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"Vorbilder" sind auf einmal wieder viel diskutiertes Thema der Pädagogik und ihrer Bezugsdisziplinen. Dabei kreisen die Gedanken nicht so sehr darum, einem Vorbild ganz nachzufolgen, sondern über das Leben eines Menschen nachzudenken, über Entscheidungen zu diskutieren und zu prüfen, was daran sinnvoll und gut ist. Vorbilder verfügen über ein Voraus an Erfahrung und Kompetenz und können starke motivierende Kräfte freisetzen. Sie repräsentieren Einstellungen und Verhalten, aber sie drängen nicht auf Nachvollzug. Diese Aufsatzsammlung nähert sich der Thematik "Vorbilder" aus unterschiedlichen Disziplinen. Expertinnen und Experten aus Erziehungswissenschaft, Psychologie, Jugendforschung und Soziologie beleuchten wesentliche Aspekte und geben wertvolle Impulse. Mit Beiträgen von: Univ.-Prof. Dr. Ursula Frost, Köln (D) Dr. Nathalia Waechter, Wien (A) Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer, Freiburg (D) Univ.-Prof. Dr. Angela Ittel, Berlin (D) Univ.-Prof. Dr. Michael Winkler, Jena (D) Univ.-Prof. Dr. Manfred Prisching, Graz (A) Pierre Stutz, Lausanne (CH)
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Seitenzahl: 242
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vorbilder Erziehen wohin?
VERLAG ANTON PUSTET
VORBILDER
Erziehen wohin?
Anna Maria KalcherKarin Lauermann (Hg.)
Internationale Pädagogische Werktagung SalzburgTagungsband der 62. Tagung 2013
Katholisches Bildungswerk SalzburgF.W.-Raiffeisenstraße 2, 5061 Elsbethen, Österreichwww.bildungskirche.at
Mit freundlicher Unterstützung der Universität Salzburg und der Caritas Österreich.
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2014 Verlag Anton Pustet5020 Salzburg, Bergstraße 12Sämtliche Rechte vorbehalten.
Coverfoto:
Mit Genehmigung von shutterstock.com, © Dominique Lavoie 2013
Grafik, Satz und Produktion: Tanja KühnelLektorat: Anja Zachhuber, Dorothea Forster
ISBN 978-3-7025-8022-3
www.pustet.at
Ursula Frost
Natalia Waechter
Joachim Bauer
Angela Ittel, Christin Oestreich, Claudia Haussmann
Ingrid Paus-Hasebrink
Michael Winkler
Manfred Prisching
Pierre Stutz
»Erziehung ist Vorbild und Liebe – und sonst nichts«, schrieb Johann-Heinrich Pestalozzi vor etwa 200 Jahren. Vor seiner Zeit, in der Antike, hoffte man noch, dass gute Vorbilder den Menschen auf den rechten Weg bringen. Heute gilt das längst nicht mehr. Pädagoginnen und Pädagogen machen die Erfahrung, dass Kinder sich häufig gerade nicht an dem Vorbild orientieren, das sie ihnen gut meinend vorführen, sondern mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit einem negativen Beispiel nachstreben. Nachahmung ist also kein bloßer Automatismus. Vielmehr spielt die Zuneigung des Kindes zu einem bestimmten Vorbild eine entscheidende Rolle: »Tokio Hotel« oder »Mutter Teresa« –Idole können sehr unterschiedlich sein. Grundsätzlich taugt jede und jeder zum Vorbild: ältere Kinder bzw. Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Großeltern, Sportlerinnen und Sportler, Popstars. Jede Person, die eine andere beeindruckt und emotional binden kann.
Wer sich, so wie die 62. Internationale Pädagogische Werktagung Salzburg, dem Thema »Vorbild« zuwendet, stellt fest: Manche unterscheiden vom Vorbild das Ideal als Inbegriff des Vollkommenen, das nicht an eine reale Person gebunden ist; das Idol als eine fast göttlich verehrte, idealisierte Person; den Star, aus dem Alltäglichen herausgehoben und angehimmelt, sowie die Heldin, den Helden als eine Person, die in einem bestimmten Bereich herausragende Fähigkeiten aufweist und besondere Leistungen vollbracht hat. Andere reden lieber von Modellen statt von Vorbildern. –Noch in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts waren Vorbilder in der Pädagogik verpönt, ihre Zeit vorbei: Wenn jede und jeder einmalig sein will, dann brauche es keine Vorbilder! Dennoch: Das Nachdenken über das Vorbild ist Thema der Pädagogik und ihrer Bezugsdisziplinen geblieben. Dabei kreisen die Gedanken nicht so sehr darum, einem Vorbild ganz nachzufolgen, sondern über das Leben eines Menschen nachzudenken, über Entscheidungen zu diskutieren und zu prüfen, was daran sinnvoll und gut ist. Vorbilder repräsentieren Einstellungen und Verhalten, aber sie drängen nicht auf Nachvollzug.
Der vorliegende Tagungsband versammelt einzelne Vorträge renommierter Expertinnen und Experten unter anderem aus den Disziplinen der Pädagogik und Sozialpädagogik, Soziologie, Neurobiologie und Psychologie.
Ursula FROST, Professorin für Allgemeine Pädagogik, folgt den Spuren der Geschichte der Erziehung und Bildung und konstatiert: Vorbilder sind überwiegend mit Autorität aufgetreten und haben zur Nachahmung herausgefordert. Seit der Aufklärung aber wird solche Imitatio kritisch gesehen und im 20. Jahrhundert ist den Vorbildern die Autorität auch in der Praxis immer mehr abgesprochen worden. Selbstbestimmung oder Selbsterfindung wurde demgegenüber eingefordert. Gerade darin zeichnen sich nun neue Formen der Wirksamkeit von Vorbildern ab, die Chancen und Gefährdungen zugleich vervielfältigen.
Aus den Blickwinkeln der Soziologie und Jugendforschung betrachtet Natalia WAECHTER die Veränderungen in der Lebenswelt für Jugendliche und die damit verbundenen Herausforderungen. Die Phase der Jugend hat eine Ausweitung erfahren und Lebensverläufe sind weniger vorgezeichnet. Sie müssen von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen aktiv und flexibel entwickelt werden. Dabei steigt der Stellenwert von Medien und Peergroup als Sozialisationsagenten und den Jugendkulturen – musikorientierte, computer- und medienorientierte, sportorientierte und ideologisch orientierte Jugendkulturen sowie Fankulturen – kommt eine besondere Bedeutung zur Identitätsentwicklung zu.
Frühe Beziehungserfahrungen finden ihren Niederschlag in der psychischen Sphäre sowie in den biologischen Strukturen des sich entwickelnden Gehirns des Kindes, erläutert der Neurobiologe Joachim BAUER. Sein zentraler Gedanke lautet: Das Gehirn des Kindes macht aus psychischem Erleben sozusagen Biologie. Bauer betont die Voraussetzungen für eine optimale neurobiologische sowie psychische Entwicklung von Kindern und pointiert die Bedeutsamkeit von zuverlässigen Beziehungen und liebevoller Zuwendung. Schließlich rückt er die Notwendigkeit, Kinder in einer altersangemessenen Form an die Einhaltung der Regeln des sozialen Zusammenlebens heranzuführen, in den Blick und markiert als Kernstück einer pädagogischen Beziehung die Balance zwischen verstehender Einfühlung und Führung.
Angela ITTEL, Professorin für Pädagogische Psychologie, gibt zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen Christin OESTREICH und Claudia HAUSSMANN einen Überblick von theoretischen Ansätzen und aktuellen Studien zur Bedeutung von Vorbildern im Kinder- und Jugendalter. Die Autorinnen präsentieren zudem eine eigene Studie, in der mittels Kurzfragebögen und leitfadengestützten Interviews die subjektive Bedeutung und Rolle von engen Beziehungen und Vorbildern in der frühen Jugend verdeutlicht wird. Besonderes Interesse gilt dabei der Herausarbeitung alters- und geschlechtsspezifischer Varianzen.
Kindheit heute ist Medienkindheit, Jugend Medienjugend – getragen durch die Massenmedien. Die Kommunikations- und Erziehungswissenschaftlerin Ingrid PAUS-HASEBRINK greift die medialen Heldenfiguren und Stars des Kinder- und Jugendalltags als Ausdruck persönlicher Identifikation und Projektion auf. Sie analysiert deren Funktion im Sozialisationsprozess für Mädchen und Jungen und akzentuiert, dass Geschlecht und Alter von Kindern und Jugendlichen bezüglich der unterschiedlichen Vorlieben eine beachtenswerte Rolle spielen. Dabei gewinnen crossmedial vermarktete Konsumangebote hohe Relevanz.
Michael WINKLER, Professor für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik, nähert sich in drei Zugängen dem schwierigen, weil ambivalenten Thema »Vorbild und Disziplin in der Pädagogik«. Ausgehend von einer kurzen Erörterung einführender Grundsatzüberlegungen zur Differenzierung des poietischen und praktischen Gebrauchs des Vorbildes in der Pädagogik, rücken empirische Befunde über die Bedingungen des Aufwachsens in einer wandelnden Gesellschaft in den Fokus, um abschließend mit einem theoretischen Blick an die Praxis der Pädagogik heranzuführen.
Jugendliche waren niemals zuvor so stark auf Peers fixiert wie heute, postuliert Manfred PRISCHING, Professor für Soziologie. Er wirft einen kritischen Blick auf die von den Medien präsentierten Vor-Bilder und diskutiert die mit dieser Bilderflut vermittelten Botschaften. Sein Fazit lautet: Es sind vor allem Individualisierung und Flexibilisierung, die als erstrebenswert gelten, neben Möglichkeiten zur Verschönerung des eigenen Körpers, des Ansammelns prestigeträchtiger Materialien sowie des Erreichens einer großartigen Karriere. Er untermauert seine Analysen und Befunde anhand zahlreicher Studienergebnisse.
Mit sehr authentischen Beispielen zeigt Pierre STUTZ, wie Mystikerinnen und Mystiker Impulse für die Lebensorientierung bieten können. Auf unserem Weg der Individuation sind wir auf Bestärkung und Ermutigung angewiesen. Begleiterinnen und Begleiter sind daher aufgerufen, wohlwollend und mit großer Achtsamkeit die sich entfaltende Lebenskraft freizulegen. Wie dies gelingen kann, zeigt Stutz anhand von drei mystischen Grundhaltungen: der eigenen Intuition trauen, mit Widerstand kreativ umgehen und sich selbst treu bleiben.
Vorbild – ein altes und neues Thema der Pädagogik möge Sie, liebe Leserinnen und Leser, in Ihrem pädagogischen Alltag begleiten und Sie ermutigen, Kindern und Jugendlichen bei ihrer Suche nach Orientierung, Verbindlichkeit, Verantwortung und Stabilitäten zur Seite zu stehen und entsprechende Entfaltungsräume anzubieten.
Anmerkung
Die in diesem Band gesammelten Texte spiegeln die Gedanken und Auffassungen der Autorinnen und Autoren wider. Für die Korrektheit der Zitationen zeichnen allein diese verantwortlich.
Zusammenfassung
In der Geschichte der Erziehung und Bildung sind Vorbilder überwiegend zusammen mit Autorität aufgetreten und haben zur Nachahmung herausgefordert. Seit der Aufklärung wird solche Imitatio kritisch gesehen und im 20. Jahrhundert ist den Vorbildern die Autorität auch in der Praxis immer mehr abgesprochen worden. Selbstbestimmung oder Selbsterfindung wurde demgegenüber eingefordert. Gerade darin zeichnen sich nun neue Formen der Wirksamkeit von Vorbildern ab, die Chancen und Gefährdungen zugleich vervielfältigen.
1. Einleitung
Längst wird wieder darüber gesprochen: Kinder brauchen Vorbilder. Diese Einsicht ist wohl ebenso alt wie umstritten. Um die Debatte zu strukturieren, wären folgende Unterscheidungen hilfreich: Die tatsächliche Wirksamkeit von Modellen in Lern- und Entwicklungsprozessen wäre zu trennen von der Verbindlichkeit, die Vorbildern in der je eigenen Lebensführung von Menschen zukommt, also einer die bewusste Haltung und möglicherweise bewertende Begründung einschließenden Perspektive, und diese ist wiederum etwas anderes als die pädagogische Erwünschtheit von Vorbildern, die sich an Zielen der Erziehung und Bildung bemisst. Auch erscheint es wichtig zu klären, um wen es geht; ob tatsächlich nur über Kinder und Jugendliche oder auch über Erwachsene und ihre Vorbilder nachgedacht wird. So kann zum einen der Bezug auf bestimmte Altersphasen im Vordergrund stehen oder aber es kommt ein anthropologischer Aspekt in den Blick, etwa mit der Frage, ob und wozu Menschen Vorbilder brauchen. Die pädagogische Komplexität der Thematik erschließt sich erst, wenn man alle diese Perspektiven zusammenführt, statt einzelne Aspekte isoliert zu behandeln. Eine Reduktion auf die wiederholte Frage, wer welche Vorbilder hat bzw. benennt, ist ohne eine genauere Auseinandersetzung pädagogisch wenig sinnvoll. Im Folgenden soll über die verschiedene Bedeutung von Vorbildern in Geschichte und Gegenwart nachgedacht werden.
2. Zum Bedeutungswandel der Vorbilder in der Geschichte
Über Vorbilder ist gesprochen worden, solange es pädagogische Reflexion gibt. Dabei sind große Linien der Bedeutung und Bedeutungsverschiebung feststellbar. Drei epochale Verschiebungen lassen sich folgendermaßen charakterisieren:
• von der Angleichung und Imitatio zur vernünftigen Selbstbestimmung (Antike – Aufklärung);
• vom vernünftigen Beispiel zur authentischen Selbstfindung (Aufklärung – Reformpädagogik);
• von der Selbstfindung zur Selbsterfindung (Nietzsche und Reformpädagogik – Gegenwart).
2.1 Von der Angleichung und Imitatio zur vernünftigen Selbstbestimmung
Diese Bedeutungsverschiebung ergibt sich, grob gezeichnet, zwischen antiken und christlich-mittelalterlichen Vorstellungen von Urbild-Abbild-Beziehungen und den Denkansätzen der Moderne, die mit ihrem Anspruch auf Autonomie des vernünftigen Subjekts diese vorhergehende Tradition gewissermaßen an ein Ende führen.
2.1.1 Angleichung an ein Ideal bzw. an Ideen in der Antike
In der Dichtung, besonders in den homerischen Epen, der Ilias und der Odyssee, wurden Helden vorgeführt, die geeignet waren, Ideale zu demonstrieren. Das sind vor allem die Tugenden des Adels, Tapferkeit und Beharrlichkeit etc. Noch heute ist es nachvollziehbar, dass es nicht die abstrakten Ideale waren, die junge Zuhörerinnen und Zuhörer oder Leserinnen und Leser beeindrucken konnten, sondern die Personen der Heldenfiguren, die in der dichterischen Fiktion ebenso lebendig wie attraktiv erschienen. Nicht die Tapferkeit, sondern der tapfere Achill etwa wurde schwärmerisch verehrt und konnte so den Wunsch auslösen, selbst einmal ein mutiger Kämpfer zu werden. Daneben und danach setzten sich berühmte Philosophen als Vorbilder durch; das Ideal des Weisen wurde ausgebildet und an konkreten Personen festgemacht. Besonders die Schule der Stoa trug dazu bei, das Lebensideal des Weisen zu prägen und dahingehend auf Vorbilder zu verweisen. Sokrates wird zur überragenden Figur, weil er in radikaler Weise Lehre und Lebensvollzug in eins setzte. Epiktet weist jeden seiner Schüler an: »Du aber, wenn Du auch noch kein SOKRATES bist, solltest so leben, als wolltest Du einer werden« (Seneca zit. nach Capelle 1925, S. 53). Seneca verweist in seinen pädagogischen Überlegungen auf die Bedeutung der exempla. Plutarch verfasst eine ganze Reihe von Biografien vorbildlich lebender Weiser.
Eine weit komplexere Begründung des Vorbildes hat Platon vorgenommen, indem er den Gedanken der Angleichung des Menschen an die göttliche Welt der Ideen fasste. Nach Platon entscheidet die Ausrichtung des Menschen auf die Wirklichkeit über sein eigenes Wesen; woran er sich hält, dem wird er ähnlich.
»Denn wer in der Tat seine Gedanken auf das Seiende richtet, o Adeimantos, hat ja wohl nicht Zeit, hinunterzublicken auf das Treiben der Menschen und im Streit gegen sie sich mit Eifersucht und Widerwillen anzufüllen; dagegen, auf Wohlgeordnetes und sich immer gleich Bleibendes schauend, was unter sich kein Unrecht tut oder leidet, sondern nach Ordnung und Regel sich verhält, werden solche dieses auch nachahmen und sich dem nach Vermögen ähnlich bilden. Oder meinst du, es gebe eine Möglichkeit, dass einer das, womit er gern umgeht, nicht nachahme? –Unmöglich, sagte er. –Der Philosoph also, der mit dem Göttlichen und Geregelten umgeht, wird auch geregelt und göttlich, soweit es nur den Menschen möglich ist« (Platon 500c, zit. nach Schleiermacher 1957; 1991).
Wer sich nicht mit dem bloß Vordergründigen beschäftigt, sondern nach dem zugrunde liegenden tieferen Sein fragt, nicht mit dem bloß Zufälligen, sondern der zugrunde liegenden Ordnung, nicht mit dem bloß Abkünftigen, sondern dem Bedingenden und Bewirkenden, der wird sich auch selbst diesem tieferen Sein angleichen, also den göttlichen Ideen ähnlich werden. Das ist nach Platon der Weg der Bildung als Menschwerdung. »Der Weg dazu ist Verähnlichung mit Gott soweit als möglich, und diese Verähnlichung besteht darin, dass man gerecht und fromm sei mit Einsicht« (Platon 176b, zit. nach Schleiermacher 1957; 1991, S. 142).
2.1.2 Christentum: Imitatio Christi
In der Epoche der christlichen Antike und des Mittelalters wurde die Angleichung an das Göttliche in charakteristischer Weise auf Christus bezogen. Einen neuen Horizont bildete die Inkarnation, der Glaube an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth. In Jesus wird danach nicht nur eine vollkommene Menschlichkeit, sondern zugleich die Heilszusage Gottes sichtbar. Damit geht der Menschwerdung des Menschen die Menschwerdung Gottes voraus, und so wird die Angleichung an Gott zur Nachfolge Christi. Die »neue Lehre« (Apg 17,19) Jesu Christi bedeutete für den Evangelisten Lukas kein Begriffssystem, sondern sie ist der »neue Weg« (Apg 9,2; 19,23), den die Apostel und Christen in Entsprechung zum »Weg des Herrn« (Apg 18,25) gehen. Um dieses Verhältnis der Christen zu ihrem Herrn, vermittelt über die Apostel, zum Ausdruck zu bringen, spricht Paulus von Christus als dem »Bild Gottes«, das die Christen »nachahmen«. Christus ist das eine unüberbietbare Bild Gottes (eikon theou, imago Dei, vgl. 2. Kor. 4,4), in dem Gott seine Wesensoffenbarung und zugleich seine Heilszusage an die Menschen zum Ausdruck bringt. Als Apostel ist Paulus sein »Nachahmer« (mimetes, imitator, vgl. 1. Kor. 4,16; 11,1). Er wird wiederum zum prägenden Vorbild (typos) für die Thessalonicher. Diese sollen »Nachahmer« des Paulus sein, aber auch der Gemeinden in Judäa (vgl. ebd. 2,14) und so selbst wieder zu prägenden Vorbildern (typoi) für neue Christen und Gemeinden werden. Die damit verbundene Glaubensentscheidung ist eine Lebensentscheidung, die als persönliches Zeugnis weitergegeben wird.
Jesus wird für Christinnen und Christen zum unüberbietbaren Vorbild und Lehrer. Besonders Augustinus und Thomas von Aquin haben dies ausgeführt; beide haben eine gleichnamige Schrift verfasst, »De Magistro« (Über den Lehrer), in der jeweils Jesus als Lehrer aller Lehrerinnen und Lehrer und Vorbild aller Vorbilder dargelegt wird. An anderer Stelle heißt es bei Thomas: »Das menschgewordene Wort hat uns in sich ein Vorbild für das rechte Tun gegeben. Der Mensch stand sichtbar vor uns, aber er war nicht nachahmenswert; Gott war nachahmenswert, aber nicht sichtbar für uns. Also mußte sich Gott als Mensch den Menschen zeigen, damit sie Ihn sehen und nachahmen konnten« (Aquin).
Eine weite Verbreitung fand ein Büchlein von Thomas von Kempen, das (nach einem Tagebuch Geert Grootes von 1373) im Rahmen der Devotio moderna verfasst wurde und der Aussage nachgeht: Christliches Leben ist »Imitatio Christi« (Kempis 1486) . Für Jahrhunderte sollte dieses Büchlein das meistverbreitete Buch nach der Bibel sein. Seine Vorstellungen, so kann man dem entnehmen, haben viele Nachahmerinnen und Nachahmer gefunden. Glaube bedeutet demnach Nachfolge als persönliches Zeugnis, und so ist die Rede von »Christusbildlichkeit«. In diesem Sinne preist bspw. noch Friedrich Fröbel »das höchste vollendetste Musterleben, welches wir als Christen in JESU sehen und welches die Menschheit nur kennt« und fordert, »dass jeder Mensch wieder ein solches Nachbild seines ewigen Vorbildes, dass er selbst wieder ein solches Muster für sich und andere werde« (Fröbel 1961, S. 14).
2.1.3 Moderne: vernünftige Selbstbestimmung
In der Aufklärung wurde Kritik an der Autorität der Tradition geäußert, die über Erziehung und Bildung Vorbilder als gültige Muster menschlichen Lebens vorgab. Zugleich beginnt eine Säkularisierung der Pädagogik und Erziehung, so dass diese allein auf den Maßstab der selbst gesetzgebenden Vernunft verpflichtet werden. Die Autorität der traditionellen antiken Vorbilder und Urbilder sowie der christlichen Lehrer und des Urbildes Christi wird als solche infrage gestellt. Die traditionellen Muster des antiken und des christlichen Imitatio-Denkens werden dem Vorwurf der Fremdbestimmung ausgesetzt. Erziehung und Bildung sollen demgegenüber am Ziel subjektiver Selbstbestimmung ausgerichtet werden. Das Vorbild wird ersetzt durch das Beispiel, das keine Präfiguration enthält, die Nachahmung herausfordert, sondern das eine Regel demonstriert, die Einsicht bewirkt. Ein Beispiel soll der Einsicht dargeboten werden, um zu demonstrieren, dass vernünftige Selbstbestimmung, d.h. Moralität, möglich ist. Beispiele sollen so der Ermöglichung eigenständigen Subjektseins dienen.
In diesem Sinne forderte Rousseau, Handlungen durch das eigene »Herz« zu begründen, nicht von außen. In der Erziehung will er darum das Herz des Kindes angesprochen wissen und nicht durch die Lehren der Erzieherin, des Erziehers sein Verhalten bestimmen. So mahnt er seine pädagogischen Leserinnen und Leser: »Laßt dieses falsche Getue, ihr Lehrer, seid tugendhaft und gut, daß euer Vorbild sich dem Gedächtnis eurer Zöglinge einprägt, bis es in ihre Herzen eindringt. Anstatt von dem meinigen schon früh Akte der Wohltätigkeit zu fordern, vollziehe ich sie lieber selbst in seiner Gegenwart« (Rousseau [1762] 1978, S. 233).
Bei Immanuel Kant ist Aufklärung, nach seinem berühmten Aufsatz »Über die Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« von 1784, bekanntlich als »Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit« (Kant [1784] 1969, S. 1) verstanden. Selbstverschuldet ist Unmündigkeit immer dann, wenn man andere für sich denken und über sein Leben entscheiden lässt. Dem Vorbild im traditionellen Sinne wird damit eine weitgehende Absage erteilt; maßgeblich ist das Beispiel, das die Lebbarkeit der vernünftigen Selbstbestimmung erweist, d.h. der Moralität. »Das gute Exempel (der exemplarische Wandel) soll nicht als Muster, sondern nur zum Beweise der Tunlichkeit des Pflichtmäßigen dienen« (Kant [1797] 1922/23; zit. nach Cassirier, S. 295f.). Das Beispiel soll zeigen: Freie Selbstgesetzgebung, freie Unterwerfung unter das Sittengesetz ist möglich. Menschen, die von ihrer Freiheit in diesem Gebrauch machen, können solche Beispiele geben und damit unabhängige Subjektivität demonstrieren und andere von der »Tunlichkeit« freier Moralität überzeugen.
Christian Gotthilf Salzmann forderte zuerst die Selbsterziehung der Erzieherin, des Erziehers. Damit die Erzieherinnen und Erzieher in der Lage sind, Beispiel zu geben, sollen sie allererst ihre Fehler und Schwächen kennenlernen und den Grund für etwaiges Fehlverhalten ihrer Zöglinge zunächst bei sich selbst suchen. In seinem »Krebsbüchlein« (1777) gibt er hierzu Anleitung, ebenso wie er im »Ameisenbüchlein« (1806) zur moralischen Lebensführung auffordert, um Beispiel sein zu können. In seinem Roman »Konrad Kiefer« (1794), der der »deutsche Emile« genannt wurde, führte er eine fiktive Erziehungsgeschichte im Bauernmilieu vor, die ein solches Beispiel anschaulich werden ließ.
Dass gelebtes Beispiel Erfahrung begründet, wird besonders wichtig in der Pädagogik Johann Heinrich Pestalozzis. In seinen pädagogischen Romanen »Lienhard und Gertrud« (1781–1787); »Christoph und Else« (1782) und »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt« (1801) zeigt sich ebenso wie in seinen Abhandlungen und den eigenen praktischen Versuchen in seinen Kinderhäusern und Schulen, wie sehr er dem gelebten Beispiel das Herzstück der Erziehung und Bildung zuspricht – nicht nur, um die eigene Einsicht, sondern noch zuvor die eigene Erfahrung der Kinder grundzulegen. Die eigene Erfahrung – von Liebe und Zuwendung, aber auch von Not und Entbehrung – soll Einsichten und Entscheidungen begründen und so ein eigenständiges Leben ermöglichen. Auch hier soll nicht zuerst über Begriffe und Reden der Erzieherin, des Erziehers erzogen werden, sondern durch Beispiel und Erfahrung im geteilten Leben.
Zusammenfassend sei festgestellt: In der Antike waren Vorbilder zunächst zur Demonstration von Tugenden vorgetragen worden, während bei Platon Ideen als Urbilder gedacht werden, die den Dingen ihr Sein verleihen. In beiden Fällen ergibt sich Nachahmung als angemessenes Verhalten; sie ermöglicht Angleichung an das Maßgebliche oder Göttliche. Durch das Christentum und bis weit über das Mittelalter hinaus wird Christus zum maßgeblichen Vorbild, das zur »Imitatio« als persönliche Nachfolge aufruft. In der Moderne geht es seit der Aufklärung um Beispiele vernünftiger Selbstbestimmung; Ziel ist das freie Selbstwerden eines moralischen Wesens. Damit ist ein Bruch zu verzeichnen: Das Mustergültige des traditionellen Vorbilddenkens wird nun abgelehnt, und die Autorität der Vorbilder kommt zu einem gewissen Ende. Autonomie wird hier der bisherigen Autorität entgegengesetzt.
Als Gemeinsamkeit kann dennoch festgehalten werden, dass ein verbindlicher Anspruch gelingenden Lebens erhoben wird, der nach Entsprechung verlangt. Nur ist dieser Anspruch im modernen Lebensentwurf nicht mehr in einer göttlichen Ordnung begründet, sondern in die Selbstbestimmung des Menschen verlegt. Was Entsprechen heißt, verändert sich in charakteristischer Weise. Während im Urbild-Abbild-Schema Entsprechen meint, sich dem Urbild anzugleichen, so ähnlich wie möglich zu werden; »So zu sein wie …« (Sokrates), und es sich im Christentum in der Nachfolge Christi erweist als Imitatio durch persönliche Zeugenschaft; Christusbildlichkeit, bedeutet die moderne Entsprechung zum Anspruch der Mündigkeit gerade die Abkehr von der Autorität des Mustergültigen, vom vorgegebenen Maß, um ein je eigenständiges Subjekt zu werden. Dem verbindlichen Anspruch der Moralität kann nur durch die eigene Autonomie entsprochen werden.
2.2 Vom vernünftigen Beispiel zur authentischen Selbstfindung
Bereits im Neuhumanismus ist es nicht bloß beim vernünftigen Beispiel geblieben, was die Veränderung des traditionellen Vorbilddenkens betrifft. Dazu trug vor allem das Konzept der Individualität bei, das ein perspektivisches Repräsentationsverhältnis zum Gedanken der Menschheit implizierte: Jedes einzelne Individuum stellt auf seine Weise die ganze Menschheit dar, ist insofern »Bild« der Menschheit. In diesem Sinne gibt es auch für Erziehung und Bildung kein eigentliches Vorbild mehr, denn zum Maßstab wird gerade das je unverwechselbar Eigene. Nach Wilhelm von Humboldt liegt das Ziel der Bildung in der »idealischen Individualität«, d.h. jeder Mensch hat sein eigenes Ideal; es gibt so viele Ideale, wie es Menschen gibt. Der Austausch mit anderen Individuen, die sich bilden, kann die je eigene Bildung nur anregen. »Jeder Mensch existiert doch eigentlich für sich; Ausbildung des Individuums für das Individuum und nach den dem Individuum eigenen Kräften und Fähigkeiten muß also der einzige Zweck alles Menschenbildens sein« (Humboldt [1789] 1968, S. 144f.).
Friedrich Nietzsche hat dann den Gedanken der Individualität radikal zugespitzt, so dass die Inkommensurabilität des Individuellen sichtbar wurde. Individualität ist unvergleichlich, also auch durch Bildung im strengen Sinne nicht vermittelbar.
»Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluß des Lebens schreiten musst, niemand ausser dir allein. Zwar giebt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter, die dich durch den Fluß tragen wollen; aber nur um den Preis deiner selbst; du würdest dich verpfänden und verlieren. Es giebt auf der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann ausser dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn« (Nietzsche [1874] 1999, S. 340).
In der Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist dieser Gedanke aufgegriffen worden, indem die kindliche Persönlichkeit als individuelle in den Mittelpunkt des Erziehungsdenkens rückte. Man kann zwar verfolgen, wie wenig dabei die Radikalität des Denkens Nietzsches wahrgenommen wurde, aber die Auffassung, dass das Kind von Anfang an über eine individuelle Persönlichkeit verfügt, die durch Erziehung »geweckt« und berücksichtigt werden soll, prägte verschiedene Strömungen der Reformpädagogik wie die »Pädagogik vom Kinde aus« und die Kunsterziehungsbewegung. Als Initialzündung für diese Strömungen wirkten etwa Carl Götze mit seinem Buch »Das Kind als Künstler« (1898), Ellen Keys »Das Jahrhundert des Kindes« (1900) und Maria Montessoris »Anthropologia paedagogica« (1910) sowie »Kinder sind anders« (1938). Hier werden die Individualität, Eigenständigkeit und Kreativität des Kindes betont und Respekt vor der Persönlichkeit des Kindes eingefordert. Nach Montessori verfügt das Kind über einen eigenen »Bauplan« seiner Persönlichkeit, den es selbst ausgestaltet, wofür Erzieherinnen und Erzieher nur Helferinnen und Helfer sein können. So wird das Kind zum »Schöpfer seiner selbst«, wobei der Bauplan göttlichen Urspungs ist.
Eine entscheidende Entwicklung für die Veränderung der in der Praxis durchaus noch vorherrschenden Bedeutung von Vorbildern und den Verlust der Orientierung der Erziehung an ihnen brachte die Jugendrevolte der 68er- Generation mit sich. Sie wurde zur »Jugend ohne Vorbild« erklärt. Das berühmte Buch von Margaret Mead: »Culture and Comittement. A Study of the Generation Gap« (1970) wurde in der deutschen Übersetzung betitelt: »Der Konflikt der Generationen. Jugend ohne Vorbild« (1971). Der mit der 68er-Jugend verbundene, so nie vorher vollzogene Bruch zwischen den Generationen bedeutete auch einen Abriss der faktisch immer noch wirksamen Autorität der durch Erziehung und Bildung vorgehaltenen Vorbilder. 1973 erschien Siegfried Lenz’ Roman »Das Vorbild«. Der Roman spielt bezeichnenderweise im Jahr 1968, dem Jahr der Studentenrevolte. Die Verabschiedung des Vorbildes ist hier das zentrale Thema: Ein Schulbuchautorenteam kann sich nicht über anzuführende Vorbilder einigen und scheitert mit seinem Projekt. Die Argumentation eines jungen Lehrers aus dem Team lautet:
»Wenn Sie mich fragen: Vorbilder sind doch nur eine Art pädagogischer Lebertran, den jeder mit Widerwillen schluckt, zumindest mit geschlossenen Augen. Die erdrücken doch den jungen Menschen, machen ihn unsicher und reizbar, und fordern ihn auf ungeziemende Weise heraus. Vorbilder im herkömmlichen Sinn, das sind doch prunkvolle Nutzlosigkeiten, Fanfarenstöße einer verfehlten Erziehung, bei denen man sich die Ohren zuhält. Alles, was sich von den Thermopylen bis nach Lambarene überlebensgroß empfiehlt, ist doch nur ein strahlendes Ärgernis, das nichts mit dem Alltag zu tun hat« (Lenz 1973, S. 29).
Der Kern der Kritik liegt in der lebensfernen Idealisierung pädagogischer Vorbilder, und als Ergebnis wird die Abschaffung solcher Vorbilder angestrebt. Die zentrale Einsicht lautet: Jede und jeder ist ihr und sein eigenes Vorbild:
»Und warum bestehe man darauf, das Geschenk des freien Verhaltens durch die würgende Verpflichtung zum Exemplarischen zu entwerten? […] Es ließe sich doch anders vorgehen. Man könne sich doch zum Beispiel auf die Voraussetzung einigen, dass jeder sein eigenes Vorbild ist oder es doch werden kann – wenn er nur eine Chance erhält, sich zu verwirklichen in seinen besten Möglichkeiten« (Lenz 1973, S. 67).
2.3 Von der Selbstfindung zur Selbsterfindung
Während eine große Linie der pädagogischen Zielgebung die persönliche Selbstfindung und individuelle Selbstverwirklichung in den Fokus stellte, schiebt sich daneben eine andere, die auf eine kreative Schöpfung des eigenen Selbst, also Selbsterfindung, verweist.
2.3.1 Lebenskunst bei Nietzsche
Auch hierzu gibt bereits Friedrich Nietzsche die gedankliche Basis, die allerdings in der Tiefe der Reflexion kaum eingeholt wurde, während das Motiv der ästhetischen Selbstgestaltung vielfache Verwirklichungen fand. Bei Nietzsche ist Bildung als Lebenskunst verstanden in dem Sinne, dass der Mensch sein eigener künstlerischer Schöpfer ist; er erfindet sich selbst. Es geht nicht mehr darum, das eigene Selbst zu finden als etwas, das in uns angelegt wäre, sondern angesichts der Offenheit der Anlagen und der Vielheit der Möglichkeiten muss so etwas wie ein einheitliches Wesen oder ein erkennbarer Charakter erst hervorgebracht werden. Während es bei Kant und Humboldt Ziel der Bildung war, die eigenen Anlagen zu entfalten, betont Nietzsche, dass in der Lebensgeschichte das »Selbst« erst entsteht – und als eines kann es nur ästhetisch gestaltet sein.
» […] denn dein wahres Wesen liegt nicht tief verborgen in dir, sondern unermeßlich hoch über dir, oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst« (Nietzsche [1874] 1999, S. 340).
»Eins ist Not. –Seinem Charakter ›Stil geben‹ –eine große und seltene Kunst! Sie übt Der, welcher Alles übersieht, was seine Natur an Kräften und Schwächen bietet, und es dann einem künstlerischen Plane einfügt […] wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein, und im Kleinsten und Alltäglichsten zuerst (Nietzsche [1881/1887] 1999, S. 290f.).
Vorbild ist dabei Goethe; von ihm heißt es: »er schuf sich« (Nietzsche [1889] 1999, S. 49).
2.3.2 Postmoderne Ästhetisierung; Produktinszenierung und virtuelle Identitäten
In Phänomenen der postmodernen Ästhetisierung finden wir die Selbsterfindung in vielfältiger Weise wieder. Die Erfindungen zur Gestaltung unserer alltäglichen Lebenswelt sind nicht nur technischer Art, sondern immer auch ästhetischer Art, und technische Erfindungen werden ästhetisch überhöht, so dass auch von der ästhetischen Erfindung unserer Lebenswelt die Rede sein kann. Essen, Kleidung, Wohnen etc. werden mit Lifestyle- Bildern verbunden und darüber geprägt. Es geht dabei nicht nur um die Funktion, sondern um Erlebnisse, die mit bestimmten Produkten verbunden und ästhetisch aufgeladen werden. Durch Werbung und Kulturindustrie wird alles zum Spiel, auch die Gestaltung des eigenen Lebens. Denn nicht nur unsere Umgebung, auch uns selbst entwerfen und gestalten wir in vielfachen Ästhetisierungen. Dabei spielt die Werbung eine große Rolle; Inszenierungen des Selbst werden uns unablässig – und unausweichlich – über Produktästhetisierungen nahegelegt. Produkte vermitteln ästhetisch überhöhte »Fiktionswerte« (Ulrich 2013, S. 2)1 zur Lebens- und Selbstgestaltung. Vom Duschgel bis zum Auto kaufen und konsumieren wir ästhetische Lebens- und Selbsterfindungen. Dabei geht es nicht nur um die Vereinbarung von Funktionalität und Schönheit, sondern was eigentlich Funktion ist, wird zum Weltbild erhoben. Das Motto lautet: »Erfinde dich selbst – immer neu«! Zu diesem Thema findet sich eine umfangreiche Ratgeberliteratur; sie gibt paradoxerweise Anleitung zur immer neuen Selbsterfindung. Durch die Werbung vervielfältigt, ist Selbsterfindung zum alltäglichen Spiel geworden, und wem das nicht spielerisch gelingt, der braucht und bekommt Nachhilfe.
Ein ähnliches Phänomen sind die im Internet möglichen verschiedenen Identitäten. Im Netz können beliebige Identitäten angenommen werden, unabhängig davon, ob es sich um »Chats« in sogenannten »sozialen Netzwerken« handelt oder um Computerspiele. Auch hier geht es um spielerische Selbsterfindungen auf Zeit in einer beliebigen Weise.
2.3.3 Models und »Morphing«
Werbung und Kulturindustrie produzieren unablässig Vorbilder als Muster. Die hauptsächliche Erscheinungsform ist die des »Models«, das ja nicht nur neue Mode vorführt, sondern Lifestyle und Schemata des Erscheinungsbildes vorgibt. Auch durch Werbung und Massenmedien werden Verhaltensweisen und Erscheinungsbilder ständig modelliert. Solche Modellierungen treten wie die überall präsenten Models selbst als Muster mit hohem Normierungsdruck auf. Was als Spiel erscheint, enthält hohe soziale Macht bis hin zu Ausschlusswirkungen. Werbung und Massenmedien funktionieren über die Präsentation idealer Muster, die zur Identifikation aufrufen. Hier findet sich gleichsam eine Explosion idealisierter »Vorbilder«, die unmittelbar auf Nachahmung angelegt sind. Nicht nur gleichgeschaltete Moden, sondern auch magersüchtige Teenager sind die Kehrseite der Trendvorgaben.
