Vondur - Sturm der fünften Sonne - Marcel Willie - E-Book

Vondur - Sturm der fünften Sonne E-Book

Marcel Willié

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Beschreibung

In der Galaxis herrscht Chaos. Machtkämpfe in den Reihen des Vondur-Ordens zollen ihren Tribut. Die Schützende Hand, so geschwächt wie noch nie, sieht sich einer neuen Bedrohung gegenüber, denn aus dem Schatten erhebt sich eine neue Macht, um die Schwäche der Vondur auszunutzen. Auch wenn Ravelin erst am Anfang ihrer Ausbildung zur Vondur steht und lernen muss, ihre besonderen Kräfte zu beherrschen, liegt es an ihr und ihrem Meister, die Situation einzudämmen. Das Schicksal der Galaxis liegt in ihren Händen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2023

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MARCEL WILLIÉ

STURM DER FÜNFTEN SONNE

VONDUR

ROMAN

© 2023 Marcel Willié

ISBN Softcover: 978-3-384-07681-6

ISBN Hardcover: 978-3-384-07682-3

ISBN E-Book: 978-3-384-07683-0

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg,

Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“,

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

GALAXIS

„Es ist der innere Funke, der uns durch die Dunkelheit leitet.“ - Ravelin

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

KAPITEL 1: DIE KÄLTE DES ALLS

KAPITEL 2: DAS HABITAT-SYSTEM

KAPITEL 3: DER RUF DER VONDUR

KAPITEL 4: DER BIENENSTOCK

KAPITEL 5: DER VERDACHT

KAPITEL 6: KIRA

KAPITEL 7: DIE LEHREN DER VONDUR

KAPITEL 8: DER BLUTENDE PLANET

KAPITEL 9: DAS ROTE MEER

KAPITEL 10: OFFENBARUNG

KAPITEL 11: DER SCHEIDEWEG

KAPITEL 12: DIE BEGEGNUNG

KAPITEL 13: IN STEIN GEMEIßELT

KAPITEL 14: TORUBAN

KAPITEL 15: DIE AKADEMIE

KAPITEL 16: DIE BRÜCKE

KAPITEL 17: DIE VERSAMMLUNG

KAPITEL 18: DIE FAMILIE-LIMIONA

KAPITEL 19: DER PLAN

KAPITEL 20: DAS SCHOTT

KAPITEL 21: DIE KAMMER DER GEHEIMNISSE

KAPITEL 22: HALB MASCHINE, HALB MONSTER

KAPITEL 23: AUF UND DAVON

KAPITEL 24: EIN ANKER IM WELTRAUM

KAPITEL 25: KYHRIN

KAPITEL 26: AVARA UND PERILL

KAPITEL 27: AM SAMMELPUNKT

KAPITEL 28: STARTSCHUSS

KAPITEL 29: ABGEFANGEN

KAPITEL 30: STUMMES GESPRÄCH

KAPITEL 31: KREUZFEUER

KAPITEL 32: DIE RHAST-FAMILIE

KAPITEL 33: DAS LEBEN ALS PHÖNIX

KAPITEL 34: DER ORT, DER NICHT EXISTIERT

KAPITEL 35: EIN TANZ IN TRANCE

KAPITEL 36: ANKUNFT

KAPITEL 37: DER WEG DES SCHICKSALS

Vondur - Sturm der fünften Sonne

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Titelblatt

Urheberrechte

KAPITEL 1: DIE KÄLTE DES ALLS

KAPITEL 37: DER WEG DES SCHICKSALS

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KAPITEL 1

DIE KÄLTE DES ALLS

Ich spürte die Kälte des Weltalls. Auch wenn ich geschützt vor dem Vakuum in meiner gemütlich eingerichteten Kabine saß, konnte ich fühlen, wie die tödliche Kälte durch die isolierte Außenhülle drang. Wir waren schon lange unterwegs. Zusammen mit meinem Meister Marccel Mavvus befand ich mich seit mehreren Tagen im Hyperraum. Normalerweise machten mir die langen Flüge quer durch die Galaxis nichts aus. Seit Jahren war ich nicht mehr wirklich unterwegs gewesen und die Ruhe war eine entspannte Abwechslung zu den letzten Wochen. Doch diesmal war ich ungeduldig.

Mit geschlossenen Augen saß ich auf dem dünnen Teppich, der jedoch lang nicht so bequem war, wie ich zunächst vermutet hatte. Der leichte Windzug, den die künstliche Belüftung erzeugte, wehte sachte durch meine langen dunklen Haare, die ich nach hinten über den Rücken fallen ließ. Die Belüftung sorgte ebenfalls für ein leichtes Frösteln. Langsam öffnete ich meine Augen und atmete sanft aus. Ich genoss diese Stille nach all dem, was vorgefallen war. Alles hatte sich verändert.

Eine Vondur, eine Wächterin sollte ich nun werden. Mavvus hatte mich zufällig auf Karana IV getroffen und meine besonderen Kräfte erkannt. Er hatte gemeint, dass ein enormes Potenzial in mir stecke und ich versuchen solle, es kontrolliert einzusetzen. Dabei wollte er mir helfen und hatte mich als seine Schülerin angenommen. Hätte mir jemand das alles vor einem Monat prophezeit, hätte ich ihn für verrückt geheißen.

Rückblickend war das alles aber noch nichts dagegen, was sich in der restlichen Galaxis abgespielt hatte. Vier gigantische Anschläge waren auf wichtige Systeme der Schützenden Hand verübt worden. Mavvus und ich waren hautnah dabei gewesen und konnten einen verhindern. Milliarden von Leben aus dem Karana-System standen in unserer Schuld, dabei wussten sie gar nichts von ihrem Glück beziehungsweise von der tödlichen Gefahr, der sie ausgesetzt gewesen waren. Dass unsere Heldentat von der Bevölkerung unbemerkt blieb, machte mir nichts aus. Manche hätten sich vielleicht dafür feiern lassen, doch mir war ganz und gar nicht danach. Das lag vor allem daran, dass die drei anderen Anschläge trotz aller Bemühungen nicht verhindert werden konnten und zu einem enormen Chaos geführt hatten.

Seit den hinterhältigen Anschlägen in der Galaxis gab es keine freie Minute mehr für meinen Meister.

Marccel Mavvus hatte mich aufgenommen und mir seitdem eine Zuflucht geboten. Zeitgleich musste er den Anweisungen der Schützenden Hand folgen und mehrere Systeme besuchen. Je mehr ich darüber nachdachte, umso surrealer wirkte meine Situation. Wie war es dazu gekommen, dass ich hier in einem neuen Quartier auf dem kalten Fußboden saß und durch die Panoramascheibe die abstrakten Formen des türkisblauen Hyperraums betrachtete?

Ich stand aus dem Schneidersitz auf und ließ meinen Blick schweifen. Neben dem schmalen Bett und einem kleinen Tisch, auf dem ich meine Sachen abgelegt hatte, befand sich nur noch ein Kleiderschrank in dem Raum. Die Red Sky war kein Luxushotel, aber auf dem Schiff war es sauber und das reichte mir. Der rötliche Stoff der Bettdecke und des Teppichs, der kurz vor dem Fenster endete, sorgte für ein wohliges Gefühl. Das Einzige, woran ich mich gewöhnen musste, war meine Kleidung. Mavvus hatte mir kurz nach dem Aufbruch meine neue Ausrüstung überreicht. „Eine Vondur muss auch als solche erkennbar sein“, hatte er zu mir gesagt. Mir war es schleierhaft, wie er so schnell an die Kleidung gekommen war. Ich trug eine eng anliegende schwarze Hose und eine ebenso eng anliegendes dunkelblaues Oberteil, das jedoch keine Ärmel besaß.

Stattdessen besaß ich zwei Schulterplatten sowie zwei Armschienen aus Krystahl. So hatte Mavvus die vier Rüstungsteile beschrieben. Ein Teil meiner beiden Oberarme sowie die Ellenbogen lagen immer frei. Vermutlich war dies der Hauptgrund für mein Frösteln. Umso mehr hieß ich es gut, einen Umhang bekommen zu haben, der an meinen Schulterplatten befestigt war und in den ich mich kuscheln konnte. Ich empfand diese Ausrüstung als seltsam, doch ich wollte meinem Lehrer nicht schon von Anfang an Widerrede leisten. Einen Schabernack hatte ich mir jedoch erlaubt. Ich hatte das untere Stück meines Oberteils abgeschnitten und mir daraus einen kleinen Rock gebunden. Auch wenn Mavvus es nicht offen gezeigt hatte, war er über meine modische Anpassung meines Gewands leicht verärgert gewesen.

Mein Blick fiel auf ein Buch, das vor mir aufgeschlagen auf dem rötlichen Teppich lag. Ja, ein Buch. Ich war auch erstaunt gewesen, als mir mein Meister dieses altertümliche Relikt in die Hand gedrückt hatte. Auf der Akademie der Schützenden Hand hatte ich selbstverständlich schon so einige Aufzeichnungen und Schriftwerke durcharbeiten müssen, doch eigentlich wurde alles digital aufbewahrt. Aber dieses Buch war anders. Es war auch nicht in der zentralen oder einer sonst genutzten Sprache verfasst, sondern in der alten Sprache der Vondur. Das hatte mir Marccel Mavvus zumindest verraten. Den Rest sollte ich selbst herausfinden. Seit unserem Start auf Cyyron grübelte ich über die kryptischen Zeichen. Keines davon kam mir bekannt vor. Langsam gab ich es auf, die altertümlichen Runen den Buchstaben der zentralen Sprache zuzuordnen. Genervt schob ich das Buch zur Seite.

In diesem Moment glitt die Tür meines Quartiers zischend zur Seite. Erschrocken wirbelte ich herum. Ich fühlte mich ertappt, was vermutlich damit zu tun hatte, dass ich vorzeitig mit dem Übersetzen der Vondur-Texte aufgehört hatte. Zu meiner Erleichterung blickte ich nicht in die mahnende Miene meines Meisters, sondern in das freundlich wirkende Gesicht eines Roboters. Gesicht ist zwar eine etwas übertriebene Bezeichnung für den blau leuchtenden, augenähnlichen Energiekern des kleinen schwebenden Roboters mit dem prismaähnlichen Gehäuse. Auch wenn der Droide nur aus diesem Energiekern bestand, fand ich die Bezeichnung zutreffend. Also bestand Xeri nun offiziell nur aus einem freundlichen Gesicht. So hieß der Roboter, der meinen Meister überallhin begleitete. „Hallo, Ravelin, ich möchte dich aus deiner Langeweile befreien“, sagte der Roboter mit einer leicht mechanisch klingenden Stimme. Der schwebende Droide war mir bereits nach kurzer Zeit ans Herz gewachsen. Denn er war erstaunlich oft zu Scherzen aufgelegt, vor allem wenn man berücksichtigte, dass er ein Roboter war.

„Ich weiß nicht, ob du die öden Stunden mit diesem Buch wieder wettmachen kannst“, murmelte ich und machte eine einladende Handbewegung. Der Roboter verstand die Geste und schwebte lautlos herein. Die Zimmertür verschloss sich automatisch, als der Droide die Schwelle passiert hatte. „Vermutlich hast du recht, die Vondur-Lehren langweilen zu Tode“, meinte der Roboter, schwebte zu der Fensterscheibe und spähte hinaus in das wilde Treiben des Hyperraums. Ich ertappte mich dabei, wie der Roboter tatsächlich ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert hatte. Es war schon merkwürdig, diese abwertenden Worte über die Vondur-Lehren ausgerechnet vom ständigen Begleiter eines Wächters zu hören.

„Darum werde ich dich aus deiner einsamen Langeweile befreien“, fuhr der Roboter fort, schwebte zur Mitte der Fensterscheibe und drehte sich zu mir um. „Und zwar genau jetzt.“ Schlagartig verschwanden die Formen des Hyperraums und das grell leuchtende Blau wich dem pechschwarzem Hintergrund des Weltalls. Verwundert blickte ich an dem zwei Fäuste großen Droiden vorbei, hinaus durch die Scheibe. Es dauerte etwas, bis meine Augen die leuchtenden Punkte in der Ferne erkannten. Die Sterne erzeugten eine bezaubernde Atmosphäre. Ebenfalls in der Ferne zeichnete sich ein kleiner Planet ab. Die gelbliche Farbe sah vor dem dunklen Hintergrund befremdlich aus.

Soweit ich wusste, war dieser Planet unbewohnt. Das konnte man von der Raumstation davor nicht behaupten. Das Habitat-System machte seinem Namen alle Ehre. Ich hatte schon einiges über dieses Sonnensystem gehört. Die zwei Planeten waren nicht der Rede nicht, zu klein und unbewohnt. Hingegen waren die ringförmigen Raumstationen mehr als atemberaubend. Diese Meisterwerke der Weltraumarchitektur befanden sich auf einer engen Umlaufbahn und umspannten die Sonne komplett, ähnlich wie ein kleiner Asteroidengürtel einen Planeten umspannen konnte. Doch statt eines einzigen Ringes besaß die Sonne des Habitats ganze sechs davon. Nirgendwo sonst in der Galaxis lebten so viele Menschen auf einem Fleck. Hauptsächlich Menschen und Roboter, denn Nichtmenschen waren dort vermutlich keine zu finden, ein Resultat der Herrschaft der Vondur.

Ich spürte, wie das rhythmische Surren des Schiffsantriebs langsam abflaute und einem kaum hörbaren Vibrieren wich. „Wir sind da, Ravelin. Komm bitte ins Cockpit“, ertönte es über die Lautsprecher. Die Stimme gehörte eindeutig Marccel.

Ich warf einen letzten Blick auf die majestätische Konstruktion und drehte mich schließlich um, in Richtung Tür. Dabei fiel mein Blick auf das am Boden liegende Buch, das ich zur Seite gestoßen hatte. Auch wenn ich es nicht mochte, war das kein angemessener Platz dafür. Ich streckte meine Hand aus und schloss die Augen. Mavvus hatte gesagt, dass es mir durch solche kleinen Übungen mir leichter fallen würde, meine Kräfte unter Stress zu kontrollieren. Langsam atmete ich aus, öffnete meine Augen wieder und konzentrierte mich. Mehrere grünliche Blitze erschienen wie aus dem Nichts um meinen Unterarm, schlängelten sich zu meiner Handfläche und kräuselten sich um die Finger.

Obwohl ich mehr als einen Meter von dem Buch entfernt war, setzte es sich langsam in Bewegung. Dies war den gleichfarbigen Blitzen geschuldet, die ebenfalls aus dem Nichts erschienen waren und sich um das Buch gelegt hatten. Die Energieladungen folgten meiner Handbewegung, und das altertümliche Relikt blieb sachte auf meiner Ablage stehen. „Wie ich sehe, machst du Fortschritte“, meinte Xeri fast schon jubelnd. Diesmal veränderte sich mein Gesichtsausdruck nicht. „Wenn ich das von Mavvus hören würde“, seufzte ich und setzte mich in Bewegung. Die Blitze um meinen Unterarm und das Buch verschwanden, so schnell wie sie erschienen waren, und hinterließen keine Spuren. Niemand, der nicht zugesehen hatte, würde nachvollziehen können, wie das Buch dorthin gelangt war.

Schnellen Schrittes ging ich den Gang der Red Sky in Richtung Cockpit. Red Sky, das war der Name des Shuttles meines neuen Meisters, ein V17-Vondur-Shuttle, schnell, wendig und groß genug für zwei Kabinen, eine Küche, einen kleinen Laderaum, einen Aufenthaltsraum und natürlich für das Cockpit. Kein Raumschiff, das ich kannte, hatte den Spagat zwischen Komfort und Kampftauglichkeit so gut gemeistert wie dieses, und beides wurde ihm ohne Zweifel abverlangt. Mein Bauchgefühl ließ mich vermuten, dass seine Kampftauglichkeit schon bald unter Beweis gestellt werden würde.

KAPITEL 2

DAS HABITAT-SYSTEM

Als ich das Cockpit des Shuttles betrat, saß Marccel Mavvus auf dem Pilotensitz und hatte den Steuerknüppel fest in der Hand. Er hatte ähnlich dunkles Haar wie ich, jedoch deutlich kürzer geschnitten. Er trug ähnliche Kleidung und hatte seine Schulterplatten ebenfalls angelegt. Auf seinem Rücken waren zwei Schwerter befestigt, deren Griffe über die Schultern ragten. „Wir sind da. Warst du schon mal im Habitat-System?“, fragte er. Seine Stimme war mir mittlerweile vertraut. Sie hatte etwas Warmherziges an sich – mehr als untypisch für einen Vondur. Die Wächter galten eigentlich als brutale, egoistische, mit übermenschlichen Kräften ausgestattete Wesen, die sich um niemand anderen scherten und über Leichen gingen. Das war ihr Ruf und dieser war mehr als gerechtfertigt.

Nur mein Meister und seine Freundin, die ich ebenfalls schon kennenlernen durfte, waren anders. Sie teilten meine Auffassung, dass der egoistische und aggressive Weg der Vondur falsch war, und sie hatten mir versprochen, mit mir zusammen die Schützende Hand von innen heraus zu verändern, und zwar zu einer gerechten, fürsorglichen Fraktion. Dieses Versprechen war zwar gar nicht so lange her, doch ich zweifelte jetzt schon daran, ob es jemals Wirklichkeit werden würde.

„Nein, aber ich habe schon einiges gehört. Hauptsächlich Gutes“, antwortete ich, stellte mich neben seinen Sitz und starrte durch die Frontscheibe auf die endlosen Raumstationen. Marccel nickte: „Das Meiste davon ist wahr. Diese Stationen bieten einen enormen Lebensstandard. Sie besitzen nur eine einzige Ebene, die die gesamte Sonne umspannt. Dort befinden sich kleine Häuser und künstliche Gärten. Wenn man nach oben blickt, schaut man direkt in das Weltall …“ „… Nur ein kaum sichtbares Kraftfeld trennt die künstliche Atmosphäre und die Bewohner vor dem Vakuum“, vervollständigte ich den Satz. Ich wusste, dass er es nicht mochte, unterbrochen zu werden, doch er tadelte mich dafür auch nicht. Etwas Ungehorsam, den ich mir erlauben durfte. Er nickte nur zustimmend und lenkte das Raumschiff in die Richtung der Raumstationen.

Ein leises Zischen direkt hinter mir ließ mich zusammenzucken. „Hab ich dich erschreckt?“, entschuldigte sich Xeri, der blitzschnell hereingeflogen war. Der Roboter war flink und wendig wie eine Fliege auf Danastare, einen Dschungelplaneten, den ich nur ungern wiedersehen würde. „Was genau machen wir hier?“, fragte ich schließlich und ergänzte: „Ich dachte, wir haben alle Aufträge erledigt.“ Während sich das Schiff weiter der Station näherte, blickte mich Mavvus mit seinen strahlend blauen Augen an und erklärte: „Ja, die Aufträge sind abgeschlossen. Da das Zentrum und mit ihm der Vondur-Rat bei dem Anschlag vor Kurzem zerstört wurden, gibt es eine Versammlung der Vondur, um die Mitglieder eines neuen Hohen Rates zu bestimmen.“

Die Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich meinte nicht die Sache mit dem neuen Rat oder den Vondur, sondern die Tatsache, dass das Zentrum zerstört war. Klar hatte ich das gewusst, schließlich gehörte ich zu den Ersten, die davon mitbekommen hatten, aber dennoch lösten diese Worte etwas in mir aus. Das ehemalige Zentrum der Schützenden Hand war zerstört worden und mit ihm mein Heimatplanet Satora. Seit Jahren war ich dort nicht mehr gewesen. Es gab zwar weder Verwandte noch sonst jemanden, der mir etwas bedeutete, aber es hingen so einige Erinnerungen an diesem Planeten, gute wie schlechte. Das alles war ausradiert worden durch einen feigen Anschlag, für den niemand zur Rechenschaft gezogen werden konnte.

Ich kämpfte dagegen an, eine Träne zu vergießen, doch es fiel mir schwer. Ursprünglich wollte ich niemals dorthin zurückkehren. Nun gab es dafür keine Möglichkeit mehr, doch irgendwie schmerzte diese Endgültigkeit. „Du hast bei dem Angriff doch niemanden dort verloren, oder?“, fragte Mavvus besorgt. Er hatte meinen Gefühlsumschwung gespürt, dessen war ich mir sicher. Für einen voll ausgebildeten Vondur war es ein Leichtes, die Gefühle anderer wahrzunehmen und zu deuten. „Eine Erinnerung an jemanden, habe ich verloren.“ Mavvus schien zu spüren, dass noch mehr dahintersteckte, doch er entschied sich, nicht weiter nachzuhaken.

„Die Versammlung der anderen Vondur findet also hier im Habitat-System statt“, fasste ich zusammen. „Nein“, meldete sich Xeri zu Wort und schwebte voller Elan in mein Sichtfeld. Er meinte: „Die Vondur trauen sich nicht gegenseitig. So viele Wächter an einem Ort bergen eine große Gefahr für einen Hinterhalt oder eine Intrige. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Habitat-Raumstationen ziemlich anfällig für einen Angriff sind, handelt es sich dabei um einen der schlechtesten Orte für so ein Treffen.“ Meine Schlussfolgerung war zu voreilig gewesen. Innerlich rügte ich mich selbst für meine vorlaute Antwort.

„Wie Xeri schon angesprochen hat, ist so ein Treffen mehr als außergewöhnlich und extrem riskant. Selbst wenn die Sicherheitsvorkehrungen alles übertreffen, was du bisher gesehen hast, wird das kein Kinderspiel werden“, meinte Mavvus und steuerte auf einen Bereich der Raumstation zu, der nach einem Hangar aussah.

„Und was wollen wir dann …“ Ein rhythmisches Piepsen unterbrach meine Frage. In die Cockpitscheibe wurde eine Nachricht projiziert. Vermutlich stammte sie von der Weltraumüberwachung der gigantischen Raumstation. „Bitte übermitteln Sie die Sicherheitscodes und den Landebezirk“, las Xeri die Nachricht vor. Marccel tätigte eine Eingabe auf dem Display des Bordcomputers und die Nachricht verschwand. „Und was wollen wir dann hier?“, vervollständigte Xeri meine Frage und richtete sie an meinen Meister. Mavvus schmunzelte und erklärte: „Wir wollten doch die Chance nutzen und etwas bewirken, richtig? Dies wird der erste Schritt in die richtige Richtung sein. Das Habitat-System hat eines der größten Archive der Galaxis und wird nicht regelmäßig von den Vondur überprüft. Meine Hoffnung ist, dass wir hier etwas über Mobblrator herausfinden, und zwar noch bevor das Treffen der Vondur stattfindet.“

Als ich diesen Namen hörte, schauderte es mich. Diesen Mann, Mobblrator, hatten wir kurz nach dem Anschlag weit im abgelegenen Raum gefunden. Besser gesagt, seinen Geist. Ich hatte nicht richtig verstanden, wer Mobblrator war und was er vorhatte, doch er schien etwas im Schilde zu führen. So wie es aussah, war er derjenige, der die Anschläge ins Rollen gebracht hatte. „Was genau werden wir in den Archiven finden, oder wonach soll ich suchen?“, fragte ich und ließ mich auf den Copilotensitz fallen. „Ich möchte alle Sagen und Legenden finden, die es über den ehemaligen Vari gibt“, erklärte Mavvus.

Das Wort Vari war mir bis vor Kurzem unbekannt gewesen. Mavvus hatte mir erklärt, dass ein Vari dieselben Kräfte wie ein Vondur besaß. Angeblich waren sie seit Jahrtausenden von den Vondur ausgelöscht worden. Mobblrator aber anscheinend nicht.

„Was genau soll das bringen?“, fragte ich weiter, in der Hoffnung endlich den ganzen Plan zu erfahren. „Ich möchte die Aufzeichnungen aus dem Habitat-Archiv mit den zensierten Aufzeichnungen der Vondur abgleichen. Der Vondur-Rat untergräbt Nachforschungen in diese Richtung und hält wichtige Informationen unter Verschluss. Eventuell finden wir hier heraus, was der Hohe Rat der Vondur versucht zu verschleiern, außerdem können wir so vielleicht entdecken, was dieser Vari geplant hat.“ Irgendwie kam ich nicht mit. Ich verstand nichts von dem, was Mavvus mir zu erklären versuchte. Ich war erst vor ein paar Tagen richtig in die Welt der Vondur eingetaucht. Für gewöhnlich bekam man von ihnen nur sehr wenig mit. Ich hatte offensichtlich noch einiges zu lernen.

„Keine Sorge, du wirst es verstehen“, meinte Mavvus beschwichtigend. Erneut hatte er meine Stimmungslage richtig eingeschätzt. Das war mit das Erste, was ich lernen wollte. Wie um alles in der Welt schaffte er, meine Gefühle und Stimmung zu spüren, ohne mich auch nur anzusehen? Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, weder für meine Ausbildung noch für unser Vorhaben hier.

Ich beschloss, mir keine weiteren Gedanken darüber zu machen, und betrachtete stattdessen die immer größer werdende Raumstation. Der Ring war flach, was dafür sprach, dass er wirklich nur eine Ebene besaß. Einzig bei dem als Hangar dienlichen Bereich schien die Raumstation etwas höher zu sein. Mehrere Gebäude konnte ich erkennen, als wir darüber hinweg flogen. Sie waren nicht sehr groß, und es schien sich um luxuriöse Villen zu handeln. Nicht weit entfernt stach jedoch ein Gebäude hervor. Es wirkte wie eine riesige Bienenwabe. „Ja, das ist das Archiv“, erklärte Xeri, der meinen fragenden Blick bemerkt hatte. Ich stieß einen erstaunten Pfiff aus und ließ meinen Blick weiter über die Station wandern.

Zu meiner Überraschung befanden sich zahlreiche Geschütze am äußeren Rand der Station. Hatte Xeri nicht gerade gemeint, die Habitat-Stationen wären ein leichtes Ziel für einen Angriff? Auch wenn diese Lasertürme aus der Entfernung wie Zahnstocher aussahen, war ich mir sicher, dass sie es mit einigen Schiffen aufnehmen konnten.

Die Red Sky näherte sich dem Hangar, und eine Projektion in der Frontscheibe markierte den zugewiesenen Landebereich. Mit dem routinierten Drücken einiger Knöpfe fuhren die Landevorrichtungen des Raumshuttles aus, und es setzte sanft auf dem stählernen Boden auf. Mavvus stand auf, richtete seinen Umhang und deutete mir, ihm zu folgen. Einerseits war ich froh, das Schiff zu verlassen, doch mich in einem Archiv durch Dutzende Einträge durchzuwühlen, war nicht wirklich nach meinem Geschmack. Fast wäre ich lieber da geblieben und hätte weiter über das Buch gegrübelt. Das Buch! Beim Vorbeigehen an meinem Zimmer kam mir ein Gedanke. Falls mir das Stöbern im Archiv zu langweilig werden würde, konnte ich zumindest an dem Buch weiterarbeiten.

Noch bevor ich mein Zimmer betreten hatte, rief Mavvus über seine Schulter: „Nimm deine Waffe mit. Eine Vondur verlässt niemals unbewaffnet ihr Schiff.“ Meine Waffe! Diese hatte ich völlig vergessen. Ich betätigte den Schalter der Tür und diese glitt zur Seite. Im Inneren meiner Kabine hatte sich nichts verändert, nur die Aussicht durch das Fenster war jetzt eine andere. Statt der imposanten Raumstation schaute ich nun auf einen rostigen Transporter, der gerade von mehreren Robotern entladen wurde. Die Landebuchten waren wohl überall gleich: immer Frachter, immer Wartungsdroiden.

Ich beugte mich herunter und nahm den pechschwarzen Bogen, der an mein Bett gelehnt war. Das kühle Metall schmeichelte in der Hand. Die Waffe war aus Krystahl so wie meine Rüstungsplatten und die Schwerter meines Meisters. Mit diesem Bogen konnte ich die durch meine Kräfte erzeugten Blitzladungen gezielt auf einen Gegner feuern. Eine sehr seltene Waffe, hatte Mavvus gemeint.

Laut Xeris Erzählungen wurde so eine Waffe schon seit Jahrhunderten nicht mehr von einem Vondur genutzt. Ich würde das ändern. Der Bogen war etwas Besonders für mich. Ein Erinnerungsstück an eine gute Zeit. Eine Zeit vor dem Schicksalsschlag, der mich von meinem Heimatplaneten vertrieben hatte. Alleine der Gedanke daran, was damals auf Satora vorgefallen war, erzeugte einen stechenden Schmerz in meiner Brust. Ebenso fühlte ich eine tief sitzende Wut. Mich selbst ermahnend schloss ich die Augen und versuchte meine Gefühle zu bändigen. Schließlich nahm ich den Bogen, befestigte ihn auf meinem Rücken und griff das Buch.

KAPITEL 3

DER RUF DER VONDUR

Als ich die Laderampe hinabstieg, schlug mir eine angenehme Wärme entgegen. Ich streifte den Umhang, in den ich mich eingewickelt hatte, nach hinten und genoss das wohlige Gefühl. Nach langen Flügen wieder innerhalb der Atmosphäre zu sein, und sei es nur eine künstliche, war wie von einem anstrengenden Tag nach Hause zurückzukehren. Zumindest empfand ich das immer so. Unten an der Rampe angekommen, ließ ich meinen Blick durch den Hangar schweifen. Es war deutlich weniger los, als ich erwartet hatte.

Für gewöhnlich herrschte in den Raumhäfen reges Treiben. Dutzende Waren wurden entladen und Passagiere suchten ihre Mitfahrgelegenheiten. Doch hier war es anders. Außer dem einen Frachter, den ich schon durch das Fenster der Red Sky gesehen hatte, war kein anderes Schiff zu sehen. „Wo sind denn alle?“, murmelte ich leicht verwirrt und schloss zu Mavvus auf, der schon vorangegangen war. „Auch wenn Milliarden von Menschen auf dieser Station leben, ist sie auf die Fläche betrachtet sehr dünn besiedelt. Auf einem Kilometer Länge befinden sich vermutlich nicht mehr als Hundert Häuser. Darum ist hier auch nichts los. Einen Hangar gibt es alle fünf Kilometer“, erklärte er. Ich nickte und ließ meinen Blick weiter durch die Halle schweifen.

Ein rostiger Droide stand auf der anderen Seite und schien mit einem Gerät den Boden zu reinigen. Auch wenn alles in dem Hangar sauber war, schien er dennoch etwas heruntergekommen. Irgendwie verwunderlich, wenn man bedachte, wie majestätisch die Raumstation von außen ausgesehen hatte. Mavvus ging schnellen Schrittes voran und ich blieb dicht hinter ihm. Unsere Umhänge wehten in dem Wind unserer schnellen Bewegung. Ein leuchtendes Schild zeigte uns den Weg hinaus aus dem Raumhafen.

Als wir um die Ecke bogen, kamen uns zwei Personen entgegen, die sich miteinander unterhielten. Der Blick des älteren Mannes verharrte auf meinem Meister, und er unterbrach die Unterhaltung mit der deutlich jüngeren Frau. Als diese uns entgegenkommen sah, blickte sie uns verunsichert an. Es gab Dutzende Gerüchte über uns Vondur, daher war es nachvollziehbar, dass die beiden so unsicher reagierten. „Guten Abend, meine Wächter“, stammelte die Frau und deutete mit dem Kopf eine Verbeugung an. Ich lächelte die beiden an und grüßte ebenfalls. Mein Meister hatte sich nicht die Mühe gemacht zu antworten.

Die Reaktion der beiden verriet auch, wieso. Meine Worte, auch wenn sie freundlich gemeint waren, ließen sie zusammen zucken, so, als hätte ich eine Waffe gezogen. Schnell ging ich weiter, um dieser unangenehmen Begegnung zu entfliehen. Warum hatte uns die Frau einen guten Abend gewünscht? Auf einer Raumstation gab es doch eigentlich keinen Tag und keine Nacht, vor allem, wenn sie um die Sonne kreiste. Ich traute mich nicht, diese Frage zu stellen, schließlich hatte ich heute schon einige gestellt. Wir folgten dem Gang, bis dieser schließlich endete und wir uns in einem kleinen Park wiederfanden.

„Wow“, fuhr es mir heraus, als ich nach oben blickte. Über uns war die Sonne zu sehen, ziemlich groß und bedrohlich, aber trotzdem wunderschön. Ihre Einstrahlung wurde durch das Energiefeld abgedämpft, sodass wir nicht geblendet wurden. Außerdem hielt der Energieschirm die künstliche Atmosphäre fest, damit wir problemlos atmen konnten. Vor uns erstreckte sich ein schmaler Kiesweg, der zu einem Häuschen führte. Die gesamte Umgebung wirkte surreal. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so eine Raumstation gesehen.

Wir folgten dem Weg zu dem Häuschen. Dort erwartete uns ein Wachdroide. Er hob die Hand und deutete, wir sollen zu ihm kommen. „Sie wohnen nicht hier“, meldete der Roboter mit einer blechernen Stimme, nachdem er das Bewohnerverzeichnis in Sekundenschnelle überprüft hatte. „Wir sind zu Besuch hier und wollen in das Archiv“, erklärte Mavvus knapp. „Es tut mir leid, aber die Einrichtungen der Habitat-Stationen stehen nur für Anwohner oder eingeladene Gäste zur Verfügung.“ Ich schmunzelte, als der Roboter uns diese Abfuhr erteilte. Nur ein schlecht programmierter Droide konnte es wagen, einen Vondur nicht passieren zu lassen.

Mavvus schüttelte genervt den Kopf und murmelte: „Möchtest du uns aufhalten?“ Der Roboter nickte. „Dafür haben wir keine Zeit. Wir sind Vondur und möchten zum Archiv, schnell“, sagte Mavvus ungeduldig. So angespannt kannte ich meinen Meister gar nicht. Irgendetwas bewegte ihn dazu, seine Nachforschungen schnell hinter sich bringen zu wollen. „Ich kläre das“, meinte ich schließlich und hob meine Hand, damit der Droide zu mir sah. Mavvus nickte zustimmend und erklärte: „Zum Archiv geht es dort entlang, es ist nicht zu verfehlen.“ Der Roboter wollte protestieren, als mein Meister unbefugterweise weiterging. „Bleiben Sie stehen“, rief der Wachdroide und wollte gerade den Alarm auslösen.

„Hey, du“, flüsterte ich. Der Droide hielt inne und blickte wieder zu mir. „Hast du eigentlich die Schulklasse kontrolliert, die vorhin hier entlanggelaufen ist?“ Der Wachroboter sah mich verwundert an. Auch wenn er seine Emotionen nicht mit seinem einfach gestalteten Metallkopf zeigen konnte, war seine Verwirrung nicht zu übersehen. „Welche Schulklasse?“, murmelte er verwundert. „Oh, du bist doch nicht von dem neuen Virus befallen, oder? Wann hast du das letzte Mal ein Systemupdate durchgeführt?“, fragte ich und setzte eine besorgte Miene auf. „Vor zwei Monaten“, erklärte der Roboter, „meine Sicherheitsprotokolle bemerkten keine Anzeichen eines fehlerhaften Systems.“ Ich nickte und sagte mit beunruhigter Stimme: „Ja, das ist typisch für das N94-Virus. Datenverlust sowie fehlerhafte Sicherheitsprotokolle. Du musst unbedingt ein Update durchführen, ansonsten bist du nicht funktionstüchtig und musst ausgemustert werden.“

Bei diesen Worten zuckte der Roboter sichtlich zusammen. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, als der Droide verängstigt nickte und einen Neustart einleitete. Jetzt konnte ich problemlos passieren. Schnell lief ich den Weg entlang in die Richtung, in die Mavvus verschwunden war. Das Systemupdate des Wachdroiden würde ein paar Minuten dauern und seinen Speicher zurücksetzen. Er würde sich weder an mich noch meinen Meister erinnern können und daher keinen Alarm auslösen. Ich war immer wieder erstaunt, wie schlecht und manipulierbar die Programmierungen solcher Droiden waren.

Ich folgte dem Weg und erreichte nach einer halben Minute eine Abzweigung. Geradeaus ging es weiter zu den ersten Wohnhäusern mit gepflegten Gärten. Der Weg nach links führte zu einem großen Gebäude, bei dem es sich um das Archiv handelte. Meinen Meister konnte ich nirgends sehen, vermutlich war er schon dort. Ich würdigte den modernen Wohnhäusern einen letzten Blick und hätte wetten können, in einer der Fensterscheiben den Umriss eines Kindes entdeckt zu haben, doch bei erneutem Hinsehen war er verschwunden. Ich dachte mir nichts weiter dabei und ging auf das Archiv zu. Der gepflasterte Weg führte vorbei an einer Zypresse hin zu einem Brunnen. Diese Raumstation war mehr als außergewöhnlich! Mir gefiel der Ort mehr und mehr. Er war ruhig, sauber und frei von dem lästigen Lärm von irgendwelchen Schwebegleitern oder Raumschiffen.

Am Ende des Weges angekommen blickte ich verdutzt auf das Archivgebäude. Es war noch immer mindestens fünfhundert Meter entfernt, aber ich sah keinen Weg, der dorthin führte. Das Gebäude war gar nicht mit der Raumstation verbunden! Direkt vor mir hörte der Weg auf, und ich stand am Rand der Ebene. Hätte ich meine Hand ausgestreckt, würde ich durch den Energieschild greifen, der das Innere der Station vom Äußeren trennte. Der bienenstockähnliche Koloss schwebte in einer etwas niedrigeren Umlaufbahn um die Sonne und schien dieselbe Rotationsgeschwindigkeit zu besitzen wie die Habitat-Raumstation, auf der ich mich befand. Zwischen uns war die tödliche Leere des Weltalls. Wie sollte ich nun diese überqueren und wie hatte das mein Meister geschafft?

Aufmerksam sah ich mich um. Es musste irgendeine Möglichkeit geben, die Distanz zu überwinden. Mein Blick fiel auf eine kleine Säule, unweit vom Brunnen entfernt. Dort befand sich ein Display. In der zentralen Sprache stand in grüner Schrift geschrieben: „Bitte Ankunftsort wählen.“ Interessiert drückte ich auf das Display, und mehrere holografische Abbildungen wurden dreidimensional in die Luft projiziert: Ein pyramidenähnliches Gebäude mit der Beschriftung „Markt“ sowie ein blattähnliches Konstrukt mit dem Namen „Krankenhaus“ waren zu sehen. Mit einer wischenden Bewegung durch die Luft fuhren die Abbildungen wie ein Karussell zur Seite und das Archiv kam zum Vorschein. Ich tippte auf die vor mir schwebende Abbildung und die Projektion verschwand.

Aus dem Augenwinkel nahm ich eine Bewegung wahr. Verwundert wirbelte ich herum und blickte in die grünen Augen eines kleinen Jungen. Er hatte blondes Haar, trug ein mattes hellblaues T-Shirt und eine weiße Hose. Ich schätzte sein Alter auf ungefähr fünf Jahre. Wo kam dieses Kind her und wie hatte es sich unbemerkt an mich herangeschlichen? „Bist du eine Vondur?“, fragte der Junge mit neugieriger und zugleich ängstlicher Stimme. Zuerst wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ich ging in die Hocke, um mit meinem Kopf auf der gleichen Höhe mit ihm zu sein. „Was machst du denn allein hier draußen?“, fragte ich, anstatt seine Frage zu beantworten. Das Kind wich einen Schritt zurück, fast so, als hätte es Angst, mir in die Augen zu blicken.

„Ich habe dich aus meinem Zimmer beobachtet“, erklärte der Junge, „meine Freunde haben erzählt, dass ein Vondur kommen würde, um unsere Eltern mitzunehmen.“ Diese Antwort verwirrte mich noch mehr. Mir schien es so, als hätte der Junge irgendwelche Gerüchte aufgeschnappt, und er war darüber offenbar besorgt. Ich versuchte mich zu konzentrieren und meine Sinne zu schärfen, so wie es mir mein Meister gezeigt hatte. Ich spürte eine gewisse Angst, die der Junge ausstrahlte. Es fühlte sich so an, als würde ein schwacher Windzug von ihm ausgehen, der auf meiner Haut brannte, genau so wie Mavvus es mir beschrieben hatte. Ob diese Angst von den Gerüchten oder von mir ausgelöst wurde, konnte ich jedoch nicht feststellen. „Keine Sorge, ich nehme dir die Eltern nicht weg“, beschwichtigte ich den Jungen.

Aus der Ferne hörte ich das Knirschen von Kies, das durch die schnelle Abfolge von Schritten erzeugt wurde. Ich richtete mich auf und blickte auf eine heraneilende Frau. Ihre rötlichen Haare wehten bei ihrer Geschwindigkeit. „Gehen Sie weg von meinem Sohn!“, rief die Frau wütend, preschte heran und zog das Kind am Arm von mir weg. Trotz meiner Kräfte vermochte ich ihre Gefühle nicht richtig zu deuten. Jedoch war ich mir sicher, dass sie wütend auf mich war, sich aber ebenso stark fürchtete. Der Ruf, ein Vondur zu sein, eilte den Wächtern immer voraus und sorgte für weit mehr als Respekt.

Ich blieb ruhig stehen und sagte kein Wort, denn ich wollte sie nicht weiter verängstigen. Also blieb ich gelassen und beobachtete, wie die Mutter ihr Kind hinter sich her zurück zum Haus führte. Tatsächlich war ich darüber erstaunt, dass die Mutter mit ihrem Kind zusammen war. Normalerweise kümmerte sich ein Dienstroboter um die Kinderbetreuung, da beide Elternteile arbeiten mussten, aber offensichtlich konnte sich diese Familie nicht nur ein Grundstück im Habitat, sondern auch den Luxus nur eines Erwerbstätigen leisten.

Langsam drehte ich mich um und erblickte eine Glaskabine, die am Ende des Weges stand. Ich vermutete, dass es sich um ein Raumschiff oder Schwebegleiter handelte. Das Gefährt bestand ausschließlich aus einem Glaswürfel und schien keinen Antrieb zu besitzen. Wie war es dann so plötzlich aufgetaucht? Die gläserne Seitenwand fuhr nach oben hin auf und ermöglichte so den Einstieg. Ich zögerte nicht lange und trat hinein.

KAPITEL 4

DER BIENENSTOCK