2,99 €
Was macht das Wesen einer Katze aus? Was ist der Sinn einer Molchjagd? Welcher Berg ist der höchste? Kann ein Beweisstück noch Geheimnisse bergen? Kann man in die Zukunft sehen? Werden alle Wünsche erfüllt? Sieben Geschichten über die Tücken und die Komik des Alltags, große und kleine Erkenntnisse und Wunder, von denen die Liebe das Größte ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2020
Katrin Benedict
Von Katze, MolchundWeihnachtsmann
Geschichten mit Bildern von RomyPietzsch
© 2020 Katrin Benedict
Umschlag, Illustration: Romy Pietzsch
Lektorat, Korrektorat: Verena Karl
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-2040-8
Hardcover:
978-3-7497-2041-5
e-Book:
978-3-7497-2042-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Die Katze
Die Molche
Der Skiausflug
Die Gabel
Der Schnee
Die Wahrsagerin
Der Wunsch
Die Katze
Es war eine dunkle und stürmische Nacht. Als Elsa aufwachte, hörte sie, wie der Fensterladen in der Küche gegen die Hauswand schlug. Er war schon seit mehr als zehn Jahren kaputt, und niemand war da, der ihn reparieren konnte. Und dann hörte sie ein klägliches Miauen. „Die Katze!“, dachte Elsa. Wieso trieb die sich denn bei diesem Sturm draußen herum? Normalerweise spürte die Katze das schlechte Wetter nämlich schon, wenn noch kein Wölkchen am Himmel war, verkroch sich und kam erst bei Sonnenschein wieder anspaziert. Auch am Abend war die Katze wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Da war der Himmel sogar noch blau in blau gewesen. Wieso war die denn jetzt wieder da? Ob ich zur Hintertür gehen sollte? Aber bei diesem Wetter? Der Regen prasselte gegen die Scheiben und der Wind heulte und pfiff. Wahrscheinlich hatte die Katze nur Angst. Aber wenn sie verletzt war? Das war doch eine Ausnahmesituation! Elsa beschloss aufzustehen und nachzusehen. Sie sah zu der alten Holzuhr, die gegenüber ihrem Bett hing und deren metallene Zeiger auch in der Dunkelheit matt funkelten. Halb zwei! In ihrem Schlafzimmer war es kalt. Der Sturm hatte die Luft deutlich abgekühlt. Ohne Licht zu machen, ging Elsa barfuß zu ihrem Kleiderschrank, nahm einen alten Bademantel vom Bügel, hängte den leeren Bügel wieder in den Schrank und verschloss ordentlich die Tür. Währenddessen wanderten ihre Gedanken wieder zu der Katze.
Das erste Mal hatte sie die Katze vor sechs Monaten gesehen, an einem schönen Frühlingstag im Mai. Als sie am Morgen ihre Kaffeetasse und ihr Schwarzbrot mit Marmelade auf den kleinen Tisch im Hof gestellt hatte, um ihr Frühstück im Freien zu genießen, hatte die Katze auf der Hofmauer gesessen und sie aufmerksam betrachtet. Jedenfalls hatte Elsa den Blick so interpretiert, der ernst und gespannt jede ihrer Tätigkeiten verfolgte. Die Katze war weder jung noch alt, hatte jede Menge rote und schwarze Flecken auf einem weißen Grund und ein zerzaustes linkes Ohr. „Was die wohl denkt?“, hatte sich Elsa gefragt, und dann „Wo die wohl herkommt?“. Elsa lebte in einem alten Haus am Rande von Karlstadt, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Das Haus war um die Jahrhundertwende errichtet worden und hatte, wie man auf neudeutsch sagte, einen Renovierungsstau. Aber Elsa, die hier ihr ganzes Leben verbracht hatte, kannte und wollte es nicht anders. Außerdem fehlte das Geld. In dem großen Garten und der Wiese, die sich an Elsas Haus anschlossen, kamen oft Katzen auf der Suche nach Mäusen oder etwas anderem Essbaren. Elsa kannte sie alle. Den großen roten Kater der Nachbarn, einen richtigen Prachtkerl, die schwarz-weiße Lilli von gegenüber, die gerne ein Schläfchen auf ihrem alten Kaninchenstall hielt, den dünnen Schwarzen und den Grau-Gestromten. Aber diese Bunte hatte Elsa bis zu diesem Tag noch nie gesehen. Und so hatten sich Elsa und die Katze mit dem zerzausten Ohr erst eine Weile über Elsas Frühstücksbrot und ihre Kaffeetasse und dann einfach so stillschweigend gemustert. Als Elsa in ihr Haus zurückgekehrt war, hatte sie die Katze über ihren täglichen Verrichtungen zunächst vergessen. Als sie jedoch ihr Mittagessen, Pellkartoffeln mit Quark, hinaus getragen hatte, hatte die Katze circa fünf Meter von ihrem Tisch entfernt gesessen und wieder zu ihr herüber gestarrt. „Na, wer bist du denn!?“, hatte Elsa im halblauten Ton gefragt und hinzugefügt „Wahrscheinlich ein Streuner!“, und die Katze hatte gezwinkert. So hatten sie einträchtig im Garten gesessen und Elsa hatte sich spontan entschlossen, der Katze den Rest ihres Quarks auf den Fußboden zu stellen. Sozusagen als Wegzehrung. Die Katze war, Elsa weiter beobachtend, langsam näher gekommen und hatte den Teller leer geleckt. „Na dann gute Reise!“, hatte Elsa gemeint und war ins Haus gegangen. Die Katze hatte jedoch offensichtlich beschlossen, ihr Wanderleben aufzugeben, denn sie erschien von nun an pünktlich zu jeder Mahlzeit, die Elsa auf ihrem Hof einnahm. Dann sah sie Elsa mit einem auffordernden Blick an, der nichts anderes besagen sollte, als dass ihr ein Teil von Elsas Futter zustehe. Elsa, die eigentlich nicht geplant hatte, eine Katze bei sich aufzunehmen, hatte bereits am zweiten Tag beschlossen, nicht zu teilen. Dann würde die Katze sicher wieder verschwinden. Von da an fand bei jeder Mahlzeit im Freien ein stummes Duell zweier unterschiedlicher Willen statt, das Elsa meist gewann, aber hin und wieder auch verlor. Circa eine Woche später hatte Elsa die Hintertür aufstehen lassen, als sie zum Arbeiten in ihren Gemüsegarten gegangen war. Als sie bei der Rückkehr ihr Wohnzimmer betrat, strich die Katze gerade am Sofa entlang. Dabei sah sie sich alle Gegenstände genau an, so, als würde ihr das Haus, möbliert natürlich, von einem Immobilienmakler zum Kauf angeboten. „Also das geht ja nun zu weit!“, hatte Elsa ausgerufen, „Aber hinaus mit dir, husch, husch!“. Die Katze hatte den Blick eines Interessenten, der sich noch nicht endgültig entschieden hat, aufgesetzt und war hinaus stolziert. Dann hatte sie auf der Steinmauer, die Elsas Grundstück vollständig umgab, ein Sonnenbad genommen. Natürlich hatte die Katze schnell herausbekommen, dass Elsa bei schlechtem Wetter ihre Mahlzeiten in der Küche einnahm. In diesem Fall tauchte sie unversehens am Küchenfenster auf und ließ sich dort nieder. Nicht, dass sie miaut hätte. Aber ihre hoch aufgerichtete Gestalt stellte ein lebendiges Mahnmal dar, Tieren in Not zu helfen. Irgendwie hatte Elsa dann die Katze fast vermisst, als sie mal zwei Tage hintereinander nicht zu sehen war. Aber am dritten Morgen hatte sie wieder am Fenster gesessen, so, als wäre sie nie weg gewesen. Das war der Tag, an dem Elsa das erste Mal eine Tüte Katzenfutter eingekauft hatte. Nur so, damit man etwas im Hause hatte, versteht sich.
Wieder hörte Elsa ein fast ängstliches Miauen. Eigentlich miaute die Katze nie. Elsa knotete den Gürtel ihres Bademantels zu, schlüpfte in ihre Hausschuhe und ging zur Hintertür.
Vorsichtig, die Türklinke fest in der Hand haltend, öffnete Elsa die Tür einen Spalt breit. Als nichts passierte, schaltete sie das Hoflicht an und spähte mit dem Kopf aus der Tür. Draußen prasselte es ordentlich vom Himmel, an dem immer wieder Blitze zuckten. Das Wasser von dem kleinen Vordach über der Hoftür stürzte in kleinen Bächen auf das Hofpflaster, von wo es in alle Himmelsrichtungen spritzte. Bereits nach zwanzig Sekunden hatte Elsa ein feuchtes Gesicht. Vorsichtig sah sie sich um, soweit das bei der Dunkelheit möglich war. „Katze!“, rief sie vorsichtshalber und noch einmal „Katze!“. Nichts zu sehen! „Na, dann nicht!“, dachte Elsa gerade, als sie wiederum ein ängstliches Maunzen vernahm. Seufzend entschloss sie sich, auf den Hof zu treten, um besser sehen zu können. Vorsichtig trat Elsa unter das Vordach und schaute sich in dem engen Lichtkreis um, den die Hoflampe schenkte. War die Katze etwa dort unter dem Kaninchenstall? Elsa ging in die Hocke, wobei sie die Klinke der Hoftür in der Hand behielt. Dabei lockerte sie ihren Griff. Das Ergebnis dieser Aktion veränderte den weiteren Verlauf von Elsas Nacht gründlich. Mit einem lauten Rums fiel nämlich die Hoftür in ihr Schloss, was in Anbetracht des herrschenden Windes nicht erstaunen konnte. Allerdings ließ sich gleichzeitig ein halblautes Knacken vernehmen, was daher rührte, dass die bejahrte Plastiktürklinke beschlossen hatte, in Rente zu gehen, und vom Türzapfen abbrechend weiteren Dienst verweigerte. Verblüfft richtete sich Elsa kerzengerade auf und betrachtete den Teil der Türklinke, den sie noch in der Hand hielt. Das gab es doch nicht, dass ausgerechnet jetzt die Klinke abgebrochen war! Schon ein paar Mal war ihr die Klinke – allerdings in einem Stück – vom Türzapfen gerutscht. Das war bisher kein Problem gewesen, weil Elsa den kleinen Racker stets mit ein paar energischen Schlägen wieder in Position gebracht hatte. Mit einem Hauch letzter Hoffnung versuchte Elsa die Türklinke auf den Zapfen zu schieben und die Tür wieder aufzuklinken, brachte jedoch außer einem Klappern von Plastik auf Metall nichts zu Stande. Vorsichtshalber rüttelte Elsa noch einmal an der Küchentür. Die hatte allerdings mit ihrer misslichen Lage kein Einsehen und blieb verschlossen. Elsa fluchte leise und versuchte nachzudenken. Dieser Versuch wurde zunächst dadurch beeinträchtigt, dass Elsa gewahr wurde, dass die Nässe bereits ihren Bademantel und die Hausschlappen geflutet hatte und sich nun an ihrem Nachthemd schwer zu schaffen machte. Darüber hinaus ging eine Minute später die Hofbeleuchtung aus. Elsa fluchte wieder. Ihr Neffe, ein begeisterter Bastler, hatte ihr einen Bewegungsmelder eingebaut. Das bedeutete für sie, dass sie, um das Licht wieder einzuschalten, ihren letzten Schutz aufgeben und als Regenscheuche im Hof herum hampeln musste. Warum hatte sie Steffen das nur erlaubt? Dieser neumodische Kram. Früher schaltete man das Licht an und fertig. Allerdings dämmerte Elsa langsam, dass sie ihre Position sowieso verlassen musste, wenn sie beabsichtigte, noch in dieser Nacht in ihr Bett zurückzukehren. Werkzeug, um den Türzapfen ohne Klinke zu öffnen, befand sich nur im Haus. Dem Hof, der mit der ach so schönen alten bewachsenen Mauer umgeben war und der außer durch ihr Haus keinen weiteren Zugang hatte, konnte sie daher nur entkommen, wenn sie sich aus dem Stall eine Leiter holte, diese an die Mauer legte und hinaufkletterte. An der anderen Seite müsste sie sich fallen lassen und bei völliger Dunkelheit und strömendem Regen durch den Garten der Nachbarn laufen, das einzige Grundstück, das einen Zugang zur Straße hatte. Dort konnte sie deren Zaun übersteigen und sich den Ersatzschlüssel zur Hauseingangstür aus dem Blumenkasten fischen, der an ihrem Wohnzimmer zu Straße hinaus hing. Hoffentlich wurde sie dabei von niemandem gesehen! Und schon gar nicht von den Nachbarn! Die hatten, jedenfalls nach Elsas Meinung, kein anderes Hobby, als anderen hinterher zu spionieren. Na, bei dem Wetter brauchte man damit wohl kaum zu rechnen! Und das alles wegen der Katze, von der nun nichts mehr zu hören war. Elsa beschloss, wenigstens zunächst die Küchenfenster zu kontrollieren. Wenn sie nur eines einen Spalt aufgelassen hatte, könnte sie in die Küche klettern. Allerdings hegte Elsa diesbezüglich keine großen Hoffnungen. Trotzdem verließ sie das schützende Dach, wedelte wie wild mit den Armen, wodurch sich die Hofbeleuchtung wieder einschaltete, und hastete dann zu den Fenstern. Das erste Fenster, das sich direkt neben der Tür befand, war, wie zu erwarten, fest verschlossen. Das zweite Fenster hatte sie ebenfalls vorschriftsmäßig verriegelt, eine Entdeckung, die von Elsa mit dem Ausruf „Mist!“ quittiert wurde. Noch einmal sah sie zum Fenster hin, wobei ihr nun schon kleine Regenbäche über Augen und Gesicht rannen. Das Fenster war groß, hatte weiße altmodische Rahmen und an den Seiten weiße Gardinenstores. Auf der einen Seite des Fensters stand ein Topf mit einem Alpenveilchen und auf der anderen Seite saß eine buntgefleckte Katze.
Elsa fluchte! Das konnte doch nicht wahr sein. Sie stand hier draußen, total durchnässt und mit der Aussicht, sich die mächtigste Erkältung ihres Lebens zuzuziehen, von der bevorstehenden Kletteraktion ganz zu schweigen, und die Katze saß geschützt und gemütlich in der Küche. Wahrscheinlich fragte sie sich, was Elsa bei dem Wetter draußen machte, eine Frage, die sich Elsa nach dem Abbrechen der Klinke bestimmt schon hundertmal gestellt hatte. Vor sich hin grummelnd hastete Elsa zum Bienenschauer, an dem ihre alte schwere Holzleiter von innen befestigt war. Sie überlegte kurz, ob sie den Sturm nicht lieber hier abwarten sollte, wo es wenigstens trocken war, verwarf den Gedanken jedoch wieder. Neben der Leiter befanden sich im Schauer nur die Schubkarre und Gartengeräte, also nichts, mit dem sie sich trocken oder wieder warm kriegen konnte. Sie brauchte jedoch dringend trockene Sachen, eine warme Dusche und einen heißen Grog, oder besser zwei. Seufzend tastete Elsa nach der Leiter, was sich schwieriger gestaltete als gedacht, da es in dem Schauer vollkommen dunkel war. Ehe sie die Leiter in den Händen hielt, hatte ihre Hüfte bereits schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Griff der Schubkarre gemacht, und in ihren linken Daumen hatte sich ein stecknadellanger Splitter gebohrt, den sie fluchend entfernte. Als Elsa die Leiter mit einem Ruck von der Wand des Schauers zog, löste sich darüber hinaus eine Kaskade feinen Holzstaubes aus der morschen Konstruktion, der sich mit der auf ihr befindlichen Feuchtigkeit zu einer Art sehr natürlichem Make-up verband. Farbton Eiche-Dunkel! Und das alles wegen dieser Katze! Wütend schleppte Elsa die Leiter an die Gartenmauer, wobei der nicht nachlassende Regen den Holzschlamm tiefer in Haar und Kleidung spülte. Nachdem sie die Hofbeleuchtung nochmals mit Armwedeln in Gang gesetzt hatte, beschloss Elsa auf ihren Bademantel zu verzichten. Dieser hatte sich inzwischen mit so viel Wasser vollgesogen, dass er gut und gerne seine sechs Kilo wog, ein Gewicht, welches sie bei der geplanten Mauerüberquerung nicht gebrauchen konnte. Elsa schlurfte mit ihren Wasserpantoffeln zur Hintertür und ließ den Bademantel dort zu Boden fallen. Auf dem Rückweg zur Leiter schaute sie automatisch auf das zweite Küchenfenster, obwohl sie sich ganz fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Die Katze saß noch dort wie eine Statue und schaute in den Hof. Ja, was war sie eigentlich, fragte sich Elsa frustriert. Die Hauptperson in einer Realityshow für Katzen? Fehlte nur noch, dass die ihre Katzenfreunde zum gemeinsamen Kinoabend einlud! Natürlich in ihr Haus! War doch klar! Warum denn auch nicht? Elsa schaute noch einmal zum Fenster herüber. Wahrscheinlich hielt die Katze sie inzwischen für verrückt, wobei Elsa das Gefühl hatte, von diesem Zustand nicht mehr allzu weit entfernt zu sein.
Als Elsa die erste Sprosse der Leiter erklommen hatte, hörte der Regen plötzlich auf, als habe jemand eine übergroße Dusche zugedreht. „Gott sei Dank!“, dachte sie und begann die Leiter hinauf zu steigen. Als Elsa die Mauerkrone erreicht hatte, spähte sie vorsichtig auf die andere Seite. Jetzt kam der schwierigere Teil. Sie musste sich hinüberschwingen, an der Mauerkante festhalten und dann fallen lassen. Hoffentlich verknackste sie sich dabei nicht den Fuß. Vorsichtig schwang Elsa ihr linkes Bein über die Mauerkrone und schob ihre Hüfte nach. Sie holte mit dem rechten Bein Schwung und brachte es ebenfalls über die Mauer, so dass sie sich nun nur noch mit Hüften und Händen auf der Krone aufstützte. Gerade als Elsa sich herablassen wollte, hörte sie in der Stille der Nacht den schrillen Ruf einer Kinderstimme „Ein Gespenst, ein Gespenst!“ und ließ sich erschreckt fallen. Dadurch fiel Elsa aus größerer Höhe als geplant und kam zwar zunächst, wie beabsichtigt, auf den Füßen auf. Dann fiel sie jedoch durch den übergroßen Schwung nach hinten und landete mit Po und Rücken im Blumenbeet ihrer Nachbarn, wo sie schnaufend liegen blieb. „Was du nur hast, da ist nichts!“, hörte Elsa die Nachbarin sagen und deren Sohn antworten „Doch, da war eins! Auf der Mauer!“. Dann wurde ein Fenster zugeschlagen, und Elsa atmete erleichtert auf. Wieso Kinder in dem Alter nachts überhaupt aus dem Fenster sehen durften, anstatt ruhig in ihrem Bett zu schlafen, fragte sie sich. Das hätte noch gefehlt, dass sie hier von den Nachbarn nachts in ihrem Beet erwischt worden wäre. Die Nachbarin war die einzige Person, die es fertig brachte, mindestens zehn Fragen gleichzeitig und in einem Tonfall zu stellen, dass sie nicht anders konnte, als sich irgendwie schuldig oder wenigstens unvollkommen zu fühlen. Angefangen von „Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?“, über „Weshalb haben Sie denn kein Tor zur Straße bauen lassen?“ bis zu „Also wieso ist denn die Katze in Ihrem Haus, wenn Sie Ihnen gar nicht gehört?“. Elsa konnte die Fragen schon in ihrem Kopf hören. „Tief durchatmen!“, befahl sie sich. Dann rappelte sie sich mühsam hoch, und versuchte eine Bestandsaufnahme zu machen. Als erstes fiel ihr auf, dass sie ihre Schlappen verloren hatte. Die musste sie auf jeden Fall wiederfinden! So etwas war ein Beweisstück, mit dem sie überführt werden konnte! Darüber hinaus fühlte sich Elsas Hüfte, die bereits durch die Schubkarre vorgeschädigt war, nach dem doppelten Aufprall an, als sei sie gebrochen, was hoffentlich nicht der Fall war. Außerdem war ihre komplette Rückseite, beginnend am Haaransatz bis zu den Hacken, nunmehr mit Erde beschmiert. Mühsam humpelte Elsa in der Dunkelheit herum und tastete nach den Pantoffeln. Nach gefühlten zehn Minuten hatte sie die Schuhe ertastet, streifte sie über die nackten Füße und bewegte ihren schlotternden Körper langsam zum Nachbarzaun. Dort angekommen, spähte Elsa rechts und links die Straße entlang. Gott sei Dank war niemand zu sehen. Mühsam hob sie ihre Beine über den kleinen Holzzaun und wandte sich sofort nach rechts. So schnell, wie es ihre schmerzende Hüfte und die mit nass-feuchtem Schlamm überzogenen Pantoffeln gestatteten, schlurfte Elsa auf ihr Haus zu. Dabei wiederholte sie im Kopf das Mantra „Hauptsache, der Schlüssel ist da, Hauptsache, der Schlüssel ist da!“ mit einer Konstanz und Geschwindigkeit, an der jeder Yogi seine Freude gehabt hätte.
Der Schlüssel war da. Was Elsas Plan schwierig gestaltete, war die Tatsache, dass der Blumenkasten, in dem sich der Schlüssel befand, vom Wohnzimmer aus in die entsprechenden Metallstangen gehängt wurde und damit insgesamt einen Meter und siebzig Zentimeter über dem Boden hing. Elsas Größe betrug jedoch nur einen Meter und fünfundfünfzig Zentimeter. Elsa hatte den Schlüssel für ihren Neffen vom Wohnzimmer aus in den Kasten getan. Der war einen Meter achtzig und hatte den Schlüssel schon oft problemlos aus dem Blumenkasten geangelt. Dass sie selbst einmal in die Verlegenheit kommen würde, war in Elsas Plan nicht vorgekommen. Das rächte sich nun. Wie hypnotisiert schaute Elsa zu dem Blumenkasten und dem darüber befindlichen Fenster, in dessen Rahmen jetzt eine Katze erschien und interessiert zu ihr herunter sah. Das verlieh Elsa neue ungeahnte Kräfte. Sie schleuderte ihre Schuhe von den Füßen, umfasste mit jeder Hand einen und stieß mit aller Kraft von unten gegen den Blumenkasten. Beim dritten Versuch gelang es. Der Kasten flog aus der Halterung und übergoss Elsa mit einem Gemisch aus Blumen und schlammiger Erde. Dann fiel er polternd auf ihren nackten rechten Fuß. Über diese kleinen Beeinträchtigungen konnte Elsa jedoch nur lachen. Mit der linken Hand wischte sie sich die Erde von den Augen, hockte sich nieder und tastete nach dem Schlüssel. Als sie ihn gefunden hatte, schob sie den Blumenkasten an die Hausseite und lief, in der einen Hand den Schlüssel, in der anderen die Schuhe haltend, zu ihrer Haustür.
