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Maximilian und Christine finden sich nach anfänglichen familiären Schwierigkeiten in die zukünftigen Pflichten ein. Neue Freunde und Vertraute erleichtern diese Aufgaben, obwohl gesellschaftliche Missstände ihrem Gerechtigkeitssinn massiv zuwiderlaufen. Leider währt der Frieden nur wenige Monate. Nachdem die wahren Gründe für Maximilians damalige Entsendung nach London ans Licht kommen, erhebt diese alte Gefahr bald wieder ihr hässliches Haupt. Erneut stehen sie vor großen Herausforderungen, die nicht nur die Leben aller in Gefahr bringen, sondern im Lauf der Zeit auch große persönliche Opfer fordern.
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Seitenzahl: 466
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Eingewöhnungsprobleme
Neue Aufgaben
Amalia
Eine Überraschung
Neuigkeiten aus London
Kindheitserinnerungen
Weihnachtsbesuch
Ein Brief an Madlen
In die Wüste
Siebzehn Jahr, blondes Haar
Reise nach Kairo
Ein unerwartetes Wiedersehen
Verträge und Formalitäten
Trauung
Dunkle Wolken
Der Feldzug
Die Bergfestung
Sonnenaufgang
Herbst
Neue Ziele
Lektionen fürs Leben
Im Reich der Mitte
Neujahr
Rückkehr
Ein neuer Anfang
Entscheidungen
Abschiede
Pläne und Neuigkeiten
Aufbruch
Eine Begegnung auf Korfu
Quer durch Europa
Daheim
Offenbarung
Das Turnier lag inzwischen sechs Wochen zurück, während deren Verlauf wir uns von den davongetragenen Verletzungen sowie unzähligen Trainingsstunden in der Wüste erholen konnten. Gemeinsam mit Christine bewohnte ich weiter das Zimmer, welches von der ersten Nacht an unsere Unterkunft darstellte. Wir genossen es seit unserer Ankunft sehr, nach den langen Monaten der Reise endlich wieder in einem großen Bett gemeinsam zu kuscheln. Wie seit dem zweiten Abend, an dem sie damals in mein Bett geschlüpft war, schliefen wir eng aneinandergeschmiegt, bis wir morgens meistens kurz nacheinander aufwachten. Es blieb für uns einer der schönsten Augenblicke des Tages, wenn wir einander verschlafen anblickten und es den ersten Kuss gab. Wie immer schmusten wir miteinander, oft wollten wir einfach nur beieinander sein und gar nicht aufstehen. So verbummelten wir besonders in den ersten Tagen nach dem großen Ereignis einen Teil des Vormittags, bevor wir uns dann doch aus den Decken schälten. Die morgendliche Körperpflege bereitete immer Freude. Ausgiebig wusch ich meine Gefährtin am ganzen Körper, während auch nicht wenig Zärtlichkeit diese Arbeit in die Länge zog. Wenn sie diesen liebevollen Dienst erwiderte, konnte auch sie selten widerstehen, mir ebenfalls schöne Augenblicke zukommen zu lassen. Es war einer der Wege, uns gegenseitig unsere Gefühle zu zeigen und oft ein Vorspiel, welches am Abend seine Fortsetzung fand.
Trotz der vielen Jahre der Trennung wurden mir auch meine Eltern langsam wieder vertraut. Doch aus unterschiedlichen Gründen fühlte es sich immer noch nicht wie ein Zuhause an, bei ihnen in der Residenz zu leben. Nach den zahlreichen verschiedenen Schlafplätzen, die wir unterwegs genutzt hatten, wollte sich das neue Heim einfach nicht vertraut anfühlen. Erheblich anders, als wir es aus London so viele Monate kannten, gehörten wir nicht direkt zur Herrschaft des Anwesens und blieben wir nach wie vor mehr Gäste. Früher hatte Agnes in gewisser Weise als Leiterin des Hauses fungiert, erst mit Christine und der darauf folgenden Entwicklung nahm ich langsam diesen Platz ein. Nach langem Stillstand kam innerhalb kurzer Zeit viel Bewegung und Veränderung in mein Leben, gemeinsam mit der zarten Blondine war ich erwachsen geworden. Nun hier wieder in die frühere Position gedrängt zu werden, fühlte sich seltsam und mindestens ungewohnt an. Auch erlebten wir das Verhältnis zu den Bediensteten vollkommen anders. Natürlich behandelten sie uns sehr freundlich und mit angemessenem Respekt, doch es fehlte die Herzlichkeit und das tiefe Vertrauen, die sich zu Hause entwickelten. Auch bemerkten wir vereinzelt seltsame Blicke, wenn wir gemeinsam händchenhaltend durch die Gebäude schlenderten. Sowohl eine so offene Präsentation von liebevollen Gefühlen als auch, dass wir im gleichen Bett schliefen, ohne verheiratet zu sein, gehörte sich hier nicht. Aber solange uns niemand darauf ansprach, ließen wir die Blicke einfach Blicke sein, sollte doch jeder denken, was er wollte. Mit Kritik und Missfallen anderer konnten wir leben, auch wenn es niemand wagte, diese uns gegenüber zu formulieren.
Wir hofften, dass Madlen sich gut eingelebt hatte und in ihrem neuen Heim zurechtkam. Bereits wenige Tage nach Ende des Turniers schrieben wir ihr einen langen Brief, um von den Ereignissen seit unserer Abreise zu berichten. Natürlich enthielt dieser auch den Weg, wie sie uns erreichen konnte, vielleicht würden wir bald etwas von ihr lesen. Die Hochzeit musste inzwischen stattgefunden haben, der Termin lag im vergangenen Sommer und wir waren mehr als gespannt, wie Ehe und andere zwischenmenschliche Beziehungen bei ihr abliefen.
Obwohl meine Gefährtin und ich am Abend der Abschlussfeier instinktiv richtig mit der gefährlichen Situation umgingen, hatten wir trotzdem kaum eine Ahnung von Diplomatie und anderen Bereichen der Staatsführung. Deshalb unterschied sich der Tagesablauf in unserem neuen Heim bald kaum von dem in London. Lange Stunden des Unterrichts über die Mittagshitze bestimmten meistens die Zeiteinteilung, auch wenn wir dieses Mal nicht von Agnes, sondern meinen Eltern belehrt wurden. Allerdings führte genau das auch bald zu Problemen, die unerwartet auftauchten. Während der vielen Monate, die ich mit meiner Liebsten verbrachte, wurden wir deutlich reifer. Es bereitete mir zunehmend Schwierigkeiten, mich wieder wie ein unwissendes Kind behandeln zu lassen. Die Art und Weise, wie die Wissensvermittlung seitens des Fürstenpaares oft stattfand, kränkte mich immer wieder. Gelegentlich fragte ich mich, ob es denn eine erwachsene Denkweise sei und ich mich vielleicht selbst überschätzte. Doch das negative Gefühl verschwand auch mit diesen Gedankengängen einfach nicht. Mein Vater war es vielleicht einfach zu sehr gewohnt, dass jeder seinen Anweisungen folgte, so legte er dieses Verhalten auch uns beiden gegenüber an den Tag. Trotz der erbrachten Leistungen schienen wir in seinen Augen oft zu ahnungslos zu sein, um bei vielen Dingen eine eigene Meinung zu haben.
Mit Achmed stellte sich dieses Problem zum Glück nicht, als er weiter an unseren noch sehr eingeschränkten Sprachkünsten arbeitete, das war immerhin ein kleiner Lichtblick. Uns verband eine ehrliche Freundschaft, auf interessante Weise machte der weise Mann uns Stück für Stück mit der hier vorherrschenden Kultur vertraut. Bei den Mahlzeiten etablierte sich bald die Routine, dass wir sie gemeinsam mit meinen Eltern, Achmed und Agnes einnahmen. Katharina beteiligte sich nur morgens und abends, mittags blieb sie oft in den Ställen. Sie hatte nach dem Turnier die Chance bekommen, eine Stute für meine Mutter auszubilden, da ihr selten genutztes Pferd inzwischen zu alt war und sie Ersatz brauchte. Agnes erzählte der Fürstin nach ihrer Ankunft stolz, wie leicht ihr das Reiten inzwischen fiel und dass sie es nur dem Können ihrer Geliebten verdankte. Zu meiner Überraschung wollte meine Mutter daraufhin ebenfalls etwas Nachhilfe und gemeinsam mit Christine schaute ich den ersten Trainingsstunden zu. Mit viel höflicher Zurückhaltung gegenüber ihrer Schülerin, doch gelegentlich in die frühere Ausdrucksweise zurückfallend, hatte Katharina sich umgehend ans Werk gemacht.
Ich bat Mama nach einigen Stunden, ihre Stute selbst zu striegeln und aufzuzäumen. „Warum sollte ich das tun? Das habe ich noch nie gemacht und sehe keinen Grund dafür, jetzt damit anzufangen!“ Erwiderte sie so erstaunt wie ablehnend, woraufhin ich ihr meine Gründe darlegte. „Erstens ist es ein Zeichen des Respekts und der Zuneigung zu deiner Stute, immerhin trägt und erträgt sie dich und deinen Reitstil.“ Der wenig begeisterte Blick, den ich für meine etwas unhöfliche Bewertung ihrer Reitkünste bekam, hielt mich nicht davon ab, weiterzusprechen. „Zweitens lernst du sie so wesentlich besser kennen und sie dich ebenfalls. Wir haben ja schon erzählt, wie große Fortschritte wir vorletzten Sommer gemacht haben. Es gehört einfach dazu, wenn man ein richtiger Reiter sein will!“
Sie sah mich einige Sekunden lang an. Noch bevor sie etwas erwiderte, setzte ich meine Begründung fort. Trotz all unserer Erzählungen und der vielen gemeinsamen Zeit vergaß meine Mutter immer wieder, dass nicht mehr der kleine Junge vor ihr stand, der einst nach England geschickt wurde. Ich war ein Mann, der seit vielen Monaten eigene Entscheidungen fällte, daher wir würden nicht immer einer Meinung sein. Über ein Jahr lang konnte ich unabhängig leben, auch wenn dies nur durch die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel ermöglicht wurde. Doch es kam mir vor, als würde diese erarbeitete und verdiente Freiheit vonseiten meiner Eltern zunehmend wieder eingeschränkt. „Wenn du willst, dass mich die anderen hier ernst nehmen, tue du das bitte auch. Oder glaubst du, sie werden mir eines Tages folgen, weil ich so gut aussehe?“ Normalerweise war ich nicht so sarkastisch. Aber in mir kochte in diesem Augenblick das Blut und ich musste es einfach herauslassen, ich hatte mich etwas in Rage geredet. Nach all den Belehrungen der jüngeren Vergangenheit wollte ich wieder etwas entscheiden und durchsetzen, sei es vielleicht auch noch so unbedeutend. Mein Ton hatte sich zunehmend verschärft, was mir aber erst auffiel, als Christine schweigend ihre Hand in die meine legte. Sofort verlangsamte sich mein Puls, ich wurde wieder deutlich freundlicher. „Entschuldige bitte, dass ich mich im Ton vergriffen habe. Doch wenn der Unterricht bei Katharina erfolgreich sein soll, musst du schon alles so machen, wie sie es vorschlägt. Nur konnte sie dir ja nicht befehlen, dein Pferd selbst vorzubereiten. Bitte versuche es einfach, du bekommst das schon hin.“ Mama nickte nur, während sie mich nachdenklich anschaute. Seit vielen Jahren bekam sie keine so deutlichen Worte mehr zu hören. Meine Mutter bevorzugte stets einen diplomatischen Lösungsansatz, auch ihre gesellschaftliche Herkunft und heutige Stellung bewahrten sie meistens vor dieser Art Konfrontation. Grundsätzlich blieb so eine Vorgehensweise meist passend, doch auch ich hatte meine Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht. In manch einer Situation waren höfliche Worte die falsche Reaktion. Ich hatte mir angewöhnt, zu handeln und zügig Ergebnisse zu erwarten, was sich zumindest bei den blutigen Auseinandersetzungen als sinnvoll erwies. Natürlich konnten wir beide auch anders, sonst wäre die Armenstiftung ein Traum geblieben. Doch gegenüber meiner Familie fand ich es nicht falsch, mich gelegentlich direkter zu äußern. Überraschenderweise zeigte sich Christine bei unseren Lehrstunden in Diplomatie deutlich besonnener als ich selbst, wir hatten doch gegenseitig mehr als gedacht aufeinander abgefärbt. Natürlich besaß sie noch all ihre Impulsivität und Leidenschaft, doch konnte sie Gefühle im Beisein meiner Eltern eindeutig besser kontrollieren.
Zwei Wochen später saß Mama zum ersten Mal ohne Sattel im normalen Reitersitz, was ihr sichtbar seltsam erschien. In all den Jahren nutzte sie nur den Damensattel, dieses neue Gefühl dagegen schien völlig fremd. Doch sich nicht um die früher nur selten infrage gestellten Anstandsregeln scherend, welche auch bei dieser Beschäftigung immer galten, probierte sie dann doch einen normalen Sattel aus. Es gefiel ihr bald deutlich besser, so folgte der nächste logische Schritt, es direkt auf dem Pferderücken zu erlernen. Unsere Reitlehrerin blieb generell bei der Meinung, dass der Damensattel ausschließlich dazu taugte, Reiterin und Pferd zu quälen. So argumentierte sie sehr hartnäckig und überzeugend.
Die kleine Auseinandersetzung, welche ich mit meiner Mutter anfangs austrug, war seitdem nicht mehr direkt zur Sprache gekommen. Allerdings bat sie Katharina am Tag darauf, ihr wirklich alles beizubringen und als Lehrerin keine Zurückhaltung zu üben, wenn sie es für nötig hielt. So putze die reife Schülerin jeden Morgen ihr Pferd, kratzte Hufe aus, legte Zaumzeug an und sattelte das Tier selbst. Ihre Dienerin Tamina, welche uns bei unserer Ankunft schon in den Palast führte, sowie die anderen in den Stallungen Beschäftigten trauten ihren Augen kaum, als sie es die ersten Male sahen. Besonders die junge Vertraute wollte sie davon abhalten. Doch da diese auf Mamas Wunsch hin ebenfalls Unterricht bekam und ihr ein Pferd zugeteilt wurde, gab es nur einen entsprechenden Versuch, bevor sie genauso zu Werke ging. Ihre Fürstin war immer eine gute Herrin gewesen, der sie gerne jede vermeintlich niedere Arbeit abnahm. Doch sie spürte auch, dass diese neue Tätigkeit meine Mutter selbst erledigen musste. Die junge Frau hatte die Diskussion mitbekommen und, obwohl wir sie in englischer Sprache führten, aufgrund von Agnes Unterricht genug verstanden, um mit offenem Mund dazustehen. Christine klärte Tamina einige Tage später unter vier Augen darüber auf, dass ich und auch sie selbst nicht immer den Erwartungen des Fürstenpaares entsprachen. Aber es bestand kein Grund zur Sorge! Wir mussten als Familie nur erst einen Weg finden, damit umzugehen. Das würde möglicherweise noch den einen oder anderen kleinen Konflikt hervorrufen.
Herkules und Athena zeigten sich sehr begeistert davon, dass wir endlich wieder jeden Tag Zeit mit ihnen verbrachten. Gemeinsam mit Agnes nahmen Christine und ich ebenfalls bald an den Reitstunden teil, es wurde eine schöne Beschäftigung, die wir liebten. Katharina beherrschte als uneingeschränkte Meisterin den Platz und verspürte sehr viel Freude daran, ihre fünf Schüler herumzukommandieren. Wenn es die Zeit zuließ, feilte sie auch bei mir und meiner Liebsten an Kleinigkeiten, die ihr nicht gefielen. Agnes saß trotz der vielen Übung auf unserer Reise manchmal immer noch sehr steif im Sattel. So profitierte sie ebenfalls von den Lehrstunden, wir alle erlebten eine großartige Zeit zusammen. Nur bei Tamina spürte man anfangs wenig Begeisterung. Vor allem, als unsere Lehrmeisterin verkündete, ab jetzt würde es auch ohne Sattel gehen müssen, verzog sie das Gesicht. Doch da es dem Wunsch ihrer Herrin entsprach und sie an zukünftigen Ausritten sowie Reisen teilnehmen sollte, war es unerlässlich, mithalten zu können. So gab sie sich alle Mühe und bald verschwand auch bei ihr die Abneigung.
Mein Vater schaute immer wieder vorbei, wenn es seine Zeit zuließ. Als er aufgrund der schnellen Erfolge seiner Frau sah, welch begabte Ausbilderin wir mitgebracht hatten, bot er ihr an, zukünftig die oberste Trainerin zu sein. Der Stallmeister und die anderen eigentlich dafür Zuständigen, welche die Pferde und Soldaten üblicherweise ausbildeten, protestierten anfangs natürlich, manch einer leistete nicht wenig Widerstand. Ähnlich wie mein früherer Reitlehrer auf die Neuerung sehr negativ reagierend, fühlten sie sich in ihrer Ehre gekränkt. Doch schon Katharinas Auftritt beim Turnier sowie die zuvor stattgefundene Präsentation ihres Könnens verminderten die Ablehnung teilweise erheblich. Da es zudem der Anweisung meines Vaters entsprach, fügten sie sich schließlich. Die meisten erkannten mit der Zeit, dass es keine Schande war, wenn sie die Anweisungen der braunhaarigen Frau entgegennahmen und befolgten.
Lissi erfuhr schon auf der letzten Reiseetappe, wer Christines gute Freundin war, welche ihr die vielen damals in Schottland gezeigten Kunststücke beibrachte. Zu ihrem zehnten Geburtstag vor Weihnachten schenkten wir alle gemeinsam dem Mädchen ein eigenes Pferd zusammen mit der Zusage, sie ebenfalls auf diese Art zu unterrichten. Begeistert kam sie immer sonntags mit Anja zu uns, wenn ihr Vater seinen wöchentlichen Bericht über die Bahnlinie ablieferte. Stets gingen wir zu den Stallungen, damit sie ebenfalls eine kleine Artistin werden konnte.
„Ich muss mich entschuldigen, mein Sohn. Du hattest voll und ganz recht. Mir war bisher nicht in vollem Umfang bewusst, wie erwachsen du geworden bist. Ich sollte dich nicht mehr wie ein Kind behandeln, auch wenn du immer mein Kind sein wirst. Aber bedenke bitte, auch dein Vater und ich haben nicht alles falsch gemacht. Lehne nicht jeden Rat ab, den wir dir geben.“ Sagte meine Mutter, als ich ihr half, ihre Stute zu striegeln. Ohne etwas zu erwidern, nahm ich sie in die Arme und drückte sie einfach nur an mich. Das Verhältnis zwischen uns fühlte sich etwas verkrampft an, seid ich ihr vor drei Wochen so offen Widerstand leistete. Auch mich belastete die Kluft zwischen uns, doch wie Agnes seinerzeit erkannte sie glücklicherweise, dass ich manchmal meinen eigenen Weg gehen wollte und musste.
Wenig später küsste mich meine geliebte Christine erleichtert, als wir gemeinsam noch Herkules versorgten und ich ihr das eben Erlebte erzählte. Sie war glücklich, dass sich die Situation bereinigt hatte, an ihr ging es ebenfalls nicht spurlos vorüber. Ich konnte und wollte es vor ihr nicht verbergen, wie sehr mich die Meinungsverschiedenheit bedrückte, so wir sprachen mehrere Abende immer wieder darüber. Gemeinsam hatten wir vieles erreicht! Nach den Abenteuern waren wir davon überzeugt, überall zurechtzukommen. Doch auch manch leiser Zweifel nagte in uns, ob es manchmal nicht eine bessere Lösung gegeben hätte und wie klug unsere Entscheidungen tatsächlich gewesen waren. Nach der Aussprache mit meiner Mutter wollten wir am Abend das Thema noch einmal anschneiden, um mehr Gewissheit zu bekommen. Mit Sicherheit konnte es noch den einen oder anderen Zusammenprall geben, aber beim nächsten Mal würde es hoffentlich harmonischer ablaufen.
„Weißt du, an was ich seit Wochen immer wieder denken muss?“ Fragte sie spontan und süß lächelnd, doch ich hatte in diesem Moment keine Ahnung, worauf sie anspielte. „Obwohl wir bald Weihnachten feiern werden, ist es in diesem Stall nicht so kalt wie in London…“ Mir dämmerte, was sie mit verführerischen Gesichtsausdruck mitteilte. Ich zog meine Gefährtin an mich. Leidenschaftlich knutschend erinnerten wir uns an das schöne Spiel, welches wir dort erleben durften. Ich begann ebenfalls darüber nachzudenken, ob wir es irgendwie bewerkstelligen konnten, auch wenn das aufgrund der feststehenden Pläne wahrscheinlich warten musste.
Im neuen Jahr würde unsere Rundreise zu den Stämmen und Siedlungen beginnen, die wir ursprünglich eigentlich nur zu zweit antreten wollten. Die Einladungen waren viel mehr als nur Höflichkeit, schon eher eine Notwendigkeit. Bisher konnten nur kleine Teile des Volkes uns beide sehen, so wäre es ein wesentlicher Zweck der Reise, uns noch vielen anderen zu zeigen. Doch vor allem wollten wir einen besseren Eindruck von den unterschiedlichen Lebensweisen bekommen und auch viel über die Bedürfnisse der Menschen unserer neuen Heimat in Erfahrung bringen. Da wir seiner Meinung nach immer noch nicht wussten, was wir alles falsch machen konnten, entschied Achmed, ebenfalls teilzunehmen, um uns zu unterstützen. Wir würden daher mit einer größeren Delegation in Begleitung von etwas Personal samt einigen Truppen unterwegs sein. Es sollte vor allem dem alten Mann die beschwerliche Reise erleichtern.
„Wie funktioniert eigentlich der Unterricht mit Tamina? Macht sie gute Fortschritte?“ Fragte meine Mutter beim gemeinsamen Abendessen. Agnes hatte bereits während der Wochen vor dem Turnier damit begonnen, die persönliche Vertraute in englischer Sprache zu unterrichten. So sollte Mama die Möglichkeit bekommen, mit ihr zu kommunizieren, ohne dass jeder andere die Worte verstand.
„Sie hat sich am Anfang mit der neuen Schrift sehr schwer getan, aber das ging uns mit Achmed nicht anders. Über dieses Thema wollte ich sowieso mit Ihnen sprechen, Eure Hoheit.“ Erwiderte Agnes. Wir warteten gespannt, bis sie ihr Anliegen hervorbrachte. „Würden Sie bitte mit ihr öfter englisch sprechen? Sie braucht unbedingt mehr Übung, außerdem traut sie sich meistens nicht so richtig. Zudem habe ich mir überlegt, eine Schule zu gründen. Etwas umfangreichere Bildung für die Kinder der Stammesfürsten wäre sicherlich eine gute Idee. Schließlich kommen immer mehr Händler oder andere Reisende in dieses Land. Kenntnisse in Mathematik, unserer Sprache und den westlichen Sitten werden bestimmt den einen oder anderen Konflikt vermeiden. Auch wenn es natürlich vor allem in der Verantwortung der Neuankömmlinge liegen sollte, sich mit den hier vorherrschenden Gegebenheiten vertraut zu machen. Doch die meisten Europäer haben keine sehr hohe Meinung und noch weniger Wissen über die Menschen oder Bräuche hier. So ist es von Vorteil, wenn zumindest die Anführer englisch sprechen.“ Formulierte sie ihren Vorschlag. Gemeinsam diskutierten wir darüber, wie sich die Idee umsetzen ließe und ob auch die höheren Töchter daran teilnehmen sollten. Es schien hier noch weniger üblich, dass Frauen eine Schulbildung erhielten. Sie galten meistens als Menschen zweiter Klasse. Es war stets mühsam und oft unmöglich, sich eine zumindest annähernd ähnliche Stellung wie ein Mann zu erarbeiten. Meine Mutter wie auch Katharina hatten diese Erfahrung bereits gemacht, ohne die Unterstützung meines Vaters wäre wahrscheinlich nichts daraus geworden. Schon in England blieb Bildung auch in den hohen Kreisen meistens auf wenige Themen beschränkt und in der Arbeiterklasse erst recht sehr selten. Natürlich würde es zu Beginn nur einen sehr kleinen Personenkreis betreffen, Agnes konnte nicht unbegrenzt Schüler aufnehmen. Aber es sollte immerhin ein Anfang sein und vielleicht verbreitete es sich in kommenden Generationen, das würde die Zukunft zeigen.
„Mir gefällt die Idee, schließlich konnte ich selbst vor zwei Jahren auch weder lesen noch schreiben. Das Leben ist mit diesem Können deutlich besser. Darf ich dir helfen?“ Äußerte sich Christine begeistert. Unsere Zeit blieb zwar begrenzt und wir hatten auch selbst noch viel zu lernen, aber sie suchte ebenso wie ich eine Aufgabe. Zumal es durch ihre Stellung als meine zukünftige Gemahlin wahrscheinlich weniger Widerstand bei den Jungen geben würde, in deren Augen eine Frau einfach weniger Wert hatte. „Ich hoffe, ihr helft mir beide dabei. Ihr wisst am besten, wie schwierig es ist, eine neue Sprache zu lernen. Die Sache wird einfacher, wenn man mit einem Gesprächspartner üben kann.“ Erwiderte die Lehrerin und wir nickten zustimmend. So könnten wir auch die Sprösslinge der Stammesfürsten besser kennenlernen, das konnte nur von Vorteil sein.
Mit einem der Pferdebetreuer hatte ich vor Kurzem ein sehr ernstes Gespräch führen müssen, da er sich trotz der Anweisungen des Fürsten mehrfach respektlos und beleidigend gegenüber unserer Freundin verhielt. Zu Handgreiflichkeiten seinerseits kam es bislang nicht, doch er hatte mehrfach wenig versteckte Drohungen gegen Katharinas Gesundheit ausgesprochen.
Nach Rücksprache meinem Vater äußerte ich den Wunsch, das Problem lösen zu wollen. Auch ihm fiel meine permanente Unzufriedenheit in der Vergangenheit auf. Er wusste, dass ich gelegentlich eine Aufgabe brauchte und sah es als gute Möglichkeit für seinen Sohn, Führungsstärke zu zeigen und weitere Erfahrung im Umgang mit den Menschen hier zu sammeln. So überließ er es mir, das Gespräch zu führen. „Aber schneide ihm nicht gleich die Kehle durch, zeige bitte etwas Verständnis für seine Lage. Er hatte sich Hoffnungen gemacht, selbst diese Stellung einnehmen zu können. Und ausgerechnet von einer Frau verdrängt zu werden, kann er nur schwer akzeptieren, auch wenn er das selbstverständlich tun muss.“ Klangen seine Worte noch Stunden später in meinen Ohren. Mein schräger Blick bei seiner Ermahnung konnte ihm nicht entgehen. „Mach dir deswegen keine Sorgen. Aber ich werde ihn deutlich daran erinnern, dass ich bei einem Angriff keinen Henker brauche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen.“ Wütend über das berichtete Verhalten hätte ich dem Mann zwar am liebsten sehr handfest erklärt, wie ich zu seinem Verhalten stand, doch das wäre der falsche Weg gewesen. Ich war weder unbeherrscht genug, so übertrieben zu reagieren, noch wohnte in mir der Wunsch, jemanden deswegen zu töten. In der Vergangenheit machten stets Ausnahmesituationen ein solches Handeln notwendig, so sollte das auch bleiben, schließlich war ich kein Schlächter. Doch Vaters Hinweis zeigte mir, dass er doch weniger über mich wusste, als ich dachte, sowie meine Beweggründe für Gewalt nicht immer richtig verstand.
Wir hatten uns das erste Mal seit Wochen nur unter vier Augen unterhalten, um ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Aber es wären offensichtlich noch einige weitere Treffen nötig, bis er mich besser einschätzen konnte. In den vielen Lehrstunden hatte es mich gestört, wie belehrend und manchmal herablassend er sich uns gegenüber verhielt. Ich ließ mein Missfallen vor allem an meiner Mutter aus, da auch sie sich gelegentlich nicht anders benahm. Doch auch ihm war bewusst geworden, dass wir als Vater und Sohn einen Weg finden mussten, damit zurechtzukommen. Nach mehreren Gesprächen im kleinen Familienkreis normalisierte sich die Situation irgendwann. Meine Eltern verstanden, dass wir ihr Wissen und ihren Rat beherzigen wollten, doch auch unsere Vorgehensweisen zum Ziel führten. So akzeptierten sie, dass meine Liebste und ich nicht immer ihren Empfehlungen folgen würden. Christine hatte mir den Mut gemacht, das Thema zu klären. Es hingen auch unser gemeinsames Glück sowie die Zukunft davon ab, dass wir das Problem aus der Welt schaffen konnten.
„Wie verbringen wir eigentlich Weihnachten?“ Fragte ich Anfang Dezember beim Abendessen. Abgesehen vom letzten Jahr musste ich mir nie Gedanken dazu machen, meist wurde ich mit Agnes zusammen irgendwo eingeladen. Die hier vorherrschende Religion unterschied sich von der christlichen, doch das spielte eigentlich keine Rolle. Weder Christine noch ich selbst waren besonders religiös, im Gegenteil. Wir fanden beide die These eines allmächtigen Gottes seltsam und konnten wenig mit dem Gedanken anfangen, dass irgendein Wesen unsere Schritte lenkte.
Gelegentlich rief meine Gefährtin zwar Gott an, doch das resultierte mehr aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und war der Leidenschaft des jeweiligen Augenblicks geschuldet. Vielleicht ersetzten wir Glaube und Religion durch unsere Vorstellung von schicksalhaften Fügungen oder Zufällen, denn so erklärten wir all die Ereignisse, welche uns zusammenführten. Aber zumindest von den Lehren der Anglikanischen Kirche oder einer anderen Glaubensrichtung, die Achmed anfangs erwähnte, fühlten wir uns nicht angezogen. Sie alle gehörten lediglich zu den Institutionen, die Regeln aufstellten, um uns in der persönlichen Freiheit einzugrenzen, auf die wir großen Wert legten. Da es bereits mehr als genug Beschränkungen in den gehobenen Gesellschaftsschichten gab, die wir mit viel Fantasie brachen, umgingen oder schlichtweg ignorierten, übten weitere Verbote oder Vorschriften keine Anziehung aus. Lediglich die Vorstellung einer Hölle voller Dämonen faszinierte uns sehr. Schließlich musste Christine ihr Leben lang durch diese gehen und auch Teufeln waren wir bereits begegnet, denen das allerdings schlecht bekam. Bei unserem Liebesspiel verwandelten wir uns gelegentlich selbst in die Vertreter der Finsternis, wenn wir einfach stürmisch voneinander nahmen, was wir begehrten. Für meine Verlobte und mich bedeutete Weihnachten inzwischen eine Reihe von Tagen, an denen wir den Menschen, die uns nahestanden, etwas Gutes tun und diese Zeit mit ihnen verbringen wollten.
„Spielt das Fest hier überhaupt eine Rolle?“ Ergänzte ich meine Frage, worauf meine Mutter das Wort ergriff. „Wir haben Weihnachten jedes Jahr gefeiert, doch nur für uns mit einigen Vertrauten und gelegentlich diversen abendländischen Gästen. Es gibt zwar kaum offizielle Vertreter anderer Nationen hier, dafür ist unser Land zu klein, doch natürlich stehen wir mit dem Empire und weiteren abendländischen Regierungen in diplomatischem Kontakt. Für dieses Jahr haben uns der britische sowie der Vertreter Preußens zugesagt. Sie reisen von Kairo an und sollten in weniger als drei Wochen eintreffen.“
Sie erzählte weiter, dass es stets ein großes Essen gab, bei dem natürlich vorrangig über Politik gesprochen wurde. Es waren mehr informelle Treffen unter dem Deckmantel eines heiligen Festes als wirklich eine Zusammenkunft von Freunden und Familie, wie wir es im Jahr davor veranstalten. Doch wir konnten beide nachvollziehen, dass sie es nicht anders bewerkstelligen konnten. „Ich würde gerne Walter, Anja und Lissi dazu einladen, seid ihr damit einverstanden? Immerhin sind sie in eurem Auftrag hierher gereist und er baut die Bahnlinie in die Berge.“ Schlug ich vor, es gab keine Einwände. Meine Eltern hatten sich ebenfalls bereits darüber Gedanken gemacht und freuten sich, wenn Kinderlachen das Haus erfüllte.
Als wir an diesem Abend im Bett lagen, fragte ich meine Gefährtin, ob sie einen Weihnachtswunsch hatte. „Ich habe dich, wir teilen Tisch und Bett, das ist mehr als genug. Und nachdem wir die Probleme mit deinen Eltern vorerst gelöst haben, bin ich auch sehr glücklich hier. Doch wirklich zu Hause bin ich immer da, wo du bist, egal in welchem Teil der Welt.“ Antwortete sie süß lächelnd und küsste mich zärtlich. Sie war ebenfalls alles, was ich mir wünschte. „Ich fühle mich hier ebenfalls wohl. Aber auch wenn es komisch klingen mag, mir fehlt London immer wieder. Vielleicht bin ich einfach noch nicht angekommen.“ Erwiderte ich ihre Aussage und ich sah ihr an, dass auch sie unser altes Heim mit den vertrauten Menschen dort manchmal vermisste. Es fühlte sich einfach besser an, eigenständig und unabhängig zu sein, als wie hier wieder unter einer Art Aufsicht zu stehen. Natürlich verfügten wir über eine Menge Freiheiten, doch es würden uns noch ein langer Kampf und viele Kompromisse bevorstehen, bis es wieder so war wie früher.
Vor unserer Abreise aus London hatten wir beide gemeinsam mein Bankhaus aufgesucht, um die Finanzen für die Zukunft zu ordnen. Ich hinterlegte dort die Anweisung, dass im Falle meines Todes Christine über sämtliche Mittel verfügen konnte. Es sollte die Erfüllung meines Versprechens sein, das ich ihr gegeben hatte, als sie meine Gesellschafterin wurde. Auf diese Weise stellte ich sicher, dass sie nie wieder Not leiden musste, auch wenn ich eines Tages starb. Nachdem wir in der Gasse und einmal mehr auf unserer Winterreise dem Tod von der Schippe gesprungen waren, wurde mir die Notwendigkeit einer solchen Regelung bewusst. „Ich will gar nicht daran denken, dass ich vielleicht eines Tages allein hierher kommen muss. Ich will ohne dich nicht weiterleben!“ Flüsterte meine Geliebte, als uns der Bankangestellte für einen Moment allein ließ. Sie hatte bei dem Gedanken Tränen in den Augen und schlang ihre Arme um mich, fast, als würde in diesem Augenblick die Gefahr bestehen, dass der Fall eintritt. „Ich will dich auch niemals verlassen! Aber wenn es doch passieren sollte, gehe ich mit dem Wissen, dass du dich und unsere bis dahin vielleicht geborenen Kinder versorgen kannst. Es ist mir sehr wichtig!“ Und küsste die roten Lippen, die sie mir darbot. Die traurigen Gedanken verdrängend unterschrieben wir beide die notwendigen Papiere und verließen im Anschluss das imposante Gebäude.
Da wir nun hier am Roten Meer lebten, wurden die jährlichen Zahlungen meiner Eltern eingestellt. Doch das Haus, welches von Madlen und ihrem Gatten eine nicht zu verachtende Miete bescherte, sowie die Zinseinnahmen aus dem über die Jahre angesammelten Kapital vermehrten das Guthaben stetig. Natürlich waren für die Reise und auch den gehobenen Lebensstandard für alle seit Christines Eintritt in mein Leben die Ausgaben spürbar gestiegen. Aber es blieb immer noch Luft nach oben, zumal damals die Hausdame gehen musste und ihr dann eingespartes Gehalt einen nicht unwesentlichen Teil der Mehrkosten deckte. Da inzwischen auch die anderen Personalaufwendungen nicht mehr zu meinen Lasten gingen, nahm der Vermögenszuwachs erheblich Fahrt auf. Uns beiden würde jederzeit auch ein kleineres Heim mit wenig oder gar keinem Personal ausreichen. So verfügten wir bereits zu diesem Zeitpunkt über die Möglichkeit, überall hinzugehen, wenn wir das wollten. Die einst nach unserem Aufenthalt im Wald gewonnenen Kenntnisse ließen uns im Lauf der Zeit immer unabhängiger werden. Wir würden selbst in dem bescheidenen Anwesen abseits der Zivilisation zurechtkommen. Beide hatten wir im Lauf des Sommers und auch danach andere Sachen erlernt. Großvater erklärte mir in Schottland, auf was es bei der Jagd ankommt und zumindest in der Theorie sah ich mich im Stande, ein Tier zu zerlegen, auch wenn der Gebrauch einer Schusswaffe noch nicht zu meinen Fähigkeiten gehörte. Aber das stand auf der Liste mit Dingen, die ich ändern wollte, sobald sich Gelegenheit dazu ergab. Christine verfeinerte und erweiterte ihre Kochkünste. Von der praktischen Haushaltsführung verstand sie sowieso mehr als ich, alles andere würde sich dann ergeben. Wir planten zwar im Moment nicht, dieses Land zu verlassen, aber man konnte nie wissen, welche Überraschungen das Leben für uns bereithielt. Die Gewissheit, im Prinzip jederzeit unsere Pferde besteigen und einfach in den Sonnenuntergang reiten zu können, machte es leichter, die hier geltenden Grenzen einzuhalten. Nach wie vor lasen wir gemeinsam und sehr gerne Abenteuerromane, um unsere Fantasie zu beflügeln. Oft verglich Christine manch Erlebnis der Protagonisten mit unseren eigenen, wenn wir uns wieder in alle Welt träumten.
In den freien Stunden schlenderten wir gelegentlich durch die Stadt, um mehr von allem hier zu erleben und etwas anderes als die Residenz zu sehen. Um nicht aufzufallen, trugen wir wieder wie bei unserer Ankunft einfache Kleidung. Mama hatte einen Hinweis ausgesprochen, es könnte sonst den einen oder anderen Menschenauflauf geben, wenn wir uns auf den Straßen der Stadt zeigten. Die Begeisterung nach dem unerwarteten Turniersieg blieb nach wie vor groß, generell erfreute sich das Fürstenhaus uneingeschränkter Beliebtheit. Beim ersten Mal, als wir uns danach in der Öffentlichkeit bewegten, musste der Spaziergang ziemlich schnell abgebrochen werden. Viele wollten das blonde Haar der neuen Prinzessin berühren, dass sie an diesem Tag offen getragen hatte. Einerseits genoss sie die viele Zuwendung, doch manch einer wahrte keinerlei Abstand und kam ihr unangenehm nahe. Trotz der Begeisterung, doch auch der Gefahr bewusst, die sich hier vielleicht zeigen konnte, wurden wir in der Folge wieder die beiden Reisenden, die vor knapp drei Monaten auf zwei müden Kamelen ankamen.
Nach Erkunden der verschiedenen Stadtviertel, besonders zum Hafen zog es uns öfter, sahen wir am Tag nach der Weihnachtsplanung auch das kleine Mädchen wieder, dem Christine damals zur Seite gestanden hatte. Die junge Obsthändlerin schien sich nicht sicher zu sein, ob wir beide tatsächlich die Helfer waren, während wir bei ihr einkauften, schließlich sahen wir wie alle anderen aus. Doch als Christine sie fragte, ob das Veilchen in ihrem Gesicht von den drei Burschen stammte, erzählte sie uns, dass es ihr Onkel gewesen sei. Er hatte sie geschlagen, weil sie nicht genug Geld verdiente, wie er es deshalb oft und auch ohne besonderen Grund tat. In der Folge erfuhren wir, dass sie bei ihm und einer Tante aufwuchs, die jedoch mehr eine Arbeitssklavin denn eine Verwandte in ihr sah. Als uneheliche Tochter ihrer im Kindbett verbluteten Mutter war sie in Schande geboren worden und in den Augen der Familie noch weniger wert als ein kranker Hund.
Ich spürte, dass meine Gefährtin ebenso wütend wurde wie ich selbst, doch einfach hingehen und ihm eine Lektion erteilen konnten wir nicht. Ich fragte sie, ob sie immer an diesem Platz zu finden wäre, und als sie das mit ja beantwortete, verabschiedeten wir uns. „Ich weiß, dass wir nicht alles Unrecht der Welt beseitigen können, doch der Kleinen möchte ich etwas Gutes tun. Sie war der erste Mensch, dem wir hier begegnet sind und der uns freundlich willkommen hieß. Deine Hilfe wurde schon einmal angenommen, das können wir wieder tun. Hast du eine Idee, wie wir es am besten anstellen?“ Fragte ich Christine, als wir schnellen Schrittes nach Hause gingen. „Ich würde dem Onkel am liebsten die Kehle durchschneiden. Der Mistkerl schlägt ein kleines Mädchen, weil ihre Mutter nicht mit dem Vater verheiratet war. Sie kann nichts dafür oder ist daran schuld. Aber ich weiß, dass die Sichtweise der Leute hier so ist, als Waise ging es mir nicht so viel anders. Wir sollten mit Mama sprechen!“ Antwortete sie zornig. Sie ließ sich kaum zu zügeln, wenn diese Art von Emotion in ihr erwachte. Ich hätte meine Gefährtin wahrscheinlich davon abhalten müssen, dem Onkel an den Hals zu springen, wäre er in diesem Moment zugegen gewesen. Doch auch in mir brodelten Wut und Verachtung, wie konnte man nur so handeln. Natürlich war uns Gewalt nicht fremd, wir wandten sie mehr als einmal ausgiebig an. Aber es traf stets Menschen, die sich zuvor um eine Zuwendung dieser Art mehr als verdient gemacht hatten.
Wenig später berichteten wir Mama von unserem Erlebnis und der Idee, die inzwischen entstanden war. „Du hast Tamina als deine Vertraute und Zofe. Wäre es möglich, der Kleinen die gleiche Aufgabe bei Christine zu geben? Auch wenn sie keine Hilfe braucht, wäre eine Person, die uns beiden nahesteht und gelegentlich Aufträge ausführt, die wir nicht den anderen Dienern überlassen wollen, schon nicht schlecht.“ Präsentierte ich Christines Vorschlag meiner Mutter. Zu Hause hielt uns Agnes immer den Rücken frei, doch hier bestand diese Möglichkeit nicht und sie würde in Zukunft andere Aufgaben übernehmen. Berta blieb lange Zeit die Einzige, die über meine Liebste Bescheid wusste. Sie wahrte unsere kleinen Geheimnisse, nachdem sie die blutverschmierten Kleider nach dem Überfall in der Gasse verbrannte. Ich fand, dass wir eine eigene, sehr vertraute Person brauchten. Bisher gab es eine solche nicht, so entstand die Idee für diese Lösungsmöglichkeit.
„Ihr habt ein gutes Herz! Ich möchte euch dabei keine Steine in den Weg legen, grundsätzlich spricht nichts dagegen. Aber sie wird kaum gebildet sein, noch sonst irgendetwas können. Das müsst ihr dem Kind dann schon selbst beibringen. Und vermutlich müsst ihr sie freikaufen! Einfach mitnehmen geht auf keinen Fall, auch als mein Sohn nicht!“ Wurde uns erklärt. „Freikaufen? Ernsthaft?“ Fragte ich so verwirrt wie überrascht. Es erschütterte meine Überzeugung, dass es Sklaverei hier schon lange nicht mehr gab. „Sie verdient für ihre Familie Geld. Sieh es als eine Art Ablösesumme oder Entschädigung. Und mir gefällt das auch nicht, ich bin davon so wenig begeistert wie du! Aber so sind die Sitten hier.“ Erklärte sie verstimmt. Wieder einmal stießen wir auf etwas, dass uns nicht gefiel, doch das konnte im Augenblick niemand ändern. Mama nannte noch einen Betrag, der ihr angemessen schien und gab mir aus ihrer persönlichen Schatulle eine Handvoll Münzen. Meine eigene Liquidität war größtenteils aufgebraucht, auch wenn in London noch mehr als genug auf dem Konto zur Verfügung stand. „Sollen wir die Aktion besser unerkannt durchführen oder offiziell auftreten? Ich würde Ersteres bevorzugen!“ Stellte ich meine letzte Frage. Mehr als glücklich, ohne Konflikt die Erlaubnis bekommen zu haben, verdrängte ich das Sklaventhema aus meinen Gedanken. Es war deutlich leichter und besser so, zumal eine gemeinsame Entscheidung den Familienfrieden wahrte. Nur den Onkel mussten wir noch überzeugen, dass es auch zu seinem Vorteil gereichte, seine Nichte gehen zu lassen. „Versucht es erst inoffiziell, das halte ich für besser. Sie verschwindet einfach von der Bildfläche wie einst das junge Wäschemädchen. Deinen Vater können wir immer noch hinzuziehen, wenn es Probleme geben sollte.“ Stimmte meine Mutter zu und lächelte Christine dabei an. Nachdem es nichts weiter mehr zu sagen gab, machten wir uns rasch wieder auf den Weg.
Wie zwei Stunden zuvor fanden wir sie mit ihren Körben, beide immer noch halb gefüllt. Erstaunt, dass wir wieder vor ihr standen, schaute sie uns an. „Wollt ihr noch etwas kaufen? Ich darf erst nach Hause, wenn alles weg ist.“ Fragte sie uns und schien wie schon bei unserem ersten Besuch den Tränen nahe. Das Mädchen würde mit Sicherheit bestraft werden, obwohl sie für die Menge an Kunden nichts konnte. „Ja, das wollen wir sehr gerne. Aber so viel hast du nicht dabei, würdest du uns zu deinem Onkel bringen? Und darf ich fragen, wie du heißt?“ Antwortete ich ihr freundlich. „Amalia, wie meine Großmutter. Und ihr wollt wirklich mehr kaufen, als ich habe?“ Gab sie hoffnungsvoll Auskunft. Sie sollte erst von unserem Plan erfahren, wenn die Familie zugestimmt hatte und sich nicht zu früh Hoffnungen machen. Freudestrahlend, zumindest an diesem Tag genug Geld zu verdienen, führte uns Amalia in das entsprechende Stadtviertel, bald erreichten wir das Haus ihrer Familie. Ein junger Mann in unserem Alter saß vor der Tür und trank Tee. Als er uns mit der kleinen Händlerin sah und bemerkte, dass sie noch zu viel Ware bei sich trug, begann er sofort zu schimpfen. „Sei still und hol den Onkel des Mädchens. Wir sind hier, um ein größeres Geschäft abzuschließen. Deswegen hat sie uns hergeführt!“ Sagte ich ruhig, doch in einem strengen Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Mich kurz anschauend begab er sich etwas eingeschüchtert ins Haus. Gleich darauf erschien ein Mann mittleren Alters. Mit falschem Lächeln bat er uns herein, doch nur ich folgte der Einladung. Christine blieb mit Amalia draußen, um sie zu beschützen. Ihr Vetter widmete sich wieder seinem Tee, er beachtete beide nicht weiter. Meine Liebste konnte man nicht als Frau erkennen. Nur die Zehnjährige hatte an der Stimme bemerkt, dass es kein Mann war, der neben ihr stand. „Was kann ich Euch anbieten? Mein Sohn hat mir berichtet, Ihr hättet ihn wegen eines Geschäfts angesprochen.“ Eröffnete er das Gespräch. Der kleine Lügner wollte die Lorbeeren abgreifen und hatte seinen Vater belogen. Doch mir schien das hier normal zu sein und niemanden zu stören. In dem schummrig beleuchteten Raum konnte ich das Tuch vom Gesicht nehmen, ohne gleich erkannt zu werden, ein Gebot der Höflichkeit im Haus des Verhandlungspartners. „Ich bin hier, um Amalia zu kaufen. Meine Gebieterin braucht eine Dienerin für niedere Arbeiten. Was verlangt Ihr für das wertlose Kind?“ Wertete ich die Kleine erst einmal ab, um zu verbergen, wie wichtig mir das in Wirklichkeit war. Achmed hatte uns in vielen Stunden beigebracht, auf welche Weise Geschäfte hier abgewickelt wurden und dass im Feilschen die Grundlage dafür lag. „Ihr wollt meine unschätzbar wertvolle Nichte mitnehmen? Das würde ihrer Tante das Herz brechen, sie ist für uns fast unbezahlbar.“ Erwiderte er. „So sagt mir, mit welchem Betrag ich das Herz eurer Gemahlin trösten könnte. Doch seid bescheiden, es gibt hunderte ungebildete Dienerinnen.“ Setzte ich das Gespräch fort. Auf keinen Fall durfte er wissen, dass ich bereit war, fast jede Summe zu zahlen. Er nannte einen Betrag, der knapp über dem Vorschlag meiner Mutter lag, doch ich wollte ihm so wenig wie möglich geben, einfach, weil er wie ein schlechter Mensch auf mich wirkte.
„Das ist eine Beleidigung für mich, ich gebe euch nicht mehr als ein Viertel davon und das ist schon zu viel.“ Eröffnete ich die Verhandlung. Sofort begann er zu jammern, dass ich an seine anderen Kinder denken müsse. Sie würden verhungern, wenn das Einkommen seiner Nichte wegfiel, und er brauchte das Geld. Während wir um die lebendige Ware feilschten, verstrichen nicht wenige Minuten. Die Verhandlung ging mit einer beachtlichen Schauspielkunst einher, da wir beide wie die Ärmsten der Armen unsere Argumente hervorbrachten. Schließlich trafen wir uns bei gut der Hälfte seines ersten Angebotes. Er schien sehr zufrieden zu sein, wenn das unerwünschte Mädchen einfach verschwand, so stimmte er dem Geschäft zu.
In der Zwischenzeit hatte Christine Amalia in ein Gespräch verwickelt. Schließlich mussten wir herausfinden, ob sie freiwillig mit uns kommen wollte, etwas anderes kam nicht infrage. Doch aufgrund ihrer Erzählung des Nachmittags lag die Wahrscheinlichkeit bei null, dass sie lieber bei ihrer Familie bleiben wollte. „Warst du schon einmal in der Residenz des Fürsten?“ Fragte meine Liebste leise, um die Unterhaltung in Gang zu bringen. „Nein, aber ich habe die neue Prinzessin mit dem goldenen Haar vor einer Weile gesehen. Sie ist so wunderschön.“ Erzählte sie mit einem strahlenden Gesicht. „Ja, das ist sie. Und ein sehr netter Mensch. Würdest du das goldene Haar gerne einmal anfassen? Ich habe gehört, sie sucht eine Zofe, die ihr dabei hilft, es zu bürsten.“ Erwiderte die genannte Prinzessin, ohne zu sagen, dass sie selbst diese war. „Dann könnte ich von hier weg und im Palast leben. Aber mein Onkel wird mich nicht gehen lassen. Er sagt mir immer, dass ich noch nicht mal zum Obst verkaufen gut genug bin, die Prinzessin will mich bestimmt nicht.“ Antwortete sie traurig. Doch ihre Antwort genügte als Zustimmung, sie würde gerne mit uns kommen.
Ohne weiter darauf einzugehen, warteten beide schweigend auf mich. Wir wollten das Geheimnis erst im letzten Augenblick lüften und am besten würde ihre Familie nie erfahren, wer sie in Wirklichkeit abholte. Während ich den vereinbarten Preis bezahlte, verlangte ich noch, dass mir die persönlichen Habseligkeiten meines neuen Eigentums übergeben wurden. Wenig später kam die Tante mit einem kleinen Bündel. Es bestand aus einer abgegriffenen Stoffpuppe und einer Handvoll Kleider. Mit knappen Worten verabschiedete ich mich, mein Verhandlungspartner ging mit nach draußen. „Stell die Körbe ab und geh mit den beiden Männern, sie haben dich gekauft. Sieh zu, dass sie mit dir zufrieden sind, ich nehme dich nicht zurück!“ Erklärte er mit barschen Abschiedsworten. Ohne auf eine Reaktion zu warten, drehte er sich auf dem Absatz herum und ging wieder hinein. So schockiert wie verwirrt stand unsere neue Gesellschaft da, Tränen stiegen ihr in die Augen. Amalia hatte sich schon nachmittags daran erinnert, dass Christine vor Monaten die drei Burschen verprügelte, um ihr zu helfen. Auch heute begegneten wir ihr sehr freundlich, doch der Rauswurf ihrer Familie verlangte ihr deutlich mehr ab, als sie in diesem Moment verkraften konnte.
„Hab keine Angst, du wirst es bei uns gut haben. Und deinen Onkel musst du nie wieder sehen, noch wird dich jemals wieder jemand schlagen.“ Flüsterte Christine, als wir die Kleine an den Händen nahmen. In unserer Mitte führten wir sie weg, nach gut einer Viertelstunde erreichten wir das Haupttor der Residenz. Die dort stehenden Wachen wussten natürlich, wer Einlass begehrte und ließen uns einfach passieren. „Warum dürft ihr hier hinein, kennt ihr den Fürsten?“ Fragte Amalia mit großen Augen. „Ja, und wir hatten wirklich die Aufgabe, für die Prinzessin eine Gehilfin zu suchen. Möchtest du sie sehen? Sie ist wirklich nett und freut sich schon darauf, dich kennenzulernen. Auch der Sohn des Fürsten wird natürlich anwesend sein.“ Verkündete Christine überraschend. Fassungslos nickte unsere junge Begleiterin, so führten wir sie ohne weitere Erklärungen in unser Zimmer. Meine Mutter hatte in Erwartung eines Erfolges bereits Tamina damit beauftragt, in ihrem Raum eine zweite Schlafgelegenheit zu organisieren. Sie würde sich auch manche Stunde um das Mädchen kümmern. Wir mussten das angemessene Gleichgewicht zwischen der Vorzugsbehandlung des Kindes und der restlichen Dienerschaft finden, als Vertraute von uns sollte sie erst Stück für Stück in ihre neue Rolle hineinwachsen. Sie wäre am Anfang sowieso überfordert, da auch eine Menge Unterricht vor ihr lag.
Durch die Erkenntnis, dass Amalia ebenso wie meine Liebste ohne Familie aufwachsen musste, kam mir mein eigenes Schicksal wieder in den Sinn. Während der vergangenen Jahre hatte ich mich immer wieder gefragt, warum meine Eltern mich damals wirklich fortschickten. Die eigentliche Begründung erwies sich zunehmend als ungenügend. Agnes hätte mich auch hier unterrichten können, einen Aufstand oder kriegerische Konflikte hatte es ebenfalls keine gegeben. Natürlich war ich wegen der makellos schönen Gefährtin an meiner Seite, die ich über alles liebte, mehr als glücklich, dass sie es einst taten. Doch es blieb eine Frage, die sich immer öfter stellte und mir keine Ruhe mehr ließ. Meine Liebste hatte für sich schon lange damit abgeschlossen, dass sie vor vielen Jahren ins Waisenhaus kam, auch wenn sie die wirklichen Gründe ebenfalls nicht kannte. Mich beschäftigte es aber zunehmend mehr, wie Eltern ihr Kind allein lassen konnten. Der Wunsch nach der Wahrheit wuchs in mir jeden Tag.
Als wir die Unterkunft erreichten, stieg die Spannung unserer Begleitung ins Unermessliche, gleich würde sie das junge Prinzenpaar treffen. „Warte einen Moment, die beiden kommen gleich. Setz dich so lange auf den Stuhl.“ Bat ich sie und nervös folgte sie der Anweisung. „Kennt ihr sie schon lange?“ Fragte sie währenddessen. Sie war eine Sekunde lang enttäuscht gewesen, niemanden anzutreffen, als wir den leeren Raum betraten. „Und sie will mich wirklich kennenlernen? Was ist, wenn sie mich nicht bei sich behalten will?“ Angst, wieder fortgeschickt zu werden, sowie eine allgemeine Nervosität waren nicht zu überhören, als sie ihre Fragen immer schneller stellte. Wir beide verstanden gut, wie sie sich fühlte, so war es an der Zeit, ihr die Wahrheit zu zeigen. Christine hatte ihr Tuch wie immer auch vor dem Gesicht getragen und ich meines nach Verlassen des Hauses wieder umgelegt. „Wenn ich dich nicht behalten wollte, hätten wir dich nicht mitgenommen. Sei willkommen in unserem Haus!“ Sagte meine Liebste freundlich lächelnd, als sie ihre Kopfbedeckung ablegte und sowohl ihr hübsches Gesicht als auch die blonden Haare zum Vorschein kamen. Mit offenem Mund saß das kleine Mädchen auf ihrem Stuhl, Amalia konnte kaum glauben, was sie gerade sah. Uns beide kannte sie nur als verschmutze Reisende, erst heute hatte sie uns wieder gesehen. Nicht auch nur im Entferntesten ahnend, wer ihr damals beistand, war sie mit uns gegangen, um der ungeliebten Familie zu entfliehen.
Auch ich entfernte die Verkleidung und lächelte sie an. „Du hast sicher viele Fragen, aber das besprechen wir morgen in aller Ruhe. Habe bitte keine Angst, dir wird wirklich nichts geschehen.“ Versuchte ich mit wenig Erfolg, sie wieder in die Wirklichkeit zu holen. „Heute ist nur wichtig, dass du etwas zu essen und einen Schlafplatz bekommst. Da du nun hier bist und weißt, wer wir sind, musst du leider „Eure Hoheit“ zu uns sagen, kannst du dir das merken? Das ist sehr wichtig! Der Fürst legt großen Wert auf diese Förmlichkeiten und es ist von Vorteil, wenn du gleich einen guten Eindruck bei ihm machst!“ Erklärte ich ihr die erste Regel. Weder meine Liebste noch ich selbst interessierten uns für irgendwelche Titel. Wir hatten zu viele Menschen getroffen, deren hohe Geburt im Gegensatz zu ihrem niedrigen Charakter stand. Aber für viele andere besaßen diese Förmlichkeiten einen hohen Stellenwert und es wäre nicht hilfreich, wenn sie zu früh eine Sonderbehandlung bemerkten. Wir hatten entschieden, dass sie nach einiger Eingewöhnung Maximilian und Christine sagen durfte. Ich hoffte, sie würde sich dann nicht verplappern, doch vorerst sollte sie förmlich bleiben. „Ja, Eure Hoheit, das kann ich bestimmt!“ Antwortete Amalia zuversichtlich. Das Mädchen, mehr als überwältigt von dem, was sie gerade erlebt hatte, absolvierte souverän die erste Hürde, indem sie die neue Anrede sofort übernahm. Es machte uns beide stolz, dass sie so viel Eifer an den Tag legte, obwohl sie in eine völlig neue Welt katapultiert wurde. Wie vieles andere würde sie mit der Zeit lernen, wann sie sich wie verhalten konnte oder bei welchen Gelegenheiten ein vertraulicherer Umgang angemessen erschien. Immerhin war sie erst zehn Jahre alt und da würden selbst meine Eltern über das eine oder andere Malheur bestimmt auch mehr als einmal hinwegsehen. „Noch etwas. Obwohl dein Onkel gesagt hat, dass wir dich gekauft haben, bist du ein freier Mensch. Wenn du den Wunsch hast, uns zu verlassen, darfst du das jederzeit tun. Du bist weder unser Eigentum noch eine Sklavin!“ Erklärte ich ihr eindringlich. Es war meiner Gefährtin und mir sehr wichtig, dies gleich zu Beginn klarzustellen. Niemand sollte einen anderen Menschen auf diese Art besitzen. Gleichzeitig gab ich ihr den Rest des Geldes, das sich noch in meiner Tasche befand. Natürlich reichte es nur für einige Zeit, doch sahen wir es als ein Zeichen, dass sie wirklich frei war. „Danke, Eure Hoheit. Ich bleibe sehr gerne hier!“ Antwortete Amalia lächelnd, den kleinen Beutel mit Münzen in der Hand. Es schien, als hätte sie den Sinn meiner Worte wirklich begriffen.
Nach leisem Klopfen betrat Tamina den Raum und begrüßte uns mit einer leichten Verbeugung, wie sie es stets vor meinen Eltern tat. Gleiches hatte sie vom Ende des Turniers an auch bei uns getan, als das Versteckspiel endete. Wir stellten die beiden Bediensteten einander vor, Amalia lächelte etwas schüchtern. Die andere Frau war inzwischen zweiundzwanzig, Mama hatte es vor einiger Zeit einmal erwähnt, als wir gemeinsam zu den Stallungen gingen. „Ist in deinem Zimmer alles vorbereitet? Ich danke dir, dass du deinen Raum mit ihr teilst. Sei bitte so freundlich und kümmere dich bis morgen früh um die junge Dame. Sie wird noch Hunger haben und waschen ist sicher nicht überflüssig.“ Richtete ich das Wort an sie. „Eure Hoheit, es ist alles bereits organisiert. Ich werde sie morgen früh wieder zu Euch bringen. Es ist mir eine Freude, diese Aufgabe zu übernehmen.“ Sagte Tamina mit einer erneuten Ehrbezeugung. Amalia hatte zugeschaut und versuchte, es nachzumachen, als sie sich dankbar von uns verabschiedete.
„Irgendwie wird das zur Gewohnheit, dass du Menschen bei dir aufnimmst, oder?“ Fragte Christine grinsend, als wir nach dem Abendessen im Bett lagen. Genaugenommen hatte ich das noch nie allein getan. Sie selbst lebte schon lange im Haus, als wir uns ineinander verliebten. Und Katharina mit uns zu nehmen, war mindestens genauso ihre Idee gewesen. Meine Liebste hatte sich nackt an mich gekuschelt und ihr Kopf lag wie so oft auf meiner Schulter. „Deinen Eintritt in mein Leben habe ich nie bereut. Das Glück, dass du mir schenkst, ist einzigartig. Ich könnte auf alles verzichten, nur auf dich nicht!“ Und küsste sie so liebevoll, wie ich es nur fertigbrachte. „Das will ich auch hoffen, mein Liebster! Jemanden wie mich findest du kein zweites Mal.“ Sprach sie voller Zuneigung lächelnd und glitt auf mich. „Aber im Aufnehmen bin ich auch gut! Soll ich es dir zeigen?“ Der blonde Engel grinste mich erneut an, wieder einmal brachen ihr Humor und die Vorliebe für Wortspiele durch. Mich innig küssend ging sie in die richtige Position, mit glücklichen Lustgeräuschen verschwand meine Männlichkeit in ihrem schlanken Körper. Langsam bewegten wir uns ineinander, wieder verschwamm die Umgebung um uns herum. Raum und Zeit vergessend blieben wir für längere Zeit einfach nur einander Liebende, denen nichts anderes wichtig schien. Mein Blick hing wie gebannt an ihren festen Brüsten, die sich im Takt ihres Körpers bewegten. Bald konnte ich nicht mehr widerstehen. Meine Hände streichelten diese wundervollen Rundungen sanft, ein leises Seufzen entwich dem Mund meiner Liebsten. Uns einander auf diese Art zu spüren, war nach wie vor der Himmel auf Erden. Glücklicherweise verging kaum ein Tag, an dem wir es nicht taten.
Am nächsten Morgen weckte mich Christine überraschend früh. Die Neugier, wie das kleine Mädchen durch die erste Nacht in ihrem neuen Leben gekommen war, trieb sie aus dem Schlaf. Ein langer Tag stand bevor, es gab einiges zu entscheiden. Normalerweise wuschen wir uns morgens gegenseitig sehr ausführlich, was meistens von viel Zärtlichkeit und manchmal sogar dem einen oder anderen Genussmoment meiner Liebsten begleitet wurde. Heute jedoch fassten wir uns kurz, wenige Minuten später waren wir angezogen. Ich hatte für den Alltag wieder die schon in England getragene, einfache Garderobe gewählt. Christine entschied sich meistens für schlichte Kleider, wenn wir in der Residenz blieben. Gelegentlich suchte sie sich am Vorabend die Farbe des nächsten Tages aus, nicht selten schmückte ich das lange Haar mit den passenden Bändern oder Tüchern. Lediglich bei Ausflügen verwandelten wir uns in Einheimische und für die Reitstunden nutzen wir die gewohnte Ausstattung. Wir wurden gerade rechtzeitig fertig, als es an der Tür klopfte. Tamina betrat mit Amalia den Raum. Sie begrüßten uns auf die gleiche Weise, wie die Verabschiedung des Vorabends stattfand. Das junge Mädchen vollbrachte es fast genauso graziös wie ihre ältere Kollegin, wir vermuteten, dass sie dies am Abend noch geübt hatten. „Guten Morgen ihr beiden, schön, dass ihr uns abholen kommt. Habt ihr schon gefrühstückt?“ Hieß ich sie willkommen, während meine Liebste lächelnd an meine Seite trat. „Guten Morgen, Eure Hoheit. Ja, wir sind bereit, den Tag zu beginnen.“ Erwiderte Tamina höflich, die Jüngere lächelte nur etwas verlegen. Mit einer Geste forderte ich sie auf, uns vorauszugehen, und nahm meine Gefährtin an der Hand, um ihnen zu folgen.
„Ich sehe, ihr habt es gestern hinbekommen.“ Begrüßte uns meine Mutter schmunzelnd. Natürlich wurde ihr der erfolgreiche Abschluss des Unternehmens sofort mitgeteilt, doch wir selbst hatten sie nicht mehr gesehen, da wir ausnahmsweise allein gegessen hatten. Sie setzte meinen Vater zeitnah davon in Kenntnis, er nickte ebenfalls zustimmend. „Ich wurde bereits darüber informiert, dass ihr nun eigenes Personal habt. Ich hoffe, sie enttäuscht euch nicht, sie ist noch sehr jung!“ Äußerte er sich wohlwollend, doch mit etwas Bedenken. Er verstand, dass es für uns ein kleines Stück Unabhängigkeit bedeutete und nach den Schwierigkeiten der vergangenen Wochen wollte er diesen Weg nicht versperren. Bei Betreten des Speisezimmers durfte Amalia den Fürsten und seine Gemahlin kennenlernen. Wie Tamina es ihr beigebracht hatte, schaffte sie es ohne Missgeschick und wurde mit freundlichen Worten von meinen Eltern empfangen. Im Anschluss setzten sie sich beide wieder auf den Gang, um dort zu warten, bis sie gebraucht würden, da sie bei den familiären Unterhaltungen heute nicht dabei sein sollten. Ich empfand es immer noch als etwas seltsam, wenn Menschen auf Abruf nur darauf warteten, um zu tun, worum ich sie bat. Doch es schien hier so üblich und ich wollte nicht die ganze Hausordnung auf den Kopf stellen.
In unserem Heim in London hatte es in verschiedenen Räumen eine Klingel gegeben, die per Seilzug das Signal in die Küche meldete und rasch kam dann jemand, um nach unseren Wünschen zu fragen. Doch vor allem in den letzten Monaten vor der Abreise gingen wir oft selbst in diesen zentralen Raum des Hauses oder sagten dem Nächstbesten, der uns begegnete, was es zu tun gab. „Ich hätte den Onkel lieber in Naturalien bezahlt, das Geld hat er nicht verdient. Doch wir haben die Kleine in unserer Obhut und damit das gewünschte Ziel erreicht. Es ist eine komplett neue Welt für sie, allemal besser als die bisherige. Amalia wird das schon schaffen, es braucht nur etwas Zeit.“ Entgegnete ich und erhielt keinen Widerspruch. „Dürfen wir Tamina bitten, sie mit der Etikette vertraut zu machen? Um alles andere kümmern wir uns selbst.“ Fragte Christine im Anschluss, da dieses eine Thema wahrlich nicht im Bereich unserer Kompetenz lag. „Ich habe ihr bereits die entsprechende Anweisung gegeben. Da sie sich ein Zimmer teilen, wird sie das erledigen. Was soll das Kind denn sonst noch alles lernen?“ Erwiderte meine Mutter fragend. „Lasst mich raten, mich braucht ihr auch dazu?“ Warf Katharina grinsend ein. Ihre Vermutung erwies sich als vollkommen richtig, wie wir ihr etwas scheinheilig bestätigten. Natürlich hatten wir gehofft, dass sie sich ebenfalls für Amalia begeisterte, es war eine gern angenommene Aufgabe. „Selbstverständlich! Bis ich ein Pferd ausgebildet habe, kann sie das von Lissi benutzen, etwas Bewegung wird dem Tier guttun. Da sie es nicht mit zur Baustelle nehmen wollte, steht es weiterhin hier. Wenn ihr jetzt zu sechst seid, artet das aber langsam in Arbeit aus.“ Ergänzte sie lachend. „Lesen, Schreiben und so weiter werden wir ihr beibringen. Wir müssen erst abklären, was sie alles kann und wo genau Bedarf besteht. Aber sie soll vor allem auch endlich die Möglichkeit haben, ein Kind zu sein. Sagt uns bitte, wenn wir sie eurer Meinung nach zu sehr verwöhnen. Wir beide hatten vieles nicht, was wir ihr nun geben möchten!“ Beantwortete ich die zuvor gestellte Frage. Agnes und meine Mutter schauten etwas betreten, da sie beide den kleinen versteckten Vorwurf erkannten.
„Diesen Teil würde ich gerne übernehmen! Es hilft mir, das Schulprojekt vorzubereiten.“ Widersprach mir Agnes mit sehr einleuchtender Begründung. Natürlich verfügte sie über einige Routine, da sie mich viele Jahre lang unterrichtet hatte und dies mit Christine und Tamina fortsetzte. Aber weitere Stunden wären aufgrund der fremden Sprache mit Sicherheit
