Vordenker, Mahner, Seelsorger -  - E-Book

Vordenker, Mahner, Seelsorger E-Book

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Beschreibung

"Für die evangelischen Kirchen in der DDR war Heino Falcke in vieler Hinsicht ein treibender Faktor, ein mutiger Anreger, ein prophetischer Geist, ein Anwalt der Bedrängten, ein inspirierender Theologe, ein wackerer Zeitgenosse, ein Mann mit dem ›Mut zum Dafür‹ (Willy Brandt), ein Vordenker des Konziliaren Prozesses, ein stets geistesgegenwärtiger Debattenredner, ein begnadeter Prediger, ein einfühlsamer und zuhörfähiger Seelsorger, ein unbestechlicher Denker." (Friedrich Schorlemmer) Die vorliegende Festschrift zu Propst Heino Falckes 90. Geburtstag versammelt 29 Beiträge von Weggefährten, Politikern und streitbaren Theologen. Falcke ist einer der Vordenker des Konziliaren Prozesses, des gemeinsamen Weges der christlichen Kirchen zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Die Beiträge eröffnen nicht nur einen ungewöhnlichen Blick auf die Evangelische Kirche in der DDR, sondern sie fragen, welchen Weg die Kirche heute nehmen muss, um zukunftsfähig zu bleiben. Inspiriert wurden die Autoren von der prägenden Persönlichkeit Heino Falckes, der nicht nur einer der wichtigsten Theologen der DDR, sondern bis heute ein mahnender Begleiter der christlichen Kirchen ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und Evangelischer Kirchenkreis Erfurt (Hrsg.)

Vordenker, Mahner, Seelsorger

Festschrift für Heino Falcke

zum 90. Geburtstag

EVANGELISCHE VERLAGSANSTALT

Leipzig

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: Fruehbeetgrafik, Thomas Puschmann, Leipzig

Satz: 3W+P, Rimpar

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN 978-3-374-06038-2

www.eva-leipzig.de

Vorwort

Unter Resonanz (von lateinisch resonare – »widerhallen«) versteht man in der Physik das verstärkte Mitschwingen eines schwingfähigen Systems. Auch ein Mensch vermag Resonanzen hervorzurufen. Diese Festschrift versammelt Resonanzen auf Propst i. R. Dr. Dr. h.c. Heino Falcke. Als Verkündiger und Seelsorger prägt er seit Jahrzehnten den Weg der Kirche in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, im Bund der Evangelischen Kirchen der DDR und in den Kirchen der weltweiten Ökumene. Sein 90. Geburtstag ist darum für Weggefährten, Kolleginnen und Kollegen sowie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein willkommener Anlass, Themen aufzugreifen und zu spiegeln, die, von ihm angestoßen, seinen weiten Geist und Sinn atmen – und seine unverdrossene Beharrlichkeit:

Als Vordenker, dessen theologische Reflexion ganz am vorlaufenden Wort Gottes orientiert ist; ein Vordenker, der Vergangenes und Gegenwärtiges konsequent im Lichte von Gottes kommendem Reich vor-denkt. Das macht ihn zu einem Mahner, der jeden Kompromiss, jede Anpassung an den Zeitgeist, jede pragmatische und aus sich heraus verständliche Entscheidung wohl würdigt, aber sie nicht als letztes Wort gelten lässt. So wirkte er bereits zu DDR-Zeiten mit seinem Engagement für Gerechtigkeit und Frieden weit über die damaligen Grenzen hinaus und ist auch heute noch ein verlässlicher Anwalt all jener, deren Mut angesichts der »Realitäten« sinken will. In der Sache des Reiches Gottes unbeugsam, ist er mit wachem Geist und anteilnehmendem Herzen bis heute ein treuer seelsorgerlicher Begleiter im Alltag dieser Kirche und Welt; einer, der in der Freiheit eines Christenmenschen heiter und unbestechlich durch sein Beispiel sehr vielen Christen in Ost und West, in Nord und Süd geholfen hat und bis heute hilft, sich mutig und ohne Zaudern, mit Gottvertrauen und Engagement für gerechte und deshalb friedvolle Verhältnisse einzusetzen.

Zu seinem 90. Geburtstag halten wir inne. Allerdings soll dieser, wie Heino Falcke es selbst formuliert hat, »nicht Anlass sein, den Jubilar hervorzuheben«. Aber Anlass genug, Gott für den Menschen Heino Falcke und alles, was er ihm geschenkt und auferlegt hat, zu danken: für sein Vordenken, Mahnen und Begleiten, für sein Verkündigen und seine Seelsorge – und für seinen Humor, der in der Freude des Evangeliums wurzelt! Und: für seine Liebe zu Blumen, die ich meine bei unseren Begegnungen wahrgenommen zu haben. Blumen als Zeichen der wunderbaren Schöpfung Gottes, die in verschwenderischem Luxus – mehr als nötig – unser Herz und unsere Lebensfreude stärken und uns Mitgeschöpfen Gottes Güte und Liebe vor Augen malen.

Herzlichen Dank allen Autorinnen und Autoren dieser Festgabe, die zum vorliegenden Blumenstrauß aus vielerlei Beiträgen das Ihre dazugetan haben. Sie erfüllen insofern einen Geburtstagswunsch des Jubilars, als sie, so sagte er sinngemäß, »den langen Weg seines Lebens als Herausforderung verstehen, sich zu erinnern, was war, sich zu besinnen, wo wir versagt haben und was uns geglückt ist«. So zeichnen die Beiträge vielfältige Spuren auf diesem langen Lebensweg nach, sie lassen aufleuchten, welche Kraft das kommende Reich Gottes bereits in der vorfindlichen Realität gewinnt, sie sind Zeugnis für die Zukunftsfähigkeit einer Kirche unter Gottes Wort.

Ein besonderer Dank gilt Pfarrer Dr. Andreas Fincke in Erfurt für seine sorgfältige Herausgeberschaft sowie Pfarrer i. R. Dr. Martin Remus für die Unterstützung und seine Hinweise in der redaktionellen Arbeit.

Und auch dem Evangelischen Kirchenkreis Erfurt und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gebührt Dank für die Unterstützung des Druckes sowie Frau Dr. Annette Weidhas von der Evangelischen Verlagsanstalt für die gute Kooperation bei der Herstellung dieser Festgabe.

Das Schriftwort für den Sonntag Jubilate, dem 90. Geburtstag von Propst i. R. Dr. Dr. h.c. Heino Falcke, lautet: »Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.« (2 Kor 5,17). Es möge unser aller Trost- und Glaubenswort bleiben!

Ilse Junkermann

Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Gruß und Dank

Bodo Ramelow

Ein unbeugsamer Geist

Heinrich Bedford-Strohm

Was ist Heimat?

Für Heino Falcke zum 90. Geburtstag

Elfriede Teresa Begrich

Wegbereiter und Wegbegleiter

Heino Falcke zum 90. Geburtstag

Michael Beintker

Zwischen Reformation und Kirchenreform

Einige Gedanken zu den Reformprozessen in der evangelischen Kirche

Almuth Berger und Hans-Jürgen Fischbeck

Vordenker in kritischer Zeit

Begegnungen und Erfahrungen mit Heino Falcke

Christoph Demke

Mit Gott Schritt halten

Ulrich Duchrow

Bündnisse zwischen Ökumene, Papst Franziskus und den sozialen Bewegungen zur Überwindung des Götzen Kapital

Für Heino Falcke zum 90. Geburtstag

Dietrich Ehrenwerth

Des Glaubens Flügel

Klänge aus dem Erfurter Augustinerkloster

Joachim Garstecki

»Drüben« gab es zweimal

Christliche Friedensbewegungen im deutsch-deutschen Gespräch

Joachim Jaeger

Im Ringen mit dem SED-Staat

Propst Dr. Heino Falcke zum 90. Geburtstag am 12. Mai 2019

Wolf Krötke

Was bleibt von der Bonhoeffer-Rezeption in der DDR?

Persönlich akzentuierte Rückblicke und Ausblicke

Gerhard Liedke

Brotpredigt Johannes Sechs

Christian Link

Was wir zu sagen haben

Ruth Meili

»Werden die Fundamente zertrümmert – was kann da noch ein Gerechter bewirken?« (Psalm 11,3)

Jürgen Moltmann

Politische Versöhnungen in Europa und der Welt

Für Heino Falcke in herzlicher Freundschaft

Wolfgang Musigmann

Ein leuchtendes Vorbild eines aufrechten, frohen und engagierten Christenmenschen

Zum 90. Geburtstag von Bruder Falcke

Conrad Erasmus Neubert

Mein Weg aus der Not der Versorgung

Ehrhart Neubert

Eine Festschrift für Heino Falcke vor 30 Jahren

Hildigund Neubert

Die Bibel im Dorf

Axel Noack

Heino Falckes Brief zur Ausreise und zum Bleiben von 1984 – ein Diskussionsbeitrag zum Bußwort des Landeskirchenrates

Paul Oestreicher

1955–1989: Im Krieg gegen den Kalten Krieg

Siebenundsiebzigmal bei den Christen in der DDR – Einsichten eines Kirchendiplomaten

Elisabeth Raiser

Brief an einen Freund

Konrad Raiser

Umkehr in den Schalom

Heino Falcke und der konziliare Prozess

Gerhard Rein

Der hat ja nur Kontakt zur Basis

Martin Rumscheidt mit Nancy Lukens

Erinnern um der Zukunft der Kirche willen

Friedrich Schorlemmer

»Mit Gott Schritt halten«

Propst Dr. Heino Falcke zum 90. Geburtstag am 12. Mai 2019

Joachim Wanke

Vom Dienst der Friedensstifter

Ökumenischer Gottesdienst in der Erfurter Augustinerkirche am 18. 9.2010 anlässlich des Rückblicks auf 30 Jahre Friedensdekade. Predigt über Jak 3,13–18

Bärbel Wartenberg-Potter

Baut Archen!

Öko-theologische Entdeckungen bei der Relectura biblischer Texte

Bernd Winkelmann

Politische Spiritualität

Heino Falcke als Inspirator und väterlicher Begleiter

Autorenverzeichnis

Gruß und Dank

Seit 45 Jahren lebt und arbeitet Heino Falcke in Erfurt. 1973 kam er in die damalige Bezirkshauptstadt und trat den Dienst als Propst des Erfurter Propstsprengels und Mitglied der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen an. Er machte das Erfurter Augustinerkloster zu einem Ort des theologischen und politischen Diskurses für Gemeindeglieder und theologisch und gesellschaftspolitisch Interessierte in der DDR und – davon zeugen viele der hier versammelten Beiträge – weit über die DDR hinaus. Er begleitete und verteidigte den kirchlichen Arbeitsbereich der Offenen Arbeit Erfurt, in dem sich Christen und Nichtchristen zusammenfanden, um für eine Veränderung des maroden DDR-Systems und gegen wachsende Umweltzerstörung und den Geist der Abschreckung und Hochrüstung zu agieren. So wurde das Erfurter Augustinerkloster durch Heino Falcke zu einem Zentrum des konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Auch seit seinem Ruhestand im Jahre 1994 wirkt Heino Falcke als Referent, Publizist, Berater und Anreger. Bei öffentlichen Veranstaltungen ist er häufig anzutreffen.

1997 veröffentlichte er mit anderen Mitstreitern die »Erfurter Erklärung«, die zu einem Politik-Wechsel in Deutschland aufrief. Im Vorfeld des Elisabeth-Jahres 2007 regte er an, dieses in Thüringen sowohl engagiert evangelisch als auch ökumenisch zu begehen. Er gehörte zu den Erstunterzeichnern der Erklärung »Frieden mit dem Kapital? Ein Aufruf wider die Anpassung der Evangelischen Kirche an die Macht der Wirtschaft« aus dem Jahr 2008. In einem Beitrag für einen evangelischen Glaubenskurs in 50 Artikeln, der 2013 erschien, stellte Falcke die Grundsätze christlicher Friedensethik komprimiert dar. Dieses Thema hat ihn Zeit seines Lebens beschäftigt, gehörte er doch zu jener Generation, der die Einberufung in die Wehrmacht aufgrund ihres Alters erspart geblieben ist, die aber entscheidend durch die Kriegserfahrung geprägt wurde. Aus biografischer Erfahrung und christlicher Überzeugung heraus plädiert er entschieden für eine Friedenspolitik aus dem Geist der Gewaltlosigkeit und der Liebe Jesu Christi in einer Welt, in der paramilitärische und terroristische Gewalt unkontrolliert zunimmt.

Heino Falcke ist dem Augustinerkloster eng verbunden. Er begleitete die Zeit des Wirkens der Schwestern von der Communität Casteller Ring in Erfurt, ja, er wohnte viele Jahre in unmittelbarer Nachbarschaft. Man konnte und kann ihn nahezu täglich im Kloster treffen – er nimmt an Gottesdiensten, Vorträgen und Konzerten teil. Regelmäßig versammeln sich Gemeindeglieder aus der Predigergemeinde mit ihm zum Gespräch über Texte aus der Heiligen Schrift. Viele Menschen schätzen seinen Rat und sind dankbar für Begegnungen. Heino Falcke hört zu und nimmt Stellung: als engagierter Christ, Theologe und Zeitzeuge, wohlwollend, klug, umsichtig, lebenserfahren.

Die Erfurter Kirchengemeinden, die Mitteldeutsche Kirche, die ökumenisch Engagierten, die Stadt insgesamt haben Heino Falcke viel zu verdanken. Der Stadtrat wird Heino Falcke deshalb anlässlich seines 90. Geburtstags die Ehrenbürgerwürde verleihen.

Kürzlich fasste er den Inhalt einer Predigt in einem Gottesdienst im Augustinerkloster so zusammen: »Gelassenheit im Vorletzten, Heilsgewissheit im Letzten.« Dies strahlt er aus, und dies vermittelt er seit über 45 Jahren in Erfurt. Dafür sage ich im Namen der Erfurter Christinnen und Christen herzlichen Dank!

Matthias Rein

Senior des Evangelischen Ministeriums Erfurt

und Vorsitzender des Kreiskirchenrates des Ev. Kirchenkreises Erfurt

Ein unbeugsamer Geist

Bodo Ramelow

Meine erste Begegnung mit Heino Falcke war aufregend. Es war der 10. Juni 1982, und wir jungen Marburger Gewerkschafter befanden uns in einem Bus auf dem Weg zur größten deutschen Friedenskundgebung in Bonn. Stunden dauerte der Anmarschweg von den Autobahnen, wo die Busse abgestellt wurden, um zur Hauptkundgebung am Rheinufer zu gelangen. Ich erinnere mich an brütende Hitze und nette Menschen: Um uns unter der brennenden Sonne vor dem Dehydrieren zu schützen, wurden wir mit Gartenschläuchen nass gespritzt. Schließlich drangen wir zur großen Hauptbühne vor, auf der alles, was Rang und Namen hatte, versammelt war. Ich sah, neben vielen anderen, Willy Brandt und Petra Kelly und, zwischen ihnen sitzend, Propst Heino Falcke aus Erfurt (DDR) mit seinem Transparent »Schwerter zu Flugscharen«. Natürlich konnte er mich nicht sehen, denn ich stand mit 500.000 weiteren Menschen vor der Bühne – aber ich sah ihn, und sein Transparent entzweite meinen Freundeskreis.

Die einen meinten, dass die Friedensbewegung in der DDR wichtig und der Kampf auch gegen sowjetische Raketen gleichrangig sei. Andere waren der Meinung, diese DDR-Friedensbewegung würde doch unseren antifaschistischen Nachbarstaat unterminieren. An diesen Konflikt erinnere ich mich sehr lebhaft, denn er betraf mich auch persönlich. Letztlich gelangte ich für mich zu dem Schluss, dass ein Abrüstungsbemühen auf allen Seiten der richtige Weg sein muss. Ich vermag in keiner atomaren Waffe irgendetwas »Friedliches« oder »Friedenstiftendes« zu erkennen.

Ohne dass Heino Falcke und ich uns darüber hätten austauschen können, war er doch derjenige, der bei mir mit seinem Plakat einen wesentlichen Impuls ausgelöst hat. Neugierig geworden durch das Signet, stieß ich auf die Bibelstelle des Propheten Micha und auf das Mahnmal, das die Sowjetunion den Vereinten Nationen geschenkt hatte. Dieser Widerspruch zwischen der Aussage des geschenkten Mahnmals der Sowjetunion und dem Verfolgungseifer der DDR-Sicherheitsorgane, aber auch der DDR-Oberen gegen diejenigen, die sich dieses Signet auf den Parka nähten, gab mir einen weiteren Denkanstoß der besonderen Art.

Heino Falcke ist ein besonderer Mensch. Seine Haltung wirkte über Systemgrenzen hinweg – zu einer Zeit, in der sich niemand hätte vorstellen können, dass irgendwann einmal der Westdeutsche Bodo Ramelow und der DDR-Theologe Heino Falcke zusammen im Erfurter Augustinerkloster sitzen und über einen Text philosophieren, welcher zu einem Aufruf für mehr Solidarität und Gerechtigkeit im vereinten Deutschland führen sollte: die Erfurter Erklärung.

Wir verdanken Heino Falcke zahlreiche Denkanstöße, die immer wieder durch seine eindeutige und klare Haltung ausgelöst wurden. Auch sein klares Bekenntnis zur Schöpfung, basierend auf der Kraft seines Glaubens, hat ihn immer wieder motiviert, den Christinnen und Christen in der DDR Mut zu machen, um für eine lebenswerte Umwelt zu streiten. Dazu gehörten die Erkenntnis, wie an der Natur Raubbau betrieben wurde, und das Streben nach einer gerechten Teilhabe und einer globalen Verantwortung.

Zehn Jahre nach der friedlichen Revolution nahm ich mit Heino Falcke an einer Veranstaltung zur Erinnerung an den konziliaren Prozess teil. Es war für mich ein Donnerschlag, die Texte des konziliaren Prozesses zu hören und zu lesen und zu spüren, dass die Arbeit, die Christinnen und Christen in der DDR mit dem konziliaren Prozess geleistet haben, bis heute zeitlos aktuell sind. Natürlich entstanden diese Texte aus der DDR-Innensicht. Zehn Jahre später weiteten wir unseren Blick auf globale Abhängigkeiten und Ungerechtigkeiten in größeren Dimensionen. Deshalb ist auch der konziliare Prozess eine wesentliche Etappe auf dem Weg zu einer gerechteren Welt. All das eingebettet in einen festen Glauben und die Wahrnehmung einer höchstpersönlichen, täglichen Verantwortung für Gerechtigkeit, Solidarität, Mitmenschlichkeit und Humanität verbinde ich mit Heino Falcke.

Deshalb ist es mir eine Freude, dem lieben Bruder Heino Falcke herzlichst zum 90. Geburtstag zu gratulieren und für die vielfältigen Impulse zu danken, die mein Leben sehr beeinflusst und an einigen Stellen zentral verändert haben. Die Erfurter Erklärung ist für mich der Ausschlag gewesen, über einen breiteren politischen Kanon nicht zur nachzudenken, sondern dafür zu wirken. Rot-Rot-Grün in Thüringen hat seine Wiege in der Erfurter Erklärung und im Augustinerkloster. Dafür gebührt Heino Falcke mein herzlichster Dank – bis heute prägt er mich mit seinen Denkanstößen.

Was ist Heimat?

Für Heino Falcke zum 90. Geburtstag

Heinrich Bedford-Strohm

Heino Falcke ist ein prägender öffentlicher Theologe des vereinten Deutschlands.Schon vor der Wende 1989 hatte ich als junger Student sein mutiges theologisches und politisches Engagement in der DDR deutlich wahrgenommen. Während meiner Studienzeit, vor allem an der Heidelberger Universität, hatten mich die Impulse des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung intensiv beschäftigt und geprägt. Die mutigen Aktivitäten der Christinnen und Christen in der damaligen DDR nahmen wir damals sehr deutlich wahr. Die ökumenischen Versammlungen in Magdeburg und Dresden waren Signale des Aufbruchs, auch für uns im Westen. Heino Falcke war mitten drin. 1991 las ich sein Buch »Die unvollendete Befreiung. Die Kirchen, die Umwälzung in der DDR und die Vereinigung Deutschlands« und nahm seine Einsichten für mein eigenes Verständnis der Rolle der Kirchen im vereinten Deutschland auf.

So war es für mich eine große Freude, als er bald nach der Wende in den Vorstand der Gesellschaft für Evangelische Theologie gewählt wurde, dem ich schon seit Studienzeiten angehört hatte. Nun lernten wir uns näher kennen und bereiteten viele Tagungen der Gesellschaft gemeinsam vor. Seine Impulse zur politischen Positionierung aus einer theologischen und geistlichen Existenz heraus haben auch mein eigenes Nachdenken über öffentliche Theologie und mein Agieren als Pfarrer, akademischer Theologe und dann als Bischof maßgeblich mitgeprägt. Sein Mut und seine Beharrlichkeit, die Freude an der Diskussion, seine Herzlichkeit und Menschlichkeit haben mich immer inspiriert.

Auf eine besondere Weise begleitet mich Heino Falcke bis heute jeden Tag. Als ehemaliger Probst im Augustinerkloster in Erfurt hatte er dafür gesorgt, dass ich nach meiner Wahl zum Bischof und dem dann nicht zu umgehenden Rücktritt als Vorsitzender der Gesellschaft für Evangelische Theologie vom Vorstand ein wunderbares Abschiedsgeschenk bekommen habe. Es war ein Gutschein für etwas ganz Besonderes. Während der Renovierung der Kirchenfenster im Augustinerkloster wurden die Fenster mit temporären Repliken versehen. Die für mich wertvollste davon war eine Darstellung des »Gnadenstuhles«, Gottvater mit dem gekreuzigten Christus im Schoß, die wir als Cover des Tagungsbandes über das Bekenntnis zum trinitarischen Gott verwendet hatten. Diese Replik sollte ich nach Abschluss der Restauration des Originals bekommen. Und ich habe sie bekommen. So hängt dieses Fenster nun in meinem Büro, schräg gegenüber von dem Cranach-Bild Martin Luthers. So schaut Martin Luther wieder auf dieses Bild wie vor gut 500 Jahren beim Beten im Augustinerkloster.

Für mich ist die Darstellungauf dem Fenster im Augustinerkloster ein täglich sichtbarer Ausdruck meiner geistlichen Heimat. Das Bild mit Vater, Sohn und Heiligem Geist erinnert mich daran, dass ich nicht nur Zuhause und Heimat auf der Erde habe, sondern auch eine ewige, himmlische Heimat. Die Bibel spricht davon, dass unser Bürgerrecht im Himmel ist (Phil 3,20) und dass wir diese Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes auch hier im Herzen tragen (Ps 84,2–8). Das steht in keinem Gegensatz zur irdischen Heimat, nimmt aber diese irdische Heimat in etwas Größeres auf.

Darüber, was irdische Heimat bedeutet und in welchem Verhältnis sie zur geistlichen Heimat steht, lohnt es sich indessen genauer nachzudenken.

1.Was ist Heimat? Persönliche Assoziationen

Heute hat der Begriff »Heimat« vor allem in den gesellschaftlichen Debatten wie auch in den persönlichen Diskussionen Konjunktur. Wir fragen uns mehr als früher: Was ist Heimat? Jeder und jede von uns hat vermutlich je eigene persönliche Assoziationen zu diesem Begriff. Für mich ist Heimat gleich mehreres. Zunächst ist meine Heimat mein Geburtsort Memmingen und das kleine Dorf Buxach, in dem ich die ersten 5 Jahre meines Lebens verbracht habe. Dieses Dorf ist immer noch Heimat für mich, obwohl ich dort nur so kurz gelebt habe.

Heimat ist aber auch das, was mir vertraut ist. Das oberfränkische Coburg ist der Ort, an dem ich meine ganze Schulzeit verbracht und dann 20 Jahre später auch zahlreiche Jahre als Gemeindepfarrer gewirkt habe und von dem aus ich später zur Universität Bamberg gependelt bin. Wenn ich auf Coburg zufahre und irgendwann aus der Ferne die Veste Coburg – die »Fränkische Krone« – auftauchen sehe, dann habe ich starke Heimatgefühle.

Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich Sicherheit und Geborgenheit empfinde. Bei mir ist das in besonderer Weise meine Familie. Hier bin ich ganz Zuhause und kann mich fallen lassen. Heimat ist für mich aber auch eng mit Sprache verbunden. Wo man meine Muttersprache spricht, fühle ich mich immer ein Stück Zuhause. Und Heimat ist für mich mit Landschaften in der Natur verknüpft, die mir vertraut sind und in mir Glücksgefühle auslösen.

Auf ein interessantes Beispiel von Heimaterfahrung bin ich bei dem früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck gestoßen. »Die mecklenburgische Landeskirche« – so sagte er angesichts der Fusion von drei Landeskirchen in die neue Nordkirche – »war und ist […] meine geistige, meine geistliche Heimat. Das wird sie auch als Nordkirche bleiben und ich bin mit meinen Gedanken und Gefühlen nah bei allen, die in der neuen Kirche wirken.«

Heimat ist also etwas Vertrautes, seien es die Familie, die Sprache, Orte oder Landstriche. Nicht immer ist das daran gebunden, dass wir an einem Ort schon lange leben oder mit einer Gemeinschaft vertraut sind. Menschen, die schlimme Kindheits- oder Jugenderfahrungen in der Familie gemacht haben, empfinden beim Gedanken an ihre Familie diese Heimatgefühle genau nicht. Wer an dem Ort, an dem er aufgewachsen ist, gemobbt wurde, empfindet Schmerz und nicht Geborgenheit, wenn er an diesen Ort denkt. Und umgekehrt kann ein Ort, an dem man Zuflucht gefunden hat, schnell zur Heimat werden. Ganz besonders dann, wenn Menschen, die etwa als Geflüchtete hierhergekommen sind und schnell Deutsch gelernt haben, vielleicht Kinder haben, die unsere Sprache besser sprechen als die des Herkunftslandes, finden sie hier Heimat. Umso härter und unverständlicher ist es, wenn genau solche Menschen, die hier hoch integriert sind, abgeschoben werden.

Heimat ist indessen nicht nur an einen bestimmten Ort gebunden. Heimat kann man manchmal auch unabhängig von Sprache, Orten oder Landstrichen empfinden. Ich habe Heimatgefühle, wenn ich in irgendeiner Kirche der Welt die lutherische Liturgie feiere und die Worte verstehe, obwohl ich die fremde Sprache vielleicht gar nicht spreche. Oder wenn ich Texte aus der Bibel oder aus dem Gesangbuch lese und die Vertrautheit, die ich dabei empfinde, mich stärkt. Heimatgefühle können aber auch hervorgerufen werden, wenn ich auf Erinnerungen, Gerüche und Geräusche stoße, die in meiner Kindheit eine besondere Rolle gespielt haben. »Heimat ist kein Ort – Heimat ist Gefühl«, hat Herbert Grönemeyer einmal gesungen.

Was Heimat bedeutet, erfährt man oft besonders in der Fremde. Wenn man von dem getrennt ist, was einem vertraut und gewohnt ist, werden die Konturen schärfer. Es wird bewusst, was einem lieb und wertvoll ist. Gleichzeitig verklärt die Distanz so manche Realität. Heimatverlust hat auch immer mit Verklärung und Sehnsucht nach dem Verlorenen zu tun. Heimweh ist nur ein Ausdruck davon.

Das Wort »Heimat« spielte im vergangenen Jahr – weit jenseits der persönlichen Assoziationen, die ich hier geteilt habe – immer wieder in der politischen Diskussion eine zentrale Rolle. Insbesondere Rechtspopulisten versuchen, mit dem Heimatbegriff ihre politische Agenda voranzutreiben. Umgekehrt warnt der grüne Bundesvorsitzende Robert Habeck vorsichtshalber seine Partei, sich über die Konjunktur der Heimat nicht lustig zu machen.

Eine besondere Note bekam die Diskussion um Heimat für die Kirchen, als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder mit dem sogenannten »Kreuzerlass« anordnete, im Foyer aller staatlichen Gebäude ein Kreuz anzubringen. Als kulturelles Symbol, das in besonderer Weise auch für die bayerische Heimat stehe, verbinde es alle Bayern, jenseits unterschiedlicher religiöser oder kultureller Hintergründe.

Ist das Kreuz – darüber wurde im Anschluss heftig diskutiert – auch ein Heimatsymbol, und wie ist damit umzugehen?

2.Das Kreuz – ein Heimatsymbol?

Eine vergleichbar intensive öffentliche Diskussion über das zentrale Symbol des christlichen Glaubens hatten wir, das mag man als Ertrag der Debatte in jedem Falle feststellen können, noch nie. Darüber darf man sich als Christ zunächst durchaus freuen. Wesentliche Teile der Diskussion drehten sich indessen nicht um den Inhalt, für den das Kreuz steht, sondern um den politischen Umgang damit. Das Kreuz war zwischen die Fronten geraten im Jahr der bayerischen Landtagswahl.

Das Kreuz steht für die bayerische Identität und sollte daher tatsächlich in allen staatlichen bayerischen Amtsgebäuden hängen – sagten die einen. Das Kreuz wird politisch instrumentalisiert, wenn es als Zeichen der bayerischen Identität entgegen der weltanschaulichen Neutralitätspflicht des Staates zwangsverordnet wird – sagten die anderen. So polarisiert und personalisiert war die Debatte, auch unter Christen, dass die Zwischentöne nur schwer zu hören waren. Aber wie ist es um das Kreuz als religiöses und gegebenenfalls auch kulturelles Symbol in der Öffentlichkeit bestellt?

Drei Dinge waren mir in der öffentlichen Diskussion so wichtig, dass ich sie zu vielen Gelegenheiten deutlich zu machen versuchte:

(1) Erstens hat das Kreuz ganz bestimmt seinen Ort auch in der Öffentlichkeit. Religion ist nicht nur Privatsache, sie hat auch öffentliche Bedeutung. Wenn das Kreuz in öffentlichen Gebäuden hängt, erinnert es uns an wesentliche Grundlagen eines humanen Staatswesens. Dass das Kreuz an vielen Stellen öffentlich sichtbar ist, ist Ausdruck davon, dass es vielen Menschen in Bayern auch in einer Zeit religiöser Pluralität sehr wichtig ist.

(2) Richtig ist aber auch: Da in Bayern inzwischen viele Menschen leben, für die das Kreuz nicht Ausdruck ihrer religiösen und weltanschaulichen Haltung ist, eignet es sich nicht als Instrument einer staatlich verordneten Identität oder als Katalysator eines wie auch immer genauer bestimmten staatlich propagierten Heimatgefühls. Kreuz und staatlicher Zwang schließen sich sogar aus, denn der Mann, für den das Kreuz steht, hat auf Macht und Zwang verzichtet und die Menschen dadurch zu Gott gebracht, dass er die radikale Liebe Gottes, die er verkündigte, mit seinem ganzen Wesen lebte und ausstrahlte.

(3) Das Kreuz ist nicht zuerst ein kulturelles, sondern zuallererst ein religiöses Symbol. Das ist keine Nebenfrage, sondern für uns als Kirche entscheidend. Je mehr das Kreuz ein kulturelles Symbol ist, das alle Menschen jenseits ihrer religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen vereinen soll, desto mehr muss sein religiöser Bedeutungsgehalt verschwimmen. Aber auch das Umgekehrte gilt: Je mehr es als religiöses Symbol ernst genommen wird, und genau darum muss es uns als Kirchen ja gehen, desto weniger darf es staatlich verordnet werden. Denn dann würde ja ein bestimmter Glaube staatlich verordnet und für alle verbindlich gemacht.

Dass das niemand will, darüber dürfte – sowohl in den Kirchen als auch in der Gesellschaft insgesamt – ein breiter Konsens bestehen. Erst recht sollten wir uns einig darüber sein, dass die Instrumentalisierung von Religion für staatliche Machtausübung, wie wir sie aus manchen islamischen Ländern kennen, in Deutschland keinen Ort haben darf. Und wir sollten denen klar widersprechen, die auf Demonstrationen mit schwarz-rot-goldenen Kreuzen auftauchen und das Kreuz für nationalistische und ausländerfeindliche Zwecke politisch missbrauchen. Sie treten alles mit Füßen, was den religiösen Gehalt des Kreuzes ausmacht.

Wir sollten viel mehr über den Inhalt des Kreuzes diskutieren als über das Kreuz als äußeres Symbol. Das ist natürlich nicht das Gleiche. Reformierte Christinnen und Christen hängen noch nicht einmal in der Kirche ein Kreuz auf. Sie wollen mit dieser Zurückhaltung dem Bilderverbot aus den Zehn Geboten folgen: Du sollst dir kein Bildnis machen. Das zeigt: Es ist unsinnig, die Leidenschaft im Bekenntnis zu dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus am Tragen oder Aufhängen des Kreuzes als äußerem Symbol festzumachen, auch wenn mir selbst auch das äußere Symbol durchaus hilft, mich immer wieder an seinen Inhalt erinnern zu lassen. Aber es ist unsinnig, denen, die den bayerischen Kreuzerlass ablehnen, Selbstverleugnung und mangelnde Leidenschaft im Eintreten für den Glauben zu unterstellen. Denn viele von ihnen üben ja genau deswegen Kritik daran, weil ihnen das Kreuz als religiöses Symbol so wichtig ist und sie eine Herabwürdigung der Bedeutung des Kreuzes darin sehen, dass es zu einem kulturellen Symbol gemacht wird.

Es war gut, dass der Verordnungscharakter des Kreuzerlasses im Laufe der Diskussion immer mehr abgeschwächt worden ist und der Empfehlungscharakter stärker betont wurde und auch erklärtermaßen von Kontrollen abgesehen wurde. Das war ein Zeichen dafür, dass aus Debatten auch gelernt werden kann.

Die viel wichtigere Debatte ist eine andere: Wie kann der Staat, wie können die Bürgerinnen und Bürger den Geist ausstrahlen, für den das Kreuz steht und der vielleicht auch denen zugänglich sein kann, die nicht an Christus als den Sohn Gottes glauben? Es ist der Geist der Liebe. Es ist der Geist des Mannes, der uns in den geringsten seiner Brüder und Schwestern begegnet. Es ist dieser Geist, den ich mir für unser Land wünsche, für meine Heimat wünsche, jenseits der jeweiligen religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen, die seine Bürger haben. Es ist der Geist, der überall da unsere Herzen erreichen soll, wo das Kreuz zu sehen ist.

Wenn wir von der christlichen Prägung Bayerns, Deutschlands oder Europas sprechen, dann bewährt sie sich genau darin, dass wir uns immer wieder kritisch in Frage stellen lassen von dem gekreuzigten Christus, den Paulus als »Gottes Kraft und Gottes Weisheit« bezeichnet, der aber zugleich Torheit vor der Welt ist (1Kor 1,23–24). Wenn das Kreuz uns zu einer Selbstbesinnung auffordert, die Hass und Ungerechtigkeit überwindet und Mitmenschlichkeit stärkt, dann schließt es niemanden aus, sondern steht für das Gegenteil: für eine Haltung, die Juden, Christen und Muslime ebenso wie säkulare Humanisten zusammenführt und die unseligen Identitätsdebatten überwindet, in denen man versucht, die eigene Identität durch die Abwertung der anderen zu stärken.

Das Kreuz ist ein radikaler Gegenentwurf zu solchen Debatten. Wenn der Geist der Liebe, für den das Kreuz steht, durch die öffentliche Debatte um das Kreuz wieder mehr Aufmerksamkeit findet, wenn er dadurch wieder mehr in die Herzen einzieht, wenn es das öffentliche Leben und die politischen Debatten wieder neu prägt, dann hätte alles Diskutieren um das Kreuz seinen guten Sinn gehabt.

Ich habe deswegen schon in meiner ersten Antwort auf die Ankündigung des Kreuzerlasses gegenüber dem Ministerpräsidenten ausdrücklich bejaht, dass in öffentlichen Gebäuden in Bayern Kreuze hängen, dann allerdings hinzugefügt: Genau, weil wir den Selbstverpflichtungscharakter, der darin liegt, ernst nehmen, müssen wir der Staatsregierung immer wieder kritische Fragen stellen. In der Debatte um die Flüchtlingspolitik gab es dann auch reichlich Anlass dazu.

Es ist ein menschenrechtlicher Geist, der mit dem inhaltlichen Ernstnehmen des Kreuzes heute in der öffentlichen Debatte verbunden ist. Diesen Geist hat schon vor über zwanzig Jahren ein Mann im expliziten Bezug auf den Heimatbegriff zum Ausdruck gebracht, der nicht als Mann der Religion bekannt geworden ist, sondern der als Philosoph, Schriftsteller und dann Politiker in ganz Europa hohe moralische Autorität gewonnen hat.

3.Die Heimat-Rede von Vaclav Havel

Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel hat am 24. April 1997 im Deutschen Bundestag eine historische Rede gehalten, in deren Mittelpunkt eine Neuauslegung des Begriffs der »Heimat« für das zukünftige Zusammenleben in Europa in genau dem jetzt beschriebenen Sinne stand. Kennzeichnend für diese Rede war das Plädoyer für eine Verbindung von Pluralismus und universaler Offenheit einerseits und einer klaren Wertebindung andererseits als Charakteristikum einer gesellschaftlichen Gemeinschaft.

Von seinem Ursprung her – so Havel – bezeichnet das Wort Heimat keine abgeschlossene Struktur, sondern das Gegenteil davon: »eine Struktur, die öffnet – eine Brücke zwischen dem Menschen und dem Weltall; ein Leitfaden, der vom Bekannten auf das Unbekannte, vom Sichtbaren auf das Unsichtbare, vom Verständlichen auf das Geheimnisvolle, vom Konkreten auf das Allgemeine weist. Es ist der feste Boden unter den Füßen, auf dem der Mensch steht, wenn er sich zum Himmel hin ausrichtet.«1 Havel wendet sich von daher dagegen, »daß Heimat eher als ein ungelüftetes Loch statt als Sprungbrett der menschlichen Entfaltung betrachtet wird; eher als eine Höhle, die den Menschen vor der Welt schützt, statt als Raum für seinen Kontakt mit ihr; eher als ein Instrument der Isolierung des Menschen von den anderen statt als ein Tor, das ihm den Weg zu den anderen öffnet.«

Sein eigenes Verständnis von Heimat entwirft Havel explizit von einem bestimmten Verständnis von Freiheit her:

»Freiheit im tiefsten Sinne des Wortes bedeutet mehr […] als ohne Rückhalt zu sagen, was ich denke. Freiheit bedeutet auch, daß ich den anderen sehe, mich in seine Lage hineinzuversetzen, in seine Erfahrungen hineinzufühlen und in seine Seele hineinzuschauen vermag und imstande bin, durch einfühlsames Begreifen von alledem meine Freiheit auszuweiten. Denn was ist das gegenseitige Verständnis anderes als die Ausweitung der Freiheit und die Vertiefung der Wahrheit?«

Europa – sagte Havel – »sollte viel deutlicher zur Heimat unserer gemeinsamen Werte werden, so wie sie aus unseren besten geistigen Traditionen und den erworbenen geschichtlichen Erfahrungen erwachsen. Wir alle wissen, um welche Werte es geht: Respekt für die Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Bürgergesellschaft, Marktwirtschaft, Sinn für soziale Gerechtigkeit, Achtung vor der Natur und vor unserer Umwelt.«

4.Heimat ist inklusiv, nicht exklusiv

Vaclav Havel entwickelt einen Heimatbegriff, der auf religiöse Begründungen verzichtet, der aber in hohem Maße konvergiert mit einem Verständnis von Heimat, wie ich es anhand des theologischen Inhalts des Kreuzes angedeutet habe.

Wo wir die damit verbundenen Grundorientierungen ernstnehmen, öffnet sich unser Verständnis von Heimat. Heimat ist kein Begriff mehr, bei dem die Abgrenzung im Mittelpunkt steht. Heimat ist nicht mehr exklusiv. Heimat bedeutet vielmehr, dass die Liebe zum Eigenen offen macht für den anderen. Heimat ist inklusiv. Heimat bedeutet zugleich eine tiefe Verbindung zur Welt als ganzer, die für uns Schöpfung Gottes ist.

Der christliche Universalismus steht nicht gegen eine tiefe Verwurzelung in den je eigenen Gemeinschaften zu Hause. Sondern er ist ein in ganz bestimmten Heimatkontexten verwurzelter »konkreter Universalismus«:2 Gerade weil wir unsere Heimat lieben und die Menschen lieben, die in ihr leben, werden wir offen für die Nöte von Menschen, die anderswo ihre Heimat haben oder bei uns Zuflucht suchen, weil sie ihre Heimat verlassen müssen.

Konkrete und dichte personale Beziehungen im sozialen Nahbereich und universale Sorge um menschliches Wohlergehen – so der Kern dieses Gedankens – bedingen einander. Der Einsatz für »die Fernen«, für Menschen also, mit denen weder persönliche Bekanntschaft besteht noch eine gemeinsame religiöse oder weltanschauliche Orientierung vorliegt, wird dann zum abstrakten Surrogat von Liebe geprägter Beziehungen, wenn er sich nicht kontinuierlich speist aus der Erfahrung empfangener und gegebener Liebe im sozialen Nahbereich. Liebe zu den Fernen ist genau deswegen möglich, weil die direkten sozialen Beziehungen immer neu lehren und affektiv untermauern, was Menschen erleiden und was sie erhoffen.

Unzählige Menschen haben einen lebendigen Kommentar zu dieser Einsicht gegeben, als sie im Jahr 2015 zur Stelle waren und geholfen haben, als hunderttausende Geflüchtete in Deutschland ankamen. Sie haben gezeigt, dass Heimat nichts Exklusives ist, sondern einen zutiefst inklusiven Charakter hat.

Ein besonders berührendes Beispiel für diesen inklusiven Charakter von Heimat war die Jahresaktion des Bayerischen Bündnisses für Toleranz, in dem sich 70 Organisationen und Institutionen aus der Mitte der bayerischen Gesellschaft zusammengeschlossen haben, um dem Rechtsextremismus ein klares Eintreten für Demokratie und Weltoffenheit und gegen Rassismus und Antisemitismus entgegenzusetzen. Die Aktion war von der Landjugend initiiert worden und hieß »Maibaum für Toleranz«. Überall in Bayern wurden wie immer am 1. Mai Maibäume aufgerichtet. Diesmal gab es an vielen Orten Maibäume, die der Toleranz gewidmet waren. Bei der Aufrichtung der Maibäume wurde eine Erklärung für Toleranz und Weltoffenheit vorgelesen. Den Menschen, die da zusammenkamen, sah man die unterschiedlichen Herkünfte an. Bei manchen war die Sprache der Verständigung ein freundliches Gesicht oder ein dankbares Lächeln. Aber es war ein Gefühl der Gemeinschaft da, ein Gefühl, dass alle dazugehören, dass alle teilhaben können, dass alle sich an dieser Tradition mitfreuen dürfen, die neben vielem für das steht, was die bayerische Heimat so lebenswert macht.

Die Erfahrungen bei der Aktion hatten etwas Pfingstliches. In der Pfingstgeschichte waren es die Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und die Römer. Es waren Juden und Proselyten, Kreter und Araber, die sich wie durch ein Wunder in ihren unterschiedlichen Sprachen verstehen konnten.

Bei den Maibaumaktionen waren es vermutlich neben den Deutschen eher Syrer, Afghanen, Iraner oder Äthiopier und vielleicht auch wie in der Pfingstgeschichte Araber. Aber verstanden haben sie sich auch hier. Es war der Geist der Liebe, der bei diesen Aktionen an diesem 1. Mai überall in Bayern zu spüren war. Es war der Geist des Mannes, der am Kreuz gestorben und am dritten Tage auferstanden ist. Es war der Geist des Mannes, der uns in den geringsten seiner Brüder und Schwestern begegnet. Es war der Geist desjenigen, der die Schreie der Verzweiflung der Opfer von Armut und Gewalt kennt, weil er am Kreuz selbst einen Schrei der Verzweiflung ausgestoßen hat.

Was da sichtbar wurde, war ein Gegenmodell zu den unseligen Identitätsdebatten, in denen die eigene Identität durch die Abwertung der anderen gestärkt werden soll. Das Kreuz ist ein radikaler Gegenentwurf zu solchen Debatten. Und es ist die Grundlage für einen inklusiven Heimatbegriff, der nicht die eine Gruppe gegen die andere ausspielt, sondern von einer radikalen Menschenliebe geprägt ist.

Dafür ist Heino Falcke, wenn ich ihn richtig verstanden habe, immer eingetreten. Und deswegen lobe ich Gott dafür, dass er ihn uns geschenkt hat. Wir danken Gott für 90 Jahre Segen, die auf seinem Leben liegen und die aus seinem Leben für so viele andere erwachsen sind. Auch ich darf mich zu ihnen zählen.

Wegbereiter und Wegbegleiter

Heino Falcke zum 90. Geburtstag

Elfriede Teresa Begrich

Es war ein Samstag, der 25. September 1971. Ein grüner Wartburg Tourist, absoluter Upperclass-Wagen zu DDR-Zeiten mit einem Kennzeichen der Bezirkshauptstadt Magdeburg, Kreis Schönebeck, parkte exakt vor dem Vordereingang des Hauses Christburger Straße 24 im Stadtbezirk Prenzlauer Berg im Ostteil Berlins. Grau, sparsam, die Reste von Putz auf den Fassaden verteilt, aneinander gelehnt in seiner Brüchigkeit, verströmte das Viertel mit seinen Vorder- und Hinterhäusern den Charme des Verfalls jener Jahre. Doch hinter den Fassaden viel Glück, auch bei uns; unser Sohn Teja war bereits vier Wochen alt. Bitterer Beigeschmack: Zwei getrennt adressierte Briefe des Konsistoriums Berlin-Brandenburg schienen unsere berufliche Zukunft zu besiegeln. Meinem Mann wurde gratuliert, dass »seine Frau ihm einen Sohn geschenkt habe«, verbunden damit kam die Einberufung (so hieß das!) für ihn zum Predigerseminar nach Gnadau.

Mir wurde mitgeteilt, dass ich mit der Geburt meines Sohnes aus dem Kirchlichen Dienst, in dem ich das Vikariat gerade beendet hatte, auszuscheiden habe.

Nach dem Blick auf die Karte, um wenigstens den Umkreis von Gnadau zu erforschen, teilte mein Mann mit, dass er nur ins Predigerseminar ginge mit Frau und Sohn. Wir waren sicher, damit unsere gerade begonnene kirchliche Laufbahn beendet zu haben.

Und nun kam Gnadau zu uns. In Person des Rektors Heino Falcke. Höchstpersönlich kam er die vier Treppen des Quergebäudes hinauf, um uns einzuladen und abzuholen in eben dieses Predigerseminar. Mit Windeln, Höschen und Töpfen einerseits und mit Hebraica, NT graece und diverser theologischer Lektüre andererseits gut bepackt, fuhr uns der Rektor mit Baby an Bord von Berlin nach Gnadau. Fuhr einmal ums Karree daselbst und antwortete auf meine Frage: »Sind wir schon da?«: »Ja, das war’s, mehr kommt nicht.«

Und dennoch wurde uns Gnadau von Woche zu Woche wichtiger, größer und weiter. Nach einem Jahr Predigerseminar war unumstößlich offenbar: Ohne Gnadau, ohne den Rektor Heino Falcke und ohne seine großartige Frau wäre ich niemals im Raum der Kirche angekommen und weitergegangen. Alle theologischen Quellen und familiären Anfänge sind hier in Gnadau gegründet.

Gotthardt, der Jüngste der Falcke-Kinder, war gerade dem Kinderbett und Laufgitter und dem wunderschön gedrechselten Hochstühlchen entwachsen. Frau Falcke war uns mit diesen greifbaren und gegenständlichen Notwendigkeiten, aber auch mit vielen eigenen Erfahrungen in »Aufzucht und Hege« von Nachwuchs eine wichtige Begleiterin. Und ganz Gnadau hat sich gefreut über die erste Familie im Ausbildungsjahr auf dem Weg zwischen erstem und zweitem Examen und über dieses erste Vikarskind.

Alle, bis auf einen: Der Ausbildungsdezernent kam im Frühjahr von Berlin nach Gnadau und mit ihm die Ankündigung der Termine zum Zweiten Theologischen Examen und der Einsatzorte der Kandidaten als Pfarrer im Entsendungsdienst. Für mich waren weder das Examen noch ein späterer Einsatzort vorgesehen. Da hat Rektor Heino Falcke mit einem Satz meine Zukunft ein zweites Mal in die Hand genommen:

»Sie können Frau Begrich ruhig zum Examen zulassen. Sie war immer bei allen Veranstaltungen dabei. Der Mann war meistens mit dem Sohn beschäftigt.«

Was für ein Satz zu welcher Zeit!

So wurde ich dank Heino Falcke zum Zweiten Examen zugelassen, eine Anstellung als Pastorin war in Berlin-Brandenburg damit nicht verbunden. Aber es gab ja die Kirchenprovinz Sachsen, die KPS.

Gnadau wurde uns zur theologisch-politischen Denkschule. Die vielen Dienstreisen des Rektors mit Begegnungen großer Theologen und (Kirchen‐) Politikern aller Welt, die großen Themen zur Zukunft der Kirche in einem sozialistischen Land, die Lebensäußerung von Kirche als ökumenischer Gemeinschaft – das alles machte das kleine Gnadau groß. Und uns Kandidatinnen und Kandidaten neugierig.

Es war die Zeit der Thesen. Kein Thema, das wir zu bearbeiten hatten, das nicht in Thesen gekleidet werden musste. Die Lieblingsform theologisch-literarischer Mitteilung des Rektors. Pädagogisch wohldurchdacht, denn wie kann sonst noch eine Meinung so geschliffen, prägnant und kurz gefasst zur Sprache kommen, wenn nicht in Thesen? Thesen zur Kirche der Zukunft (in Vorbereitung zur berühmten Synode in Dresden 1972), Thesen zur Taufe, Thesen zur Theologie Karl Barths, Thesen zum Jesusbuch von Herbert Braun und zu Dorothee Sölle, Thesen zum Jesusbuch von Machovec.

In unserem Rektor Heino Falcke verbanden sich ein weites Herz mit klarer Position. In der Diskussion über das Verständnis der Taufe stand er unerschütterlich für die Erwachsenentaufe ein, hat es aber gut ausgehalten, als wir unseren Sohn als Baby in Gnadau getauft haben.

Er war – und ist es noch – ein politisch vorwärts denkender Geist, aber auch der kannte Grenzen. Als ich dem Vikarskurs in der letzten Morgenandacht vor dem Einsatz ins soziologische Praktikum statt eines Bibeltextes ausschließlich Worte von Rosa Luxemburg als seelsorgerliche Stärkung mitgab, hörte ich mit ein wenig knurrendem Unterton das Einverständnis Heino Falckes: »Dann gehen wir eben mit Rosa Luxemburg ins Praktikum«. Und so geschah es.

Auch das Motto meiner schriftlichen Hausarbeit für das Zweite Examen, dort in Gnadau angefertigt, hat der Rektor mit großer Gelassenheit hingenommen:

»So shut the bible up

and show me how

the Christ you talk about

is living now!«

Sidney Carter

Gnadau war in dieser Zeit eine Hochburg theologischen Disputes in harmonischem Miteinander, wie ich es danach nicht wiedergefunden habe. Mit Theodor Gill, dem Pfarrer der Brüdergemeine, Christoph Hinz im Pastoralkolleg am gleichen Ort und Heino Falcke als Rektor des Predigerseminars waren wir eingebettet in theologische Schulen und kirchliches Leben, das seinesgleichen suchte. Große Menschen kamen ins kleine Gnadau: Helmut Gollwitzer, der uns unvergesslich ins Stammbuch schrieb, nachdem er die Endlosschleife unserer Klagen als DDR-Bürger angehört hatte: »Hört auf, diese Nabelschau zu betreiben, es gibt mehr und größere Probleme als eure!«

Das saß! Fühlten wir uns doch als die weltweit unter größter Benachteiligung lebenden Zeitgenossen.

Die Studienfahrt nach Prag und nach Theresienstadt machte uns mit dem mutigen Geist der Hussiten bekannt und mit dem Schrecken der Shoah. Die Goldene Gasse in Prag und die Kerkergassen in Theresienstadt! Das ist wie Goethes bejubeltes Weimar neben den stumm schreienden Öfen von Buchenwald.

In den Jahreszyklus Herrnhuter Gemeindelebens in Gnadau mit allen Gottesdiensten und Andachten, die wir dort zu verantworten hatten und die die Brüdergemeine ausgehalten hat mit wechselnder Begeisterung, gehört als Höhepunkt das Weihnachtsfest unter der Riesenpyramide in Falckes Weihnachtszimmer, vom Meister selbst erbaut!

Und eine zukunftsweisende Szene steht mir vor Augen: Frau Falcke schaute aus dem ebenerdigen Küchenfenster zu uns hinaus, die wir gerade Kinderwagen schaukelnd das politische Nachtgebet für Gnadau einrichten wollten. »Mein Mann soll Propst in Erfurt werden, wie finden Sie das?« Na, wie schon? Großartig für Erfurt, undenkbar für Gnadau.

Als wir im Sommer 1972 wieder nach Berlin zurückkehrten, brauchten wir lange, uns wieder zurechtzufinden. Aber irgendwie muss es gegangen sein, vielleicht auch schon damals mit dem heimlichen Wunsch, irgendwann zurückzukehren.

Irgendwann, das war genau zehn Jahre später, als mein Mann, Gerhard Begrich, zum Nach-Nachfolger von Heino Falcke als Rektor in eben dieses Predigerseminar berufen wurde. Nun zogen wir als fünfköpfige Familie in die Falckesche Wohnung. Als dann Heino Falcke uns besuchen kam und sich in seinem ehemaligen Arbeitszimmer umsah, gab er beim Blick nach draußen seiner tiefsten Überzeugung Ausdruck: »Schön war es, aber ich möchte nicht wieder hier leben, zu eng, zu klein, zu versteckt.« Nichts gegen die Großstadt Erfurt.

Dieser Kurzbesuch in Gnadau Anfang der achtziger Jahre zeigt sich im Nachhinein wie ein Vorbote eines erneuten Miteinanders, auf das ich nun gar nicht vorbereitet war. Als ich während meiner Zeit als Dozentin am PTI in Drübeck von einer kirchenleitenden Delegation besucht und befragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, als Pröpstin nach Erfurt zu gehen, fiel mir nur ein:

Da ist doch ein Propst. Und was für einer!

Und dann war Propst i. R. Heino Falcke sowohl bei meiner Einführung im Jahr 2000 A. D. als Assistent als auch bei meiner Verabschiedung im Jahre 2010 A. D. mit eindrücklicher Rede dabei. Und auch war er dabei mit deutlich staunenden Worten über diese gottgewirkte Generationenfolge, als ich meinen Sohn Teja in Mühlhausen ordinieren durfte im Jahr 2004 A. D., eben jenen Sohn, den er als Baby an Bord im Wartburg Kombi von Berlin nach Gnadau transportiert hatte.

Auf keinen Fall möchte ich die Koreferate unerwähnt lassen, die so manche Aussagender Referenten während der Ruheständlerrüste, die ich nun im Erfurter Augustinerkloster für zehn Jahre zu verantworten hatte, korrigierten und ergänzten. Und dann der eine und der andere weiterführende Rat eines alteingesessenen Erfurters im Blick auf die schwer wieder in Gang zu bringende Ökumene nach der »Wende«!

Ich war ja die Nach-Nachfolgerin von Propst Falcke. Vor mir wurde Joachim Jaeger, ursprünglich Propst von Nordhausen, nun zusätzlich zu diesem Sprengel auch noch mit dem einst eigenständigen Erfurter Propstsprengel »belehnt«, was für ihn einen Umzug von Nordhausen nach Erfurt ins Augustinerkloster zur Folge hatte. Die Erfurter hatten nun klarzukommen mit zwei ehemals amtierenden und einer aktuell im Amt befindlichen Pröpstin in ihrer Stadt. Und sie haben diese Konstellation genial gelöst. Sie brachten die Rede auf von »DEM Propst«, von »Propst Jaeger« und von »unserer Pröpstin«. Charmant, differenzierend und treffend.

Ja und dann die Empfänge! Nachdem ich anlässlich der ersten Empfänge mit Staunen und zugegeben etwas Beklemmung feststellte, dass, wo immer ich hinkam, immer schon zwei Pröpste anwesend waren, hatten wir auch dieses Phänomen in eine wunderbare, theologisch weise und menschlich humorvolle Form gegossen. Wir beschlossen: »Ab nun treten wir auf als die ›Pröpste Selbdritt‹.« Und so ist es geblieben, bis ich nach Berlin zog und mein Nachfolger nun in Eisenach residiert. Wen allerdings dünkt, dass Erfurt nun als »propstfreie Zone« sein theologisch-kirchliches Dasein fristet, der sei eines Besseren belehrt und schaue sich um an diesem Tag, dem 90. Geburtstag »DES Propstes« zu Erfurt.

Nehmen Sie, lieber Bruder, diesen kleinen sehr persönlichen Ausschnitt Ihres reichen Lebens als einen Dank für alles Weg-Kreuzen und Weg-Begleiten!

GOTTES Segen, dankbare Rückblicke, staunende Augenblicke und eine Zukunft aus GOTTES gütiger Hand, das wünscht Ihnen, lieber Bruder und Lehrer, Wegbereiter und Weggenosse

Ihre Elfriede Begrich

Und nun doch mal wieder ein paar Thesen zur Zukunft der Kirche:

1.Die Kirche der Zukunft wird ihre Tore öffnen für Menschen, die unabhängig von kirchensteuerpflichtiger Mitgliedschaft der Segnungen und Heilszusagen teilhaftig werden möchten, die ihr (der Kirche) anvertraut sind.

2.Die Kirche der Zukunft wird nicht mehr von Ökumene reden, sondern nur als die eine Kirche Jesu Christi im Dialog mit anderen Religionen überleben.

3.Die Kirche der Zukunft muss aus ihrem Vereinswesen herausfinden.

4.Die Kirche der Zukunft wird zu ihrem verheißungsvollen Anfang zurückfinden, in der Hinwendung zu den »Fischern und Zöllnern«.

5.Die Kirche der Zukunft wird weder Beamte noch Parochien kennen.

6.Die Kirche der Zukunft wird den Dialog zwischen »Ur‐christentum« und »Urkommunismus« einander korrigierend und ergänzend wieder aufnehmen.

7.Die Kirche der Zukunft wird sich allen wirtschaftlich ausbeuterischen Strukturen widersetzen und den Untergang des Raubtierkapitalismus beschleunigen.

8.Die Zukunft der Kirche wird eine gesellschaftsgestaltende politische Kraft sein, die aus dem Geist des Zimmermanns von Nazareth lebt und in der adventlichen Gewissheit des kommenden Messias ihren Mut des Widerstehens findet.

9.Die Zukunft der Kirche wird von inhaltlichen Neuaufbrüchen geprägt sein, die die Strukturen am Ende des Aufbruchs bedenkt.

10.Die Zukunft der Kirche beginnt jetzt, so sie es will.

Zwischen Reformation und Kirchenreform

Einige Gedanken zu den Reformprozessen in der evangelischen Kirche

Michael Beintker

1.Kirchenreform als Thema reformatorischer Theologie

Das Wort »Reform« gehört in unserer Epoche zu den beliebtesten Begriffen der politischen Sprache. Politisches Handeln scheint heute vor allem auf das Reformieren angelegt zu sein: auf eine Reform des Arbeitsmarktes, auf eine Reform der Sozialversicherungssysteme, auf eine Steuerreform, auf eine Bildungsreform. Mancher sieht die ganze Gesellschaft im Reformstau und dann auch wieder in der andauernden Unruhe der Dauerreform, und mit Reformversprechen, so sie im Rahmen des Kalkulierbaren bleiben und nicht Angst machen, werden Wahlen entschieden.

Hinterher stellt sich meist Ernüchterung ein. Es wurde reformiert, aber die Verhältnisse wurden nicht besser. Sie wurden nur anders und blieben auf eine eigentümliche Weise weiter reformbedürftig. Es kamen neue Politiker und Politikerinnen, und die reformierten weiter. Die Kosten für das offensichtlich erfolglose Reformieren trägt der steuerzahlende Bürger. Am Beispiel der Reform der deutschen Rechtschreibung lässt sich eindrucksvoll zeigen, wie Reformen entgleisen und schließlich in ihr Gegenteil umschlagen. Die verunglückte Rechtschreibreform ist freilich nicht das einzige Beispiel, das dem nachdenklichen Zeitgenossen angesichts der verbreiteten Reformrhetorik in den Sinn kommt. Nicht wenige Menschen dürften das Wort »Reform« in öffentlichen Reden nur noch mit Skepsis beäugen. Man möchte fragen: Warum muss jede Veränderung, die durch den Gang der Dinge erzwungen wird, gleich als Reform bezeichnet werden? Die Einnahmen sinken und haben drastische Einschnitte zur Folge. Man spricht aber nicht von Sparmaßnahmen im Bildungsbereich oder von Leistungsreduktionen im Gesundheitswesen, sondern von einer neuen Stufe der Hochschulreform oder einer neuen Phase der Gesundheitsreform. Das ist eine elegante Form der Problemverschleierung, durch die man es trotz unbequemer und oft auch nachteiliger Maßnahmen auch noch zum anerkannten Reformer bringen kann – so lange jedenfalls die Rhetorik nicht durchschaut wird.

Wenn Überlegungen zur Kirchenreform mit solchen Seitenblicken auf unsere komplizierte politische Landschaft eröffnet werden, soll natürlich nicht gleich der Verdacht erweckt werden, dass in den evangelischen Kirchen auf gleiche oder ähnliche Weise mit dem Wort »Reform« umgegangen wird. Es sei ausdrücklich gesagt: Es ist zu hoffen, dass in den Kirchen der Reformation, die einen maßgeblichen Anteil an der produktiven Wortgeschichte und modernen Karriere des Reformbegriffs haben, anders – und das heißt: nachdenklicher und besonnener und vor allem ehrlicher – von Reform gesprochen wird. Es sei aber auch gesagt: Wer hier nicht nachdenklich und nicht besonnen vorgeht, wird gravierende Fehler begehen, was spätestens dann sichtbar zu werden pflegt, wenn die jeweilige Reform eines Tages zum Thema kirchengeschichtlicher Forschung und Erörterung wird. Gleiches gilt übrigens im Blick auf diejenigen, die sich notwendigen und sinnvollen Reformen verweigern. Sowohl der falsche Reformeifer als auch der unangebrachte Widerstand gegen Veränderungen verfehlen die konkrete Verantwortung in einer konkreten Situation. Das ist gewiss: Wenn es um Reformen geht, muss man – so oder so – auf der Hut sein.

Das Bemühen um Reform ist jedenfalls auch ein immer wieder aktuelles Thema in der evangelischen Kirche. Mir selbst ist die Reformvorlage »Kirche mit Zukunft« der westfälischen Landeskirche aus dem Jahr 20001 noch deutlich präsent. Die Impulse, die von ihr ausgegangen sein mögen, und die Erfahrungen, die man mit ihr machen konnte, waren noch nicht richtig wirksam geworden, da kam schon die nächste Reformwelle angerollt, und zwar in Gestalt eines Textes aus dem Rat der EKD, der lebhafte Diskussionen entfachte, bis in die Feuilletons der großen Tageszeitungen für Aufsehen sorgte und eine ganze Welle von Reformaktionen ausgelöst hat: »Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert«2.

Solche kurzen Intervalle sind nichts Ungewöhnliches. Abgesehen davon, dass sich in ihnen eine echte Reformbedürftigkeit meldet, die gleich in den Blick zu nehmen sein wird, prägen permanente Reformbestrebungen die gesamte Geschichte der deutschen evangelischen Kirchen im 20. Jahrhundert. Das Thema »Reform« erlangte in dem Augenblick höchste Aktualität, als nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland das landesherrliche Kirchenregiment abdankte und die deutschen evangelischen Kirchen zum ersten Mal seit der Reformation die Freiheit zur eigenen Regelung ihrer Angelegenheiten erhielten. Die Frage nach Reform und Erneuerung wurde dann in fast jedem Jahrzehnt unter neuen Vorzeichen aufgerollt: in den zwanziger Jahren als Thema kirchlicher Selbstorganisation, in den dreißiger Jahren als Thema der Christusbestimmtheit der Kirche in Abwehr nationalsozialistischer Übergriffe, wobei auch diese von einem merkwürdigen Reformpathos erfüllt gewesen sind, dem man 1934 die berühmte Barmer Theologische Erklärung entgegensetzte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlangten die Gründung der EKD und die Konsolidierung der deutschen Landeskirchen wiederum nach neuer Gestaltung. Damals kam die Losung auf: »ecclesia est semper reformanda – die Kirche bedarf der andauernden Reformation«.3 Später, in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, dominierte das emanzipatorische Aufbruchspathos: Kirche soll Salz der Erde sein und muss entsprechend reformiert werden. Die Strukturen waren freilich immer zäher als die Visionen. Die meisten haben es schon fast vergessen, dass es zu Beginn der siebziger Jahre einen bemerkenswerten Anlauf zu einer Reform der EKD gegeben hat, der dann kläglich scheiterte.4 In den neunziger Jahren, vor allem nach der Wiedervereinigung mit den evangelischen Kirchen in der früheren DDR, diskutierte man lebhaft die Frage nach der Volkskirche und ihren verbliebenen Chancen.5 Man möchte dem neuen Reformanlauf der EKD, der mutig bis in das Jahr 2030 schaut und sich in einer ersten Etappe an der 500-Jahrfeier von Luthers Thesenanschlag im Jahr 2017 ausrichtete, eine größere Nachhaltigkeit wünschen, als sie den Reformanstrengungen des deutschen Protestantismus im vergangenen Jahrhundert beschieden gewesen ist. Man muss indessen freilich befürchten, dass das ein unerfüllter Wunsch bleibt.

Lässt man dieses ganze Panorama ein wenig auf sich wirken, so könnte man auf den Gedanken verfallen, dass die evangelische Kirche zu kurzen Rhythmen von Reformintervallen und Reformdekaden neige, während die römisch-katholische und erst recht die orthodoxe Kirche sich den Luxus leisten können, in Jahrhunderten und Jahrtausenden zu denken. Natürlich ist das ein wenig übertrieben, denn auch die anderen Kirchen stehen vor enormen Herausforderungen, obschon sie vielleicht weniger hektisch und umtriebig darauf reagieren müssen als die evangelischen. Dazu kommt, dass der Impuls zur Reform der evangelischen Kirche als einer Kirche der Reformation und damit der Erneuerung von Anfang an mit auf den Weg gegeben ist. Findet sich doch im Schlussteil von Luthers Erläuterungen zu den 95 Thesen der folgenreiche Satz:

»Die Kirche bedarf der Reformation.«6

Es handelte sich hier freilich um eine theologische Aussage, nicht um eine unmittelbare Direktive zur Gestaltung. Reformation sei nicht Sache eines einzelnen Menschen, des Papstes, auch nicht vieler Kardinäle, »sondern Sache des ganzen Erdkreises, nein Gottes allein. Die Zeit aber dieser Reformation weiß allein der, der die Zeiten geschaffen hat.«7 Das bezog sich auf die damals überall in der Luft liegende Forderung nach einer Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern. Es verdient Beachtung, dass Luther diese Erneuerung zuerst und zuletzt als Gottes Sache betrachtete. Er wollte damit bewusst machen: Wer hier gestalten und umgestalten möchte, kann das nicht tun, ohne sich durch die Heilige Schrift belehren zu lassen, ohne zu beten und ohne theologisch nachzudenken. Reformation sollte sich im Kern als ein zutiefst geistliches Geschehen vollziehen, als »Reinigung der […] Kirche von ihren Fehlern und Rückführung zu ihrer echten Gestalt«,8 wie es in einer fast lehrbuchmäßigen Definition von Reformation am Beginn des 17. Jahrhunderts lautete. Die Kirche, die immer wieder im Begriff ist, von ihrer genuinen Form, von ihrer Authentizität als Kirche Jesu Christi abzuweichen oder abzufallen, soll durch Reformation zu ihrem Ursprung zurückgeführt und aus ihrem Ursprung heraus die ihr verloren gegangene Authentizität zurückerhalten.

In den nachfolgenden Überlegungen geht es nicht primär um Kirchenreformation, sondern deutlich anspruchsloser um Kirchenreform. Während es bei der Reformation einer Kirche tatsächlich um einen tiefgreifenden Vorgang der Erneuerung geht, der faktisch alle Bereiche des kirchlichen Lebens erfasst und sie regelrecht umwälzt, haben es Reformen eher mit dem Vorletzten zu tun, mit den alltäglichen Gestaltungs- und Organisationsformen des kirchlichen Lebens, die etwa für neue Herausforderungen und aktuelle Entwicklungen geöffnet und geändert werden müssen. Keine Reform ist so anspruchsvoll wie eine Reformation, und man tut gut daran, Reformen nicht wie reformatorische Aktionen zu behandeln. Kirchliche Reformen zielen in erster Linie auf Änderungen in Organisation, Praxis und Struktur und dürfen deshalb durchaus einen Zug ins Pragmatische haben. Freilich gilt auch für Reformen, dass sie nicht einfach ohne Belehrung durch die Heilige Schrift, ohne Gebet und ohne Theologie angegangen werden können. Die Tendenzen zur Verselbständigung des Pragmatischen und