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Die erste bemannte Marsmission Horizon-I verschwindet, nachdem sie auf eine Struktur stößt, die auf dem Mars nicht existieren dürfte. Kein Notruf. Keine Trümmer. Kein Abschied. Nur eine Funkstelle, die plötzlich leer ist – als hätte jemand den Ton der Menschheit stummgeschaltet. Die Rettungsmission Horizon-II folgt. Sie soll Antworten bringen. Sie bringt Schweigen. Auch ihr Signal bricht ab. Zwei Missionen. Zwei Funkstellen. Und ein Planet, der nichts preisgibt. Erst danach wird ein militärisches Team entsandt – unter der Führung von Terence Wolf. Offiziell geht es um Bergung. Inoffiziell um Gewissheit. Wolf weiß: Menschen verschwinden nicht einfach. Nicht so. Nicht spurlos. Auf dem Mars findet sein Team schließlich die Toten der Horizon-II-Crew. Raumanzüge im Staub. Einschusslöcher. Spuren, die nicht zu Unfällen passen. Doch als die Namen abgeglichen werden, wird klar, was wirklich nicht stimmt: Zwei fehlen. Prof. Samantha Glenn und Dr. Nicole Wolf. Sie sind nicht unter den Gefallenen. Sie sind nicht tot. Und das bedeutet nur eines: Sie müssen noch leben. Aber wo? Zurück bleiben Hinweise auf eine Technologie, die Raum und Zeit nicht respektiert. Auf eine Struktur, die älter ist als jede menschliche Theorie. Und auf die beunruhigende Erkenntnis, dass nicht nur der Mars Teil dieses Rätsels ist – sondern auch die Erde. Je näher Wolf der Wahrheit kommt, desto deutlicher wird: Diese Missionen sind nicht gescheitert. Sie wurden ausgelöst. Und was auf dem Mars begonnen hat, stellt alles infrage, was wir über unsere Herkunft zu wissen glauben. Denn wenn dort oben etwas wartet – wenn diese Struktur nicht fremd, sondern vertraut ist – dann bleibt nur eine Frage, die alles verändert: Woher stammen wir wirklich?
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Rocco Heerklotz
Terence - Wolf - Reihe
Band 4
Alle Personen und Ereignisse im folgenden Werk
sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit
lebenden oder verstorbenen Personen ist rein
zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte beim Autor
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© 2026 Rocco Heerklotz
Alle Rechte vorbehalten.
Titel:Vor uns war der Mars
1. Auflage – 2026
Herstellung und Verlag: epubli GmbH, Berlin
Vertrieb: epubli GmbH, Berlin
Alle Werke wurden vom Autor selbst verfasst. Für die
inhaltliche Gestaltung, den Text, die Bilder und die
dargestellten Szenen liegt das alleinige Urheberrecht
beim Autor.
Bei der Textbearbeitung kamen gängige digitale
Werkzeuge zur Rechtschreib- und Stilprüfung zum
Einsatz.
Einige Illustrationen wurden mithilfe einer KI-gestützten
Bildassistenz nach Vorgaben des Autors erstellt.
Alle Rechte an Text und Bild verbleiben vollständig beim
Autor.
Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen, Orten oder
Ereignissen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Gedruckt in der Europäischen Union.
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Inhaltliche Triggerwarnung &
Spoilerhinweis
Dieses Buch enthält Szenen, die emotional belastend wirken können. Darunter Darstellungen von Gewalt, Entführung, Tod, seelischem Trauma und psychischer Belastung.
Einige Kapitel beinhalten zudem detaillierte Beschreibungen militärischer Einsätze und deren Folgen. Leser, die sensibel auf solche Themen reagieren, sollten mit Bedacht lesen oder gegebenenfalls Pausen einlegen. Da dieses Werk Teil einer fortlaufenden Reihe ist, können Spoiler zu vorherigen Bänden vorkommen. Wer die Vorgeschichte erleben möchte, sollte zunächst die Bücher „Der Sinn im Spiegel“, „Die vergessenen Geheimnisse von Amaterasu“ und „Der letzte Wachposten“ lesen.
Dieses Buch beinhaltet Gewaltdarstellung, Beleidigung,
Alkoholkonsum, sexuelle Anspielungen,
Kampfhandlungen, Mord, Schussfeuer, Tod, verbale
Ausdrucksweise, Entführungen
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www.roccoheerklotz.de
Der letzte Himmel des Mars
Kapitel 1
Ein Wind, so fein wie Staub, zog über die kahlen Ebenen. Er trug den Geruch von Eisen und Asche, die Erinnerung eines sterbenden Planeten. Am Horizont glühte das Licht zweier Sonnen in einem letzten Versuch, den Himmel zu halten – matt, brüchig, als würde er jeden Augenblick zerfallen.
Unter dieser fahlen Kuppel arbeiteten Gestalten. Silhouetten aus Licht und Schatten, gehüllt in metallische Rüstungen, die kaum mehr die Hitze abhielten, die aus dem Riss unter ihren Füßen stieg. Sie errichteten etwas, das älter war als Sprache – eine gewaltige Struktur aus schwarzem Gestein, das nicht aus diesem Teil des Planeten stammte. Der Stein vibrierte, wenn man ihn berührte, als würde er sich erinnern. Im Inneren der Kammer flackerten bläuliche Linien über die Wände. Piktogramme, eingeritzt mit Präzision und Bedeutung: Spiralen, Kreise, Sternkonstellationen – und ein Symbol, das an ein Auge erinnerte, geöffnet in Richtung des Himmels. Jede Linie leuchtete kurz auf,
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sobald der Staub darüber fegte, als hätte der Wind selbst verstanden, dass hier etwas Bedeutendes entstand. Dann bebte der Boden.
Ein dumpfer Schlag kam aus der Tiefe, gefolgt von einem Klang, der wie ein Atemzug des Planeten wirkte – heftig, unregelmäßig, voller Schmerz. Risse zogen sich durch den Boden, glühend wie geschmolzenes Glas. Einer der Arbeiter blickte nach oben: Der Himmel hatte sich verändert. Dort, wo die dünne Atmosphäre endete, schob sich ein dunkler Schimmer zwischen Licht und Leere. Er wirkte wie ein Schatten, der wuchs.
In der Ferne brachen Türme zusammen. Die alte Stadt – eine Ansammlung geometrischer Bauwerke, von Kanälen durchzogen, die längst ausgetrocknet waren – versank in Staub. Es gab keine Schreie, keine Panik. Nur diesen lautlosen Entschluss, fertig zu werden, bevor das Ende sie erreichte.
Das Tor wuchs aus dem Sand wie ein Monument gegen die Vergänglichkeit. Zwei massive Säulen trugen einen Bogen, der von innen heraus leuchtete. Das Leuchten pulsierte, als würde das Tor atmen. Jeder Puls zog Funken aus der Luft, ließ sie an den Glyphen entlangtanzen. Der Boden vibrierte stärker, der Wind verwandelte sich in einen Strom aus roten Partikeln, die sich kreisend um die Säulen legten.
Ein Donnerschlag. Dann eine zweite Erschütterung, diesmal aus dem Himmel. Etwas traf den Planeten – oder trat aus ihm hervor. Die Sonne flackerte, als hätte sie ihren Halt verloren. Flammen peitschten durch den Himmel, und der Sand verwandelte sich in Glas. Doch das Tor blieb bestehen.
Die Arbeiter – oder was von ihnen übrig war – richteten sich auf. Einer von ihnen trat an die Schwelle, legte eine
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Hand auf die glühende Oberfläche. Die Glyphen änderten ihre Farbe – von Blau zu Gold – und begannen sich zu bewegen. Zeichen lösten sich, glitten über den Stein, ordneten sich neu, bis ein Wirbel entstand, der nach innen zog. Dahinter war kein Raum mehr – nur Stille, Tiefe und ein Licht, das jede Form verschluckte. Ein gellendes Kreischen hallte durch die Täler, gefolgt von einer Druckwelle, die kilometerweit über die Ebene jagte. Der Mars schrie. Die Luft – oder das, was von ihr blieb – riss über den Boden hinweg. Felsplatten wurden zerfetzt, ganze Krater sprangen auf, als versuche der Planet, sich selbst zu verschlingen. Und dann – für einen Augenblick – erstarrte alles.
Das Tor leuchtete so hell, dass selbst die Schatten Farbe bekamen. Etwas trat hindurch. Keine Gestalt, kein Körper. Nur Bewegung, Energie, ein Nachhall aus Gedanken. Dann verschwand es, und das Tor begann zu erlöschen.
Staub fiel wie Regen. Die Winde legten sich. Der Planet atmete zum letzten Mal.
Als das Licht der Sonne erlosch, glimmte nur noch ein Zeichen am Fuß der Säule: das Auge, halb geschlossen, als würde es warten. Darunter, in den Staub geritzt, drei Zeichen – kaum sichtbar, aber unauslöschlich: „Wir gehen voraus.“
Der rote Horizont
Kapitel 2
Gegenwart. Auf der Erde
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Der Duft von gegrilltem Fleisch mischt sich mit frischer Sommerluft. In Samanthas Garten glühen die Kohlen, über dem Rasen flattern zwei amerikanische Flaggen, die George in den Boden gesteckt hat. Es ist einer dieser Tage, an denen alles leicht wirkt – selbst die Stille. Nur das Zirpen der Grillen und das gedämpfte Lachen aus dem Haus begleiten die Wärme.
Auf der Terrasse hat George einen Fernseher aufgestellt. Das Gerät steht auf einem Gartentisch, das Kabel führt durch das Fenster ins Wohnzimmer. Über den Bildschirm flimmern die Logos der NASA, darunter eine Laufschrift:
Live – Horizon-I – Erster bemannter Landeversuch auf dem Mars.
„In zehn Minuten beginnt die Übertragung aus Houston“, sagt George, der sich gerade ein neues Bier öffnet. „Dann beeil dich und grille schneller, sonst ist das Fleisch kalt, wenn Geschichte geschrieben wird“, erwidert Samantha, während sie einen Teller mit Gemüse vom Tisch nimmt.
Mariana kommt aus dem Haus, eine Hand auf dem gewölbten Bauch. „Ich schwöre, dieser Kleine bewegt sich, sobald jemand ‚Mars‘ sagt.“
„Vielleicht will er Pilot werden“, grinst George. „Oder Präsident. Ich gebe mich mit allem zufrieden, solange er rechtzeitig schlafen lernt“, murmelt Wolf nebenbei.
Sie lachen. Es ist ein einfaches, ehrliches Lachen, das von Ruhe erzählt – eine Ruhe, die sie alle brauchen. Nach Jahren voller Operationen, Verlust und Geheimnisse fühlt sich dieser Nachmittag wie eine Rückkehr an. Nicole Wolf sitzt am Rand der Terrasse, den Laptop auf den Knien, ein Glas Eistee neben sich. „Sie schicken
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Telemetrie-Daten parallel raus“, sagt sie beiläufig. „Ich könnte sie live mitlesen.“
Samantha hebt eine Augenbraue. „Kannst du auch mal nicht arbeiten?“
„Das ist Freizeit für mich.“
George verdreht die Augen. „Ich habe früher auch geglaubt, dass Arbeit Entspannung ist. Dann bin ich älter geworden.“
Im Hintergrund plätschert das Radio, jemand spielt Gitarre. Es ist eine schöne Melodie, ruhig, und sie passt gut in dieses Bild aus Wärme und Normalität. „Na los, setz dich endlich“, sagt Samantha und klopft auf den Stuhl neben sich.
George legt die Grillzange ab, nimmt einen tiefen Atemzug und setzt sich. „Alles bereit.“ „Wie lange war der Flug jetzt? Sieben Monate?“, fragt Mariana.
„Ziemlich genau“, sagt Nicole. „Und die Signallaufzeit heute liegt bei gut vierzehn Minuten. Was wir gleich sehen, ist schon Vergangenheit.“
„Vierzehn Minuten“, wiederholt Samantha. „So lange braucht das Licht, um uns zu erreichen. Verrückt, oder?“ „Das Universum hat Humor“, murmelt George. Der Bildschirm wechselt zur Live-Übertragung. Man sieht das NASA-Logo, dann das Kontrollzentrum in Houston – Reihen von Konsolen, Monitore, konzentrierte Gesichter. In einer Ecke der Welt fliegen fünf Menschen gerade durch eine dünne Atmosphäre, und die Erde hält den Atem an.
„T-minus fünf Minuten bis zur Landung“, sagt der Kommentator.
Mariana streicht über ihren Bauch. „Er hört das mit. Ich schwör’s.“
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Terence lächelt. „Dann merkt er sich, wie es klingt, wenn die Menschheit Geschichte schreibt.“ Nicole schiebt den Laptop beiseite und richtet sich auf. „Ich kann es kaum glauben, dass wir das wirklich erleben.“
Samantha nickt. „Ich erinnere mich, wie ich als Kind die Aufnahmen vom Mond gesehen habe. Mein Vater hat damals gesagt: Wenn Menschen dort stehen können, dann ist nichts mehr unmöglich.“
William nippt dabei augenrollend an seinem Glas, als seine Tochter ihn zitiert.
Der Kommentator spricht weiter: „Triebwerke stabil … Eintritt in die Marsatmosphäre bestätigt …“ Die Kamera schaltet auf eine Grafik: eine rote Kugel, eine weiße Linie, ein winziger Punkt, der sich seinem Ziel nähert.
„Wie fühlt sich das wohl an?“, fragt Mariana leise. „Wie sterben und geboren werden gleichzeitig“, sagt Nicole.
George nickt langsam. „Oder wie der erste Sprung aus einem Flugzeug. Du weißt, es ist zu spät zum Nachdenken.“
„Trennung des Hitzeschildes – Geschwindigkeit sinkt – alle Systeme nominal …“, hallt es aus dem TV. Im Hintergrund hört man ein dumpfes Grollen – nicht vom Himmel, sondern aus den Lautsprechern. Die Kamerabilder flackern, zeigen den Blick aus dem Cockpit: rote Wirbel, Staub, ein Lichtschleier. „Halt durch, Mädchen“, murmelt Samantha, als könne Commander Hale sie hören.
General William Glenn sitzt in einem Gartenstuhl ein Stück abseits, eine Sonnenbrille auf der Nase, die Hände verschränkt über einem Glas Eistee mit Eiswürfeln,
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Trinkhalm und einem Schirmchen. Er beobachtet das Geschehen mit jener Mischung aus Skepsis und stiller Neugier, die man bei Männern findet, die zu oft miterlebt haben, wie Pläne scheitern und trotzdem wieder funktionieren.
„Na sieh mal einer an“, brummt er, als der Kommentator den Eintritt in die Marsatmosphäre ankündigt. „Drei Milliarden Dollar, fünf Jahre Vorbereitung – und sie landen im größten Sandkasten des Sonnensystems.“ Samantha grinst. „Immerhin tun sie es ohne Waffen, Dad.“
„Gib ihnen Zeit“, erwidert er trocken. „Irgendwer wird da oben schon ein Stück Land beanspruchen wollen.“ George lacht leise. „Immer der Optimist.“ „Ich bin Realist, Major. Wenn Menschen irgendwo hingehen, nehmen sie ihre Probleme mit.“ Mariana kichert, während sie sich auf den Stuhl sinken lässt. „Ich wünschte, mein Vater hätte deinen Humor.“ „Das ist kein Humor, junge Dame“, sagt Glenn, ohne die Sonnenbrille abzunehmen. „Das ist Überlebensinstinkt.“ Nicole, die mit halb offenem Laptop neben ihm sitzt, schüttelt den Kopf. „Man könnte auch sagen, die Menschheit wächst gerade über sich hinaus.“ „Oder sie stolpert nur höher als sonst“, murmelt er, nippt am Eistee und fügt dann mit einem schiefen Lächeln hinzu: „Aber gut – besser stolpern als stillstehen.“ Als der Moderator die letzten Sekunden der Landung zählt, lehnt sich der General vor. „Wenn sie gleich aufsetzen, hoffe ich, einer denkt daran, den Blinker zu setzen.“
Samantha schlägt ihm spielerisch gegen den Arm. „Du bist unmöglich.“
„Ich bin ehrlich“, entgegnet er. „Ehrlichkeit ist im
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Weltraum selten geworden“, hebt William dabei den Zeigefinger.
„Zündung der Landetriebwerke in … drei, zwei, eins …“, knistert es aus dem Fernseher.
Ein greller Blitz, dann Staub, dann Stille. Sekundenlang ist nur das Pochen eines Herzschlags zu hören – vielleicht ihres eigenen.
Dann hallt der Satz über die Lautsprecher: „Touchdown bestätigt!“
William Glenn lächelt – kaum sichtbar, aber echt. „Na schön“, sagt er. „Dann hoffen wir, sie finden wenigstens eine Tankstelle.“
Der Jubel im Kontrollzentrum füllt den Garten. Menschen umarmen sich, lachen, weinen. Mariana klatscht in die Hände, Terence hebt sie halb an, obwohl sie protestiert. George steht auf und legt Samantha einen Arm um die Schultern. „Geschafft.“
Sie nickt, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. „Wir sehen die Oberfläche des Mars“, sagt der Kommentator. „Das erste Kamerabild von Horizon-I.“ Die Leinwand zeigt rötlichen Staub, flache Ebenen, einen fernen Hügelzug. Mehr nicht. Keine Wunder, keine Geheimnisse. Nur ein toter Planet – und die Schritte von fünf Menschen, die ihn zum Leben erwecken. „Das ist der Moment“, sagt Nicole leise. „Der Beginn einer neuen Geschichte“, antwortet Samantha.
Für einige Minuten sagen sie nichts mehr. Sie sehen einfach zu. Der Staub auf dem Bildschirm glüht wie Gold im Sonnenlicht. Der Moderator spricht von Proben, vom Aufbau der Basis, von der Zukunft.
„Ich habe nie gedacht, dass ich das mal erlebe“, flüstert Mariana.
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„Du erlebst es doppelt“, sagt George. „Du und der Kleine da drin.“
„Da sind sie“, sagt der Moderator mit pathetischer Stimme. „Die ersten Menschen, die den Boden des Mars betreten. Ein Moment für die Ewigkeit!“ William Glenn zieht kurz an seiner Sonnenbrille, sieht auf den Bildschirm und schnaubt leise. „Ewigkeit“, wiederholt er. „Warten wir erst mal ab, ob sie den nächsten Sonnenaufgang erleben.“
Der Kommentator spricht begeistert weiter: „Nun werden die Astronauten die Sauerstoffmodule aktivieren, Proben entnehmen und den Lebensraum für die kommenden Monate vorbereiten.“
„Lebensraum, so so“, murmelt Glenn. „Im Klartext: Zelt aufstellen und hoffen, dass es nicht zusammenfällt.“ George lacht leise. „Du bist schon beeindruckend ruhig, General.“
„Weil ich gelernt habe, nie zu jubeln, bevor der Rauch sich verzogen hat.“
Die Kamera zeigt, wie Commander Hale eine kleine Flagge in den Boden steckt. „Ein historischer Moment!“, ruft der Kommentator.
William hebt die Braue. „Ich wette, das Ding kippt um, bevor die Übertragung vorbei ist.“
„Vater!“, mahnt Samantha, halb belustigt, halb genervt. „Na gut, ich sage ja nichts mehr.“ Er macht eine kurze Pause, lehnt sich im Stuhl zurück und fügt dann doch hinzu: „Aber falls sie da oben anfangen, Grillwürstchen zu braten, ruf mich an. Dann glaube ich vielleicht an Kolonisierung.“
Mariana muss lachen. „Du bist schrecklich, General.“ „Ich nenne es Realismus, junge Dame. In meinen Tagen hätten fünf Soldaten auf fremdem Boden nicht mit der
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Fahne gewedelt, sondern erst mal geprüft, ob es Minen gibt.“
„Das ist der Mars, Dad, keine Frontlinie“, sagt Samantha kopfschüttelnd.
„Noch nicht“, murmelt Glenn und nimmt einen Schluck Eistee. „Aber gebt der Menschheit Zeit. Wir bringen überall unsere Grenzen hin.“
Trotz seines Spottes liegt in seiner Stimme etwas anderes – Stolz, vielleicht sogar Rührung. Als einer der Astronauten die Kamera dreht und der rötliche Himmel zu sehen ist, lächelt Glenn leicht. „Na ja“, sagt er leise, „irgendwer muss ja den Anfang machen. Schön, dass es diesmal keine Soldaten sind.“
Samantha nimmt einen tiefen Atemzug. „Das wird ein langer Tag für sie da oben. Und für uns hier unten auch.“ „Warum?“, fragt Nicole.
„Weil nichts auf dem Mars je so bleibt, wie man es erwartet.“
„Das sagst du immer“, grinst Nicole. „Ja“, erwidert Samantha. „Und irgendwann habe ich recht.“
Sie stoßen an, lachen wieder, reden über Nebensachen – über Musik, über das Wetter, über Nicoles bevorstehende Promotion. Der Abend sinkt langsam über Cambridge. Die Sonne färbt den Himmel kupfern, und der Fernseher spiegelt sich in den Fenstern.
Als der Moderator die Sendung beendet, steht Samantha auf und blickt hinauf. Über dem Horizont glimmt ein winziger, rötlicher Punkt. „Da oben“, sagt sie leise, „sind jetzt Menschen.“
George tritt neben sie. „Und unten sitzen die, die verstehen, was das wirklich heißt.“
„Was heißt es?“, fragt sie.
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„Dass wir endlich nach Hause gekommen sind.“ Sie lächelt, aber tief in ihr regt sich etwas – kein Unbehagen, eher ein unbestimmtes Gefühl. Als würde der Himmel über Cambridge ein Echo tragen, das noch keiner hören kann. Doch das kommt später. An diesem Abend ist alles gut, und niemand ahnt, dass der rote Horizont längst zurückblickt.
Die hellste Stunde
Kapitel 3
Der Winter über Cambridge ist trocken und klar. Die Bäume auf dem Campus werfen lange Schatten über das gefrorene Gras, und selbst das Licht wirkt hier gebildet – gedämpft, zurückhaltend, wie ein höflicher Beobachter. Die Stadt liegt unter einer dünnen Schneeschicht, und über den roten Backsteinfassaden der Harvard University zieht eine stille Kälte, die selbst den Atem ehrfürchtig macht.
Nicole Wolf steht hinter dem Vorhang der großen Aula, die Hände tief in den Taschen ihres Talars. Sie spürt das Pochen ihres Herzschlags bis in die Fingerspitzen. Das Geräusch der Menge, das Rascheln von Mänteln und Programmen, klingt dumpf durch die Wände. Heute trägt sie offiziell den Titel, für den sie so lange gekämpft hat: Doctor of Astrophysics, ausgezeichnet „mit höchster akademischer Ehre“. Ein Satz, der sich in Worten größer anhört, als er sich in der Realität anfühlt. Samantha hat ihr am Morgen während des gemeinsamen Frühstücks gesagt: „Genieße den Moment. Solche Tage kommen selten, aber sie tragen dich durch die, die danach kommen.“ Nicole hat nur mit einem Lächeln
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geantwortet. Worte haben heute wenig Platz in ihr. Sie atmet tief ein, streicht über den Stoff der Stola und tritt einen Schritt vor. Der Vorhang öffnet sich. Der Saal empfängt sie mit einem Applaus, der sich wie eine Welle über sie ergießt. Studenten, Professoren, Kameras. Über der Bühne hängt ein Banner: Harvard Faculty of Science – Commencement 2025.
Die Welt hat sich seit der Marslandung verändert – nicht dramatisch, aber spürbar. Die Euphorie ist abgeklungen, der Alltag hat wieder Einzug gehalten. Doch im Unterbewusstsein aller brennt noch dieses Gefühl, dass die Menschheit etwas getan hat, was sie für immer verändert.
Auf dem Podium sitzen Samantha Glenn, George Coleman, Mariana Diaz mit Ernesto im Arm und Terence Wolf, General William Glenn und sogar Timothy Dixon – Nicoles Freund, dezent im Hintergrund, aber da. Mariana hat ihr Baby auf dem Schoß, in eine Decke gewickelt. Der Junge schläft friedlich, als würde er die feierliche Ruhe teilen.
Der Dekan spricht über Exzellenz, über Hingabe und über die Verantwortung der Wissenschaft, immer weiter zu fragen, selbst wenn die Antworten unbequem werden. Nicole hört zu, aber nur halb. Ihre Gedanken fliegen hinaus, in die Dunkelheit des Weltalls, dorthin, wo fünf Menschen auf einer anderen Welt leben und arbeiten – und wo das Schweigen seit Wochen dichter wird. „Dr. Nicole Wolf“, sagt der Dekan schließlich, „in Anerkennung herausragender wissenschaftlicher Leistungen in theoretischer und angewandter Astrophysik – und für Ihren Beitrag zur Modellierung interplanetarer Partikelströme, die bei der Horizon-Mission Anwendung fanden.“
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Der Applaus brandet erneut auf. Nicole tritt vor, nimmt die Urkunde entgegen, spürt den Händedruck, die Wärme des Lichts auf ihrer Haut. Und in diesem Moment, für wenige Sekunden, ist alles leicht. Nach der Zeremonie ziehen sie alle hinaus in die Winterluft. Vor der Aula stehen Gruppen, Reden verwandeln sich in Gelächter, und aus den Gesichtern der Studenten dampft Atem in die Kälte. Samantha ist die Erste, die sie umarmt. „Ich bin so stolz auf dich“, sagt sie, leise, aber mit Nachdruck. „Das sagst du nur, weil du es von Anfang an wusstest.“ „Nein“, erwidert Samantha, „weil du es trotz allem durchgezogen hast. Das ist der Unterschied.“ George tritt dazu, klopft Nicole auf die Schulter. „Glückwunsch, Doc. Jetzt bist du offiziell klüger als der Rest von uns.“
„Ich war es schon vorher“, grinst sie. „Jetzt ist es nur amtlich.“
Mariana steht neben Samantha, das Baby in einer weichen, grauen Decke auf dem Arm. Die kleine Hand des Jungen ruht auf ihrem Finger, und für einen Moment ist alles andere still – das Reden, das Klirren der Gläser, sogar der Wind.
„Ist er nicht süß, dieser kleine Racker?“, sagt sie leise, ohne aufzublicken.
Nicole lächelt. „Der kleine Ernesto. Benannt nach deinem Bruder?“
Mariana nickt, und ihr Blick ist fern, aber warm. „Er hätte gewollt, dass sein Name weiterlebt. Er war immer der Mutigere von uns beiden.“
Terence senkt leicht den Kopf. „Er war der, der uns alle gerettet hat.“
William Glenn in Paradeuniform nimmt einen Schluck
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Eistee und brummt zustimmend. „Solche Namen verdienen es, weitergetragen zu werden. In dieser Welt gibt es zu viele, die vergessen werden.“ Mariana sieht ihn an. „Ich will nicht, dass er vergessen wird. Wenn mein Sohn groß ist, soll er wissen, dass sein Onkel für das Richtige gestorben ist.“ „Dann wird er es“, sagt Samantha ruhig. „Denn du wirst es ihm erzählen.“
Terence legt den Arm um Mariana. „Und wenn er älter ist, erkläre ich ihm, dass sein Onkel der Grund war, warum wir überhaupt noch hier sitzen.“ Mariana lacht leise. „Das kannst du dann in deiner väterlichen Predigt sagen, Schatz.“
„Und ich bin dabei. Da kann ich nebenbei das mit Bildern und Grillmetaphern verbinden“, grinst George. Alle lachen. Doch im Hintergrund bleibt ein Schatten – nicht traurig, sondern würdevoll. Ernesto Diaz, der Bruder, der sein Leben gab, ist jetzt wieder Teil der Familie – nicht in Erinnerung, sondern in Fleisch und Blut.
Mariana reicht Nicole Ernesto. „Er hat durchgehalten. Kein Mucks, nicht mal beim Applaus.“ „Das ist gute Erziehung.“
„Das ist Hunger“, sagt Mariana lachend und nimmt ihm die Decke ab.
Terence steht daneben, die Hände in den Taschen, lächelt still. Er sagt wenig, aber seine Augen sagen genug. Stolz. Respekt. Und eine Prise Sorge, die er nie ganz ablegen kann.
William Glenn, Nicoles Großvater, sein grauer Vollbart glitzert leicht vom Frost. „So“, sagt er, „dann bist du jetzt also Doktor. Glückwunsch, junge Dame. Wenn du demnächst das Weltall erklärst, sag mir Bescheid – ich
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habe da ein paar Fragen.“
Nicole lacht. „Ich erkläre es dir, wenn du zuhörst, Sir.“ „Ich höre nur, wenn es spannend ist.“ Er zwinkert, und für einen Moment ist der alte Soldat einfach nur ein Großvater im Kreis seiner Familie.
Später am Nachmittag treffen sie sich in einem kleinen Restaurant am Charles River. Holzvertäfelte Wände, Glasfenster mit Eisblumen, Kerzenlicht. Sie haben eine Ecke für sich, Teller mit Pasta und Wein. Ernesto schläft in seinem Wagen neben dem Tisch.
„Sechs Monate“, sagt Terence und sieht aus dem Fenster. „Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht.“ „Oder wie langsam“, meint Samantha. „Auf dem Mars vergeht sie noch langsamer. Ich habe gestern die Funkverzögerung gemessen. Fast neunzehn Minuten jetzt.“
„Und?“, fragt George.
„Und sie melden sich nicht mehr von da oben.“ Stille. Nur das leise Klirren von Besteck. „Die Crew von Horizon-I?“, fragt Nicole. Samantha nickt. „Das ist normal, sagt die NASA. Aber … irgendetwas passt nicht. Die Datenübertragung läuft regelmäßig, nur – zu regelmäßig. Kein Rauschen, kein Fehler. Es klingt zu sauber, als wäre es … gefiltert.“ „Vielleicht halten sie einfach Funkdisziplin“, sagt William.
„Oder jemand hält sie dazu an“, entgegnet Samantha. George wechselt das Thema. „Heute keine Arbeit. Heute feiern wir unsere klügste Doktorin.“ „Genau“, sagt Mariana. „Und morgen kannst du wieder das Universum anzweifeln.“
Nicole lacht, aber in ihrem Innern bleibt ein Schatten. Der Gedanke an die Mars-Crew lässt sie nicht los.
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Am Abend, als sie das Restaurant verlassen, leuchtet die Stadt in warmem Orange. Schneeflocken gleiten durch das Licht der Straßenlaternen. Nicole geht ein Stück voraus, will kurz allein sein. Auf der Treppe zur Straße bleibt sie stehen.
„Nicole Wolf?“
Die Stimme kommt ruhig, fast beiläufig. Sie dreht sich um.
Ein Mann steht dort, in einem dunklen Mantel, die Hände in den Taschen. Mittelgroß, unauffälliges Gesicht, aber die Art, wie er da steht, ist präzise – wie jemand, der seinen Platz im Raum exakt kennt.
„Ja?“
„Mein Name ist Callum. Ich arbeite mit der NASA zusammen.“
„Das tun viele“, sagt Nicole vorsichtig. „Aber nicht alle kommen zu Ihnen, um Danke zu sagen.“ Sie mustert ihn. Keine Abzeichen, kein Ausweis, nur dieser Blick.
„Wofür?“
„Für Ihre Berechnungen. Ohne sie wäre Horizon-I nie sicher gelandet.“
„Ich hab nur Daten modelliert.“
„Sie haben Muster erkannt, die andere übersehen haben. Das ist mehr als Modellierung.“
Er macht eine kurze Pause. Schnee legt sich auf seine Schultern, ohne dass er ihn abschüttelt. „Darf ich Ihnen etwas zeigen?“
Nicole zögert. „Jetzt?“
„Nur eine Minute.“
Er zieht ein kleines Gerät aus der Manteltasche, flach, kaum größer als ein Telefon. Auf dem Display läuft eine Grafik – Wellenformen, rhythmisch pulsierend.
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„Das ist ein Signal, das wir vor mehr als vier Wochen empfangen haben“, sagt Callum.
„Von der Crew?“
„Nein. Vom Boden.“
Nicole tritt näher. Die Linien sind gleichmäßig, wiederkehrend – fast melodisch.
„Das sieht aus wie ein Impuls – keine Telemetrie.“ „Richtig. Und es wiederholt sich alle zweiundzwanzig Stunden, vier Minuten und sechs Sekunden. Immer derselbe Ablauf.“
„Ein Messfehler?“
„Wir haben’s geprüft. Drei verschiedene Empfänger. Unterschiedliche Polarisation. Es kommt von derselben Stelle.“
„Wo genau?“
„Zwölf Klicks südlich des Horizon-I-Landeplatzes.“ Sie hebt den Blick. „Und warum zeigen Sie mir das?“ „Weil Sie die Einzige sind, die verstehen könnte, was es bedeutet.“
Nicole schweigt. Der Wind zieht an ihrem Mantel. Sie sieht auf das Display, dann wieder zu ihm. „Das ist doch kein offizielles Protokoll, oder?“ „Nein“, sagt Callum ruhig. „Offiziell existiert dieses Signal nicht.“
„Und inoffiziell?“
„Inoffiziell ist es… eine Einladung.“
Er steckt das Gerät zurück in die Tasche. „Man wird Sie kontaktieren. Nicht ich. Ich wollte nur, dass Sie wissen, was kommt.“
„Was kommt?“
Er sieht sie an, mit einem Blick, der mehr sagt, als Worte sagen könnten.
„Etwas, das nicht auf uns gewartet hat – sondern auf
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jemanden, der zuhören kann.“
Dann wendet er sich ab und geht. Kein Handschlag, kein Gruß. Nur der leise Abdruck seiner Schritte im Schnee bleibt.
Nicole steht eine Weile dort, bevor sie sich wieder bewegt. Sie hört Mariana rufen, sieht Terence auf der Treppe winken.
„Alles gut?“, fragt Samantha, als sie zurückkommt. „Ja“, sagt Nicole leise. „Ich hab nur kurz Luft gebraucht.“ „Dann komm, bevor du erfrierst.“
Sie lächelt, zwingt sich zur Ruhe. Doch in ihrem Kopf läuft das Signal weiter. Es passt in kein Muster, das sie kennt – und trotzdem klingt es vertraut. Wie ein Herzschlag, der aus der Tiefe kommt. In dieser Nacht kann sie nicht schlafen. Das Laptoplicht glimmt im Halbdunkel, Zahlen laufen über den Bildschirm.
Sie legt die Audiodatei, die sie vom NASA-Server kopiert hat, in eine Schleife. Ein Ton. Dann Stille. Dann wieder derselbe Ton. Konstant. Geduldig. Erwartend. Und als sie den Rhythmus hört, erinnert sie sich plötzlich an etwas, das Samantha einmal gesagt hat, nach einer Vorlesung über kosmische Resonanzen: „Das Universum wiederholt nichts, es erinnert sich nur an das, was war.“
Nicole sieht auf die Wellenlinie und sie weiß, dass das hier keine Wiederholung ist. Es ist ein Echo. Ein Echo aus der Vergangenheit. Vom Mars.
Am nächsten Morgen steht Samantha Glenn in ihrem Büro an der Harvard Faculty of Science. Der Schnee vom Vortag ist geschmolzen, die Sonne spiegelt sich auf den feuchten Fenstern. Auf ihrem Schreibtisch liegen
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Ausdrucke von Spektraldaten, Probenberichte – und eine Mappe, die nicht dorthin gehört. Kein Absender, kein Logo. Nur ein schmaler Streifen Klebeband und ihr Name.
Sie öffnet sie. Darin: sechs Fotos, körnig, in Graustufen. Marsoberfläche.
Staub, Schatten, und auf Bild 3 – eine Struktur. Halb vergraben, kantig, fast wie Mauerwerk. Darunter eine handschriftliche Notiz: „Region H-14. Übertragungsabriss 17:02 UTC. Keine Verbindung seit 34 Tagen.“
Sie runzelt die Stirn.
Kaum hat sie das letzte Blatt umgedreht, klopft es. Ihre Assistentin Dr. Sarah Wellington steckt den Kopf herein. „Besuch für dich. NASA.“
Ein Mann tritt ein – Callum. Derselbe, der am Vorabend mit Nicole gesprochen hat.
Er nickt knapp. „Professorin Glenn.“ „Haben Sie gestern nicht mit Nicole gesprochen?“ „Ja. Und heute bei Ihnen, weil Sie wissen, was Sie sehen.“ Er legt eines der Fotos auf den Tisch. „Das da – ist nicht geologisch. Unsere Analysten sagen: künstlich. Rechte Winkel, Schichtlinien. Wie Fundamentreste.“
„Archäologisch also?“, fragt Samantha skeptisch. „Vielleicht. Vielleicht auch etwas, das nicht in unsere Definition von Archäologie passt.“
„Und warum keine Presse?“
„Weil die Crew seit dem Fund sich nicht mehr gemeldet hat“, antwortet Callum ruhig.
„Wie – nichts?“
„Funkverbindung abgebrochen. Kein Lebenszeichen. Kein Fehler in den Relais.“
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Samantha nimmt das Foto in die Hand. „Sie denken, das Signal, das die NASA entdeckt hat, kommt von dort?“ Callum nickt. „Es passt exakt auf die Koordinaten des Fundortes.“
„Und Sie wollen, dass ich…?“
„Dass Sie uns helfen, zu verstehen, was wir da gefunden haben. Und wie wir es wieder aufbekommen.“ Samantha sieht ihn lange an. „Ich bin Archäologin, keine Kryptologin.“
„Sie sind die Einzige, die beides denken kann“, sagt Callum. „Sie wissen, was Spuren bedeuten – und wann sie zu alt sind, um Zufall zu sein.“
Samantha verschränkt die Arme. „Klingt nach einem Himmelfahrtskommando.“
„Wenn Sie recht behalten“, entgegnet Callum, „reden wir nicht mehr über Himmelfahrt. Dann reden wir über Herkunft.“
Er lässt die Mappe liegen und geht. Samantha starrt auf die Fotos. Das Licht der Sonne gleitet über die glänzende Oberfläche, als würde es kurz stocken. Dann ruft sie Sarah zu sich. „Sag Nicole bitte, sie soll kommen.“ Sarah nickt.
Das Abendessen
Kapitel 4
Das Haus von Samantha und George in Cambridge liegt still unter dem Abendhimmel. Draußen färbt die Sonne die Fenster golden, drinnen riecht es nach frischen Kräutern und gebratenem Fleisch. Samantha steht in der Küche, die Ärmel hochgekrempelt, während George am Herd hantiert. Er hat sich den Kochbefehl zunächst nicht anmerken lassen, aber jeder seiner Handgriffe verrät
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Widerwillen.
„Du weißt, dass ich eigentlich dienstlich auf der Basis sein müsste, oder?“
„Heute musst du für die Familie kochen“, sagt Samantha und schneidet Zwiebeln, ohne aufzusehen. „Das klingt wie ein Befehl.“
„Ist es auch.“
George seufzt. „Was immer du planst, Sam – mir gefällt der Ton nicht.“
„Mir gefällt das Thema auch nicht.“ Sie dreht sich zu ihm. „Aber wir haben keine Wahl.“
Eine Stunde später sitzen alle im Wohnzimmer. Der Tisch ist gedeckt, das Licht warm. Terence schenkt Wein ein, Mariana sitzt neben ihm, Ernesto im Arm. Nicole kommt mit Notizblock und Laptop, William Glenn kommt direkt aus Washington – im grauen Mantel, das Gesicht müde, aber wach.
„Ich hab’s eilig, Sam“, sagt er beim Eintreten. „Das Pentagon schläft nicht.“
„Dann iss erst, Dad“, antwortet sie. „Danach redest du.“ Sie wartet, bis alle sitzen. George serviert das Essen, legt die Schöpfkelle beiseite und sieht seine Frau fragend an. „Also gut, raus damit“, sagt er. „Worum geht’s?“ Samantha atmet tief ein. „Die NASA hat sich heute offiziell gemeldet. Es gibt… eine Einladung. Oder eher eine Bitte.“
„Ich hasse Bitten, die mit Funkabbrüchen beginnen“, murmelt William und setzt sich.
„Sie wollen, dass Nicole und ich hochfliegen“, fährt Samantha fort.
Stille. Nur das Ticken der Wanduhr ist zu hören. George starrt sie an, als hätte sie den Verstand verloren. „Was?“
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„Zum Mars“, wiederholt sie ruhig. „Das Horizon-Team ist seit Wochen ohne Kontakt. Die Satelliten bekommen nur Telemetriefragmente. Man glaubt, dass etwas auf der Oberfläche den Funk stört. Und… man hat etwas gefunden.“
Nicole blickt zu ihr, weiß, dass beide nicht mehr zurück können.
„Etwas Archäologisches“, sagt Samantha leise. „Oder etwas, das so aussieht. Deswegen wollen sie uns.“ „Wollen?“ George lacht ungläubig. „Das klingt, als hättest du schon zugesagt.“
„Noch nicht.“
„Dann sag ab.“
„Das kann ich nicht.“
Mariana sieht sie entsetzt an. „Ihr wollt wirklich zum Mars? Zu einem Ort, von dem seit Wochen keiner mehr antwortet?“
„Sie brauchen uns“, antwortet Nicole. „Wenn das, was sie dort gefunden haben, tatsächlich künstlich ist, dann ist es mehr als eine Mission – es ist… Geschichte.“ „Oder ein Himmelfahrtskommando“, wirft Terence ein. „Vielleicht beides“, sagt Samantha ruhig. William Glenn hat bisher geschwiegen. Nun stellt er das Glas ab und sieht seine Tochter an.
„Ich war heute im Pentagon. Die Nachricht von der unterbrochenen Kommunikation ist noch nicht öffentlich, aber jeder, der was zu sagen hat, weiß davon. Die Generäle sind nervös – nicht, weil sie glauben, dass etwas passiert ist, sondern weil sie nicht wissen, was passiert ist.“
„Und was sagt das Militär?“, fragt George. „Offiziell: abwarten. Inoffiziell: sie schicken Aufklärungssonden. Aber keine Menschen – nicht, bevor
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jemand mit Verstand die Daten liest. Und das seid ihr zwei, Sam.“
Er schweigt kurz, dann klingt seine Stimme weicher. „Ich hab Angst. Ich hab dich schon einmal fast verloren. Und ich hab Desireé verloren. Ich kann nicht noch einmal zusehen, wie du in irgendwas hineingezogen wirst, das niemand versteht.“
Samantha legt die Hand auf seine. „Ich weiß, Dad. Aber wenn ich’s nicht tue, macht es jemand, der es nicht versteht. Und dann verlieren wir vielleicht mehr als Funkkontakt.“
Nicole nickt leise. „Wir fliegen nicht, weil wir Helden sein wollen. Wir fliegen, weil wir wissen, was wir tun.“ Mariana schüttelt den Kopf. „Ich halte das nicht aus, wenn du gehst, Nicole.“
„Ich weiß“, sagt sie. „Aber ich komme zurück. Versprochen.“
George sieht Samantha an, ernst, angespannt. „Wenn du gehst, gehe ich mit.“
„Nein“, sagt sie. „Jemand muss hier sein, falls etwas schiefläuft.“
„Das sagst du immer.“
„Weil’s immer stimmt.“
William greift nach seinem Glas, leert es in einem Zug und steht auf.
„Dann bleibt mir wohl nichts anderes, als zu hoffen, dass euer Mut größer ist als euer Verstand. Aber“, fügt er hinzu, „wenn es wirklich archäologisch ist – dann schreibt ihr Geschichte. Und wenn es militärisch ist – dann haben wir ein Problem, das größer ist als jeder Krieg, den ich je gesehen habe.“
Er dreht sich zur Tür. „Ich melde mich morgen. Das Pentagon will ein Protokoll. Ihr solltet mit der NASA
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reden – offiziell.“
Dann bleibt er stehen, dreht sich um und sieht Samantha an.
„Du bist meine einzige Tochter. Die Einzige, die ich noch habe“, sagt er leise. „Und sie ist meine einzige Enkelin. Wenn ihr geht… dann kommt zurück. Ich will nicht, dass dieses Haus zweimal still wird.“
Er geht hinaus. Niemand sagt etwas. Nur das leise Zischen der Pfanne aus der Küche klingt noch, als Erinnerung daran, dass das Leben weitergeht – selbst dann, wenn man weiß, dass es bald ganz anders sein wird.
Das Programm
Kapitel 5
Die Sonne über Houston steht steil, als Samantha und Nicole zum ersten Mal das Gelände des Johnson-Space-Center betreten. Die Luft ist schwer, warm und riecht nach Metall, Treibstoff und Salz vom nahen Golf. Zwei Wochen sind vergangen, seit sie ihre Entscheidung getroffen haben. Zwei Wochen, seit die NASA alles verändert hat. Das Trainingsprogramm heißt offiziell „Rapid Mars Integration Course“ – inoffiziell nennen es die Ausbilder nur „Die Hölle mit Plan“. Es war kein gewöhnliches Astronautentraining. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit – zwölf Wochen, um Körper, Geist und Nerven an die Grenzen zu treiben. Und gleich am ersten Tag wird klar, dass „Grenze“ ein Wort ohne Bedeutung ist.
Die Zentrifuge schreit, als sie sich dreht. Nicole presst die Hände gegen die Lehnen, ihr Körper fühlt sich an, als
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würde er zerreißen. „Atem halten! Druckausgleich!“, ruft eine Stimme durch das Headset. Samantha, im Sitz gegenüber, versucht ruhig zu bleiben, aber ihre Lippen sind blutleer. Der Druck auf die Brust ist wie eine Faust. „Fünf G! Halten!“ Samantha will schreien, kann aber kaum Luft holen. Ihre Sicht verengt sich, nur noch Lichtflecken, dann Dunkelheit, dann wieder Licht. Als die Maschine stoppt, schwitzen beide, obwohl der Raum kühl ist. Ein Arzt öffnet den Riegel. „Sie sind über dem Sollwert. Wiederholung morgen.“
„Morgen?“, krächzt Nicole. „Ich kann kaum stehen.“ Der Arzt zuckt mit den Schultern. „Willkommen im Weltraum, Doc.“ Sie taumeln hinaus, setzen sich auf eine Bank, die Sonne blendet. Samantha wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ich dachte, Ausgrabungen in der Atacama wären schlimm.“ Nicole lacht schwach. „Da stirbt man wenigstens würdevoll.“ Sie sehen sich an – müde, zerschlagen, aber nicht gebrochen.
Die zweite Woche ist schlimmer. Unter Wasser, in den schweren Raumanzügen, üben sie Bewegungen, die jede Muskelgruppe beanspruchen. Sechs Stunden lang, mit Sauerstofftank, Kabeln, Gewicht und Dunkelheit. Der Instruktor, Colonel Walther, ein ehemaliger Testpilot mit einem Gesicht wie aus Granit, geht keine Kompromisse ein. „Sie sind nicht hier, um klug auszusehen“, ruft er durchs Mikrofon. „Sie sind hier, um zu überleben, wenn Sie da oben stehen!“ Samantha verliert das Gleichgewicht, trudelt langsam zur Seite. Zwei Taucher helfen ihr hoch. „Ich kann das nicht“, keucht sie. „Doch“, kommt Nicoles Stimme über Funk. „Du kannst das. Ich auch.“
Am Abend sitzen sie im Quartier, Rücken an Rücken auf
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ihren Betten, jeder Muskel schmerzt. Keiner spricht viel. Nur das Summen der Klimaanlage füllt den Raum. Dann piept Nicoles Tablet. Eine Nachricht von Terence via FaceTime: „Haltet durch. Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt, schafft ihr auch den Rest. Ich hab in meinem Leben zu viele Missionen gesehen, die gescheitert sind, weil einer früh aufgegeben hat. Macht das nicht. Nicht ihr.“ Darunter ein Bild – George am Grill, Mariana im Garten mit Ernesto auf dem Arm. Samantha lächelt müde. „Er hat dich immer motiviert“, sagt sie. „Und dich genervt“, grinst Nicole. „Manchmal ist es das dasselbe.“
In der dritten Woche kommt das Isolationstraining. Ein Raum ohne Fenster, zwölf Stunden ohne Licht. Nur die eigene Stimme, Atem und Herzschlag. Samantha hält drei Stunden durch, bevor sie anfängt, leise zu zählen. Nicole spricht über Funk. „Ich bin noch da.“ „Ich auch“, flüstert Samantha. „Wie spät ist es?“ „Keine Ahnung. Ich glaub, Zeit gibt’s hier nicht.“ „Dann machen wir eben unsere eigene.“
Und sie beginnen, über alte Erinnerungen zu reden. Über George, Terence, über William, über Desireé. Samantha erzählt von dem Tag, an dem sie und ihre Zwillingsschwester sich eingeschworen haben, „...immer etwas zu finden, das älter ist als der Mensch selbst.“ Nicole erzählt, wie sie den Himmel durch das Teleskop, das in der Uni in Tokio steht, geschaut hat und glaubte, das Universum hätte sie angesehen. Beide lachen. Beide weinen.
Als sich nach zwölf Stunden die Tür öffnet, stehen zwei Techniker draußen. „Sie haben den Rekord gebrochen“, sagt einer. „Was war der alte?“, fragt Nicole. „Zehn
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Stunden. Danach fangen die meisten an zu schreien.“ „Wir hatten was zu bereden“, antwortet Samantha leise.
In der fünften Woche ruft Mariana an. Samantha liegt auf dem Bett, Nicole sitzt am Tisch mit einem Tablet voller Kursmaterial. „Ich hab gehört, ihr habt euch fast übergeben in der Druckkammer“, kommt Marianas Stimme lachend durchs Display. „Das ist übertrieben“, sagt Nicole. „Wir haben uns kontrolliert übergeben.“ „Ich wünschte, ich wäre dabei“, sagt Mariana. „Aber ich kann nicht mit Ernesto reisen. Er ist erkältet.“ „Bleib da, wo du bist“, sagt Samantha. „Hier unten ist’s wärmer.“ Mariana wird ernster. „Ich weiß, ihr habt Angst. Hätte ich auch. Aber ich glaube an euch. Und Ernesto auch. Der Kleine schläft nur, wenn ich ihm erzähle, dass Tante Samantha und seine Schwester Nicole zum Mars fliegen.“ Samantha lacht, dann stockt ihr die Stimme. „Sag ihm… sag ihm, dass wir was für ihn finden, da oben.“ „Ich sag ihm, dass ihr zurückkommt“, antwortet Mariana. Der Bildschirm wird dunkel. Samantha starrt darauf, dann legt sie den Kopf in die Hände. Nicole legt ihr die Hand auf die Schulter. „Sie hat recht“, sagt sie leise. „Wir kommen zurück.“
Die achte Woche. Körperliche Tests, psychologische Auswertung, Hitzekammer, Kältekammer, Vibrationen, Simulationen. Kein Tag ist gleich. Kein Tag ist leicht. Einmal bricht Samantha im Simulator fast zusammen. Kreislauf, Sauerstoffmangel, Desorientierung. Sie hört Nicoles Stimme über Funk, schrill und panisch: „Sam! Tante Sam, bleib bei mir!“ Dann Dunkelheit. Als sie aufwacht, liegt sie auf einer Liege, eine Infusion im Arm. Nicole sitzt neben ihr, bleich, erschöpft, die Augen
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gerötet. „Du hast mich um zwanzig Jahre altern lassen“, sagt sie leise. Samantha lächelt schwach. „Jetzt bist du wenigstens reifer.“ „Wenn du noch mal umfällst, mach ich den Flug allein.“ „Dann verirrst du dich auf halbem Weg“, flüstert Samantha. Sie lachten, aber beide wissen, dass es kein Scherz ist.
In der elften Woche haben sie ihr erstes Briefing mit der Flugleitung. Ein digitaler Globus des Mars dreht sich auf der Leinwand, Koordinaten blinken rot. Ein Mann im grauen Anzug spricht. „Das ist der Standort, an dem Horizon-I den letzten Funkspruch gesendet hat. Wir nennen ihn Sector H-14. Die Mission von Glenn und Wolf ist primär wissenschaftlich, aber… sollte die Crew gefunden werden, gilt Rettungsprotokoll Alpha.“ Nicole flüstert: „Rettungsprotokoll? Ich dachte, das ist eine Analysemission.“ Der Mann antwortet ruhig: „Das war die offizielle Begründung.“ Samantha und Nicole sehen sich an. In diesem Blick liegt alles: Angst, Verantwortung, und die Erkenntnis, dass sie längst tiefer drin sind, als sie je wollten.
Als sie in der letzten Woche das Trainingsgelände verlassen, sind sie kaum wiederzuerkennen. Schmaler, ernster, ihre Bewegungen kontrolliert, ihre Augen ruhiger. Doch in der Ruhe liegt keine Gelassenheit, sondern Entschlossenheit. Am Ausgang warten Terence und George. Er hat Sonderurlaub von der Hanscom Base bekommen, steht da in Uniform, aber mit diesem Blick, der mehr sagt als jedes Wort. „Ich weiß, ich war dagegen“, sagt er. „... bin’s immer noch. Aber wenn ich euch jetzt so sehe… dann weiß ich, dass ich mich irre.“ Samantha lächelt matt. „Das ist das schönste
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Eingeständnis deines Lebens.“ Er nickt, zieht sie kurz an sich. „Und das schwerste.“
Nicole kommt hinzu und zeigt mit dem Finger auf Wolf. „Sag Dad, er soll die Füße stillhalten. Ich hab gehört, er will heimlich mitfliegen.“ George grinst. „Er hat’s versucht. Aber Mariana hat ihm den Pass versteckt.“ Alle lachen. Dann wird es still. Ein letzter Blick, ein letztes Nicken. Samantha sieht in den Himmel, dorthin, wo bald ein kleiner, heller Punkt sie erwarten wird. „Wir sind bereit“, sagt sie leise. Nicole nickt. „Jetzt gibt’s kein Zurück mehr.“ Und zum ersten Mal seit Wochen klingt es nicht wie Angst. Sondern wie Mut.
Der letzte Abend
Kapitel 6
Houston schimmert im Dunst des frühen Abends wie ein glühendes Mosaik aus Licht und Bewegung. In der Ferne rauschen Autos über die Freewaybrücken, und die Luft ist erfüllt von der Mischung aus Hitze, Parfüm und elektrischer Spannung. Vor dem Hilton Houston Post Oak Hotel drängen sich Reporter, Kameraleute und Neugierige, die die beiden Frauen sehen wollen, über die seit Wochen die Welt spricht. Über dem Eingang hängt ein riesiges Transparent mit dem NASA-Logo und dem Motto: „Mission Horizon – For Those Who Look Beyond.“ Limousinen rollen heran, eine nach der anderen. Scheinwerfer blitzen, Mikrofone ragen in die Luft, und ein Meer aus Stimmen verschmilzt zu einem pulsierenden Klangteppich. Es ist kein Abend wie jeder andere – es ist eine Abschiedsfeier, ein letztes Aufbäumen irdischer Normalität, bevor sich zwei
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Menschen in die Einsamkeit zwischen den Sternen begeben.
Der erste Wagen hält. Ein Fahrer in dunklem Anzug öffnet die Tür, und Nicole Wolf steigt aus. Ihr Kleid – ein schlichtes, silberfarbenes Cocktailkleid – reflektiert das Licht der Kameras, ohne aufdringlich zu wirken. Neben ihr tritt Timothy Dixon aus dem Wagen, elegant im Smoking, das Haar akkurat, ein diskretes Lächeln auf den Lippen. Er legt sanft die Hand an Nicoles Rücken, führt sie durch die Menge.
„Miss Wolf! Ein Lächeln für CNN!“
„Dr. Wolf! Wie fühlen Sie sich vor dem Start?“ „Haben Sie Angst?“
Nicole bleibt kurz stehen, sieht in die Objektive. „Angst gehört dazu“, sagt sie ruhig. „Aber heute feiern wir nicht die Angst, sondern den Mut, sie zu überwinden.“ Ein Blitzgewitter antwortet.
Der nächste Wagen rollt vor. Frau Prof. Samantha Glenn steigt aus, begleitet von Major George Coleman, der seine Air-Force-Paradeuniform trägt – exakt, akkurat, fast provozierend perfekt. Samantha trägt ein tiefblaues Cocktailkleid, schlicht, aber atemberaubend. Der Stoff glänzt im Licht der Kameras wie flüssiger Himmel. Für einen Moment ist selbst George sprachlos. „Ich habe dich im Dschungel gesehen, mit Schlamm im Gesicht, und du warst schön“, sagt er leise. „Aber das hier … das ist unfair.“
Sie lächelt. „Dann gewöhne dich dran. Ich fliege in fünf Tagen zum Mars.“
„Das ist keine Entschuldigung.“
„Doch. Für alles.“
Hinter ihnen steigt General William Glenn aus – groß, aufrecht, in der Paradeuniform eines
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Militärpolizeigenerals. Seine Brust glänzt vor Orden, sein Gesicht bleibt ruhig, doch seine Augen verraten, dass er die Nacht fürchtet. Er wirkt wie ein Mann, der in seinem Leben viele Befehle gibt – aber nie einen so schweren wie den, seine Tochter ziehen zu lassen.
Der letzte Wagen hält. Mariana Diaz und Terence Wolf steigen aus. Terence trägt die Uniform eines Majors der Militärpolizei, das Gesicht streng, doch in seinen Augen schwingt Wärme. Mariana trägt ein smaragdgrünes Kleid, das ihre Figur betont – schlank, elegant, selbstbewusst. Sie hat die Schwangerschaft hinter sich gelassen, aber in ihrem Blick liegt die Erfahrung jener Monate. In ihren Armen hält sie den kleinen Ernesto, gekleidet in einen maßgeschneiderten Mini-Astronautenanzug mit aufgesticktem Namensschild. Der Kleine grinst breit, als die Kameras aufblitzen. „Er liebt das“, lacht Mariana.
„Er hat’s von dir“, antwortet Terence und küsst sie auf die Wange.
Im Foyer des Hotels empfängt sie ein Meer aus Licht, Musik und Stimmen. Der große Ballsaal ist in warmes Gold getaucht, an den Wänden hängen Projektionen von Marsbildern, Landschaften aus rotem Staub, während klassische und dezent gespielte Musik von der Band auf der kleinen Bühne gegenüber erklingt. Zwischen all dem Trubel spürt Samantha plötzlich, wie klein sie ist. Ein Mensch unter Millionen – und doch eine von zweien, die den Himmel herausfordern. George nimmt ihr das Glas ab, das ihr ein Kellner reicht. „Langsam“, sagt er. „Die Welt schaut zu.“ „Die Welt schaut immer zu“, erwidert sie und nimmt ihr Glas aus Georges Hand zurück. „Nur zuhören tut sie nie.“ Er grinst. „Dann red lauter.“
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Das Abendessen beginnt mit einem Toast. General Glenn erhebt sich, das Glas in der Hand.
„Meine Damen und Herren“, sagt er, „heute feiern wir nicht nur die Wissenschaft, sondern den menschlichen Geist. Ich habe Kriege erlebt, in denen Mut das Einzige ist, was bleibt. Aber was diese beiden hier tun – das ist Mut ohne Krieg, ohne Feind, ohne Zwang. Das ist reiner Wille.“
Er sieht zu Samantha, dann zu Nicole. „Ich habe nur noch diese eine Tochter“, sagt er. „Und sie fliegt dorthin, wo keiner war. Ich habe nur eine Enkelin – und sie folgt ihr. Ich bin stolz, aber ich habe Angst. Und das ist in Ordnung. Denn wer keine Angst hat, weiß nicht, was Mut bedeutet.“
Er setzt das Glas an und leert es in einem Zug. Applaus füllt den Raum, warm und ehrlich. Nicole sieht Samantha an, die versucht zu lächeln – doch ihre Augen glitzern.
Später, während das offizielle Programm läuft, ziehen sich die beiden kurz in einen ruhigeren Bereich der Terrasse zurück. Von dort sieht man über die Stadt, die Lichter spiegeln sich in den Fenstern. Timothy steht bei Nicole, hält ihre Hand.
„Du weißt, dass du nicht fliegen musst“, sagt er leise. „Ich weiß“, antwortet sie. „Aber ich will.“ „Warum?“
„Weil da oben etwas auf uns wartet. Etwas, das Antworten hat, die hier unten keiner stellen will.“ Er nickt. „Dann flieg. Aber komm zurück, bevor die Fragen mich verrückt machen.“
Sie küsst ihn – kurz, ernst, mit dieser Mischung aus Abschied und Hoffnung.
Im Saal übernimmt George inzwischen das Zepter. Er
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eröffnet das Barbecue – eine Idee, die William Glenn anfangs ablehnt, dann aber toleriert, weil sie „irgendwie amerikanisch“ ist. Die besten Steaks, mariniert in Bourbon, brutzeln auf einem Grill im Innenhof. Ein Team von Köchen, flankiert von Sicherheitsleuten, arbeitet präzise. George steht daneben, in der Uniform, Ärmel hochgekrempelt, den Spatel in der Hand. „Ich habe dir gesagt, das hier ist Tradition“, ruft er Samantha zu, die sich zu ihm gesellt. „Ja, aber du hast nicht gesagt, dass du sie leitest.“ „Wer sonst? Die NASA? Die verbrennen ja schon Wasser.“
Ein Fotograf knipst, als Samantha selbst den Grillwender nimmt.
„Dr. Glenn beim Barbecue – das gibt Schlagzeilen“, ruft jemand.
„Dann schreib dazu: ‚Letztes Abendessen der Vernunft‘“, sagt sie trocken.
Lachen brandet auf.
Mariana kommt hinzu, Ernesto auf dem Arm. „Wenn du nicht aufpasst, lernt er das falsche Vorbild“, sagt sie.
„Dann wird er Pilot“, grinst George.
„Oder Archäologe“, ergänzt Samantha. „Oder Astronaut“, piepst Nicole von hinten. „Nein“, ruft William aus dem Hintergrund. „Einer reicht in jeder Generation.“
Der Abend zieht sich hin. Der Champagner fließt, die Musik wechselt von Jazz zu sanfter Orchesterbegleitung. Zwischen den Tischen stehen Reporter, halten Mikrofone hin, fragen nach Erwartungen, Ängsten, Erinnerungen. Samantha antwortet ruhig, fast gelassen: „Ich denke, jeder Mensch hat einen Punkt, an dem
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Neugier größer ist als Angst. Für mich ist dieser Punkt der Mars.“
George steht neben ihr, legt die Hand auf ihre Schulter. „Ich wünschte, Neugier hätte ein Rückflugticket“, murmelt er.
„Hat sie“, antwortet sie leise. „Ich nenne es Hoffnung.“ Als die Lichter gedimmt werden, beginnt eine Projektion an der Wand: die Logos der NASA, des Verteidigungsministeriums, und in der Mitte der Schriftzug Horizon-II. Dann Aufnahmen: Samantha und Nicole im Training – Unterwasser, Zentrifuge, Isolation, Simulation. Dazu Nicoles Stimme aus einem Interview: „Wenn wir scheitern, dann wenigstens auf dem Weg zu etwas, das größer ist als wir selbst.“
Im Saal wird es still. Selbst die Kameras senken sich, als wäre jeder plötzlich Teil von etwas, das über Show und Politik hinausgeht.
Später in der Nacht, als die letzten Reporter gegangen sind, sitzen sie alle auf der Terrasse. Ernesto schläft auf Marianas Schoß, seine kleine Mütze, die aussieht wie ein kleiner Astronautenhelm, liegt auf dem Tisch. Terence sitzt neben ihr, hält ihre Hand, während William schweigend in den Himmel blickt.
Samantha tritt zu ihm.
„Du bist still“, sagt sie.
„Ich zähle Sterne“, antwortet er. „Ich will wissen, welchen ihr zuerst seht, wenn ihr da oben seid.“ „Vielleicht denselben wie du jetzt“, sagt sie. „Dann grüß ihn von mir.“
George kommt hinzu, stellt zwei Gläser auf den Tisch. „Für dich und mich“, sagt er. „Weil wir beide wissen, dass keiner von uns schlafen wird.“
Samantha nimmt das Glas, stößt an.
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„Auf das, was kommt.“
„Und auf das, was bleibt.“
Nicole tritt zu ihnen, Timothy hinter ihr. Sie setzt sich, legt den Kopf auf Samanthas Schulter. „Ich will noch nicht gehen“, flüstert sie. „Dann bleib einen Moment“, sagt Samantha. „Morgen reicht der Himmel immer noch.“
Und für diesen Moment ist alles still. Nur das Rascheln der Palmen im Nachtwind, das ferne Heulen einer Sirene, das Summen der Stadt. Ein kurzer Augenblick, in dem die Welt den Atem anhält, als wüsste sie, dass zwei ihrer Kinder bald fortgehen – nicht, um zu fliehen, sondern um zu verstehen.
William Glenn erhebt sich, stellt sein leeres Glas auf den Tisch.
„Ihr habt meine Gene“, sagt er rau. „Und mein Herz. Das ist genug, um zu überleben.“ Er dreht sich um und geht. George sieht ihm nach. „Der Mann liebt große Abgänge.“ Samantha lächelt müde. „Vielleicht, weil er immer hofft, dass wir bessere Rückkehrer sind.“
Nicole legt den Arm um sie. „Wir kommen zurück, Tante Sam. Versprochen.“
Samantha nickt. „Ich weiß. Aber der Mars hört keine Versprechen – nur Echos.“
Der Wind weht über die Terrasse, trägt Musik und Stimmen davon. Unten blinken die Autoscheinwerfer, oben funkeln die Sterne. Einige von ihnen werden sie bald wiedersehen – aus einer Perspektive, die kein Mensch zuvor gekannt hat.
Und zwischen diesen beiden Welten, zwischen Erde und Himmel, beginnt der Countdown. Noch nicht laut. Noch nicht offiziell. Aber er läuft – in ihren Herzen.
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