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Der junge Maximilian wird in den 1840er Jahren mit seiner Gouvernante nach London geschickt. Bald leidet er unter dem Leben im goldenen Käfig und versucht, diesem zu entfliehen. Doch erst nach einer schicksalhaften Begegnung mit Christine findet er sein Glück und eine Gleichgesinnte. Während sie langsam erwachsen werden, erfährt das junge Paar Liebe und Leidenschaft. Beide kämpfen für ihre gemeinsame Zukunft und schon bald auch um ihr Leben.
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Vorgeschichte
London, späte 1840er Jahre
Eine Begegnung
Unzufriedenheit
Ermittlungen
Christine
Ein neues Leben
Hammerschläge
Das Lernen beginnt
Im Wald
Berta
Wieder Daheim
Klingen
Sommer
Geschenke
Zurück im Wald
Kampftraining
Vergangenheit
Dankbarkeit
Erwachsen
Gespräche
Besuch aus China
Eine neue Sprache
Jetzt und für immer
Eine neue Reisegefährtin
Von Tigern und Ratten
Katharina
Stiftungen und Gemeinheiten
Advent
Weihnachten
Silvester
Nach Norden
Der Großvater
Rückblick nach Schottland
Ankunft
Das letzte Mal zu Hause
Madlen
Die Reise beginnt
Tage in Paris
Im Theater
Der Fluch des Zauberers
Die Reise nach Rom
Die Stadt der sieben Hügel
Über das Mittelmeer
Der Weg ans Rote Meer
Die Schlacht in der Wüste
Die letzte Etappe
Ankunft
Mutter und Vater
Wieder vereint
Die Ratssitzung
Das Turnier
Der zweite Tag
Finale
Verurteilt und gerichtet
Danksagung
Mein Vater war Fürst in einem kleinen Reich auf der arabischen Halbinsel am Roten Meer. Als ehemaliger Soldat und Ingenieur der britischen Armee wurde er nach blutigen Stammeskriegen als Außenstehender über Umwege in diese Position gewählt, um Frieden zu schaffen. Er hatte nach Verlassen der Armee als britischer Diplomat über ein Jahr damit verbracht, eine Einigung der verfeindeten Clans zu erreichen. Einige Gelehrte schlugen daraufhin vor, ihn als neutralen Anführer zu wählen. Nach langen, zähen Verhandlungen stimmten die Stammesräte einer nach dem anderen zu und ordneten sich seiner Regierung unter, denn ihr Misstrauen gegenüber dem Fremden war deutlich geringer als die Abneigung untereinander.
Abgesehen von einer ordentlichen Ausstattung der neu gegründeten militärischen Einheiten, die zur Einhaltung der Waffenruhe notwendig waren, hatte er bald alle verfügbaren Mittel in die wirtschaftliche Entwicklung investiert. Sie sollte auf Basis von Handel und Wohlstand den Frieden festigen, weshalb er zusätzlich einen Teil seines eigenen Vermögens dafür hergab. Doch es waren auch nach Jahren immer noch gefährliche Zeiten, als er mich, seinen einzigen Sohn, schließlich fortschickte.
Meine Mutter, eine Adlige aus ebenfalls englischem Haus, hatte zugestimmt, mich in England aufwachsen und erziehen zu lassen. Sie war bereits lange vor meiner Geburt in die Ferne zu meinem Vater gereist, um an seiner Seite die neue Aufgabe in Angriff zu nehmen.
Ich selbst sollte in ihrer alten Heimat eine fortschrittliche Ausbildung erhalten und mehr als nur die arabischen Bräuche lernen, um ein möglichst breit gefächertes Wissen für meine späteren Aufgaben zu haben. Ohne Verantwortung für mein vielleicht zukünftiges Reich konnte ich dort eine standesgemäße und unbeschwerte Jugend verbringen. Da beide Elternteile Engländer waren, würde ich nicht auffallen, auch wenn ich nicht auf dieser Insel geboren wurde. Durch den langen Postweg hatten wir leider nur selten Briefkontakt und besonders meine Mutter fehlte mir vor allem in den ersten Jahren sehr. Zu ihrer Familie, es gab lediglich noch ihre Eltern, hatte ich aus Gründen, die ich damals noch nicht verstand, keinen Kontakt. Die beiden Brüder meines Vaters waren in vergangenen Kriegen gefallen, ohne eine Familie zu hinterlassen. Seine Eltern verstarben bereits, bevor er in jungen Jahren zur Armee ging.
Die Gouvernante war eine Frau Anfang dreißig, schwarzhaarig, schlank und gutaussehend. Aus gehobenem Haus und sehr gebildet, sollte sie mich in den meisten Fächern unterrichten und dafür sorgen, dass ein anständiger Mensch aus mir wurde. Meine Mutter kannte Fräulein Agnes aus ihren jüngeren Jahren und vertraute mich ihr an, als diese mich im Frühling nach meinem sechsten Geburtstag abholte. Der Abschied fiel mir unendlich schwer und war tränenreich, doch die Entscheidung war gefallen und ich hatte keine andere Wahl, als diese Reise anzutreten.
Nach mehreren Wochen auf See hatten wir uns bald in dem schönen Haus eingelebt, welches Fräulein Agnes im Auftrag meiner Eltern bereits vor ihrer Abreise für uns gekauft hatte. Einige Bedienstete hielten alles in Ordnung und versorgten uns, sodass sich meine Erzieherin ausschließlich um mich kümmern konnte. Ich mochte sie und es war eine im Grunde angenehme Kindheit. Lediglich der Mangel an geeigneten Spielgefährten machte mich oft traurig, besonders, wenn ich die Straßenkinder lachen und miteinander spielen sah. Gelegentlich wurden wir zwar zu Familien unserer Kreise geladen, doch dort war es nicht so, wie ich es auf dem Weg oder bei anderen Gelegenheiten gesehen hatte. Auch erlebte ich solche Freude nicht bei den Sprösslingen der gehobenen Gesellschaft, es gab stets strenge Regeln, die unsere Freizeit bestimmten. Mir wurde erklärt, dass sich für mich ein Verhalten, welches ich bei den Arbeiterkindern sah, nicht gehörte. In meinen freien Stunden hatte ich deswegen bald begonnen, Abenteuergeschichten zu lesen, in die ich mich gerne und ausgiebig hineinträumte.
Mit der Zeit war Fräulein Agnes nicht mehr ganz so streng und es gab die eine oder andere Freiheit für mich, vor allem waren Fecht- und Reitunterricht eine schöne Abwechslung. Doch zunehmend bekam ich das Gefühl, mir würde etwas Wesentliches im Leben fehlen. Ich sprach sie im Lauf der Jahre immer wieder darauf an, aber ihre Antwort klang stets ähnlich: „An was soll es dir denn mangeln, es ist doch alles im Überfluss da? Jeder andere würde sofort mit dir tauschen.“ Der Tisch war immer reichlich gedeckt, ich hatte ein schönes Zuhause und auch sonst blieben ihrer Meinung nach keine Wünsche offen.
An einem Samstag streifte ich mal wieder gelangweilt durchs Haus, zu tun hatte ich nichts und Reiten war ich vormittags bereits gewesen. Es waren immer schöne Stunden mit meinem Pferd, das wir zwei Jahre zuvor gekauft hatten. Da Fräulein Agnes einen ihrer seltenen freien Tage hatte, gab es heute auch keinen Unterricht. Dieser interessierte mich meistens sowieso wenig, doch ich konnte mich auch nicht davor drücken. Meistens war es eine Qual und ich hatte abends oft bereits die Hälfte von dem wieder vergessen, was mir meine Lehrerin versuchte beizubringen.
Wie meistens auf meinen Wanderungen durch das Gebäude begegnete ich keiner Menschenseele, unsere Dienstboten wichen mir so gut wie immer aus. Ich sollte später feststellen, dass es nicht die Hausordnung verlangte, wie ich damals zumindest dachte, sondern einen ganz anderen Grund hatte. Das Haus war ziemlich groß, jedoch waren viele Zimmer für die Bediensteten, in denen ich nichts zu suchen hatte. Auch übten Arbeitsräume wie die Küche keinen besonderen Reiz auf mich aus, so ging ich dort nicht hin. Die Treppen nach unten benutzend, landete ich an diesem Tag zufällig im Keller. Hier war ich in den mehr als acht Jahren, die seit unserer Ankunft in London inzwischen vergangen waren, noch nie gewesen. Es gab einfach keinen Grund, hierher zu kommen. Ich bemerkte, dass es bei Weitem auch nicht so sauber wie im restlichen Gebäude war, die Luft roch etwas modrig und es wirkte wenig einladend.
Am Ende des dunklen Ganges schien ein schwaches Licht und es waren leise Geräusche zu hören. Neugierig und mit einem mulmigen Gefühl im Bauch bewegte ich mich langsam darauf zu. Bald erreichte ich den kleinen Raum und entdeckte eine Gestalt, die über ein großes Gefäß gebeugt war. Sie wirkte absolut erbärmlich. Das blasse Gesicht verschmutzt, die Kleider deutlich zu groß und sie hatte sich wahrscheinlich noch nie richtig satt gegessen, so dünn war sie. Als sie mich entdeckte, erschrak sie zuerst, schaute mich dann aber ebenfalls neugierig an.
„Wer bist du? Und was machst du mit meiner Bettdecke?“ Fragte ich sie. „Ich bin das Wäschemädchen und das bedeutet, ich wasche deine Wäsche. Das sieht man doch oder ist es dir hier zu dunkel?“ Antwortete sie frech. Sie schien weder Angst noch Respekt vor mir zu haben. Vielleicht wusste sie nicht einmal, wer ich war, was auch ihren unverschämten Ton mir gegenüber erklärt hätte. Um mir meinen Ärger über ihr Verhalten nicht anmerken zu lassen, fragte ich weiter: „Warum hier unten, wäre es oben bei Tageslicht nicht besser?“ Sie kicherte über meine Naivität und rollte dann mit den Augen. Ich hatte mir in der Tat noch nie Gedanken darüber gemacht, wie hier alles funktionierte oder was es überhaupt in einem so großen Haus zu tun gab. Natürlich wusste ich, dass jemand sämtliche Arbeiten erledigte, dafür beschäftigten wir ja schließlich Dienstboten. Aber da hatte mein Interesse wie bei vielen anderen Themen geendet und es war auch nicht Teil des Unterrichts.
„Nein, oben ist alles so sauber und hell, da passt jemand wie ich doch nicht hin. Du siehst ja, wie ich aussehe.“ War die vor Sarkasmus strotzende Antwort. In meinem ganzen bisherigen Leben war mir noch nie jemand wie sie begegnet. Verunsichert, weil sie sich so ganz anders verhielt als die Menschen, mit denen ich sonst zu tun hatte, sagte ich nichts mehr und ließ sie wenig später wieder allein. Doch ich dachte immer wieder an das unfreundliche Mädchen, irgendetwas an ihr schien besonders und sie ging mir nicht aus dem Kopf. Einige Tage später nahm ich mir vor, sie bald wieder zu besuchen.
Es ergab sich leider erst drei Wochen später, dass sich die Gelegenheit ergab, den Keller zu betreten. Nur dort konnte ich nach ihr suchen, im restlichen Haus hatte ich sie noch nie gesehen. Es war mein einziger Anhaltspunkt, da ich noch nicht einmal ihren Namen wusste. Meine Gouvernante brach direkt nach dem Frühstück auf, um verschiedene Termine außer Haus wahrzunehmen, und so nutze ich spontan die Gelegenheit. Kurzentschlossen packte ich eine halbe Wurst und ein Stück Käse zusammen mit etwas Brot in eine Serviette, um es dem Wäschemädchen mitzubringen.
Wenig später stieg ich die engen Stufen hinunter in den Keller. Dieses Mal den Weg bereits kennend, stand ich bald in der Waschküche, allerdings war niemand da. Aber es lag ein großer Berg schmutziger Wäsche auf dem Boden, vielleicht würde sie bald wiederkommen. Ich musste nicht lange warten, bis sie mit einem Eimer heißen Wassers aus dem Nebenraum kam. „Hast du dich verlaufen?“ Hörte ich ihre Stimme hinter mir. „Es ist unhöflich, ungefragt in das Schlafzimmer einer Dame zu treten!“ Tadelte sie mich. „Wieso Schlafzimmer, das ist doch die Waschküche? Und du bist keine Dame!“ Widersprach ich ihr. Wortlos deutete sie auf einen Fetzen, der einmal eine Matratze darstellte und schaute mich wenig freundlich an, weswegen mir meine Aussage plötzlich sehr unangenehm war.
„Ich dachte, du hast vielleicht Hunger.“ Und reichte ihr die Serviette. Zögernd kam sie näher und mit einer flinken Bewegung nahm sie das Päckchen.
„Muss ich etwas dafür tun?“ Fragte sie misstrauisch. Ich verstand nicht, was sie damit meinte, und verneinte ihre Frage. Es schien mir die einfachste Antwort zu sein. Ich wollte nicht gleich noch eine weitere Belehrung von ihr, zumal ich mich wegen meiner Beleidigung immer schlechter fühlte. Sie verzog sich auf ihre Matratze, um zu sehen, was ich ihr mitgebracht hatte. Eine Minute später gab sie mir noch die Reste kauend die Serviette zurück. „Oder soll ich sie gleich behalten, ich muss sie ja sowieso waschen.“ Sagte sie schnippisch mit halb vollem Mund. Ihre Worte empfand ich als sehr verletzend, doch ich hatte es wohl nicht anders verdient, schließlich war ich zuerst gemein zu ihr gewesen. Vor meinem Besuch hatte ich, warum auch immer, gedacht, sie würde sich freuen, wenn ich sie besuche und etwas zu essen mitbringe. So schnell, wie sie mein kleines Geschenk verputzt hatte, musste sie wirklich hungrig gewesen sein. Sie sah meinen enttäuschten Blick und schob zögerlich noch ein halbherziges „Trotzdem danke“ hinterher.
Ich verabschiedete mich nachdenklich. Der Besuch war sehr seltsam verlaufen, auch wenn ich keine Vorstellung gehabt hatte, wie er ablaufen würde. Doch in mir war der Wunsch erwacht, unbedingt etwas mehr über ihre Lebensumstände herauszufinden. Am nächsten Tag bat ich meine Lehrerin, mir die englischen Gesellschaftsschichten zu erklären. Zwar nahmen wir dieses Thema bereits früher durch, doch so richtig zugehört hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht, da es mich damals, im Gegensatz zu heute, eigentlich nicht interessierte. In der Vergangenheit arbeitete ich mich unter ihrer Anleitung nur mit Mühe durch allerlei trockene Themen, es waren langweilige Stunden gewesen. Etwas überrascht, warum sich das plötzlich geändert und ich Fragen zu ihren Lehrstoff hatte, gab mir Fräulein Agnes noch mal eine Übersicht über die verschiedenen Klassen. Dazu erhielt ich auch einen kleinen Einblick in deren Lebensumstände, soweit sie ihr bekannt waren. Die erhaltenen Informationen zeichneten jedoch nicht im Geringsten das Bild, dass ich im Keller sehen musste. Eigentlich wurden Dienstboten ordentlich bezahlt und sollten keinen Hunger kennen, zumindest in der Theorie. Um keinen Verdacht zu erwecken, fragte ich aber nicht zu gezielt nach. In mir wuchs langsam das Gefühl, dass meine Lehrerin von diesem Thema ausnahmsweise kaum mehr Ahnung hatte als ich selbst. Vielleicht war das abweisende Mädchen in der Waschküche auch nur eine Ausnahme und nicht die Regel, doch ich konnte das ohne weiteres Wissen nicht beurteilen. Das brachte mich zwar im Moment nicht viel weiter, aber gab mir immerhin einen Anhaltspunkt, was ich alles nicht wusste.
Eine Woche später schlich ich mich wieder in den Keller. Ich hatte meine Gouvernante angeschwindelt und behauptet, ich würde in meinem Zimmer lesen, was ich an den Wochenenden oft tat. Rasch hatte ich noch einige Reste unseres Frühstücks, ein nicht gerade kleines Stück Brot und etwas Käse, an mich genommen und war schnell verschwunden.
Wenige Minuten später erreichte ich wieder den bereits bekannten und schlecht beleuchteten Raum. „Kommst du, um mich wieder zu beleidigen?“ Fragte sie trotzig, als ich den Raum betrat. „Nein, es tut mir leid, was ich das letzte Mal zu dir gesagt habe und ich möchte mich entschuldigen.“ Als Friedensangebot reichte ich ihr meine heutigen Gaben und mit vollem Mund klangen ihre Worte so ähnlich wie „Entschuldigung angenommen.“
Im Lauf der nächsten Wochen konnte ich sie mehrmals besuchen und brachte ihr stets etwas zu essen mit. Nach dem ersten Mal war das zur Regel geworden, sie sah immer hungrig aus. An unserem Tisch blieb glücklicherweise mehr als genug übrig, das ich abzweigen konnte. Beim dritten Mal hatte ich mich endlich getraut, nach ihrem Namen zu fragen. „Christine, und du?“ „Maximilian.“ War meine Antwort. „Das ist mir zu lang, ich werde dich einfach Max nennen!“ Kommentierte sie und arbeitete fast ohne Unterbrechung weiter. Sie hatte mir die Hand gegeben, was sich sehr seltsam anfühlte. Ihre Haut war verschrumpelt und nass, auch hatte sie einen unerwartet kräftigen Händedruck, vermutlich von der harten Arbeit. In meinen Kreisen war diese Art der Begrüßung eher unüblich, doch ich wollte nicht schon wieder unhöflich sein und ging auf ihre Geste ein.
Ihr anfängliches Misstrauen schwand im Lauf der Zeit. Sie schien sich sogar ein bisschen über meine Besuche zu freuen, nicht nur wegen der zusätzlichen Mahlzeit. Meistens zog sich die dünne Wäscherin in ihre Ecke zurück und verschlang hastig, was ich ihr mitbrachte, bevor sie sich wieder an ihre Arbeit machte. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie viel Wäsche in diesem Haus anfiel. Doch es waren stets nicht kleiner werdende Berge, die auf dem Boden lagen. Sie schien pausenlos damit beschäftigt zu sein und den Raum fast nur zu verlassen, wenn sie frisches Wasser holte. Wir sprachen immer länger miteinander und ich tat das gerne, war sie doch der einzige Mensch in meinem Alter, Dienstbotin hin oder her. Ich hatte wenige Wochen vor unserer ersten Begegnung meinen fünfzehnten Geburtstag gefeiert und war, abgesehen von Christine, mit Abstand der jüngste Bewohner dieses Hauses. Es tat gut, jemanden zum Reden zu haben. Meistens beantwortete sie meine vielen, teilweise recht ungeschickten Fragen nur mit wenigen Worten, während sie ein Stück nach dem anderen reinigte.
Der tägliche Unterricht interessierte mich mittlerweile auch deutlich mehr, da Christine ebenfalls oft allerlei wissen wollte. Doch gelegentlich konnte ich ihre Fragen nicht beantworten, obwohl ich es eigentlich hätte können sollen, was mir zunehmend peinlich wurde. Meine Gouvernante zeigte sich sehr erfreut über meinen neuen Wissensdurst. Gerne wiederholte sie in den folgenden zwei Monaten viele Themen, um die vorhandenen Lücken im Schnellverfahren zu schließen, während ich meine heimlichen Besuche fortsetzte und in dieser Zeit langsam der Winter verging.
Irgendwann in dieser Zeit zeigte mir Fräulein Agnes in einem medizinischen Lehrbuch, wie Menschen im Inneren aussehen und ich konnte den Unterschied zwischen den Geschlechtern erkennen. Doch diese Bereiche waren nur skizzenhaft gezeichnet und ich war letztendlich nicht viel schlauer als vorher. Auch erzählte sie verkrampft und in knappen Worten etwas über Fortpflanzung. Es klang wie eine lästige Pflicht und wenig interessant, sodass dieses Thema zügig abgehakt werden konnte. Meine wenigen Nachfragen wies sie mit „Dafür bist du noch zu jung!“ zurück und wechselte bald das Thema. Normalerweise war sie in ihren Erklärungen sehr ausführlich, dieses Mal schien es ihr aber unangenehm zu sein.
Es stimmte mich traurig, dass ich Christine nicht so oft besuchen konnte, wie ich das gerne gewollt hätte. Doch ich musste es heimlich tun und so blieben mir nur die wenigen Wochenenden, an denen ich freie Stunden und keinen Unterricht oder andere Verpflichtungen hatte. Als einziger nicht erwachsener Mensch in meinem Umfeld war sie so etwas wie eine Freundin geworden. Ihre direkte Art gefiel mir, sie schien ehrlich und ich mochte sie immer mehr. Seit meiner Entschuldigung war unser Verhältnis friedlich, die Beleidigung bald vergessen. Ich bemühte mich immer darum, nett zu ihr zu sein und nichts Falsches zu sagen, da sie mir im Lauf der Zeit zunehmend wichtiger wurde. Sie spürte, ebenso wie ich, langsam die Veränderung und mit jedem Besuch wurde auch sie freundlicher.
Es war bereits Anfang März, als mir die gesamte Situation keine Ruhe mehr ließ und ich entschied, dass es Zeit war, zu handeln. Am nächsten Samstag packte ich nach dem Frühstück einen großen Teller mit frischem Brot, Wurst und Käse voll und stellte ihn zur Seite. „Hast du nachher noch Hunger? Oder willst du einen Bären füttern gehen?“ Fragte mich Fräulein Agnes erstaunt. „Nein, aber eine Freundin von mir hat nie genug zu essen. Und ich will das ändern!“ Sagte ich recht kurz angebunden. Skeptisch schaute sie mich an, stellte aber vorerst keine weiteren Fragen.
Als wir schließlich den Tisch aufhoben, verabschiedete ich mich und ging geradewegs wieder in die Waschküche. Christine war wie immer bei ihrer üblichen Arbeit. „Hallo Max, ist das für mich?“ Begrüßte sie mich und schaute gierig auf den Teller. Mit einem Lächeln reichte ich ihr nickend mein Mitbringsel und wie üblich zog sie sich sofort zum Essen zurück. Hastig verschlang sie eine nicht zu verachtende Menge, bevor sie mich zu sich winkte. „Magst du dich zu mir setzen? Ich teile das Essen aber nicht!“ Ihren Schatz beschützend machte sie auf dem kümmerlichen Lager etwas Platz und ich schaute ihr zu, wie sie weiter Wurst und Käse in sich hineinstopfte.
Irgendwann war nur noch ein Rest übrig, den sie in ihrer Schürze verschwinden ließ. „Danke, das war sehr lieb von dir.“ Sagte sie zufrieden lächelnd und lehnte sich entspannt an die Kellerwand. Es schien, als wäre sie das erste Mal in ihrem Leben wirklich satt geworden. Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander, dann erhob sie sich, um weiterzuarbeiten. Es lagen nach wie vor Berge hier unten und sie tat seit Monaten nie etwas anderes, wenn ich sie traf.
Ich wollte gerade gehen, da hielt sich mich zurück. Sie gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange, während sie noch mal ein „Danke“ flüsterte und unter dem Schmutz im Gesicht leicht errötete. Zumindest sah es für mich so aus, als ich mich lächelnd verabschiedete.
Auf dem Weg zurück in mein Zimmer schwebte ich, es fühlte sich anders an als jemals zuvor. Den Nachmittag über lag ich auf dem Bett und dachte an meine heutige Begegnung. Mir war im Moment ihrer Zuwendung vor Überraschung ebenfalls das Blut in den Kopf geschossen und meine Ohren glühten. Ich hatte so etwas noch nie erlebt. Aber tief in meinem Inneren verspürte ich den Wunsch, dass sie das irgendwann wieder tun würde. Abgesehen von heute, als Christine wirklich einmal satt war, hatte ich sie noch nie wirklich lächeln sehen. Konnte das wirklich nur an einem vollen Bauch liegen oder entging mir etwas Wesentliches?
Der Gedanke beschäftige mich noch eine ganze Zeit. Doch ohne zu einer weiteren Erkenntnis zu kommen, widmete ich mich später wieder dem Abenteuerroman, welchen ich gerade las. Hier konnte ich durch Steppen reiten und Abenteuer erleben, unter freiem Himmel schlafen und mit tapferen Männern am Lagerfeuer sitzen. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie man Feuer entfacht oder ein Tier erlegt, doch das störte mich in meiner Fantasie nicht. Es war mein Weg, dem Alltag mit seinen Regeln zu entfliehen und das zu tun, was ich tun wollte.
Abends fragte mich meine Gouvernante, ob meine Freundin denn alles aufgegessen hätte, es war ja eine große Portion gewesen. „Fast, den Rest hat sie in ihre Schürze gesteckt, um es später zu essen.“ Antwortete ich wahrheitsgemäß. Und ich war sehr froh, dass ich ihr das alles gebracht hatte. Fräulein Agnes schaute mich erneut skeptisch an. „Aha, na dann…“ Kommentierte sie meine Antwort. Offensichtlich glaubte sie mir nicht, dass es besagte Freundin wirklich gab, so war das Thema für diesen Tag erledigt.
Am Sonntag wollte ich Christine wieder besuchen, auch wenn sie an diesem Tag vielleicht gar nicht arbeiten würde. Da die Wäscheberge dies aber eher unwahrscheinlich machten, versuchte ich mein Glück. Erneut mit einer nicht zu verachtenden Portion Lebensmittel machte ich mich auf den Weg, ich hatte auch etwas Obst dazu gelegt. „Das mag sie bestimmt.“ Dachte ich. Die Blicke meiner Erzieherin im Rücken spürend entfernte ich mich zügig mit meinen Gaben aus dem Speisesaal. Auch heute hinderte sie mich nicht daran und bedrängte mich auch nicht mit weiteren Fragen, obwohl sie das wahrscheinlich gerne getan hätte.
Wie am Tag davor fand ich das Mädchen bei ihrer schweren Arbeit, die sie jedoch sofort unterbrach. Ohne dieses Mal zu fragen, nahm sie den Teller. „Komm!“ Sagte sie einfach nur und ich folgte Christine zu ihrer Ecke. Wie immer konnte ich nur staunen, wie schnell sich der Teller leerte. „Was kann man mehr wollen, als satt zu sein.“ Sagte sie, als sie sich wieder an die Wand gelehnt hatte und das Obst betrachtete. „Was genau ist das?“ Fragte Christine und hielt es mir vor die Nase. Ich erklärte ihr, was Weintrauben sind und welchen Teil man davon essen konnte. Kurz darauf hatte sie nur noch den Stiel in der Hand und zeigte sich absolut begeistert.
Ich dachte noch über ihre vorhergehende Frage nach und mir fielen eine ganze Menge Dinge ein, für mich war das nichts Ungewöhnliches. Doch es dämmerte mir ziemlich schnell, dass meine Vorstellung von Glück sich erheblich von der ihren unterschied. Mir war vor unserer ersten Begegnung nicht in den Sinn gekommen, dass jemand in meinem Haus hungern musste und ein voller Magen etwas Besonderes sein könnte.
„Warum bekommst du eigentlich nicht genug zu essen? Du arbeitest doch den ganzen Tag.“ Wollte ich von ihr wissen. Erstaunt schaute sie mich an. „Du meinst diese Frage ernst, oder? Weißt du das wirklich nicht?“ Ihre Gegenfragen nicht wirklich verstehend nickte ich nur. „Die Hausdame wollte mich nicht einstellen, das wäre ihr zu teuer. Ich arbeite für einen Schlafplatz und etwas zu essen, doch das ist wenig. Zwar geben mir die anderen immer wieder etwas ab, aber es reicht nicht. Die viele Arbeit macht einfach sehr großen Hunger.“ Das wiederum verstand ich sofort. Ihre Hände waren immer mitgenommen vom vielen heißen Wasser, und sie war ja praktisch nur hier. „Es ist schon schwierig genug, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben und nicht im Freien schlafen zu müssen, besonders im Winter.“ Flüsterte sie traurig mit brüchiger Stimme.
Ich wollte sie trösten, aber ich wusste nicht, wie ich das machen sollte. Was konnte ich tun, außer ihr Essen bringen? Immerhin tat ich das, und wann immer es ging, würde ich sie besuchen. „Ich muss weitermachen, sonst bekomme ich Ärger.“ Eine Träne wegwischend ging sie zu dem Waschzuber. „Komm mich bitte bald wieder besuchen!“ Rief sie mir noch hinterher, als ich fluchtartig den Keller verließ. Ich musste hier dringend raus. Es lag nicht an ihr, nur war der Raum plötzlich zu klein geworden und ich brauchte frische Luft.
Meine Gouvernante fand mich nachdenklich im Garten sitzend. Der Frühling stand vor der Tür und es wurde langsam wieder warm. Ich hatte seit über einer Stunde überlegt, wie ich die Situation meiner Freundin ändern könnte. Immerhin gehörte mir das Haus, in dem sie lebte und Tag für Tag arbeitete. Fräulein Agnes hatte gesehen, dass mich etwas sehr beschäftigte, und nahm neben mir Platz. „Hatte sie heute keinen Hunger?“ Eröffnete sie das Gespräch. Ich ignorierte die Frage, denn es gab etwas wesentlich Wichtigeres, dass ich wissen musste. „Wie wird eigentlich entschieden, ob hier jemand eine Anstellung bekommt. Wie soll ich später einmal Verantwortung tragen, wenn ich noch nicht mal weiß, was in diesem Haus passiert?“ Fragte ich stattdessen etwas mürrisch und gereizt. Es war sehr selten vorgekommen, dass ich ihren Fragen auswich. Aber irgendwas lief hier vollkommen schief und ich wollte unbedingt wissen, ob der Fehler bei mir lag.
„Alle Entscheidungen bezüglich des Haushaltes und der Dienstboten liegen im Aufgabenbereich der Hausdame. Sie verhandelt auch die Löhne und bestimmt über sämtliche Ausgaben, welche die Haushaltsführung betreffen. Dafür habe ich sie eingestellt.“ Erklärte sie mir. Sie hatte vor Jahren eine Frau mit besten Empfehlungen angeworben und sich dann nicht mehr weiter darum gekümmert. Aber es gab natürlich ein Buch, in dem alle Kosten eingetragen wurden und das ihr regelmäßig zur Kontrolle vorgelegt wurde. Ich bat darum, dass wir das am folgenden Tag im Mathematikunterricht anschauten. Es wäre doch wunderbar, wenn ich nicht immer nur theoretische Aufgaben machen würde, sondern etwas wirklich Echtes berechnete. Ihr gefiel meine Idee und sie wollte sich gleich darum kümmern. Dass ich die anfängliche Frage meiner Gouvernante nicht beantwortet hatte, kam nicht mehr zur Sprache.
Während am nächsten Morgen meine Lehrerin die Hausdame rief, damit sie mich in der Haushaltsrechnung unterwies, eilte ich in den Keller und gab Christine rasch ein großes Stück Brot. Mehr konnte ich heute auf die Schnelle nicht abzweigen, doch es war besser als nichts. Bevor sie etwas sagen konnte, war ich auch schon wieder gegangen. Ich sah nur ihren fragenden Blick, als ich am dritten Tag in Folge bei ihr auftauchte, auch wenn der Besuch nur Sekunden dauerte. Doch ich hatte inzwischen das dringende Bedürfnis, genau zu wissen, was in meinem Zuhause vorging und spürte, dass ich den Gründen für ihre Not allmählich näher kam.
Der Tag verging zügig, während die Hausdame die endlosen Zahlenkolonnen erklärte, die auf vielen Seiten des dicken Buches standen. Lebensmittel, Brennholz und Kohle für die Öfen, Löhne, Unterhalt der Pferde, Reit- und Fechtunterricht und viele andere. Sie schien sehr erfreut zu sein, dass auch sie etwas zu meiner Ausbildung beitragen konnte, doch ihr Verhalten machte sie mir zunehmend unsympathisch. Schon mein erster Eindruck von ihr war nicht positiv gewesen und im Lauf des Tages verstärkte sich die Ablehnung ihr gegenüber. Immer wieder fielen abfällige Bemerkungen, wenn ich Fragen zu der in meinen Augen geringen Menge an Verbrauchsgütern stellte, die nicht direkt meine Gouvernante und mich betrafen. Auch sonst hatte sie anscheinend keine besonders hohe Meinung von den anderen Dienstboten. Fräulein Agnes hatte die von mir gelieferte Begründung für mein Interesse vorerst unverändert weitergegeben, auch wenn sie tief in ihrem Inneren spürte, dass mehr dahintersteckte. Aber ohne Grund wollte sie mich weder davon abhalten noch bedrängte sie mich mit Fragen, schon gar nicht in Anwesenheit der Angestellten. Abgesehen davon fand sie die Idee wirklich gut, endlich war ich der wissbegierige Schüler, den sie sich seit Jahren wünschte. Gegen Abend entließen wir unsere Helferin, damit sie sich wieder ihren anderen Pflichten widmen konnte. Ab jetzt würde ich damit allein zurechtkommen. Das Buch wollte ich den Rest der Woche behalten, um mich weiter damit vertraut zu machen und mehr über das Thema zu lernen.
Am nächsten Tag schrieb ich eifrig verschiedene Kostengruppen untereinander. Fräulein Agnes schaute gespannt zu, welche Erkenntnis ich anstrebte. Sie sah in meinem Interesse ein Zeichen dafür, dass ich langsam erwachsen wurde, und wollte mein Engagement keinesfalls bremsen. Im Zuge meiner Arbeit half sie mir, die vielen Zahlen herauszusuchen und auf sinnvolle Art zu sortieren. Eine solche Aufgabe war mir noch nie gestellt worden und ich nahm die Hilfe gerne an. Zudem hatte ich selbst praktisch niemals mit Geld hantiert oder mich mit Kostenplanung und Ähnlichem beschäftigt. Natürlich kannte ich Preise bei der Schneiderin oder auf dem Pferdemarkt, doch bis heute besaß ich keine Vorstellung, was das Leben tatsächlich kostet. Wie lange musste beispielsweise ein Kutscher arbeiten, um ein Pferd bezahlen zu können? Es war einfach immer alles da gewesen, was ich brauchte. Wenn doch einmal etwas fehlte, wurde sich schnell darum gekümmert und das Problem war gelöst. Es waren anstrengende, doch auch sehr interessante und lehrreiche Stunden, die wir an dem großen Esstisch verbrachten. Den ganzen Tag rechnete und schrieb ich, bis mehrere Blätter mit Zahlen, Tabellen und Notizen vollgekritzelt vor mir lagen.
Selbst kannte meine Gouvernante natürlich auch keine Geldsorgen, da zu ihrer Bezahlung alle Kosten für Kleidung, Reisen und Ähnlichem gehörten. Aber sie hatte natürlich trotz allem deutlich mehr Erfahrung mit diesen Themen. In ihrem Elternhaus war Mangel schon immer ein Fremdwort gewesen, ihre Eltern waren nicht unvermögend. Doch hatte vor allem ihr Vater bei ihrer Erziehung Wert darauf gelegt, dass sie ohne Hilfe einen kompletten Haushalt führen konnte. So sollte sie ihren späteren Gatten bei diesen Dingen unterstützen, obwohl das für ein Mädchen eher unüblich war. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder erhielt sie Unterricht in Budgetplanung und vielen anderen Themen, die sonst eher Jungen vorbehalten blieben. Das war mit ein Grund gewesen, warum meine Mutter sie vor fast zehn Jahren gebeten hatte, meine Gouvernante und Lehrerin zu werden. Fräulein Agnes besaß kein eigenes Vermögen und würde nur eine Mitgift bekommen, sollte sie eines Tages doch noch heiraten. So war sie auf eine bezahlte Stelle angewiesen, um einigermaßen unabhängig zu sein und nicht bei ihren Eltern leben zu müssen. Deshalb hatte sie damals dem Vorschlag zugestimmt und gerne meine Betreuung übernommen.
Das Abendessen wollte ich vor lauter Tatendrang ursprünglich ausfallen lassen, doch dann packte ich wortlos den Teller voll und ging ohne eine Erklärung direkt zu der jungen Wäscherin. Meine Erzieherin hatte das sichtbare Bedürfnis, mich daran zu hindern oder zumindest eine Erklärung zu verlangen. Doch der ernste Blick, mit dem ich sie während meiner unerwarteten Handlung ansah, ließ sie die Worte für sich behalten. Sie spürte, dass etwas im Gange war, ahnte aber noch nicht im Entferntesten, was das sein könnte.
„Heute will ich etwas davon abhaben, ich habe auch noch nichts gegessen.“ Kündigte ich die Besonderheit an, als ich Christines Arbeitsraum betrat. Mit einem Blick auf die reichliche Menge lächelte sie und meinte nur: „Du musst dich halt beeilen, was weg ist, ist weg.“
Wir saßen in ihrer Ecke und aßen gemeinsam. Es war für mich eine Premiere, noch nie durfte ich mit einem Mädchen in meinem Alter ganz allein zu Abend essen. Auch wenn sie nach wie vor das Essen herunter schlang, hatte ich selten so viel Freude daran gehabt, in Gesellschaft zu sein. Der zufriedene Gesichtsausdruck, den sie danach zeigte, als sie sich über den vollen Bauch strich, gab mir erneut zu denken. Darum verabschiedete ich mich bald, um mich wieder den in meinem Kopf rasenden Gedanken zu widmen.
Wenig später schaute ich in meinem Bett das Haushaltsbuch und meine Notizen weiter an. Nach mehrfacher Kontrolle stellte ich fest, dass die Kosten für die drei Pferde kaum niedriger waren als der Gesamtbetrag, den wir für Essen und Dienstkleidung des Personals ausgaben. Ähnlich war es bei anderen Punkten. Die Hausdame verdiente deutlich mehr als das gesamte Küchenpersonal zusammen, das waren immerhin drei Personen. Bis spät in die Nacht verglich ich die Zahlen und es widerstrebte mir immer mehr, diesen Zustand zu akzeptieren. Die Menschen, welche Tag für Tag schufteten, damit ich es bequem und sauber hatte, wurden schlechter ernährt als mein Pferd. Ich liebte meinen schwarzen Wallach über alles, er war ein prachtvolles Tier und mein bester Freund. Aber dieses Missverhältnis störte mich mit jeder Stunde, die ich investierte, zunehmend mehr.
Ich musste irgendwann über den Papieren eingeschlafen sein und als mich meine Gouvernante am nächsten Morgen weckte, hatte ich schwarze Tintenflecke im Gesicht. Schmunzelnd schickte sie mich ins Bad, bevor wir zum Frühstück gingen.
„Wir gehen heute auf den Markt.“ Schlug sie vor. „Wenn du wirklich lernen willst, wie man einen Haushalt führt, musst du auch wissen, was die Waren kosten und wo man sie beschafft.“ Ich nickte begeistert. Das würde mir hoffentlich ein besseres Bild der Realität zeigen, die seit so vielen Jahren an mir vorüberzog. Ich ergänzte noch, dass wir von der Köchin eine Aufstellung über den wöchentlichen Verbrauch holen sollten, der bei ausreichenden Mahlzeiten für den gesamten Haushalt anfällt. Zudem war mir aufgefallen, dass die Brennstoffmenge auf jeden Fall unzureichend sein musste. Es waren der Bedarf und die Anzahl der benutzten Heizöfen sowie den Herd in der Küche aufgelistet. Als ich nachzählte, konnten außerhalb der von uns genutzten Räume höchstens noch ein oder zwei Zimmer im Haus warm sein. Da wir den Winter gerade hinter uns hatten, war alles auf dem aktuellen Stand. Ich hatte schon bei dem Gedanken gefroren, die vergangenen Monate ohne eine Heizung verbringen zu müssen. Es lebten aber zehn weitere Personen hier, von denen ich erschreckenderweise größtenteils nicht einmal die Namen kannte. Nur die Aufstellung bei den Löhnen hatte mir dieses Wissen verschafft.
Ausgerüstet mit den gewünschten Listen fuhren wir mit der Kutsche zum Markt. Dort erkundigten wir uns wie auch bei den anderen Lieferanten nach ihren Preisen für die benötigten Mengen. Ich hatte die genannten Zahlen noch etwas erhöht, da die Köchin etwas verunsichert erschien, als wir unsere Bitte äußerten. Mich ließ das Gefühl nicht los, dass sie sich nicht traute, den wirklichen Bedarf zu nennen. Zuhause verglichen wir den frühen Nachmittag über die tatsächlichen Ausgaben mit unseren errechneten, das Ergebnis überraschte mich etwas. Der Differenzbetrag pro Woche war noch nicht einmal so hoch wie das Gehalt der Hausdame und pro Person kaum der Rede wert. Ich hatte bereits den Entschluss gefasst, etwas zu verändern, nur wusste ich noch nicht, was genau zu tun wäre.
Am Abend zuvor hatte ich mich auch den Geldeinnahmen gewidmet. Wir verbrauchten seit unserer Ankunft in London glücklicherweise gerade einmal die Hälfte der Summe, die meine Eltern für meinen Aufenthalt zur Verfügung stellten. Und davon waren meine eigenen Kosten für Kleidung und anderes ein beschämend hoher Anteil. Die Zahlungen kamen seit Jahren kurz nach Silvester, so hatte sich inzwischen ein sehr ansehnlicher Betrag angesammelt. Von einem großen Teil hatte Fräulein Agnes auf Empfehlung unseres Bankhauses immer wieder verschiedene, gut verzinste Anleihen gekauft. Deren Erträge deckten mittlerweile fast die Hälfte unserer Ausgaben und auf diese Weise stieg mein Guthaben seit Jahren stetig weiter und immer schneller an.
Nachmittags lud ich die oberste Angestellte persönlich ein, mit uns zu Abend zu essen. Es sollte eine kleine Anerkennung für ihre Hilfe beim Verstehen der Haushaltsrechnung sein, zumindest war das meine Begründung. Abends aßen wir eigentlich nur selten warm, doch heute hatten wir aufgrund unseres Ausflugs den Speiseplan umgestellt. Sie erschien mir bei diesem Essen noch deutlich unsympathischer als zwei Tage zuvor. Mein Bauch sagte mir, dass sie ein wesentlicher Bestandteil des Problems in meinem Haushalt war, auch wenn ich noch nicht alle Hintergründe kannte. Während der gemeinsamen Mahlzeit fragte ich sie, was eine gute Hausdame ihrer Meinung nach ausmacht. Sie erklärte stolz, sie sehe ihre wesentliche Aufgabe darin, der Herrschaft ein bequemes Leben zu ermöglichen, ohne dass die Kosten dafür zu hoch wurden. Im Gegenteil, sie tat alles dafür, diese bei gleichbleibender Lebensqualität ihres Arbeitgebers möglichst noch beträchtlich zu senken, was in ihren bisherigen Beschäftigungsverhältnissen immer gern gesehen wurde. So hatte sie sich gute Zeugnisse erworben und war seit acht Jahren bei uns für diese Aufgaben zuständig.
„Wie spart man so viel Geld?“ Fragte ich mit möglichst naivem Tonfall. „Disziplin, Disziplin und wieder Disziplin“ War die prompte Antwort. „Weniger Personal, längere Arbeitszeiten, kleinere Rationen, niedrige Löhne und Heizen in den Quartieren der Dienstboten nur, wenn es nicht anders geht. Ein paar muss man gar nicht bezahlen, die arbeiten für Kost und Logis, wenn sie keine andere Wahl haben. Man kann viel einsparen, wenn man es nur will.“ Erklärte sie mir. Für sie selbst galten diese Beschränkungen natürlich nicht, das hatte ich im Lauf des gestrigen Nachmittags anhand meiner umfangreichen Prüfungen herausgefunden. Am Ende des Essens bedankten wir uns für ihre Anwesenheit und wünschten ihr noch einen angenehmen Abend.
Fräulein Agnes und ich saßen uns im Anschluss lange schweigend gegenüber. Sie war bei meinen Fragen hellhörig geworden. In Verbindung mit meinem Wissensdurst sowie dem Verhalten der vergangenen Tage wusste sie inzwischen sicher, dass hier ein größerer Zusammenhang bestand. Jeder dachte für sich darüber nach, was wir gerade gehört hatten und was es für die Betroffenen wohl bedeutete. In mir kochte die Wut! Ich war sauer auf die Frau, die meinen neuen Informationen zufolge für Hunger und Elend in meinem Haus verantwortlich war. Nach fast endlosem Schweigen stand ich auf und nahm meine Gouvernante an der Hand, wortlos führte ich sie in den Keller. Schon den Schmutz fand sie ekelhaft, wie konnte man nur freiwillig hier herunterkommen. Aber sie wollte auch endlich wissen, welche Gründe ich für mein seltsames Benehmen der letzten Zeit hatte und wohin ich in den vergangenen Tagen immer ging, so folgte mir durch den dunklen Gang.
Wir erreichten unser Ziel und Christine, die gerade das letzte Betttuch für heute ausgewaschen hatte und erschöpft auf ihrem Lager an einem Stück trockenem Brot herumkaute. Ihr Anblick war dank einiger reichhaltiger Mahlzeiten nicht mehr ganz so erbärmlich wie bei unserer ersten Begegnung. Doch er reichte vollkommen aus, um Fräulein Agnes mit offenem Mund dastehen zu lassen. Das junge Mädchen beobachtete die in aller Stille ablaufende Vorführung mit wachem Blick und ohne Angst. Sie schaute mich nur an und wartete, ob ich ihr für unser beider Erscheinen hier eine Erklärung geben würde. Bei meinen regelmäßigen Besuchen hatte sie Vertrauen zu mir gefasst und hoffte, ich würde auf sie aufpassen.
Meine Gouvernante stand minutenlang einfach still da. Ihre Augen waren feucht geworden, was ich im schummrigen Licht der einzelnen Laterne sehen konnte. Natürlich war es nicht direkt ihre Schuld, doch hatte sie die Hausdame eingestellt und sich trotz ihrer eigenen Ausbildung nie wieder damit befasst, wie unser Haushalt geführt wurde. Jetzt sah sie die hungrige Freundin, die ich mehrfach erwähnt, an deren Existenz sie jedoch nicht geglaubt hatte. Direkt mit den Folgen der beim Abendessen gehörten Vorgehensweisen unserer obersten Angestellten konfrontiert, fand sie keine Worte. So dauerte es eine ganze Zeit, bis sie sich mir zuwandte. Ohne, dass ich es erklären musste, verstand sie, dass es meine erste Veränderung sein würde, das Mädchen von hier wegzuholen. Sie schaute mir in die Augen und nickte wortlos, dann ging sie uns voraus.
Christine blickte mich fragend an, sie konnte mit dem soeben Erlebten gar nichts anfangen. „Komm, wir gehen nach oben.“ „Das darf ich nicht, die Hausdame hat mir das verboten. Der Hausherr will das nicht und würde mich deswegen rauswerfen, hat sie gesagt.“ Erwiderte sie etwas ängstlich. Sie hatte bislang nicht erkannt, dass ich nicht der Sohn des Hauses, sondern der eigentliche Eigentümer war. „Ich entscheide ab heute, dass du das darfst, nicht mehr die Hausdame. Und der Hausherr hatte nie etwas dagegen. Er wusste nur bisher nichts davon, vertrau mir einfach!“ Verwirrt und immer noch unsicher ergriff sie meine ausgestreckte Hand und folgte mir. Ich führte sie in den Speisesaal, wo noch die üppigen Reste unseres Abendessens standen. Ihre Augen wurden groß, als sie die Bratenstücke mit Kartoffeln sah. „Du musst nie wieder Hunger haben. Aber lass dir Zeit, es ist alles für dich.“ Sie schaute mich ungläubig an, bevor sie sich rasch an den Tisch setzte und binnen Sekunden mit dem Essen begann. Die Formalität, etwas auf einen Teller zu tun, überging sie einfach und aß direkt aus dem Topf. Schmatzend verputzte sie erst Kartoffeln und dann eine riesige Scheibe Fleisch. Mit der Hand und einem Messer zerkleinerte Christine diese vorher notdürftig, bevor sie sich große Stücke in den Mund stopfte. Tischmanieren hatte sie offensichtlich nie gelernt.
Nach fünfminütigem Feldzug saß sie zufrieden lächelnd und seufzend mit Resten der Soße im Gesicht auf dem Stuhl, während sie sich die Finger ableckte. Selbst beim besten Willen hätte nichts mehr in die zierliche Gestalt hineingepasst. Allerdings war auch nicht mehr viel übrig geblieben, was sie noch hätte essen können.
Fräulein Agnes hatte sich inzwischen um saubere Kleidung gekümmert und die Badewanne vorbereiten lassen, als sich unser Gast dem Abendessen widmete. Nachdem sie zurückkam, sah sie das Schlachtfeld, welches Christine hinterlassen hatte. Meine Gouvernante erkannte, wie viel Arbeit hier vor ihr lag, wenn sie aus dem jungen Mädchen mehr als nur die bisherige Dienstbotin machen sollte. Doch da sie sich zumindest einen Teil der Schuld gab, dass es überhaupt zu solchen Zuständen in diesem Haus gekommen war, würde sie sich vor der Aufgabe keinesfalls drücken.
„Komm Kleine, Zeit, dich in die Badewanne zu stecken. Wollen wir doch mal sehen, wie das Mädchen unter dem ganzen Dreck aussieht!“ Forderte sie und Christine folgte ohne Widerspruch, doch nicht, ohne mir noch einen ängstlichen Blick zuzuwerfen, als sie hinausgeführt wurde. Ich hatte ihr nur nickend Mut gemacht, während sie mich anschaute. Als die beiden hinausgingen, fiel mir auf, dass Christine fast so groß wie Fräulein Agnes war. Wenn ich sie in der Waschküche besuchte, stand sie meistens gebückt oder hatte sich auf ihrer Schlafstatt zusammengekauert. Ich überragte meine Gouvernante mittlerweile und es würde wahrscheinlich im Lauf der Zeit noch etwas mehr werden.
Nachdem die beiden verschwunden waren, kam ich mir plötzlich etwas verloren vor. Auf dem Tisch lagen noch meine in den letzten beiden Tagen erstellten Berechnungen und so nutze ich die Zeit, in der das Mädchen gebadet wurde, um mich ihnen noch einmal ausgiebig zu widmen. Es gab viel zu tun, die Zeit verflog rasch. Eine Stunde später lag eine lange Liste mit geplanten Änderungen in meinen Händen, die ich mit Fräulein Agnes vor der Umsetzung natürlich noch besprechen wollte. Doch ich hatte bereits entschieden, dass sich in meinem Haus etwas gravierend ändern sollte und das wären nicht nur Kleinigkeiten.
Mit einem Hochgefühl sammelte ich die Unterlagen zusammen. Es fühlte sich gut an, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu fällen. Schon die vergangenen Essenslieferungen an die magere Wäscherin hatten mir einen kleinen Vorgeschmack dessen gegeben, was ich jetzt empfand. Mir war in den letzten Stunden bewusst geworden, dass andere auch über mich entscheiden würden, wenn ich es nicht selbst tat. Bisher hatte ich oft sehr passiv gelebt und meistens gemacht, was mir vorgeschlagen wurde. Das war nicht grundsätzlich schlecht gewesen, doch dieses neue Gefühl, selbst etwas zu bewirken, wollte ich unbedingt vertiefen. Mit meinen Ergebnissen bepackt, ging ich zum Zimmer von Fräulein Agnes, um mit ihr über meine Ideen zu sprechen. Dort fand ich sie zu meiner Freude mit Christine zusammen vor. Das Mädchen saß in einem langen weißen Nachthemd auf einem Stuhl, während sich die Gastgeberin abmühte, mit einer Haarbürste durch die nun zwar sauberen, aber immer noch verknoteten und verfilzten Haare zu kommen.
Ich ging zu ihnen und als ich Christine zum ersten Mal gewaschen sah, machte mein Herz einen Sprung. Bisher kannte ich nur das nette, doch stets schmutzige Gesicht, ihre Haare waren immer unter einer Haube versteckt gewesen. Jetzt saß hier eine wunderschöne, junge Frau. Sie war natürlich nach wie vor unterernährt, aber das reichliche Essen mit dem anschließenden heißen Bad hatten ihre Lebensgeister befeuert. Im trüben Licht des Kellers waren ihre Augen immer farblos gewesen, erst jetzt sah ich den Glanz der strahlend blauen Augen, mit denen sie mich anblickte.
Mit verzweifeltem Gesichtsausdruck war meine Erzieherin inzwischen kurz davor, die Bürste gegen eine Schere zu tauschen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. „Darf ich es versuchen?“ Fragte ich Christine schüchtern, ob sie damit einverstanden war. Überwältigt, aber auch wieder etwas misstrauisch und unsicher schauend von der Behandlung der letzten Stunde nickte sie einfach nur.
Ich hatte das zwar noch nie bei einem Mädchen gemacht, doch oft meinen Wallach gepflegt, dessen schwarze Mähne durchaus vergleichbar war. Rasch holte ich mir ebenfalls einen Stuhl und begann, mich dem Chaos auf ihrem Kopf zu widmen. Der seltsame Blick bei meinem Ersuchen um Erlaubnis war mir aufgefallen. Ich erinnerte mich an ihre Frage bei meinem zweiten Besuch, als sie wissen wollte, ob sie für das Essen etwas tun müsse. Damals hatte das nicht einordnen können, aber mittlerweile deren Hintergrund verstanden. Beim Unterricht über die verschiedenen Stände und Klassen kam auch zur Sprache, dass der eine oder andere Dienstherr die Abhängigkeit der mehrheitlich weiblichen Dienstboten anderweitig ausnutzte. Möglicherweise dachte sie jetzt, ihr würde Ähnliches bevorstehen. Es war mir unangenehm bei dem Gedanken, Christine wäre nicht gerne hier. Ich wollte keinesfalls, dass auch nur die geringste Angst hatte, ich könnte irgendetwas in dieser Art von ihr verlangen. Zumal ich auch nicht wusste, was genau man unter dem besagten Ausnutzen verstand.
Ich hatte, abgesehen von unseren Kellergesprächen, bisher kaum mit Mädchen kommuniziert. Und auch da war es bisher bei Weitem nicht so persönlich gewesen, wie es sich jetzt anfühlte. Generell hatte ich traurigerweise wirklich vertrauliche Unterhaltungen nur mit meinem Pferd geführt. Es gab einfach niemand anderen und er war ein sehr guter Zuhörer, auch wenn er mir keine Antwort geben konnte. Doch da ich nur auf diese Erfahrung zurückgreifen konnte, eröffnete ich das Gespräch mit Christine flüsternd, wie ich es so viele Male im Stall getan hatte. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich habe es nur nicht mehr ertragen, wie die Zustände hier im Haus sind. Du warst die Erste, bei der ich das ändern wollte.“ Sie reagierte nicht und so sprach ich leise weiter. „Du bist meine einzige Freundin und ich möchte, dass es dir gut geht.“ Nach diesen Worten schaute sie mich lange an. Es war ihr anzusehen, dass sie eine solche Aussage nicht erwartet hatte. Das junge Mädchen sagte nach wie vor kein Wort, doch ich sah, dass ihre Augen feucht wurden. Um uns beide nicht zu überfordern, hielt ich für die restliche Zeit den Mund, während ich mich mit unzähligen Bürstenstrichen durch eine Strähne nach der anderen von unten nach oben durcharbeitete. Die Sonne war schon länger untergegangen und ich führte meine Aufgabe mittlerweile bei Kerzenschein durch.
Fräulein Agnes war in der Zwischenzeit in meine vorgeschlagenen Änderungen vertieft und saß an ihrem Schreibtisch. Ich war noch fast nie hier gewesen, sie hatte mich abends immer in mein Zimmer gebracht und morgens geweckt. Der Raum schien dem Meinen sehr ähnlich, nur die wenigen persönlichen Gegenstände waren andere. Ich hörte ihren Füllfederhalter gelegentlich kratzen, als machte sie sich Notizen.
Irgendwann kam sie dann zu mir. Neben dem Punkt „Christine!“ hatte sie „Gesellschafterin?“ geschrieben und ich nickte lächelnd. Sie hatte uns die ganze Zeit immer wieder beobachtet und natürlich mitbekommen, dass wir leise miteinander flüsterten. Auch wusste sie inzwischen von meinen vielen Besuchen, ich hatte ja zumindest in den vorangegangenen Tagen kein Geheimnis mehr daraus gemacht. Vermutlich hatte sie auch Christine ausgefragt, wie wir uns kennengelernt hatten. Stück für Stück fügten sich die Puzzleteile zusammen und sie konnte sich langsam einen Reim darauf machen, was genau mein Interesse für bestimmte Themen in den letzten Wochen auslöste. Meine Erzieherin war eine kluge Frau, die mich fast alles gelehrt hatte, was ich in den letzten Jahren lernte. Doch auch wenn sie mich noch so gut kannte, dauerte es einige Zeit, bis sie die Tragweite der in mir stattgefundenen Veränderung erfasst hatte. Während sie bei mir stand, kommunizierten wir, ohne ein Wort zu sagen. Aber es war mehr, als wir in einer Stunde hätten ausdrücken können.
Sie vermutete vollkommen richtig, dass ich nicht auf ihre Erlaubnis warten würde, Christines Schicksal zu bessern, oder es auf irgendeine andere Weise zuließ, dass meine neue Freundin wieder in die Waschküche geschickt wurde. Auch hatte sie meine Entschlossenheit gespürt, als wir in dem dunklen Kellerraum standen, und so war sie auf diese Idee gekommen. Obwohl es ihr zutiefst widerstrebte, da die junge Frau absolut nicht standesgemäß für mich war, so respektierte sie doch meinen Wunsch. Ich würde mich nicht mehr von den früheren Begrenzungen abhalten lassen, das zu tun, was mir wichtig war, und es zur Not auch gegen ihren Willen durchsetzen. Obwohl ich es bevorzugte, wenn sie die Entscheidung befürwortete, da ich ihre Hilfe brauchte.
Die weiteren Details der von mir verfassten Liste würden wir morgen besprechen, doch insgesamt machte sie den Eindruck, dass sie mit allem im Wesentlichen einverstanden war. Aufgrund der heute seit dem Abendessen gemachten Erfahrungen war sie selbst sehr nachdenklich geworden, inwieweit ihr Verhalten in den letzten Jahren richtig oder falsch gewesen war. Sie hätte mit Sicherheit einiges anders und besser machen können, doch das war Vergangenheit. Unser Gast wusste nichts von alldem und das sollte auch noch einige Zeit so bleiben.
Mit einem letzten langen Bürstenstrich vollendete ich meine Aufgabe und legte das Werkzeug beiseite. „Komm mit, ich bin fertig.“ Flüsterte ich leise und führte das Mädchen zu dem großen Spiegel in der Ecke des Zimmers. Immer schmutzig und selbst weder im Besitz einer Bürste noch eines Spiegels hatte sie ihr Bild zwar im Wasser gesehen, doch das konnte nicht einmal ansatzweise zeigen, welch ein Engel sie in Wirklichkeit war. Christine stand sprachlos vor dem Spiegel und bestaunte die zierliche junge Frau, die ihr entgegenblickte. Das rückenlange blonde Haar, zum ersten Mal seit langer Zeit richtig gewaschen und gepflegt, fiel glatt über ihre schmalen Schultern. Es würde noch viele Abende mit der heutigen Zuwendung brauchen, um es zu voller Pracht zu führen, doch sie bewunderte bereits jetzt ihr neues Aussehen. Auch eine Diät wäre im Moment das absolut Falsche für sie, aber es war zweifelsfrei zu erkennen, welches Kunstwerk die Natur hier vollbracht hatte.
Das junge Mädchen begann leise zu schluchzen, als sie endlich begriff, dass es tatsächlich sie war, die da vor ihr stand. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, und berührte sie deshalb nur zaghaft und zurückhaltend am Arm. Sie legte ihre Hand auf meine und wir schauten uns über den Umweg des Spiegels schweigend direkt und sehr lange in die Augen.
Es gab immer ein vorbereitetes Gästezimmer für den Fall eines überraschenden Besuchers, was aber noch nie der Fall gewesen war. Es lag neben meinem und war das dritte auf diesem Gang, wir mussten also nicht weit gehen, um sie zu ihrem neuen Zuhause zu bringen. Außerdem waren Fräulein Agnes und ich so in der Nähe, wenn sie Hilfe brauchte oder es sonst ein Problem gab. Nachdem sich Christine langsam wieder beruhigt hatte, machten wir uns auf den Weg, da es bereits sehr spät und an der Zeit war, zu Bett zu gehen. Ich schlug die Decke für sie zurück, es war eine Geste, die mir in diesem Moment richtig erschien. Viele Jahre hatte sie das alles nur gesehen, wenn es in ihrem Keller gelandet war. So hielt ich es für das Mindeste, ihr diesen kleinen Dienst zu erweisen.
„Für mich ganz allein?“ Fragte sie kurz unsicher, als wir vor dem großen Bett standen. Ich nickte und dann schlüpfte sie hinein. Kaum lag sie auf der weichen Matratze, breitete sich ein Ausdruck des Glücks auf ihrem Gesicht aus. Sie hatte noch nie in etwas Vergleichbarem gelegen und es musste ihr alles wie ein Traum vorkommen. „Mein Zimmer ist gleich nebenan, wenn du irgendetwas brauchen solltest. Gute Nacht.“Sagte ich lächelnd, damit sie wusste, wo sie mich fand. Die Räumlichkeit meiner Gouvernante kannte sie ja bereits. Ich streichelte ihr sanft über die Hand und überließ sie dann Morpheus Armen. Sie war bereits eingeschlafen, bevor ich die Tür schloss.
Als ich in meinem eigenen Bett lag, überkam mich die Einsamkeit. Zwar fühlte es sich irgendwie an wie immer, die ganzen letzten Jahre waren so gewesen. Doch heute tat es das erste Mal wirklich weh. Die vergangenen drei Stunden war sie bei mir gewesen, ich hatte ihr das Haar gebürstet und es war das Schönste, das ich je tat. Christine saß in dieser Zeit einfach da und ließ es geschehen. Nach dem Geflüsterten hatte sie sich irgendwann sichtbar entspannt. Es verging über eine halbe Stunde, bis sie die vorangegangenen Ereignisse in den richtigen Zusammenhang gebracht und meinen Worten endlich geglaubt hatte. Auf dem Weg in ihr Zimmer hielt sie schüchtern meine Hand, die sie vor dem Spiegel ergriffen und erst wieder losgelassen hatte, als sie unter ihrer Decke lag. Es war der krönende Abschluss wundervoller Stunden, in denen ich mich zum ersten Mal seit vielen Jahren komplett und wirklich wohl fühlte.
Um mich von meiner Einsamkeit abzulenken, dachte ich über all das nach, was ich heute zu ändern beschlossen hatte. Es würde nicht jedem gefallen. Doch das taten die jetzigen Verhältnisse auch nicht, schon gar nicht mir. Und es war an der Zeit, dass ich mich um mehr als nur mich selbst kümmerte, zumal ich ja nicht einmal das in meinem bisherigen Leben wirklich getan hatte. Die vergangenen Wochen war mein Kopf voll mit unzähligen Gedanken gewesen und es dauerte ebenso lange, bis sie sortiert und geordnet einen Sinn ergaben. Doch in den letzten drei Tagen war das Bild immer klarer geworden, gefühlt war ich schlagartig um Jahre gereift.
Ich war irgendwann eingeschlafen, erwachte jedoch wieder durch ein ungewohntes Geräusch. Langsam öffnete sich meine Schlafzimmertür und zaghaft schob sich ein Kopf durch den Spalt, prüfend, ob es das richtige Zimmer war. Im Mondschein leuchtete das blonde Haar ebenso wie das Nachthemd der Gestalt in meiner Tür fast weiß. Ich flüsterte leise Christines Namen, um sie nicht zu erschrecken. Rasch schlüpfte sie vollends herein und schloss vorsichtig den Zugang hinter sich. Ohne ein Wort zu sagen, huschte sie barfuß über den weichen Teppich, bis sie mein Bett erreicht hatte. Unsicher, was sie tun sollte, stand sie einfach nur da. Ich wusste einen Moment nicht, ob ich mir das Ganze einbildete oder was ich sagen sollte. Deswegen zog ich einfach nur die Decke zurück und sie kroch hinein. „Ich habe Angst. Lass mich bitte nicht allein.“ Flüsterte sie leise. Wir nahmen uns schüchtern an den Händen, ihre Finger streichelten meine und ich erwiderte ihre zärtliche Geste, bevor wir beide rasch wieder einschliefen.
Als ich am Morgen erwachte, wusste ich nicht, ob ihr Erscheinen in dunkler Nacht nicht doch nur ein Traum gewesen war. Dann bemerkte ich, dass das helle Kissen vor mir kein Kissen war. Ihr blonder Haarschopf lag weit ausgebreitet um sie herum, während sie noch tief und fest schlief. Meine Augen wurden vor Glück feucht und einzelne Tropfen landeten nach und nach auf dem Kissen. Ich schaute sie einfach nur an und ohne mich zu bewegen, blieb ich liegen. Keinesfalls wollte ich etwas tun, um die junge Frau zu wecken. Sie sollte so lange schlafen, bis sie von selbst erwachte. Es war vermutlich viele Jahre her, dass Christine das tun konnte und ich war lange genug egoistisch gewesen, wenn auch aus Unwissenheit. Wir hatten uns die ganze Nacht an den Händen gehalten und taten das immer noch, was ich erst feststellte, als ich vollends aufgewacht war.
Es verging über eine Stunde, bis das schöne Geschöpf sich regte. Langsam schlug sie die Augen auf und realisierte blinzelnd, dass etwas anders war als in der Vergangenheit. Doch sie erschrak nicht, sie schaute mich einfach nur an. „Bin ich wach oder träume ich noch?“ Fragte sie leise, als ob sie Angst hätte, dass ein zu lautes Geräusch den Traum zerplatzen lassen könnte. „Wenn das ein Traum ist, will ich nicht aufwachen.“ Flüsterte ich zurück. Unsere Hände streichelten sich gegenseitig und es waren die schönsten Berührungen, an die wir uns erinnern konnten.
Nach einem leisen Klopfen betrat bald darauf Fräulein Agnes das Zimmer. Ich sah ihren besorgten Gesichtsausdruck, während sie die Tür schloss. „Christine ist verschw… hier.“ Korrigierte sie sich selbst, als sie die Situation erkannte. Eine gewisse Freude, dass es dem Mädchen gut ging, aber auch die Bedenken, was heute Nacht möglicherweise passiert war, standen ihr ins Gesicht geschrieben. Mit leichtem Kopfschütteln verneinte ich, wobei ich selbst nicht wusste, was genau ich eigentlich verneinte. Sichtbare Erleichterung war ihr anzusehen, als sie meinen Gast ansprach. „Ich suche etwas zum Anziehen für dich, hast du eine Lieblingsfarbe?“ Fragte sie die junge Frau in meinem Bett. „Gelb wie die Sonne, das wäre schön.“ Antwortete Christine verträumt lächelnd, ohne den Blick von mir abzuwenden.
Ich war mir sicher, meine Gouvernante würde in ihren Schränken auf jeden Fall etwas Passendes finden. „Es wird in deinem Zimmer auf dich warten.“ Versprach sie, dann waren wir wieder allein. Wir blieben liegen und sahen uns einfach nur an, verbunden an Händen und dem unbeschreiblichen Gefühl des Wohlfühlens wollten wir den Moment nicht enden lassen.
Die Zeit verging und langsam füllten sich die Augen meiner Besucherin mit Tränen. Sie benetzten meine Finger, als sie leise weinte. Sanft streichelte ich weiter ihre Hände, etwas anderes traute ich mich nicht zu tun. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte, noch ob es etwas gab, das sie trösten würde. Natürlich hätte ich sie gerne in den Arm genommen und beschützt, aber ich wusste nicht, ob sie das wollte. So lagen wir einfach nur nebeneinander, bis ihre Tränen irgendwann versiegten.
„Hast du Hunger?“ Fragte ich und sie nickte eifrig. Auch wenn es uns schwerfiel, lösten wir unsere Verbindung, ihre Prioritäten waren verständlicherweise im Moment andere. „Du kannst direkt hier durch.“ Verwies ich sie auf die Verbindungstür und gleich darauf war sie verschwunden.
