächeln konnte.
Während ich so in Gedanken versunken war, öffnete sich plötzlich die Ateliertür, und wie eine Frühlingsbrise zog die Braut, ganz in Weiß, weißer als die Blumen in ihrer Hand, mit dem jungen Bräutigam an ihrer Seite an mir vorbei und hinterließ einen Duft nach Frühling. Dann stiegen sie in den Wagen, der auf sie gewartet hatte. Der Fotograf blieb, nachdem er ihnen Lebewohl gesagt hatte, noch eine Weile in der Tür stehen und schaute dem Wagen nach, dann drehte er sich um, lächelte in der Pose eines Künstlers, der mit seinem Werk zufrieden ist, vor sich hin und machte, ohne mich zunächst wahrzunehmen, einige Schritte in meine Richtung. Als er schließlich meine Anwesenheit bemerkte, war es, als würde er aus einem süßen Traum erwachen, er setzte einen fragenden Blick auf, was ich wolle.
»Ich möchte gerne ein Foto machen lassen. Ich wünsche mir, dass es eine gelungene Aufnahme wird«, sagte ich. Während ich sprach, musterte er mich von Kopf bis Fuß, dabei wich die Zufriedenheit, die sein Gesicht eben noch ausgestrahlt hatte, allmählich einer Besorgnis. »Kommen Sie bitte ins Atelier«, sagte er.
Ich voran, er hinterher, betraten wir das Atelier, in dem noch der glückselige Duft von Blumen und Lavendel schwebte. Er wies auf den Stuhl, damit ich mich setzte. Er begab sich hinter die Kamera, sein Gesicht verschwand unter dem Tuch, und nur hin und wieder vernahm ich seine Stimme: »Sitzen Sie ganz natürlich.«
»Seien Sie nicht so angespannt.«
»Vergessen Sie, dass Sie jetzt fotografiert werden.«
»Denken Sie an etwas Schönes!«
Dieser Hinweis war völlig überflüssig, denn ich war mit lauter erfreulichen Gedanken hierher gekommen. Das Foto, das gleich geschossen wird, trägt vielleicht eines Tages meine Freundin in ihrer Tasche … Vielleicht wird dieses Foto …
Plötzlich erhob sich die Stimme des Fotografen, jetzt klang sie noch gereizter: »Bitte lächeln Sie nicht so gezwungen.«
Stimmt, wie hässlich ist ein gezwungenes Lächeln! Ich habe ja keinerlei Grund, gezwungen zu lächeln. Durch die Linse schaut mich die Ewigkeit an, und ich werde dieser Ewigkeit, all den künftigen Generationen, die mir zu Füßen liegen, zulächeln wie ein großer Dichter, ein bisschen hochmütig, fast ein wenig von oben herab.
Oder ist das eitel? Vielleicht sogar lächerlich und anmaßend? Stimmt! Eigentlich war ich in meinem Leben nie anmaßend! Dieses Foto, das gleich gemacht wird, spielt vielleicht nur eine ganz bescheidene Rolle. Vielleicht erreiche ich die höchsten Ehren, die meine Religion mir verspricht, und falle eines Tages als Märtyrer fürs Vaterland. Vielleicht drucken dann manche Zeitschriften mein Foto in einer Reihe mit denen der anderen Helden. Vielleicht hängt meine Schule in einer Ecke ihres Museums auch mein Foto zwischen die ihrer anderen Schüler, die den Heldentod gestorben sind. Vielleicht sterbe ich auch einen ganz gewöhnlichen Tod. Dann werden meine wenigen noch lebenden Verwandten und die wenigen treuen Freunde über diesem Foto meiner gedenken. Ihnen werde ich schon jetzt ein Lächeln des Dankes und der Freundschaft schicken …
Ich versank in die pulsierenden Geräusche des Lebens da draußen, atmete den weißen Duft der Braut ein, der das Zimmer erfüllte, beobachtete die schnäbelnden Tauben auf dem Vordach des Gebäudes gegenüber, stellte mir die Fotos vor, die ich eben im Vorraum betrachtet hatte, als wäre ich einer jener jungen Schulabgänger, der frisch gebackene Offizier, ich malte mir aus, wie ich eines Tages den Rang eines Märtyrers erreichen würde; stellte mir vor, wie ich die Hand meiner Liebsten hielt, wollte so natürlich lächeln wie die Ehepaare, die sich inmitten ihrer Kinderschar fotografieren ließen … Aber warum quäle ich mich jetzt so? Warum versuche ich mir etwas vorzumachen? Was ist aus meinen glücklichen Tagen geworden? Damals, ja damals hätte ich Fotos über Fotos machen lassen sollen! Warum haben wir nicht jede Woche beim Fotografen vorbeigeschaut? Und jetzt, wo ich allein bin, komme ich hierher!
Nein, das ist nicht der richtige Moment, über solche Dinge nachzudenken! Jeder Mensch auf dieser Welt hat seine Katastrophen erlebt. Wird man deshalb gleich zum totalen Pessimisten? Statt an die Katastrophen sollte ich an Glücksmomente denken, an die Neugeborenen anstatt an die Toten, an die Zukunft statt an die Vergangenheit. Außerdem …
Plötzlich schüttelte der Fotograf das schwarze Tuch ab und richtete sich auf. Sein Gesicht war leicht verschwitzt, und hoffnungslos sagte er: »Mein Herr, verzeihen Sie mir, aber ich kann Sie nicht fotografieren.«
Yaşar Kemal
Zu den wichtigsten Plätzen der Städte zählen die Müllkippen. Sind Sie jemals auf den Gedanken gekommen, dass die Müllkippen für eine Stadt nicht nur notwendig, sondern auch bedeutsam sind? Bevor ich die Müllkippe einer großen Stadt gesehen hatte, wusste ich es auch nicht. Eine Müllkippe, so meine ich, ist eine eigene Stadt.
Istanbul ist eine prachtvolle Stadt, eine einnehmende Stadt, und wer einmal ihre Atmosphäre genossen hat, kann ihr nicht mehr entrinnen. Im Laufe der Jahre sind in allen Größen und Farben Bilder von Istanbul gemalt, Fotos geknipst, Gedichte geschrieben worden. Ich habe davon wahrlich vieles gesehen, vieles davon gelesen, aber nichts und niemand hat mir über Istanbul so viel erzählen können wie seine Müllkippen. Ist die Stadt schmutzig, stinken ihre Müllkippen wie Aas, bricht dieser Gestank einem das Nasenbein. Wird Istanbul etwas sauberer, verringert sich auch der Gestank, und duftet Istanbul wie Moschus, duften auch die Müllkippen so. Kann denn eine Müllhalde wie Moschus duften, werden Sie fragen; ja, sie kann es, glauben Sie mir! Wieso ich über Müllkippen so gut Bescheid weiß, werden Sie fragen. Da muss ich sofort etwas gestehen: Ich bin kein Fachmann für Müllkippen! Aber ich will Ihnen auch gleich den Grund meines Wissens nennen, damit Sie mich nicht missverstehen. Erstens: Ich mag Möwen sehr. Ob ich sie wirklich liebe? Nein, nein, sagen wir es so: Ihre Art zu leben, interessiert mich. Ich gehe hin und beobachte sie stundenlang. Mal auf dem Meer, mal auf den Klippen und mal eben auch auf den Müllkippen. Möwen sind unverträgliche, streitsüchtige Plagegeister Gottes, die niemals aufgeben. Ich will hier keine Einzelheiten über das Alltagsleben der Möwen ausbreiten. Doch eines Tages werde ich Ihnen über die Möwen, diese gierigen, räuberischen, niemals locker lassenden Geschöpfe, eine ausführliche, reizvolle Geschichte schreiben können. Der Lebenskampf der Möwen findet hauptsächlich auf Müllkippen statt. Meine Neugier auf Müllkippen wurde zuerst von Möwen geweckt. Und danach von meinem Nachbarn Meister Rüstem, diesem aus dem Landkreis Zara der Stadt Sivas stammenden vitalen, lebenslustigen Spaßvogel mit dem riesigen buschigen Schnauzbart und den lachenden Augen. Seit zehn Jahren ist er ein Istanbuler Müllwerker. Zum Meister der Müllwerker ist er vor vier Jahren ernannt worden, und nach diesem Aufstieg kaufte er das Grundstück neben unserem Haus und pflanzte dort erst einmal drei Pappeln. Dann umfriedete er es mit einer Hecke und im folgenden Frühling, was sehen wir? Entlang der ganzen Hecke blüht echtes Geißblatt, dessen Duft durchs ganze Viertel strömt. Wie das alles geschah, wann er das Haus aufs Grundstück gesetzt hatte, davon hatte nie jemand im Viertel, auch ich nicht, vielleicht nicht mal er selbst etwas mitbekommen. Dort stand es nun hinter der Geißblatthecke, ein geräumiges, hellgrün gestrichenes Haus mit drei Fenstern, als stünde es dort schon seit tausend Jahren. Bald danach lernten wir seine Frau kennen, ein kleines, frisches Weib um die fünfundzwanzig, mit kräftigen Hüften, großen, leicht geschlitzten Augen. Von morgens bis abends putzte sie die Fenster, scheuerte die Dielen, ackerte im Garten, gönnte sich keine Pause. Im ganzen Viertel war dies zwischen den Villen der Reichen gezwängte blitzblanke Haus von Meister Rüstem wohl das schönste und sauberste. Manchmal beobachtete ich, wie Mann und Frau an der Pforte standen und mit verzückten Mienen das Haus betrachteten, als sei es das Kunstwerk eines Malers. Fühlten sie sich dabei ertappt, wurden sie rot wie auf frischer Tat erwischte Kinder und flüchteten verschämt ins Haus. Ich überraschte sie oft dabei, und am Ende bewunderten wir Seite an Seite gemeinsam dieses schöne Häuschen und konnten uns daran nicht satt sehen. Der Frühling kam, im kleinen Garten blühten die verschiedensten Blumen, schmückten bunte Geranien und Basilienkräuter die Fensterbänke: Meister Rüstems blitzblankes Haus schien für den Zuschauer wirklich ein aufheiterndes, beglückendes Kunstwerk aus der Hand eines meisterlichen Malers zu sein.
Die beiden hatten auch zwei Kinder: ein Mädchen und einen Jungen. Der Junge, ein quicklebendiges Kerlchen, war von morgens bis abends auf den Beinen und wirbelte flink wie ein Dschinn durchs ganze Viertel. Aber auch er, obwohl dauernd über Stock und staubigem Stein, war immer frisch gewaschen und blitzsauber wie das Haus. Die etwas ältere Tochter war sanft und wortkarg, lächelte immer verschämt und machte mit ihren etwas wehmütigen Gesichtszügen, dem schmalen Kinn und den vollen Lippen schon jetzt den Eindruck einer Erwachsenen, und so verhielt sie sich auch. Die ganze Familie, Eltern und Kinder samt Haus und Blumen, machte den Eindruck, als strömte sie über vor Liebe und unendlichem Glück. Und jeder, der durch ihre Tür ging, spürte dieses Glück, und sein Inneres füllte sich auch mit Liebe. Ja, es gibt Orte, Häuser und Menschen, da verspürst du beim ersten flüchtigen Blick schon ein Glücksgefühl.
Wenn ich mich während unserer vierjährigen Nachbarschaft einmal grämte, in Trübsinn verfiel und die Welt verfluchte, ging ich ins Freie, warf einen Blick auf das kleine Haus, und alle Bedrängnis fiel von mir ab. Der schnauzbärtige, stattliche Mann kam jeden Abend in seiner Arbeitskluft nach Hause, griff manchmal, wenn er in Stimmung war, nach seiner Saz und sang dazu ganz leise seine Lieder, die ich noch nirgends gehört hatte und jetzt bis an mein Lebensende wohl nie wieder hören werde. Worum ging es in diesen Liedern? Um Glück, um Leid, um irgendein Ereignis, ich konnte es nicht ausmachen. Manchmal wollte ich ihn überraschen, neben ihm seinen Liedern lauschen, hören, was er sang. Doch kaum war ich durch die Tür, sprang er auf, bot mir einen Platz an und legte seine Saz eilig hinter die Truhe. Einige Male bat ich ihn, nicht aufzuhören, doch ich stellte fest, er würde eher sterben, als in meinem Beisein spielen, und gab auf. Noch immer sinne ich den Worten nach, die Meister Rüstem in diesen Liedern so schön gesungen hatte.
Meister Rüstem hatte mich gern. Ich wollte seine Arbeit sehen, und er wies mich nicht ab, freute sich sogar. Und so ging ich hin und wieder dorthin. Der Platz lag außerhalb der Stadt, nahe den Ziegeleien. Hier wurde, unter Aufsicht von Meister Rüstem, der Müll abgeladen, an manchen Tagen auch verbrannt, und ich bin auf diesem Erdenrund noch nie einem so bestialischen Gestank begegnet wie dem von brennendem Müll.
Und dass eine Müllkippe das Abbild ihrer Stadt ist, habe ich während meiner Besuche bei meinem Freund Meister Rüstem festgestellt.
Ja, die Müllkippen sind wie die Stadt, denn im Müll lassen sich alle Gegenstände der Stadt wieder finden. Armbanduhren, Standuhren, Taschenuhren, auch nagelneue. Fingerringe, Armbänder, Halsketten, sogar goldene, sogar solche mit Diamanten … Schreibstifte, Füllhalter, Kugelschreiber, Scheren, Garnknäuel, Haspeln, Brillen, Münzen. Was immer es in einer Stadt gibt, gibt es auch auf ihrer Müllkippe. Und alles, was sich in einer Müllkippe findet, ob wertvoll oder nicht, teilen sich die Müllwerker brüderlich. Nur eines teilten sie sich nicht, und das waren Schreibstifte. Und wer im Müll einen Stift fand, brüllte begeistert, als seis ein goldner oder diamantener Ring: »Meister Rüstem, noch ein Schreibstift! Und wie schön, schau, und nicht mal angespitzt. Und die Farbe ist Rot, schau!«
»Meister Rüstem, noch ein Schreibstift, grün, was für ein schönes Grün! Ein Füllhalter ist das!«
»Meister Rüstem, ein Schreibstift, der wohl hundert Lira kostet. Noch in seiner Schachtel.«
Ein großer Krug Wasser stand neben Meister Rüstem. Wurde ihm ein Schreibstift gebracht, drehte er ihn sorgfältig in seiner Hand, musterte ihn von allen Seiten, seifte ihn ein und wusch ihn gründlich.
Meister Rüstem hatte zunächst darauf bestanden, auch die Schreibstifte aufzuteilen, aber er konnte sich bei seinen Arbeitskameraden damit nicht durchsetzen. Denn er hatte Kinder, die zur Schule gingen, lesen und schreiben lernten und eines Tages ein Herr, eine Dame sein würden. Und sollten sie hier auch täglich hunderte, ja, tausende Schreibstifte finden, sie gehörten allesamt den Kindern von Rüstem!
Jeder Müllwerker strahlte vor Freude, wenn er Meister Rüstem die Schreibstifte brachte. Jeder von ihnen war überzeugt, damit einen großen Sieg errungen, eine Freundestat vollbracht zu haben. Denn er half diesen Kindern erfolgreiche Erwachsene mit viel Wissen zu werden und keine Müllwerker! Diese Freude stand in ihren leuchtenden Augen. Und Meister Rüstem hatte nicht das Recht, ihnen dieses Glücksgefühl zu nehmen! Und außerdem waren Schreibstifte für die Kinder das schönste Spielzeug. Jeden Abend kam er mit Schreibstiften in allen Farben nach Haus. Und täglich schlossen Frau, Sohn und Tochter Wetten ab, wie viel er nach Feierabend wohl mitbringen würde. Jedes Mal gewann die Tochter, denn immer stimmte ihre geschätzte Zahl oder kam der wirklichen am nächsten.
Dieses Jahr war das Mädchen in die fünfte, die letzte Klasse der Grundschule versetzt worden. Es gab etwas, worauf sie stolz war, das ihr Selbstsicherheit verlieh, das sie aber nicht verraten durfte. Die Kinder hier hatten tausend Dinge: entzückende Kleider, schöne Schultaschen, Autos, mit denen sie jeden Tag von der Schule abgeholt wurden … Ja, das alles hatten sie, aber keines besaß so viele Schreibstifte, nicht einmal in den Schreibwarenläden gab es so viele. Darauf war sie ganz verstohlen so stolz, dass ihre Augen heimlich funkelten, ihre Wangen rosarot anliefen, wenn sie nur daran dachte. Aber niemand wusste ja davon, und das war ihr großer Kummer. Schließlich konnte sie ihre Schreibstifte ja nicht in die Schule mitnehmen! Wenn sie es doch nur könnte, vor Bewunderung würde sich jeder auf die Fingerkuppen beißen! Sie hatte sicher tausend Buntstifte. Rote, schwarze, blaue, orangefarbene … Ein Durcheinander von Farben, ja, ein leuchtendes Durcheinander von Farben! Die Schreibstifte in die Schule bringen, das ginge schon, was aber, wenn sie gefragt wurde: »Woher hast du sie?« Vor so vielen Kindern konnte sie doch nicht antworten: »Mein Vater, der Obermüllmann, hat sie im Müll aufgesammelt!« Und wenn sie sterben müsste, man sie schlachtete, ihr Blut vergösse, sie brächte das nicht über ihre Lippen. Wie sollte sie! Aber die Schreibstifte mitnehmen und ihren Freunden zeigen musste sie unbedingt!
Tagelang zerbrach sie sich den Kopf, fand aber keinen Ausweg. Sagte sie: Diese Schreibstifte hat mir mein Vater gekauft, würden sie ihr nicht glauben. Nicht einmal den Millionärskindern kauften ihre Väter so schöne Schreibstifte. Aber sie musste unbedingt einen Ausweg finden. Sie hatte es sich so in den Kopf gesetzt, dass sie es nicht mehr rauskriegen konnte. Und so stopfte sie eines guten Tages Schreibstifte in ihre Schultasche und nahm sie mit. Sie brannte darauf, sie zu zeigen, wurde ganz verrückt danach, konnte es aber nicht. Vielleicht eine Woche lang wand sie sich wie im Fieber, doch sie schaffte es nicht. Sie hätte es wohl bis zum Jahresende nicht gewagt, wäre ihr nicht Erol, der große Sohn des Nachbarn, begegnet. Er arbeitete in Osmanbey in einem großen Schreibwarengeschäft. Sie hatte dort Hefte gekauft. Der Laden war voller Schreibstifte … Ach, wäre dieser Erol doch ein Verwandter, zum Beispiel der Sohn ihres Onkels, das wäre schön, ach, wäre das schön! Sie hätte dann sagen können: »Erol, der Sohn meines Onkels, hat sie mir geschenkt.« Bis Mitternacht dachte sie an jenem Abend über Erol nach.
Am Morgen waren ihre Schultasche und alle Taschen ihres Kittels randvoll mit kunterbunten Stiften gefüllt. Zuerst breitete sie diese vor Sabahat, ihrer Nachbarin auf der Schulbank, aus. Sabahats Familie besaß im Großen Basar ein Juweliergeschäft mit Goldreifen bis an die Decke. Aber selbst Sabahat hatte nicht so viele Schreibstifte.
»Ach du meine Güte, Mädchen, woher hast du so viele Schreibstifte?«
»Bruder Erol bringt sie mir«, antwortete Neriman unbekümmert. »Jeden Abend. Er hat in Beyazıt einen riesigen Laden voller Schreibstifte. Weißt du, wer Bruder Erol ist? Er ist der Sohn von meinem Onkel, und er hat noch nie geheiratet.«
Sabahat lief sofort zu den andern. »Neriman hat viele Schreibstifte, sehr viele Schreibstifte, na, so viele, vielleicht tausend … Meine beiden Augen sollen erblinden, wenn ich lüge!«
Die Kinder scharten sich um Neriman. Ja, sie hatte wirklich sehr viele Schreibstifte!
»Ihr Onkel soll einen Sohn haben«, erzählte Sabahat, »der hat noch nie geheiratet. Und in Beyazıt hat er einen riesigen Laden, der ist voller Schreibstifte. Wir werden jeden Tag hingehen, und Bruder Erol wird uns auch Schreibstifte schenken.«
Neriman war von Sabahat begeistert.
»Na, und wusstest du denn nicht«, rief sie und fingerte fünf, sechs Schreibstifte heraus, »dass Bruder Erol dir diese hier schickt? Er sagte mir: ›Gib sie Sabahat!‹ Denn ich hatte ihm von dir so viel erzählt und ihm gesagt, du bist meine beste Freundin.«
»Ich wusste es, und ich danke dir«, sagte Sabahat und lachte.
Es klingelte. Und von allen bewundert, packte Neriman die Schreibstifte in ihre Schultasche. Der Unterricht begann. Nun war sie allen überlegen! Sie floss über vor Freude.
Von nun an kam sie jeden Tag mit ihren Taschen voller Schreibstifte in die Schule, verteilte sie an jedermann und war jetzt jedermanns große Schwester. Warum sollten die Kinder sich noch Schreibstifte im Laden kaufen? Bruder Erol gab ihr in Mengen, und sie verschenkte sie an jeden. Sie hatte ja so viel davon, und wenn sie die ganze Schule beschenkte, blieben noch genügend übrig!
Nerimans Glückseligkeit währte, bis es zu jenem schmutzigen Vorfall kam.
Da war doch dieser kleine Zühtü, dieser schielende Sohn des Krämers, diese widerwärtige Rotznase, und dieser Junge verdarb alles. Ein Lügner, ein unerträglicher Schweinehund, bei dem du schon das Kotzen kriegst und vierzig Tage keinen Bissen mehr herunterbekommst, wenn du ihm nur einmal ins Gesicht schaust. Alles, was dann geschah, hatte seinen Ursprung in seinem Gehirn.
Er stellte sich vor den Lehrer hin und sagte: »Ich schwöre bei Gott und bei meinem Leben, Neriman hat meinen Schreibstift geklaut! Und ich soll den Leichnam meiner Mutter küssen, wenn ich lüge. Ich habe meinen Schreibstift zwischen den anderen gesehen. Er ist eingekerbt, ein grüner Schreibstift mit zwei Kerben. Und genau diesen Schreibstift habe ich bei Neriman gesehen!«
Der Lehrer rief Neriman zu sich, ließ sie die Tasche öffnen … Und er kam bei so vielen Schreibstiften aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
Zühtü stürzte sich sofort auf die Schreibstifte, griff sich einen und schrie: »Na, der hier, Herr Lehrer!«
»Woher hast du all diese Schreibstifte?«, fragte sehr streng der Lehrer.
Darauf war Neriman schon seit Tagen vorbereitet, und sie antwortete mit heruntergezogenen Mundwinkeln: »Diese Schreibstifte schenkt mir Bruder Erol. Ich hab zu Haus noch viel mehr.«
Misstrauisch schaute der Lehrer dem Mädchen ins Gesicht: »Geh nach Haus und bring sie alle her!« Und zu Zühtü gewandt: »Gib Neriman den Stift wieder zurück!«
»Aber Herr Lehrer!«
»Gib ihn zurück!«
Er nahm ihm den Stift aus der Hand und gab ihn Neriman. Neriman stopfte die Schreibstifte in ihre Tasche, machte sich auf den Heimweg und begann mit der Tasche in der Hand zu laufen.
»Lass die Tasche hier!«, rief der Lehrer hinter ihr her.
Neriman kam zurück, stellte die Tasche auf den Tisch und rannte nach Hause. Sie war schnell dort, packte alle Schreibstifte in einen größeren Stoffbeutel und lief zurück zur Schule.
»Bitte, Herr Lehrer, das sind alle.«
»Geh du jetzt zurück in die Klasse!«, sagte der Lehrer.
Dann suchte er den Oberlehrer auf und erzählte ihm lang und breit den Vorgang. Und der Oberlehrer der Schule ging von Klasse zu Klasse und verkündete: »Alle, die einen Schreibstift verloren haben oder denen einer gestohlen worden ist, haben sich nach Schulschluss vor meinem Zimmer einzufinden!«
Einige Stunden später brodelte es vor der Tür des Oberlehrers. Wohl der Hälfte von allen Schulkindern waren Schreibstifte abhanden gekommen oder gestohlen worden.
»Erzähl mal, wie sah denn der Schreibstift aus, der dir gestohlen wurde?«
Und das Kind beschrieb den Schreibstift, und der Oberlehrer fischte ihn heraus und gab ihn dem bestohlenen Kind.
So bekamen viele Kinder ihren Schreibstift wieder, und die Kinder hatten nicht einmal gelogen, die Stifte hatten ihnen ja einmal gehört.
»Erzähl, wie hast du so viele Schreibstifte gestohlen?«
»Ich habe sie nicht gestohlen.«
»Sag die Wahrheit, und ich verzeihe dir, Mädchen!«
»Ich habe sie nicht gestohlen.«
»Nun gut, auch wenn Bruder Erol Millionär wäre, warum sollte er dir so viele Schreibstifte schenken? Einen, zwei oder sogar zehn, einverstanden, aber hunderte?«
»Bruder Erol hat sie mir gegeben, sein Laden ist voll davon.«
Nachdem der Oberlehrer ihr auch nach langem Drängen kein Geständnis hatte entlocken können, sagte er: »Hol sofort deine Eltern her!«
Kaum zu Haus, ließ Neriman sich aufs Bett fallen und begann laut schluchzend so zu heulen, dass ihre Augen blutrot wurden. Entsetzt drang die Mutter in sie, doch vor lauter Jammern konnte das Mädchen nicht sprechen. Erst nachdem sie sich ein bisschen beruhigt hatte, erzählte sie der Mutter ausführlich, was geschehen war. Als abends der Vater wieder mit einem Arm voll Schreibstiften nach Hause kam, warf Neriman sie, so weit sie konnte, auf die Straße. Und die Mutter erzählte dem Vater unter Tränen, warum.
Und bei ihrem Leben flehte Neriman ihre Eltern an: »Sagt um Gottes willen nicht, die Schreibstifte stammen von der Müllkippe! Sagt, Bruder Erol hat sie mir geschenkt!«
»Sie werden es nicht glauben.«
»Das ist mir egal!«
»Ist Schreibstifte in der Müllkippe sammeln denn schlimmer als sie stehlen?«
»Viel schlimmer, viel schlimmer.«
Das Für und Wider zwischen Vater, Mutter und Tochter dauerte bis Mitternacht.
Schließlich drohte Neriman: »Wenn ihr sagt, die Schreibstifte sind aus der Müllkippe, töte ich mich!«
Meister Rüstem kannte seine Kinder gut. Ja, das Mädchen würde sich töten.
»Du hast Recht, mein Mädchen, ich werde in der Schule sagen, Erol, der Sohn ihres Onkels, hat ihr die Stifte geschenkt.«
Am nächsten Morgen erzählte Meister Rüstem, der seine Tochter zur Schule begleitet hatte, dem Lehrer und dem Oberlehrer von Erol, beschrieb lang und breit, was für ein gutherziger und großzügiger Verwandter dieser sei. Daraufhin verlangte der Oberlehrer die Anschrift von Erols Geschäft in Beyazıt. Verdattert standen Vater und Tochter da. Am Ende erfand Meister Rüstem irgendeine Adresse, und der Oberlehrer schrieb sie sich auf. Und dann verließen Vater und Tochter die Schule.
Als die Nachforschungen abgeschlossen waren, wurde Neriman wegen Diebstahls von Schreibstiften von der Schule verwiesen.
Ich hatte davon ziemlich spät erfahren und eilte sofort zu Meister Rüstem, doch es war niemand zu Haus. Eine Woche lang ging ich täglich hin und her, doch die Tür war zur Mauer geworden. Als ich sechs Monate später nach Basınköy zog, war die Tür noch immer verschlossen. Ein gähnend leeres, trauriges, totes Haus … Den schönen Garten hatten die Kinder des Viertels zertrampelt, und die roten, blauen und rosa Geranien auf der Fensterbank waren herausgerissen.
Ich kenne mich gut aus mit Müllkippen. Dank Meister Rüstem. Müllkippen sind das genaue Spiegelbild ihrer Städte. Ist eine Stadt schmutzig, niederträchtig, grausam, ohne Mitleid, dann stinken ihre Müllkippen tausendmal schmutziger. Stinken wie Aas … Auf Istanbuls Müllkippen gehen Möwen nieder, tünchen sie weiß, und der schmutzige Müll ist vor lauter Möwen nicht mehr zu sehen. Ach ja, und dann finden sich in den Müllkippen von Istanbul auch noch kunterbunte Schreibstifte … Hin und wieder gar ein goldener Ring.
Hulki Aktunç
I
Madame Krista fiel drei Reihen vor mir tot um. Innerhalb eines Augenblicks, eines winzig kleinen Augenblicks, in dem zahllose Bilder an meinem inneren Auge vorüberzogen, fiel und fiel und fiel und starb und starb und starb sie unzählige Male. Bis zur Filmvorführung blieb nur noch sehr wenig Zeit. Die Lichter. Das Halbdunkel. Jetzt wird es gleich ganz dunkel werden. Ein leichter Petroleumgeruch hing noch immer in der Luft. Die Holzdielen waren frisch mit Petroleum eingerieben worden. Mir wurde übel von der trägen, stickigen Luft, in der dieser penetrante Geruch still und leise von den vorderen zu den hinteren Reihen, vom Parkett zur Loge und zu den Balkonen wanderte und dort hängen blieb. Ich hatte Angst, dass sich Petroleum in den Haaren der armen Frau – meiner Frau – festsetzen könnte. Seltsam, sie war tot, und ich dachte an ihre Haare. In meiner linken Brust spürte ich ein unerträgliches Klopfen. Ich lief gleich zu Krista. Ich fasste sie an der Hand und tastete nach ihrem Puls; er hatte aufgehört zu schlagen. Die kleine Taschenlampe in ihrer Hand brannte. In ihrer anderen Hand lagen Münzen, die unter dem spärlichen Licht wie etwas Kostbares erschienen und sogar ein bisschen funkelten. Mir war es zuwider, mich auf diesen Boden zu knien. Aber Madame Kristas Handgelenk war warm.
Krista: Ach, Seyfi, ich war einst wunderschön. Jetzt wirke ich nur noch gepflegt.
Krista: Du weißt, wir verdienen kleine Münzen.
Direktor: Du sparst kleine Münzen, aber es ist ehrlich verdientes Geld.
II
Als ich in diese Stadt kam, war ich schüchtern und unerfahren, ein tollpatschiger junger Mann. Schüchtern? Eher ängstlich. In diesen Straßen gehen andere Menschen, und auch in diesen Häusern leben Menschen, die völlig anders sind als ich, und die Frauen sind Ehefrauen von ganz anderen Männern, all das ging mir damals durch den Kopf. Oje, und dann erst diese Arbeitssuche! Noch während ich mich damit plagte, Arbeit zu finden, spürte ich, dass all die Ängste, die mir diese Stadt einflößten, verschwanden. Ich wurde einer von ihnen. Ursprünglich bin ich aus Şebinkarahisar. Hier in der Stadt hatte ich aber eine Menge Verwandte und Landsleute. Bei ihnen verkroch ich mich, schämte mich jedoch dafür: Das Brot, das ich dort aß, lag mir wie ein Stein im Magen, die Suppe, die ich löffelte, schmeckte wie Gift.
Endlose Wochen vergingen; dann kam mir plötzlich zu Ohren, dass die Familie Veysi jemanden suchte. Sie betrieben das Büfett eines Freiluftkinos. Ich ging hin. Es lag im Süreyya-Garten. In Kadıköy. Einige der Laufkellner hatten zu einem Hochzeitssaal in Moda gewechselt. Jetzt fehlten Leute. Sie stellten mich sofort ein. Mit einem Öffner in der Hand zog ich los und ließ die Flaschen im Kasten klirren; ich verkaufte Limonade an Jung und Alt. Das Mädchen küsste den Jungen, der Junge küsste das Mädchen. Der Böse brach in krächzendes Gelächter aus. Der Arbeitslose wurde zum Taschendieb; Nergis trällerte das Lied Mupere; der liebenswerte Pirat schwang sich von Seil zu Seil; auf dem Hurenschiff sang Kerima traurige Lieder – traurige Lieder, die wie Gazelen klangen –, während sie in dem Licht, das durch die Bodenplanken drang, in Schönheit erstrahlte; Kenan Bey setzte alle Hebel in Bewegung, um Ayhan Bey etwas anzutun; bis ich alles mitbekam, war es August, September geworden; die Holzstühle im Süreyya-Garten wurden zusammengestellt und übereinander getürmt – einige fielen schon auseinander, einige waren angebrochen, ein paar wenige in Ordnung. Trockenes, gelbes Laub raschelte unter meinen Schritten. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, die Stelle als Aushilfskellner auch. Der Herbst kam und mit ihm die schwermütigen Herbstabende. Der Winter stand vor der Tür, der kam als Unglücksbote, denn er fesselt den jungen Mann wieder an andere. Ich wusste nicht, wie ich das ertragen sollte. Im Süreyya-Saal gab es keine freie Stelle. Das Büfett lief gut. Ich war überflüssig. Wie sollte es denn auch anders sein? Ich war doch nur Seyfi, der Sommerkellner.
Veysi: Du bist ein langer Lulatsch. Wenn du mit zwei Kästen losziehst, bist du nach fünf Minuten am Ende.
Süreyya-Garten: Morgen Abend Beschneidung, übermorgen Auftritt von Dümbüllü, dem Komiker.
Veysi: Das Leben ist unsicher, Junge. Wenn du dich schon auf Gelegenheitsarbeiten verlegen und dabei kein Risiko eingehen willst, such dir Lukrativeres.
Krista: Ein gutes Gedächtnis bringt einem nur Leid.
III
Die Stadt am anderen Ufer verhieß Abenteuer anderer Art. Dort, sagte man, lagen die wirklichen Kinos und Theater. Einer der Sommeraushilfen unseres (so schnell war es »unserer« geworden) Süreyya-Gartens hatte drüben Arbeit gefunden, im Kino Peri. Unserem Sommeraushilfskellner schien es dort gut zu gehen. Die Menschen waren vornehm, es schien sehr sauber zu sein, und das Trinkgeld soll auch reichlich geflossen sein. Mit diesem Mann hatte ich einen ganzen Sommer bei der Arbeit Seite an Seite verbracht. Wenn wir uns verständigen wollten, schlugen wir mit den Öffnern an die Flaschen. Er hatte mich nicht vergessen. Er rief mich. Dem Direktor stellte er mich als »erfahrenen Kellner« vor. Ich fing an zu arbeiten.
Krista: Wir sind das Peri, und er ist unser Direktor.
IV
Ich erinnere mich an den Tod der Witwe in Alexis Sorbas, als hätte ich ihn miterlebt. Madame Krista war jünger als sie. Sie waren sich aber ähnlich. Die Bauern plünderten die Sachen der alten Frau. Madame Krista lebte seit Jahren allein. Sie wohnte in einer Pension und hatte nichts, was sich zu plündern lohnte. Hatte ich ihr Herz geplündert? Ich spüre einen Anflug von Reue. Madame Krista war eine von drei Platzanweiserinnen im Peri.
Direktor: Selbst ich bin schöner als diese Frau, aber ich habe keine Zeit für Trinkgelage.
V
Schon am ersten Tag war sie freundlich zu mir. Einem Fremden so offen lächelnd zu begegnen, liegt nicht jedem. Das war das Besondere an uns: Kaum lernten wir uns kennen, teilten wir auch schon unseren Kummer. Waren wir uns so ähnlich? Waren wir zwei alte Melancholiker?
In den Stunden, in denen die Zuschauer in tiefer Dunkelheit ausharrten, pflegten Madame Krista und ich uns zurückzuziehen – wie alle »Stundenarbeitslosen« in den Kinos – und ausgiebig zu plaudern. Zuerst machte sie Witze über sich selbst, damit sie sich dann umso mehr über mich lustig machen konnte.
Kellner: Das geht aber zu weit. Ob sie es in der Toilette miteinander treiben?
Manchmal fing sie ohne Grund an gellend zu lachen; ein andermal war sie wegen einer Krampfader, die kaum zu sehen war, zu Tode betrübt: ein weiblicher Jean Valjean.
Madame Krista war Witwe. Sie erzählte oft von ihrem Mann und ihrer frühen Kindheit wie in Filmsequenzen. Haben die Filme von ihr erzählt, oder hat sie die Filme erzählt? Es war zum Verwechseln.
Krista: Er war Schneider. Er hatte vornehme Kundschaft. Er trank. Viel.
Nach so vielen Jahren erst wird mir klar, dass es einmal ein cineastisches Zeitalter gab. Madame Krista war die letzte Frau jener Ära. Wenn du sie aufgefordert hättest, die Monatsnamen aufzusagen, sie hätte es nicht geschafft; dafür aber hätte sie die zweiundfünfzig Wochen des Jahres als die Das verflixte 7.Jahr-Woche, die Vom Winde verweht-Woche und die High Noon-Woche benennen können.
Seyfi: Ich bin deiner nicht würdig.
VI
Mit Alkohol kannte sie sich aus. Eines Abends, als der zweite Teil eines Filmes lief, setzte sie sich über alle Regeln hinweg und sagte, sie wolle mir einen ausgeben. Sie liebe mich wie ihren Sohn; ich sei sehr verschlossen; so wie es kein zweites Istanbul gebe, so gebe es auch keine zweite Krista.
Es gab da eine kleine Kneipe. Einige Musiker schauten dort auf dem Weg zur Arbeit vorbei, einige nach ihrer Arbeit, tranken umsonst ein paar Gläschen Rakı und spielten dafür, wenn ihnen danach war, Improvisationen.
Madame Krista kannte dort jeder. Sie nahm mich am Arm und führte mich hin. Auf der Istiklâl stolzierten wir wie zwei Helden. Als wir zur kleinen Kneipe kamen, fühlten wir uns, als hätten wir einen unbeschreiblichen Sieg errungen. Wir hatten uns aus dem Staub gemacht. Wir waren beide nicht auf die Flucht vorbereitet, aber wir sind getürmt und wurden nicht erwischt.
Wir tranken beide Rakı. Dazu gab es Fetakäse, Honigmelone und Pilaki … diese kleine Welt, an die ich mich allmählich gewöhnte, zog mich in ihren Bann.
In jener Nacht kam ein Streichtambura-Spieler. Mit einer Schönheit, an die ich mich bis zu meinem Tode erinnern werde, spielte er eine Improvisation mit weit ausholenden Läufen. Er setzte kurz aus, nur um erneut loszuwimmern. Er klagte, er wisperte leise vor sich hin – eine große Kreisbewegung, die, wenn sie zu Ende war, immer wieder von neuem begann. So wie das Leben.
Krista: Die Trennung verletzt mich im Herzen …
Seyfi: Die Trennung verletzt im Herzen …
Als wir aus der Kneipe traten, wankten wir im sanften Lodoswind. Madame Krista nahm mich zu sich nach Hause. Sie kochte Kaffee. Sie bot mir selbst gemachten Kirschlikör vom letzten Sommer an. Wir schliefen miteinander.
Auf ihrer Haut lag ein Marmorschimmer, der Duft harter Steine, von Feigen, die auf solchen Steinen wuchern.
Am nächsten Tag genierten wir uns voreinander, das hielt aber nicht lange an. Als es Abend wurde, plauderten wir wieder im lärmenden Trubel des Kinos miteinander, sprachen über den Streichtambura-Spieler. Nach der Abendvorstellung fasste sie mich wieder am Arm. Nahm mich wieder mit nach Hause (noch einmal verwandelte sie mit einem Mann das Pensionszimmer in ein Zuhause).
Seyfi: Deine Haare sind schön.
Krista: Mein Hals ist dunkel.
Krista: Ich koche für dich, ich wasche dir die Wäsche.
VII
Ich weiß nicht, wie sie das anstellte, aber sie machte einen Städter aus mir … ohne dass ich es merkte.
Obwohl mir Geld nichts bedeutete, begann ich zu sparen. Eines Abends machte ich ihr einen Heiratsantrag. Wir lebten zwar wie Mann und Frau zusammen, seien aber nicht verheiratet, und das verletze doch Kristas Stolz … Sie lachte. Sie lachte lange, sehr lange, so lange, dass es mich schon kränkte. Ich sei der süßeste Dummkopf der Welt. Heiratet denn ein stattlicher junger Mann eine reife Frau? Wenn die anderen das mitbekämen, sagen sie, Madame Krista verführe Knaben. Die seien sowieso eifersüchtig, dürften nichts davon erfahren. Der böse Blick könnte uns sonst treffen.
Krista: Du bist ein unerfahrener, tapferer Kerl. Hochleben sollst du.
In jener Nacht sagte sie, der Platzanweiser Muammer Bey werde bald in Rente gehen. Wenn ich möchte, würde sie mit dem Direktor vom Peri reden.
Direktor: Dein Tag ist dunkel, aber deine Nacht ist hell.
Ich könne die Stelle von Muammer Bey übernehmen. Krista sagte: Ich bin immer an deiner Seite, ich bringe dir an einem Tag alle Sitzreihen bei. Sie freute sich sehr.
Krista: Das sind die Schulreihen. Aber es gibt keinen Lehrer und keinen, der Schläge verteilt.
Dann verdiente ich etwas besser. Es war weniger anstrengend für mich. Die Reihen und Nummern lernte ich sofort auswendig. Hatte ich so ein gutes Gedächtnis?
Krista: An meinem ersten freien Tag ging ich ins Kino auf der anderen Straßenseite. Ich setzte mich auf einen Platz und schaute mir einen Film an.
VIII
Der Ausdruck »meine Wenigkeit« hatte einen echten Sinn, bevor er in Komödien breit getreten wurde.
Aus Stadtereignissen wurden Dorfgeschichten. Die Filmvorschauen waren jetzt gespickt mit Frauenbeinen und Frauenhintern. Das glattrasierte Gesicht von Gary Cooper wurde beim Kampf mit den bösen Spaghetticowboys in Mitleidenschaft gezogen. Die blassen Gesichter von Casablanca wurden von James Bond verdrängt, der aber dem Kerl aus Simson ist nicht zu schlagen überhaupt nicht das Wasser reichen konnte. Die atemberaubende Weiblichkeit von Marilyn wurde auf den Hintern von Edwige Fenech reduziert.
Meine Wenigkeit war dabei ein völlig unbedeutender Augenzeuge. Madame Krista verlor ihr ganzes Zartgefühl. Jemand, ein junger Kerl, hatte nach ihren Beinen gegriffen. Da warf sie dem Mann das schwere Münzgeld an den Kopf. Dass ich den Mann von seinem Platz hochzog und mit Fäusten bearbeitete, fasste sie zuerst nicht, dann umschlang sie mich und weinte die ganze Nacht.
Seyfi: Lass los, Krista, lass los, ich werde den Hund in Stücke reißen …
Ob wir uns alleine auch Filme anschauten? Uns selbst Karten kauften?
Sie erzählte, dass sie schon seit ihrem zweiten Jahr im Peri darauf brannte, sich wie ein normaler Zuschauer einen Film anzuschauen.
Wir saßen nebeneinander und sahen Rebecca. Im Kino nebenan lief Maciste. Warum macht ihr Adanalı Tayfur zum Narren? Unser Volk schien das zu mögen, denn es verkaufte sich gut.
IX
Der plötzliche Tod von Madame Krista ereignete sich im zwanzigsten Jahr unseres gemeinsamen Lebens.
Krista: Liebemachen und sich dabei verlieben ist wie Cognac aus schlechtem Wein gewinnen.
Roni Margulies
»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.«
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
Meine erste Erinnerung an Bostancı ist ein stattliches Haus mit Garten. Zuerst kam das Meer, dann eine Reihe Strandvillen, dahinter die Straße und danach unser Haus. Eine Seite des Gartens grenzte an die Eisenbahnlinie. Hörte ich einen Zug nahen, rannte ich los, kletterte auf den Zaun und sah dem Zug nach. Ich sammelte die Fahrkarten aus dickem Karton; in meiner Erinnerung sind sie grün und rosa. Auch erinnere ich mich an ein Erdbeben. Ich hatte nicht recht begriffen, was geschah, und hatte deshalb auch keine Angst. Doch wenn ich mich recht entsinne, muss es mich beeindruckt haben, vielleicht weil sich die Erwachsenen fürchteten? An meine Schwester habe ich aus jenen Jahren keinerlei Erinnerung. Wir sind viereinhalb Jahre auseinander. Sie hat ein Gedächtnis wie ein Elefant, sie erinnert sich an das Erdbeben. In den ersten sechs Jahren meiner Kindheit, also in den Jahren 1955 bis 1961, mietete unsere Familie jeden Sommer dieses Haus in Bostancı. Dabei waren meine Großeltern väterlicherseits – Josef und Fanny – und meine Eltern.
Mein Großvater besaß ein kleines Boot, nur wenig größer als ein einfaches Ruderboot, und das hieß Schmu. Kurz vor Feierabend, so muss ich es wohl später gehört haben, pflegte er meinen Vater anzurufen: »Michel«, sagte er dann, »mach dich fertig, wir fahren heute Abend zum Fischen hinaus.« Vater ging daraufhin los, zupfte dem Hengst des Milchhändlers ein paar Haare aus dem Schweif und fing damit am Ufer Bastardmakrelen als Köder. Später, so erinnere ich mich, zogen wir dann alle gemeinsam los und angelten mit mehreren Haken an einer Schnur. Wenn ich sage, bei jedem Fischzug hätten wir hunderte Bastardmakrelen gefangen, ist das sicher übertrieben, doch so ist es mir im Gedächtnis geblieben. Jahre später, als ich Istanbul verließ und in meiner persönlichen Mythologie den Blaubarsch zu einem hehren, Istanbul symbolisierenden Geschöpf stilisierte, als ich die Fische der Größe nach als »Jungbarsch, Klippenbarsch, Bastardmakrele, Blaubarsch, Großer Blaubarsch« einzuteilen lernte, da bekamen die Bastardmakrelen, die wir damals gefangen haben, eine sehr viel größere Bedeutung in meinem Leben.
Viel später erst ordnete ich meinen Großvater als im wahrsten Sinne des Wortes aufklärerischen intellektuellen Mitteleuropäer ein. Im Polen des österreich-ungarischen Reiches war er 1897 geboren worden, an einem Ort namens Tattenitz. Wo und wie dieser Ort ist, weiß ich nicht. Er sprach nicht darüber und erzählte uns nichts davon. Später schrieb er sich an der Universität von Brno in der heutigen Tschechoslowakei ein, und bald darauf brach der Erste Weltkrieg aus. Als Leutnant zog er in den Krieg. Als der Krieg zu Ende war, das Reich aufgeteilt und er entlassen wurde, machte er sich mit einem Freund gen Polen auf, zu Fuß. Während sich die unterschiedlichen Nationalgebiete des Reiches Scharmützel um ihre künftigen Staatsgrenzen lieferten, wanderte also mein Großvater mit seinem Freund zu Fuß durch die Lande. Die Einheiten der neu entstehenden Nationalarmeen waren noch uniform gekleidet, nur hatten alle ihre Epauletten abgerissen. Auf ihrer Wanderung gelangten sie an eine Front. Da sie auf die andere Seite hinüberwollten, wurden sie bei einem Offizier ohne Epauletten vorstellig, eine kurze Waffenruhe wurde ausgerufen, und Großpapa und sein Freund wechselten hinüber. Hinter ihnen ging der Stellungskrieg wieder los.
An seinem Geburtsort angekommen, wurde er von der polnischen Armee eingezogen. Der Krieg begann erneut für meinen Großvater, als die Sowjets Polen angriffen. Für mich ist hier nicht weiter von Bedeutung, dass Großpapa gegen die Rote Armee kämpfte (zum einen bin ich der erste Kommunist in der Familiengeschichte, sodass es vermessen wäre, zu erwarten, Großpapa hätte nach meinen Präferenzen gelebt, zum anderen war es einer der großen Fehler Lenins, sich die Besetzung Polens anzumaßen). Entscheidend ist aber, dass dieser Leninsche Fehler dazu führte, dass Großpapa meine Großmutter kennen lernte. An der Front wurden die Offiziere der polnischen Armee in die Häuser der Einheimischen einquartiert. Mein Großvater war gut mit dem Arzt seiner Einheit, die in Grodno stationiert war, befreundet und besuchte ihn häufig in seinem Quartier. Dort verliebte er sich in die Tochter des Hauses. Die Gegend war im Laufe der Geschichte abwechselnd mal Polen, dann wieder Russland zugefallen und gehörte zum damaligen Zeitpunkt Russland, weshalb die Einheimischen Russisch sprachen. Um sich mit der Tochter des Hauses verständigen zu können, lernte Großpapa Russisch. Im Zweiten Weltkrieg lernte er beim Abhören des BBC-World-Service Englisch, um das Schicksal Polens verfolgen zu können, da er selbst in der Türkei, seine Familie jedoch in Polen war. Es schien keine europäische Sprache zu geben, die er nicht beherrschte. Meine Sprachbegabung und mein Talent, selbst in einer unbekannten Sprache ein paar Wörter dem Akzent der Einheimischen getreu zu sprechen, geht wohl zunächst auf meinen Großvater zurück. Und schließlich wurde ich in einer Familie groß, in der viele Sprachen zugleich gesprochen wurden.
Nach seiner zweiten Verabschiedung setzte Großpapa in den Jahren 1921–23 sein Studium an der Universität Wien fort und wurde Diplomingenieur. Das Mädchen aus dem Haus, in dem der Arzt einquartiert war, kam ebenfalls nach Wien und schrieb sich an der Akademie für Außenhandel ein. Die Beziehung zwischen den beiden wurde offenbar ernst. Mein Großvater ging nach Berlin, als sein dort lebender Onkel für ihn eine Stelle fand. Es verblüfft mich immer wieder, dass er sich kurz nach der Niederschlagung der deutschen Revolution, nach der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts in Berlin aufhielt. Meine Großmutter war zwar in Petersburg aufs Gymnasium gegangen, da sie in dem zu Russland gehörenden Teil Polens geboren war, und hatte in Leningrad Abitur gemacht, doch da ich ihr nicht besonders nahe stand, berührt mich die Verbindung nach Berlin stets stärker. Großmutter erzählte, sie erinnerte sich an die Revolution, sie habe mit ihren Klassenkameradinnen Suppe für die Soldaten gekocht und ausgeteilt. Den Soldaten welcher Seite wohl? Manchmal betrachte ich die Fotografien ihrer Freunde und Lehrer in Kalpak und langschäftigen Stiefeln und versuche herauszufinden, wer Revolutionär und wer Konterrevolutionär war, doch es gelingt mir nicht.
Das Unternehmen, in dem Großpapa beschäftigt war, produzierte und exportierte Maschinen. Beim Verkauf einer Maschine ins Ausland schickte es jeweils einen Ingenieur mit, der beim Aufstellen der Maschine behilflich sein sollte. Großpapa stellten sie 1925 vor die Wahl, nach Japan, Ungarn oder in die Türkei zu gehen. Für ein Jahr. In Japan hatte es ein großes Erdbeben gegeben, in Ungarn kannte mein Großvater die Käufer der Maschinen und mochte sie nicht, deshalb entschied er sich für die Türkei. Dass ich in der Türkei geboren wurde, ist also das Ergebnis eines Japan erschütternden Erdbebens und der mangelnden Liebenswürdigkeit einiger Ungarn!
In meiner Hand liegen zwei silberne Serviettenringe. Darin eingraviert finden sich das Datum 24.4.1925 – der Tag ihrer Eheschließung in Grodno – sowie die Initialen meines Großvaters auf dem einen und meiner Großmutter auf dem anderen. Am Tag darauf traten sie die Reise nach Konstanza an. Dort bestiegen sie den Dampfer nach Istanbul. Ich hätte zu gern gewusst, wie der Dampfer hieß. Doch als mir diese Frage einfiel, gab es niemanden mehr, dem ich sie hätte stellen können. Wie viele Fragen gehen mir im Kopf herum, während ich diese Zeilen schreibe! Sie alle werden unbeantwortet bleiben.
Der Dampfer legte bei der Galata-Brücke an, Träger luden die Koffer auf ein Automobil, meine Großeltern bestiegen den Wagen über das Trittbrett und fuhren zum Hotel Novotni, neben dem heutigen Pera Palas. Wenn Großmutter davon erzählte, tauchte jene in Dutzenden Filmen gesehene Szene vor meinem geistigen Auge auf, in der die Gangster in Chicago von eben solch einem Trittbrett aus mit dem Maschinengewehr um sich schießen. Als sie schließlich das Hotel erreichten, brach tatsächlich ein Streit zwischen den Trägern vom Anleger und jenen des Hotels aus, bis einer schließlich niedergestochen in seinem Blute lag!
Über jene ersten Tage, die ja voller Aufregung und Angst, Fremdheit, Unkenntnis und Unbekanntem gewesen sein müssen, wurde mir nichts weiter erzählt. Damals glaubten sie, es sei nur für ein Jahr. Sie waren frisch verheiratet, und da sie die Ehe wichtiger nahmen als ich, mögen sie deren Freuden genossen haben. Vielleicht betrachteten sie das eine Jahr, das vor ihnen lag, als einen langen Urlaub oder ein kurzes Exil. Europa war ja noch nicht versunken in der Finsternis der Krise von 1929 und des Faschismus. Man lebte im Zeitalter des Jazz, des Jugendstils. Was mochte Großpapa, jener mitteleuropäische Intellektuelle, der die großartige kulturelle Kreativität Berlins, dieses kosmopolitische Gewirr verlassen hatte, wohl über das Istanbul der Zwanzigerjahre gedacht haben? Hier und da habe ich Hinweise gefunden, dass er in jener bunten Mischung aus Kunst und Philosophie in Berlin glücklich war. In seiner Jugend soll er Geige gespielt haben. Als Student in Wien, so erzählte er, hatte er mit Freunden am Künstlereingang der Oper gewartet, um eine berühmte Sopranistin einige Sekunden lang aus der Nähe sehen zu können. Unter seinen Schallplatten in Istanbul befand sich neben klassischer Musik auch Louis Armstrong. Sein Lieblingsbuch war Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk. Doch unter den Büchern, die ich damals aus seiner Bibliothek nahm, waren auch Rilkes Duineser Elegien und die deutsche Erstausgabe von Trotzkis Mein Leben. Dass er dieses Buch las, obwohl er nichts mit dem Sozialismus zu tun hatte, zeigt vermutlich das Interesse an der Politik, das die damaligen Intellektuellen (im Gegensatz zu den heutigen) hegten, und auch die grenzenlose Neugier meines Großvaters auf alles, was in der Welt geschah. Bis zu seinem Tode mit zweiundneunzig Jahren verlor er diese Neugier nie.
Und meine Großmutter? Jenes junge Mädchen, dessen Kopf zweifellos voll war mit jenen westlichen exotischen Bildern von der Türkei: Was hat sie gedacht, als sie im Land jener Menschen ankam, die mit Krummschwertern in den Händen die Tore Wiens belagert hatten, die jeder vier Frauen heirateten, Barbaren und doch romantisch, wild, aber voller Gefühl waren? Ihre Scheu und Zurückgezogenheit rührten vermutlich daher, dass sie dieses Gefühl der Fremdheit nie überwinden konnte. Ganz im Gegensatz zu meinem Großvater begriff sie die Gesellschaft, in der sie von ihrer Jugend bis zum Tod lebte, nicht. Selbst Türkisch lernte sie nie richtig. Meine Tante erinnert sich daran, dass Großmutter in den ersten Jahren ein kleines, rot eingebundenes russisch-französisches Wörterbuch hatte. Da die meisten in dem kleinen Kreis, in dem sie verkehrte, des Französischen mächtig waren, kam sie mit diesem Wörterbuch aus. Wohlgemerkt: Russisch-Französisch, nicht Russisch-Türkisch! Kurz vor ihrem Tod glaubte sie, in Polen zu sein. Einmal stand Großpapa auf, um aus dem Raum, in dem wir gemeinsam Tee tranken, in die Küche zu gehen. Großmutter sagte: »Sag ihm, ich bin hier. Er soll mich nicht vergessen.« Als ich ihr sagte, er sei in der Küche und werde gleich wiederkommen, entgegnete sie: »Wenn er nach Istanbul geht, komme ich mit, er soll mich nicht vergessen!«
