Von León nach Santiago -  - E-Book

Von León nach Santiago E-Book

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Beschreibung

Zugegeben: Wie bei vielen Pilgerschwestern und -brüdern fing die Inspiration auch bei mir mit Hape Kerkeling an. Sein Buch kam zum richtigen Zeitpunkt. Als ich es verschlungen hatte, wurde mir klar, dass auch ich bald mal weg auf dem Camino sein würde. Schon seit Monaten suchte ich beharrlich nach einem Weg aus der Krise. Der Jakobsweg hat mir die Augen für einiges Unverstandene geöffnet. Er hat mir vieles abverlangt, mich immer wieder herausgefordert, sowohl mental, wie auch physisch, sodass ich mich manches Mal gefragt habe: Warum tue ich mir das an? Wenn ich es mir dann angetan habe, hat der Camino mich zuversichtlich gemacht. Mehr noch: Er hat mir neuen Mut verliehen. Ohne diesen wäre mein weiterer Lebensweg nicht so entstanden. Jeder, der ihn gepilgert ist, weiß, dass neben der Meditation die Begegnungen mit anderen Menschen in den Herbergen oder unterwegs einen erheblichen Teil der Faszination Jakobsweg ausmachen. Wunderschöne, abwechslungsreiche, zuweilen aber auch sehr einsame, öde Landstriche durfte ich durch die Jakobswege kennenlernen. Ich bin eingetaucht in die Geschichte Spaniens und Portugals, die mir aus Schulzeiten nur rudimentär bekannt war und habe in den Dörfern das andere Spanien jenseits von Mallorca und Barcelona erfahren. Gerade das Ankommen und Leben in den kleinen Ortschaften Spaniens und Portugals mit ihren archaischen Strukturen war sehr prägend und hat zur Ruhe und Gelassenheit beigetragen, die mir (zumindest vorübergehend) zuteil wurde.

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Seitenzahl: 67

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Bocholt – Santander

Kapitel 2 León

Kapitel 3 Astorga

Kapitel 4 Rabanal del Camino

Kapitel 5 Molinaseca

Kapitel 6 Villafranca del Bierzo

Kapitel 7 La Faba

Kapitel 8 Tricastella

Kapitel 9 Sarria

Kapitel 10 Gonzar

Kapitel 11 Palas de Rei

Kapitel 12 Ribadiso

Kapitel 13 Pedrouzo

Kapitel 14 Santiago

Nachtrag

Auch eine tausend Kilometer lange Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

- Lao-Tse -

Kapitel 1

Bocholt – Santander, Donnerstag, 20. August 2009

Seit vier Tagen steht mein Rucksack fertig gepackt im Anbau. Ich habe es tatsächlich geschafft, mich auf acht Kilogramm zu beschränken. Heute ist endlich Abreisetag. Ich schütte noch mal alles aus und packe das Gleiche wieder ein. Etwas nervös bin ich schon, nachdem ich Monate auf diesen Tag gewartet habe. Ich hefte noch die Jakobsmuschel an den Rucksack, dann kann`s losgehen. Hinsichtlich der Muschel als Symbol für den Jakobsweg sind mir zwei Versionen bekannt. Die eine sagt, dass ein Pilger zur Reinigung am Ende des Weges in Fisterra ins Meer geworfen wurde und mit Muscheln bedeckt wieder herauskam, die andere, dass die Pilger im Mittelalter mangels Tellern große Muscheln für ihre Mahlzeiten benutzten.

Ach ja, etwas ganz wichtiges habe ich noch vergessen: mein Tagebuch. Die Kinder haben es mir zum Geburtstag, mit einem netten Eintrag versehen, geschenkt. Ich klebe noch ein Bild von der Familie ein. Mit der Familie möchte ich über SMS in Kontakt bleiben. Telefonieren würde mich auf meinem Weg zu sehr ablenken. In den letzten Jahren habe ich die Kommunikation über SMS als Bereicherung schätzen gelernt. Anders als beim Telefonieren kommt es seltener zu Missverständnissen, soweit man die SMS an den richtigen Adressenten schickt.

Mein Freund Klaus fährt mich zum Flughafen nach Weeze, etwa 45 km entfernt. Es ist ein heißer Tag in Bocholt, deutlich über 30 Grad. Als ich den Flughafen betrete, sehe ich überall Sicherheitskräfte. Das wäre jetzt aber wirklich nicht nötig gewesen! Ich gehe um die Ecke und finde des Rätsels Lösung. Auf einem Plakat lese ich: Wir begrüßen Frau Dr. Angela Merkel. Es ist Wahlkampf in Deutschland, und da findet sogar die Bundeskanzlerin den Weg in die tiefste niederrheinische Provinz.

Zum ersten Mal fliege ich mit Ryanair. Was hat man nicht alles für Geschichten von dieser Fluggesellschaft gehört. Sogar auf der Toilette soll man jetzt schon Eintritt bezahlen müssen. Meine Erwartungen werden übertroffen. Es ist alles perfekt organisiert. Ich lande auf die Minute pünktlich um 19 Uhr 40 in Santander. Vor dem Flughafen tritt Ernüchterung ein: Temperatursturz auf 18 Grad Celsius, Nieselregen, grauer Himmel, auf der Fahrt zur Innenstadt triste Häuserfronten. Am Busbahnhof hellt sich die Stimmung auf, als ich erfahre, dass es morgen, am Freitag, dem einzigen Tag in der Woche eine direkte Verbindung nach León gibt. Meine Unterkunft, bei Hotel.de für über 50 Euro gebucht, gleicht eher einer Absteige, immerhin ist es im Zentrum, so bin ich morgen früh schnell an der Estación de buses.

Ich laufe noch eine halbe Stunde durch die Stadt, trinke in einer Bar ein, zwei Gläser Rotwein und lege mich ins Bett. Zum ersten mal auf dieser Reise hole ich meinen MP3-Player heraus, um dem Hörbuch zu lauschen, das mir Luca freundlicherweise überspielt hat. Das Buch heißt „Außer Dienst“ und ist von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Monika hatte es mir zu Weihnachten geschenkt. Es ist weder eine typische Autobiographie, noch ein politisches Buch, sondern es sind eher philosophische Betrachtungen eines alten, weisen, aber hellwachen Mannes, den ich immer schon sehr geschätzt habe.

Den Kommentaren im Internet über das gebuchte Hotel, dass es sehr hellhörig sei, kann ich nur beipflichten. Auch Helmut Schmidt kann es nicht verhindern, dass ich einer intensiven partnerschaftlichen Begegnung akustisch beiwohne. Trotz alledem schlaf ich rasch ein und durch bis zum nächsten Morgen um halb sieben.

Plaza Mayor in León - der Platz der ‚Melancholie‘

Kapitel 2

León, Freitag, 21. August 2009

Ich erreiche morgens pünktlich die Busstation und besteige um halb neun den Bus, nachdem ich mir den ersten von zig in den nächsten Tagen folgenden Café con leche gegönnt habe. Der Bus der Gesellschaft Ansa ist bequem, gut klimatisiert und enthält ausreichend Platz, um die Beine auszustrecken, und das alles für 13 Euro. Immerhin sind es bis León 300 km. Scheinbar ist das spanische Bussystem gut verbreitet und organisiert. Ich bin erst einmal froh, dass ich im Bus sitze und meinem Ziel wieder ein Stückchen näher komme.

Nach zweieinhalb Stunden sind wir in den Cantabrischen Bergen, die sich auf über 2500 Meter Höhe erstrecken. Der Himmel reißt auf, die Sonne kommt heraus und wird mich in den nächsten 15 Tagen nicht mehr im Stich lassen. Die kurvenreiche Fahrt bietet traumhafte Kulissen. Als der Bus eine staatlich verordnete Pause macht, kriege ich solch eine Lust aufs Wandern, dass ich am liebsten sofort loslaufen möchte. Dabei hab ich überhaupt keine Erfahrung mit dem Wandern. Bisher dachte ich immer, es sei langweilig. Ich weiß somit auch gar nicht, ob ich den Belastungen standhalte. Wie man mir sagte, hat es mit Joggen nicht viel zu tun. Aber zumindest die Kondition müsste von meinem Jogging - und Mountainbiketraining her reichen.

Im Laufe des Abends spüre ich meine Ungeduld, möchte endlich loslaufen ...

Um 14 Uhr erreiche ich die wunderschöne Stadt León. Dieses Mal habe ich mehr Glück. Das ebenfalls über Internet gebuchte Hotel de Paris ist sein Geld wert und liegt mitten auf der Calle Ansa, 50 Meter von der Kathedrale entfernt. Ich mache mich etwas frisch und besichtige diese lebendige, harmonisch gestaltete und mit prächtigen Gebäuden und Plätzen ausgestattete Stadt. An der Kirche San Isodoro finde ich ein Café mit dem Namen Legio VII, das auf den Ursprung des Namens León hindeutet. Etwa 50 Jahre nach Christus haben die Römer die Stadt als Lager der VII. Legion gegründet. In jedem Reiseführer steht, dass es ein absolutes Muss ist, den Pantheon der Könige neben der Kirche San Isodro zu besichtigen. Ich folge der Aufforderung, muss aber feststellen, dass mein kulturhistorisches Verständnis zu dünn ausfällt, als dass ich die Schätze, bestehend aus Mosaiken, Särgen und besonderem Schmuck ausreichend würdigen könnte. Schon eher beeindruckt bin ich von den Fenstern der Kathedrale, die sich bei dem durch die Sonne einfallendem Licht wunderschön präsentieren.

Zwischendurch suche ich immer mal wieder eine Bar auf, in der ich mich mit einem Bier – immerhin haben wir 30 Grad – erfrische. Ich lerne eine gastronomische Besonderheit der Spanier schätzen, die in dieser Form wohl einzigartig in der Welt ist. Bei jeder Bestellung reichen sie unaufgefordert Tapas, das heißt kleine leckere Häppchen, meist Brote, die mit unterschiedlichen Köstlichkeiten belegt sind. So werde ich automatisch satt, ohne noch ein zusätzliches Essen bestellen zu müssen. Mir fällt gerade auf, dass es auch auf einen überdurchschnittlichen Bierkonsum hindeuten könnte, es lag aber wohl eher an meinem unterdurchschnittlichen Hunger.

Abends sitze ich bei einem Glas Rioja auf der Plaza Mayor. Gerne würde ich jetzt diese besondere Atmosphäre in Gesellschaft genießen. An meinem Nebentisch nimmt eine Familie aus Deutschland mit einem etwa vierjährigem Mädchen Platz. Die Eltern beschäftigen das Kind mit Malen und Puzzlen. Ich fühle, wie in mir eine melancholische Stimmung aufkommt. Tempora mutantur et nos mutamur in illis!

Im Laufe des Abends spüre ich meine Ungeduld, möchte endlich loslaufen und überlege mir, ob ich schon ab León laufe und nicht wie vorgesehen ab Hospital de Órbigo, ca. 30 km von León entfernt. Ich merke, wie ich mich dann wieder unter Zeitdruck setze und genau das will ich mir ja eigentlich abgewöhnen. Und so schlafe ich mit der Entscheidung, bei meinem alten Plan zu bleiben, zufrieden ein.

Kapitel 3

Astorga, Samstag, 22. August 2009

Ich fahre also (wie ursprünglich geplant) morgens mit dem Bus von León nach Hospital de Órbigo. Am Busbahnhof sehe ich schon die ersten Fußkranken, eine etwa 50-jährige Frau, die mit ihren völlig kaputten Knien ihrem Mann, der weiterhin zu Fuß pilgert, per Bus nachreist. Im Bus sitzt neben mir Julia, eine 35-jährige Engländerin aus Stoke City, die ihren Job als Bankerin geschmissen hat und jetzt Psychologie studiert.