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Die alte Issa ist gestorben, ihr lebloser Körper liegt in ihrem Turm unter der Luke, die auf das Tyrrhenische Meer schaut. Sie selbst jedoch, höchst lebendig und begleitet von ihrer inneren Stimme, ist in ihrer Vergangenheit unterwegs: In ihrem letzten Lebensabschnitt lässt ihr sorgloses italienisches Leben Sehnsucht nach neuen Herausforderungen aufkommen. Und solche stellen sich auch sogleich ein: Nach Afrika führen sie die Ereignisse. Sie schließt sich - zunächst als Gast und Beobachterin - einer deutschen Hilfsorganisation für afrikanische Frauen an. Zunächst bestaunt und bewundert sie die Arbeit, die in Tansania geleistet wird, dann aber nimmt sie neben all dem Kraftvollen und Liebenswerten, das ihr von den schwarzhäutigen Menschen entgegenkommt, auch wahr, wie Armut und Bildungsmangel oft zu Not und listenreicher Suche nach persönlichen Vorteilen führen können. Freundschaften entstehen, und immer stärker wird ihr Verständnis für diesen Kontinent. Als sie nach Monaten wieder nach Italien zurückkehrt, weiß sie, dass sie ihre letzten Lebenskräfte für die Frauen in Tansania einsetzen will. Carlo, die letzte Liebe ihres Lebens, unterstützt sie dabei, obwohl beide dafür viel gemeinsame Zeit opfern müssen. Immer wieder führt die Arbeit Issa an den Kilimanjaro zurück - bis das Schicksal ihr eines Tages harte Grenzen setzt. Am Ende ihres Lebens stehen die Mysterien des Loslassens.
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Den Aktivisten
vom Netzwerk RAFAEL e.V.
in Dankbarkeit dafür, dass sie dranbleiben
sage ich den Freunden, die durch Ermunterung und
– wie Guido Hinrichs -
mit Arbeit an Druckformat und Einband
dafür gesorgt haben, dass das Manuskript dieses Buches
doch noch aus der Schublade herausgekommen ist
Die alte Issa durchlebt während ihres Sterbens noch einmal die Zeit, als sie kurzentschlossen und naiv ihr Haus an der Pfälzer Weinstrasse verkauft, alles Inventar verschenkt und einen Turm in einem italienischen Dorf bezieht. Ihr anfängliches Leben dort bringt sie in groteske Sprachschwierigkeiten. Von Land und Leuten hat sie wenig Ahnung. Eine Hilfe ist ihr die Bekanntschaft mit dem Lebenskünstler Carlo. Obwohl sich zwischen beiden Zuneigung entwickelt, wird auch eine Barriere spürbar, deren Ursache lange Zeit nicht zur Sprache kommt.
Nach einem ersten Sommer am Tyrrhenischen Meer wird Issa nach Deutschland gerufen, um eine Verwaltungsangelegenheit zu regeln. Daraus ergibt sich der freudige Plan eines Wiedersehens mit Kindern und Stiefkindern. Jedoch lässt ein jäher Schicksalsschlag dieses Treffen zur Trauerversammlung werden, bei der die Anfangsjahre der Familiengeschichte unter den Geschwistern wie eine späte Abrechnung diskutiert werden. Issa taucht noch einmal tief in ihre Herzensbindung zu Norbert ein, dem Vater ihrer Stiefkinder.
Kurz vor ihrer Rückreise nach Italien erscheint überraschend Carlo bei ihr, in der Meinung, Issa könne nach all dem Schwierigen der letzten Wochen einen Freund und Chauffeur für die lange Heimfahrt brauchen. Auf dieser Fahrt machen sie eine folgenschwere Mittagspause in Mailand.
Die alte Issa stirbt. Sie bemerkt dies jedoch kaum, denn ihr Bewusstsein durchläuft weiterhin lebhaft viele Ereignisse ihres Lebens. Sie erlebt sich noch einmal an vielen Orten in aller Welt, auch in Kindheit, Jugend, Kriegszeiten und der Familiengeschichte aus zwei Jahrhunderten. Der Dialog mit ihrer inneren Stimme, die sie bei allen Ereignissen begleitet, reißt auch durch Issas Tod nicht ab.
Dritter Band
Afrika
Maretto
Unbekanntes schwarzes Mädchen
Vetulonia
Jakobs Bedenken
Lörrach
Erster Schritt nach Afrika
Hausen
Zweiter Schritt nach Afrika
Vetulonia
Immerwährende Wahrheit
Kilimanjaro
Jubel
Uhuru Hostel
Der Gecko
Obango
Volkspädagogische Meisterleistung
Uhuru Hostel
Nach der Kampagne
Shimbwe
Filmvorführung
Uhuru Hostel
Entscheidende Begegnung
KCMC
Rosarote Krankenschwestern
Elementary School 4
Wer lügt hier?
Uhuru Hostel
Den Kopf klarkriegen
Moshi
Hochzeit feiern
Uhuru Hostel
Die Hündin mit den langen Zitzen
Uru Ost
Urkunden für Rothemden
Moshi
Ärzte für Tiere – gibt’s das?
Dr. vet. Allalalawi
Uhuru Hostel
Heimweh
Usari
Heilige Nacht
Uhuru Hostel
Die Entführung
KCMC
Das Geständnis
Uhuru Hostel
Bischof Mwembas Frühstück
Mission erfolgreich beendet
Die Entscheidung
Kilimanjaro Airport
Direktflug nach Rom
Tyrrhenisches Meer
Geld für Afrika
Hausen im Wiesental
Erfolg und Sehnsucht
Vetulonia
Heiliger Computer
Hausen
Betteln lernen
Zürich
Siebenhundert Rosen
Hausen
Anita lernt Europa
St. Gotthard
Die Alpen sind weg
Vetulonia
Schneeweißchen und Ebenholz
Tansania
Zurück am Kilimanjaro
Bunda
Nacht des Schreckens
Tyrrhenisches Meer
Vor Sonnenaufgang
Finale
Vetulonia
Mysterien des Loslassens
Zitat
Erwin Strittmatter
Über die Autorin
Wo sind
die Auferstandenen
die ihren Tod
überwunden haben
das Leben liebkosen
sich anvertrauen
dem Wind
Kein Engel
verrät
ihre Spur
Rose Ausländer
Unweit von Natalyas prächtigem Wohnsitz biegt Hilkas kleiner Fiat von der Landstraße in einen ausgefahrenen Waldweg mit tiefen Regenlöchern ein. Issa folgt ihr. Der Versuch, den Löchern auszuweichen, scheitert. Man kann nur hoffen, dass die Achsen diese Achterbahnfahrt unbeschadet hinnehmen. Das letzte Stück des Weges ist leichter zu befahren, eine gut befestigte Schotterpiste, die vor einem stattlichen Tor mit zwei Flügeln endet. Hinter diesem liegt ein großes gärtnerisch genutztes Gelände, eine Baumschule mit unüberschaubaren Reihen von Buchsbaum in allen Größen vom Winzling bis zum dicken Busch. Geräteschuppen gibt es, eine Garage und ein Wohnhaus, dessen Kiesterrasse von unzähligen blühenden Sträuchern und Topfpflanzen eingerahmt ist. Alles sieht gehegt und gepflegt aus, aber dennoch bescheiden.
Hilka, Mitte fünfzig, offensichtlich bereits in jungem Alter grauhaarig geworden, kräftig und gerundet gebaut, kommt aus einer bekannten süddeutschen Baumschule, die ihr Ehemann in der dritten Generation führt. Dort hat sie als junges Flüchtlingsmädchen eingeheiratet, zusammen mit der Großfamilie gearbeitet und ihre beiden Söhne großgezogen. Bis ihre Hautkrankheit, eine Schuppenflechte, immer mehr überhand nahm, so dass sie nichts mehr anfassen konnte und arbeitsunfähig wurde. Nichts half, ihre hautlosen Stellen wurden immer größer. Und weil die Ärzte rieten, sie solle sich am Meer niederlassen, das Meerwasser sei das beste Therapeutikum für sie, hatte ihr Mann die grandiose Idee, ein Meer-nahes Grundstück in der Maremma zu kaufen und seine Frau dort neben ihrer Genesung auch eine Buchsbaumzucht betreiben zu lassen. Die Investition in ihre Gesundheit sollte sich auch für die Baumschule lohnen. Unter der südlichen Sonne wachsen Buchsbäume mindestens dreimal so schnell wie in Deutschland, was für die Gärtnerei ein enormes Geschäft verhieß. Hilka tat, was sie konnte, und der Buchs gedieh auch, ihre Haut allerdings weniger. Sie arbeitete allein und sehr fleißig auf dem Gelände, machte ständig neue Stecklinge, pflanzte, wässerte, hackte, trimmte und bediente daneben auch noch die zahlreichen Familienmitglieder, die in steter Folge in Maretto Ferien machten. Im Laufe der Jahre hatte die brave Hilka schon unzählige LKW-Ladungen Buchs in lieferfertiger Größe und attraktiv beschnittener Form für Deutschlands Markt produziert, als sie plötzlich kühn wurde und verlangte, sich jetzt mal ausschließlich um ihr Ekzem kümmern zu dürfen. Aufruhr in der Großfamilie! Auch der Firmenchef war empört, denn jetzt ging es um die Störung des bisher so erfolgreichen Geschäfts. Schließlich kam es zu einem Zerwürfnis, das damit endete, dass man Hilka zur Strafe auf ihren Buchsbäumen sitzen ließ und sich abwendete. Nur noch die beiden Söhne besuchten sie und nahmen ihr gelegentlich eine Ladung Pflanzen ab. Hilka hatte nun keine Einnahmen, und aus Deutschland kamen auch keine Unterhaltszahlungen mehr. Den Gürtel enger schnallen musste sie und von Gelegenheitsjobs leben wie zum Beispiel der Übersetzungskontrolle bei notariellen deutsch-italienischen Verträgen. Bei dem Notar Dottor Leone hatte Issa sie in dieser Funktion kennengelernt.
Die jetzt nicht mehr exportierten Buchsbäume hatten viel Zeit, sich zu gesunden Büschen und Sträuchern zu entwickeln, die in Reih und Glied auf Hilkas Acker stehen blieben - bestellt und nicht abgeholt. So stehen sie noch immer da. Mit Hilka aber ist ein Wunder geschehen: Ihre Haut hat sich von ganz allein schon bald nach ihrer familiären Verstoßung geschlossen und ist vollkommen gesund geworden.
„Und wovon lebst du jetzt?“ fragt Issa.
„Gute Frage!“ Hilka lacht. „Ab und zu verkaufe ich auch hier mal ein Bäumchen,“ sagt sie. „Außerdem baue ich meinen eigenen Bedarf Obst und Gemüse selber an und schaffe mir Vorräte für den Winter. Und wenn das alles nicht reicht, betreue ich auch mal Ferienwohnungen und gehe putzen. Jetzt kann ich endlich mal erleben, wie groß Buchsbäume werden können, wenn man sie einfach wachsen lässt,“ lacht sie.
Auch Issa erzählt ihre Geschichte, während die beiden Frauen zwischen den duftenden und überreich blühenden Büschen am Kaffeetisch sitzen. Hilka holt einige Fotoalben hervor, und ehe sich die beiden versehen, ist es später Nachmittag geworden. Hilka führt Issa durch das ganze Gelände und zeigt ihr alle Gebäude. Das Maschinenhaus will sie zu einem kleinen Ferienhaus umbauen lassen, wenn sie genügend Geld zusammengespart hat, und das will sie später mal vermieten.
Was für eine Frau! Issa ist begeistert. Als Hilka sie bittet, zum Abendessen zu bleiben, nimmt Issa die Einladung gern an. Am Abend schaut Hilka auf die Uhr und sagt schüchtern, da sei jetzt gleich eine Seriensendung im Fernsehen, die sie bisher nie versäumt hat. Ob nicht vielleicht auch Issa Lust dazu habe, es sei eine Frauensendung, die dauere nur dreißig Minuten. Issa hat jahrelang nicht mehr ferngesehen, sie lässt sich gern wieder einmal auf so eine Erfahrung ein. Als man sich vor Hilkas beachtlich großen Bildschirm niedergelassen hat, stellt sich heraus, dass er auf den Empfang deutscher TV-Sender eingerichtet ist. „Die italienischen Programme sind ja nicht auszuhalten,“ sagt Hilka, „da wird man ja zur Mickey Mouse.“ Issa fühlt sich an ihre gelegentlichen Mahlzeiten bei Walter und Fioralba erinnert, bei denen der Fernseher gewissermaßen mit am Esstisch saß, und die Mickey Mäuse alle Gespräche dominierten.
Die aktuelle Sendung aus Deutschland nennt sich Mona Lisa und ist für Frauen gedacht. In einem Vorspann wird gewarnt, dass diese besondere Sendung am heutigen Abend für Jugendliche unter sechzehn Jahren und besonders empfindsame Menschen ungeeignet sei. Gezeigt werden soll ein realer Fall von Genitalverstümmelung eines afrikanischen Mädchens in Boukina Faso.
„Genitalverstümmelung? Was soll denn das sein?“ fragt Hilka.
Zuerst sieht man ein Mädchen im Kreis ihrer großen Familie und der Dorfleute ein Fest feiern. Eine Trommlergruppe spielt, einige bemalte und kostümierte Jungen tanzen. Das Mädchen ist vierzehn Jahre alt und zeigt stolz lächelnd sein neues Gewand her, rotgeblümt und reich mit Rüschen ausgestattet. Offenbar ein luxuriöses Gewand, gemessen an den ärmlichen Verhältnissen in diesem Dorf. Das Kleid ist eigens zu diesem Fest für Bouta, so heißt das Mädchen, genäht worden. Bouta darf an diesem Festtag auch nach Belieben ihre Lieblingsspeisen haben. Sie wird sichtbar von ihren weiblichen Verwandten hofiert. Mutter und Großmutter werden vorgestellt, viele Tanten. Alle scheinen in Hochstimmung zu sein, lachen in die Kamera, und manche posieren sogar ein wenig, um gefilmt zu werden. Auch Männer sitzen zahlreich im Kreise, essen, trinken und reden miteinander, aber sie bleiben von der Kamera weniger beachtet im Hintergrund. Für das Fernsehpublikum ist das ein interessanter Einblick in afrikanische Festgebräuche.
Freilich nur bis zu dem Augenblick, als das Mädchen Bouta, immer noch stolz lächelnd, in eine Hütte geführt wird, wo eine alte Frau auf dem Boden hockt. Neben sich hat sie ein Tuch mit allerlei Instrumenten, die die Kamera genau erfasst, es sind Messer in verschiedenen Größen und eine Art Zange.
Was dann kommt, beginnt abrupt.
Schlagartig ist der von allen bisher lächelnd zur Schau getragene Festbetrieb vorbei. Mehrere Frauen, darunter auch Boutas Mutter und Großmutter, packen das Mädchen und ziehen es zu Boden. Als ihr Kleid hochgezogen wird, zeigt sich, dass sie keine Unterwäsche anhat. Man spreizt ihre Beine weit auseinander und hält sie mit vielen Händen am ganzen Körper fest. Sie sieht ängstlich aus, lässt aber alles schweigend mit sich geschehen. Die Kamera zieht sich zurück und gewährt den Zuschauern einen gnädigen Abstand, als die blutige Prozedur beginnt. Die Alte, von der es im Kommentar geheißen hatte, sie sei zugleich Hebamme und Heilerin, nimmt ein Messer und säbelt eine der Schamlippen des Kindes ab, als trenne sie einen unerwünschten Sehnenstrang von einem Bratenstück.
Bouta stößt einen gellenden Schrei aus, alle Hände, die sie am Boden festhalten, straffen sich, sie kann sich keinen Millimeter bewegen. Als das Messer die zweite Schamlippe abtrennt, stürzt Issa aus dem Raum, begleitet von den tierisch klingenden Schreien des jungen Mädchens. Issa rennt in Panik an Hilkas Remisen vorüber mit Würgegefühlen im Hals, sie rennt durch die Buchsreihen bis zum Ende des Geländes. Dort übergibt sie sich. Dann schaut sie, schwer durchatmend, zum Nachthimmel auf. Das da oben ist ein zunehmender Mond, fast schon ein Halbmond, konstatiert sie, um wieder zu sich zu kommen. Warum wird Gottes Schöpfung so sinnlos zerstört? fragt sie sich, als sie sich einigermaßen beruhigt hat.
Dann hört sie Hilka rufen: „Komm, komm wieder rein, es ist vorbei!“
Sie geht zurück, noch immer zitternd.
Hilka sagt, sie habe den Fernseher ausgemacht, als dem Kind auch noch die Klitoris abgeschnitten wurde, was allerdings nicht mehr gefilmt worden sei. Ob Issa das jetzt folgende Podiumsgespräch zwischen Ärzten und Afrikaexperten sehen wolle, fragt Hilka.
Issa winkt ab. Dankbar greift sie zu dem Weinglas, das Hilka ihr in ihrem süß duftenden Kies-Rondell einschenkt. Issa blickt in den herrlich klaren Sternenhimmel, und wieder versucht sie, noch immer fassungslos, das Gesehene in den Kontext der majestätischen Natur einzupassen.
„Es tut mir leid,“ entschuldigt sich Hilka, „dass du ausgerechnet sowas bei mir sehen musstest. Diese Sendungen sind sonst immer ganz anders...“
„Kein Grund zum Bedauern, ich war ja durch den Vorspann gewarnt und hätte gleich gehen können.“
„Wusstest du, dass es sowas gibt?“
„Genitalbeschneidung? Doch, ich habe darüber gelesen,“ sagt Issa, „und das ist ja gerade das Schlimme: Der Mensch kann so etwas durchaus wissen, es auch als grausam verurteilen. Aber er wendet sich davon auch schnell wieder ab, wie von so vielen schlimmen Informationen, von denen wir täglich überflutet werden, uns kurz aufregen und sie dann doch wieder vergessen. Es gibt so viel Krieg, Unterdrückung, Qual und Verzweiflung auf der Welt! Und vieles davon ließe sich auch verändern. Wenn wir nur nicht immer ausschließlich mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigt wären!“
„Aber es nützt doch diesem Mädchen gar nichts, wenn du jetzt so außer dir bist,“ wendet Hilka ein. „du kannst doch gar nichts tun dagegen. Afrika ist so weit weg, eine Welt für sich, da haben wir gar keinen Einfluss.“
„Meine Aufregung nützt freilich niemand was, da hast du Recht. Aber es ist eine massive Menschenrechtsverletzung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nirgendwo politische oder humanitäre Kräfte gibt, die gegen so eine himmelschreiend qualvolle Verstümmelung angehen. Die müsste man unterstützen. Es kann doch nicht sein, dass sich da niemand drum kümmert.“
„Wie sollte man so etwas denn unterstützen? Ausgerechnet in Afrika. In Europa hat auch jeder so seine eigenen Sorgen, und die sind auch hier nicht immer leicht zu ertragen.“
„Du hast tatsächlich große eigene Sorgen, Hilka.“
„Aber das geht doch jedem so.“
„Nein, Hilka, nicht jedem! Schau mich an: meine Kinder sind erwachsen und unabhängig. Ich bin damals aus Deutschland abgehauen, weil mein Leben dort in eine Schieflage geraten war. Aber jetzt bin ich hier und führe das Leben einer Made im Speck.“
Hilka protestiert lachend: „Unter Made im Speck stell ich mir was ganz anders vor. Zum Beispiel die Leute, die da draußen auf dem mare tirreno mit ihren feinen Seglern kreuzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“
„Ich fühl mich aber so. Noch nie hab ich so sorglos gelebt wie heute. Davon müsste man doch leicht was abgeben können, meinst du nicht?“
„Hast du nicht gesagt, du hast deinen Freunden in Vetulonia Geld geliehen? Da hat die Made ja bereits was von ihrem Speck abgegeben,“ versucht Hilka zu scherzen und schenkt Wein nach.
„Das Geld kriege ich wieder. Walter und Fioralba konnten sich damit ein Waldgelände kaufen und ins Korkeichengeschäft einsteigen. Da werden sie Gewinn machen, und ich hab mein Geld wieder.“
„Auch Geld ausleihen ist eine Hilfe,“ sagt Hilka, „für diese beiden Leute konntest du was tun. Aber dem Mädchen in Afrika kannst du nicht helfen, es ist ganz sinnlos sich aufzuregen.“
„Ich rege mich nicht nur über dieses eine Mädchen auf, Hilka, sondern bei dem Gedanken, dass jedes Jahr viele Tausende von Kindern auf diese Weise gefoltert werden. Sie nennen das Tradition! Kannst du dir vorstellen, auf welche Art diese Frauen ihr Leben führen, nachdem man sie derartig amputiert hat?“
„Sicherlich doch wohl ohne Sex.“
„Ohne Sex? Und wer kriegt die Kinder in Afrika?“
„Schreckliche Vorstellung, wenn man sich das mal so richtig ausmalt!“
* * *
Und? fragt Issa erwartungsvoll.
Was heißt: und? ist die Gegenfrage der Stimme.
Du hast mich wegen meiner Eitelkeit schon zweimal getadelt. Wäre da jetzt nicht ein bisschen Anerkennung angebracht? Immerhin fange ich endlich an, mein Leben kritisch zu analysieren. Hast du das bei mir nicht immer vermisst? Ich bemerke selber, dass ich im letzten Jahr allzu sorglos und nur für meine eigenen Interessen gelebt habe.
Solche Gedanken entsprechen dem ganz normalen Selbstzweifel, den manche Leute spätestens in der Lebensmitte kriegen. Du bist lediglich ein bisschen spät dran damit.
Und wo bleiben die Selbstzweifel bei denen, die sorglos auf ihren Segelyachten sitzen?
Woher weißt du denn, dass sie da sorglos sitzen? Gegen Segeln an sich, auch gegen den Besitz einer Segelyacht, kann ja wohl niemand moralische Bedenken haben. Das ist nun wieder so ein ähnlicher Kurzschluss wie dein Bedauern über den üppigen Lebensstil, in dem deine Enkel aufwachsen.
Ja, ja, sowas hast du schon öfter gesagt: Es ist sinnlos, auf andere zu schauen. Verändern kann jeder nur sich selbst. Ich weiß.
Du siehst es ein – bravo! lässt sich die Stimme nun doch lobend hören.
Brava – es muss brava heißen, weibliche Endung, denn ich bin eine Frau.
Du bist eine Frau – gewesen! Und du willst noch immer unbedingt rechthaben.
* * *
Issas jüngster Sohn am Telefon aus Frankfurt: „Ich habe weisungsgemäß dreitausend Euro von deinem Konto an diese Femmeprotect Organisation überwiesen. Wenn ich mir die Frage erlauben darf: Verschenkst du in letzter Zeit nicht ein bisschen viel von deinem Geld?“
Issas Antwort: „Das ist eine Spende an eine renommierte Frauen-Hilfsorganisation, die in Afrika Gesundheitsaufklärung betreibt gegen die Verstümmelung von jungen Mädchen. Die Überweisung an Walter und Fioralba dagegen war nur ein Darlehen und kein Geschenk. Das Geld kriege ich wieder.“
„Existiert da ein Darlehensvertrag?“
„Nein,“ sagt Issa überzeugt, „das ist nicht nötig. Das sind ehrliche Leute.“
„Auch ehrliche Leute wissen manchmal nicht mit Geld umzugehen und gehen pleite.“
„Jakob, solche Gespräche führe ich nicht gern.“
„Genau darum hast du mich aber zum Hüter deines Bankkontos bestimmt. Darf ich noch einen Zweifel loswerden?“
„Ungern,“ sagt Issa, „aber – schieß los!“
„Was weißt du denn über diese Organisation Femmeprotect? Hast du dich mal schlau gemacht, was die mit deinem Geld tun? Deine dreitausend Euro Spende ist für dich kein Pappenstiel.“
„Sei unbesorgt, Jakob. Ich hab mir Unterlagen schicken lassen. Die Zentrale der Institution ist in Paris. Das deutsche Zweigbüro sitzt in Lörrach bei Basel und arbeitet unabhängig von Frankreich. Sie haben mehrere Projekte in Europa, Asien und Afrika laufen, die dort Frauen unterstützen. Es gibt verschiedene Aktionen: Wirtschaftliche, die verschaffen Frauen Kleinerwerbsbetriebe. Medizinisch arbeiten sie mit Ärzte ohne Grenzen zusammen, und sie werben für Schulpatenschaften besonders für Mädchen. Außerdem haben sie in Afrika zwei Aufklärungsinitiativen laufen gegen Genitalverstümmelung. Spender können selbst bestimmen, in welchen Fond ihr Geld gehen soll. Ich habe im Fernsehen eine Sendung über die Frauenbeschneidung gesehen, und das Thema ist mir so unter die Haut gegangen, dass ich speziell diese Arbeit unterstützen will.“
„Weißt du, Mutter,“ sagt Jakob und man merkt ihm an, dass er seine Worte sorgfältig abwägt, „ich hab das, was du mir über Femmeprotect sagst, auch schon im Internet nachgelesen. Trotzdem meine ich, jemand wie du, die nur eine durchschnittliche Rente bezieht und kein Vermögen außer dem unbedeutenden Rest vom Hausverkauf hat, sollte ihr Geld nicht emotional verwalten, sondern sehr genau prüfen, bevor sie so große Beträge bedingungslos zur Verfügung stellt.“
„Auch wenn du in der dritten Person von mir sprichst,“ spottet Issa, „ahne ich, dass du am liebsten einen Hamster aus mir machen willst. Ich soll horten für schlechte Zeiten und nichts mehr abgeben. Ist es das, was du meinst?“
„Nein,“ sagt Jakob geduldig, „das ist es nicht. Du sollst nicht horten, aber auch nicht unbesorgt verteilen! Wenn du ein paar Tausender in die Hand nimmst, um sie in irgend eine Zielsetzung zu stecken, ist es nicht dasselbe, wie wenn du Greenpeace oder Amnesty International erlaubst, jeden Monat zwanzig Euro von deinem Konto abzubuchen. Ich denke, mit der Größe der einzelnen Spende wächst auch deine Verantwortung, dass sie genau da ankommt, wo du sie haben willst. Und nicht etwa für andere Zwecke genutzt wird, also zum Beispiel für unnötig aufgeblähte Verwaltungsapparate. In diesem Fall könntest du nämlich deine Kohle wirkungsvoller selber nach Afrika tragen und sie dort verschenken.“
„Du willst also sagen, ich soll mich genauer darüber informieren, wie viel Prozent der eingenommenen Spenden in die Verwaltung und wie viel in die eigentlichen Projekte fließen? Konntest du das denn im Internet nicht erfahren?“
„Nicht so genau. Auch die Art, wie das Projekt im einzelnen verwaltet ist, kannst du nicht aus dem allgemeinen Prospektmaterial erfahren.“
„Gut. Lörrach liegt ja günstig für mich, gleich hinter der Schweizer Grenze. Ich frage einfach an, ob ich Femmeprotect mal einen Besuch abstatten darf. Da ganz in der Nähe, im Schwarzwald, wohnt übrigens Klaus Schirmer, erinnerst du dich an ihn? Der hat mich schon lange eingeladen, sein neu gebautes Haus anzuschauen, wenn ich mal wieder in Deutschland bin. Da schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe, wenn ich hinfahre. Die Schirmers haben inzwischen schon ein dreijähriges Kind. Das kenne ich noch gar nicht - so lange hab ich sie nicht gesehen.“
„Schirmer? Der wohnt jetzt im Schwarzwald? War der nicht Student bei dir an der Hochschule? Der Kerl mit dem Umweltfimmel, der mit dem Tandem zu seiner eigenen Hochzeit gefahren ist.“
„Genau der. Und das Wort Fimmel will ich mal leutselig überhört haben. Ich bin um jeden Menschen froh, der nicht wie gewisse andere Leute mit einem BMW-Cabrio den CO2 Ausstoß auf die Spitze treiben, sogar in einer Stadt wie Frankfurt, wo das öffentliche Verkehrsnetz eine beispielhafte Dichte hat. Also – soll ich nun zu Femmeprotect hinfahren und mir den Laden ansehen?“
Trotz der Anzüglichkeit in der Rede seiner Mutter versucht Jakob sachlich zu bleiben: „Sagen wir so: Wenn du vorhast, dort Dauerspenderin zu werden, dann würde sich so ein persönliches Kennenlernen durchaus empfehlen. Wenn das jetzt allerdings nur eine einmalige Spende war, wäre der Reiseaufwand zu groß, denn an der letzten Überweisung kannst du nichts mehr ändern – die ist weg, auch wenn Femmeprotect dafür einen Betriebsausflug gemacht haben sollte.“
„Ich überleg mir das mal in Ruhe. Was du sagst, leuchtet mir durchaus ein. Sei mir nicht böse, dass ich anfangs so wenig Lust hatte, mit dir darüber zu reden. Du hast vollkommen Recht, Jakob. Ich danke dir, dass du mich immer so schön streng überwachst!“
„Spotte du nur,“ sagt er ungerührt. „Schon vergessen: Du hast vor gar nicht allzu langer Zeit auf dem Eselsberg einen Plastikbeutel mit mehreren zehntausend Mark zuerst in den Müll geschmissen, dann wieder rausgeholt und an einen Wandnagel gehängt und dort vergessen.“
„Und du hast vor achtundzwanzig Jahren in die Hose gemacht.“
Das Büro von Femmeprotect ist erstaunlich klein: Ein dunkler Korridor, von dem aus es in drei Räume geht. Kati Knierim, die Geschäftsführerin, begrüßt Issa an der Tür. Keine Sekretärin, kein Empfangspersonal ist zu sehen, stattdessen vollgestopfte Regale und ein überladener Schreibtisch in Knierims Zimmer. Sie bietet Issa einen Stuhl an und rollert ihren Schreibtischsessel heran, um Issa gegenüber sitzen zu können. Sie ist eine Frau um die vierzig, energiegeladen, breitschulterig und schlank.
„Nochmals herzlichen Dank für Ihre großzügige Spende,“ eröffnet sie das Gespräch. „Sie haben sich noch nicht geäußert, in welche unserer Initiativen Ihr Geld fließen soll. Sie wissen, dass wir uns in dieser Frage, wenn möglich, nach den Wünschen unserer Spender und Spenderinnen richten.“
„Ich hätte da ein eindeutiges Interesse: Ihre Aufklärungsarbeit gegen die weibliche Genitalverstümmelung in Afrika. Mich hat vor einiger Zeit eine Sendung im Fernsehen...“ Frau Knierim unterbricht und nickt: „Bei Mona Lisa, ich weiß. Die hat viele Menschen aufgeschreckt, so viele Anrufe wie in den Tagen nach dieser Sendung haben wir noch nie bekommen.“ Sie lacht zufrieden: „Und auch Spenden! Nicht so groß wie Ihre, aber zahlreiche Zusagen von monatlichen Dauerspenden, was für uns immer praktisch ist, weil wir dann besser disponieren können mit unsern Aktionen.“
Issa beschließt, offen zu sein:
„Wie disponieren Sie? Mein Sohn hält mich für verrückt, aus einer Emotion heraus spontan so eine Summe zu überweisen ohne zu wissen, was mit dem Geld geschieht.“
„Seine Sorge ist nicht unberechtigt! Aber ich kann Sie beruhigen: Unsere Bücher werden jährlich vom DZI, Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen, hinsichtlich unserer Gemeinnützigkeit überprüft. Wir dürfen sein Siegel auf unsern Dokumenten und Briefen führen. Dieses Siegel gilt aber immer nur für ein Jahr, dann wird erneut kontrolliert. Unsere Buchhaltung ist einsehbar für jeden, auch für Sie und Ihren Sohn. Dass wir nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent unserer Spendengelder für Verwaltung und Spesen brauchen, ist beispiellos. Bei anderen Hilfsorganisationen liegt dieser Anteil wesentlich höher. Wir sind sparsamer, weil nur ich als Geschäftsführerin ein Gehalt beziehe, fast alle anderen arbeiten teilweise oder ganz und gar ohne Entgelt, sogar die meisten der Koordinatorinnen, das sind die Frauen, die Alleinverantwortung für eine spezielle Aufgabe tragen. Das Beispiel FGM, das Sie genannt haben ...
„FGM? Was ist das?
„Entschuldigung, das ist das Kürzel für Female Genital Mutilation, also weibliche Genitalverstümmelung. Femmeprotect unterstützt zwei derartige Initiativen in Afrika, eine in Bourkina Faso – also die Gegend, in der jener Fernsehfilm gedreht wurde, den Sie gesehen haben. Und eine andere Gruppe arbeitet in Tansania. Unsere Koordinatorin des Projekts in Tansania ist jetzt gerade für einige Wochen dort. Das Flugticket kriegt sie von Femmeprotect bezahlt. Aber Unterkunft und Mahlzeiten bezahlt sie aus ihrer eigenen Tasche. Es gibt aber auch Mitarbeiterinnen, die sogar für ihre gesamten Reisespesen selber aufkommen, wenn sie sich das leisten können. Wir sind eben ein Haufen von sehr engagierten Frauen, denen es ein leidenschaftliches Anliegen ist, Verantwortung und Arbeit zugunsten unterdrückter und manipulierter Frauen im In- und Ausland zu übernehmen. Hier in Lörrach hat eine Ehrenamtliche unsere gesamte Buchhaltung übernommen. Fünf andere teilen sich stundenweise die Büroarbeit. Und für unsere Öffentlichkeitsarbeit finden sich auch immer Helferinnen und Helfer jeweils vor Ort, sowie auch Leute, die für Gratis-Logistik sorgen. Wir sind sehr gut vernetzt. Dadurch ist bei uns der Spendengeldanteil, der in die Projekte fließt, viel größer als bei anderen NGOs.“
„NGO?“
„Auch wieder so ein englisches Kürzel! Non Government Organisations, also solche Organisationen, die nicht vom Staat finanziert werden, die also private Spenden für ihre Arbeit einwerben müssen.“
„Klingt beeindruckend. Die Koordinatorinnen, arbeiten sie nach Feldanweisungen?“
„Nein, bei uns muss jede Mitarbeiterin in ihrem Bereich für alles selber gerade stehen, die gesamte Organisation übernehmen und die volle Verantwortung tragen. Sie verfügt daher auch autonom über ihren eigenen Etat. Selbstverständlich gibt es laufend schriftliche Aktionsberichte und eine Buchführung, die über die Verwendung der Gelder Rechenschaft ablegt.“
Issa gefällt, was sie hört. Vielleicht könnte auch sie sich einklinken, um auch einen Arbeitsbeitrag zu leisten. „Spricht man Englisch in Tansania?“ fragt sie.
„Vor allem Kisuaheli, aber die tansanischen Amtsträger sprechen alle mehr oder weniger Englisch. Das ist auch die Unterrichtssprache in den höheren Schulformen,“ sagt Kati Knierim. „Wer in Tansania studiert hat, spricht Englisch. In Bourkina dagegen Französisch.“
„Wer ist die Koordinatorin, die zur Zeit in Tansania arbeitet?“
„Die heißt Lotte Klein, stammt aus Wiesbaden und ist zum dritten Mal in Afrika. Sie arbeitet in Moshi, Region Kilimanjaro, mit einer kleinen Gruppe von Einheimischen zusammen. Die Gruppe existiert noch nicht lange. Lotte ist Afrika-erfahren, aber schon fast siebzig und öfter krank. Wir hoffen, sie hält noch eine Zeitlang durch. In Bourkina dagegen haben wir zwei junge Frauen, die das gemeinsam machen, die wechseln sich ab, so dass die dortige Gruppe öfter von uns unterstützt werden kann als die in Tansania.“
„Könnte meine Spende nach Tansania gehen?“
„Gut, wir verbuchen sie im Etat von Lotte Klein.“
„Haben Sie Kontakt zu ihr? Ich meine: jetzt, während ihres Aufenthalts dort? Wie lang wird sie denn noch in Tansania sein?“
„Mindestens bis Februar.“ Die Knierim lacht plötzlich hell auf: „Das klingt fast so, als wollten Sie sie dort besuchen.“
„Ginge das denn?“ fragt Issa.
„Wenn Lotte zustimmt. Wir müssten sie fragen. Sie würden wirklich nach Moshi fliegen? Warum denn?“
Issa schaut sie nachdenklich an:
„Ach, ich weiß nicht so recht... Das war nur so ein Einfall. Ich bin in meinem Privatleben gerade an einem Punkt angekommen, wo ich mich nach einer langen Pause wieder nach sinnvollen Aufgaben sehne. Und genau zu diesem Zeitpunkt hab ich zufällig diesen entsetzlichen Film gesehen. Mir war tagelang schlecht danach. Die Sache lässt mir keine Ruhe. Aber ich muss mir das doch noch einmal durch den Kopf gehen lassen.“
„Ich könnte bei Lotte Klein inzwischen mal unverbindlich anfragen, ob sie sich über einen unterstützenden Besuch freuen würde. Allerdings müssten Sie alle Reisekosten selber tragen. Vereinsmitglied bei uns könnten Sie zwar sofort werden, wenn Sie das wollen, aber neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden nur durch den Vorstand ernannt, und das geht auch nur über eine richtige Bewerbung.“
Als sie sich zum Abschied die Hand geben und gegenseitig baldigen Telefonkontakt zusichern, sagt sie: „Übrigens, wir duzen uns hier alle. Ich bin die Kati.“
Nicht weit von Lörrach liegt das Schwarzwalddorf Hausen im Wiesental, eine Talschaft, auf dessen Grund das Flüsschen Wiese, vom Belchen her kommend, über Steine und Staustufen schießt und allmählich zu einem kleinen Fluss wird, der bei Basel in den Rhein mündet. In Hausen wurde 1760 der alemannische Dichter Johann Peter Hebel geboren. Sein Geburtshaus ist als kleines Museum zu besichtigen. Issa besucht heute allerdings nicht das Hebelhaus, sondern den gerade fertiggestellten Neubau von Klaus und Babsi Schirmer. Ein ziemlich großes Doppelhaus, dunkelrot verputzt. Das Dach ist auf der Südseite komplett mit Solarmodulen bedeckt, und in einem offenen Holzschuppen hängen Mengen von Fahrrädern und Fahrradteilen an der Decke.
„Nein, Klaus hat jetzt keine Zeit mehr für sein Fahrradprojekt,“ antwortet Babsi Schirmer auf Issas Frage. „Aber aus seiner Studentenzeit sind viele Teile übrig geblieben,“ sagt sie, „und nun hängen sie da oben an der Decke.“
Babsi erwartet ihr zweites Kind. An der Hand hat sie ihr Töchterchen, eine selbstbewusst und neugierig in die Welt schauende kleine Person mit Kulleraugen und gute-Laune-Gesicht.
Klaus Schirmer hatte in Mannheim neben der Lehrerausbildung als Hobby ein offenes Sozialprokjekt für Kinder und Jugendliche auf der Straße vor seinem Elternhaus betrieben. Die Kinder konnten dort unter Klaus´ Anleitung jeden Tag am Spätnachmittag ihre kaputten Fahrräder selber reparieren. Die kleineren bekamen manche Ersatzteile gratis, die größeren zahlten dafür, oder sie mussten den Kleinen beim Schrauben helfen. Das Haus stand am Ende einer Sackgasse, und vor einer alten Remise wimmelte dort manchmal von Kindern, die auf dem Straßenpflaster knieten und mit technischer Anleitung von Klaus ihre Reifen flickten, neue Schutzbleche anbrachten oder defekte Schaltungen reparierten. Dass Klaus und Babsi per Tandem zur Hochzeit gefahren waren, war nur konsequent. Sie waren überzeugte Umweltschützer und Radfahrer. Jetzt arbeitet Klaus als Lehrer, und außerdem werkelt er in seiner Freizeit noch immer viel an seinem Neubau, legt Gartenwege und Beete an und bereitet eine Haushälfte zum Vermieten vor.
Issa darf in der noch nicht vermieteten Dachwohnung auf einer schnell hergeschafften Matratze übernachten. Auch diese Wohnung soll vermietet werden, sie ist klein und hat eine Galerie, zu der eine kleine Stiege hinaufführt. Ein Oberlichtstreifen macht die kleinen Flächen hell und freundlich.
„Eine originelle Wohnung,“ lobt Issa.
„Du könntest sie mieten, sie ist noch nicht vergeben. Vielleicht würdest du ja gern mal wieder deutschsprachig leben?“
Ein Telefonanruf bei Kati Knieriem klärt am nächsten Tag schon soviel, dass es mit Issas spontaner Afrika-Reise tatsächlich klappen könnte: Die Koordinatorin der Femmeprotect Aufklärungsarbeit in Tansania, Lotte Klein, würde sich freuen, wenn ihr eine weitere Person aus Deutschland für ein paar Wochen zur Seite stehen könnte.
„Gleich für ein paar Wochen?“ Issa wird nachdenklich.
„Man überfliegt den Äquator doch nicht für ein Wochenende,“ gibt Kati Knieriem zu bedenken, „warum nicht mal Weihnachten in den Tropen verbringen?“
„Ja - warum nicht?“ sagt Issa und denkt an Carlo, an ihre Katzen und an die großen Pflanzkübel auf ihrer Felsterrasse. Dennoch sagt sie: „Sie haben Recht.“
„Du hast Recht,“ verbessert die Geschäftsführerin von Femmeprotect.
Issa stutzt zuerst, dann sagt sie: „Ach so, Entschuldigung, wir waren beim Du.“
Mit der fixen Fioralba ist ein schnelles Abkommen zu erreichen: Ja, sie wird sich um die Katzen kümmern und auch die Pflanzen gießen. Hilka kann es nicht fassen, dass ein so zufälliges Ereignis wie der TV-Film an jenem Abend von Issas Besuch in Maretto so einschneidende Folgen hat, und das auch noch innerhalb so kurzer Zeit. Jakob findet für seine Mutter die preiswertesten Flugverbindungen nach Tansania heraus. Keine von diesen startet ab Rom. Sie muss ihre Reise also in Frankfurt antreten.
Drei Angelegenheiten sind noch zu regeln: Der Schreiner muss eine Katzenklappe einbauen, damit die Tiere auch ohne menschlichen Türöffner frei aus und ein gehen können. Zweitens wird Issa nach Siena fahren, um in der Werkstatt der Brüder Frascano die letzen Notenbände für Carlo fertigzustellen. Und drittens das Schwierigste: Carlo muss über Issas Afrikapläne genauso in Kenntnis gesetzt werden wie ihre Kinder. Sie telefoniert mit Clarissa, von der sie sich spontanes Interesse erhofft und nicht enttäuscht wird: Ja, sie ist begeistert über Issas Pläne, wird allen berichten und Anschrift sowie Telefon-Nummer des Hotels in Tansania weitergeben.
Die Schirmers lassen Issa telefonisch wissen, dass ein Bewerber für die Dachwohnung da sei, Issa müsse sich also schnell entscheiden, wenn sie das schicke kleine Apartment tatsächlich mieten will. Nein, will sie nicht. Sie fliegt nach Afrika.
Wie schon so oft vorher, ist Carlo telefonisch nicht zu erreichen, weder in der Werft, noch in seiner Wohnung, wo er gar keinen Telefonanschluss hat. Von seinem Freund und Vermieter, der im gleichen Haus auf dem Argentario wohnt, weiß Issa nur den Vornamen, sie kann ihn also auch im Telefonbuch nicht finden. Und Pater Ignazio? Könnte der ihr weiterhelfen?
Sie schlägt die Nummer vom Franziskaner-Konvent nach und fragt dort an, ob Padre Ignazio für sie zu sprechen sei. Ja, es handele sich um etwas Privates, sagt sie auf Nachfrage. Und schon ist sie mit ihm verbunden. Er scheint gar nicht überrascht zu sein, als sie ihm die Umstände erklärt. Er lacht verständnisinnig: Ja, Carlos Weigerung gegen ein Mobiltelefon sei eine Marotte. Er, Ignazio, rufe in so einem Fall am Abend bei seinem Vermieter auf dem Argentario an, dem mache es nichts aus, Carlo ans Telefon zu holen.
„Moment, ich gebe Ihnen die Nummer,“ sagt Ignazio, „haben Sie was zu schreiben? Anrufen erst etwa ab 18 Uhr! Carlo geht immer schon sehr früh am Morgen in die Werft. Er setzt sich zur Zeit selber unter Druck, denn er will diese Arbeit endlich hinter sich kriegen.“
Issa bedankt sich, und mit guten Wünschen verabschiedet man sich. Unverkennbar herzlich hat der Padre geklungen. Dennoch – bei Issa taucht die Empfindung auf, sie habe eben mit Carlos Ehefrau gesprochen, die natürlich immer gut informiert ist über seine elementaren Gewohnheiten und Gefühle, während sie, Issa, um Hilfe bitten muss, um ihn überhaupt kontaktieren zu können.
Aus welchen Untergründen ihrer Seele solche giftigen Auslegungen nur immer hervorkommen? Sie tut doch gar nichts, um sie zu rufen! Einige Zeit steht sie nachsinnend vor dem Telefonkasten. Sie denkt an Carlos letzten Besuch und an den Strom von Glück und Befreiung, den sie ihm verdankt. Und ihre Beziehung ist noch ganz jung. Ignazio dagegen kennt er seit Jahrzehnten. Die beiden haben ein schwer wiegendes Schicksal geteilt und haben es gemeinsam bestanden. Sie, die Landesfremde, die kulturell und sozial ganz andersartig Konditionierte hat überhaupt kein Recht, Carlos Leben und seine Beziehung zu anderen Menschen auch nur mit einem Hauch von Misstrauen zu sehen. Sie hat zudem keine wirkliche Vorstellung davon, was diese beiden Männer verbindet. Sie kann darüber nicht urteilen. Das will sie eigentlich auch gar nicht. Sie ist Carlo dankbar, und sie wird in Liebe um sein Verständnis werben dafür, dass sie jetzt nach Afrika fliegen will.
Fliegen muss.
* * *
Renne ich da gerade vor Problemen weg? fragt Issa.
So könnte man das vielleicht sehen, aber so ist es nicht, antwortet die Stimme.
Jetzt sagst du schon wieder „vielleicht“. Was ich brauche, ist ein sicheres Urteil. Wozu sonst würde denn diese Wiederholung von allem Vergangenen nützen?
Zu nichts.
Wie denn – all das, was ich jetzt hier noch einmal durchlebe und was ich neu beurteilen möchte, nützt nichts?
Ganz richtig: Es nützt nichts, ob mit oder ohne Beurteilung. Schon allein der Begriff des Nutzens ist unrichtig, weil er ein Begriff ist, der in den Zeitenlauf gehört, aus dem du ausgeschieden bist. Du bewegst dich außerhalb der Zeit, das hast du doch selbst an deiner Wanduhr abgelesen.
Issa muss den Blick nicht erst vom Telefon abwenden, um die Wanduhr im Kaminzimmer wahrnehmen zu können, sie kann jetzt alles sehen, das sie sehen will. Nicht einmal ins Nebenzimmer muss sie sich dafür bewegen. Die Zeiger stehen auf zehn Minuten vor zehn Uhr. Und jetzt? Gibt es das Wörtchen jetzt überhaupt noch für sie, fragt sie sich voller Unsicherheit.
Das gibt es für dich so wenig wie das Wort vorhin, sagt die Stimme. Was es für dich noch immer gibt und weiterhin geben wird, ist dein Bewusstsein. Ein wahrnehmendes, kein eingreifendes Bewusstsein! Ist das schwer zu ertragen?
Schwer zu begreifen. Soll ich denn keine Ziele mehr haben? Nicht einmal das Ziel, alles verstehen zu wollen?
Das Verstehen wird sich ganz von selbst einstellen. Beim einfachen Betrachten. Du bist von allen Zielen entbunden und darfst alles, was zu dir gehört, noch einmal anschauen. Und nicht nur anschauen, du darfst auch nochmal alles tun und lassen, was du getan und gelassen hast. Das ist doch wunderbar!
Und allein das bringt mir Klarheit?
Nicht die Urteilsklarheit, die du noch immer meinst. Wichtiger ist die Akzeptanz dessen, was du mit deinen Impulsen hervorgebracht hast und selbstverständlich auch dessen, was du nicht geschafft hast. Der Film ist jedoch abgedreht, verstehst du? Du schaust ihn an, bist Schauspielerin und Betrachterin zugleich - dass ist alles. Die Ereignisse sind unverrückbar und können jetzt mit Gelassenheit erneut erlebt werden. Sie zu beurteilen, verlangt niemand von dir, und es führt auch zu nichts. Am Ende der Betrachtungen wirst du ein bewusstes Bild von dir selbst haben. Du wirst wissen, wer du gewesen bist.
Und wo bleibt die eine einzige und immerwährende Wahrheit?
Die gibt es nicht.
Der Airbus 310-200 der Kenya Airways hat schon wenige Minuten nach dem Zwischenstopp in Nairobi Sicht auf das gewaltige Massiv des Kilimanjaro. Viele Passagiere teilen sich den Ausguck durch die kleinen Fenster, manche springen auf, um besser sehen zu können, wie die Maschine unendlich lang erscheinende Minuten den riesigen Rücken umfliegt. Dessen ewiges Eis ist unter dem Einfluss des Klimawandels geschrumpft, die Gletscher entsprechen nicht mehr dem Anblick, den Issa von Fotografien her kennt. Ob die sichtbare Nervosität unter den Fluggästen nur an der kolossalen Anmutung dieses Bergmassivs liegt? Oder zeigt sich auch ihre nervöse Erwartung am Ende des langen Fluges? Issa kommt es vor, als flöge die Maschine eine ganze Ewigkeit auf Augenhöhe mit den runden Eisflächen dahin, bevor endlich der Sinkflug zur Landung beginnt und die Passagiere per Lautsprecher auf ihre Sitze gebeten und zum Anschnallen aufgefordert werden.
Nach der Landung rollt der große Vogel direkt vor das Flughafengebäude, das ist flach und von überschaubarer Größe. Keine Landung ohne die übliche Hast beim Herauszerren des Handgepäcks aus den Deckenbehältern! Auch das kaum verhohlene Drängeln vor dem Ausgang zur Gangway fehlt nicht. Draußen ist Issa geblendet von der flachen Abendsonne, und die heiße Luft trifft sie wie ein Schlag. Auf dem Dach des Ankunftsgebäudes stehen Menschen, die begeistert winken und rufen. Unter den Passagieren muss ein Prominenter sein, der diese Begeisterung auslöst. Die Abendsonne steht hinter den Jubelnden, so dass Issa im Näherkommen nur die weiß blitzenden Zähne in den lachenden schwarzen Gesichter dort oben erkennen kann. Sie unterdrückt den Impuls, sich unhöflich umzuschauen. Der Blickrichtung der Winkenden nach muss der solchermaßen Gefeierte im Strom der Ankommenden direkt hinter ihr sein. In den Bäumen vor dem Eingang zur Ankunftshalle sitzen große bunte Vögel, die aufgeregte Pfeiftöne hervorbringen und die Blicke der Passagiere auf sich ziehen.
In der Halle beginnt ein endloses Warten, zuerst bei der Pass- und Visumkontrolle, wo umfangreiche Formblätter auszufüllen sind, dann nochmals an einer langen Theke, auf die nach und nach die Koffer zum Abholen gehievt werden. Eine Zollkontrolle findet offenbar nicht statt, obwohl es einen Schalter „Customs Clearing“ gibt. Während der Wartezeit erblickt Issa die Gruppe der Jubel-Menschen, die offenbar von der Dachterrasse abgestiegen sind und durch die Glasscheiben in die Abfertigungshalle zu spähen versuchen. Issa schaut sich um: Wo sind die Passagiere, die derartig freudig erwartet werden? Im Flugzeug waren unter den Mitreisenden einige malerisch gekleidete Afrikaner gewesen, eine ganze Familie mit entzückenden Kindern, aber sie scheinen die Halle schon verlassen zu haben. Endlich hat Issa ihren Koffer und rollt ihn zum Ausgang. Ihrem suchenden Blick tritt eine ältere Weiße entgegen: Lotte Klein. Während der herzlichen Begrüßungsworte nimmt Issa aus den Augenwinkeln wahr, dass die Gruppe afrikanischer Jubelmenschen hinter Lotte Aufstellung nimmt.
„Ich habe die Hauptaktivisten unserer Kampagne mitgebracht, sie konnten es nicht erwarten dich zu sehen,“ sagt Lotte, wendet sich um, und im gleichen Augenblick stimmen sie einen mehrstimmiges Lied an, das sie mit schwingenden Hüften und kleinen Tanzschrittchen vortragen. Drei Frauen sind es und zwei Männer. Sie singen strahlend mit freudigen Blicken auf Issa, und die ist zu Tränen gerührt, fassungslos und überwältigt. Eine der Frauen, eine unglaublich füllige Erscheinung in buntem Gewand, die ihr mit dem Namen Nancy vorgestellt wird, überreicht ihr einen Blumenstrauß. Issa wirft alle europäische Zurückhaltung ab und umarmt diese Frauen. Den beiden Männern reicht sie nur die Hand, was aber zu einem seltsamen Gefummel wird. Sie hat den Eindruck, dass die Beiden mit einem einfachen Händedruck nicht zufrieden sind und nochmal nachfassen. Später wird ihr diese Tradition des betont herzlichen dreifachen Händedrucks vertraut werden. Jetzt aber geht dies in den großen Freudewellen unter, in der Nennung aller Namen, die sich Issa natürlich nicht gleich merken kann, und in der ungewohnt starken Fröhlichkeit, die von den lachenden schwarzen Gesichtern deutlich auf Issa überspringt. So eine intensive Begrüßung hat sie von fremden Menschen noch nie in ihrem Leben erfahren! Woher kommt diese ungewöhnliche Freude? Issa ist hier als eine bittende, fragende Person angekommen, die auf ein wenig Einblick hofft, nichts einbringen kann, sondern sich nur Informationen wünscht und als Teilnehmerin geduldet werden möchte. Der überwältigende Empfang kommt ihr unangemessen und überwältigend vor.
Man besteigt einen uralten, klapperigen VW-Bus. Noch immer ist Issa der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit aller. Sie blickt in strahlende Gesichter und staunt über das fließende Englisch aller.
Viele Fragen prasseln auf Issa nieder:
Wie lange war sie unterwegs?
Wohnt sie in einer großen Stadt?
Was sagt denn ihre Familie zu ihrer Reise?
Ihr Mann?
Wie viel Kinder hat sie?
Söhne? Töchter? Enkel?
War sie früher schon mal in Tansania?
Während der Beantwortung all dieser Fragen bleibt Issa nur wenig Zeit und Konzentration, den ungewohnten Anblick auf der Autostraße zu beachten: Ganz selten kommt ihnen ein Fahrzeug entgegen, und in der Richtung auf die Stadt Moshi zu scheint der VW-Klapperbus völlig allein unterwegs zu sein. Neben der löcherigen Betonfahrbahn bewegen sich auf den Trampelpfaden daneben lange Schlangen von Fußgängern in beide Richtungen. Darunter Frauen mit Lasten auf dem Kopf. Leuchtende Gewänder, farbige Kopftücher zu Turbanen geschlungen, magere Gestalten. Issa bedauert heimlich, aus Gründen der Höflichkeit das alles nicht in Ruhe betrachten zu können, und sie wendet sich wieder den Mitfahrenden zu.
„Bitte, sagt mir doch noch einmal, wer ihr seid, das ging vorhin so schnell. Ich möchte euch doch richtig kennenlernen.“
Lotte übernimmt die erneute Vorstellung:
„Nancy Mbana,“ sagt sie und deutet auf die kleine Dicke in afrikanisch-bunter Kleidung, die auffallend klar gezeichnete, fast schön zu nennende, wenn auch etwas füllige Gesichtszüge hat und großes Selbstbewusstsein. „Nancy ist Abteilungsleiterin im Familienministerium. Dort arbeitet auch Rida Zalembo,“ Lotte deutet auf eine zierliche Person mit lustigen, flinken Augen. Sie hat Soziologie studiert wie Nancy. Issa fragt Rida nach ihrer Arbeit und stellt bei Ridas Antwort fest, dass ihr Englisch akzentfrei ist. Ob sie mal in England gelebt habe? Ja, sie durfte dort sogar studieren, weil sie britische Verwandtschaft hat. Lauri Shaa ist die dritte der Frauen, groß, schlank, jünger als die andern beiden und europäisch gekleidet. Sie verhält sich distanziert, lächelt nur verbindlich.
