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Hindernisse, niedrige und hohe, stellen sich in den Weg. Verlockung, Gefahr, Enttäuschung, Sorge, Trennung und Angst - alles das gilt es immer wieder aufs Neue zu überwinden, will man auf dem rechten Weg bleiben, sich nicht unterwegs verlieren oder verirren.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2016
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TEXTE AUS DER
SCHREIBWERKSTATT DER
VOLKSHOCHSCHULE
BAD HOMBURG
Hindernisse, niedrige und hohe,
stellen sich in den Weg.
Verlockung, Gefahr, Enttäuschung,
Sorge, Trennung und Angst – alles
das gilt es immer wieder aufs
Neue zu überwinden, will man auf
dem rechten Weg bleiben, sich
nicht unterwegs verlieren oder
verirren.
Bormann
Gisela
Wo war der Weg?
Verlorener Weg
Blacky – mein treuer Begleiter
Stafetten-Lauf in Istanbul
Darali
Astrid Ina
„Alles so schön bunt hier?!"
Und läuft …
Verlorener Zwilling
Reicher Fluss
Dillenseger
Renate
Dünenwege auf Spiekeroog
Eisner
Gaby
Im Hamsterrad
Nichts würde mehr sein wie zuvor …
Estate
Carola
Nachtspaziergang
Nach der Theaterprobe
Vom Beckenrand zur Umkleidekabine
Glaab
Corinna
Angekommen in der Ruhe
LA FOLIA
Unvergesslicher Grenzweg
Hübner
Wilhelm
Davongekommen
Von zu Hause weg – wieder zurück
Langhammer
Eve-Marie
Begegnungen am Ufer
Palmsonntag in der Toskana
Im Laufe der Jahreszeiten
Marischen
Werner
Busfahrt nach Bethlehem
Simon von Kyrene
Marziniak
Inge
Zeit der Erinnerung
Hoffnung
Michaels
Richarda
Verflixte Grenze
Flucht aus Breslau
Pagel
Dieter
Von der Schulbank – in die Pharmaforschung
Von Hoechst über Berlin nach Cleveland
Paulus
Ingrid
Die Diagnose
Mein Weg ins Leben
Rudra
Pitschula
Anna Maria
Drei Zuckerstangen
Heimweg zu Fuß
Maurische Fantasien
Wüstenfahrt bei Nacht
Purrnhagen
Sylta
Friedhöfe und Kirchtürme
Schwarzer Peter
Auf der Schiene
AUTOREN
Wege sind einzig und allein dazu da, sie zu begehen, um von einem Standort zu einem anderen zu gelangen.
Sie zeigen die Richtung an, geben Sicherheit, sodass man nicht auf Abwege gerät. Insbesondere fordern sie von jedem Benutzer Bewegung; geschieht das nicht, herrscht Stillstand. Das Erleben beginnt erst unterwegs: Man trifft Weggefährten, begegnet und trennt sich, schaut auf den Wegesrand und bei freier Sicht auch darüber hinaus. Man macht Entdeckungen, genießt die Wegzehrung, beachtet oder übersieht Wegweiser, trifft an Wegkreuzungen Entscheidungen, macht Umwege, gerät auf Irrwege, stößt auf Hindernisse, räumt sie aus dem Weg und macht damit den Weg nicht nur für sich, sondern auch für andere wieder frei. Unterwegs stellt sich Ermüdung oder sogar Erschöpfung ein, sind Ruhepausen angesagt, aber dann muss es weitergehen. Erst das Wegende ist das Ziel – Stillstand, Ruhe, Erholung.
Nicht anders ergeht es dem Menschenleben: Es bewegt sich vom ersten Tag an auf dem ihm eigenen Lebensweg. Dieser führt unentwegt über Höhen und Tiefen, entweder in Ruhe und Stille oder in Hast und Eile. Hindernisse, niedrige und hohe, stellen sich in den Weg. Verlockung, Gefahr, Enttäuschung, Sorge, Trennung und Angst – alles das gilt es immer wieder aufs Neue zu überwinden, will man auf dem rechten Weg bleiben, sich nicht unterwegs verlieren oder verirren. Manchesmal möchte man sogar umkehren oder den Weg ganz verlassen.
Doch man begegnet ja Weggefährten. Zu zweit fällt das Weitergehen wieder leichter. Manche Wegbegleiter verabschieden sich zwar bald wieder, um eigene Wege einzuschlagen, andere bleiben jedoch die ganze übrige Wegstrecke an der Seite. – Und dann kommen ja immer wieder die Lieblingswege! Auf ihnen begegnen Freude, Schönheit und Glück; denn sie verleihen Lebenskraft und Zuversicht, lassen Dankbarkeit für Erlebtes aufkommen. Doch selbst hierbei verspürt man: Jeder Weg, auch der schönste, geht einmal zu Ende.
Viele dieser Wegerfahrungen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses „Schreibwerkstatt. Erinnerungen an das eigene Leben“ der Volkshochschule Bad Homburg erzählend und schreibend – wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise – zu einem Büchlein zusammengefügt und ihm den Titel „Von Wegen“ gegeben. Nun vertrauen sie darauf, dass sich Leserinnen und Leser finden, die sich ihrerseits zu einem unterhaltsamen, nachdenklichen, vielleicht sogar anregenden Lesen auf den Weg machen.
Klaus-Dieter Metz
Kursleiter
Die Markierungszeichen
waren verschwunden,
sie raubten den Weg, den wir suchten.
Die Tiere trampelten
in alle Himmelsrichtungen,
sie löschten den Weg, den wir suchten.
Kein Mensch hielt sich auf
in der Einsamkeit,
wir konnten nicht fragen
nach dem Weg, den wir suchten.
Ein grauer Nebelschleier
bedeckte die Landschaft,
verhüllte den Weg, den wir suchten.
Die Dunkelheit setzte wie immer ein
und nahm uns die Hoffnung,
den Weg zu sehen, den wir suchten.
Die Erschöpfung sprach:
So, ruht aus, tankt Kraft und Stärke,
dann findet ihr den Weg, den ihr suchtet.
Für unser Urlaubsunternehmen „Grande Travasata delle Alpi“, ein Fernwanderweg, der in zweiundfünfzig Etappen von den Zentralalpen an der Schweizer Grenze durch das Gran Paradiso-Gebiet bis zum Mittelmeer in Italien führt, hatten mein Mann Bernd und ich die ersten vierundzwanzig Tage in Angriff genommen, unser Tagebuch berichtet:
Samstag, den 10.08.2001
San Maria Fobello 1.094 Meter
Es ist der vierte Tag, wir erreichen den idyllischen Ort San Maria Fobello. Er befindet sich am Ende eines Tales, welches links und rechts von bizarren Berghängen eingekesselt ist, worauf die Sonne glühendrote Streifen ausbreitet. Der Weg nach hier ist geprägt von sich aneinanderreihenden Zufällen, gepaart mit viel Hilfsbereitschaft, in die wir uns freudig einlassen. Zum einen die Busfahrt in dieses Tal, der Einkauf fürs versäumte Frühstück, zum anderen das Telefonat der Chefin eines Cafés, was zur Folge hat, dass uns der Pensionswirt Andrea mit dem Auto abholt.
Nachdem wir den gestrigen Tag – wir haben ihn auf den Namen „Höchstleistungstag“ getauft, überstanden haben, glauben wir soeben in diesem Augenblick im Paradies angekommen zu sein. Wir beziehen ein Zimmer mit einem blumengeschmückten Balkon und einer heißen Dusche, die wir ausgiebig in Anspruch nehmen. Unser Wirt Andrea spricht deutsch, verwöhnt uns mit schmackhaftem Essen und liest uns jeden Wunsch von den Lippen ab.
Noch am Morgen waren wir weit entfernt von diesen Annehmlichkeiten; denn es beschäftigten uns einige bange Fragen: Wo sind wir überhaupt? Können wir nochmal so einen Tag wie gestern bewältigen? Wie wird dieser Tag? Finden wir unseren verlorenen Weg wieder?
Jetzt im Liegestuhl völlig entspannt und glücklich, bin ich sogar sehr stolz über unsere gestrige Leistung, schaue zum Himmel, wo die vom Wind getriebenen Wolken mich in den „Vortag“ zurücktragen.
Freitag, den 09.08.2001
Start: Alpe Pian 1.743m Ziel: Rimella 1182m
Die Sonne bahnte sich langsam ihren Weg über die Berggipfel und versprach einen warmen Tag. Die Nacht in der Biwak-Schachtel hatten wir hervorragend geschlafen, so dass wir frischen Mutes die Tagestour in Angriff nahmen. Es war sieben Uhr und laut Wegbeschreibung standen uns sechsdreiviertel Stunden reine Geh-Zeit bevor.
Zuerst wanderten wir locker einen kleinen Hang aufwärts, sofort fingen unsere Schweißporen an zu arbeiten. Nach der ersten Kante breitete sich vor uns eine Hochebene aus, die in sattes frisches Grün getaucht war, und die Sonnenstrahlen malten goldene Streifen über das Gebiet. Wir legten sofort eine Zwangspause ein, weil vom vielen Regen des Vortages das nasse Gras unsere Schuhe von innen und außen aufgeweicht hatte. Naja, so schnell ließen wir uns nicht entmutigen, dreißig Minuten Trockenzeit; dann weiter aufwärts zum nächsten Hochplateau, dort lag der wunderschöne Lago di Ravilla mit seinem blaugrünen Wasser, in dem sich die Bergspitzen spiegelten. Nach einem weiteren kleinen Anstieg zum Colle del Usciolo hatten wir die erste 2.000 Meter-Marke geknackt. Auf die Schnelle etwas getrunken; dann stürzten wir uns wieder abwärts.
Im Wechsel mit kleinen und langen Serpentinen schnurrten wir den Hang hinunter, und ich meisterte meine erste anspruchsvolle Knieprobe problemlos.
An einem Bach machten wir nun für dreißig Minuten eine „Blasen-Pause“; denn inzwischen blühten diese schon wieder reichlich an meinen Füßen. Danach wartete auf uns noch ein kleiner Gegenanstieg mit Blick auf Campello Monti, einem winzigen reizvoll gelegenen Ort, der nur im Sommer belebt ist, zu dem wir nun endgültig siebenhundert Meter abstiegen.
Das Dorf ließen wir links liegen und stapften die nächsten sechshundert Meter zum zweiten Colle-Bocchetta di Campello erneut aufwärts. Im ersten Teil stellte sich bei mir starke Übelkeit ein, nichts ging mehr! Atembeschwerden, der Magen rebellierte, der Rucksack schmerzte am Rücken, der Ischias-Nerv meldete sich und die Beine waren bleischwer. Zum Glück, wie von Zauberhand verschwanden alle Probleme nach einer Fünfzehn-Minuten-Pause, in der ich recht viel Wasser trank, so dass wir in altgewohnter Wander-Manier weitertrabten. Auf einer Stelle mit tollem Rundblick – mitten im Berghang – machten wir später unseren Mittagsstopp, genossen die Aussicht und erholten uns vom anspruchsvollen Vormittag, und ich konnte sogar ein wenig schlafen.
Ausgeruht und gestärkt setzten wir den Weg fort und waren sehr glücklich, als wir die Bocchetta di Campello erreichten. Dort wurden wir erneut mit einer tollen Aussicht belohnt.
Jedoch währte unser Glück nicht allzu lange; denn wir unterlagen einem Irrtum. Hier war zwar auch eine Bocchetta (Bergkante), nur nicht die richtige.
Also schön aufpassen, immer rechts halten am Hang entlang, wie in der Wegbeschreibung vorgegeben. Leider gab es aber in dem Kessel ganz besonders viele Markierungen. Erneut stiegen wir zur Bergkante; allerdings auch dort das große ABER! Wie geht es weiter? Keine neuen Erkenntnisse, selbst nach mehrmaligem Lesen der Tourenbeschreibung und dem Studieren der Karte, fanden wir keine aufschlussreichen Hinweise. Bekanntlich führen ja viele Wege nach Rom, manche jedoch nur scheinbar. Dies blieb uns erst einmal als einziger Trost. Wir fühlten uns in dem Almgebiet recht verloren, so dass wir schon an unserer Fähigkeit, geübte Wanderer zu sein, zweifelten.
Auf einer Alpe mit vielen Tieren und auf der Leine hängender Wäsche wollten wir um Rat fragen, aber dort war niemand zu Hause. Pech gehabt! Nur eins schien für uns sicher, nicht links, sondern rechts halten. Also – irgendwann mussten wir doch aus dem verflixten „Irr-Gebiet“ heraus und unseren verlorenen Weg wieder finden; denn das Hin und Her hatte nun schon über eine Stunde gedauert. Deshalb immer schön rechtsseitig und irgendwie weiter. Das Irgendwie war jetzt unser Kompass: Über Tier-Trampel-Pfade am Hang, etwas aufwärts in Richtung einer Almhütte – wir dachten auf diese Weise zu einem höher gelegenen Weg zu gelangen. Trugschluss, die Hütte war geschlossen! Rasch über ein Bachbett – wo wir auf der anderen Seite glaubten einen Weg nach abwärts zu erkennen.
Leider! – Glaube allein macht keine Wege, und plötzlich standen wir mitten im Hang zwischen Erlengestrüpp, Alpenrosen und dicht an dicht gewachsenen Grasbüscheln, welche uns keine Sicht auf unsere Fußtritte gewährten. In diesem Berg absolvierten wir unser Meisterwerk − im Absteigen: Wir stolperten über Luftwurzeln, fielen in Hohlräume von getrocknetem Gestrüpp und rutschten auf nassen Blättern den Hügel hinunter, alles das kostete besonders viel Kraft. Mit der Bemerkung „Was für ein Mist“ ließen Bernd oder ich im Wechsel unsere Wut heraus. Zum Glück geht auch so ein „Horrortrip“ einmal zu Ende. Aber sofort standen wir vor der nächsten fraglichen Entscheidung: Ganz klar, der schöne Weg am anderen Flussufer war garantiert nicht der richtige, vergeblich suchten wir nach Markierungen, also dann rechtsseitig vom Fluss weiter! Wie konnte es anders sein, war auch das eine falsche Entscheidung; denn wieder endete der Weg mitten im Hang – Ende!
Inzwischen war es schon neunzehn Uhr und langsam setzte die Dunkelheit ein. Da wir nicht noch einmal im wilden Gestrüpp herumstochern mochten, entschieden wir uns fürs Umkehren bis hinunter zum Fluss und auf der linken Wegführung weiter. Wir waren insofern besser dran, auf einem wirklich guten Weg zu laufen, der uns garantiert irgendwo und irgendwie zu Menschen führte. Na ja, nun war uns fast alles egal. Es ging sechshundert Meter abwärts, zuerst über kurze steinige Serpentinen, später auf längeren Pfadstücken mit Grüngewächsen und zum Schluss ziemlich steil durch einen Wald. Ein am Hang klebender Ort mit Beleuchtung war unsere Rettung und machte uns Mut.
Bernd lief schon voraus, um für Essen und Übernachtung Reservierungen vorzunehmen; denn in den kleinen Bergdörfern gab es dafür nicht allzu viele Möglichkeiten. Ich tippelte mit schweren Beinen bei diffusem Licht die letzten einhundert Höhenmeter allein hinterher.
Nach einer Vierzehn-Stunden-Tour mit etlichen Höhenmetern meldete mein Körper totale Erschöpfung: Bernd saß an einer Ecke mit verschränkten Beinen auf der Erde und wartete auf mich. Nachdem ich die Ecke passiert hatte, ein Fantasiestreich; von Bernd keine Spur.
Um Punkt einundzwanzig Uhr mit dem Glockenschlag einer entfernten Kirche kam ich im Ort an; Bernd empfing mich mit einer Leidensmiene und dem letzten Hammerschlag des Tages: Der schöne Ort war ein altes verlassenes Walser-Dorf. Außer einer Katze war niemand – wirklich niemand anwesend, trotz einer großzügigen Dorfbeleuchtung und einem intakten Wasserbrunnen. Kurzes Hin und Her – unsere Entscheidung – wir biwakierten hier in freier Natur.
Unter normalen Umständen wäre dieser Tag nach sechsdreiviertel Stunden bewältigt, aber wir hatten mit all den Irrwegen einen über Vierzehnstundentag daraus gemacht, wobei wir uns schon am Mittag nur eine Stunde dreißig vor unserem Ziel Rimella befanden.
Auf einer überdachten, betonierten Plattform eines Lastenaufzuges schlugen wir unser Nachtlager auf und fühlten uns dabei gar nicht so erfolglos, sondern eher etwas abenteuerlich. Bernd kochte uns eine Fünf-Minuten-Suppe und einen Gute Nacht-Tee. Diesmal mussten wir die Nudel-Suppe trinken; weil wir bei den Aufregungen des Tages irgendwo unser Besteck liegen gelassen hatten. Mit unseren Anziehsachen gestalteten wir auf dem harten Betonuntergrund eine halbwegs brauchbare Unterlage. Unsere Schuhe und die Rucksäcke hängten wir an die Drahtseile des Aufzuges, man konnte ja nie wissen, ob uns in der Nacht noch irgendwelche Tiere besuchten. Gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig schlüpfte ich in den Schlafsack, der sachte Wind strich um meine Nase, und der Schlaf holte mich sofort in das Reich der Träume, derweil Bernd noch zwei Ramazotti-Schlückchen als Schlafelixier zu sich nahm.
Ich schaue immer noch zum Himmel, der Wind hat aufgehört die Wolken zu treiben, sie stehen still − ich bin wieder zurück von unserem „Höchstleistungstag“, freue mich darüber, dass sich heute alles so nahtlos ineinanderfügte und vergesse die Strapazen des Vortages.
An diesem Morgen zeigte sich der Himmel überhaupt nicht, viele schwarze Wolken bedeckten ihn, so dass wir jegliche innere Widerstände überwinden mussten, unsere Trekkingtour im Himalaya in Angriff zu nehmen.
Wir starteten am Samstag, Mitte Mai 2013. Auf Grund des Wetters trotteten wir so vor uns hin. Plötzlich weckte lautes Hundegebell unsere Aufmerksamkeit. Im gleichen Moment drängte sich ein Hund schutzsuchend an mein rechtes Bein, so dass ich mit dem Weitergehen Schwierigkeiten hatte. Von hinten stürzten zwei weitere laut kläffende Hunde auf uns zu. Unsere Träger verscheuchten die Verfolger, die offensichtlich den Schutzsuchenden in einen Kampf verwickeln wollten; der aber blieb an meiner Seite. Bernd, mein Mann, der das kleine Intermezzo von hinten beobachtet hatte, meinte: „Du hast nun einen neuen Freund“ Die Träger schafften es, die Angreifer zu vertreiben, deshalb glaubte ich, spätestens am Dorfende würde der verängstigte Hund wieder seinen eigenen Weg gehen.
Ich irrte mich, er trippelte noch weiterhin mit, immer zwischen Bernd und mir. Während der Mittagspause lag er ganz ruhig unter unserem Tisch, und als wir wieder weitergingen, stand er sofort bereit und begleitete uns. Am Tagesziel wollte er unbedingt mit in unser Zimmer, was wir ihm verwehrten, so dass er mit eingezogenem Schwanz davonschlich. Außerdem hatten Bernd und ich uns geeinigt, ihn auf keinen Fall mit Futter zu versorgen, um ihn nicht zu stark an uns zu binden.
Große Überraschung am Morgen: Der Hund lag vor unserer Zimmertür. Wir hatten angenommen, dass er nach der gestrigen Behandlung das Weite gesucht hätte. Falsch gedacht! Abwartend verfolgte er unser Handeln und machte sich dann mit uns auf den weiteren Weg. Auch an diesem Tag blieb er ausschließlich in Bernds und meiner Nähe. Obwohl ihn die Träger mit Fressen versorgten, wich er nicht von unserer Seite. Wir staunten sehr über unseren neuen Weggefährten. Auch am Abend war er immer noch bei uns, und wir mussten aufpassen, dass er nicht mit in die Gaststube kam; denn die Wirtsleute gestatteten es nicht.
Am dritten Tag nicht anders − eilte er doch mal ein paar Schritte voraus, blieb er nach einer Weile stehen, schaute, wo wir blieben, und wartete, bis wir wieder zusammen waren. Einige Leute, denen wir begegneten, staunten; denn zwei Europäer mit Hund auf Trekking-Tour im Himalaya sah man nicht alle Tage. Scherzend erklärte ich: „Der Hund ist ein spezieller Guide“.
In der Nacht, in der ich mit neun Männern in einem Raum schlief, lag der Hund zusammengerollt vor meinem Lager. Da ich Atemprobleme bekam, weil jemand im Nebenraum die ganze Nacht am offenen Feuer hantierte, so dass der Qualm durch die breiten Ritzen direkt über mein Gesicht streifte, begab ich mich des Öfteren ins Freie, um meine Atemwege wieder zu reinigen. Jedes Mal, wenn ich nach draußen ging, folgte mir der Hund. Er vermittelte mir: Ich will auf dich aufpassen und in deiner Nähe bleiben.
Nun fand ich, sei der Zeitpunkt gekommen, unserem Freund auf vier Pfoten einen Namen zu geben. Auf Grund seines Aussehens, total schwarz, nur mit einer kleinen weißen Stelle unterm Hals und weißen Pfoten, taufte ich ihn „Blacky". Überraschenderweise dauerte es nicht lange, bis er auf den Namen hörte. Die Rasse erschloss sich mir nicht, war aber auch egal. Allerdings besaß er eine große Ähnlichkeit mit unserem Waldi, einem Münsterländer, der ebenfalls die gleiche Farbmischung und Größe besaß und eine Zeitlang unserer Familie angehörte.
Wenn die Küchenmannschaft in der Mittagspause arbeitete, faulenzte ich, lag auf einer Steinplatte mit geschlossenen Augen und genoss die inzwischen strahlende Sonne. Blacky tat es mir gleich. Er lag dicht neben mir, ebenfalls die Augen zu. Er berührte mich sehr mit seiner Anhänglichkeit; obwohl wir unserem Prinzip treu geblieben waren und ihm nie etwas zu fressen gaben. Das erledigten nach wie vor die Träger.
Am fünften Tag, auf einer Höhe von dreitausendfünfhundert Meter, erlebten wir einen fragwürdigen Moment. An einer Stelle machte Mingma Nuru − der Sirdar, so die Bedeutung für den Trekkingleiter − uns auf große sonderbare Kratz-Spuren im Sand aufmerksam. Alle mussten sich leise verhalten, und die Mannschaft schaute sich suchend um. Auch Blacky zeigte ein seltsames Verhalten. Er blieb dicht an meinem Bein geschmiegt stehen, knurrte zum ersten Mal aufwärts in Richtung des Waldes und wollte nicht weitergehen. Mingma Nuru meinte: „In diesem Abschnitt ist oder war ein Tiger“! Mit viel Überredungskunst schaffte ich es, dass Blacky mit uns weiterging, allerdings immer fest an mein rechtes Bein gedrängt.
Nach dieser Begebenheit schickte ich ihn am Abend nicht vor die Tür, er durfte bei uns im Zimmer schlafen, wo er sich zufrieden unter meiner Pritsche zusammenrollte. Die Lodge-Betreiber gestatteten inzwischen auch, unseren Freund mit hinein zu nehmen; denn er hörte ja brav auf meine Anweisungen.
Blacky blieb auch noch bei einer Höhe von viertausendzweihundert Metern treu an unserer Seite. „Normalerweise“ erklärte uns der Parkwächter an diesem Morgen, „dürfen keine Hunde in den National-Park.“ Na ja, was nicht erlaubt ist und trotzdem geht!
Auch während unserer obligatorischen Höhenanpassungsaufstiege tänzelte er stets freudig zwischen den Steinen hin und her, als ob er es jeden Tag machen würde. Nach unserer Ankunft am Tagesziel Khare, viertausendsiebenhundertsiebzig Meter hoch, stapften Bernd und ich zwecks Akklimatisation auf einen Fünftausender. Auch bei diesem Unternehmen ließ Blacky uns nicht im Stich, sondern marschierte treu mit auf den Gipfel.
Ruhetag in Khare! Was ist schon ein Ruhetag in den Bergen? Es stand ein Trainingsgang zum Mera Pass fünftausendzweihundert Meter hoch auf unserem Plan. Wegen Steinschlaggefahr entschied Mingma Nuru, statt des normalen Weges einen anderen zu nehmen. Und was für einen! An einer Eiswand, in einer zwanzig Meter senkrechten Rinne, im Eis und fließenden Schmelzwasser, ausgerüstet mit Steigeisen und Kletterseil, wollten wir alternativ hochsteigen.
Natürlich konnte ich mich bei dieser Aktion nicht um unseren Vier-Pfoten-Freund kümmern. Vor meinem Einstieg sprach ich zu ihm noch ein paar tröstende Worte: „Blacky, sei schön brav und warte hier, bis wir zurückkommen“. Weit gefehlt: Als ich nach der Kletterpassage den Gletscher erreichte, kam mir Blacky schon über die Normalroute entgegengelaufen. Er hatte wohl offensichtlich keine Angst vor Steinschlag. Über so viel Anhänglichkeit musste ich meine Tränen gewaltsam zurückdrängen.
Im High Camp auf fünftausendachthundert Meter boten Bernd und ich unserem anhänglichen Wegbegleiter einen Platz im Zelt zwischen uns beiden an; denn wir meinten, so viel Treue müsse belohnt werden. Jedoch zeigte er seinen eigenen Willen. Er verweigerte unser Angebot und suchte sich seinen Platz im kleinen vorderen Bereich unseres Zeltes, wo er sich wieder einmal sehr kunstvoll zusammenrollte. Natürlich wollten wir keinen Zwang ausüben, allerdings hatte ich Bedenken wegen der Kälte. In der Nacht ging ich des Öfteren zum Toilettenzelt, selbst die dreißig Schritte dorthin begleitete mich Blacky jedes Mal, danach legte er sich wieder brav auf seinen selbst gewählten Schlafplatz.
Am nächsten Morgen mussten wir wegen schlechter Wetterverhältnisse auf den Gipfelsturm des Mera Peak verzichten, so dass wir den Rückweg antraten. Da die tiefschwebenden Wolken und der Nebel uns total die Sicht versperrten, waren auch die Experten, die diesen Gletscher viele Male bestiegen hatten, orientierungslos. Also mussten Bernd und ich auf unseren Rucksäcken Platz nehmen, und die Mannschaft scherte in alle Richtungen aus, um den richtigen Weg zu finden. Natürlich, ganz klar, Blacky wartete ebenfalls. Er saß brav neben uns und schaute fragend von einem zum anderen.
Dieses Prozedere abwarten und ein kleines Stück vorwärts gehen, wiederholte sich etliche Male. Selbstverständlich hielten wir als brave Touristen und ebenso unser Freund gemeinsam durch. Auf diese Art und Weise bewältigten wir den Gletscher zum sicheren Abstieg endlich nach gut zwei Stunden.
