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Der Vormärz (1816–1848), die Zeit zwischen den großen europäischen Revolutionen, gehört zu den kompliziertesten Perioden der Tiroler Regionalgeschichte. "Tirol" wurde in diesem Zeitraum endgültig als Kronland in den Staatsverband der Habsburger integriert und den restlichen Ländern der Monarchie angepasst. Durch die Auflösung der Fürstbistümer Brixen und Trient waren deren Territorien bereits 1803 dem Land vollständig eingegliedert worden. Dadurch stieg der Anteil der italienischsprachigen Bevölkerung von 13–15 auf über 40 %. Vor dem Hintergrund der traditionellen Wahrnehmung Tirols als "deutsches Land" führte dieser markante Wandel dazu, dass sich Teile der intellektuellen Eliten im Raum des vormaligen Fürstbistums Trient zunehmend bewusst als "italienisch" definierten. Tirol ist im Zeitabschnitt zwischen 1816 und 1848 also auch durch Binnengrenzen geprägt: neben den Sprach- und Kulturgrenzen insbesondere durch Wirtschafts- und Diözesangrenzen. Dazu kommen staatliche Außengrenzen ganz unterschiedlicher Qualität zu den Nachbarn: der Schweiz im Westen, Bayern im Norden, Lombardo-Venetien im Süden. Wie kann eine derart komplexe Grenzregion in einer Übergangszeit erforscht und analysiert werden? Dieses Buch plädiert für eine beziehungsgeschichtliche Perspektive, die Interaktionen, Abhängigkeiten und Abgrenzungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen aufzeigt. Die auf Deutsch und Italienisch verfassten Beiträge (mit Zusammenfassung in der jeweils zweiten Sprache) behandeln theoretische und methodische Probleme der Regionalgeschichte von Grenzregionen im Allgemeinen sowie neue, spannende Zugänge zum Tiroler Vormärz. Die Autorinnen und Autoren: Francesca Brunet, Florian Huber, Stephanie Schlesier, Isabella Consolati, Mauro Nequirito, Marco Bellabarba, Ellinor Forster, Tommaso Mariotti, Margareth Lanzinger, Marcello Bonazza, Michael Span, Mirko Saltori, Marco Meriggi.
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Seitenzahl: 619
Veröffentlichungsjahr: 2017
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VORMÄRZ
EINE GETEILTE GESCHICHTE TRENTINO-TIROLSUNA STORIA CONDIVISA TRENTINO-TIROLESE
Eine Geteilte Geschichte Trentino-TirolsUna storia condivisa Trentino-Tirolese
Herausgegeben von / a cura diFrancesca Brunet und / e Florian Huber
Universitätsverlag Wagner
F. BRUNET / F. HUBER
Vorwort
Prefazione
FLORIAN HUBER
Einleitung: Für eine Geteilte Geschichte Trentino-Tirols
STEPHANIE SCHLESIER
Am Rand, dazwischen oder etwas Eigenes? Chancen und Probleme bei der Erforschung von Grenzräumen/Grenzregionen
ISABELLA CONSOLATI
Le Alpi come Verbindungsland: regione, spazio, confine nella geografia tedesca del Vormärz
MAURO NEQUIRITO
Visitando il Tirolo: libri di viaggiatori d’oltralpe diretti a sud negli anni del Vormärz
MARCO BELLABARBA
Storia amministrativa come storia regionale: il Trentino-Tirolo nel Vormärz
ELLINOR FORSTER
Demarkationslinie Eherecht: Geschlechtsspezifische Nachwirkungen der Rechtspluralität von Tiroler Landesordnung versus Trienter Statut und österreichischem versus französischem Recht (1815–1856)
TOMMASO MARIOTTI
Leva militare e società civile nel Tirolo di primo Ottocento
MARGARETH LANZINGER
Staat, Kirche, Eheagenden: Staatliche Integration in komplexen rechtsräumlichen Gefügen
MARCELLO BONAZZA
A corrente alternata: impulsi e resistenze culturali tra Tirolo tedesco e Trentino durante il Vormärz
MICHEAL SPAN
Vom Bergisel nach „Italien“: Michael Pfurtscheller und der Vormärz aus einer Mikroperspektive
MIRKO SALTORI
Da Andreas Hofer a Karl Marx: esperienze cospirative e rivoluzionarie in Tirolo e nell’esilio
MARCO MERIGGI
Kommentar
Conclusioni
Abstracts
Autorinnen und Autoren / Autori
Abkürzungsverzeichnis / Abbreviazioni
Der Vormärz kann für den Trentiner-Tiroler Raum als kaum erforschte Zeitspanne gelten. Die Trentiner Geschichtsschreibung beschäftigte sich vornehmlich aus einem „risorgimental“ verengten Blickwinkel mit dem 19. Jahrhundert, der vor allem die Revolution 1848 und dann den Irredentismus fokussierte. Die Zeit vor 1848 spielte in der nationalistischen Trentiner Meistererzählung keine Rolle. Die Deutschtiroler Historiographie interessierte sich dagegen lange Zeit vor allem für den Aufstand des Jahres 1809 und deutete das restliche 19. Jahrhundert als Phase des Verfalls und des Niedergangs, die in die Auflösung der Monarchie und des Kronlandes 1918/19 mündete. Wir haben es also mit einem doppelten historiographischen Desinteresse zu tun: Die Jahrzehnte vor 1848 galten der Trentiner Historiographie als Präludium der politisch-nationalen Erlösung, der Tiroler Geschichtsschreibung dagegen als ereignisarme Vorstufe hin zum Untergang Alt-Tirols.
Diese Situation darf wohl auch der wenig günstigen Quellenlage zugeschrieben werden. Für die Zeit zwischen 1816 und 1848 liegt vor allem staatlich-bürokratisches Quellenmaterial vor, das uns gleichsam eine Perspektive des Zentralstaates bietet. Deutlich seltener sind dagegen Quellentypen, die eine regionale, „periphere“ Wahrnehmung des Vormärz zugänglich machten, also private Briefwechsel oder andere Ego-Dokumente. Besonders rar sind schließlich Medien öffentlicher Kommunikation, die erst ab 1848 zahlreicher werden.
Gemein war den beiden so unterschiedlichen regionalen Geschichtstraditionen schließlich die Ausblendung des regionalen „Anderen“: Die deutschsprachigen landesgeschichtlichen Synthesen räumten dem italienischsprachigen Süden Tirols den Rang eines unbedeutenden Anhanges ein, während die italienischsprachige Historiographie im Grunde ausschließlich selbstreferentiell forschte und das deutsche Tirol schlicht ignorierte. Diese doppelte historiographische Verkürzung war der Ausgangspunkt einer Tagung, die im Dezember 2014 an der Freien Universität Bozen stattfand und deren Beiträge hier nunmehr in schriftlicher Fassung vorliegen. Die Tagung setzte sich zwei grundlegende Ziele: Einerseits suchte sie eine generell für die gesamte Habsburgermonarchie schlecht erforschte Zeitspanne neu zu beleuchten, andererseits richtete sich ihr Augenmerk auch darauf, nationale Engführungen in der Beschreibung von Grenzregionen – und damit auch die historiographische Entzweiung Trentino-Tirols – zu überwinden, kurz: für eine Geteilte Geschichte Trentino-Tirols zu plädieren.
Eduard Gurks dokumentarisches Aquarell einer Szene aus dem Jahr 1838 bildete den Ausgangspunkt der Überlegungen, die zur Tagung führten – es lässt sich als Allegorie des Tiroler Vormärz lesen. Es zeigt 18 Paare aus allen Talschaften Tirols, die Kaiser Ferdinand I. während der Huldigungsfeierlichkeiten, die im August 1838 in Innsbruck stattfanden, lokale Produkte überreichten und „Tirol“ repräsentieren sollten. Es zeigt ein in seiner Vielheit einheitliches „Tirol“, drängt aber gleichermaßen auch die Frage auf, ob ein solches Land jemals existierte. Gab es eine Landeseinheit, die über den administrativen Charakter des Kronlandes Tirol hinausreichte, war das Gebiet zwischen Kufstein und Borghetto also je eine geteilte Handlungs- und Wahrnehmungsregion?
Die ersten drei Beiträge des vorliegenden Bandes dienen der historiographie- bzw. wissenschaftsgeschichtlichen, theoretischen und methodischen Einordnung dieser Problemstellung. Florian HUBER vertieft die regionalgeschichtliche Ausgangslage und schlägt einen der postkolonialen Geschichtsschreibung entlehnten Zugang zur Erforschung der Trentino-Tiroler Grenzregion vor. Ganz unterschiedliche Zugänge zur historischen Erforschung von Grenzregionen präsentiert Stephanie SCHLESIER am Beispiel der Saar-Lor-Lux-Region: Grenzregionen können als staatliche Peripherien, als Räume des Überganges oder als eigenständige Gebilde untersucht werden, wobei, wie die Autorin betont, gute Gründe für alle drei Zugänge sprechen und Ansätze, die alle drei Varianten kombinieren, wohl am zielführendsten sind. Für einen ähnlichen Zugang zu Grenzregionen plädierte bereits die vormärzliche Geographie Carl Ritters, die von Isabella CONSOLATI untersucht wird. Er und seine Schüler definierten den Tiroler Raum als „alpine“ Region, als Verbindungsland, das unterschiedliche Kulturen und geographische Formationen in Beziehung setzte.
Die Wahrnehmung von Grenzen thematisiert auch Mauro NEQUIRITO in seinem Beitrag über vormärzliche Reisebeschreibungen. Die vornehmlich aus Nord- und Westeuropa stammenden Reisenden nahmen in ihren literarischen Abhandlungen das Kronland Tirol als einen durch die italienisch-deutsche Sprach- und Kulturgrenze mehr oder weniger klar getrennten Raum wahr, ja sie wandten teilweise große Mühen auf, diese Entzweiung darzulegen und auf unterschiedliche Lebensbereiche auszuweiten – wobei sich je nach Bildung und politischem Standpunkt des Autors unterschiedliche Grenzlagen herauskristallisierten.
Einige Beiträge widmen sich dem zumindest theoretisch einheitlichen und homogenisierenden Rahmen des Vormärz: dem Recht und der Organisierung des Justiz- und des militärischen Rekrutierungswesens. Es geht in diesen Beiträgen also um das komplexe Verhältnis zwischen der Zentrale und ihrer Peripherie, zwischen der kodifizierten Norm und lokalen Partikularismen, zwischen Staat und Gesellschaft mithin. So wurden das habsburgische Strafgesetzbuch aus dem Jahr 1803 und das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 1811 zwischen 1814 und 1817 schrittweise im gesamten Kronland eingeführt. Beide Kodizes, so wie auch der in derselben Zeit errichtete Behördenapparat blieben in den folgenden Jahrzehnten unverändert. Marco BELLABARBA stellt sich in seinem Beitrag der Frage, inwieweit im habsburgischen Zentralismus nach 1814 Elemente der Kontinuität zur vorhergehenden napoleonischen Verwaltung überwogen oder ob man doch von deutlichen Brüchen und Diskontinuitäten sprechen muss. Ellinor FORSTER problematisiert in ihrem Beitrag über das Eherecht bzw. über eherechtliche Argumentationen ebenfalls grundlegende rechts- und genderhistorische Aspekte: So etwa die Pluralität der relevanten Rechtsquellen, die Spannungen zwischen der kodifizierten Norm und ihrer Anwendung, zwischen rechtlicher Homogenisierung und überlieferten Gewohnheiten.
Eine ebenfalls enorme Auswirkung auf die vormärzliche Gesellschaft hatte die Einberufung der Wehrpflichtigen, die von Tommaso MARIOTTI untersucht wird. Der Beitrag beschreibt die diversen Akteure, die zivilen und militärischen Behörden, die an der konkreten Praxis der Rekrutierung beteiligt waren und kann dadurch das konfliktreiche Spannungsfeld zwischen den (militärischen) Bedürfnissen des Staats und jenen der Zivilgesellschaft umschreiben.
Neben den zivilen und militärischen Behörden prägte vor allem die katholische Kirche die Tiroler Gesellschaft des Vormärz. Am Beispiel der Ehedispensen, also der kirchlichen Erlaubnis von Ehen im nahen Verwandtschaftsgrad, kann Margareth LANZINGER aufzeigen, wie komplex und konfliktgeladen das Verhältnis zwischen Staat und Kirche war und wie fragmentiert sich der vermeintlich homogene vormärzliche Rechtsraum zeigte: Kirchliche und staatliche Behörden konnten ähnliche Fälle ganz unterschiedlich wahrnehmen und behandeln.
Wie brüchig und segmentiert eine mögliche Landeseinheit jenseits der rechtlich-behördlichen Rahmenbedingungen war, zeigt Marcello BONAZZA in seinem Beitrag über die kulturellen Beziehungen zwischen dem deutschen und dem italienischen Landesteil auf. Durch die Analyse von drei möglichen Kontakt- und Interaktionsebenen – der behördlich installierten (die Universität, die staatlich finanzierte Presse und das „Nationalmuseum“), jener der Vereine und schließlich jener der persönlichen Beziehungen – entsteht das Bild eines asymmetrisch strukturierten und sehr fragilen, ja kaum existenten gesamttiroler Kulturraumes.
Einen mikrogeschichtlich-wirtschaftshistorischen Weg schlägt dagegen Michael SPAN in seinem Beitrag ein und stellt sich dem Problem, wie sich der Vormärz in einer Grenzregion aus der Perspekive eines Zeitgenossen darstellte. Am Leben Michael Pfurtschellers, eines Nordtiroler Händlers und Unternehmers, lässt sich in der Tat gut nachvollziehen, wie sich die kleine alpine Lebenswelt mit allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen verschränkte; aber auch, dass das Kronland Tirol durchaus als einheitliches Gebilde wahrgenommen wurde, wiewohl Kontakte zu den italienischsprachigen Nachbarn äußerst rar waren und eine gesamttirolische, übernationale Identität wohl kaum vorhanden.
Einen biographischen Blick nimmt schließlich auch der Beitrag von Mirko SALTORI ein, der die Lebensläufe revolutionärer Tiroler nachzeichnet. Freilich handelte es sich beim Trentino-Tiroler Vormärz wohl um nichts weniger als um eine an revolutionären Aktivitäten reiche Zeitspanne, dennoch lassen sich subversive Lebensentwürfe finden: Etwa jenen des Exulanten Gioacchino Prati oder jene der napoleonischen Beamten, die Mitglieder des jakobinischen Klubs in Innsbruck waren. Diese sanfte Schneise der vormärzlichen Subversion zieht sich hin bis zu den kommunistischen Spuren, die sich kurz vor der Revolution 1848 vornehmlich im deutschsprachigen Tirol finden lassen. Der abschließende Beitrag von Marco MERIGGI fasst die Ergebnisse des Bandes zusammen und prüft vor allem die Stärken und Schwächen einer Geteilten Geschichte Trentino-Tirols.
Viele wichtige Themen- und Problemstellungen fanden somit weder während der Tagung noch im vorliegenden Band die gebührende Berücksichtigung: So blieben etwa Fragen der Alphabetisierung oder allgemeiner des Schulwesens unangesprochen, Kirche – sieht man vom Beitrag Margareth LANZINGERS ab – und vor allem Religiosität fanden ebenso wie die Presse und die Zensur keinen Raum. Wirtschaftsgeschichtliche Aspekte wurden nur im Beitrag von Michael SPAN mikrohistorisch betrachtet: Fragen des Handels und der Zollpolitik, der saisonalen bzw. der dauerhaften Migration hätten stärker vertieft werden müssen, ebenso wie jene der frühen Politisierung der Gesellschaft vor 1848. Zwei Beiträge der Tagung behandelten weitere wichtige Themen, konnten hier jedoch nicht veröffentlicht werden: Laurence COLE (Historiographische Überlegungen zum Raum Tirol-Trentino im Vormärz) beleuchtete in seinem Vortrag historiographiegeschichtliche Aspekte des Tiroler Vormärz, die er in einen Vergleich mit der geschichtswissenschaftlichen Produktion zu anderen habsburgischen Kronländern stellte. Astrid VON SCHLACHTA (‚Jedem Ländchen schlägt sein Stündchen‘. Verfassungsvorstellungen als Gedächtnisort in Tirol) hingegen analysierte ständische und konstitutionelle Diskurse als Element der vormärzlichen politischen Kommunikation im bzw. über das Kronland.
Diese und viele weitere mögliche Aspekte und Vertiefungen bleiben damit ausgeschlossen – und eine vormärzliche Geschichte Trentino-Tirols äußerst unvollständig. Doch kann und will der Band keine Vollständigkeit anstreben, sondern vielmehr ein Plädoyer für eine geteilte Regionalgeschichte Trentino-Tirols, jenseits von nationalen Engführungen also, sein.1
Ermöglicht wurde diese Publikation durch die großzügige Unterstützung der Freien Universität Bozen – die auch die Tagung finanziert hat –, des Landes Tirol und des Landes Südtirol (unter Mithilfe des Südtiroler Kulturinstitutes).
Dem Direktor des Kompetenzzentrums für Regionalgeschichte an der Freien Universität Bozen, Oswald Überegger, möchten wir dafür danken, das Projekt stets wohlwollend unterstützt zu haben; Mercedes Blaas vom Universitätsverlag Wagner für die ausgezeichnete Zusammenarbeit und die viele Geduld mit der Herausgeberin und dem Herausgeber; Michaela Oberhuber und Nicola Fontana dafür, uns beratend und korrigierend zur Seite gestanden zu haben. Ohne Maria Diana und Julian Kaser wäre der organisatorische Aufwand der Tagung nicht zu bewältigen gewesen, Siglinde Clementi und Andrea Bonoldi nahmen als Moderatorin und Moderator an der Tagung teil, Andrea Di Michele schließlich leistete einen großen Beitrag zum Rahmenprogramm der Tagung, indem er die Tagungsteilnehmer und Tagungsteilnehmerinnen kompetent durch das Dokumentationszentrum am Bozner Siegesdenkmal führte. Dank gebührt schließlich auch allen Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmern und allen Autorinnen und Autoren, deren Texte in diesem Band versammelt sind. Das Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol, das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und die Fondazione Museo storico del Trentino gewährten uns freundlicherweise die Erlaubnis, Bilder aus ihren Beständen zu veröffentlichen.
Bozen und Frankfurt am Main,im November 2016
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1 Wie sie etwa in Ansätzen von einer im Juni 2016 in Trient von der Società di Studi Trentini di Scienze Storiche organisierten Tagung („Il paese sospeso. La costruzione della provincia tirolese / Das Land in der Schwebe. Die Konstruktion des Landes Tirol, 1813–1816“) fortgesetzt wurde.
Il Vormärz trentino-tirolese (e non solo tirolese) è un periodo che appare poco indagato dagli storici. Tra quelli trentini che si sono occupati del XIX secolo ha dominato per decenni un approccio risorgimentale, quasi esclusivamente rivolto al 1848 e poi all’irredentismo: all’interno della ‘grande narrazione’ di impronta nazionale non vi era spazio per la storia trentina prequarantottesca. Da parte degli storici tirolesi, l’interesse storiografico si è a lungo concentrato, prevalentemente, sulla rivolta del 1809: da questa prospettiva tutto il secolo successivo, fino alla dissoluzione della monarchia e quindi del Land tirolese, non era che una storia di lenta decadenza. Il Vormärz rappresentava quindi per i primi una sorta di poco interessante preludio alla maturazione di una coscienza politico-nazionale, per i secondi una altrettanto poco interessante parentesi temporale uniforme e priva di eventi significativi.
Tale disinteresse storiografico va poi forse attribuito anche al tipo di fonti pervenuteci e al loro disequilibrio. Mentre le fonti prodotte dagli organi di governo e dai suoi apparati (dal ‘centro’, quindi) sono tutto sommato numerose – pur con significative lacune dovute alla dispersione dei documenti –, più sporadiche e irregolari risultano le fonti che possono illuminare sulla percezione ‘privata’ o ‘periferica’ di questo periodo (diari, carteggi, memorie, iniziative giornalistiche: queste ultime iniziano a porsi come formatrici e catalizzatrici di opinione pubblica solo dalla metà del secolo).
Queste due culture storiografiche così diverse e separate hanno avuto in comune una scarsa considerazione del proprio ‘vicino’: da una parte, infatti, le grandi sintesi della storia regionale di lingua tedesca rappresentavano il Tirolo italiano riducendolo ad una sorta di appendice; dall’altra, la storiografia trentina ha solitamente escluso il Tirolo tedesco dai propri oggetti di indagine. Il risultato è una duplice lacuna della storiografia sul Vormärz trentino-tirolese.
Proprio da questa considerazione ha preso le mosse l’idea del convegno – di cui questo volume raccoglie gli atti – che si è tenuto presso la Libera Università di Bolzano nei giorni 11 e 12 dicembre 2014, sotto l’organizzazione scientifica dagli scriventi, per conto del Centro di Competenza Storia regionale. L’intento era duplice: da un lato, quello di gettare nuova luce, dalla prospettiva della storia regionale trentino-tirolese, su un’epoca in generale poco indagata per tutta la Monarchia asburgica; dall’altro, quello di individuare gli approcci e le metodologie più appropriate per superare la separatezza storiografica sopra accennata, per accostarsi quindi ad una storia ‘intrecciata’, condivisa – una Geteilte Geschichte, appunto – di questo territorio complesso.
Una particolare suggestione è stata offerta ai curatori da una fonte iconografica. Si tratta dell’acquerello del pittore Eduard Gurk, poi utilizzato come ‘immagine’ del convegno e qui pubblicato in copertina (sul valore simbolico e sui retroscena politico-istituzionali di esso si sofferma il saggio di Florian HUBER), in cui sono rappresentate alcune coppie provenienti da tutto il Tirolo – italiano e tedesco – che nel 1838 si recarono ad Innsbruck per il formale omaggio all’imperatore Ferdinando I. Questa raffigurazione di (apparente) unitarietà tirolese è stata, in un certo senso, lo spunto dal quale, e attorno al quale, i curatori hanno formulato alcune delle domande proposte ai relatori e alle relatrici del convegno: cos’era il Tirolo nel Vormärz? O meglio: si può, in generale, parlare di un Tirolo? Gli abitanti di questa regione compresa tra Kufstein e Borghetto si identificavano con un territorio comune, condividevano un unico spazio di azione e di percezione?
Un inquadramento della questione sul piano metodologico, storiografico e teorico è fornito dai primi contributi del volume. Florian HUBER definisce ed approfondisce i problemi – qui solo accennati – posti nell’elaborazione concettuale del convegno; inquadra storiograficamente la materia; propone un approccio teorico – quello appunto della Geteilte Geschichte, proprio degli studi postcoloniali – che potrebbe essere proficuamente utilizzato per il Trentino-Tirolo del Vormärz.
Importante, in questo senso, è anche l’analisi di altri case studies, come quello illustrato da Stephanie SCHLESIER nella sua indagine sulla regione posta tra Francia, Prussia e Lussemburgo (Saar-Lor-Lux), dove l’autrice, riflettendo specialmente sugli approcci che hanno storicamente caratterizzato lo studio delle aree di confine (ora enfatizzanti la marginalità di esse rispetto al centro, ora l’alterità, ora la fluidità propria degli spazi di transizione, di scambio, di interconnessione e di traffico), suggerisce l’efficacia di un utilizzo combinato di tali approcci.
Quest’ultima lettura della regione di confine è in fondo molto simile a quella proposta nei primi decenni dell’Ottocento dalla geografia di Carl Ritter, che concepiva il Tirolo in termini di regione “alpina”, e quindi di Verbindungsland, spazio di collegamento: così spiega Isabella CONSOLATI nel suo saggio sull’evoluzione del pensiero geografico nel Vormärz, inteso come chiave di lettura della realtà.
Il punto di vista dell’osservazione descrittiva esterna e della percezione dei confini (reali o immaginari) torna anche nel saggio di Mauro NEQUIRITO: i resoconti dei viaggiatori provenienti da nord (prevalentemente di lingua tedesca) che si trovarono a visitare, o anche solo ad attraversare il Tirolo diretti in Italia, concepiscono chiaramente una separatezza – più o meno esasperata a seconda della sensibilità e della formazione degli scrittori, e più o meno posta a nord o a sud – tra Tirolo tedesco e Tirolo italiano.
Alcuni contributi si concentrano poi su quelli che dovrebbero essere, almeno in teoria, gli elementi di omogeneità, di uniformazione del Tirolo nel Vormärz: il diritto, l’organizzazione giudiziaria, l’esercito, ossia quelle estrinsecazioni dello Stato la cui osservazione illumina il rapporto tra centro e periferia, tra norma codificata e particolarismi giuridici, tra governo e società. Il codice penale austriaco del 1803, ed il codice civile del 1811, progressivamente attivati in tutte le parti del Land tra il 1814 e il 1817, rimangono in vigore nei decenni successivi, ed anche l’impianto amministrativo e la rete dei tribunali plasmata grossomodo nello stesso periodo – così Marco BELLABARBA – rimangono sostanzialmente invariati. In questa direzione, il saggio di Marco Bellabarba analizza, osservandone continuità e discontinuità, il modo in cui il governo asburgico fece fronte, in senso centralistico, alla provvisorietà che caratterizzò l’amministrazione tirolese nei primi anni dopo il 1814, ancora fortemente influenzati dal portato del periodo napoleonico.
Il fondamentale terreno dello spazio giuridico è vagliato anche nel saggio di Ellinor FORSTER. La lente del diritto matrimoniale (e delle sue implicazioni sul piano della storia di genere e della gestione della proprietà) consente all’autrice di osservare alcune questioni fondamentali delle norme e delle pratiche giuridiche dell’epoca: la pluralità delle fonti del diritto, la tensione tra norma codificata ed applicazione pratica, tra uniformazione e resistenza delle consuetudini.
Un’altra istituzione normata in senso via via centralizzante e di enorme impatto sulla popolazione è quella della leva militare, affrontata da Tommaso MARIOTTI: il saggio indaga attori, livelli gerarchici e autorità – sia civili che militari – che ne regolavano la concreta prassi, dalla quale si deduce una certa elasticità con cui la legislazione venne adattata alla società tirolese.
Sul matrimonio torna, con una diversa prospettiva e diversi obiettivi di indagine, Margareth LANZINGER: nel suo contributo gli affari matrimoniali – e nello specifico la gestione delle dispense, ossia il permesso di sposare parenti o affini sotto un certo grado – diventano da un lato una efficace chiave di lettura degli equilibri e delle relazioni (talvolta collaborative, più spesso tese) tra Stato e Chiesa; dall’altro una sorta di cartina di tornasole del grado di frammentarietà giuridica e amministrativa (dal punto di vista del governo delle diocesi) del territorio tirolese.
Il concetto di ‘storia condivisa’ è messo più direttamente alla prova, e criticamente discusso, nel saggio di Marcello BONAZZA, che si interroga sulla natura delle relazioni culturali tra Tirolo italiano e Tirolo tedesco, mettendone in rilievo la scarsa consistenza e le asimmetrie, su tre piani di osservazione: quello della politica culturale ‘governativa’ (esplicata nel museo nazionale, nell’università, nelle gazzette ufficiali), quello della vita associativa, quello dei rapporti personali tra uomini di cultura.
La storia complessiva di un territorio di confine non può prescindere da un approccio microstorico: in questa direzione il saggio di Michael SPAN indaga il punto di vista di un contemporaneo, Michael Pfurtscheller, che proprio nel Vormärz, dopo aver partecipato alla rivolta del 1809, sviluppò un’importante attività industriale e commerciale nella valle dello Stubai. La biografia di Pfurtscheller, che incrocia la più ampia storia del mercato, delle comunicazioni e dell’industrializzazione dell’epoca, permette di indagare gli spazi di azione, i rapporti (sporadici) con i vicini di lingua italiana e la percezione dei confini di un imprenditore ‘di periferia’; al quale non può essere certo attribuita un’identità tirolese ‘sovranazionale’, pur avvertendo egli il Tirolo come un qualcosa di idealmente unitario.
Anche Mirko SALTORI segue alcuni percorsi biografici, che ci portano dentro la trama dei cospiratori trentino-tirolesi del Vormärz – certo un periodo in cui la regione non fu segnata da fenomeni concretamente rivoluzionari, ma nel quale tuttavia si mossero, o dal quale provenivano, figure eversive di un certo rilievo: dall’esule buonarrotiano Gioacchino Prati, al gruppo di funzionari napoleonici che a fine Settecento erano stati membri del club giacobino di Innsbruck, fino all’emergere, a ridosso del 1848 – soprattutto nel Tirolo tedesco – del movimento comunista.
Nelle sue riflessioni conclusive Marco MERIGGI tira le somme, evidenziando i risultati – ed i limiti – del progetto e degli approcci proposti.
Molti sono, naturalmente, i piani di indagine che non hanno trovato approfondimento nel corso del convegno e in questo volume: non ci si è ad esempio occupati, o comunque solo in parte o in modo funzionale ad altri temi, di questioni quali la scolarità e l’alfabetizzazione, la Chiesa e la religiosità (pur affrontando, il saggio di Margareth Lanzinger, alcuni importanti aspetti del governo ecclesiastico in Tirolo), l’editoria e la stampa (in parte trattata da Marcello Bonazza); manca poi la storia economica nelle sue varie declinazioni: le attività produttive, il commercio (di cui tuttavia Michael Span offre una prospettiva microstorica), le strutture daziarie e fiscali, gli aspetti politici e sociali del lavoro, come l’emigrazione stagionale e permanente; manca anche un’analisi della prima politicizzazione prequarantottesca di larghi strati della società. Due argomenti importanti sono stati tuttavia trattati al convegno, ma non hanno potuto essere raccolti in questo volume. Laurence COLE (Historiographische Überlegungen zum Raum Tirol-Trentino im Vormärz) ha problematizzato gli aspetti storiografici del Vormärz trentino-tirolese, confrontandoli con la storiografia di altre provincie asburgiche; Astrid VON SCHLACHTA (‘Jedem Ländchen schlägt sein Stündchen’. Verfassungsvorstellungen als Gedächtnisort in Tirol) ha invece analizzato i discorsi sui ceti e i sistemi costituzionali nella comunicazione politica del Tirolo del Vormärz.
Questi e molti altri aspetti del Vormärz trentino-tirolese rimangono dunque inesplorati, ed una storia condivisa di questo territorio è ancora incompiuta. Ma il presente volume non vuole, né può, ambire alla completezza, ma piuttosto sostenere l’opportunità di una storia regionale condivisa del Trentino-Tirolo, che sia capace di superare le restrizioni nazionali esplicite ed implicite.1
Questa pubblicazione è stata possibile grazie al finanziamento della Libera Università di Bolzano (che ha anche finanziato il convegno), del Land Tirol e della Provincia Autonoma di Bolzano (in collaborazione con il Südtiroler Kulturinstitut).
I curatori desiderano ringraziare inoltre il direttore del Centro di competenza Storia regionale della Libera Università di Bolzano, Oswald Überegger, che ha sempre sostenuto il progetto; Mercedes Blaas dell’Universitätsverlag Wagner per l’eccellente collaborazione (e l’inesauribile pazienza); Michaela Oberhuber e Nicola Fontana per la loro consulenza storica; Maria Diana e Julian Kaser per il prezioso aiuto nel corso della fase organizzativa; Siglinde Clementi e Andrea Bonoldi, che hanno partecipato al convegno come moderatori; Andrea Di Michele, che ha arricchito il programma del convegno con una visita guidata al Centro di Documentazione presso il Monumento alla Vittoria di Bolzano; tutti i relatori e le relatrici, gli autori e le autrici del volume; il Museo storico-culturale della Provincia di Bolzano Castel Tirolo, il Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum e la Fondazione Museo storico del Trentino che hanno permesso la pubblicazione delle immagini.
Bolzano e Francoforte sul Meno,novembre 2016
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1 Ambizione storiografica che tra l’altro abbiamo in comune con un convegno organizzato nel giugno del 2016 a Trento dalla Società di Studi Trentini di Scienze Storiche (“Il paese sospeso. La costruzione della provincia tirolese / Das Land in der Schwebe. Die Konstruktion des Landes Tirol, 1813–1816”).
Suchte man eine allegorische Zuspitzung des Tiroler Vormärz, so würde man kaum eine literarische oder visuelle Darstellung finden, die die Dokumentation der Innsbrucker Erbhuldigung im August 1838 aus der Hand des „inoffiziellen“ Hofmalers Eduard Gurk (1801–1841)1 an Prägnanz und Detailtiefe überträfe. Gurks Aquarelle schaffen ein überaus plastisches Bild des Innsbrucker Ereignisses, das vom 10. bis zum 17. August andauerte: Die Anwesenheit Kaiser Ferdinands I., mehrerer Erzherzöge und der gesamten Staatsspitze, vor allem aber auch das eindrucksvolle Rahmenprogramm lockten zehntausende Festgäste in die Tiroler Landeshauptstadt: Neben den obligaten Freischießen fanden Bälle, Aufführungen einer Bauernkomödie und Beethovens „Schlacht bei Vittoria“, Nachbildungen der Schlachten am Bergisel, Schützenumzüge, Bergfeuer, eine öffentliche Bauernhochzeit und weitere öffentliche Belustigungen statt, die die Bindung Tirols zur Habsburgermonarchie zelebrierten.2
Die Innsbrucker Erbhuldigung stellte die letzte Zeremonie dieser Art in der Habsburgermonarchie überhaupt dar und war Teil einer großangelegten und pompösen Inszenierung des erneuerten monarchischen Prinzips, die den Monarchen gleich in seinen ersten Amtsjahren zu Krönungen nach Prag und Mailand sowie zu mehreren Huldigungen führte.3 Nun sollte man die formalrechtlich tatsächlich bedeutungslosen Krönungen und Huldigungen keineswegs als anachronistische Scheinhandlungen eines „Scheinkaisers“4 oder, wie im Tiroler Fall, als „vorgespielte Scheinwelt“5 abtun – ihnen kam vielmehr eine genuin politische Funktion zu: Anders als in der Vormoderne konstituierten sie zwar kein Herrschaftsverhältnis mehr – Verfassungen, Gesetzeskodizes und eine avancierte Durchstaatlichung erübrigten dies – sie versinnbildlichten und legitimierten jedoch, wie die neuere Kulturgeschichte der Politik deutlich herausgearbeitet hat, diese Herrschaft vielmehr. Für die Habsburgermonarchie sprechen einige Autoren deshalb auch von einem „Funktionsgewinn“, den das staatsrechtliche Ritual der Huldigung im 18. und 19. Jahrhundert erfuhr.6 Es ging also in Ferdinands Huldigungs- und Krönungstour, die in Mailand wirkungsvoll mit einer Amnestie für politische Gefangene verbunden wurde,7 darum, ein möglichst „emotionales Näheverhältnis“ zu seinen Untertanen zu etablieren bzw. zu stärken. Auch die Tiroler Erbhuldigung im August 1838 bemühte Bilder der romantischen Liebe, um die ideale Beziehung zwischen Untertan und Monarchen zu allegorisieren. Die Huldigung galt als „Liebesfest“, als eine Hochzeit gleichsam, die das herrschaftslegitimierende Liebesverhältnis besiegeln sollte: „Ja, so ist’s: Wie eine Braut / Ist Tirol dem Kaiser angetraut / […] Um Fürst und Vaterland / Schlingt sie ein Eheband! / Das ist der Huldigung / Schöne Bedeutung.“8
Die Innsbrucker Huldigung, ja der gesamte Aufenthalt des Kaisers, des Hofes sowie nahezu der gesamten Staatsspitze in Tirol (8.–23. August 1838) hatte jedoch noch eine tiefergehende, wenn man möchte, regionale Bedeutungsebene. Das von den Tiroler Ständen, die vor allem das üppige Rahmenprogramm der Huldigung orchestrierten, und den staatlichen Stellen gemeinsam organisierte Ereignis9 sollte den tirolischen Untertanen und ihrem Monarchen, aber auch der nicht anwesenden medialen Öffentlichkeit ein harmonisch-einförmiges Kronland Tirol demonstrieren,10 oder, wie die Tiroler Stände sich ausdrückten: „die Feyerlichkeiten sollen so viel [als] möglich nationell seyn […].“11 Hierzu diente nicht nur die offizielle Rehabilitierung Andreas Hofers und der Freiheitskämpfer von 1809, die während der Huldigung omnipräsent waren, sondern auch das Arrangement der einzelnen Festakte, das penibel darauf ausgerichtet war, möglichst alle Talschaften und Sprachgruppen des Kronlandes gleichermaßen miteinzubeziehen. Ganz im Gegensatz zur sehr kühlen Huldigung von 1816, die noch maßgeblich vom Tod der Kaiserin Maria Ludovica überschattet gewesen war,12 übernahm die Bevölkerung 1838 vor allem auf der performativen Ebene eine zentrale und aktive Rolle: Ein „Volkschor“, so der offiziöse Huldigungschronist Beda Weber,13 spielte „wie das Brausen von 800.000 Menschen“ den zentralen Part in der bereits erwähnten Huldigungskantate, dessen „triumphirender Mittelpunkt“ darauf abzielte, die „Innigkeit der tirolischen Volksstämme“ darzustellen. Auch in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ hielt ein Berichterstatter aus Innsbruck fest, dass „das Volk […] allein im Vordergrund“ stehe.14 Michael Span konnte jüngst in seiner mikrohistorischen Studie über das Stubaital nachweisen, wie prägend das Ereignis der Huldigung für die teilnehmenden Schützen war und in welchem Ausmaß dörfliche Eliten als lokale Organisatoren, Ausstatter und Anführer von Schützenkompanien sich in einer überlokalen Öffentlichkeit profilieren konnten.15
Dem anwesenden Monarchen zu Ehren wurde zudem in der Höttinger Au bei Innsbruck eine im Jahr 1809 angesiedelte Bauernkomödie dargeboten – was 1816 noch explizit untersagt worden war –, am Originalschauplatz eine der Bergiselschlachten inszeniert und in Lans eine opulente Bauernhochzeit, die „Eigenthümlichkeiten der tirolischen Landlust“ gleichsam, präsentiert.16
Am Nachmittag des 13. August schließlich wurde der Höhepunkt dieser Folklorisierung inszeniert und die Bühne ganz der Landbevölkerung Tirols überlassen: 18, von den lokalen Obrigkeiten ausgesuchte und nach Innsbruck bestellte, aus allen Teilen des Kronlandes und (bis auf eines aus Trient und eines aus Riva) aus dem ländlichen Raum stammende Paare überreichten dem Kaiser lokale „Natur- und Kunstproducte“. Diese von Erzherzog Johann und dem Innsbrucker Landespräsidium lancierte und von Eduard Gurk in zwei Aquarellen visualisierte Szene verdichtete die Intention der gesamten Huldigungsfeier: Sie sollte zunächst dem Monarchen, den anwesenden Erzherzögen und Staatsspitzen eine „Anschauung der Tirolischen Nationalkostüme verschaffen“ – Fürst Metternich soll besonderen Gefallen an diesem Aufzug gefunden haben.17 In all seiner bewusst inszenierten, farbenfrohen Diversität wurde Tirol als einförmiges, eng an die Monarchie gebundenes Land mit durchaus auch modernem und produktivem Antlitz dargestellt. Darauf verweisen die dargebotenen „Kunstproducte“, die die lokalen Behörden bzw. lokale Honoratioren den Paaren zur Verfügung gestellt hatten und dem Kaiser überreicht werden sollten: So etwa Eisenwaren aus dem Stubaital, Nadeln und sonstiges Nähwerk aus dem Zillertal, ein „zweihändiges Spinnrad“ aus Ampezzo, Glasflaschen aus den Judikarien, Seide aus Ala oder Südfrüchte aus Riva: Tirol wurde als ein an Ressourcen, Fabriken und landwirtschaftlichen Erzeugnissen reiches und ingesamt produktives Land dargestellt.18
Eduard Gurk, Überreichung der Tyroler Natur. und Kunstproducte durch Individuen in der herkömmlichen Landestracht der verschiedenen Thäler. Südtiroler Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol.
Die 18 Paare „in den merkwürdigsten“ Trachten versinnbildlichten die ethnisch-kulturelle Diversität des Kronlandes, dessen Einheit gerade die ländliche Ursprünglichkeit, die diese „tirolischen Volkstypen“ verkörperten, begründete. Nicht nur die Trachten und die dem Kaiser überreichten Gaben unterschieden sich markant voneinander, sondern, wie Beda Weber festhielt und Gurk deutlich konturierte, die Paare waren auch von einem „geistreichen Wechsel der Gesichtsausdrücke“ gekennzeichnet.19
Die Szene zeigte somit nicht nur eine „ethnographisch“ festschreibbare Vielfalt des Kronlandes, sondern auch die Gleichwertigkeit der unterschiedlichen Tiroler „Volkstypen“: Weder in Webers Beschreibung noch in Gurks Aquarellen sind etwaige Hierarchien erkennbar – sie suggerieren vielmehr ein harmonisches, sich dem Kaiser hingebendes Nebeneinander. Das 1816 begründete, also gerade mal 22 Jahre alte Kronland Tirol stellte hier gewissermaßen die gesamte Monarchie en miniature dar: Unterschiedliche „Volkstypen“, Sprachen, Kultur- und Wirtschaftsformen koexistierten hier friedlich, ja erst in ihrer Diversität konstituierten sie die Einheit Tirols. Die federative nationhood, mit der die Habsburger massiv 1809 und 1813, in sanfteren Tönen aber auch nach 1816 einen staatsweiten Patriotismus bzw. Nationalismus zu etablieren suchten, wird hier auf das Kronland Tirol übertragen.20 Eduard Gurks Aquarelle zeigen eine Tiroler „Nation“ als regionale Ausprägung eines habsburgischen Ganzen, die, wie die Monarchie selbst, als harmonische Einheit der Vielheit verstanden und von Vertretern unterer, ländlicher Schichten repräsentiert wurde.
Gurks Illustration und Webers Narration der Huldigungsfeierlichkeiten vermitteln eine stereotype obrigkeitliche Vorstellung von „Tirol“, die mit den gesellschaftlich-politischen Verhältnissen des Tiroler Vormärz wohl wenig gemein hatte. Ländliche Folkorisierung, ethnische Harmonisierung und soziale Nivellierung blendeten mehr aus, als sie darzustellen vermochten. Moralisch-religiöse Devianz etwa, die noch ein knappes Jahr vorher zur europaweit aufsehenerregenden Ausweisung von über 400 Personen aus dem Zillertal geführt hatte und die Behörden auch 1838 noch beschäftigte, fand während der pompösen Innsbrucker Feierlichkeiten freilich keinen Platz.21 Ebenso wenig wurde die eklatante Unterrepräsentierung der italienischsprachigen Tiroler am ständischen Kongress, dem vormärzlichen Landtag des Kronlandes, thematisiert, obwohl deren Repräsentanten 1836 und 1838, kurz vor der Erbhuldigung, eine Nachjustierung der ungleichen Sitzverteilung eingefordert hatten. Die ständische Verfassung Tirols aus dem Jahr 1816 sah für die italienischen Tiroler lediglich sieben bis zehn der 52 Landtagssitze vor, bei einem Bevölkerungsansteil von gut 40 Prozent.22
Die soziale Asymmetrie der ständischen Verfassung Tirols war mindestens ebenso gravierend: Während Klerus und Adel eine demographisch unbedeutende Gruppe vertraten, repräsentierten die Kurien der Städte und der Landgerichte faktisch die gesamte Bevölkerung des Kronlandes – alle vier Landtagsbänke waren jedoch paritätisch mit je 13 Deputierten besetzt.23 Die Huldigung bzw. ihr Rahmenprogramm im August 1838 stellte nun diese doppelte Asymmetrie auf den Kopf: Viele Sequenzen der Festivitäten waren bewusst zweisprachig gehalten, die Obrigkeiten respektierten bei der Auswahl der 18 Paare die ethnische Zusammensetzung des Kronlandes penibel, indem sie elf deutsch- und sieben italienischsprachige nach Innsbruck luden. Den ständisch am stärksten Unterrepräsentierten, den Landbewohnern und den Bauern, wurde während der Huldigungs-Tage schließlich die Aufgabe zuteil, „Tirol“ und die „Tirolizität“ öffentlich darzustellen. Vor allem der Zeremonienchronist Weber war bemüht, ein betont über- bzw. nachständisches Bild zu vermitteln: Zwar war das „Volk“ von der Huldigungszeremonie ausgeschlossen, die eigentliche Verbindung zwischen dem Kaiser und seinen Untertanen wurde jedoch jenseits der offiziellen Handlungen, während des festlichen Rahmenprogramms mithin, beschlossen und besiegelt:
„Dieses herzgewinnende Zutrauen, diese Herablassung des Landesvaters und der Landesmutter, diese Sicherheit und Sorglosigkeit in den Waldhecken des Iselberges, dieses kindliche Sichanschmiegen des Volkes an das alte wiedererkämpfte Herrscherhaus, es drang und klang unwiderstehlich an jedes Tirolerherz, jedermann fühlte sich das Herz erweitert und gerührt, manchem troff das Uebermass der Rührung aus dem nassen Auge, neu besiegelnd den Bund zwischen Fürst und Volk. Aller Unterschied der Stände war für den Augenblick ganz verschwunden, der eine erkannte den andern nur in der wechselseitigen allgemeinen Liebe, die zwischen den beiden so glücklich bestand […].24
Die Huldigungsfeier und ihre Chronisten entwarfen indes keine radikal neue Darstellung von „Tirol“ – sie griffen vielmehr auf ein bereits konsolidiertes diskursives Tableau zurück, das sich nach 1816 ausgebildet hatte: Die Vorstellung von einem ländlich-idyllischen, streng katholischen, dem Monarchen treu ergebenen Land wurde 1838 lediglich szenisch neu realisiert. Seit Jahren schon befeuerte diese Vorstellung in ganz Europa romantische Sehnsüchte: Das Land galt zivilisationsflüchtigen Großstädtern als antimodernes, ursprüngliches Refugium und stieg vom Transitland auf dem Weg in den Süden zur beliebten Reisedestination auf – wovon nicht zuletzt die markante Zunahme von Reiseberichten über Tirol zeugt.25 Die touristische „Entdeckung“ des Kronlandes profitierte stark von einem anhaltenden Andreas-Hofer-Kult, der europaweit die Vorstellung vom „Tiroler“ und von „Tirol“ präfigurierte. Die Vorstellung vom wehrhaften, einfältig-treuen Bergbewohner faszinierte Liberale und Konservative gleichermaßen und wurde als literarisches Sujet mehrfach verarbeitet.26 Selbst die protestantische Publizistik stellte sich während der virulentesten Phase des Konfliktes um die sogenannten Zillertaler „Inklinanten“ den Tiroler „Bergprotestanten“ als Andreas-Hofer-Imitat dar: fromm, einfältig aber redlich, körperlich robust und bärtig.27
Daneben profitierte das Kronland von der romantischen Begeisterung für die unberührte Bergwelt der Alpen, die zu einem Gegenbild der „unheiligen“, rationalisierten und industrialisierten modernen Stadt stilisiert wurde. Tirol stieg im Vormärz, offenbar von allen modernen Einflüssen unkontaminiert, neben der Schweiz zum Prototyp einer romantischen Bergidylle auf und wurde gar als „Schweiz des grossen österreichischen Kaiserreiches“ gehandelt.28 Damit wurden aufklärerische, antikatholische Diskurse romantisch umgedeutet und positiv ausgelegt: Galten etwa „Rückständigkeit“ und eine unwirtliche alpine Umwelt vor allem katholischer und süddeutscher Gegenden den aufgeklärten Reisenden des 18. Jahrhunderts noch als Makel „unaufklärbarer Regionen“, so erschienen sie im Vormärz als erhaltens- und sehenswerte Eigenschaften.29 Drittens schließlich erfuhr „Tirol“ auch in der konfessionell und religiös so sensiblen politischen Öffentlichkeit des Vormärz ungeahnte Aufmerksamkeit: Die stigmatisierten Jungfrauen Tirols, vor allem Maria von Mörl im südtirolischen Kaltern, galten europaweit als christlich-mystische Attraktionen. Sie lockten scharenweise Besucher nach Tirol, die sich persönlich von der religiösen Ausstrahlungskraft dieser sonderbaren Erscheinungen vergewissern wollten.30 Der Konflikt um die Zillertaler Glaubensgemeinschaft schließlich, der auch als europäisches konfessionelles Medienereignis gedeutet werden muss, machte Tirol auch in protestantischen Kreisen bekannt: In den 1830er Jahren reisten protestantische Theologen, Mitglieder pietistischer Zirkel und der Erweckungsbewegung in das Nordtiroler Zillertal, um die konfessionelle Ursprünglichkeit dieser exotischen Bergprotestanten persönlich kennenzulernen, zu erforschen, und vor allem: in Reiseberichten publik zu machen.31
„Tirol“ war im Vormärz also tatsächlich in „Mode gekommen“, wie ein Korrespondent der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ 1844 süffisant betonte.32 Galt die „Tirolomanie“ des 18. Jahrhunderts noch dem „Tyroler“ und der „Tyrolerin“ als merkwürdigen Originalen aus den Alpen, so rückte Anfang des 19. Jahrhunderts „Tirol“ selbst in das Zentrum des europäischen Interesses, das von bestimmten ästhetischen und stereotypisierten Diskursen geleitet war.33 Es ist also kein Zufall, dass just in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zahlreiche kanonisierende Darstellungen „Tirols“ entstanden: Der Freiburger Landschaftsmaler Ferdinand Runk (1764–1834), der aus dem Nordtiroler Imst stammende Josef Anton Kapeller (1761–1806), der Bozener Josef Weger (1782–1840) oder eben auch Eduard Gurk visualisierten den ästhetischen Diskurs des romantischen, ländlichen Idylls in ihren Landschafts- und Trachtendarstellungen.34 Beda Weber und Johann Jakob Staffler legten opulente Landesbeschreibungen vor und gaben diesem Diskurs eine nachhaltig wirksame narrative Struktur.35
Die „dritte Landeswerdung“ Tirols, die Hans Heiss für die Zeit nach 1816 festmacht,36 war also eine doppelte: eine administrativ-politische durch die Neukonstituierung als „Kronland Tirol“ und eine diskursiv-ästhetische durch die Darstellung als ländliches, katholisch-wehrhaftes Land. Folgt man der klassischen Landes- und Regionalgeschichte, wurde diese vormärzliche Landeseinheit, die von der Innsbrucker Erbhuldigung von 1838 inszeniert und zelebriert wurde, in den 1840er Jahren schleichend aufgelockert und mit der Revolution 1848 endgültig aufgebrochen. „Tirol“ habe sich in eine deutsche und in eine italienische „Subregion“ aufgespaltet, wie Hans Heiss und Thomas Götz in ihrem bahnbrechenden Buch „Am Rande der Revolution“ argumentieren.37 Diese These ist kaum zu bezweifeln – fragwürdig ist allerdings, ob diese „Landeseinheit“, die 1848 zerbrach, trotz ihrer zahlreichen vormärzlichen Figurationen als Identitäts- und Wahrnehmungsregion jemals existierte.
Die Zeitgenossen jedenfalls ließen sich vom Diskurs einer Einheit der Vielheit Tirols, wie er von Gurk oder Weber realisiert wurde, kaum beeindrucken. Wie Mauro NEQUIRITO in seinem Beitrag deutlich aufzeigt, ging es den meisten vormärzlichen Tirol-Reisenden darum, die Differenzen zwischen dem deutschen und dem italienischen Landesteil festzuschreiben. Der Geograph und Reiseschriftsteller Adolf Schmidl etwa brachte diese Unterscheidung auf den Punkt, wenn er in seinem „Reisehandbuch“ aus dem Jahr 1834 zwischen dem Kronland Tirol und einem „Alttirol“ unterschied, das die Gebiete der Grafschaft Tirol in ihren Grenzen bis zur Säkularisation der beiden Fürstbistümer Trient und Brixen umfasste.38 Eine ähnliche sprachliche Differenz setzte auch die amtliche Diktion: Die Wiener Zentralstellen sprachen etwa 1816 von „neuen Landestheilen“, die in das Verwaltungsgebiet der alten Grafschaft integriert werden müssten.39 Der Bozener Adelige Josef von Giovanelli klagte 1814 über den Umstand, dass das deutschsprachige Südtirol vom italienischsprachigen Trient aus verwaltet wurde, mit den vielsagenden Worten: „Weh thut es uns aber, daß wir lediglich von italienischen Tyrolern beherrscht werden, deren Grundsätze entweder von Geburt aus an das Italienische hängen, oder aber deren Interesse ganz verschieden von dem unseren ist.“40 Francesco Filos unterschied 1834 in einem Vortrag an der Accademia degli Agiati in Rovereto zwischen einer „patria“ und „Tirolo“ und bestritt, dass es eine Tiroler Nation und eine tirolische Vergangenheit gebe: „Eppure il Tirolo, il fedele Tirolo non ha una storia.“41 Auch für den Trentiner Priester Gioseffo Pinamonti war das deutschsprachige Tirol „il Tirolo propriamente detto“, mithin das eigentliche Tirol;42 Ignazio Puecher-Passavalli sprach 1844 in einer literarischen Revue von einer „provincia trentina“, die er als „provincia d’Italia“ scharf vom restlichen Tirol trennte.43
Diese Liste ließe sich fortführen – entscheidend sind jedoch drei Punkte. Zunächst waren es in erster Linie die italienischsprachigen Intellektuellen des Kronlandes, die das vormärzliche Projekt der politisch-administrativen, vor allem aber der ästhetisch-diskursiven Landeseinheit ablehnten. Einerseits basierte diese abwehrende Haltung auf ältere Diskurse aus dem 18. Jahrhundert, die an der Roveretaner Accademia degli Agiati entwickelt worden waren: Dabei war zwischen einer akzidentellen und arbiträren „politica“, die die Stadt Rovereto politisch an Österreich binde, und einer „natura“, die dagegen deren ethnisch-kulturelle Verwandtschaft mit Italien begründe, unterschieden worden.44 Diese Denktradition wurde von der Roveretaner Gelehrtengesellschaft auch im Vormärz fortgeführt und verstärkt in die Praxis umgesetzt. Die Accademia legte ihre Mittlerfunktion zwischen dem deutschen und dem italienischen Kulturraum ab und wandte sich ganz dem Süden zu.45 Dies führte unter anderem auch dazu, dass kaum intellektuell-wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Sprachgruppen des Kronlandes entstand, die eine Basis für eine gemeinsame Wahrnehmungs- und Identitätsregion hätte bilden können, wie Marcello BONAZZA in seinem Beitrag betont.
Hierzu fehlten zweitens allerdings auch strukturelle Grundlagen. Das vormärzliche Tirol kannte keine zweisprachigen Zeitungen, Vereine oder sonstige gesellige oder kulturelle Einrichtungen. Selbst ein auf den ersten Blick so unpolitischer und übersprachlicher Bereich wie die Agrarwissenschaft brachte einen deutschen und einen italienischen Verein hervor.46
Drittens schließlich lässt sich nicht nur eine absolute Abwesenheit der italienischsprachigen Intellektuellen im Prozess der diskursiven Ausbildung der vormärzlichen Landeseinheit beobachten, sondern vielmehr eine bewusste oppositionelle Reaktion darauf, die in die Konstruktion einer raumbezogenen Gegensemantik mündete. Gioseffo Pinamontis Reisehandbuch über Trient, aber auch die intellektuelle Tätigkeit der Accademia degli Agiati, die frühen statistischen und historischen Studien über das italienische Tirol, die quasi-autonome Sektion des italienischen Agrarvereines und sogar der feuilletonistische Teil des offiziösen Messaggiere Tirolese – sie alle begründeten und popularisierten das Konzept eines italienischen „Trentino“, das sich grundlegend von einem einheitlichen Tirol abgrenzte, ja sich über die Differenz zu diesem im Grunde erst konstituierte.47 Zugespitzt formuliert: Im Vormärz entstand somit ein (Deutschtiroler) Diskurs einer Tiroler Landeseinheit, der auf der Einheit der Differenz gründete. Dieser Diskurs provozierte jedoch einen italienischsprachigen – bzw. trentinischen – Gegenentwurf, der wiederum diese Differenz umdeutete und dazu verwendete, die Tirolische Landeseinheit zu negieren.
Dass das vormärzliche Projekt der Landeseinheit 1848 scheiterte, dürfte offensichtlich sein – Tirol war seit der Revolution tatsächlich in zwei Sub-Regionen aufgeteilt, die durch unterschiedliche Diskursgemeinschaften begründet wurden.48 Fraglich bleibt jedoch, ob es denn dieses Tirol, das Gurk und Weber darzustellen suchten und die Trentiner Intellektuellen vehement ablehnten, jemals gab; ob der Raum zwischen Ala und Kufstein, dieses heute noch gerne bemühte „Alttirol“ – also nicht jenes, das Adolf Schmidl meinte –, jemals eine einheitliche Identitäts-, Kommunikations-, Wahrnehmungs- und Interaktionsregion bildete. Die Antwort kann an dieser Stelle nur lauten: Wir wissen es nicht. Die klassische Landesgeschichte, aber auch die modernere Regionalgeschichte im Trentino-Tiroler Raum blieb lange Zeit einem „methodologischen“ bzw. einem „konzeptionellen“ Nationalismus49 verhaftet: Wir haben es hier mit einer regionalen Geschichtsschreibung in nationalen Käfigen zu tun, die nationale bzw. sprachliche Grenzen als heuristische Demarkationen ihres Erkenntnisinteresses setzte, das sich ganz auf die „eigene“ Sprachgemeinschaft im historischen Tirol konzentrierte. Daraus resultierten zwei – häufig auch drei – Wissenschaftsgemeinschaften, die sauber voneinander getrennte Landesgeschichten produzierten und sich weitgehend ignorierten, häufig aber auch gegeneinander anschrieben.50 Wiewohl der nationale Antagonismus im regionalen historischen Forschen und Schreiben längst keine Rolle mehr spielt und in Ansätzen selbst bereits historisiert wurde, bleibt uns der „methodologische Nationalismus“ bzw. nunmehr ein „methodologischer Territorialismus“ erhalten: Zwar lässt sich gegenwärtig durchaus ein Interesse für den historisch-national „Anderen“ beobachten, der Raum des Kronlandes Tirol bleibt indes jedoch in zwei bzw. drei Geschichtsdiskurse segmentiert: Es werden eine Trentiner, eine Südtiroler und eine „Tiroler“ – den Raum des österreichischen Bundeslandes Tirol abdeckende – Regionalgeschichte geschrieben, die dann zueinander in einen Vergleich gesetzt werden. Die historischen Sprachgemeinschaften bzw. die gegenwärtigen Verwaltungsentitäten bedeuten, sieht man von wenigen Arbeiten ab, gleichsam die Grenzen der Darstellung des historischen Tirol.51 Nun kann dieser Ansatz für (bestimmte) zeitgeschichtliche Fragestellungen durchaus sinnvoll sein, für einen Großteil der historiographischen Projekte für die Zeit vor 1945 erscheint er inhaltlich verzerrend, methodisch anachronistisch und irreführend – wenn man eine Region schon als Verwaltungseinheit erforschen will, dann sollte man zumindest mit jenen Verwaltungsgrenzen operieren, die in der Untersuchungszeit existierten und das Leben der Menschen prägten. Gravierender scheint jedoch – und dies gilt für den historischen Vergleich insgesamt, aber auch für andere Ansätze –, dass dieses regionalgeschichtliche Setting zunächst idealtypische Vergleichseinheiten konstruieren muss, um diese dann vergleichen zu können. Man bricht also Verbindungen zwischen den Vergleichseinheiten ab, übermalt Graustufen und schafft sich fein getrennte Entitäten, die nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden überprüft werden. Mischformen, gegenseitige Beeinflussungen und Beobachtungen, Transfers und Abgrenzungen werden ausgeblendet und spielen keine Rolle.52
Dieser Band will dagegen argumentieren, dass es sich beim vormärzlichen Kronland Tirol um einen komplexen Grenzraum handelte, der sich um 1800 bzw. in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausbildete – und der als solcher gesamtheitlich zu erforschen ist. Das vormärzliche Tirol war keine klassische, durch staatliche Demarkierungen konstituierte Grenzregion, die sich aus zwei klar voneinander scheidbaren Einheiten zusammensetzte, sondern vielmehr ein multiples Grenzland.53 Zunächt lag es nach 1816 an staatlichen Grenzen unterschiedlicher Qualität: Es begrenzte (mit Vorarlberg) im Westen die Habsburgermonarchie gegen die Schweiz und im Norden gegen das Königreich Bayern, gegen Süden bildete es die innerhabsburgische Grenze des Deutschen Bundes zur Lombardei und zu Venetien. Neben dieser mehrfachen staatlich-administrativen Randlage war das Kronland sodann von einer kulturell-sprachlichen Grenze geprägt, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts politisiert und nach 1848 zum ernsthaften politischen Problem wurde: Nach 1816 bzw. im Vormärz zählte das Kronland rund 40 Prozent italienischsprachige und 55–57 Prozent deutschsprachige Bewohnerinnen und Bewohner, wobei Mehrsprachigkeit durchaus häufig war.54 Drittens schließlich erfolgte auf dem Gebiet des Kronlandes nach 1816 eine „Entrechtung“ aller ausländischen Bistümer und die Arrondierung der beiden Tiroler Diözesen Brixen und Trient. Wenngleich damit kirchliche Grenzen erheblich reduziert wurden, blieb das Kronland dennoch auf drei Bistümer aufgeteilt – was, wie Margareth LANZINGER in ihrem Beitrag aufzeigt, sich durchaus auf die Lebenswelt der Menschen auswirkte, zumal sich die Sprachgrenzen nicht mit den Diözesangrenzen deckten.55 Diese äußeren und inneren Grenzregimes politischer, ökonomischer und sprachlich-kultureller Natur machten das Kronland tatsächlich zu einer jener komplexen Grenzregionen, die für die Habsburgermonarchie typisch waren und denen – das ist wichtig – mit den Begriffen und Instrumenten der herkömmlichen Nationalgeschichte kaum beizukommen ist.56
Diese Grenzlagen erhielten im Vormärz eine neue Qualität. Zunächst entstand, wie Hans Heiss zurecht betont, 1816 ein neuartiges Kronland Tirol, das aus diversen, vorher voneinander nominell unabhängigen bzw. nicht zusammengehörenden Bestandteilen zusammengefügt und dessen Gebiet erstmals einheitlich verwaltet wurde.57 Dieser Prozess war den Zeitgenossen durchaus bewusst: Josef von Giovanelli etwa bezeichnete 1814, also noch bevor klar und entschieden war, welche Teile das spätere Kronland formen würden, „Tirol“ als „Aggregat vielfacher, an Sprache, Verfassung und Sitte ganz verschiedenen Bestandtheile“.58 Dieses „neue“ Tirol, dem verwaltungstechnisch (bis 1861) auch Vorarlberg hinzugefügt wurde, erfuhr eine politische, rechtliche und administrative Integration in die Habsburgermonarchie und damit in großen Zügen eine Angleichung an die anderen Kronländer – kurzum, es wurde vom „Land“ zur „Provinz“ degradiert.59 Drittens schließlich veränderte das neue Kronland die ethnisch-sprachliche Komposition „Tirols“ radikal: Im Gebiet der „gefürsteten Grafschaft“ des ausgehenden 18. Jahrhunderts sprachen gerade mal 15 Prozent der Bevölkerung Italienisch als Muttersprache, im Vormärz wuchs diese Zahl auf über 40 Prozent an – „Tirol“ wurde italienischer.60 Dieses vormärzliche Kronland Tirol wurde bereits von seinen Zeitgenossen als „Gränz-Provinz“ wahrgenommen – in der Tat lässt es sich als Grenzraum der Moderne beschreiben.61 Es bildete einen Raum des fließenden Übergangs und der kulturellen Überlappungen, eine „Übergangszone verdichteter Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Kulturen.“62
Problematischer als diese räumlich-gesellschaftliche Zuschreibung erscheint indes die vom Band gewählte Epochensignatur: Entgegen der klassischen Unterteilung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in „Restauration“ und „Vormärz“ soll hier die Zeit zwischen 1816 und 1848 als regionalzeitliche Phase des Vormärz beschrieben werden.63 Man kann gegen den Begriff einwenden, dass er retrospektiv angelegt und mit literaturgeschichtlicher Bedeutung überfrachtet ist, außerdem lässt er sich im Grunde nur auf deutschsprachige Gebiete anwenden. Allerdings ist die benachbarte Epochensignatur der „Restauration“ noch problematischer: Sie führt einen erheblichen Ballast an zeitgenössischer politischer Semantik mit, die auch von der Historiographie übernommen wurde – beide, ihr zeitgenössischer und ihr geschichtswissenschaftlicher Gebrauch – sind jedoch abzulehnen. Tirol wurde 1816 nicht „restauriert“ und in einen vornapoleonischen Status zurückversetzt, sondern schlicht neu geschaffen.64 Auch die Revolution von 1830 und ihre Auswirkungen haben in Tirol keinen grundlegenden Systemwechsel bewirkt, der eine epochale Zäsur rechtfertigte. Freilich reagierte der Habsburgerstaat gerade in der von unruhigen und instabilen Nachbarn umgegebenen Grenzregion mit einer verschärften Repression, im Grundsatz änderte sich jedoch wenig: Die Habsburgermonarchie blieb auch in ihrem westlichsten Kronland eine „Erziehungsdiktatur“, wie sie Wolfram Siemann jüngst nannte.65
Nicht nur terminologisch, auch inhaltlich-narrativ ist die Geschichte der Habsburgermonarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schwierig zu fassen – sie entzieht sich nach wie vor einer eindeutigen Einordnung. Obgleich die älteren, meist negativ konnotierten Darstellungen, die häufig zeitgenössische liberale Diskurse übernahmen und ein „China Europas“, einen retrograden und maroden, fortschrittsfeindlichen und absolutistischen, von der Maxime des „Stillstandes“ geleiteten, die Nationen unterdrückenden und allgemein repressiven Staat des allmächtigen Metternich zeichneten,66 mittlerweile weitgehend überholt sind, scheinen auch die jüngsten Studien kein einheitliches Epochenbild etablieren zu wollen – was wohl am Untersuchungsgegenstand selbst liegt. In der Regel operiert die neuere Literatur – überwiegend handelt es sich um große Synthesen, während Spezialuntersuchungen zum habsburgischen Vormärz eher rar sind – mit binären Oppositionen, um ein ädaquates Bild der Monarchie einzufangen: So oszillierte der vormärzliche Habsburgerstaat zwischen Homogenisierung und Differenzierung, Zentralisierung und Regionalisierung, er war geprägt vom Gegensatz zwischen Bürokratie und Aristokratie, zwischen dem dirigistischen Anspruch des Staates und seinen äußerst bescheidenen Mitteln, zwischen dem Aktivismus und der Unfähigkeit zur Delegierung von Kaiser Franz I. und dem monarchischen laissez faire seines Nachfolgers Ferdinand I., zwischen der permanenten Revolutionsprophylaxe des Staates und seiner ständigen Revolutionsfurcht, zwischen seinem katastrophalen finanziellen Zustand und punktuellen wirtschaftlichen Aufbrüchen, und nicht zuletzt zwischen Kolowrat und Metternich. Nicht zu Unrecht schreibt Pieter M. Judson, diese Einsichten bilanzierend, von einem vormärzlichen „empire of contradictions“.67 Dies mag auf den ersten Blick unbestimmt und unbefriedigend klingen, eröffnet jedoch gerade der Regionalgeschichte der habsburgischen Grenzregionen neue Einsichten und Perspektiven, da damit ältere, nationalgeschichtliche narrative Zwänge abgelegt und vielmehr europäische Neuperspektivierungen angestrebt werden können. Diese terminologisch-konzeptionelle Ambivalenz zeigt aber auch, und das betont auch Margareth LANZINGER in ihrem Beitrag, dass man den Vormärz nicht allzu wörtlich nehmen darf: ihn also nicht teleologisch von seinem Ende, also von der Revolution 1848 her beschreiben, sondern vielmehr als Phase der offenen Möglichkeiten und der vielen Widersprüche deuten sollte. Denn selbst der habsburgische Vormärz war keine lineare Verlustgeschichte und keineswegs eine „Akkumulation von Missständen“, die zwangsläufig in eine Revolution münden musste.68
Wie lässt sich nun dieses vormärzliche Kronland Tirol – verstanden als multipler Grenzraum – unter den Bedingungen der widersprüchlichen habsburgischen Moderne adäquat erforschen? Wie lassen sich nationale Engführungen, für die gerade auch die Geschichtsschreibung von Grenzregionen besonders anfällig ist, überwinden, wie lässt sich die Geschichte des italienischen und des deutschen Tirol gleichermaßen schreiben, ohne kulturelle Grenzen auszublenden?70 Ein Schlüssel zum besseren Verständnis der Geschichte Tirols liegt möglicherweise in postkolonialen Zugängen. In den vergangenen 15 Jahren wurde mehrfach und mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die koloniale Herrschaft nicht nur die imperialen Zentren Europas selbst veränderte, sondern auch in Europa koloniale bzw. „quasi-koloniale“ Verhältnisse herrschten. Wenn man „Kolonialismus“ nun nicht nur als Form der gewaltsamen Land- und Ressourcenaneignung, sondern auch als auf Standardisierung ausgelegte Form der Machtausübung, als Implementierung eines als überlegen betrachteten kulturellen Normsystems, mithin als Homogenisierung kultureller Diversität durch bürokratische Überformung versteht, dann lassen sich wohl in den meisten europäischen Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts Formen eines inneren Kolonialismus nachweisen – ja er scheint geradezu ein Signum der Moderne gewesen zu sein.71 Besonders in komplexen und multiethnischen Herrschaftsgebilden wie der Habsburgermonarchie wurden derartige Machtverhältnisse vermutet und für bestimmte „periphere“ Gebiete, wie etwa Galizien oder Bosnien, auch bereits eingehend erforscht: Deren Bewohnerinnen und Bewohner galten als besonders rückständig und zivilisierungsbedürftig – Modernisierung wurde auch hier mit kultureller und bürokratischer Angleichung an das Zentrum des Imperiums gleichgesetzt.72 Diese kolonialistische Politik des Zentrums – wobei, wie Werner Telesko betont, die Habsburgermonarchie eher als polyzentrisches Imperium verstanden werden sollte – dürfte nicht nur östlichen Gebieten vorbehalten gewesen sein, sondern auch die sogenannten Kernländer der Monarchie getroffen haben: Auch sie waren seit Mitte des 18. Jahrhunderts mehreren Wellen bürokratischer und kultureller Homogenisierung ausgesetzt, die man mit Telesko tatsächlich als „civilizing missions“ deuten könnte.73 Dies lässt sich auch für Tirol nachweisen: Adam Müllers berüchtigtes, in einem Brief an Friedrich von Gentz 1814 geäußertes Diktum, man „müsse das wilde Fleisch von Tirol […] in den großen Körper hinein kurieren“ bringt den kolonialistischen Gestus des zentralstaatlichen Beamten auf den Punkt: Tirol wird hier als inferior-krankhafter Fremdkörper betrachtet, der nur durch eine größtmögliche Anpassung an die restliche Monarchie „kuriert“, und damit auch: zivilisiert werde könne.74
Diese „quasi-kolonialen“ Beziehungen des Kronlandes zum Zentralstaat, aber auch die binnentirolischen Mikrokolonialismen und die komplexe Grenzlage lassen sich womöglich durch das Konzept der Geteilten Geschichte, das von Shalini Randeria und Sebastian Conrad erstellt bzw. in die deutschsprachige Wissenschaftsgemeinschaft eingeführt wurde, erforschen. Damit ist zunächst eine multiple Verflechtungsgeschichte der kolonialen Moderne gemeint, die von Interaktionen, Abhängigkeiten und gegenseitigen Abgrenzungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Einheiten geprägt war, die sich durch diese Beziehungen erst konstituierten. Dieser Punkt ist zentral: Die gesellschaftlichen Träger dieser Beziehungen als historische Akteure sind nicht vorempirisch vorauszusetzen, sondern entstanden selbst erst im Prozess dieser multiplen Verflechtungen. Am Beispiel der Beziehungen zwischen imperialen Zentren und kolonialen Peripherien zeigen Randeria und Conrad, wie sich diese gegenseitig bedingten und „ko-produzierten“, so dass man keineswegs von einem asymmetrischen und einseitigen Einfluss des Zentrums auf seine Kolonien sprechen könne. Diese relationalen, hybriden Verbindungen waren vielmehr geteilt, sie waren Elemente einer gemeinsamen Geschichte verschiedener Einheiten. Die koloniale Geschichte der Moderne war aber in einem weiteren Sinn geteilt: Das koloniale Näheverhältnis, also eine verstärkte Interaktion, brachte selbst wiederum neue Grenzen und Abgrenzungen hervor – neue Nähe schuf das Bedürfnis nach neuer Distanz.75
Eine Geteilte Geschichte könnte also ein geeignetes analytisches Instrument sein, um die komplexe, innere und äußere Grenzlage des vormärzlichen Kronlandes zu erfassen, eine Geschichte der Gemeinsamkeiten, Verflechtungen und Abgrenzungen der Tiroler Moderne zu schreiben, ohne in „methodologische Nationalismen“ zu verfallen – diese sollen vielmehr historisiert und in den anyltischen Rahmen miteingebaut werden. Die grenzregional bedingten, sozialen und ethnisch-kulturellen Interdependenzen, Interaktionen und Abhängigkeiten begründeten erst die Regionalität Tirols in ihrem inneren und äußeren Zusammenhang: Eine Geteilte Geschichte Trentino-Tirols könnte also nicht nur zeigen, wie sich beide Entitäten – das italienische „Trentino“ und das deutsche „Tirol“ – in ihrer gegenseitigen Abgrenzung produzierten, also gleichsam ko-konstitutiv wirkten, sie könnte in dieser Perspektive auch Gemeinsamkeiten und Überlappungen, retardierende und dynamisierende Elemente dieses binnenregionalen historischen Prozesses aufdecken. Ein exklusiver regionalgeschichtlicher Blick auf das „deutsche“ oder das „italienische“ Tirol wäre demnach nur noch schwer denkbar und methodisch wie theoretisch kaum begründbar – ohne „Tirol“ kein „Trentino“ und vice versa.
Eine Geteilte Geschichte könnte aber auch auf äußere Einflüsse und Verflechtungen verweisen: Welche Beziehungen regionale Akteure zum Zentralstaat unterhielten, der die Region kulturell und bürokratisch zu überformen suchte, in welchem Verhältnis sie zu den deutschen und italienischen nationalen Diskursen standen, die auf das von der vermeintlichen nationalen Grenze entzweite Kronland Ansprüche erhoben, wäre gleichermaßen Gegenstand einer Geteilten Geschichte Tirols. Eine solche kann sich mithin nicht nur auf eine innere Verflechtungsgeschichte begrenzen, sondern muss – und dies ist für Grenzregionen zentral – stets auch äußere Bezüge mitdenken.76
Eine derartig konzipierte Geschichte des Kronlandes führte auch zu tiefgreifenden Konsequenzen für das Verständnis von „Region“ und „Regionalgeschichte“ selbst. Eine Geteilte Geschichte, verstanden als innere und äußere Verflechtungsgeschichte, ließe sich auch als Plädoyer für eine de-zentrierte, relationale Regionalgeschichte denken, die die Regionalität von Grenzregionen gerade in deren inneren und äußeren Beziehungen verortet.77 Mit anderen Worten: Regionen entstehen und existieren nur im Kontext zu anderen räumlichen bzw. gesellschaftlichen Entitäten und sind über diese Beziehungen zu erforschen. Daraus würde folgen, dass Grenzregionen von Nicht-Grenzregionen dadurch zu unterscheiden sind, dass sie mit mehreren Referenzgrößen – Staaten, Kulturen, Wirtschaftsformen, Sprachen, im 19. und 20. Jahrhundert auch Nationen, verbunden sind.
Eine Geteilte Geschichte Tirols als de-zentrierte, relationale Regionalgeschichte könnte drei Ziele verfolgen: Zunächst hätte sie das Potential und den Anspruch, nationale Engführungen und „methodologische Nationalismen“ zu überwinden. Indem sie ein gesamtheitliches, relationales analytisches Feld aufschlägt, erscheint sie zweitens heuristisch geeignet, den „methodologischen Territorialismus“ zu durchbrechen. Drittens schließlich zeigte sie die Verbindungen Tirols zur so widerspruchsvollen habsburgischen – und europäischen – Moderne auf. Das „extra Tyrolis nulla salus“, das Hans Heiss als Leitmotiv des Erkenntnisinteresses der zwei (drei) klassischen Landesgeschichtsschreibungen Tirols konstatiert, ließe sich mit einem sorgfältig-interessierten Blick auf die umliegenden Regionen und Zentren ersetzen.78
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* Der Text basiert auf Überlegungen, die gemeinsam mit Francesca Brunet entwickelt wurden.
1 Obwohl er den Kaiser auf dessen Reisen regelmäßig begleitete, wurde er nie zum offiziellen Hofmaler ernannt: Stefanie HOFFMANN-GUDEHUS, Eduard Gurk. Ein biografischer Abriss, in: Eduard Gurk. Der Griff nach der Krone. Die Krönungsreisen Kaiser Ferdinands I. nach Prag, Tirol und Mailand. Ausstellungskatalog des Landesmuseums Schloss Tirol, hg. von Leo ANDERGASSEN, Bozen 2013, 96–99.
2 Genaue Zahlen der Festteilnehmerinnen und Festteilnehmer liegen nicht vor, alleine am 12. August 1838 defilierten jedoch über 7.000 Schützen durch Innsbruck. Eingehende Beschreibungen der Innsbrucker Erbhuldigung finden sich in Michael SPAN, Ein Bürger unter Bauern? Michael Pfurtscheller und das Stubaital 1750 bis 1850, ungedr. Diss., Innsbruck 2014, 215–229; Eduard Gurk, hg. von ANDERGASSEN (wie Anm. 1) darin insbesondere Siegfried DE RACHEWILTZ, Die Huldigungs-Reise Kaiser Ferdinands I. nach Tirol, 36–59; Leo ANDERGASSEN, Eduard Gurk, Die Krönungsreisen Kaiser Ferdinands I. nach Prag, Tirol und Mailand. Katalog, 100–333, 241–331; ferner [Beda WEBER], Denkbuch der Erbhuldigung in Tirol 1838, Innsbruck 1839; sowie die zeitgenössischen Berichte in Anm. 10; zur narrativen Struktur „dokumentatorischer“ Gemälde im 19. Jahrhundert Peter BURKE, Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen, Berlin 2003, 21, 160 f.
3 1830 wurde Ferdinand, noch als Erzherzog, zum König Ungarns gekrönt, 1835 sodann huldigten ihm die Stände Österreichs unter der Enns und die Bürgerschaft Wiens, 1836 wurde er zum König Böhmens gekrönt, 1837 erfolgte die Erbhuldigung der Stände Siebenbürgens in Hermannstadt, 1838 dann die Innsbrucker Erbhuldigung sowie die Krönung zum König Lombardo-Venetiens in Mailand. Siehe hierzu John DEAK, Forging a Multinational State. State Making in Imperial Austria from the Enlightenment to the First World War, Stanford 2015, 37 f.; Karl VOCELKA / Lynne HELLER, Die Lebenswelt der Habsburger. Kultur- und Mentalitätsgeschichte einer Famlie, Graz 1997, 179–182, 204; Wolfram SIEMANN, Metternich. Stratege und Visionär, München 2016, 824–827.
4 So Josef REDLICH, Kaiser Franz Joseph von Österreich. Eine Biographie, Berlin 1929, 53.
5 DE RACHEWILTZ, Huldigungs-Reise (wie Anm. 2) 36.
6 Thomas MERGEL, Überlegungen zu einer Kulturgeschichte der Politik, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002) 355–376; Barbara STOLLBERG-RILINGER, Verfassungsgeschichte als Kulturgeschichte, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanische Abt. 2010, 1–32; Matthias SCHWENGELBECK, Die Politik des Zeremoniells. Huldigungsfeiern im langen 19. Jahrhundert (Historische Politikforschung 11), Frankfurt a. M. 2007; zur politischen Bedeutung der physischen Anwesenheit im Vollzug politischer Akte, die auch bei modernen Huldigungsfeiern gegeben war, Rudolf SCHLÖGL, Anwesende und Abwesende. Grundriss für eine Gesellschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit, Konstanz 2014, sowie ferner Bernd SÖSEMANN, Zeremoniell und Inszenierung. Öffentlichkeit und dynastischhöfische Selbstdarstellung in der preußischen Krönung und den Jubiläumsfeiern (1701–1851), in: Kommunikation und Medien in Preußen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, hg. von DEMS., Stuttgart 2002, 85–135; für die Habsburgermonarchie William D. GODSEY, Herrschaft und politische Kultur im Habsburgerreich. Die niederösterreichische Erbhuldigung, in: Aufbrüche in die Moderne. Frühparlamentarismus zwischen altständischer Ordnung und monarchischem Konstitutionalismus 1750–1850. Schlesien – Deutschland – Mitteleuropa (Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte 12) hg. von Roland GEHRKE, Köln u. a. 2005, 141–177, 147–149; für Tirol auch SPAN, Bürger unter Bauern (wie Anm. 2) 215–219.
7 Bereits 1835, bei seinem Regierungsantritt, konzedierte Ferdinand eine Begnadigung politischer Inhaftierter: Francesca BRUNET, „Per atto di grazia“. Pena di morte e perdono sovrano nel Regno Lombardo-Veneto (1816–1848) (Studi sulla comunicazione politica 7), Roma 2016, 231–243.
8 So der Text der vom Innsbrucker Gubernialrat Daniel von Mensi verfassten, von Johann Gänsbacher vertonten und am Abend des 11. August öffentlich und in Anwesenheit des Kaisers im Redoutensaal der Innsbrucker Hofburg aufgeführten Huldigungskantate: [WEBER], Denkbuch (wie Anm. 2) 46–51, Zitate 48 f.; DE RACHEWILTZ, Huldigungs-Reise (wie Anm. 2) 40. Zur Entstehung der Kantate Johann Gänsbacher, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben, herausgegeben und kommentiert von Walter SENN, Thaur/Innsbruck 1986, 120–123; der Text ist aufbewahrt in Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum (im Folgenden TLMF), W. 5385, Nr. 49. Ähnliche Bilder wurden auch in Gelegenheitsdichtungen, die anlässlich der Huldigung entstanden, verwendet: Anton EMMERT, Geschichtliche Darstellung der Erblandämter in der gefürsteten Grafschaft Tirol und der damit in Verbindung stehenden Erbhuldigung bei Gelegenheit der Erbhuldigungsfeier im Jahre 1838, Innsbruck 1838, XIII f. Allgemein zur Liebessemantik moderner Huldigungen SCHWENGELBECK, Politik des Zeremoniells (wie Anm. 6) 134.
9 Tiroler Landesarchiv, Innsbruck (im Folgenden TLA), Landschaftliches Archiv, Jüngere Provinciale, A/2/b/2, Schuber 704–708; TLMF, W. 3319, Ständisches Congress-Protokoll für das Jahr 1837, XII. Sitzung, 10.5.1837; Ständisches Congress-Protokoll für das Jahr 1838, III. Sitzung, 25.4.1838, 13–24.
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