Vorher - Mittendrin - Danach - Rolf G. Wackes - E-Book

Vorher - Mittendrin - Danach E-Book

Rolf G. Wackes

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Beschreibung

Aus der Sicht eines Kindes erlebte Zeit vom 2. Weltkrieg bis heute. Eine Zeitzeugen-Geschichte mit allen positiv und negativ dargestellten Erlebnissen.

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Seitenzahl: 61

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhalt

Kapitel 1.....Der Anfang

Kapitel 2.....Erinnerung

Kapitel 3.....Der erste Kuss

Kapitel 4.....Kriegsende

Kapitel 5.....Nachwehen

Kapitel 6.....Ausblick

Der Anfang      Kapitel 1

Brief Zürich 3. Januar 1935 - Georg Wackes (noch verheiratet in Trossingen) an Berty Binder z.Zt. in Trossingen Mein geliebter süsser Bub!

"Soeben im Hotel gelandet, kann ich nicht anders, und muß ich mich ein Weilchen mit Dir unterhalten.

Mein Liebling, jetzt ist Dein Junge in Zürich und so einsam und verlassen, willst Du nicht geschwind kommen und ihn trösten ? Ich weiss wirklich nicht, was ich ohne Dich mein Liebes anfangen soll und so ist es doch wohl am besten, wenn ich mich mit Dir unterhalte und dann schön brav ins Bett krieche.

Vorhergehender Brief Trossingen 9. Juni 1935 - Georg Wackes an Berty Binder in Zürich.

Teilweise Übersetzung Brief v. 9.6.1935:

„Eben habe ich mal Ruhe und ungestörte Zeit und will dies benützen, um mit meinem Liebling ein wenig zu plauden. Immer muß ich an Dich denken und immer bin ich in Gedanken bei Dir ".

März 1938 – Scheidung meines Vaters rechtsgültig. Brief Friedrichshafen 23. März 1938 – Georg Wackes an Berty Binder in Zürich.

" Nun steht unserer Vereinigung nichts mehr im Wege und ich bin ganz glücklich darüber, daß ich nun mein geliebtes Putzele bald ganz bei mir haben kann. Weiß ich doch, daß Du den Tag ersehnst, wo Du mit mir zur Trauung gehen kannst. "

Heirat am 29. November 1938 in Zürich, Fraumünsterkirche.

Brief Zürich 15. Dezember 1938 – Berty Binder an Georg Wackes in Stuttgart:

" Heute war ich schnell mit Mutter in der Stadt und hat sie mir noch das Nötigste was mir für die Küche gefehlt hat, gekauft. Ich hab jetzt für die Küche soweit alles. Fürs Häschen hab ich nun auch alles. Länger dürfen wir nun nicht mehr warten, denn unser Häschen kommt in 2 bis 3 Wochen auf die Welt. "

Auszug aus dem Tagebuch meiner Mutter Berty Binder- Wackes:

" 18. Januar 1939 – morgens 1:00 h aufgewacht an Wehen. Georg war in Dortmund. Gegen 3:00 h auf die Strasse und auf Taxe gewartet. Zwischen 4:00 und 4:30 h in der Landeshebammenschule angekommen. Schwester Lotte bis 6:00 h, dann Schwester Helene und Margarete abgelöst.

Gegen 9:00 h haben die Herztönchen geschwankt, dann ist es wieder besser geworden nach einer Einspritzung. Um 12:00 h Herztönchen ganz runter und sofort Entschliessung zur Operation. "

So wurde ich, Rolf, am 18.

Januar 1939 um 13:35 h durch Kaiserschnitt in der Landeshebammenschule Stuttgart, vierzehn Tage über dem vorbestimmten Zeitpunkt, mit 3750 g und 53,5 cm Länge geboren.

Erinnern kann ich mich nur noch an meinen ersten Geburtstag, ein Jahr später, an ein paar erste Schritte, bis ich vor Schwäche umfiel.

16. 9. 2002

Bilder, die sich einprägten, die ich nicht vergessen kann, die gerade jetzt in diesem Wahlkampf vor dem 22.

September 2002, in dem mit der Angst der Menschen vor einem Krieg gespielt wird, wieder zu Tage treten:

1943/1944

Raus aus dem Bunker, irgendwann nachts, nach Tagen und Nächten eingesperrt sein, die kleine Strasse ein paar Schritte hinunter zur Reinsburgstrasse, vor mir Stuttgart hell erleuchtet durch Feuer überall, vor mir die Leipziger-Platz-Staffel, links davon das opulente Minimax Haus, ein stattliches Gebäude, d.h. den Rest davon, denn es standen nur noch die Aussenmauern.

Es brannte lichterloh, die Flammen schlugen aus den Fenstern hoch hinaus, wie aus glühenden Höhlen, feuerrot im Innern, hellgelb an der Hauswand entlang, kleine Flämmchen tanzten in der Luft, rotglühende Balken barsten unter Knistern und Knattern und es roch – vor allem nach verbranntem, verkohlten Holz. Und noch etwas fiel mir auf – manche Häuser, manches Feuer brannte weiß, die Leute riefen “Phosphorbomben” und “das ist Phosphor”.

Dann nach links der ängstliche Blick die Reinsburgstrasse hinauf, die Strasse, die ich täglich zum und vom Kindergarten weiter unten gegangen war – überall Trümmer, Ruinen und Feuer – um am Ende der Strasse unser Haus zu suchen, ob es noch steht und... ja es stand noch, und brennt nicht.

Es waren im Juni 1944, die schlimmsten Bombenangriffe des Krieges auf Stuttgart. Drei Tage und drei Nächte im Bunker und ich war 5 Jahre alt und konnte nicht fassen, ja erfassen, was um mich herum geschah.

Angst breitete sich in mir aus, langsam und zäh, ich verstand nicht wirklich was passierte. Ich fühlte aber eines – ich wollte leben, ich wollte nicht in einem dieser brennenden Häuser sein.

Ein anderer Abend – gegen 19:00 h – ein herrlicher Sommerabend – Flieger am Himmel – viele Leute auf den Strassen, auch ich, allein oder mit meiner Mutter, ich weiß es nicht mehr, und dann Lichter am Himmel, wie bunte Lämpchen, formten sich zu Flächen, manche zu baumartigen Gebilden. Da sagten die Leute: “ jetzt setzen sie wieder Teppiche und Christbäume ", was in dem fahlen Abendlicht sogar heimelig wirkte. Als die Nacht angebrochen war, kamen sie angeflogen, die Bombengeschwader, mit diesem gleichmäßigen, nähmaschinenähnlichen Geknatter. Angriff auf Angriff rollte heran und wir hörten, wir konnten es nicht sehen, wir hörten die Einschläge der Bomben, das Krachen der zerberstenden Mauern, der einstürzenden Häuser.

Diese Erinnerungen sind festgeschrieben. Waren lange verdrängt, aber vorhanden, als Bilder, wie fotografisch eingebrannt. Viele Jahre lang nach dem Krieg war kein Erinnern möglich. Mit zunehmendem Alter jedoch kamen die Erinnerungen zunehmend in meinen Kopf zum Vorschein, drängten plötzlich aus der Vergangenheit in die heutige Realität.

Zu jener Zeit erfolgte Alarm auf Alarm, Angriff auf Angriff und das hieß jedesmal in den Bunker rennen. Wieder an solch einem Tag gab es Alarm mittags gegen 12:00 h. Mutter backte gerade Kartoffelpuffer – irgendwo hatte sie Kartoffel ergattert – Li Bergemann mit Tochter Anke ( ein Jahr älter als ich ) waren auch da und dann dieser Alarm.

Mutter sagte “ jetzt habe ich aber genug, ich mag nicht mehr in den Bunker und unsere schönen Puffer ? “. Also blieben wir zu Hause, aßen Kartoffelpuffer, während die Bomber über uns hinwegflogen und gingen von Zeit zu Zeit auf den Balkon, um zu sehen, wie die Flieger am Himmel vor den Explosionswölkchen der Flakgeschosse daher flogen.

Einmal traf ein solches Geschoß das Flugzeug, das anfing zu brennen und zu trudeln und dann löste sich ein Fallschirm vom Flugzeug, ein Mensch schwebte herab und verschwand zwischen den Häusern. “Was passiert mit dem ?” fragte ich meine Mutter.

Achselzucken war die Antwort.

17. 9. 2002

Vor mir das Tal mit dem Blick bis zur Rheinebene, rechts und links Vogesenberge, dicht bewaldet, dazwischen grüne und vom Sommer braun gefärbte Almen, über mir der klare Himmel, an dem zwei Bussarde ihre Kreise ziehen, um mich herum zwei Gartenrotschwänze und eine Kohlmeise, die zwischen den Tannen hin und her schwirren.

Eine friedvolle Ruhe, die sich auf mich nieder legt, wie ich in meinem weissen Gartenstuhl am Rande der Wiese, bevor es den Hang hinunter geht, hinaus schaue in die Weite. Und der Gedanke kommt, so möchte ich einmal sterben, hier sitzend, in die Ferne schauend, erleben wie die Seele sich aus meinem Körper verabschiedet.

Christl ruft von drinnen zum Abendbrot.

1946

Es klingelt: der fremde Mann ist mein Vater, so erklärt mir meine Mutter das plötzliche Auftauchen dieses Fremden. Es ist Herbst 1946 und ich hatte keine Erinnerung mehr an meinen Vater. Unser Leben spielte sich ohne ihn ab. Sicher, da waren während des Krieges ab und zu Feldpostbriefe gekommen, mit Grüssen auch an mich. Die letzten drei Jahre nicht mehr.

Eine Vorstellung von meinem Vater hatte ich nicht mehr.