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Der Vondur Marccel Mavvus wurde vom Hohen Rat auf eine entlegene Welt am Rande der bekannten Galaxis entsandt, um die mysteriösen Vorfälle auf dem Planeten Raforka zu untersuchen. Marccel ist bereit, all seine Fähigkeiten einzusetzen, um Licht ins Dunkle zu bringen. Doch was er entdeckt, ist um einiges Größer und Gefährlicher, als zu Beginn vermutet. Die ganze Galaxis wird sich an diesen Tag erinnern. Die Geschichte spielt in einem eigenen Universum. Die Galaxis ist in mehrere Fraktionen aufgeteilt, welche während dem Fortschreiten der Geschichte, näher gebracht werden. Neben interessanten Technologien, rasanter Action und spannenden Wendungen behandelt dieses Buch einen der ausschlaggebendsten Momente der Vondur-Reihe. (Weitere Bücher werden folgen, dieses Buch ist trotzdem in sich abgeschlossen)
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2022
MARCEL WILLIÉ
IM SCHATTENDER VIERSONNEN
VONDUR
ROMAN
© 2021 Marcel Willié
ISBN Softcover: 978-3-347-45534-4
ISBN Hardcover: 978-3-347-45535-1
ISBN E-Book: 978-3-347-45536-8
ISBN Großdruck: 978-3-347-45537-5
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg,
Germany
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tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Die größten Gefahren lauern dort, wo man sie am wenigsten erwartet.
KAPITEL 1
AM RAND DER GALAXIS
Ein leises Zischen und der Inter-Atmosphären-Lift setzte sich in Bewegung. Die künstliche Schwerkraft in der Aufzugskapsel passte sich der extremen Beschleunigung genau an, sodass diese für uns Insassen kaum spürbar war. Der Transport von der Raumstation, an welcher ich mein Shuttle für den Aufenthalt zwischen geparkt hatte, würde bis zur planetaren Station nur eine Minute dauern.
Inter-Atmosphären-Lifte wurden bei allen kolonisierten Planeten erbaut. Durch deren Einführung war das Befördern von Waren und Personen weitaus kostengünstiger. Der Gravitation eines Planeten zu entkommen, war seit Beginn der Raumfahrt der schwerste Teil gewesen. Zudem ermöglichte dieser Fortschritt das Errichten von planetaren Schilden. Mit deren Hilfe werden die Planeten vor Strahlung, Trümmerteilen und Angreifern geschützt. Außerdem erlaubten sie das Aufbauen einer künstlichen, lebensfreundlichen Atmosphäre und ermöglichten somit das Bewohnen und Bewirtschaften der meisten Planeten der Galaxie. Raumschiffe hatten keine Möglichkeit, die Schilde unbemerkt zu durchdringen. Die Lifte hingegen wurden so errichtet, dass an bestimmten Stellen, die Atmosphären-Schilde passiert werden konnten.
Das leise Zischen wich einem leichten Summen und Vibrieren der Kabine. Durch die Fenster betrachtete ich, wie sich die Farbe der immer größer werdenden Kugel veränderte. Langsam konnte man die leichten Schlieren des Schildes erkennen. Blasse violette Streifen zeichneten sich von der grauen Wolkendecke ab. Die Schlieren waren mit Sicherheit mehrere Kilometer lang, schienen jedoch im Vergleich zur grauen Kugel winzig. Das Surren flachte ab und wandelte sich wieder zu dem zischenden Geräusch am Anfang. Wir waren kurz davor, die rasch wachsenden Schilde zu passieren. Mit einem Schlag wich die pechschwarze Weite über uns dem violetten Schimmer und hüllte die Liftkabine in ein rötliches Licht. So plötzlich wie das Licht die Kabine durchflutet hatte, wich es den grauen, blitzschnell vorbei wirbelnden Wolken und verdeckten die Sicht. Der Lift wurde langsamer. Die ersten Regentropfen des tobenden Sturms sammelten sich draußen an den Scheiben.
Keine meiner Missionen hatten mich bislang so weit zum Rand der Galaxis gebracht. Die Randsysteme wurden von der Hanse kontrolliert. Es kam nur selten vor, dass ein Wächter, wie ich, in deren Gebiet geschickt wurde. Die Hanse kümmerte sich gut um ihre Geschäfte und verhielt sich in allen Bereichen der Politik zwischen den anderen Regierungen neutral. Demnach gab es auch selten Probleme, die einen Wächter zum Lösen benötigten. Umso seltsamer war es, hier zu sein. Auf Raforka. Einen, trotz Atmosphäre, unbewohnbaren Planeten. Zumindest an der Oberfläche. Die Minen unter Tage liefen auf Hochtouren und belieferten eine große Bandbreite an Fabriken auf anderen Planeten der Hanse. Die durch den Bergbau freigesetzten giftigen Gase entwichen seit der Erschließung des Planeten an die Oberfläche. Es gab weder Städte noch ein Fleckchen Grün unter dem freien Himmel. Sämtliche Anlagen befanden sich mehrere Kilometer von der “frischen Luft” entfernt. Nur die vereinzelten Inter-Atmosphären-Lifte waren die einzigen Zugänge in die Außenwelt. Selbstverständlich lebten auf diesem Planeten kaum Menschen oder andere Spezies. Die perfekt auf die Umwelt angepassten Roboter erledigten die zermürbende Arbeiten in Rekordzeit. Zumindest war davon auszugehen. In letzter Zeit gab es jedoch mysteriöse Umstände, die die Wächter verleitet hatten, jemanden zu schicken. Ich sollte also herausfinden, wie es sein konnte, dass Tonnen von Rohstoffen, bei dem unterirdischen Transport verschwunden waren. Spurlos hatten sich ganze Kolonnen von Minen- und Wach-Robotern in Luft aufgelöst und, zu guter Letzt, keines der von der Hanse geschickten Teams konnte die Vorfälle erklären.
Also ein perfekter Auftrag für einen Wächter.
Nach der kurzen Fahrt von der Orbital- zur Bodenstation verstummte das Zischen und die Türen glitten auf. Ich trat hervor und erblickte ein Empfangskomitee von vier Rotgarden der Hanse und drei weiteren Personen in weißer Uniform. Der Offizier stand in der Mitte der Umschlaghalle, begleitet von zwei bewaffneten Leibwächtern zu beiden Seiten. Die roten Umhänge der Wachen wehten leicht vor und zurück, getragen von der leichten Brise an kühler Luft, welche aus dem nun geöffneten Lift entwich. Kurz zuvor mussten hier noch Tonnen von Rohstoffen im Akkord von den unterirdischen Transportzügen in die Weltraumlifte verladen worden sein. Die Hitze, die sich in der zwanzig Meter hohen Halle angestaut hatte, war, trotz künstlicher Lüftung, nicht wieder verflogen.
Ich konnte die Erleichterung der zwei Soldaten der Hanse spüren, welche mich seit dem Verlassen meines Shuttles eskortiert hatten, die jetzt froh waren mich an ihren Vorgesetzten abgeben zu dürfen. Die Angst der beiden wäre verständlich gewesen, wenn man meine diplomatischen Absichten außen vor gelassen hätte. Es wurden viele Geschichten über uns Wächter erzählt, eine abstruser und brutaler als die andere. Keiner ahnte jedoch, wie viele davon tatsächlich wahr waren. Die Vondur waren ein Orden, der aus der Dunkelheit heraus operierte. In der alten Sprache bedeutet Vondur Vari, so viel wie gefallener Wächter. Aus Angst vor dem Orden wurden die Anhänger nur noch Wächter genannt. Die Mitglieder selbst bezeichnen sich dennoch als Vondur, also als Gefallene. Die “Schützende Hand” welche die meisten Planetensysteme regiert, stand unter direktem Einfluss der Vondur. Der Rat des Ordens hatte schon seit unzähligen Jahren die Kontrolle über die Galaxis. Die Fähigkeiten, die einem jeden Wächter innewohnen, hatte sie dazu verleitet ihre Macht, mit allen Mitteln, auszubauen. Nichts geschieht ohne den Einfluss des Rates. Einzig der “Große-” und der “Kleine-Kreis” verursachten Probleme. Wir wurden häufig in deren Gebiet entsandt, um Unstimmigkeiten aus der Welt zu schaffen. Die “Schützende Hand” kontrollierte sämtliche Systeme um den “Kleinen Kreis” herum. Somit war dieser vom großen Bruder abgeschnitten. Es gab zwar eine von der “Schützenden Hand” kontrollierte Schneise zwischen den beiden Gebieten, aber dadurch hatte die “Schützende Hand” nur noch mehr Einfluss auf die “Kreis-Regierung”.
Trotzdem war es klar, dass ich im Interesse der Hanse vor Ort war. Die beiden Soldaten blieben im Lift. Leise glitten die Türen wieder zu und der Lift verschwand in Richtung Oberfläche. Die Person in Uniform trat hervor. Er war kein Mensch. Der Orden der Vondur hatte sich das Ziel gesetzt, sämtliche Nichtmenschen entweder in die Randgebiete und Arbeitssysteme zu vertreiben oder ganz zu versklaven. Damit hatten sie Erfolg gehabt. Ich hatte noch nie deren Hass gegenüber anderen Spezies verstanden. Zur Zeit meiner Ausbildung im ersten Jahrgang wurden zum ersten Mal auch andere Spezies aufgenommen. Durch die stetig wachsende Anzahl an Problemen war dem Orden nichts anderes übrig geblieben. Die Reinblüter hatten diese Entscheidung nur mit schwerem Herzen bewilligt. Seit Generationen bestand Ihre Familie ausschließlich aus menschlichen Vondur. Das hatte sich auch bei Ihrem Aussehen bemerkbar gemacht. Sie sahen aus wie normale Menschen, nur mit dem Unterschied, dass sie ein gutes Stück größer und der Muskelaufbau von Natur aus stärker war. Das markanteste Merkmal war jedoch, ohne Zweifel, die blutrote Haut. Die Reinblüter verachteten nicht nur jegliche anderen Lebensformen, sondern auch Menschen. Einzig die Gewissheit, dass ihre Macht gefestigt werden musste, ließ sie weitere Menschen aufnehmen. Und eben seit Kurzem auch Nichtmenschen. Zur Ausbildungszeit hatte ich viele andere Anwärter kommen und gehen sehen. Ein paar Freunde sind mir jedoch geblieben, unter ihnen auch Nichtmenschen.
Der Offizier begrüßte mich ehrfürchtig: “Willkommen auf Raforka, Wächter Mavvus! Es freut uns, dass der Rat eine helfende Hand geschickt hat.” Der Offizier verbeugte sich. Er hatte blaues Haar, das im starken Kontrast zu seiner sonst grünen Haut stand. Als er sich wieder aufrichtete, erblickte ich seine, zum Haar passenden, blauen Augen. Er bemerkte meinen musternden Blick und senkte seinen in Richtung Boden. “Wir werden selbstverständlich alle nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen.”, ergänzte er. Sein scharfer Akzent verriet, dass er die Kernsprache schon seit langer Zeit nicht mehr benutzt hatte. “Vielen Dank”, beruhigte ich ihn. “Das Problem wird sicher schnell beseitigt werden. Ich benötige in jedem Fall alle vorhandenen Informationen, die Ihr über die Vorfälle gesammelt habt. Die Lagepläne der Minen, Tunnel, der natürlichen Höhlen und unterirdischen Gänge brauche ich auch.” Natürlich war ich nicht unvorbereitet hier. Aber ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass die alten Aufzeichnungen in den Kammern des Ordens auf dem aktuellsten Stand waren. Sicher, für Operationen im Gebiet der Schützenden Hand, des Kleinen oder des Großen Kreises, waren die Aufzeichnungen durchaus zuverlässig, aber ich bezweifelte, dass hier überhaupt jemals ein Wächter zuvor gewesen war. “Die Daten werden zu Ihrem Quartier gebracht.”, bestätigte der Offizier.
Ich schloss die Augen. Etwas war seltsam. Ich spürte ein Feuer und eisige Kälte. Ich konzentrierte mich mit allen meinen Sinnen auf die Umgebung und darüber hinaus. Die Zeit verlangsamte sich. Jedes noch so kleinste Geräusch wurde isoliert und gesondert wahrgenommen. Das kaum zu hörende Summen des Lifts, der Atem des Offiziers, der Wimpernschlag einer der Rotgardisten. Selbiges passierte mit den Gerüchen. Der Angstschweiß des Offiziers, das Putzmittel der frisch polierten Lanzen der Garde und der ohnehin schon aufdringliche Gestank von Öl. Ich konnte nichts Ungewöhnliches ausmachen. Nach dem Bruchteil einer Sekunde öffnete ich meine Augen wieder. “Folgen sie mir. Ich begleite sie zu ihrer Unterkunft. Wenn Sie wünschen, werden meine Männer Ihr Gepäck aus ihrem Shuttle bringen.”, erklärte der grüne Mann und setzte sich in Bewegung. Er schien mich aus dem Augenwinkel zu betrachten. Ich konnte seinen Blick spüren, wie er über meinen schwarzen Umhang, über die Schulterpanzerung und meine zurückgeklappte Kapuze wanderte und schließlich auf meinen am Rücken befestigten Klingen verharrte. “Ich habe kein Gepäck.”, entgegnete ich. Selbst seine besten Soldaten wären wahrscheinlich bei dem Versuch, in mein Schiff zu gelangen, gescheitert. Kein Wächter lässt sein Schiff unbewacht zurück. “Ich verstehe. Hier entlang.”, der Offizier zeigte den langen Gang entlang auf eine offene Tür, über der in fünf verschiedenen Sprachen - zwei davon mir unverständlich - Ausgang prangerte. “Das hätte ich fast übersehen.”, scherzte ich. Der grüne Mann zuckte bei meiner Bemerkung zusammen.
KAPITEL 2
UNERKLÄRLICHE EREIGNISSE
Der Regen prasselte gegen das Fenster. Das rötliche Licht der Tischlampe ließ die Tropfen wie Lava aussehen. Das Quartier war im Hauptgebäude des Kontrollzentrums untergebracht. Es beinhaltete eine Schlafnische, ein Esstisch mit zwei Stühlen, ein in die Wand eingelassenes Regal und einen Schreibtisch über dem sich ein großes, breites Fenster erstreckte. Es war angenehm warm. Nach der langen Reise durch die endlose Weite des Alls genoss ich die Stille und lauschte dem leichten Prasseln an der Scheibe. Natürlich handelte es sich, so tief unter der Erde, nicht um echten Regen. Die Bauten des Kontrollzentrums wurden in einer riesigen natürlichen Höhle errichtet. Irgendwie schien sich tagsüber der Wasserdampf der Fabrikanlagen in den Hohlräumen der warmen Steindecke zu sammeln, um dann in der Nacht, wenn ein Teil der Anlagen heruntergefahren wurde, zu kondensieren. Das Gestein schien die Wärme der Sonne und die Kälte der Nächte bis tief unter die Erde zu leiten. Das war durchaus erstaunlich. Nicht nur deshalb wurden die Gesteinsschichten abgebaut und die einzelnen Bestandteile getrennt. Anhand der Unterlagen konnte man davon ausgehen, dass die Hanse alleine mit diesem Standort einen enormen Gewinn verzeichnen musste. Für die Mengenangaben der Ressourcen-Transporte wurden ausschließlich Megatonnen benutzt. Mir war durchaus klar gewesen, dass die Hanse mit allen Parteien, also auch mit den beiden Kreissystemen, Geschäfte tätigte. Aber alleine mit einer einzigen Anlage, auf nur einem Planeten von vielen, so eine hohe Rendite zu erwirtschaften, ließ mich staunen. Auf den Tunnelplänen, die bereits auf mein Zimmer gebracht worden, war ersichtlich, wie weit die Minendroiden schon durchgedrungen waren. Der komplette Planet war von einem riesigen Tunnelsystem durchzogen, welches bis tief ins Innere reichte. Zudem wurden in Nebengängen riesige Höhlensysteme gegraben, um dort weitere Anlagen und Fabriken zu bauen, und somit um den stetig wachsenden Nachschub kostengünstig zu verarbeiten zu können. Die Informationen bezüglich der mysteriösen Vorfälle waren dagegen ernüchternd. Trotz aller Bemühungen hatten die Einheiten der Hanse weder eine Idee noch ein Muster gefunden. Es schien sich um zufällige Unfälle, die sich immer weiter häuften, zu handeln, sowie um Gebiete, in denen jeglicher Kontakt zu den Droiden abgebrochen war.
Zu einem Vorfall gab es jedoch eine Theorie und die mutmaßlichen Verantwortlichen wurden bereits verhaftet. Fünfzig Megatonnen Krysalz waren routinemäßig auf einen Schnellzug-Transporter geladen, welcher die Fracht zuverlässig innerhalb einer halben Stunde zum Warendepot hätte bringen sollen. Nach einer halben Stunde kam der Zug an. Beim Öffnen der Waggons fehlte von der Ware jedoch jede Spur. Man ging davon aus, dass der Zug gar nicht beladen wurde und bereits am Startort leer gewesen war. Ein paar korrupte Arbeiter hatten, laut dem Bericht, die Ressourcen zur Seite geschafft. Die Begründung dieser Theorie lautete, dass es unmöglich sei auf der Strecke an den Zug zu gelangen, da dieser in einer magnetischen Vakuumröhre fuhr. Zudem hätten die Drucksensoren der Waggons eine Änderung des Transportgewichts bemerkt und Alarm geschlagen. Außerdem war der Zug auf die Sekunde pünktlich am Zielort eingetroffen. Fall gelöst?
Zu einfach, meiner Meinung nach. In meiner Ausbildung hatte ich gelernt, dass ich meinem Bauchgefühl durchaus vertrauen konnte. Hier auf diesem Planeten stimmte etwas nicht. Ich spürte Wut. Meine Sinne hatten sich noch nie getäuscht. Eine Wut, die sämtliche Gesteinsschichten durchdrang und hinaus wollte. Den Planeten verlassen, nur um sich der Galaxis zu offenbaren und diese ins Chaos zu stürzen. Von wem oder was diese Kraft ausging, konnte ich nicht sagen. Aber eins war sicher, sie würde nicht von alleine wieder verschwinden.
Ich ging die lange Liste an verschwundenen Personen, Robotern und Ressourcen durch. Alles war fein säuberlich dokumentiert. Jede Unstimmigkeit fiel umgehend auf. Trotzdem konnte weder einer der Vorfälle verhindert, noch die Dinge auf der Liste wieder gefunden werden. Nichts davon hätte den Planeten unbemerkt verlassen können. Die einzigen Zugänge waren die Inter-Atmosphären-Lifte, dessen Inhalte vor jedem Transport genauestens überprüft wurden. Raumschiffe konnten den Schild um den Planeten nicht passieren. Das bedeutete, die Rohstoffe, Maschinen, Roboter und verschwundenen Arbeiter waren noch hier! Auf den Karten, welche die Hanse mir zur Verfügung gestellt hatte, waren in sämtlichen Gängen und Höhlen, entweder Schienennetze, Minenanlagen oder Fabriken vermerkt. Alle waren noch in Betrieb und boten somit keinen geeigneten Platz, für das versteckte Lagern von Tonnen an Erzen. Ich stand auf und lief zur anderen Seite des Raumes. Der rote Teppich auf dem Boden schluckte das kleinste Geräusch meiner Schritte. “Xeri?” Mit einem leisen Klicken lösten sich von meiner linken Schulterplatte, mehrere kleine Dreiecke und setzten sich zu einem kleinen Roboter zusammen. “Standby-Modus deaktiviert.”, antwortete er mit einer digital klingenden Stimme, schwebte in Brusthöhe über dem Boden und platzierte sich vor mir. "Guten Abend, Marccel Mavvus, wie kann ich helfen?". Nur wenige kannten meinen Vornamen und noch weniger war es erlaubt, ihn auszusprechen. Der Roboter war nicht größer als meine Faust und bestand aus mehreren pyramidenartigen Formen, welche langsam um die mittig platzierte Linse schwebten. Sein blau leuchtendes Auge sah mich an.
Vor meiner Abreise hatte er alle Informationen über das hiesige Sonnensystem abgespeichert, welche vom Archiv des Ordens bereitgestellt wurden. Die Karten waren veraltet, die verzeichneten Höhlen und Transportsysteme waren mittlerweile um das Vielfache ausgebaut worden. Als die Aufzeichnungen des Ordens erstellt wurden, war das Minensystem erst im Aufbau. Im Nachhinein wurden neben Fabriken und Transportwege auch weitere Atmosphären-Lifte errichtet. Zurück am Schreibtisch, machte ich in der Luft eine Wischbewegung, von den Aufzeichnungen der Hanse zu meinem kleinen Gefährten. “Daten erfolgreich geladen.”, bestätigte die freundliche Stimme den Speichervorgang. “Aktiviere 3D Ansicht und lade neueste Datei.” Der schwebende Roboter verstand und mit einem kurzen Aufblitzen erlosch das Display des Minicomputers der Hanse. “3D Ansicht aktiviert. Konvertierung erfolgreich. Abschnitt A1, Ebene1 sichtbar.” Vor mir setzte sich ein dreidimensionales Abbild aus kleinen in die Luft projizierten Quadraten zusammen. Fabriken und Höhlen wurden sichtbar, welche durch komplex verflochtene Transport-Tunnel verbunden waren. “Lade gleichzeitig gleichnamige Datei aus alten Beständen.” Innerhalb einer Sekunde hatte sich auch die zweite Karte vollständig zusammengesetzt. “Lege Karten übereinander und berechne Punkte mit starken sowie keinen Veränderungen.” Das Programm erledigte seine Aufgaben blitzschnell. Die Karte färbte sich. Grüne Bereiche markierten große Ausbauten, vereinzelte blaue dagegen Orte, an denen keine Veränderungen vorgenommen waren. “Starte Analyseprogramm auf Unregelmäßigkeiten.” “Vorgang gestartet. Vollständige Analyse der Daten in voraussichtlich zwei Minuten abgeschlossen.” Ich stand auf und wollte mich gerade Richtung Bett bewegen, als die Stimme erneut ertönte: “Ein Treffer gefunden, Analyse bei zwei Prozent. Vorgang läuft.” Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der Droide so schnell mit den riesigen Dateien und Unmengen an geografischen Details etwas Ungewöhnliches entdeckte. “Analyse anhalten. Treffer markieren und anzeigen.” Das dreidimensionale Abbild verformte sich zu einer neuen Struktur und der ganze Raum färbte sich rot in dem Licht der Abbildung. “Erkläre Treffer Kriterium.” Der rot markierte Bereich blinkte. “Diese Höhle ist in den alten Aufzeichnungen enthalten und für den Bau eines weiteren Inter-Atmosphären-Lifts geplant. Die dritte Bauphase wurde wegen Strukturschäden und Einsturzgefahr gestoppt. Aus Sicherheitsgründen wurden alle Zugänge versiegelt und sind in den neuen Aufzeichnungen nicht markiert.”, erklärte die Stimme. “Kann es sein, dass die Höhle noch intakt ist?” “Vor Versiegelung wurden, laut Protokoll, sämtliche Hohlräume mit Gesteins-Abfällen aufgefüllt, um die Einsturzgefahr zu minimieren.” Ich wandte den Blick von der rot schimmernden Visualisierung ab und setzte mich wieder auf den Stuhl am Tisch. Dieser verlassene Bereich wäre optimal geeignet, um verdeckte Operationen zu organisieren und um die gestohlenen Waren zu lagern. Wenn er jedoch tatsächlich zugeschüttet wurde, war es unmöglich, die Gesteinsmassen unbemerkt zu entfernen, ohne dabei die Decke zum Einsturz zu bringen. “Xeri, gib dem Offizier Bescheid, dass ich einen Transport zu diesen Koordinaten brauche.”, murmelte ich und zeigte auf den immer noch rot blinkenden Bereich der Karte. “Nachricht erfolgreich übermittelt.” Ich griff meine zwei Kry-Klingen, welche ich auf dem Tisch abgelegt hatte und fuhr mit der Fingerspitze über die scharfe Seite. Die Kry-Waffen hatten sich im Kampf gegen die Vari bewährt. Als der Weiße-Orden der Vari gefallen war und die Vondur Vari die Macht über die Galaxis beanspruchten, wurden diese speziellen Waffen zur Standardausrüstung jedes Wächters hinzugefügt. Die Klingen wurden aus dem pechschwarzen Kry-Stahl geschmiedet. Das Material verlieh den Waffen, neben dem eleganten Erscheinungsbild, auch die nötige Stabilität. Weder Laser, noch sonstige Waffen und Werkzeuge konnten den Stahl durchdringen. Ich steckte die polierten Klingen in die dafür vorgesehen Halterung auf meinem Rücken. Die Griffe ragte über meine rechte Schulter empor. Der Roboter klappte ohne Aufforderung zusammen und verschmolz wieder mit meiner Schulterplatte. “Es wird Zeit, sich mal ein bisschen umzuschauen!”
KAPITEL 3
AUF DER SUCHE
Fünf Minuten später hatte mich der Turbolift sicher zum Verladebereich der Züge gebracht. Der Offizier hatte mir die Erlaubnis erteilt, sämtliche Transportmittel ohne Vorankündigung nutzen zu dürfen. Am Bahnsteig ließ ich meinen Blick von der Spitze bis zum letzten, mir sichtbaren Wagon schweifen. Mit den unzähligen Laderampen wurden Werkzeuge, Maschinen und riesige Behälter verladen. Die mannshohen Roboter verrichteten flink ihre Arbeiten. Ein einzelner Wagen war ungefähr sechs Meter hoch und doppelt so breit. Der Zug umfasste glatte fünfundneunzig Waggons, von denen einer alleine bereits 50 Meter lang war. Da die Transporter auf den Warenverkehr ausgelegt waren, gab es nur in der Zugspitze einen kleinen Bereich für Passagiere. Als ich die Kabine betrat, bemerkte ich einen kleinen Reinigungsdroiden der gerade seine Arbeit erledigt hatte, mit einem leisen Piepen über den Boden glitt und in einer kleinen Öffnung verschwand. “Es scheint so, als möchte der Offizier keinen schlechten Eindruck hinterlassen.”, meinte der kleine schwebende Roboter, der sich nun wieder von meiner Schulterplatte löste. “Du hast wohl recht.”, schmunzelte ich. “Xeri, scanne bitte während der Fahrt die Umgebung, vielleicht existieren noch weitere nicht eingezeichnete Gänge.” Der Roboter schwebte zum vordersten Fenster und streckte seine rotierenden Spitzen weiter aus. “Umgebungsscan gestartet. Reichweite optimal.” Ich ließ ihn weiter um seine eigene Achse drehen und suchte mir einen Sitzplatz. Die Auswahl war nicht groß, aber zum Glück der Bedarf ebenso wenig.
Mit einem leisen Zischen schloss sich die Tür und das lange Gefährt setzte sich träge in Bewegung. Der Zug schwebte durch die magnetischen Eigenschaften der aufgeschnittenen Röhre unter sich, reibungslos auf das erste Schleusentor zu. Dieses stand bereits offen. Immer schneller werdend fuhr die Magnetbahn in die inzwischen rundum geschlossene Röhre. Die kleinen spärlichen Scheinwerfer der Bahn ließen die vorbei rasenden Wände, schier unberührt. Wir fuhren immer tiefer in die Finsternis. Auf der Kontrollleiste, welche unterhalb der Frontscheibe befestigt war, konnte man erkennen, dass der Zug das Tor passiert hatte und dieses nun geschlossen wurde. Der Lärm des Zuges nahm langsam ab. Die Luft wurde aus der Schleuse gepumpt, während der Zug immer weiter beschleunigte. Der Bildschirm bestätigte das erzeugte Vakuum. Das zweite Tor öffnete sich gerade noch rechtzeitig, als die Spitze des Zuges drohte, dieses von alleine zu durchdringen. Ich lehnte mich entspannt zurück und begutachtete den kleinen rotierenden Droiden im spärlichen Schein der Innenbeleuchtung. Die Energie bringende, leuchtende Kugel im Inneren meines Gefährten, spiegelte sich mystisch in den Scheiben, während draußen die Wände rasend schnell, wie tanzende Geister, an uns vorbeirauschten.
Nach einer knappen Stunden waren wir endlich am Ziel. Ich hatte die Zeit genutzt und meine Sinne die Fahrt über geordnet und erholt. Wie in einem meditativen Zustand hatte ich alle Einwirkungen von außen abgeschirmt und meinen Körper zur Ruhe gebracht. Für einen Wächter war es nicht anstrengend, für einen Zeitraum von mehreren Tagen wach und voll konzentriert zu bleiben. Darauf waren wir trainiert. Dennoch war es unklug, sich nach einer so langen Zeit des konzentrierten Zustands, ohne Erholung in Gefahr zu begeben. Der Zug hatte extra für mich einen Umweg genommen, um näher an die gewünschte Stelle zu gelangen. Dies war auf Veranlassung des Offiziers geschehen. Die kleine Änderung des Fahrplans drohte, das autonome, aufeinander abgestimmte, Zugnetz durcheinander zu bringen. Die Anordnung zeigte, welche Angst der Offizier nicht nur vor mir, sondern vor den Vondur an sich hatte. Der Droide teilte mir mit, dass er keine weiteren versteckten Gänge entdeckt hatte und bewegte sich in Richtung der Ausstiegsrampe. Ich rappelte mich auf und folgte dem Roboter nach draußen.
An diesem kleinen, verlassenen Bahnsteig, auf dem ich mich wieder fand, wurden seit Ewigkeiten keine Arbeiten mehr verrichtet. Die ganze Station war sichtlich verlassen. Vereinzelte, noch funktionierenden Beleuchtungen tauchten das Geschehen in ein düsteres Licht. Von der Decke tropften aus ein paar Leitungen, verschiedene Flüssigkeiten, welche sich auf dem Boden in einer schlierenartigen Pfütze sammelten, ehe sie in den Gesteinsschichten versickerten. Ein paar kleinere Tiere huschten in den Schatten umher, scheinbar auf der Suche nach ein paar Überresten ihrer Vorgänger. “Keine größeren Lebensformen entdeckt.”, ertönte es aus einem der Schatten. Nur das kleine blaue Licht verriet, dass es sich um meinen Roboter handelte. “War ja auch nicht anders zu erwarten. Der nächste Eingang zu der verschlossenen Höhle, müsste ja noch einen halben Kilometer entfernt sein.”, bestätigte ich den Statusbericht des Gefährten. “Um genau zu sein, 635 Meter in diese Richtung.”, ergänzte Xeri und setzte sich in Bewegung. Mit schnellen Schritten folgte ich dem schwebenden Roboter in einen der Seitengänge. Das Aufheulen der Motoren und das Quietschen der Gelenkverbindungen, verrieten, dass die Magnetbahn es uns gleichtat und sich ebenfalls auf den Weg zu ihrem Ziel machte. Je weiter wir in den kleinen Gang vordrangen, desto leiser wurde das Getöse des beschleunigenden Zuges, bis es schließlich abriss. Die Schleusentore bestätigten die Abfahrt des Transporters mit einem dumpfen, stählernen Knall, als diese aufeinander trafen und sich automatisch verriegelten.
Nun waren wir auf uns gestellt. Obwohl der Roboter noch nie zuvor in diesen Gängen unterwegs gewesen war, kannte Xeri sich aus wie in der eigenen Westentasche. Er bog zielsicher bei der ersten Abbiegung nach rechts, nur um bei der zweiten in die entgegengesetzte Richtung zu huschen. Ich konnte gerade noch mit ihm Schritt halten. Meine Tritte hallten in dem Gang wider. Vereinzelte Pfützen formten aus dem dumpfen Rhythmus eine wahre Melodie, deren Echo bis weit in die Dunkelheit hinein reichte. In der absoluten Dunkelheit konnte ich dank meiner geschärften Sinne die Umrisse der Wände erkennen und folgte dem hellen Licht des Droiden. Plötzlich riss der Schein ab. Er war verschwunden. Verbogene Stahlträger und Geröll versperrten den Weg. “Sehr witzig Xeri.”, murmelte ich und zog eine meiner Klingen aus der Rückenhalterung. Das freundliche Schimmern des Auges tauchte aus einem der Spalten zwischen dem Gerümpel auf und der Roboter spitzelte daraus hervor. “Ab hier wird's ein bisschen eng.”, bemerkte er. “Mach mal ein bisschen Licht.” Er gehorchte aufs Wort, schwebte aus seinem Versteck und sein Schimmern spendete genug Licht, um das Hindernis klar erkennen zu können.
Ich konzentrierte mich erneut. Die Zeit schien wieder stehenzubleiben. Mein rechter Arm fing an zu kribbeln und wie in Zeitlupe zuckten kleine rote Blitze aus meinem Unterarm hervor und legten sich um den Griff der Klinge. Von dort aus färbte sich die scharfe Seite der Kry-Klinge rötlich und fing an, hell zu glühen. Ich öffnete die Augen und begutachtete die Stahlträger vor mir. Vorsichtig bohrte ich das Schwert in den größten Felsen. Die Klinge durchschnitt diesen wie Butter. Mit einem Ruck hatte ich den Brocken halbiert und er fiel zu Boden. Der dumpfe Schlag hallte durch die Gänge. Noch ehe das Echo verflog, setzten sich die anderen Brocken ebenfalls in Bewegung und krachten laut auf den Untergrund. Die Stahlträger hielten den Gang mehr oder weniger stabil zusammen.
“Weiter geht's!”, rief ich und der Roboter setzte sich wieder vor mich. Während ich ihm folgte, zog ich meine Kraft aus der Waffe zurück und das Glühen erlosch. Ich befestigte sie wieder neben meiner zweiten Klinge auf dem Rücken. Wir waren nun fast an unserem Ziel angekommen. Der Lärm konnte uns durchaus verraten haben. Auf den letzten Metern wurden wir langsamer, bis wir schließlich einen großen Tunnel erreichten. Auf dem Boden waren Vorrichtungen für kleinere Magnetbahnen angebracht und waren gut in Schuss. Die Lampen an den Seitengängen funktionierten und hüllten die Umgebung in grelles Licht. Meine Augen taten sich schwer, sich an die abrupte Umstellung zu gewöhnen. “Xeri, halte Ausschau nach Lebensformen, Droiden und anderen Energiequellen.”, befahl ich, während ich auf andere Seite des Ganges schlich. “Keine Lebensformen entdeckt. Eine große Energiequelle und mehrere kleine befinden sich aber in diese Richtung.”, erklärte der Droide und setzte sich in Bewegung. Behutsam schlichen wir an den Schienen entlang.
Ein stechender Geruch lag in der Luft. “Meine Sensoren erkennen verschiedene Chemikalien.”, warnte der Roboter. Ich griff an meinen Gürtel und klappte einen kleinen Würfel auseinander, der sich zu einer metallenen Maske formte. Ich setze sie auf. Die Sensoren erkannten, dass die Chemikalien nur über die Atemwege für Lebewesen gefährlich wurden. Mit einem Klicken bedeckte sie Mund und Nase und ließ die Augen frei. Langsam wurde ein rötlicher Schein sichtbar. Wir waren am Ende des Ganges angekommen. Die magnetischen Schienen teilten sich in verschiedene Richtungen auf. Direkt vor uns war der Eingang zu der gesuchten Höhle, die eigentlich versiegelt sein sollte. Verlassen war sie auch nicht. Metallene Schritte setzten sich von den leisen Geräuschen der Maschinen ab. Das Durcheinander ließ auf eine Vielzahl an Verarbeitungsprozessen schließen. Dort wo eigentlich der Weltraumlift hätte erbaut werden sollen, stand nun ein riesiges Gebäude. Dutzende kleine und größere Fabriken, sowie mehrere Magnetbahnen trennten uns von dem festungsartigen Koloss. Wie konnte das nur unbemerkt geblieben sein?
KAPITEL 4
DIE VERSCHOLLENE HÖHLE
Die Hitze und der Gestank waren erdrückend. Kein normales Lebewesen hätte unter diesen Bedingungen mehr als eine Minute überlebt. Die giftigen Gase wurden erfolgreich von meiner Maske gefiltert. Mein Roboter schwebte langsam zu mir und wechselte die Kommunikation vom hörbaren Bereich auf Hyperschallwellen. Hyperschalltöne sind extrem hoch und können sich daher nicht weit in der Luft ausbreiten. Auch für Wesen mit geschärften Sinnen wie die Vondur sind sie nicht hörbar. Aber fühlbar! Auch wenn es sehr anstrengend war, diese Schwingungen wahrzunehmen, war es ein Muss, dies als Wächter zu erlernen.
Um sich an die Kommunikation zu gewöhnen, ratterte mein Droide, den Kodex der Vondur Vari in Sekundenschnelle herunter. Jeder Wächter hatte diesen Kodex vor oder während der Ausbildung auswendig gelernt und verinnerlicht. Ich verstand jedes Wort.
Trotz der Bedrohung, die womöglich vor uns lag, ließ ich meine Klingen stecken. Lautlos hastete ich durch den Eingang der Höhle. Mehrere große, wahrscheinlich autonome Fahrzeuge kamen in unsere Richtung. Schnell versteckte ich mich hinter ein paar grauen Containern und wartete, bis die Fahrzeuge in einer großen Anlage verschwanden. Offensichtlich lieferten sie Unmengen an Rohstoffen.
"In der Halle befinden sich sehr viele Maschinen", kommunizierte Xeri. "Lass uns das später anschauen, mich interessiert vor allem das Hauptgebäude", entgegnete ich und trat aus meinem Versteck hervor. Wir folgten den Magnetbahnschienen und bewegten uns vorbei an Fabriken, Verladungsrampen, Rohrsystemen und parkenden Magnetbahnen auf den großen Koloss zu. Durch den Dunst konnte man nun mehrere Öffnungen an der Fassade erkennen. Ein leichter bläulicher Schimmer trat aus diesen hervor und schnitt förmlich mysteriöse Muster in den Gasnebel. Außer uns beiden regte sich auf der Straße nichts. Mich beschlich das leise Gefühl, dass dies kein gutes Zeichen war.
Mit jedem Schritt zeichnete sich der Umriss des monströsen Gebäudes weiter ab. Es war riesig. In der Mitte ragte ein pyramidenähnlicher Turm in die Höhe, welcher nach oben steil und spitz zulief. Auf beiden Seiten waren jeweils ein ähnlich geformter Turm gebaut worden, die jedoch nur halb so groß waren. Verbunden wurden sie durch ein jeweils quadratisches Mittelstück, unter denen mehrere Transportwege hindurchführten.
Ein lautes Zischen riss mich aus dem Bann. "In dem Gebäude neben uns gibt es mehrere große und viele kleine Energiequellen", mahnte mein Gefährte, als würde er ahnen, was ich vorhatte. "Ein Grund mehr, uns hier mal umzusehen", entgegnete ich und ging zu einer kleinen Luke. Ich öffnete sie und ein Schwall heißer Luft trat mir entgegen. In Sekundenschnelle klappte aus meiner Atemmaske ein Visier aus, welches sich blitzschnell an mein Gesicht anpasste. Offensichtlich waren dies Gase nicht nur glühend heiß, sondern auch giftig. Ein schwaches, bläuliches Licht trat aus der Öffnung in der Wand hervor. Ich öffnete die Klappe und mein Droide schwebte vorsichtig durch sie hindurch. "Die Luft ist rein", meldete er aus dem Inneren. "Ok, vielleicht nicht rein, aber es befinden sich keine Roboter oder Lebensformen hier." scherzte er. "Du bist offenbar gut gelaunt", bemerkte ich. "Wir haben schon lange kein so großes Geheimnis gelüftet", antwortete er.
Ja, mein Gefährte war wirklich abenteuerlustig. Jeder Wächter besaß einen solchen, extrem hilfreichen Begleiter. Während der Ausbildung muss sich ein Vondur-Anwärter vielen Prüfungen unterziehen, dazu gehörte es auch seinen Wachenden zu finden. So haben sie die Roboter genannt. Meine Prüfung war damals eine echte Herausforderung gewesen und umso bemerkenswerter war es, einen so passenden Begleiter gefunden zu haben. Ich konnte mich glücklich schätzen. Viele ranghöhere Wächter hatten Gefährten, die nicht annähernd so hilfsbereit und gesprächig waren.
Nun glitt ich ebenfalls durch die Öffnung, dem grellen Licht entgegen. Ich fand mich in einem kleinen Gang wieder. Anders als ich vermutet hatte, kam der Schein nicht aus diesem Raum. Links von mir bildeten sich Rauchschwaden, welche das beißende Blau ausstrahlten. "Egal was sie hier herstellen, normal ist es nicht", flüsterte ich. "Marccel, diese Gase enthalten einen hohen Anteil an Pulsarium", erklärte Xeri.
Pulsarium war sehr selten zu finden, selbst auf diesem Planeten gehörte es zu den seltensten Erzen. Es handelte sich dabei um einen Stoff der extrem viel Energie speichern und bei Kontakt mit Lyramikum, diese wieder freisetzen konnte. Auf den Kernwelten wurde mithilfe von nur drei Pulsarium-Energiespeichern das komplette Stromnetz eines Planeten am Laufen gehalten. Ein Energiespeicher, so groß wie eine Hand, konnte genügend Energie speichern, um eine Großstadt über ein ganzes Jahr zu versorgen.
Ich trat einen Schritt vorwärts. Wofür wurde das Pulsarium verwendet? Noch ein Schritt. Um das herauszufinden, mussten wir der Quelle der Gase folgen. Schritt. Mit jedem Schritt wurde der Nebel dichter. Die giftigen Chemikalien durchdrangen die kleinsten Spalten meiner Panzerung, ebenso wie meine Kleidung und brannten auf der Haut. Schritt. Ein leises, metallenes Stampfen war zu hören. Der Gang wurde breiter. Noch ein Schritt. Am Ende angekommen, konnte ich nicht einmal mehr meine Hand vor Augen sehen. Nichts außer grellem Blau war zu sehen, nicht einmal Xeri. Schritt. Der Nebel schluckte wahrscheinlich jeden Lärm und mit ihm den Versuch des Droiden, mit mir zu kommunizieren. Schritt. Ich konnte nichts mit meinen geschärften Sinnen anfangen. Ich konnte durch den Nebel nichts sehen, durch die Maske nichts riechen, durch das Brennen auf der Haut nichts fühlen und das einzige, was ich hören konnte, war das rhythmische Klopfen der Fertigungsanlagen. Wie erblindet trat ich weiter vor. So einen Zustand hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt. Ein lautes Knacken durchschnitt meine Gedanken. Ich blieb stehen. Konnte nichts erkennen. Mit einem Ruck sackte der Boden unter mir weg. Ich fiel. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit bis ich mit dem Rücken auf dem harten, unebenen Boden aufschlug. Der Schmerz durchzuckte meinen ganzen Körper. Etwas hatte sich von hinten durch meine Rüstung, sowie meine rechte Bauchhälfte gebohrt. Ich spürte, wie eine warme Flüssigkeit aus der Wunde floss. Zu viel. Hier unten war es still. Der Nebel noch dichter. Meine Wunde brannte. Ich konnte gerade noch realisieren, dass meine Maske beschädigt wurde. Nur leider zu spät. Die giftigen Gase drangen hindurch, brannten in den Augen. Der klägliche Versuch die Luft anzuhalten wurde vom betäubenden Schmerz unterbrochen, als ich versuchte mich aufzurappeln. Meine Lunge brannte. Mir wurde schwarz vor Augen.
KAPITEL 5
DIE FALLE
So wie mich der Schmerz betäubt hatte, riss er mich auch wieder aus der Dunkelheit. Ich konnte nichts sehen. Den beißenden Geruch hatte ich noch in der Nase. Ich versuchte tief einzuatmen, doch ich bekam keine Luft. Etwas Kaltes, Metallenes drückte fest gegen mein Gesicht. "Ah, ausgeschlafen?", hörte ich Xeri, direkt in meinem Gesicht. Er hatte sich verformt und versuchte mit aller Kraft sich so an meinen Kopf zu pressen, sodass keine der Chemikalien mehr in meine Lunge geraten konnten. "Danke, das war knapp", sagte ich, "Wo sind wir?" "Meine Scans verraten mir, dass es sich hier um Abfälle handelt, wahrscheinlich von der Produktion von C45 Droiden." "C45? Die gibt es doch schon seit Ewigkeiten nicht mehr." "Das stimmt. Sie wurden zuletzt bei der Schlacht von Cynoxis benutzt." Diese Roboter waren tödliche Maschinen. Sie waren stark gepanzert und extrem flink. Sie gehörten in der damaligen Zeit zu den teuersten und effektivsten Kampfdroiden. "Marccel, ich möchte dich ungern unterbrechen, aber ich glaube da steckt etwas metallenes in dir."
Vorsichtig versuchte ich, mich aufzurichten. Der Schmerz durchzuckte mich erneut. Der lanzenähnliche Stab steckte fest im Schrotthaufen unter mir. Ihn herauszuziehen, würde wahrscheinlich tödlich enden. Die Verletzung war tief. Sehr tief. Eigentlich ging sie einmal durch meinen ganzen Körper. Von meiner Rückseite hatte sich der Stab, durch meinen Bauch gebohrt und schaute oben wieder raus. Ich versuchte, mich nicht wieder von dem Schmerz überwältigen zu lassen. Vorsichtig fuhr ich zum Griff meiner Klinge. Die Klingen waren stabil. Obwohl ich mit voller Wucht auf ihnen gelandet war, war ihnen nichts passiert. Langsam zog ich sie aus der Halterung. Ich konzentrierte mich und ließ wieder rötliche Blitze aus meinem Unterarm entstehen, welche sich um den Griff legten und die Klinge zum Glühen brachten. So nah wie möglich trennte ich den Teil der Lanze ab, die aus meiner Vorderseite hervorragte.
Das war der einfache Teil. Nun, da ich immer noch mit dem Rücken auf dem Müllhaufen lag, würde es schwierig werden, den Teil abzuschneiden, welcher mich immer noch am Boden festhielt. "Es gibt eine Lücke.", ertönte es von dem Roboter. "Steche mit deiner Klinge unter deinem Rücken hindurch, und zwar genau an der Stelle, wo sich dein rechtes Schulterblatt befindet." "Leichter gesagt als getan", stöhnte ich dumpf vor Schmerz. "Wenn du von dort mit der Klinge in Richtung Verletzung fährst, durchtrennst du den Stab. Pass aber auf, dass du dich nicht selber durchtrennst", ergänzte Xeri, fast schon amüsiert. "Jetzt ist keine Zeit für Scherze", fauchte ich. "Das war doch keiner", entgegnete er lachend. Mir blieb keine andere Wahl, ich musste hier weg. Ich konnte die Luft nur für ein paar Minuten anhalten und einen Weg aus den Gasen musste ich auch noch finden. Ich zog die Energie aus der Klinge zurück, fuhr vorsichtig mit ihr zu meiner Schulter. Tatsächlich gab es eine Lücke unter mir. Ich konzentrierte mich, aktivierte die Klinge wieder und fuhr blitzschnell, mit höchster Genauigkeit unter meinen Rücken.
Ich war frei! Langsam rappelte ich mich wieder auf. Die Zeit verlangsamte sich, als ich meine Sinne ausstreckte. Das dumpfe Stampfen, der Maschinen war immer noch zu hören, ich hörte Stimmen. Sie kamen näher. Blitzschnell sprang ich auf. "Waaas iiissst looos?", jaulte der Roboter auf. "Wir müssen uns beeilen", murmelte ich. Ich war kaum zu hören, da der Roboter als provisorische, Maske diente. Gerade noch rechtzeitig erreichte ich die Tür, die zu der Kammer führte, in der wir uns befanden, als sie aufglitt und zwei Soldaten hervortraten. Ebenso schnell wie ich
