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Beschreibung

Über 30 philippinische und deutschsprachige Autor:innen untersuchen die gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Philippinen. Ein Fokus liegt auf der geostrategischen Lage des Landes im asiatisch-pazifischen Raum. Seit 2022 regiert Präsident Ferdinand Marcos Jr. und knüpft an die Ära seines Vaters an, der ab 1965 eine historisch beispiellose Familienherrschaft begründete. Mit der Verhängung des Kriegsrechts 1972 schaltete Marcos Sr. seine Gegner aus und etablierte einen "konstitutionellen Autoritarismus". Die Ermordung des Oppositionsführers Benigno Aquino 1983 beschleunigte eine innen- und wirtschaftspolitische Krise, die 1986 zum (vorläufigen) Ende der Marcos-Herrschaft führte. Der erwartete gesellschaftliche Aufbruch weckte unter Millionen Filipinos, von denen viele im Ausland leben, Hoffnungen auf Freiheit und ein besseres Leben. Doch kehrte die einstige Herrscherfamilie wieder an die Macht zurück. Zum 60. Jahrestag der Marcos-Herrschaft ziehen die Buchbeiträge Bilanz.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Rainer Werning/Jörg SchwiegerVon Marcos zu Marcos

Die Philippinen seit 1965

  

© 2025 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

ISBN: 978-3-85371-932-9(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-550-5)

Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Danksagung

Einleitung

Strukturdaten

A. Ouvertüre

Die Kunst zu überleben: Familie Tiblan

Von Marcos zu Marcos – wie war das möglich?

Windungen und Wendungen: Solidarität mit den Philippinen aus Sicht einer europäischen NRO

B. Geschichte

Vorgeschichte (1892−1965)

Marcos Senior: Aufstieg und Niedergang eines Regimes (1965−86)

Der First Quarter Storm (FQS)

Telegener Sturz eines Despoten

»People Power« 1986 – eine Nachbetrachtung

Einfach weitermachen?

Von Aquino zu Aquino (1986−2016)

Dutertismo – ein blutiger Irrweg (2016−2022)

11. März 2025: Dutertes Schwarzer Dienstag

Aufstandsbekämpfung unter Duterte

Nein, Duterte!

C. Leben und Überleben

Große Worte, k(l)eine Taten – Menschenrechte unter Präsident Ferdinand Marcos Jr.

Menschenrechtsverletzungen

Medien unter Beschuss

Ein angeklagter Mediziner berichtet

Der Überlebende eines Attentats berichtet

»Marcos Jr., Duterte und die US-Regierung sind schuldig«

Aufmarschgebiet der USA

Kinderrechte – das Schweigen brechen

Indigene Völker und Gemeinschaften

Die Misere des philippinischen Bildungswesens

Maria Ressa, Friedensnobelpreisträgerin 2021

Epifanio San Juan Jr., emeritierter Professor für Englisch, vergleichende Literaturwissenschaft und ethnische Studien, zum philippinischen Bildungswesen

Gefährliches Spiel mit der Gesundheit

Corona-Lockdown und die subversive Kraft des Teilens

(Über-)Leben in der Bangsamoro-Region

D. Gesellschaft und Politik

Dynastische Fehde

Demokratie der Dynastien

Caudillos

Südostasiens ältester Konfliktherd

Vorläufiger Schlussakkord nach politisch-juristischem Tauziehen

Bangsamoro – Wahlen mit Aufschub

Mindanao – Wandel, Wahlen und die Hoffnung auf Frieden

»Die Macht, die den Pazifik beherrscht, …«

Im Fadenkreuz geostrategischer Machtinteressen

Nach nahezu 130 Jahren: Die Rückeroberung der Philippinen durch die USA

Was aus Beijings Perspektive als sakrosankt gilt

E. Wirtschaft

Die wirtschaftliche Entwicklung in der Ära Marcos Jr.

»Unter Marcos Jr. sind rund 10 Millionen Filipinos mehr hungrig«

Landreform und ländliche Entwicklung: Profit statt sozialer Gerechtigkeit?

Schwierige Selbstfindung: Die Gewerkschafts- und Arbeiter:innen-Bewegung

Metallischer Bergbau – Rohstoffreserven oder Wunschdenken?

Im Sog der Digitalisierung

Reise einer Babyboomerin in die digitale Welt

F. Filipinos im Ausland

Philippinische Seeleute – Auf allen Weltmeeren zuhause

Menschen, keine »Exportschlager«

Pflegekräftemigration nach Deutschland

OFWs – die neuen »Held:innen«?

Tabellen zur Migration

Im Aufbruch: Die junge philippinische Diaspora zwischen Integration, Rückbesinnung und Engagement

Die »2nd Generation«

Kurzinterview mit Amadeo Kaus, geb. 1998 in Köln, Organisator für Klima und soziale Gerechtigkeit, gewerkschaftlich und parteipolitisch engagiert

60 Jahre in Deutschland – Filipinos on the Move

G. Klima und Umwelt

Stürmische Zeiten

Antworten auf die Klimakrise

Energiewende?

Atomkraft – Altlast eines Weißen Elefanten

Bucht von Manila: Landgewinnung bedroht Meeresleben

Verkehrswende?

H. Die Linke

»Wir sind nicht willens, die Waffen zu strecken und uns zu ergeben«

Traditionsreich – Aperçus zur kommunistischen Bewegung

Wie die Revolution sich selbst dezimierte

Warum die Massen Marcos wählten

Die philippinische Gesellschaft: »Halbfeudal« oder »rückständig kapitalistisch«?

I. Schlussakkord

Die Zwischenwahlen vom 12. Mai 2025 im Spiegel philippinischer Kommentator:innen

Politische Ämter, die bei den Halbzeitwahlen im Mai 2025 vergeben wurden

Ein moralischer Kompass für die Gesellschaft

Anhang

Eine Auswahl philippinischer Medien(portale), die kritisch und investigativ berichten:

Kontaktadressen von Organisationen, Vereinen & Gruppen,

Verzeichnis der Autor:innen

Verzeichnis der Interview-Partner:innen

Der Promedia Verlag im Internet

Orientierungsmarken

Cover

Table of Contents

Widmung

Dieses Buch widmen die Herausgeber allen Filipinas und Filipinos, die ihr beharrliches Engagement für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie im Kampf gegen staatliche Repression und Diktatur mit dem Leben bezahlten.

The editors dedicate this book to all the Filipinas and Filipinos who have paid with their lives for their untiring commitment to freedom, justice and democracy in the fight against state repression and dictatorship.

Inihahandog ng mga patnugot ang librong ito sa lahat ng mga Filipino na nagbuwis ng kanilang buhay, taglay ang marubdob na pag-ibig sa kalayaan, katarungan at demokrasya, sa pakikibaka laban sa panunupil ng estado at diktadurya.

Danksagung

Für die freundliche Förderung dieses Buchprojektes danken wir:

Action Solidarité Tiers Monde – ASTM, Luxemburg

Deutsch-Philippinische Freunde e.V., Düsseldorf

Evangelischer Kirchenkreis, Koblenz

Misereor, Aachen

Stiftung Umverteilen!, Berlin

Einleitung

Wer sich den Philippinen annähern möchte, findet im deutschsprachigen Raum schnell verschiedene Reiseführer und weitere Reiseliteratur. Das Fernsehen bietet Berichte über Natur und Kultur der Philippinen. Eine umfangreiche landeskundliche Einführung in Geschichte, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur liegt von diesen Herausgebern vor: Handbuch Philippinen, in 6. aktualisierter und erweiterter Auflage (Berlin 2019). Die Werke des philippinischen Nationalhelden Dr. José Rizal, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeitweise als Arzt in Heidelberg wirkte, sind zugänglich – ebenso wie die Autobiografie der philippinischen Friedensnobelpreisträgerin von 2021, der Journalistin Maria Ressa. Neuerdings sind auch zeitgenössische Romane, Kurzgeschichten und Krimis erhältlich.

Das vorliegende politische Lesebuch zu den Philippinen von 1965 bis ins Jahr 2025 mit Beiträgen von 40 Autor:innen aus den Philippinen und Kenner:innen aus dem deutschsprachigen Raum soll diese unterschiedlichen Informationsquellen um weitere Perspektiven ergänzen. Denn in gesellschaftspolitischer Hinsicht zeichnen sich die Philippinen durch markante Besonderheiten aus, die wir in sieben Themenfeldern näher betrachten.

* * *

Die Republik der Philippinen wird in den fast 80 Jahren ihres Bestehens seit der Unabhängigkeit von den USA 1946 überwiegend von einer prominenten Familie politisch geführt – der Familie Marcos. Seit 60 Jahren, vom Beginn der Präsidentschaft von Ferdinand Marcos Senior 1965 bis zur derzeitigen Präsidentschaft von Ferdinand Marcos Junior, sitzen Mitglieder der Familie an den Schalthebeln der Macht. Marcos Senior bemühte das Konstrukt eines »konstitutionellen Autoritarismus«, um sich qua Kriegsrecht (1972) an der Macht zu halten und eine »Neue Gesellschaft« zu begründen. Als verschlagener Politiker hob er angesichts einer bevorstehenden Papstvisite das Kriegsrecht 1981 zwar de jure auf, regierte dennoch de facto diktatorisch weiter. Eine spektakuläre Kombination aus Volksaufstand, Rebellion im Militär und Krisenmanagement seitens der USA führte 1986 zum Sturz von Marcos Senior. Weltweit konnten die als People Power-Revolution bezeichneten Ereignisse dank großer Medienaufmerksamkeit sogar an Fernsehschirmen mitverfolgt werden. Im Senat und Repräsentantenhaus sowie als Gouverneure blieb der Marcos-Clan allerdings präsent – dank nie gekappter Allianzen mit anderen politischen Dynastien stellt er seit 2022 erneut einen Präsidenten.

* * *

Internationales Aufsehen erregte auch der Patriarch eines weiteren Familienclans – Rodrigo Roa Duterte. Zunächst mit den Marcoses verbündet, inzwischen aber tief verfeindet, wurde er 2016 Präsident und populärer Hoffnungsträger. Bekannt für seine extrem vulgäre Gossensprache brachte er es durch brutales und rechtswidriges Vorgehen insbesondere gegen Drogenkonsumenten und kleine Dealer sowie gegen echte oder vermeintliche Kriminelle in seiner sechsjährigen Amtszeit auf rund 30.000 Todesopfer. Diese und weitere Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit lastet ihm nun der Internationale Strafgerichtshof an. Zwar ist er in Den Haag inhaftiert, dennoch wurde er jüngst erneut zum Bürgermeister von Davao City gewählt. Die Folgen seines politischen Wirkens sind im Alltagsleben und in unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen gegenwärtig und haben schwere Traumata hinterlassen.

* * *

Weltpolitisch stehen die Philippinen wegen zwei weiterer Besonderheiten im Fokus, die durch Beiträge im Buch vertieft werden.

Der Süden des Archipels bildet den Schauplatz des längsten bewaffneten Konflikts in Südostasien. Seit der spanischen und US-amerikanischen Kolonialzeit kämpft die muslimische Bevölkerung der südlichen Hauptinsel Mindanao und der Sulu-See um Selbstbestimmung durch Unabhängigkeit beziehungsweise Autonomie. Der Konflikt wird sowohl bewaffnet als auch diplomatisch ausgetragen. Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), Indonesien und Malaysia bemüh(t)en sich um Lösungen.

Als Anrainer der weltweit wichtigsten Schifffahrtsroute durch das Südchinesische Meer und mit einer ausschließlichen Wirtschaftszone darin befinden sich die Philippinen in territorialen Auseinandersetzungen mit der Volksrepublik China. Ihre strategische Lage in der Mitte der Inselkette zwischen Festlandasien und dem Pazifik macht sie zu einem Dreh- und Angelpunkt global-strategischer Interessen der Großmächte.

* * *

Anders als andere südost- und ostasiatische Nachbarn sind die Philippinen wirtschaftlich nicht in die Gruppe der sogenannten Tiger-Ökonomien aufgerückt. Die in der Ära von Marcos Senior begonnene exportorientierte Wirtschaftspolitik – begleitet von Kleptokratie und Korruption – hat bisher nicht die Grundlage für einen Wandel von einer überwiegend landwirtschaftlichen hin zu einer stärker industriellen, binnenmarktorientierten Produktion geschaffen. Bekannt sind die Philippinen durch internationale Dienstleistungen im IT-Bereich, etwa durch Call-Centers und Content-Management im Internet, und durch den Export von Arbeitskräften in alle Welt.

* * *

Im deutschsprachigen Raum begegnen uns seit einigen Jahrzehnten philippinische Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenzentren. Sie gehören zu rund 13 Millionen Filipinas und Filipinos, die auf dem internationalen Arbeitsmarkt Beschäftigung gefunden haben oder aus anderen Gründen migriert sind. Durch ihre Rücküberweisungen in Höhe von 39,1 Milliarden US-Dollar (2023) tragen sie mit rund zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die philippinische Diaspora macht etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus und stellt nach Migrant:innen aus China, Indien und Mexiko die viertgrößte derartige Gemeinschaft weltweit. Ihrer Situation widmet sich ein weiterer Abschnitt in diesem Buch.

* * *

Regelmäßig erreichen uns in den Medien Berichte über Naturkatastrophen in den Philippinen: Verwüstungen und Todesopfer durch Taifune, Überschwemmungen. Bergrutsche und Vulkanausbrüche. Der Klimawandel vermehrt und verstärkt diese Ereignisse. Bei internationalen Klimakonferenzen machte die philippinische Delegation frühzeitig auf die Dramatik der Lage aufmerksam und forderte Reaktionen. Eine aufmerksame und aktive Zivilgesellschaft arbeitet an Konzepten und Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels.

* * *

Als einzige sozialrevolutionäre Widerstandsbewegung in der Region macht die Nationaldemokratische Front der Philippinen (NDFP) samt der kommunistischen Partei (CPP) und eigener Guerillaarmee (NPA) von sich reden. Kampfhandlungen wurden immer wieder begleitet von Friedensverhandlungen mit der Regierung – mit bis dato ungewissem Ausgang. Aufarbeitung von »parteiinternen Säuberungen«, Streit über die Strategie nach dem Marcos-Sturz und Debatten über die richtige Gesellschaftsanalyse sind im Abschnitt H zu finden.

* * *

Dieses politische Lesebuch kann kein vollständiges Bild der Philippinen zeichnen. Es möchte auf wichtige Facetten hinweisen, neugierig machen und zur weiteren Beschäftigung mit den Philippinen anregen.

Daher finden Leser:innen nach den meisten Texten Hinweise auf weiterführende Lektüre und Links im Internet. Im Anhang verweisen wir außerdem auf ausgewählte Medien(portale) und empfehlenswerte Anlaufstellen für weitere Informationen und Kontakte.

Rainer Werning & Jörg SchwiegerKönigsdorf/Bonn, im Sommer 2025

Persönliches Postscript

Die Herausgeber beschäftigen sich seit Beginn beziehungsweise Mitte der 1970er Jahre intensiv mit den Philippinen. Sie haben dort längere Zeit gelebt, studiert, in unterschiedlichen Bereichen gearbeitet und sich – auch verwandtschaftlich dem Land verbunden – mehrfach zu ausgedehnten Recherchereisen auf den Inseln aufgehalten. Die gewachsene Liebe zu Land und Leuten vertiefte sich durch persönliche Freundschaften, den Genuss oft überbordender Gastfreundschaft sowie den Humor und die Resilienz der Menschen, die trotz zahlreicher natürlicher und menschengemachter Kalamitäten immer wieder ungeahnte Potenziale entfalten, ihr (Über-)Leben zu sichern.

Ein besonderer Dank gilt allen Autor:innen und Interview-Partner:innen und unseren Verlegern für das Zustandekommen des Buches.

Strukturdaten

Bevölkerung: 109,03 Millionen (2020), 117,3 Mio. (2023); 30 % unter15 Jahren (2023)

Bevölkerungswachstum: 1,63 % (2020), 1,5 % (2023)

Lebenserwartung: (bei Geburt, 2022): 72,2 Jahre (Frauen 74,2/Männer 70,2)

Kindersterblichkeit: (unter 5 Jahren): 27,5pro1000 (2022)

Durchschnittsalter: 24,5 Jahre (2021) (Deutschland: 44,7 Jahre)

Alphabetisierungsrate: 98 % (2020)

Ballungsräume: Metro-Manila, Metro-Cebu, Metro-Davao

Währung: PhilippinischerPeso; 1USD = 57,3 Peso; 1EUR = 62,3 Peso (März 2025)

Bruttoinlandsprodukt (BIP): 437Mrd. USD (2023); 61 % Dienstleistungssektor, 28,9 % produzierendesGewerbe, 10,1 % Landwirtschaft (2021)

RealesWirtschaftswachstum: 7,1 % (2022) (Deutschland: 0,8 %)

EinnahmenundAusgabendesStaatshaushalts: Einnahmen 82,5Mrd. USD; Ausgaben104,7Mrd. USD (2022) (Deutschland: 1919,4 Mrd. USD zu 2021,5 Mrd. USD)

VerhältnisStaatshaushalt/ BIP: 26 % (Deutschland: 47,7 %)

Staatsverschuldung: 276,7Mrd. USD = 60,7 % desBIP, davon Auslandsschulden139,6Mrd. USD = 28,4 % desBIP (2024)

Inflationsrate: 5,8 % (2022)

BIPPro-Kopf-Einkommen: 3.906USD nominal, 11.281USD kaufkraftbereinigt (2023) (Deutschland: 53.565 USD nominal, 69.532 USD kaufkraftbereinigt)

Einkommensverteilung: Anteilderärmsten20 % amVolkseinkommen: 6 %; Anteilderreichsten10 %: 32 % (2022) (Deutschland: 24,4 %, 2021)

Gini-Koeffizient: 40,7 (2021) (Deutschland: 32,4)

Erwerbspersonen: 49,7 Millionen (2023)

Beschäftigung: Dienstleistungen56,8 %, Landwirtschaft24,3 %, Industrie18,9 % (2021)

Arbeitslosigkeit: 3,8 % (2024); 5,98 % (2023) – Unterbeschäftigungsrate: 11,9 % (2024)

BevölkerungunterderArmutsgrenze: 18 % (2022)

Mobiltelefoneje1000Einwohner:innen: 1200 (2023)

Kohlendioxidemission: 1,4 TonnenproEinwohner:in (2022)

HDI-Index: 0,71; Rang113 (2022) (Deutschland: 0,95; Rang 7)

Korruptionsindex (CPI): Rang114 (2024), (Deutschland: Rang 15)

Quellen: Philippine Statistics Authority, ILO, IWF, UNDP, UNESCO, VN, Weltbank, Wirtschaft Global

Das politische System

Politik findet in den Philippinen auf vier Ebenen statt: auf der nationalen Ebene, auf der Provinzebene, in den Städten und Gemeinden (cities and municipalities) sowie auf der Dorf- und Stadtteilebene (barangay). Auf nationaler Ebene gibt es zwei Kammern, mit denen sich der Präsident die (offizielle) Macht teilen muss: den 24-köpfigen Senat, dessen Mitglieder alle sechs Jahre landesweit gewählt werden, und das Repräsentantenhaus, in das 234 Wahlkreise per Mehrheitswahlrecht einen Abgeordneten schicken. Außerdem werden bis zu 59 Abgeordnete in Parteilistenwahlen bestimmt.

Jede der 82 Provinzen wird von einem Gouverneur und einem Vizegouverneur regiert, die wie Präsident und Vizepräsident getrennt gewählt werden und daher nicht dem gleichen politischen Lager angehören müssen.

Auf allen Ebenen verfügen die Amtsinhaber:innen über eine weit größere Entscheidungsfülle, als vergleichbare Ämter in Deutschland sie bieten. Das Rechtssystem (vor allem die Verfassung), das Gerichtswesen und zahlreiche Aufsichtsbehörden sollen eine rechtsstaatliche Ausübung von politischer und gesellschaftlicher Macht gewährleisten. Es ist ein System, das in vielerlei Hinsicht der ehemaligen Kolonialmacht USA entlehnt wurde.

Die Präsident:innen der Philippinen

Ferdinand Marcos Jr. seit 2022

Rodrigo Duterte (2016−2022)

Benigno Aquino III. (2010−2016)

Gloria Macapagal-Arroyo (2001−2010)

Joseph Estrada (1998−2001)

Fidel Ramos (1992−1998)

Corazon Aquino (1986−1992)

Ferdinand Marcos (1965−1986)

Diosdado Macapagal (1961−1965)

Carlos P. Garcia (1957−1961)

Ramon Magsaysay (1953−1957)

Elpidio Quirino (1948−1953)

Manuel Roxas (1946−1948)

Sergio Osmeña (1944−1946)

José P. Laurel (1943−1945)

Manuel Quezon (1935−1944)

nichtbesetzt (1901−1935)

Emilio Aguinaldo (1899−1901)

A. Ouvertüre

Die Kunst zu überleben: Familie Tiblan

Von Eric D. U. Gutierrez

Wahid Tiblan wurde um 1940 in Pangutaran geboren, einer Inselgemeinde im Sulu-Archipel im Süden der Philippinen nahe Borneo und Malaysia. Pangutaran weist eine lange Geschichte von tödlichen Clan-Fehden zwischen Einheimischen und überwiegend Tausug sprechenden Siedler:innen auf, die von anderen Inseln des Archipels stammen. Tiblans Kinder geben sein Alter mit 84 Jahren an, doch er bestreitet dies und behauptet, er sei beinahe 90. Er erklärt, dass sie sich über sein Alter nicht sicher sind, weil in Pangutaran früher Geburtstage nicht gefeiert wurden. Erst im Alter von 74 Jahren erhielt er eine Geburtsurkunde – sein geschätztes Alter, das seine Söhne bei der Registrierung im Jahr 2014 angaben. Diese Schätzung beruhte auf seiner Erinnerung, dass seine älteste Tochter 1960 geboren wurde und er mit 20 Jahren heiratete.

Das Alter ist ein häufiges Diskussionsthema in der Familie, denn alle 12 Kinder von Wahids zwei Ehefrauen (neun von der ersten und drei von der zweiten) ließen sich ihre Geburtsurkunden erst ausstellen, als sie bereits erwachsen waren. Die Registrierung erfolgte nacheinander, weil eine Geburtsurkunde – ein grundlegender dokumentarischer Nachweis der Existenz als Bürger:in – für die Bearbeitung ihrer Landansprüche in Matangguli benötigt wurde. Matangguli bildet mit 35 weiteren Inseln die Gemeinde Balabac an der Südspitze der Provinz Palawan, die im Norden des Sulu-Archipels liegt. Hier hat sich die Familie seit 1974 niedergelassen; das siebte bis zwölfte Kind wurde in Matangguli geboren.

Das Fehlen von Dokumenten ist typisch für die meist auf dem Meer lebenden Sama, zu denen die Tiblans gehören, die weit weg von Städten und Verwaltungszentren wohnen. Sie bauen ihre Häuser meist auf Stelzen ins Wasser an der Küste, wo sie ihren Lebensunterhalt mit Fischfang und dem Anbau von Seetang verdienen. Die Sama sind eine indigene Gruppe des Sulu-Archipels. Untergruppen bilden die Sama-Bajau, die als Nomaden auf See leben, die ebenfalls auf See lebenden, aber in Siedlungen wohnenden Sama-Dilaut und die an Land lebenden Sama-Bangingi.

Ihre mangelnde zivile Registrierung schafft für die meisten Sama eine Trennung zwischen denjenigen, die über Dokumente verfügen und theoretisch Rechte und den Schutz des Staates beanspruchen können, und solchen wie den Tiblans, die für den Staat unsichtbar sind und oft als Außenseiter gelten. Doch es gibt noch weitere soziale Trennlinien, mit denen die Tiblans zu kämpfen haben. Sie sind auch Flüchtlinge, extrem arm und werden von ihren muslimischen Mitbürger:innen oft als »nicht-muslimisch genug« angesehen.

Leben als Flüchtlinge

Wie die Familie nach Matangguli kam, ist eine Geschichte für sich. Im Jahr 1969, als das ältere Ehepaar Tiblan bereits fünf Kinder hatte, verließen sie Pangaturan überstürzt, um den Kämpfen zwischen verfeindeten Clans zu entkommen. Sie zogen nach Tawi-Tawi, einer weiteren Inselgruppe in der Region, wo sich Verwandte und Sama-Kollegen aufhielten. Als kundiger Bootsbauer und Schmied baute Wahid das Haus für die Familie auf die für die Sama typische Weise im Wasser. Sie begannen mit dem Anbau von Seetang, Wahid brachte seinen Kindern das Fischen bei und gab ihnen Äxte, mit denen sie Brennholz schlagen und an Haushalte verkaufen konnten.

Doch auch Tawi-Tawi geriet in einen Konflikt. Als 1973 die Kämpfe zwischen den sezessionistischen Moro-Rebellen und dem philippinischen Militär eskalierten, wurde der philippinische Marinekommandeur zum Gouverneur von Tawi-Tawi ernannt und die Provinz damit faktisch unter Militärverwaltung gestellt. Als sich der Konflikt im Februar 1974 zuspitzte, schloss sich die Familie Tiblan dem Exodus muslimischer Flüchtlinge an, die nach Sabah in Malaysia und anderswo umzogen. Mit ihren sechs Kindern landeten die Tiblans schließlich in Matangguli in der Provinz Palawan.

Neuer Erwerbszweig

Als die Familie sich dort niederließ, baute sie ein neues Boot, ein Haus und fertigte Leinen und Netze für den Anbau von Seetang an. Sie befanden sich nicht nur in einer unbekannten Umgebung, sondern verfügten auch über keine Verwandten und kein soziales Netz, auf das sie sich verlassen konnten, und beherrschten die Lokalsprache nicht. Sie waren Flüchtlinge ohne Papiere, die nach Wegen suchten, um zu überleben. Daher traf die Familie eine strategische Entscheidung: Sie beschloss, brachliegendes Land tiefer im weitgehend flachen Landesinneren von Matangguli zu bewirtschaften – wie andere Siedler, die sich bereits in der Nähe der Küstenlinie niedergelassen hatten. Mit Spitzhacken fällten sie von Hand Bäume, um eine Brandrodung (kaingin) anzulegen, rodeten die restliche Vegetation und brannten dann das Feld und die Baumstümpfe ab, um die Anbauflächen vorzubereiten.

Die Tiblans begannen mit dem Anbau von kamote (Süßkartoffeln), cassava und kamotengbaging (wildem Maniok). Außerdem pflanzten sie Kokospalmen und bauten Tiefbrunnen für ihren Süßwasserbedarf. Anfänglich bewirtschafteten sie sieben Hektar, später kamen weitere fünf Hektar hinzu. Als die Familie wuchs, begannen die erwachsenen Kinder mit ihren eigenen Brandrodungen. Sie pflanzten zwei Kokospalmen, die ein X bildeten und die Grenze markierten. Insgesamt beansprucht die Familie 30 Hektar.

Diversifizierung des Lebensunterhalts

Das Leben war hart und die Familie musste oft hungern. Manchmal suchten sie nach Reben, die sie kochten, um sie essbar zu machen. Zudem tauschten sie Hackfrüchte gegen Haushaltsbedarf wie Zucker und Speiseöl ein. Als El Niño (ein Wetterphänomen im Pazifik, das zu Hitze und Dürre führt – Hg.) zuschlug und sie ihre Ernten verloren, mussten die Tiblans sechs Monate lang hungern und sich hauptsächlich von Bananen ernähren. »Ich dachte, ich würde dieses Alter nie erreichen«, sagt Wahid.

Der Haushalt kämpfte auch mit Malaria und anderen Krankheiten. Glücklicherweise war Wahid ein eifriger Lerner, der die Kräuter und Behandlungen auswendig kannte, die seine Eltern und die Ältesten einst in Pangutaran anwandten. Dass alle Kinder und Enkelkinder der Tiblans trotz ihrer bitteren Armut noch am Leben sind, erfüllt den älteren Tiblan mit Stolz. Der Zugang zu Kräutern und Heilpflanzen im Landesinneren ist auch ein Grund dafür, dass die auf dem Meer lebenden Tiblans ihre Anbauflächen behalten haben.

Die Überlebensstrategie der Familie bestand darin, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen. Alle Kinder und Enkelkinder mussten ihren Teil beitragen. Wahid stellte Boote aus den von ihnen gefällten Bäumen her. Er erinnert sich, dass er ein Boot, das er zwei Monate lang in Handarbeit hergestellt hatte, gleich nach ihrer Ankunft für 700 Peso (ca. 11,40 €) verkaufte. Ein ähnliches Boot, sagt er, würde heute leicht 100.000 Peso (ca. 1700 €) einbringen. Er betätigte sich auch als panday (Schmied), der Eisenbeschläge an Fischerbooten anbrachte.

In den späten 1980er-Jahren erfuhr die Familie von den Einkommensmöglichkeiten in Rio Tuba, der geschäftigen Bergbaustadt auf dem Festland von Palawan. Die älteren männlichen Kinder fanden Tagelöhnerjobs als estibas (Stauer) im Hafen von Rio Tuba. Die jüngeren Kinder boten puto – Küchlein aus Reis- oder camote-Mehl, Fisch am Stiel, gesüßte camote und andere Snacks an. Auf dem Markt verkauften sie Seetang für drei Peso (ca. 0,50 €) pro Kilo. Dies brachte sie in engeren Kontakt mit Händlern und anderen Muslimen. Da Wahid als Heiler auch Paare beriet, bei Streitigkeiten vermittelte und sogar Ehen segnete, wurde er bald als Imam angesehen – als religiöser Führer und »Hauptmann«.

Da die Arbeitsmöglichkeiten und die sozialen Netzwerke sie zunehmend nach Rio Tuba zogen, beschloss die Familie, in der Stadt eine Wohnung zu beziehen. Die Entfernung von Matangguli nach Rio Tuba beträgt etwa 25 Seemeilen. Mit einem Paddelboot mit kleinem Segel benötigte man bei gutem Wind in der Regel vier Stunden. Andernfalls musste man eine ganze Nacht lang hart paddeln. In der Stadt gab es jedoch keine Freiflächen, auf denen »Inselbewohner«, also Außenstehende wie sie, lagern oder eine Behausung errichten konnten. Alle Familienmitglieder gingen einer informellen Beschäftigung nach und standen nicht in der Verantwortung eines Arbeitgebers. Keines der Mädchen wurde als mit-wohnende Hausangestellte akzeptiert – vermutlich aus Misstrauen. Zwar wurde ihre Arbeitskraft gebraucht, aber sie waren eine sozial ausgegrenzte Minderheit.

Also baute die Familie ein Haus über dem Wasser – ein öffentlicher Raum, in dem sie als Außenseiter leben konnten. Das Leben gestaltete sich damit praktischer, da sie dort Angelhaken auslegen und den Seetang lagern konnten, den sie aus Matangguli mitgebracht hatten. »Unang-una kami doon« (»Wir waren die Ersten dort«), verkündete Wahid. Innerhalb weniger Jahre wurde ihr Haus auf Stelzen von Dutzenden anderer Häuser umringt, in denen einige sogar Restaurants eröffneten – alle angezogen von den Möglichkeiten, die Rio Tuba für den Lebensunterhalt bot. Als die Gemeinschaft der taong-dagat (Meeresbewohner) expandierte, brannte das Gebiet nieder. Sinunog (Brandstiftung) meint Wahid und denkt wie viele andere, die sei absichtlich passiert.

Die Tiblan-Kinder leben mittlerweile verstreut. Einige Kinder und Enkelkinder befinden sich noch in Matangguli, wo sie Seetang züchten und ihre Parzellen für den Anbau von Hackfrüchten bewirtschaften. Zwei sind in Tawi-Tawi in der Seetangzucht tätig. Weitere zwei Kinder arbeiten im Baugewerbe in Malaysia für ein chinesisches Unternehmen und überweisen regelmäßig Geld, was Wahid sehr freut. Jurab, der siebte Sohn, heiratete in eine Familie in der Gemeinde Bataraza ein und gründet dort eine Familie. Andere Geschwister leben in verschiedenen Städten Palawans – in Puerto Princesa, Pulot und Española.

Die älteste Tochter hat in Barangay Sandoval am Rand von Rio Tuba ein Grundstück auf Raten gekauft und betreibt dort einen Laden. Angrenzend befindet sich eine noch nicht fertiggestellte Moschee. Hinter dem Laden steht ein separates Gebäude, in dem Wahid und seine Frau Sabira nun wohnen. Sie wurden von den Kindern dorthin gebracht, damit er bei Bedarf näher an einem Krankenhaus sein kann. Da Wahid nun als spiritueller Führer gilt, betätigt er sich weniger als Heiler. Er betont immer wieder, dass Gott der Heiler ist, der ihm die Heilkunde vermittelt und die Heilpflanzen geschaffen hat.

Ertrinken in Schulden

»Solange ich zurückdenken kann, sind wir in Schulden ertrunken«, erzählt Wahid. Seine Gläubiger sind in der Regel seine »Chefs«: Händler, die Seetang kaufen. Andere boten Kredite im Tausch gegen Mangrovenholz an, das die Familie illegal an den Küsten sammelte. Er beklagt, dass die Bosse »die Preise für unsere Produkte kontrollierten«. Noch kritischer ist jedoch, dass ein Kredit ihn dazu zwingt, die Produkte der Familie ausschließlich an den Kreditgeber zu verkaufen und nicht an diejenigen, die auf dem Markt höhere Preise bieten. Durch Kredite, die zu solchen Bedingungen vergeben werden, verdient der Kreditgeber doppelt – an den Kreditzinsen selbst und an dem Gewinn, der durch den Handel mit dem Produkt erzielt wird. Diese Kredite wirken also nicht nur als eine Form der Kontrolle und der Marktmanipulation, sondern auch als ein wirksamer Mechanismus zur sozialen Differenzierung. Sie institutionalisieren die Trennlinie, die diejenigen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, dort hält, wo sie sind.

Verschuldung ist vielleicht das größte Hindernis für die wirtschaftliche Stabilität der Tiblans. Sie sind Flüchtlinge ohne Papiere, eine ethnische und religiöse Minderheit und werden ständig als Außenseiter betrachtet. Im Gegensatz zu anderen Einwohner:innen genießen sie nicht den Schutz eines lokalen Politikers oder einer Gruppe. Da sie im Alltag meist nur mit profitorientierten Händlern zu tun haben, bestehen weiterhin ungleiche Schuldner-Gläubiger-Beziehungen. Dadurch bleiben sie außerhalb des politischen Lebens und der Wirtschaftskreisläufe. Wahids Tochter witzelt, dass ihr Vater »wie die meisten von uns von Banken verängstigt und eingeschüchtert ist«.

Wegen ihrer wiederholten Verzögerungen bei der Rückzahlung von Krediten wurden Wahid und seine Familienangehörigen oft beschimpft und beleidigt. Aber sie lassen es über sich ergehen, denn diese Kredite »sind unsere Lebensader«, räumt Jurab ein. Sie haben einen Kredit aufgenommen, um fällige Schulden bei einem anderen Gläubiger zu bezahlen, was sie in weitere Schwierigkeiten bringt. Jurab betont jedoch, dass sein Vater nicht die Absicht hat, zu betrügen, sondern einfach nur über die Runden zu kommen. Ihre Anträge auf Darlehen wurden abgelehnt, dennoch können sie einen Kredit bekommen, wenn Käufer Interesse an ihrem Seetang, ihren Fische oder Hackfrüchten zeigen. »Wir müssen eben«, meint Wahid, »weiterhin schwitzen, arbeiten und das produzieren, woran Käufer interessiert sind, um überhaupt noch Darlehen zu erhalten.«

Die Familie verpfändete auch schon Besitztümer an Nachbarn, wie einen antiken Speer und alte Münzen, die Wahid gesammelt hat. Sie wurden nie ausgelöst. Sein Sohn Jurab hat einige antike Flaschen aufbewahrt, die sein Vater in einer Höhle fand, in der Hoffnung, sie in Zukunft verkaufen zu können. Die Familie wurde schon einige Male ihrer Boote enteignet, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnte. »Gawanalangulit« (Wir werden einfach wieder bauen), sagt Wahid.

Verängstigt, aber am Leben

Wahid Tiblan verließ die Schule nach der sechsten Klasse. Seine Mutter starb früh, sodass er schon als Kind arbeiten musste. Keines seiner 12 Kinder beendete die Schule – aus demselben Grund: Sie mussten arbeiten, damit sie zu essen hatten.

Wahid hörte erst auf, Boote zu bauen, als ihn seine Augen im Stich ließen. Doch schon vorher hatte er mit Hürden zu kämpfen. Er erinnert sich daran, wie er vor bewaffneten CAFGUs (paramilitärischen Regierungseinheiten) davonlief, die ein Verbot der Brandrodung durchsetzten und darauf aus waren, Baumstämme zu beschlagnahmen. So musste er während der Arbeit seine kleinen Töchter bitten, als Aufpasserinnen zu dienen. Eine Tochter berichtete, dass sie viele Male in Gefahr kamen und nur deshalb entkommen konnten, weil sie schnell rennen und wissen, wo sie sich verstecken können. »Wir hatten immer Angst«, sagte Wahid.

Ihre größte Sorge ist derzeit die Enteignung des Landes. Als die Familie ihre Geburtsurkunden erhielt und sich erkundigte, wie sie das Land, das sie seit 1974 gerodet und bewirtschaftet hatte, für sich beanspruchen kann, wurde ihr vom Steueramt mitgeteilt, dass jemand, den die Familie nie getroffen hat, seit einigen Jahren die Grundsteuer bezahlt. Zwar kann die Grundsteuer nicht als Eigentumsbeweis dienen, aber den Anspruch bekräftigen. Die Tiblans haben sich an verschiedene Gruppen um Hilfe gewandt, sind aber zu der Erkenntnis gelangt, dass sie bald vertrieben werden könnten.

Der Druck zur Vertreibung lang ansässiger, aber undokumentierter Haushalte wie der Tiblans scheint von der Expansion des Tourismus auszugehen. In den letzten zehn Jahren haben die Verantwortlichen der Provinz und große Unternehmen versucht, die weißen Sandinseln südlich von Rio Tuba als »neues Boracay« und »neue Malediven« – also erstklassige Touristenzentren – zu entwickeln. Auf der Insel Bugsuk hat der größte Mischkonzern des Landes, San Miguel, gerade den Bau eines neuen »Airbus-fähigen« Flughafens abgeschlossen. Dort befindet sich auch die Perlenfarm, die im Besitz der mächtigen Familie Cojuangco steht. Ein weiterer Flughafen wurde auf der Insel Balabac in Betrieb genommen; dieses Mal auf Initiative der philippinischen Luftwaffe. Ein Ehepaar, Gemüsehändler in Rio Tuba, das aus Balabac stammt, gibt zu Protokoll, dass die Leute auf dem Markt von hochrangigen Politikern sprechen, die hinter der Eröffnung von Ferienanlagen stehen. Vor einigen Monaten kam es in Marihangin in der Nähe von Matangguli zu gewalttätigen Ausschreitungen, als bewaffnete Männer auftraten und Schüsse abgaben, um die Einwohner einzuschüchtern. Diese Männer richteten daraufhin einen 24-Stunden-Posten ein und begannen mit regelmäßigen Patrouillen, wobei sie behaupteten, sie seien ein Sicherheitsteam von San Miguel. Der Konzern bestritt vehement jede Verbindung.

Wahid behauptet, dass Gott in all diesen Dingen einen Plan hat und dass die Familie Gottes Willen respektieren solle. Sein Sohn Jurab, der jetzt auch eine Ausbildung zum Imam und Verwalter der Masjid absolviert, meint hingegen, dass solche Enteignungen und Einschüchterungen geschehen, weil es Menschen gibt, die mächtig, gierig und egoistisch sind. Leider, so fügt er hinzu, begünstigen die Regierung und die Gesetze diejenigen, die Papiere haben.

Die Familie ist verängstigt, aber sie überlebt. Die Tiblans bestätigen, dass sie Pläne haben, halten diese jedoch geheim. Sie wurden bereits zweimal durch Konflikte vertrieben. Sehr bald könnten sie durch den »Fortschritt« erneut vertrieben werden.

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Jörg Schwieger

Von Marcos zu Marcos – wie war das möglich?

Interview mit Dr. Carol Pagaduan-Araullo, langjährige Vorsitzende des breiten Linksbündnisses Bagong Alyansang Makabayan (Neue Patriotische Allianz/ Bayan), das 1985 auf dem Höhepunkt der Opposition gegen das Marcos-Regime entstand.

WieerklärenSiesich, dasseinemMarcosSenioreinMarcosJunioralsPräsidentnachfolgenkonnte, obwohlsichdiesvoreinigenJahrenkaumjemandindenkühnstenTräumenvorstellenkonnte?

Ich führe dies auf mehrere Faktoren zurück. Einer ist der systemische Hintergrund eines Marcos-Comebacks – nämlich die ausgeprägte Tendenz der unterschiedlichen Fraktionen und Persönlichkeiten innerhalb der herrschenden Eliten, irgendwann zu einem Modus Vivendi zu kommen, sobald ihre eigennützigen Interessen nicht mehr akut im Widerspruch zueinander stehen. Das heißt, sie haben mehr Gemeinsamkeiten in ihrem strategischen Interesse, den Status quo zu erhalten und ihre Privilegien gegen die unterdrückten und ausgebeuteten Klassen zu verteidigen. Außerdem verfolgen die Eliten zahlreiche ineinandergreifende und sich überlappende wirtschaftliche und politische Interessen und verfügen über entsprechende Möglichkeiten, zu einer für beide Seiten vorteilhaften Übereinkunft zu kommen.

Dies erklärt, warum es den Marcoses überhaupt gestattet wurde, in die Philippinen zurückzukehren, obwohl sie einen Großteil ihrer Beute behalten hatten. Sie kamen ungeschoren davon, konsolidierten erneut ihre Machtpositionen und schafften es recht mühelos, erneut in Regierungsämter gewählt zu werden – zunächst auf lokaler, dann auf regionaler sowie nationaler Ebene. Die anderen Fraktionen waren derweil zu sehr mit der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen beschäftigt oder schauten einfach weg.

So nutzten die Marcoses ihren geraubten Reichtum auch, um eine langfristige Kampagne der Desinformation, Geschichtsfälschung und allgemeinen Beschönigung ihres schrecklichen Erbes durchzuführen. Die Nutzung sozialer Medien zu diesem Zweck verlief systematisch, dabei wurden auch Expert:innen ausländischer Firmen angeheuert und hoch entlohnt, die für solche spezialisierten Operationen berüchtigt sind.

Die Nach-Marcos-Regime waren nicht im Geringsten an einer systematischen politischen Bildung und Aufklärung in Bezug auf die Übel des Marcos-Regimes interessiert. Sie gaben sich damit zufrieden, dass die Marcos-Dynastie einen schweren Rückschlag erlitten hatte und einige ihrer Mitglieder für kurze Zeit sozial geächtet wurden. Die Marcos-feindlichen Fraktionen der Elite, wie die Aquinos und die Liberale Partei, versuchten nicht einmal ansatzweise, die politischen Institutionen und die politische Kultur umzukrempeln, um jedwedem Autoritarismus den Nährboden zu entziehen. Warum? Weil sie selbst zur Elite gehören und es keineswegs in ihrem Interesse lag, die Wurzeln der sozialen Krise, die zur vierzehnjährigen Tyrannei von Marcos Sr. geführt hatten, offenzulegen. Für die Mehrheit der Filipinos hat sich trotz des Sturzes von Marcos Sr. nichts grundlegend geändert. Die Verelendung der Armen hat sich verschärft; die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich vergrößert; Korruption, Machtmissbrauch und schlechte Regierungsführung feiern Urständ wie eh und je.

Schließlich trägt die fortschrittliche Bewegung oder die Linke im Allgemeinen eine gewisse Mitschuld daran, dass es nicht gelungen ist, eine energische und umfassende Propaganda- und Kulturbewegung voranzutreiben und jene Elemente der Volksbewegung zu wahren, die zum Sturz der US-Marcos-Diktatur beitrugen.

Es liegen harte Zeiten vor uns: Die Anweisung Dutertes, den »totalen Krieg« gegen alle/s Linke/n wieder aufzunehmen, sowie die Unterzeichnung des Anti-Terrorismus-Gesetzes im Jahre 2020 und das darauffolgende Anti-Terrorismus-Finanzierungsgesetz boten dem Staatsapparat zusätzliche Knüppel, um wahllos auf gegen ihm missliebige Personen als vermeintliche »Terroristen« einzudreschen. Allesamt Maßnahmen, die Marcos Junior nahtlos übernommen hat.

Aus einem Interview mit Dr. Pagaduan-Araullo im Februar 2025 von Rainer Werning, der auch die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch besorgte.

Windungen und Wendungen: Solidarität mit den Philippinen aus Sicht einer europäischen NRO

Von Julie Smit

DieBeziehungender1969gegründetenluxemburgischenNichtregierungsorganisation(NRO)ActionSolidaritéTiersMonde(AktionfürSolidaritätmitderdrittenWelt –ASTM)zurphilippinischenZivilgesellschaftreichenzurückinsJahr1989.

Erste Kontakte mit der philippinischen Zivilgesellschaft

Der erste Kontakt von Action Solidarité Tiers Monde wurde mit einer NRO geknüpft, die medizinische Hilfe für Menschen leistete, welche nicht nur regelmäßigen Naturkatastrophen, sondern auch den Folgen des bewaffneten Konflikts zwischen den philippinischen Streitkräften und der Guerillaorganisation der Kommunistischen Partei der Philippinen ausgesetzt waren. Dieser Konflikt hat seine Wurzeln in den herrschenden sozioökonomischen Strukturen im Land, in denen die politische und wirtschaftliche Macht in den Händen einiger weniger Familien liegt, die ihre Stellung notfalls mit Gewalt verteidigen und sich einer gerechteren Verteilung von Wohlstand widersetzen.

Dieser erste Kontakt führte im Laufe der folgenden Jahrzehnte zu mehreren langjährigen Partnerschaften mit philippinischen Organisationen, die sich vereint und mit viel Mut, Engagement und Kompetenz für die Bekämpfung von Armut, Ausbeutung und Ungerechtigkeit in ihrem Land einsetzen. Es handelt sich um Organisationen, die für eine gerechte Landverteilung, für adäquate Gesundheitsdienste und für eine Landwirtschaft kämpfen, die Natur, Mensch und Klima schützt, sowie für den Schutz der Menschenrechte eintreten.

Die Beziehungen zu den Partnern beruhen auf gegenseitigem Vertrauen, Verständnis für die oft äußerst schwierigen Situationen, in denen sie arbeiten, und langfristigen Finanzierungsverpflichtungen, wohl wissend, dass die Ziele, die sie anstreben, nicht kurzfristig erreicht werden können, sondern auf lange Sicht angelegt sind. Die Partnerschaft mit der Bauernbewegung KMP beispielsweise reicht bis ins Jahr 1999 zurück. Diese langfristigen Beziehungen ermöglichen es den Partnerorganisationen, ihre Aktivitäten über einen längeren Zeitraum zu planen und abzustimmen.

Solidarität ist mehr als Projektförderung

Solidarität bedeutet jedoch mehr als die Gewährleistung regelmäßiger finanzieller Unterstützung. Im Laufe der Jahre haben sich auch andere Formen der Solidarität entwickelt, die über die Projektfinanzierung hinausgehen. Durch ihr Engagement und ihren Einsatz für den Schutz der Menschenrechte in einem Kontext schwerer Repression werden die Partnerorganisationen der ASTM und ihre Mitarbeiter nicht selten selbst Opfer von schweren Menschenrechtsverletzungen. Hierzu können ihre Partner im globalen Norden eine unterstützende Rolle spielen, indem sie die politischen Entscheidungsträger in ihrem eigenen Land oder auf EU-Ebene auf diese Missstände aufmerksam machen und sie auffordern, Verstöße bei ihren Amtskollegen in den Philippinen oder in den internationalen Institutionen zur Sprache zu bringen.

Dies geschah beispielsweise im November 2018, als der Menschenrechtsanwalt und Direktor der ASTM-Partnerorganisation PDG (»Paghida-et sa Kauswagan« Development Group, Inc.) in der Provinz Negros Occidental, Ben Ramos, auf offener Straße ermordet wurde. Die ASTM nahm in den luxemburgischen Medien dazu Stellung und beteiligte sich mit belgischen NROs an einer spontanen Mobilisierung vor der philippinischen Botschaft in Brüssel, um die Trauer, Wut und Solidarität der europäischen Partner von PDG auszudrücken. Die luxemburgischen Ministerien für auswärtige und europäische Angelegenheiten sowie Entwicklungszusammenarbeit wurden ebenfalls informiert. In einer öffentlichen Erklärung verurteilten sie den Vorfall aufs Schärfste und forderten die philippinischen Behörden auf, eine gründliche und unabhängige Untersuchung der Ermordung von Ramos sowie von neun Kleinbauern durchzuführen, deren Familien er vor seinem Tod Rechtshilfe geleistet hatte.

Im November 2023, fünf Jahre nach seiner Ermordung, trafen sich Vertreter der ASTM mit Mitgliedern der belgischen Zivilgesellschaft wieder vor der philippinischen Botschaft in Brüssel, um gemeinsam ihre Solidarität mit der Familie von Ben Ramos, seinen Freund:innen und allen Menschenrechtsverteidiger:innen in den Philippinen auszudrücken, die Opfer der anhaltenden Repression sind. Gleichzeitig war dies ein deutliches Signal an die Regierung von Präsident Ferdinand Marcos Jr., dass die europäische Zivilgesellschaft an der Seite aller Aktivist:innen in den Philippinen steht, die sich gegen Machtmissbrauch und für die Rechte anderer engagieren.

Internationales Volkstribunal

Die verstärkte Zusammenarbeit in den letzten Jahren mit europäischen und philippinischen Organisationen der Zivilgesellschaft zu den Menschenrechten in den Philippinen ist eine motivierende und bereichernde Erfahrung, die auch den politischen Einfluss in diesem Bereich vergrößert. So bat ASTM, auf Anfrage der philippinischen Menschenrechtsorganisation Karapatan, im Jahr 2020 das luxemburgische Außenministerium, den ebenso fundierten wie kritischen Bericht und die Empfehlungen der UN-Hohen Kommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, an den UN-Menschenrechtsrat zur Menschenrechtslage in den Philippinen zu unterstützen. Luxemburg sprach sich während der 44. Tagung des UN-Menschenrechtsrates dafür aus.

Dem dringenden Appell der Hohen Kommissarin sowie anderer UN-Experten für eine unabhängige und unparteiische Untersuchung der schweren Menschenrechtsverletzungen kam der Menschenrechtsrat zur Enttäuschung vieler Vertreter der Zivilgesellschaft jedoch nicht nach. Als Reaktion beschloss die International Coalition for Human Rights in the Philippines (ICHRP) zusammen mit anderen Partnern aus mehreren Ländern, selbst eine unabhängige Untersuchung zur Menschenrechtslage in den Philippinen zu organisieren, die auch von der ASTM unterstützt wurde.

Auch die Beteiligung an internationalen Veranstaltungen fördert den Austausch und die Vernetzung mit europäischen und philippinischen Freunden und erlaubt es, gemeinsame Strategien im Bereich der internationalen Solidarität zu entwickeln. Eine besondere Gelegenheit dazu bot das Internationale Volkstribunal (IPT), das im Mai 2024 in Brüssel stattfand. Dort wurden Präsident Ferdinand Marcos Jr., Ex-Präsident Rodrigo Duterte, die Regierung der Republik der Philippinen (GRP) sowie die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika für schuldig befunden, Kriegsverbrechen gegen das philippinische Volk verübt sowie gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen zu haben.

Versuche, die internationale Solidarität auszuhebeln, nehmen zu

Während das IPT im Mai 2024 stattfand, wurde die PDG, eine Partnerorganisation der ASTM, erneut bedroht. Einige ihrer Mitarbeiter beschuldigte man fälschlicherweise der Terrorismusfinanzierung und beschlagnahmt ihre Bankkonten – mit denkbar schwerwiegenden Folgen für ihre Arbeit. Zur Verwendung bei den anstehenden Gerichtsverhandlungen verfasste die ASTM in enger Absprache mit PDG einen Unterstützungsbrief, der von ihrem vollen Vertrauen in die Integrität des philippinischen Partners zeugte. Außerdem veröffentlichte sie eine Solidaritätserklärung, die zur Unterschrift an andere zivilgesellschaftliche Organisationen in den Benelux-Ländern gelangte.

In der aktuellen Situation unter Präsident Ferdinand Marcos Jr. wird der Handlungsspielraum für die Zivilgesellschaft weiter eingeschränkt. So sind auch andere Partner und ihre Mitglieder fortgesetzt »red-tagging«-Attacken ausgesetzt (werden also als Kommunisten gebrandmarkt), obgleich der Oberste Gerichtshof der Philippinen diese Praxis im Mai 2024 eindeutig als »Bedrohung des Rechts einer Person auf Leben, Freiheit und Sicherheit« wertete. Vor dem Hintergrund staatlicher Repression und der Instrumentalisierung von Gesetzen, um Menschenrechtsverteidiger zum Schweigen zu bringen, hat ASTM beschlossen, im nächsten Fünfjahresprogramm eigens ein Budget bereitzustellen, aus dem die Prozesskosten kriminalisierter Partner finanziert werden.

Die Regierung in Manila nahm nicht nur zivilgesellschaftliche Organisationen im Land ins Visier, sondern auch ausländische NROs, die jene finanziell unterstützen. Es wird zudem immer wieder versucht, gegenseitige Partnerbesuche zu erschweren oder gar zu verhindern. So wurde 2020 einer Mitarbeiterin von ASTM die Einreise in die Philippinen mit der Begründung verweigert, sie stehe auf einer »schwarzen Liste«. Auch Vertreter von philippinischen NROs, die ihre europäischen Partner besuchen wollen, haben ihre Visa für Reisen nach Europa erst im letzten Moment oder gar nicht erhalten.

In einem groß angelegten Versuch, fortschrittlichen Organisationen in den Philippinen die Finanzierung zu entziehen, behauptete die Regierung Duterte 2019, dass einige belgische NROs mit Mitteln der EU oder des belgischen Ministeriums für Entwicklungszusammenarbeit »Tarnorganisationen der kommunistischen Rebellen« finanzierten und so europäische Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit missbrauchten. Die Anschuldigungen erwiesen sich als völlig unbegründet, zwangen die betroffenen NROs jedoch dazu, Zeit und Geld zu investieren, um sie zu widerlegen.

Trotz aller Bemühungen, die Zivilgesellschaft in den Philippinen zum Schweigen zu bringen und die Zusammenarbeit mit ihren Partnern zu behindern, bleiben die Solidaritätsbeziehungen aufrecht.

Zusammenarbeit bei globalen Problemen

In den Beziehungen zu Südpartnern bestehen neben der finanziellen und politischen Unterstützung auch Aktionsfelder, bei denen beide zunehmend enger zu Themen arbeiten, die gleichermaßen den Norden wie den Süden betreffen – wie etwa zur Klimagerechtigkeit, der Bedrohung der biologischen Vielfalt durch den Einsatz von Pestiziden und gentechnisch veränderten Organismen oder zur Macht multinationaler Unternehmen.

Insbesondere bei der Arbeit zur Klimakrise hat sich im Laufe der letzten Jahre eine ebenso enge wie positive Zusammenarbeit mit der philippinischen Zivilgesellschaft entwickelt. So wurde 2023 eine offizielle Nebenveranstaltung auf der COP28 in Dubai in Erinnerung an den Supertaifun Yolanda beziehungsweise Haiyan zum Thema »Haiyan Ten Years Later: Lessons for a Peoples’ Loss and Damage Fund« gemeinsam mit dem Forschungsinstitut IBON International organisiert.

Mitglieder von Partnerorganisationen oder aus ihrem Umfeld liefern regelmäßig Beiträge für unsere Zeitschrift brennpunkt drëtt Welt, die sie mit Perspektiven und Stellungnahmen zu aktuellen Themen aus einer Südperspektive bereichern. Alfie Pulumbarit, Koordinator des Netzwerkes von Bauern und kritischen Wissenschaftlern, MASIPAG, berichtete zum Beispiel über den Widerstand der lokalen indigenen Gemeinschaft in Didipio in der Provinz Nueva Vizcaya gegen die philippinische Tochtergesellschaft des kanadisch-australischen Bergbauunternehmens OceanaGold, deren Aktivitäten ihre Umwelt und Lebensgrundlagen bedrohen.

Solidarität ist also für ASTM ein facettenreiches Konzept, das sich, vor allem im Dialog mit den Partnern, ständig weiter entfaltet. So wurde vor einigen Jahren ein tiefgreifender Reflexionsprozess zum Konzept der Partnerschaft eingeleitet, in dem grundlegende Begriffe wie etwa die Machtdynamik zwischen »Geber und Empfänger von Hilfsmitteln« oder die Rollen von »Kontrolleur und Kontrolliertem« analysiert wurden. Dieser Prozess geschah im Kontext des Bestrebens der Organisation, jede Form von Kolonialismus oder Paternalismus in den Beziehungen zu den Südpartnern zu vermeiden.

Weiterführende Links:

Action Solidarité Tiers Monde * https://astm.lu/Brennpunkt Drëtt Welt * https://www.brennpunkt.lu/de/ueber-uns/CITIM – Centre d’Information Tiers Monde, un service ASTM * https://www.citim.lu/

B. Geschichte

Vorgeschichte (1892−1965)

1892 entsteht unter Andres Bonifacio in Manila der Geheimbund Katipunan. Dieser tritt für Unabhängigkeit von Spanien und soziale Reformen ein und kommuniziert in den lokalen Sprachen statt in Spanisch.

1896 Dr. José Rizal, Arzt, Dichter, Schriftsteller, Autor der beiden Werke Nolimetangere und Elfilibusterismo und einer der herausragenden Ilustrados, wird am 30. Dezember wegen Anstiftung zur Rebellion und Verrats von den Spaniern hingerichtet.

1898 steht das gesamte Land bis auf die Hauptstadt Manila unter der Kon­trolle des Katipunan. Am 12. Juni ruft Emilio Aguinaldo die erste philippinische Republik aus. Gleichzeitig beginnt der Spanisch-Amerikanische Krieg um Kuba und führt dazu, dass die US-Pazifikflotte die veraltete spanische Armada in der Bucht von Manila zerstört. Ende des Jahres verkaufen die Spanier die Inselgruppe für 20 Millionen Dollar an die USA.

1899 Am 23. Januar verkündet der Malolos-Kongress eine parlamentarische Verfassung und ernennt Emilio Aguinaldo zum Präsidenten der Ersten Republik. Im dreijährigen Amerikanisch-Philippinischen Krieg gegen die junge und kurzlebige Republik wird die damals etwa sechs Millionen Einwohner:innen zählende Bevölkerung dezimiert. Auf Mindanao und Jolo dauern Kämpfe gegen die US-Truppen sogar bis 1916 an, bis auch deren Einwohner:innen vollständig »befriedet« sind. Die USA rechtfertigen die Unterwerfung der Philippinen mit »wohlwollender Assimilierung«.

1934 Am 24. März unterzeichnet US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Tydings-McDuffie Act, wodurch die Philippinen den Status eines Commonwealth erhalten. Gekoppelt mit einer größeren Selbstverwaltung durch Filipinas und Filipinos gilt das Versprechen, sie binnen eines Jahrzehnts in die Unabhängigkeit zu entlassen.

1935 An der Spitze des Commonwealth stehen zwei Führungspersönlichkeiten der dünnen philippinischen Elite: Erster Präsident des 1935 gebildeten CommonwealthofthePhilippines wird Manuel L. Quezon, als sein Stellvertreter fungiert Sergio Osmeña. Sie sollen die Geschicke einer mit weitgehend innerer Autonomie ausgestatteten zehnjährigen Übergangsregierung leiten. Washington erwägt, das Land 1945 in die Unabhängigkeit zu entlassen.

1930er-Jahre (Pacht-)Bauern in Zentralluzon rebellieren gegen ihre Ausbeutung. 1938 schließen sich die Kommunistische Partei (PKP) unter Führung von Crisanto Evangelista und die Sozialistische Partei unter Pedro Abad Santos zusammen. Sie verbindet die soziale Forderung nach einer Landreform mit dem Appell, die Landesverteidigung zu stärken, um gegen einen drohenden japanischen Angriff gewappnet zu sein. Japan rüstet sich, um Südostasien, den Pazifik sowie den indischen Subkontinent gewaltsam in seine »Größere Ostasiatische Gemeinsame Wohlstandssphäre« einzugliedern.

Jahreswende 1941/1942 Der US-Generalstab in den Philippinen und die Führung der UnitedStatesArmedForcesintheFarEast (USAFFE) unter dem Oberkommando von Generalleutnant Douglas MacArthur ist davon überzeugt, gegen einen japanischen Angriff ausreichend gewappnet zu sein.

Truppen des Tenno (des japanischen Kaisers) besetzen ab Ende Dezember 1941 das Land und marschieren am 2. Januar 1942 siegreich in Manila ein. Am 29. März formiert sich die maßgeblich von der PKP geleitete Widerstandsbewegung in Gestalt der Hukbalahap (HukbongBayanLabansaHapon = Antijapanische Volksarmee), die den japanischen Truppen auf Luzon am erbittertsten Widerstand leistet, während sich der US-Generalstab unter MacArthur nach Australien absetzt.

1942 Anstelle der früher existierenden politischen Parteien schaffen die japanischen Militärbehörden Anfang Dezember die Einheitsbewegung KapisanansaPaglilingkodsaBagongPilipinas (kurz: Kalibapi), die »Gesellschaft im Dienst für die Neuen Philippinen«.

1943 Im Juni verkündet die Kalibapi die Gründung der Vorbereitungskommission für die philippinische Unabhängigkeit mit Dr. José P. Laurel als Präsidenten. Diese Kommission erarbeitet eine neue Verfassung, die von einer Nationalversammlung ratifiziert wird. José P. Laurel wird zum Präsidenten der neuen Republik der Philippinen und Benigno S. Aquino zu ihrem Sprecher gewählt. Offiziell bleibt Laurel Präsident von Japans Gnaden vom 14. Oktober 1943 bis zum 15. August 1945.

1944