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Der Titel des vorliegenden Büchleins soll zeigen, dass viele der kleinen Geschichten auf der Grundlage von Beobachtungen entstanden sind. Erst durch einen Perspektivwechsel bekommt man einen gewissen Abstand, der hilft, Botschaften gezielt in Kurzgeschichten unterzubringen. Eine Kernbotschaft der meisten Geschichten lautet: Liebe Dich selbst und Deinen Nächsten. Deine Liebe hilft, sämtliche Unzulänglichkeiten im Alltag zu meistern.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dieses Werk, einschließlich alle seiner Texte, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Verlage, Herausgeber und des Autors unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Personen und Handlungen in diesen Geschichten sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Danke
Herzlichen Dank sage ich den vielen lieben Menschen, die mich immer wieder ermuntern, mich literarisch zu betätigen. Menschen, die mir durch ihr Verhalten oder Erzählungen neue Ideen für kleine Geschichten geben. Mein besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang meinen lieben Mitautorinnen und Mitautoren aus dem Verein BördeAutoren e.V.
Nicht zuletzt bedanke ich mich auch bei Karin Pfolz, die über ihren Karina Verlag, Wien, in den letzten Monaten einige meiner literarischen Ergüsse in wunderbaren Büchern veröffentlicht hat.
Wir schenken der Welt ein Licht
Baby hört Musik
Begegnung am Muttertag
Cloud
Wiedersehen im Raps
Klassischer Pathologe
Töwerland – Wunderland
Streicheleinheiten
Der Clown
Das Wunder von St. Vinzenz
Jägerlatein
Gnaden bringende Weihnachtszeit
Om Purman
„In deinem Herzen leuchtet ein kleines Licht.“
Die angenehme Baritonstimme unseres Meisters übertönt die leise Hintergrundmusik. Wie die anderen Kursteilnehmer sitze ich im Lotossitz auf meinem Yoga-Kissen. Wir bilden mit unseren Kissen einen Kreis, und wollen heute mit Hilfe von Licht-Yoga der Welt da draußen unsere positive Energie zukommen lassen. Vor einigen Tagen durfte ich das erste Mal die Macht des Licht-Yogas am eigenen Leib erleben. Was für ein erhabenes Gefühl, als sich über Jahre angestaute psychische Blockaden lösten. Und davon hatte ich in den letzten Jahren reichlich. Stress am Arbeitsplatz, der in Mobbing ausartete. Physische Erschöpfung bis zum Burn Out. Zuletzt auch noch Bruch meiner Beziehung mit anschließender Depression. Zum Schluss der Yoga-Übung brachen in meinem Inneren alle Dämme, die Tränen strömten und wollten gar nicht mehr versiegen. Sie spülten alles Negative fort. Dabei spürte ich ein nie gekanntes Glücksgefühl. Und nun also diese Gruppenübung. Ob sie wieder so ein grandioses Erlebnis sein wird? Ich bin ganz gespannt, habe die Augen geschlossen und atme ganz ruhig.
„Dein ganzes Herz füllt sich mit Licht. Das Licht wandert in die Lungen, und bald leuchtet dein ganzer Brustraum von innen.“
Ich blicke in mein Inneres, erkenne ein helles, gleißendes Licht, welches immer größer wird und von meinem Körper Besitz ergreift. Das Leuchten wandert vom Brustraum weiter in den Bauch und das Becken. Bald erstrahlt mein ganzer Torso im Licht. Ich spüre seine wohlige Wärme, wie sie nach der Anleitung unseres Meisters vom Bauch aus die Beine entlang, bis zu den Füßen und Zehen strömt. Ich atme weiter ganz entspannt, genieße diese angenehme Wärme.
„Das Licht wandert nun aus der Brust auch nach oben, in den Hals, in den Kopf, ebenso in die Arme und Hände.“
Wie warmes Wasser flutet das helle Leuchten über meine Arme und Schultern in den Kopf. Jetzt erstrahlt mein ganzer Körper, wie ein funkelnder Stern.
„Nun nehmt Kontakt auf zu dem zentralen Himmelsgestirn, der Sonne.“
Der Bariton des Meisters lenkt mein inneres Auge nach oben. Und wirklich verbindet sich mein strahlender Körper mit der von oben herableuchtenden Sonne. Ein breites, glänzendes Lichtband fällt auf unsere gesamte Gruppe hernieder. Nach und nach wird jeder einzelne von uns mit dem Licht überzogen, bis der gesamte Teilnehmerkreis wie in einer Lichtkugel eingehüllt ist.
„Das Licht wandert von euch hinaus in die Welt. Es erleuchtet den Nachbarn, die ganze Stadt, das ganze Land.“
Der vormals kleine Lichtpunkt in meinem Herzen dehnt sich immer mehr aus und lässt alles um uns herum im Licht erstrahlen. Was für ein erhabenes Gefühl. Ich bin Licht, und spende meinen Glanz der dunklen Welt dort draußen. Über Grenzen hinweg, über Berge und Täler, über Meere und Kontinente erstreckt sich mein Licht und hüllt zuletzt die ganze Erdkugel ein.
„Jetzt nehmt euch bei den Händen.“
Mit geschlossenen Augen taste ich nach links und rechts, spüre Finger, weiche Hände. Ich umschließe sie vorsichtig, wie einen kostbaren Schatz.
„Das Licht weitet sich weiter aus, in den Weltraum, in die Milchstraße und ferne Galaxien. Bald ist das sonst schwarze All hell erleuchtet.“
Ich halte die Luft an. So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.
„So, und nun fangt dieses Licht ein, lasst eure Energie kreisen und gebt es an euren rechten Nachbarn weiter.“
Was ist das? Von links kommend verspüre ich einen warmen Strom, der meinen linken Arm überzieht, meinen Körper durchflutet, um über meinen rechten Arm weitergeleitet zu werden. Immer stärker wird dieser Strom. Ich merke, wie er innere Verkrustungen aufbricht und jahrelang Verborgenes freilegt. Ich vermag kaum noch zu atmen. Weiter und weiter, stärker und stärker, wird dieser Strom. Und plötzlich sehe ich ihn. Aus unserer Mitte entspringt ein starker, majestätischer Strahl hellsten Lichtes, hebt sich empor ins All, um von dort die Erdkugel in gleißendes Licht zu tauchen. Und wieder brechen alle Dämme. Sturzbäche von Tränen überfluten mein Gesicht. In meinem Inneren spüre ich vollkommene Ruhe, Liebe und Frieden. Ich bin glücklich wie noch nie.
„Ja, hallo, hier bei Kramer.“ „Hallo, Claudia, ich wollte nur mal hören, wie es dir so geht, eine paar Tage vor der Entbindung.“ „Hi, Mama, lieb, dass du anrufst. Ist ganz schön anstrengend. Ich fühle mich mittlerweile wie zwei Öltanks.“ Claudia lachte gequält in das Mobilteil des Telefons. „Und unser Kleines will mich irgendwie immerzu nur piesacken. Den ganzen Tag nur strampeln. Manchmal habe ich das Gefühl, gleich kommt es durch die Bauchdecke. Aua! Da, schon wieder.“ Sie schaute auf ihren weit vorgewölbten Bauch, wo sich just in diesem Moment ein kleiner Hügel abzeichnete. „Sag mal, war ich seinerzeit auch so lebhaft?“
Es war eine Weile still in der Leitung. „Mama, bist du noch dran?“ „Ja, ja, mein Kind. Ich musste eben nur überlegen. Eigentlich hatte ich dich immer als ruhiges Kind in Erinnerung. Aber das ist nicht ganz richtig. So etwa im vierten, fünften Monat warst du auch ganz lebhaft. Ja, ich kann mich genau erinnern. Ich habe damals auch darüber geklagt, dass du mir immer von innen gegen den Bauch getreten hast.“ Claudias Mutter schien am anderen Ende der Leitung zu lachen. Jedenfalls ließen die glucksenden Töne aus dem Hörer darauf schließen. „Ich hatte damals von meiner Schwiegermutter den Rat bekommen, ich sollte immer dann, wenn du mal wieder ganz wild gestrampelt hattest, mit kreisenden Bewegungen den Bauch massieren. Aber das hat nicht geholfen. Im Gegenteil, fast schien es, als würdest du dadurch angestachelt, noch kräftiger zu trampeln. Ich war in der Zeit auch ziemlich mit den Nerven fertig. Dann gab mir meine alte, weise Hebamme den Tipp, ich sollte eine Schallplatte mit einer schönen Musik auflegen, die mir persönlich gefiel.“ Claudia fiel ihrer Mama ins Wort: „Ma, jetzt erzähle mir aber kein Quatsch. Du willst mir doch wohl nicht weismachen, das hätte geholfen.“ „Ha, ha, ha! Beim ersten Mal bin ich auch richtig reingefallen. Da hatte ich von meinen Tanzplatten was aufgelegt, und das erste Stück war eine Samba. Also, ich hatte den Eindruck, du hast sogar im Takt mit gestrampelt.“ Wieder ertönte ein dunkles Lachen aus dem Hörer. „Aber als ich dann eine meiner Lieblingsfilmmelodien aufgelegte, hat es tatsächlich funktioniert. Ja, ich glaube, John Barry hat dich wirklich beruhigt.“ „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.“ Claudias Stimme klang verärgert. „Ich glaube nicht, dass durch die dicke Fettschicht meines Öltanks irgendein Ton hindurchdringt Jedenfalls merke ich überhaupt keinen Unterschied, wenn mal das Radio läuft oder nicht.“ „Also, bei mir hat das geholfen. Du bist doch fit mit deinem Smartphone. Geh doch mal auf YouTube und suche nach Moviola.“ „Hab ich noch nie gehört, was ist das denn?“ „Na, such einfach, und probiere es aus.“ Tut, tut, tut. Claudias Mutter hatte einfach aufgelegt.
Na, ich kann es ja mal ausprobieren. Schaden kann es ja nicht. Schon betätigte Claudia an ihrem Handy die entsprechende App und gab den Suchbegriff ein. Es dauerte etwas länger als sie gewohnt war. Aber schließlich fand sie doch das richtige Stück, eine Instrumentalversion von dem großen englischen Filmmusiker. Sie lud sich den Song runter, und stellte die moderne Midi-Anlage an, die Musik per Bluetooth wiedergeben konnte. Leise erklang eine wunderschöne Melodie. Claudia stutzte. Irgendwie kam ihr die Melodie bekannt vor. Sie schaute noch einmal auf ihr Handy. Nein, mit dem Titel und der Kurzbeschreibung konnte sie nichts anfangen. Dennoch, irgendwie ging ihr die Melodie nicht aus dem Kopf. Die hast du doch schon mal irgendwo gehört.
Da sie sich so auf die berührende Musik konzentrierte, war ihr gar nicht aufgefallen, dass es in ihrem Bauch plötzlich ruhig geworden war. Kein Strampeln, keine sich auftürmende Hügellandschaft mehr. Sie legte beide Hände auf die weit ausladende Kugel. Plötzlich verspürte sie ein heftiges Ziehen im unteren Rücken, und schnappte heftig nach Luft. Es scheint los zu gehen, dachte sie. „Stefan, Stefan, ich glaube, unser Kind will raus“, rief sie in Richtung Arbeitszimmer. „Komm, du musst mich in die Klinik bringen.“
Einige Wochen später. Claudia hatte eine süße Tochter entbunden. Es war ein wahres Goldstück. Und in der hiesigen Welt genauso lebhaft wie einst in der Geborgenheit des Mutterleibes. Als junge Mutter hatte sie mit ihrer Erstgeborenen alle Hände voll zu tun, stillen, wickeln, baden, und so weiter. An das Telefonat mit ihrer Mutter hatte sie nicht mehr gedacht. Nun war sie gerade dabei, ihre Tochter Clarissa auf dem Wickeltisch mit einer frischen Windel zu versorgen. Wie so häufig lief nebenan das Radio. Da hörte sie zufällig, wie der Moderator einen besonderen Hörerwunsch bekanntgab, eine alte, wenig bekannte Filmmelodie von einem englischen Komponisten. Und schon strömten die leisen Töne von Moviola durch den Raum. Claudia stutzte und drehte leicht den Kopf. Ihr fiel plötzlich das Telefonat mit ihrer Mutter wieder ein und sie musste schmunzeln. Wie war das nun, hatte die Musik tatsächlich ihr Töchterchen beruhigt, oder wollte das Kind damals einfach nur raus aus dem Bauch?
Claudia drehte sich um und bekam große Augen. Statt wie sonst auf dem Wickeltisch zu strampeln, lag Clarissa ruhig auf dem Handtuch, hatte beide Ärmchen ausgetreckt und ihr Gesicht der Tür zum Nebenraum zugewandt, woher immer noch die sanfte Melodie herüberklang. Das Baby lächelte verzückt, die kleinen blauen Augen strahlten besonders hell.
Es ist noch recht frisch an diesem frühen Morgen im Mai. Glänzender Tau liegt auf dem frischen Grün der Heidelbeersträucher, die sich rechts und links des Weges in den lichten Buchenwald erstrecken. Hier und da durchbrechen dichte Pulke von blühenden Buschwindröschen mit ihrem strahlenden Weiß den vom Laub des letzten Winters rotbraun zugedeckten Waldboden. Zwischen den weit auskragenden Ästen der mächtigen Buchen hängt noch der Dunst der letzten Nacht. Über dem Wald liegt eine andächtige Ruhe. Still ist es aber nicht. Von überall her erklingt ein Pfeifen, Trillern oder Klopfen, mal leis aus der Ferne, mal laut von nebenan. Die Vögel des Waldes sind schon wach und wollen mit ihren Lock- und Balzlauten eine Partnerin für das Brutgeschäft gewinnen.
Auf dem Waldweg geht eine Frau mit festem Schritt, so als hätte sie ein klares Ziel. Sie hält kurz inne und lauscht eine Weile den Tönen des Frühlings. Da, weit oben über den Baumwipfeln ist gerade das sonore „klong, klong“ eines Kolkraben zu hören. Die Frau hebt ihr Gesicht und sucht am Himmel nach dem einsamen Rufer. Aber noch hat die aufgehende Sonne nicht die Kraft, den Dunst der Nacht zu verdrängen. Wie alt mag die Wanderin sein? Ihr rundes Gesicht ist von nur wenigen Falten durchzogen. Braun glänzende Augen blicken neugierig aus einem freundlichen Gesicht. Sie scheint mit sich und ihrem Leben zufrieden zu sein.
Ist der Turm schon zu sehen? Ute setzt ihren Weg fort, den Daumen der linken Hand hinter dem Riemen einer kleinen Spiegelreflexkamera eingehakt, die über ihrer linken Schulter hängt. Sie will am heutigen Muttertag den Aussichtsturm am Rennsteig oberhalb des Möhnesees besteigen, um den nahenden Frühlingstag mit ihrer Kamera einzufangen. In den letzten Jahren war sie oft in der Früh mit Thomas auf dem Turm gewesen, um entweder Fotos zu schießen oder nur den wundervollen Blick über den See und den Haarstrang zu genießen. Thomas war ihr Sohn, der im letzten Sommer auf seinem geliebten Motorrad ums Leben kam. Nein, er war keiner dieser unvernünftigen Raser, sondern ein besonnener Fahrer, der seine Touren durch die gewundenen Straßen des Sauerlandes liebte. Ein Lastwagen hatte das Zweirad übersehen und die Vorfahrt nicht beachtet. Thomas hatte keine Chance. Ute ist sich sicher, am heutigen Muttertag wäre Thomas mit ihr wieder gemeinsam auf den Turm gestiegen. Sie wischt sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel.
Nein, sie will nicht trauern. Alles hat seinen Sinn, Thomas hat bereits eine Stufe erklommen, die sie irgendwann, wenn ihre Zeit gekommen ist, ebenfalls empor steigen wird. Bis dahin wird sie ihr Leben meistern, so wie sie auch damit klar gekommen ist, als ihr Mann Heinz sie vor Jahren wegen einer Jüngeren verlassen hat. Damals musste sie lernen, allein für sich und Thomas zu sorgen. Sie hat es, wenn auch mit Mühen und mitunter unter einsamen Tränen, gemeistert und ist dadurch gereift. Alles hat seinen Sinn.
Aus dem Dunst erhebt sich vor ihr links am Waldrand der hohe, eckige, mit senkrechten Rundhölzern verkleidete Aussichtsturm. Ach, wäre doch Thomas jetzt bei mir, denkt Ute. Er würde mich an die Hand nehmen und sicher über die durchsichtigen Gitterstufen nach oben zur Aussichtsplattform und auch wieder hinunter geleiten
