Wa Kowafún - Sascha Stöckl - E-Book

Wa Kowafún E-Book

Sascha Stöckl

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Beschreibung

Der Held, Jacobo, kommt eines Tages nach Alawía, einem kleinen, abgelegenen Dorf, in dem die Zeit stillzustehen scheint und dessen Bewohner ein einfaches, ruhiges und beschauliches Leben führen. Kennzeichen dieser Gegend sind die Blüten des Silíwibaumes, deren Öl sehr kostbar und selten ist. Jacobo erfährt ein tiefes Eintauchen in diese fremde, faszinierende Welt, deren Teil er wird. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit einfachen Arbeiten. Über diese ruhige, harmonische Welt bricht eines Tages das Unheil herein, zwei Fremde tauchen auf, die die Silíwibäume kaufen und eine heilige Höhle sprengen wollen, um an mehr Wasser zu kommen. Iná, die Priesterin einer uralten Religion, versucht, das mit Magie abzuwenden. Zwischen Shailani, ihrer Enkelin, und Jacobo, entsteht eine Liebesgeschichte, die aber keine Erfüllung finden kann, weil sie als zukünftige Nachfolgerin Inás keine Familie haben darf. Eine Geschichte voller Magie, aber auch voller Spannung und überraschender Momente, die den Leser sofort in ihren Bann zieht.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sascha Stöckl

Wa Kowafún

Dein Herz

Inhaltsverzeichnis

Der beste Geruch von allen

Ya kobo

Das Tagebuch

Wo bin ich hier eigentlich?

Stella

El Dóitshu (Der Deutsche)

Ein Deal mit Mama Mafaló

Der Küchengarten

La baiwa da lash tambówash (Der Tanz der Trommeln)

Aufwachen

Ein leichtfüßiges Matriarchat

Die Kunst, eine Wiese von Gras zu säubern

Ein friedlicher Abend

Das Märchen von den drei Rätselfragen

Der Fischfang

Mäanderfluss der Gedanken

Eine freundschaftliche Unterhaltung

Kleine Plaudereien

Das Festessen

Die Heiterkeit einer alten Frau

Einige Augenblicke der Stille

Endlich werden die Bösen bestraft

Afekú gomyá!

Jacobo eshde una awésha (Der bienenfleißige Jacobo)

Ein normaler Tagesbeginn in Alawía

Holzklötze, eine Axt und Stille

Traurigkeit

Wie man auch glücklich und zufrieden sein kann

Fragen und Antworten

Der See ist der See, ist die Sonne, ist ein See

Ein verregneter Nachmittag

Kurze Rückerinnerung und kleiner Abschied

Nur ein Gespräch

Das Tagebuch bleibt leer

Freelanced

Anerkennung

Sorgenlos frei

Eine architektonische Seltsamkeit und der Mann mit dem Pantherkopf

Ein kleines Pläuschchen

Dorftratsch

Sie hat es nicht vergessen

Hundertfünfzig Jahre

Nachdenklichkeit

Wiener Walzer

Verwirrung

Ein sanfter Mond

Der stille See

Ein Frauengespräch

Gedanken einer alten Frau

Gedanken einer sehr jungen Frau

Ein Unheil verheißender Traum

Sehnsucht

Erregung

Die Katastrophe

Ausweglosigkeit

Der Bombenbastler

Shiménas Aufzeichnungen

Shailanis Hoffnung

Bedrohliche Phänomene und ein beruhigendes Gespräch

Wut und Hass

Niedergeschlagenheit und eine wunderbare Erinnerung

Ein Kampf um Alawía

Heimkehr

Doktor Schmitts Rettungsidee

Awéshash da muuwá (Killerbienen)

Beruhigung für Shailani

Sanchez und Bolano gehen in die Höhle

Die Entscheidung des Doktors

La explosión

Schrecken, wohliges Gruseln und Erleichterung

Das Geständnis

Ein nicht ganz normaler Alawía-Morgen

Ein radikaler Entschluss

Der tiefe See

Ein Abschied

Diudéshda (Traurigkeit)

Überlegungen

Jacobos Wunsch

Shailanis Wunsch

La ultima baiwa (Die letzte Baiwa)

Der Abschied

Vokabularium

Der Autor

Der Harami Verlag

Impressum

Sascha Stöckl

WA KOWAFÚN

Dein Herz

Entwurf Buchcover: Sascha Stöckl

Technische Bearbeitung Buchcover: Susanne Stöckl

Lektorat: Susanne Stöckl

©2023 Harami Verlag

8010 Graz

Conrad von Hötzendorfstraße 55

Website: www.susaartharami.com

Alle Rechte der Verbreitung auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck sind vorbehalten.

Der beste Geruch von allen

Der alte Indio blieb stehen, atmete mit geblähten Nasenflügeln dreimal kurz und scharf ein, verharrte, dann huschte ein glückliches Lächeln über sein Gesicht. Er drehte sich nach dem jungen Mann, der hinter ihm ging, um und rief:

„Olekú!“

Als er die Verständnislosigkeit des Anderen erkannte, lachte er auf. „Du bist ja ein efdanwéu, ein Fremder, da kannst du das nicht verstehen. Olekú heißt rieche!“

Jacobo, immer noch verblüfft, schnüffelte vorsichtig und sagte dann kopfschüttelnd:

„Ich rieche nichts!“

Ikawú brummte verächtlich.

„Natürlich riechst du nichts! Ihr habt zwar auch eine Nase wie normale Menschen, aber vor lauter Dreck in der Luft von den ganzen Autos und dem Mist, der bei euch auf den Straßen herumliegt, ist sie zu nichts mehr gut. Sie reicht gerade noch zum Atemholen. Du riechst wirklich nichts! Gar nichts?“ Als Jacobo den Kopf schüttelte, murmelte er im Weitergehen verärgert, „Er riecht nichts! Er riecht wirklich nichts! Alles ist erfüllt vom besten Geruch, den es gibt, dem Geruch der Silíwiblüte!

Und er riecht nichts! Warte noch eine Weile, dann sind wir oben in Alawía. Dann wirst du es schon noch riechen. Dort duftet es eine ganze Woche lang so wunderbar, als ob die Engel überall himmlischen Weihrauch verbrennen würden. So eine Schniefnase, er riecht nichts!“

Ya kobo

Der schmale Weg, schon seit Jahrhunderten immer tiefer eingetreten, schlängelte sich steiler werdend zwischen den verstreut aufragenden Felsgruppen empor. Sie wirkten, durch Wind und Regen scharfkantig zerklüftet und zugespitzt, bedrohlich wie ein Heer schlafender Riesen, die aus der Felswand, die steil und schroff im Norden aus dem Urwald emporwuchs, herabgewandert waren und dann erstarrten. Sie waren dicht von dahinkriechenden Büschen umschlossen, deren lange, mit nadelartigen Blättern bestandenen Äste einander zu bekämpfen schienen. Die abweisende Bedrohlichkeit dieser Landschaft wurde durch die sternförmigen, kleinen roten Blüten, die sie überwucherten, kaum gemildert. Dazwischen standen, oft an die Felsen angeschmiegt, baumartige, kaum mannshohe Bäume mit bizarr verformten Ästen, die mehr Dornen als Blätter besaßen. Dazwischen, jede der wenigen freien Flächen ausnützend, wucherte rispiges, bräunliches Gras.

Nach dem ersten Schritt in diesen Anstieg hinein, der zu ihrem Ziel Alawía hinaufführte, hatte sich Jacobo nicht mehr umgedreht, sondern hatte sich über die Bilder seines langsam umherschweifenden Blicks immer tiefer in den Sog dieser anscheinend lebendigkeitsfeindlichen, archaischen Landschaft fallen lassen. Der gläsern durchsichtige, tiefblaue Himmel, in dem ihnen die hochstehende Sonne, je weiter sie hinaufkamen, entgegenwanderte und immer höher aufstieg, entführte die Unendlichkeit dahinter langsam in ihre Erahnbarkeit.

Und plötzlich bewegte sich drei Schritte rechts vor ihm ein Grasbüschel, eine smaragdgrüne Eidechse huschte hervor, verharrte für einige Sekunden züngelnd und verschwand hinter einem Steinbrocken. Nach einer Linksbiegung sah er übergangslos wieder den Indio, der schon seit einer kleinen Ewigkeit von den drei mit Plastiksäcken beladenen Eseln verdeckt gewesen war, hinter denen Jacobo herging. Es hatte für ihn den Anschein, der alte Mann würde die bewegungslosen Tiere an der Leine langsam aber stetig weiterziehen. Und obwohl er nur einige Meter vor ihm ging, war es Jacobo einige Augenblicke lang so, als wären sie beide durch eine Unzahl durchsichtiger Räume getrennt, deren jeder einzelne kaum sichtbar andere Farben besaß, eine andere Darstellung des Gehenden zeigte, bis sie einer nach den anderen an der nächsten Biegung zerbrachen, als Ikawú wieder seinem Blick entschwand.

Und Jacobo erkannte, was geschehen war, seit sie sich ungefähr in der Hälfte des Anstieges befunden hatten: Es war die absolute Stille gewesen, die sie übergangslos eingeschlossen hatte, die beinahe körperlich zu spüren gewesen war, die jetzt immer noch vorherrschte, die immer noch alles durchdrang. Sie wirkte auf ihn als beinahe absurde Reaktion gegen die infernalische Explosion eines Lärminfernos, das sie, eine halbe Tagesreise nach Xiulacán bereits in den ersten Ausläufern des Regenwaldes erfasst und sechs Tage und Nächte nicht mehr aus sich entlassen hatte. Rufe, Heulen, Schreie, Gekreische, Pfeifen, Krächzen und alle nur möglichen Mischformen an Lauten in einer Geräuschskala von Geflüster bis zu Sirenengeheul. Es hatte sich dadurch eine Paralleldimension aufgebaut, deren Unheimlichkeit und Terror noch gesteigert worden war, weil es beinahe nie möglich war, die Laute einem bestimmten Tier zuzuordnen, was beruhigend hätte wirken können, aber der Affe, der sich von Liane zu Liane oder Ast schwang, hätte das durchdringende Kreischen, das plötzlich dominant war, ebenso erzeugen können, wie ein Vogel, der vorbeigehuscht war, aber so war ihm nur die Möglichkeit verblieben, alle Gedanken an Monster, Untiere, Geister und Trugbilder des eigenen Gehirns, so gut es ging, zu verdrängen. Dieser Lärm, die Hitze, die Feuchtigkeit, seine Erschöpfung bildeten in seinem Gehirn eine Gegenwelt der Irrealität aus, in der er sich als entseelter Automat fühlte, der durch sie stolpern musste. Jetzt hatte diese Lautlosigkeit bewirkt, dass er wieder als Wirklichkeit empfand, was real um ihn sichtbar war. Ein Stein war ein Stein, ein Baum ein Baum, Himmel war Himmel und er selbst lebte mitten in ihnen.

Den Weg begannen jetzt etwas höhere Büsche mit geschmeidigeren Ästen und grüneren, lanzettförmigen Blättern zu säumen. Ihre blauen, trompetenförmigen Blüten waren teilweise schon von kleinen rotglänzenden Früchten abgelöst worden, hin und wieder flatterten über ihnen gelb und schwarz gefärbte Schmetterlinge. Die Felsbrocken waren hier heroben schon weiter verstreut, bildeten kleinere Gruppen und besaßen rundlichere, abgeschliffenere Formen. Etwa einen Steinwurf vor ihnen war eine Mauer zu sehen, die aus Steinen der verschiedensten Größen und Formen gebaut war, ihre Höhe wechselte zwischen kniehoch und übermannsgroß, sie bildete eine beinahe gerade Linie und stieß rechts von ihnen an einen Berg, der wie durch einen Beilhieb abgehauen, senkrecht abfiel. Links verschmolz sie mit einer Felszunge, die in einem scharfen Knick nach Westen abbog, bis in den Urwald hinunterreichte und sich in ihm verlor. Über ihr, genau vor ihnen, jedoch sehr weit entfernt, erhob sich eine hohe, scharf konturierte Felsformation, die nach Norden zu langsam absank.

Sie kämpften sich langsam und stetig den Weg empor, der in weit ausschwingenden Serpentinen angelegt war, um die Steilheit des letzten Anstiegs vor Alawía auszugleichen. Er endete in einer großen, torartigen Lücke, auf die sie sich zubewegten. Als sie hindurchgingen, hatte Jacobo den Blick gesenkt, weil er über einen größeren Stein, der sich mitten im Weg befand, gestolpert war. Er fing sich, sah auf und blieb er wie erstarrt stehen.

Die Gischtkrone einer ungeheuren Woge, die Flügelfedern tausender Engel verschmolzen rechts neben ihm zu einem Sternenhimmel aus glühendem Weiß. Silíwiblüten. Trompetenförmig, wie aus durchscheinendem Porzellan geformt. Es war windstill, die unzähligen Blüten und Blätter der Bäume verharrten in einer Unbewegtheit der Stille, des Glanzes, des In-sich-Gekehrtseins, von der er, Jacobo, der Indio, die Esel von einer schnell verwehenden, beglückenden Einheit umschmiegt wurden.

Ein leichter Windstoß löste dieses Einssein auf und verwandelte es durch die Vermischung der herben Süße des Rosengeruchs, der Sanftheit des Geruchs nach Flieder, der Zärtlichkeit des Jasmingeruchs zur Verzauberung durch den besten Geruch von allen, der sie alle in sich barg, dem der Silíwiblüten. Diese Gesamtheit aus Gesehenem, dem Geruch, seinen Gefühlen, den aufflackernden Gedanken, die Worte des Erkennens formten, gab ihm für die kleine Ewigkeit von zwei, drei Dutzend Schritten den Glauben dahinzuschweben.

Der Indio drehte sich zu ihm um, er lächelte, so als ob er hätte sagen wollen ‚habe ich es dir nicht gesagt, es ist der beste Geruch von allen‘, er vermeinte, ebenfalls gelächelt zu haben, dann lief aus dem Maisfeld links neben ihm weit vorne ein kleiner Bub, sah sie und lief schreiend auf den kugeligen Baum im Hintergrund zu, zu dem der Silíwiwald und das Maisfeld führten, Jacobo vermochte nur zwei Worte zu verstehen, ‚Ikawú‘ und ‚efdanwéu‘.

Während sie weiterzogen und der Geruch, je näher sie dem Ende des Weges kamen, immer intensiver wurde, hatte sich die Verzauberung, von der er vorher umfangen gewesen war, in eine tiefe Bewunderung dieser überwältigenden Blütenfülle verwandelt. Die Bäume, die in unregelmäßigen Abständen eng nebeneinander wuchsen, waren ungefähr dreimal so hoch wie ein Mann, ihre Stämme besaßen eine von dicken Furchen und Schrunden durchzogene Rinde. Ihre Äste waren kräftig, sie drehten und wendeten sich zu dichten Gebilden wirrer, geheimnisvoller Zeichen, die unverständliche, aber uralte Geschichten zu erzählen schienen.

Der Weg mündete in einen kreisförmigen Platz, der von hohen, uralten Bäumen eingesäumt war, deren Blätter eine dichte, dunkelgrüne Wolkenwand bildeten. In seiner Mitte stand ein steinerner Brunnen. Auf einem breiten Sockel ruhte eine große Schale, aus der eine schlanke Säule wuchs, an deren Ende eine Kugel angebracht war, die von gürteltierartigen Schuppen überzogen wurde. Aus vier Hähnen, die nach der Windrose ausgerichtet waren, sprudelte glasklares Wasser. Den Platz säumten zwei Ringe weißgekalkter, ebenerdiger Adobehäuser, zwischen denen sich aber auch höhere einstöckige befanden. Aus ihm führten, ebenfalls nach den Himmelrichtungen angelegt, vier Straßen, an denen entlang ebenfalls ähnliche weiße Häuser standen. Um den Springbrunnen hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, die in lautes Geschrei, begrüßende Zurufe und Gelächter ausbrachen, als Jacobo und Ikawú mit den Eseln den Platz betraten. Jacobo, der vor sechs Tagen von Xiulacán mit Ikawú aufgebrochen war, fühlte sich nach den Strapazen ihres Marsches durch den Dschungel ausgelaugt und erschöpft, denn der Indio hatte kaum Rücksicht auf ihn genommen und hatte ihn unbarmherzig vorwärtsgetrieben. Jetzt stand Jacobo in der Mitte des Platzes, umringt von fröhlichen, aufgeregten Menschen, für die das Erscheinen eines Fremden anscheinend eine große Sensation war. Er wurde mit Fragen bestürmt, er verstand meist kein Wort, die hier übliche Sprache hatte er bisher nur von Ikawú gehört, wenn er seinen Eseln Geschichten erzählt hatte und wenn er laut geworden war, was mit Sicherheit Flüche gewesen waren. Eine große, ältere Frau, deren Gesicht schon Falten zeigte, die sie aber seltsamerweise nicht älter erscheinen ließen, sondern ehrfurchtgebietender, war etwas abseitsgestanden. Jacobo waren ihre bis in den Rücken fallenden, dichten, schneeweißen Haare aufgefallen, ebenso ihre kräftige Gestalt. Die Frauen trugen alle lange, bunte Kleider mit grellen Farben, deren Muster, gezackt, geschlängelt, mit Kreisen oder Punkten übersät, diese Farben kontrastreich aneinanderprallen ließen, ihr Kleid hingegen hatte als Grundton weiß und schien aus schmalen, aneinandergenähten Streifen zu bestehen, deren Muster ebenfalls bunt waren, die aber regelmäßige, kunstreich variierte geometrische Figuren zeigten.

Sie hatte ihn beobachtet, ein leichtes Lächeln zeichnete sich in ihrem Gesicht ab und sie kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. Sie schob einige der Frauen und Kinder, die ihn umringten, zur Seite und sagte lachend:

„Reißt ihn nicht gleich in Stücke!“ Sie nahm ihn am Arm und zog ihn mit sich. „Komm mit! Der Bürgermeister wird dich sicher ansehen wollen!“

Ikawú hatte begonnen, seine Esel abzuladen, wobei ihm einige der Männer, die ihn umdrängten, halfen. Sie sprachen laut und gestenreich miteinander und es war zu erkennen, dass der Indio für sie in Xiulacán Einkäufe getätigt hatte. Sie war auf diese Gruppe zugegangen und winkte einem kleinen, wohlbeleibten Mann. Er war, wie die anderen Männer auch, in schmuckloses Weiß gekleidet, manche hatten ein buntes Tuch um die Hüften gebunden oder um den Hals geschlungen. Ihre Kopfbedeckung bestand aus einem sombreroartigen Hut, der manchmal anstelle eines Hutbandes einen Messingreifen hatte, der ornamental verziert war, manche hatten auch eine oder mehrere farbenprächtige Vogelfedern als zusätzlichen Schmuck hineingesteckt. Besonders auffällig für ihn war, dass die meisten barfuß waren, einige trugen auch ledergeflochtene Sandalen. Er trennte sich von der Gruppe, die mit dem Abladen und der Übernahme und Bezahlung so beschäftigt waren, dass sie die Aufregung um Jacobo nicht bemerkt hatten, oder wenn sie es dennoch taten, es ihnen wichtiger war, ihre Angelegenheiten so schnell wie möglich zu erledigen, als sich um einen Fremden zu kümmern.

Der kleine Mann kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Er trug, im Gegensatz zu den anderen Männern, die lediglich ein weites Hemd mit kurzen Ärmeln anhatten, über seinem Hemd einen weißen Leinenrock, den er nicht zugeknöpft hatte. Das Verwunderliche an seiner Kleidung war aber das Gilet, das ein Uhrtäschchen angenäht hatte. Aus ihm hing eine dicke Silberkette, die im zweituntersten Knopfloch eingehängt war. Das Lächeln der Frau hatte sich vertieft, es wirkte erheitert und zärtlich, sie legte ihren rechten Arm um Jacobo, schob ihn sanft einen Schritt vor und sagte:

„Wenedíktu, das ist ein Neuankömmling. Es ist ein netter, junger Mann.“

„So, so, ein netter junger Mann, sagst du, Iná!“ Er nickte mit dem Kopf, sein rundliches, rosiges Gesicht zeigte Freundlichkeit. „So, so! Wenn du es sagst, wird es wohl so sein!“ Er sah Jacobo an und nickte noch einmal. „Saludashdíush! Ich bin Wenedíktu Lalo, der Bürgermeister, Und wie ist dein Name, Fremder?“

Jacobo war verwirrt und verunsichert, diese sechs Tage hatte er in beinahe vollkommener Einsamkeit verbracht, der Indio war weder Partner noch Begleiter oder Wegführer gewesen, er hatte wie ein verlebendigter Roboter agiert, hatte nie mit ihm gesprochen, außer er rief ihm eine Warnung zu, einmal war es eine Giftschlange gewesen, oder eine Wurzel, die unter Blättern unsichtbar war, er fluchte, und wenn er redete, dann mit seinen Eseln, denen er lange Geschichten zu erzählen schien. Er selbst wurde auch immer mehr zur Maschine, die marschierte, stolperte, vorsichtig Schritt um Schritt setzte, und wieder gedankenlos weiterging. Und jetzt war er von diesem Trubel überschwemmt worden, viele Menschen, alle waren laut, schrien, riefen sich etwas zu, lachten, eine andere Art von Käfig, von Eingesperrtsein. Erst durch die Freundlichkeit der Frau, die der Bürgermeister Iná genannt hatte, wurde er aus dieser Art von Panik herausgerissen.

„Ich…Ich bin Jacobo Dominguín. Ich…“

Er stockte, denn das Gesicht des Bürgermeisters überzog übergangslos eine absurde Clownsgrimasse, er riss die Augen kugelrund auf, blähte die Nasenflügel und öffnete den Mund sperrangelweit. Diese Erstarrung hielt zwei, drei Sekunden an, dann gab er einen quäkenden Laut von sich, schnaufte tief auf und brach in schallendes Gelächter aus.

„Er hat…“ er stockte, Tränen rannen über seine rundlichen Wangen, er lachte weiter, einige der umstehenden Frauen kicherten, „er hat ya kobo gesagt, ya kobo! Ich bin ya kobo! Habt ihr das gehört?“

Jetzt lachten alle Umstehenden schallend mit, es waren auch einige der Männer dazugekommen und drei der Kinder hüpften mit hektischen Verrenkungen und schrille Rufe ausstoßend herum. Alle starrten dabei Jacobo an, der völlig verwirrt, nicht wusste, was er tun sollte. Die große Frau hatte ihren Arm zurückgezogen, hatte leise mitgelacht, war verstummt, sah ihn dann an, wobei ihr Gesicht Erstaunen und etwas wie eine Frage zeigte. Sie lächelt ihm kurz zu, drehte sich um und ging.

Der Bürgermeister beruhigte sich langsam, wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen ab, auch das Gelächter der anderen ebbte langsam ab und er wandte sich an Jacobo.

„Ich muss mich bei dir entschuldigen, Shengwó Dominguín! Wir wollten dich nicht beleidigen, aber es war zu komisch!“ Er gab noch einen gepressten, lachartigen Laut von sich, einige der Frauen kicherten, einer der Männer rief laut ‚und wie komisch es war‘, dann fuhr er mit normaler Stimme fort:

„Es ist leicht zu erklären, warum wir alle gelacht haben. Es hat nichts mit dir persönlich zu tun, wir haben dich nicht ausgelacht, aber dein Vorname ist nun einmal sehr seltsam, zumindest für uns. Ya kobo heißt nämlich ‚ich bin ein Affe‘. Ich hoffe, du verstehst uns jetzt. Sei uns also willkommen! Aber du solltest dir einen anderen Vornamen aussuchen und…“

Ein kleines Mädchen, das sich, als Iná gegangen war, neben Jacobo gestellt hatte, das auch nicht mitgelacht hatte, fasste Jacobo bei der Hand und rief:

„Tití! Ich will, dass er Tití heißt. Er ist lieb. Mein Kätzchen heißt auch Tití!“

Jacobo sah zu dem Mädchen hinunter, sie lächelte ihm zu, seltsamerweise hatte diesmal niemand gelacht und der Bürgermeister sagte zustimmend:

„Warum nicht! Besser als Jacobo! Du hast recht, er ist irgendwie lieb!“ Er zog die Uhr aus dem Gilettäschchen, ließ den Deckel aufspringen, sah auf das Ziffernblatt, lächelte sanft und sagte freundlich zu Jacobo:

„Ein guter Zeitpunkt, um hier in Alawía zu sein!“

Dann drehte er sich um und ging zu Ikawú und den bei ihm stehenden Männern zurück.

Das Tagebuch

Er saß an einem alten, zerschrundeten Tisch und starrte in die Kerzenflamme, die vor ihm ohne zu flackern brannte. Er hatte das dicke Buch mit den leeren Seiten aufgeschlagen, es war nicht leicht gewesen, in Xiulacán ein solches Buch überhaupt zu finden, er wusste aber nicht, wie er zu schreiben beginnen sollte. Seine Gedanken kamen und gingen, zeigten schnell aufflackernde Bilder, ein gelber Vogel mit roten Flügelfedern und einem großen, gebogenen Schnabel, der kaum zwei Meter vor ihm auf einem Ast gesessen war, der ihn mit schwarzen Augen angestarrt hatte, böse und aggressiv, wie er es empfunden hatte; über einem mit schleimigem Grün überwucherten Tümpel ein Schwarm von Moskitos; der halbverfaulte Kadaver eines schweineartigen Tieres, halbverdeckt von Lianen mit riesenhaften Blättern, bedeckt von grün und blau schillernden Fliegen, ein zum Erbrechen reizender Gestank, ein kurzer Blick des Indios, keine weitere Regung, sie gingen vorbei; das wütende Gesicht seines Vaters, als er ihm erklärt hatte, dass er niemals Rechtswissenschaften studieren würde, sondern Philosophie

es war jetzt am Abend angenehm kühl, die Kerze begann leicht zu flackern, kaum merklicher Wind war aufgekommen, vor der Fensteröffnung in der Wand vor ihm staute sich eine körperlich wirkende Dunkelheit, in der die Stille, die ihn greifbar umgab, eingegossen war

die erste, immer noch leere Seite schien zu wispern

ein pelziger Nachtfalter mit zwei orangefarbenen Flecken auf den Flügeln flatterte herein, umkreiste die Kerze, dann ihn, um wieder von der Dunkelheit aufgesogen zu werden

er nahm die Füllfeder, die neben dem Buch lag, zögerte weil er nicht wusste, was er schreiben sollte und legte die Feder wieder hin.

Ich kann ja nicht gut dieses Tagebuch damit beginnen, dass ich hier nicht mehr Jacobo heiße, mein neuer Name lautet Tití, weil das Kätzchen eines kleinen Mädchens auch diesen Namen hat. Ich muss mich erst daran gewöhnen, aber hier findet niemand, dass dieser Name nur für ein Mädchen passend ist und für einen Mann überhaupt nicht. Für die Menschen hier heißt der efdanwéu eben so.

Dennoch klingt es seltsam, dass ich, der einzige Sohn des Hernandez Dominguín y Acevédo, bekannter Rechtsanwalt und angesehener Bürger in Alcatára, ab jetzt diesen Vornamen habe. Die letzten Tage waren meinem bisherigen Leben so fremd, dass ich eigentlich eine eigene Sprache finden müsste, um all dem gerecht zu werden

aber wer weiß, vielleicht wären ein neuer Geist und eine neue Seel mehr gefordert

das kleine Mädchen hatte seine Hand nicht losgelassen, hatte erklärt Miwí zu heißen und mit ihm jetzt zu ihrer Oma, Mama Mafaló, zu gehen, die so wen wie ihn schon lange sucht. Er hatte fragen wollen, was sie mit ‚so wen wie du‘ gemeint hatte, aber sie hatte ihn nur strahlend angesehen, hatte gesagt ‚komm nur, Tití, du gehst ja langsam wie eine Schnecke‘, oder ‚du wirst schon sehen‘; er war mit ihr zum Brunnen gegangen, wo Ikawú seinen Seesack hingelegt hatte, hatte ihn über die linke Schulter gelegt und war dann gehorsam neben ihr hermarschiert, sie waren durch die Straße gegangen, die nach Norden führt, sie hatten viele Menschen getroffen, aber entweder waren sie von niemandem angesprochen worden, oder er hatte es durch seine Übermüdung, die ihm immer mehr zu schaffen machte, nicht bemerkt, er hatte manchmal geglaubt, seltsame Dinge gesehen zu haben, eine alte Frau, die an einer leuchtenden Leine ein Tier führte, das gekichert hatte wie ein junges Mädchen, seine Augen waren grün gewesen, das Fell hatte schnell seine Farben gewechselt, Miwí hatte gesagt: das war Mama, er hatte den Namen vergessen, den des Tieres auch, eine weiße Gestalt, Kleidung und Gesicht, aber rote Augen, sehr körperhaft sichtbar, daneben ein Schemen, schattenhaft, vage irisierend, gebückt, sie hatte leise ‚kófo‘ gesagt, es war sehr heiß gewesen, er hatte auf seine Uhr sehen wollen und hatte ganz vergessen, dass er keine mehr besaß, denn er war am zweiten Tag in einen Tümpel gefallen und die Nässe hatte seine Uhr zerstört, er war nicht nur müde gewesen, er hatte das Gefühl gehabt, in sein eigenes Gehirn sehen zu können und hatte dort langsame, wortlose Gedanken wie Nebel dahinwehen gesehen, auch seine Augen waren anders gewesen, irgendwie schief in den Höhlen sitzend, oder auch nur seltsam sehend, sehr scharf und genau, aber die gesehenen Bilder waren ineinander verschachtelt gewesen, das Mädchen hatte immer noch seine Hand gehalten, es hatte geplappert, ihm kleine Geschichten erzählt, die er nicht verstanden hatte, manche der Vorbeigehenden hatten Masken wie bei einem Faschingsumzug getragen, oder er hatte nur geglaubt es zu sehen, da war dieser Vogel gewesen, den er schon im Dschungel gesehen hatte, dann ein Clown mit blauem Gesicht und einer Nase, groß wie eine Gurke

‚Oma, Oma, hatte Miwí gerufen, ‚schau, wen ich gebracht habe, es ist der efdanwéu‘, ‚man sieht es‘, hatte die alte Frau gesagt, die Haut ihres Gesichts war wie aus zerknittertem, braunen Packpapier gefaltet, die Augen waren dunkel, der Blick scharf, aber ihr Lächeln war freundlich, ‚er sieht gesund und stark aus, das ist gut‘, das Kind hatte seine Hand losgelassen, die alte Frau hatte ihm zugewinkt, er war ihr in das Haus gefolgt, ‚setz dich‘ hatte sie ihn aufgefordert, ‚du siehst müde aus, hungrig auch‘, dann hatte sie gelacht, ‚ja, die Silíwiblüten haben einen starken Geruch und ihre Pollen muss man gewohnt sein, morgen bist du wieder taufrisch‘, sie hatte einen Napf vor ihn gestellt, Bohnen und Mais vielleicht, hatte er gedacht, es war esswarm und scharf, das Kind hatte ihm einen Kuss auf die Wange gegeben und gerufen ‚bis morgen, Tití‘, dann war sie weggelaufen, oder auf einer schneeweißen Wolke fortgeflogen, er hatte es nicht

zu unterscheiden vermocht, er hatte mit Heißhunger gegessen, die alte Frau hatte ihn wieder mit einem Wink aufgefordert ihr zu folgen, da war ein Zimmer gewesen, ein Bett, er war eingeschlafen

die Kerze hatte zu flackernd aufgehört, die Flamme war wie eisbeschlagen

ich muss eine Ewigkeit geschlafen haben, dachte er, aber es hat mir gutgetan, ich habe mich schon lang nicht mehr so gut gefühlt

in meiner Erinnerung fehlt ein halber Tag, seltsam, ich weiß nur, dass ich von diesem besten Geruch umgeben, eingehüllt, fortgetragen worden bin

kann sich ein halber Tag in einem Geruch verstecken?

Mama Mafaló und Miwí

und wo ist Tití?

und was ist mit mir?

eines weiß ich

der Sohn meines Vaters bin ich nicht mehr.

Wo bin ich hier eigentlich?

Es musste noch früh am Tag sein, denn es war sehr kühl und die Sonne war noch nicht über den Kamm des Berges im Osten, der den Horizont bildete, aufgestiegen. Dunkles, samtenes Blau schien von den kahlen, schroffen, weit entfernten Felswänden abwärts zu rinnen, über die darunter stehenden Häuser, über die Felder zu ihm her zu fließen, um einen ruhigen Teich der Stille zu bilden. Die Straße, auf der er in der Richtung zum Hauptplatz ging, war aus hartgebrannter Erde, die von den Spuren der Wagen gefurcht war. Auf ihren beiden Seiten standen Häuser, hinter denen die Felder begannen. Die Häuser, die noch vor einigen hundert Metern vereinzelt gestanden waren, drängten sich immer enger zusammen. Alle waren aus Adobe, weiß gekalkt und nach demselben Prinzip angelegt: ein größeres Haupthaus, daran angebaut ein kleineres Gebäude, dann kam die Küche, vorne vollkommen offen und überdacht, so dass man sehen, hören und vor allem riechen konnte, was gekocht wurde. Die Herde wurden alle mit Holz befeuert, das meist in der Küche selbst gelagert wurde. Jedes war von einem Blumenmeer umgeben oder eingehüllt. Er konnte nur Rosen und Lilien benennen, aber es gab jede nur mögliche Farbe und Blütenform. Sehr oft war ein Vorgarten vorhanden, der durch einen niedrigen Holzzaun gegen die Straße abgeschlossen war, aber auch viele Hauswände waren von Kletterpflanzen überwachsen oder es hingen an den Wänden Einzeltöpfe, in denen Hängepflanzen blühten. Häufig gab es auch einen eigenen Küchengarten, in dem meist Gewürz- und Heilpflanzen gediehen. An der Außenwand war oft eine Sonnenuhr angebracht, die manchmal sogar mit Bildern oder Verzierungen geschmückt waren. In beinahe jedem freien Raum zwischen den einzelnen Häusern wuchsen Bäume, meist war es eine Art, die er noch nie gesehen hatte, nicht einmal im Regenwald. Sie waren nicht sehr hoch, vielleicht fünf oder sechs Meter, ihr Wuchs wirkte auf ihn fremd und auch eigenartig, denn die Äste, die alle erst ab etwa drei Metern zu wachsen begannen, vorher gab es nicht den allerkleinsten Ast, ragten alle seitlich, so gut wie waagrecht weg, so dass sie den Eindruck gewaltiger Regenschirme machten. Unter ihnen standen meist Tische oder Sitzbänke, denn ihr dichter Laubbewuchs spendete viel Schatten. Es war auch eine große Anzahl von Kaninchenställen zu sehen, ebenso auffällig viele Bienenkörbe. Es fiel ihm auch auf, dass sich ungefähr alle zwei- dreihundert Meter ein Ziehbrunnen befand. Dieser Wasserreichtum, der wohl durch die Zuflüsse aus den umliegenden Bergformationen gespeist wurde, war zusammen mit dem Fleiß der Menschen die Grundlage für die freudig stimmende Blumenpracht und für das Gedeihen der umliegenden Felder.

Auf dem Weg bisher hatte er keinen einzigen Menschen bemerkt, lediglich Hühner liefen schon herum und Hähne krähten laut und schrill. Die eine oder andere Katze schlich am Rand der Felder dahin und zwischen den Maisstengeln schienen sich Gruppen laut kreischender Vögel zu balgen.

Zwei Häuser weiter vorne sah er eine ältere Frau an einem Tisch sitzen und an etwas arbeiten. Ihr zu Füßen lag ein kleiner, schwarzweiß gefleckter Hund. Als er auf etwa zehn Schritte herangekommen war, hob die Frau den Kopf, der Hund sprang auf und lief schwanzwedelnd zu ihm. Er beschnüffelt ihn kurz und lief wieder zurück. Als Jacobo vor ihr stand, sagte er stockend:

„Salu…saludashdíush!“

Die Frau kicherte, sog an der Zigarre, die sie im Mund hatte, nahm sie heraus und blies den Rauch aus.

„Das kannst du also schon! N’dia, auch dir einen guten Tag! So früh schon unterwegs?“

Jacobo, durch ihre fröhliche Laune angesteckt, lachte:

„Ich muss doch einmal sehen, wo ich da überhaupt hineingeraten bin!“

„Das ist eine gute Idee. Aber du wirst schon sehen, bei uns ist nicht viel los. Wir sind alle einfache Leute, bis auf die Fwaila, die ist schlau und weiß viel. Aber sonst ist nicht viel los! Willst du eine shigáwa? Ich hab grad eine fertig!“

Sie nahm eine der Zigarren, die vor ihr auf dem Tisch lagen mit der linken Hand und hielt sie ihm hin. Er schüttelte den Kopf.

„Danke, das ist sehr freundlich, aber ich rauche nicht!“

„Macht nichts, ich schenk sie dir trotzdem, schenk sie auch wem!

Er nahm zögernd das Geschenk, sie zeigte noch ein enthuschendes Lächeln, klemmte ihre Zigarre wieder zwischen die Lippen, beachtete ihn nicht mehr, legte einige der vor ihr liegenden getrockneten Pflanzenblätter aufeinander und begann sie zurechtzuschneiden.

Während er weiterging, ließ seine Aufmerksamkeit für die Umgebung nach, denn er versuchte erneut, schon etwas verzweifelt, zu verstehen, was gestern ab dem Zeitpunkt, als das kleine Mädchen ihn an der Hand aus dem Platz geführt hatte, geschehen war. Es hatte damit begonnen, dass er ihr wie ein Hündchen an der Leine gefolgt war, ohne einen Grund für diese Handlungsweise zu erkennen. Ihre Erklärung, er solle nur mitkommen, denn sie müssten zu Mama Mafaló gehen, weil sie jemanden wie ihn suchen würde, hatte er ohne Bedenken hingenommen, nicht nur das, er wusste sogar ganz genau, dass er unhinterfragt der Überzeugung gewesen war, dass es für ihn selbst wesentlich sei, zu dieser Frau zu gehen und sie auch zu treffen. Diese Erkenntnis war aber auch das Einzige, was für ihn Gewissheit gewesen war! Die Erinnerungen an diese schillernde oder leuchtende, vielleicht irisierende Frau mit diesem bunten Tier, das sie an einer sich schlangenhaft bewegenden Leine geführt hatte, dieses andere, gespenstische Wesen in blendendem Weiß, das rote Augen in tiefschwarzen Höhlungen hatte, daneben schemenhaft Bewegtes, unkörperlich, aber bedrohlich, die anderen Menschen, von denen er nicht wusste, ob er sie überhaupt wirklich gesehen hatte, das alles gewann in seiner Erinnerung an Irrealität. Er glaubte sie so erlebt zu haben wie den Indio bei ihrem Anstieg über die mit verkrüppelten Bäumen und verlebendigten Steinen übersäten Halde, als er ihn in aufgefächerten Dimensionen vergehen und wieder entstehen gesehen hatte. Diese Verschiebungen oder Verzerrungen der Realitätsebene in eine Psychodimension, in der sich Gedachtes, Gefühltes, Eingebildetes und das durch die Sinne aufgenommene und daher als real empfundene Zusatzmaterial zu einer Phantasmagorie des Grauenhaften, Erschreckenden verwandelt hatte, war für ihn durchaus als Fehlleistung der Psyche und des Geistes, bedingt durch körperliche Erschöpfung, seelische und körperliche Überforderung durch die Tage im Regenurwald, erklärbar. Aber unerklärbarer und daher befremdend, eher sogar terrorisierend, war die als Unwirklichkeit empfundene Normalität der Miwí-Mama Mafaló-Geschichte. Dieses Kind hatte ihn nicht etwa durch Zufall entdeckt und hatte dann eben kindlich, naiv reagiert, nein, er hatte nicht nur das Gefühl, es war eine Gewissheit, dass Miwí ihn erwartet hatte. Dass sie gewusst hatte, er würde mit dem Indio kommen, die gewartet hatte, bis sich Iná und der Bürgermeister von ihm abgewandt hatten, um dann gezielt und folgerichtig zu handeln. Ihre Motivation? Unergründlich! Und die alte Frau? War sie von allem Anfang an die bestimmende Hauptfigur gewesen? Denn auch sie hatte sich so verhalten, als ob sie ihn erwartet und erkannt hätte, die Worte ‚die Wiederkehr des verlorenen Sohnes‘ huschten durch seine Gedanken. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm zu essen gegeben hatte, das Gericht war noch warm, so als ob es vor kurzem gekocht worden wäre, das vorhandene, hergerichtete Bett in einem sauberen Raum; sein eigenes Verhalten:

er hatte gegessen, hatte sich hingelegt, hatte geschlafen, war erwacht, hatte in diese brennende Kerze gestarrt, war in einem unauflöslichen Gedankenwirrwarr gefangen gewesen, hatte wieder geschlafen, war bei Sonnenaufgang erwacht, war gegangen, alles unerklärlich, oder nur auf eine ihm eben unverständliche Art selbstverständlich? Und jetzt?

Das Hungergefühl, das er plötzlich empfand, verursachte eine absurde Heiterkeit bei ihm. Ich marschiere hier mutterseelenallein in der Fremde dahin, und das sichtlich frohgemut, wie ich sehe auf einer Art von Kopfsteinpflaster, dachte er, wenn ich kein Frühstück bekomme, verhungere ich eben, da vorne ist ja schon der Springbrunnen, die Sonne wärmt bereits ganz schön, ich werfe einen ordentlichen, normalen menschlichen Schatten, auch gut, da schau her, da vorne werden gerade Verkaufsstände aufgebaut, einige stehen schon da, muss Markt sein, Menschen gibt es auch, hier ziehen Esel die Karren und Wagen, verwunderlich, da heroben gibt es eben keine Pferde, ich werde freundlich angelächelt, n’dia, saludashdíush, das sieht alles wie normales Menschenleben aus, da drüben verkaufen eine alte Frau und ein junges Mädchen getrocknete Marillen und Gemüse, Brot haben sie auch, ob man da von einem Laib etwas abschneiden kann?

Stella

Er saß am Rand des Marktes auf der umgekehrten Gemüsekiste, die er sich von der jungen Frau ausgeliehen hatte, bei der er eine Handvoll getrockneter Marillen und ein Viertel eines Brotes gekauft hatte. Es war so frisch und knusprig, dass die Rinde beim Zubeißen zwischen den Zähnen krachte. Er kaute langsam, um den Geschmack genießen zu können und dachte, dass er sich nicht erinnern könne, wann er vorher schon einmal ein so gutes Brot gegessen hatte. Vielleicht als Kind, wenn seine Eltern mit ihm aus Alcatára aufs Land gefahren waren, wo die Eltern seiner Mutter eine kleine Hacienda besessen hatten, auf der eine der Mägde noch Brot gebacken hatte. Auch der Geruch, das Brot war gerade noch lauwarm, versetzte ihn in eine beinahe euphorische Stimmung. Auf dem Markt, der sich stetig mit Neuhinzukommenden gefüllt hatte, wurde das Treiben immer lebhafter und lauter. Es wurde gerufen, gelacht, die Waren angepriesen.

Die bunten Kleider, die Frauen überwogen bei Verkäufern und Käufern, die Farben der angebotenen Waren und die blendend weiße Wolke der Silíwiblüten, die wie in Meereswellen bis an die Häuser heranwogten, verschmolzen zu einer orgiastischen Farbkaskade. Die erfrischende Morgenkühle war einer wohligen Wärme gewichen, die den Geruch der weißen Blüten langsam erweckte. Jacobo stand auf und schlenderte über den Markt, wurde neugierig betrachtet, die meisten der Verkäuferinnen, an denen er vorbeiging, priesen ihre Waren an, machten scherzhafte Bemerkungen, er wurde geneckt, es wurden Bemerkungen über ihn, die er nicht verstand, hin und hergerufen, aber es hatte für ihn den Anschein, dass sie nicht bösartig waren, denn auch die Marktbesucher, die in der Nähe waren, lachten fröhlich mit. Dabei fiel ihm auf, dass hier eine einheimische Sprache gesprochen wurde, die, wie er beim Brotkauf erfahren hatte, Ashumáwa hieß. Wie sich aber herausgestellt hatte, waren die meisten hier zweisprachig und konnten von ihrem Idiom ohne Schwierigkeiten in seines wechseln.

Am letzten Marktstand saß ein junges Mädchen, das an einem mit bunten Mustern überzogenen Pullover strickte. Es hatte vor sich eine Decke ausgebreitet, auf der aus Holz gefertigtes Spielzeug lag. Eine Lokomotive, ein Pferdchen auf Rädern, Autos, ein Kreisel. Alle waren bunt bemalt, das Pferdchen hatte einen hellblauen Körper, einen roten Sattel, grüne Augen und besaß eine Mähne aus Pferdehaar. Als er auf es zuging, hörte es zu stricken auf und sprach ihn an.

„Kauf mir was ab, efdanwéu! Alles hat mein Vater selbst gemacht! Die Puppe da hab ich gemacht!“ Sie hob die Puppe hoch und zeigte sie ihm. „Schau sie dir an, ist sie nicht schön?“

Das Püppchen, das sie ihm mit einem zaghaften Lächeln hinhielt, war gänzlich aus Stoff zusammengenäht, das Körperchen war ein ausgestopfter Zylinder, die Beinchen ebenso und die Füßchen waren seltsamerweise korrekt angebracht, so dass es den Anschein erweckte, das Figürchen würde stehen können, die winzigen Zehen waren deutlich sichtbar abgenäht, was ebenso auf die kleinen Fingerchen zutraf. Das Köpfchen bestand aus einer ausgestopften Stoffkugel, deren Augen, Nase, Mund und Haare mit bunten Fäden aufgenäht waren. Die Farbe der Augen war eigentümlicherweise blau, die langen Haare waren gelb. Das knielange, schneeweiße Kleidchen war aus einem verblüffenden Material genäht, es handelte sich dabei um ein Stück äußerst komplizierter Häkelarbeit. Das Püppchen war kunstlos, eigentlich beinahe primitiv, aber es wirkte eindringlich und rührend, er hatte ‚zu Herzen gehend‘ gedacht.

„Sie ist wirklich schön. Ich würde sie gerne kaufen!“

Das Kind sprang auf, drückte das Püppchen an die Brust, zeigte ein strahlendes Lächeln und hielt es ihm dann hin.

„Ich mag sie sehr, sie hat immer mit mir zusammen geschlafen. Du musst sehr lieb zu ihr sein!“

„Das verspreche ich dir! Großes Ehrenwort! Hat sie auch einen Namen?“

„Stella!“

„Stella? Ein schöner Name! Was kostet sie?“

Sie nannte ihm zögernd eine Summe, so als ob sie befürchten würde, der verlangte Preis wäre zu hoch. Für seine Begriffe war er lächerlich, etwa so viel wie für fünf Laib Brot, er gab ihr das Doppelte. Sie bedankte sich überschwänglich und sagte mit strahlendem Lächeln immer wieder ‚danke, danke‘, er ging und als er einige Schritte entfernt war, drehte er sich nach ihr um. Sie stand reglos da, die Geldscheine fest in der rechten Hand zusammengepresst und ihr Lächeln schien zu ihm herzufliegen und ihn zu berühren. Er verharrte, winkte und im Weitergehen fiel ihm auf, dass er plötzlich den Geruch der Silíwiblüten so intensiv wie nie vorher nicht nur roch, sondern ihn beinahe körperlich empfand.

El Dóitshu (Der Deutsche)

Er ging schon eine ganze Weile zwischen Mais- und Bohnenfeldern und der weißen Mauer der Silíwibäume in Richtung Süden dahin, als übergangslos die Erinnerungsbilder aus dem Regenwald wieder auftauchten.

Die ungezügelt unflätige, orgiastische Verschmelzung einer vieltausendfachen Blätterwand mit Früchten und Blüten; die Undurchdringlichkeit dieses Pflanzendickichts, das den kaum sichtbaren Pfad mit einer domartig aufgesteilten Durchdringung von Baumstämmen, Astgewirr und Blattkaskaden gegen jegliches Darüber hermetisch abschloss; die nicht endenden Lärmexplosionen aus Gekreische, Gekeckere, Heulen, atonalen Tonfetzen von Vogelstimmen, die in seinen Ohren gellten, sich ins Gehirn fraßen, bis er nur mehr durch die quälende, krankhafte Einbildung einer Taubheit stolperte, die sein Gehirn mehr und mehr umklammerte, wurden langsam entgleitend, oder sprunghaft entfliehend abgelöst vom Bild der Frau, die ihren Arm um seine Schulter gelegt hatte, vom kaum hörbaren Klicken des Deckels der Uhr, die gesagt hatte ‚ein guter Zeitpunkt um hier in Alawía zu sein‘; von Miwís Geplapper, unter dem sie ihn wie ein Hündchen an der Leine mit sich fortzog; von diesen leuchtenden, irisierenden Aliendarstellungen, die Tiere oder auch nur transformierte Menschen gezeigt hatten, oder nur ein Irrlichtern seines Gehirns?

Aus einem Grund, den er nicht zu erkennen vermochte, verletzten ihn diese Erinnerungen aber nicht mehr, die, als er sie gelebt hatte, eine beklemmende Wirkung auf seinen seelischen Zustand ausgeübt hatten. Sie waren in unbedeutend Vergangenes, in anekdotisch Unerhebliches abgesunken.

Vielleicht war es der Geruch der Blüten, die Wärme der Sonne, die Stille, in die er hineingegangen war, die durch das Zwitschern und Singen der Vögel in den Bäumen eine neue, verlebendigte Dimension erfahren hatte.

Die Reihe der Felder endete abrupt mit einem Maisfeld. Danach weitete sich eine grasbewachsene Ebene bis an den Fuß des Felsmassivs im Osten. Der Silíwiwald begleitete ihn weiter und umfloss ihn mit der Lebendigkeit eines schlafenden Tieres. Ein ähnliches Gefühl hatte ihn erfasst, als er am vierten Tag im Regenwald einen Jaguar gesehen hatte, der kaum einen Steinwurf von ihnen entfernt, schlafend auf einer Astgabel lag, die in der Höhe von etwa drei Metern über den kaum sichtbaren Pfad ragte. Seine Beine und der Schwanz hingen schlaff herab, Jacobos Augen hatten dieses Bild keine drei Sekunden erfasst gehabt, als das Tier erwacht war und mit einer einzigen gleitenden Bewegung seines ganzen Körpers aufgestanden war. Er hatte sich so schnell erhoben, dass Jacobo erst erschrak, als der Jaguar in angespannt geduckter Haltung den Kopf zu ihnen herdrehte. Ikawú war ruhig weiter gegangen, so als ob auf dem Ast irgendeiner der kleinen Affen gesessen wäre, dann sprang die Raubkatze mit einem langgestreckten Satz kopfabwärts auf den Baumstamm links unter ihr und verschwand mit einem weiteren Sprung im dichten Unterholz. Jetzt fehlte die Bedrohlichkeit dieser Begegnung, aber die Intensität des Erfühlens der Lebendigkeit der Bäume, die ihn wie mit einer körperlichen Berührung umgab war dieselbe. Der Geruch der Blüten war davon umformt, in der zunehmenden Wärme wie durch einen zarten Flügelschlag emporgehoben, und er vermeinte nicht zu gehen, sondern in einer sehr ungeschickten Art zu schweben.

Er blieb stehen und sagte lachend, indem er das Püppchen hochhob:

„Das kannst nur du gewesen sein, Stella! Ich glaube du hast magische Fähigkeiten! Oder vielleicht spinne ich ja auch nur!“

Plötzlich fiel ihm auf, dass er, wahrscheinlich schon eine ganze Weile, ein feines, plätscherndes Raunen durch dieses Versinken in Erinnerungen vollkommen überhört hatte. Er sah vor sich das Südende dieses talartigen Bergkessels, in dem sich Alawía befand, es war eine vielleicht fünfzig Meter hohe, steil abstürzende Felswand, von deren Oberkante ein feiner Wasserfall herabrann, der in einem kleinen, ovalen Teich endete, der ungefähr dreißig Meter vom Waldrand entfernt war. Nach dieser sich scharf abzeichnenden Kante musste sich ein kurzes, flaches Plateau erheben, hinter dem sich ein zerklüftetes Felsmassiv erhob. Vom Fuß der Felswand führte eine nur mehr schwer erkennbare, in den Stein gehauene Treppe aufwärts, die an der Westwand des Plateaus in eine Höhle zu führen schien. Knapp neben dem Ostufer dieses Teichs gab es ein Adobehäuschen, vor dessen Außenwand sich ein Holztisch, eine Bank, ein Sessel und ein grüner Sonnenschirm befanden. Die Eingangstür stand offen, es war aber kein Bewohner zu sehen. Der Weg, auf dem er hergekommen war, führte gerade bis zur Felswand, nach links, einige Meter vor ihm, zweigte ein schmaler Weg ab, der zwischen dem kniehoch wachsenden Gras am Teichrand entlang bis zum Häuschen führte. Jacobo ging darauf zu und sah zu seiner Verwunderung, dass das Wasser glasklar war, er vermochte bis auf den Grund zu sehen, der aus rund abgeschliffenen Steinen verschiedener Größen bestand. Er schätzte die Tiefe des Teichs auf etwa zwei oder drei Meter, er war sich aber nicht sicher, denn der leise Wind, der herrschte, ließ kleine Wellen aufhüpfen, über die das Sonnenlicht in netzartigen Schlieren huschte. Dadurch bildeten sich schlangenhaft bewegende Schlieren, die eine korrekte Schätzung verunmöglichten. Es gab, zumindest in Ufernähe keinen Fisch, die Ränder waren auch nicht mit irgendwelchen Pflanzen, wie etwa Schilf bestanden, lediglich das tiefgrüne, saftig wirkende Gras wuchs bis an das Wasser heran. Jacobo blieb knapp vor dem Häuschen zögernd stehen und wollte sich schon zur Rückkehr entscheiden, als aus der Tür ein Mann herauskam. Er war mittelgroß, trug eine knielange, weiße Leinenhose und ein weites, kurzärmeliges Hemd, dessen grelle Farbmuster, Palmen, Papageien, Orchideen, schon etwas verwaschen waren. Seine Arme und Beine waren muskulös und sonnengebräunt. Das Gesicht war kantig, mit stark hervortretenden Jochbeinen und einer markanten Nase. Die Augen waren hell, das lange, schlohweiße Haar fiel gewellt bis auf die breiten Schultern. Er zeigte ein schnelles Lächeln und sagte mit einer tiefen, volltönenden Stimme:

„Kommen Sie nur herbei, junger Freund! Und keine Angst, das hier ist nicht das Knusperhäuschen, obwohl es hier hätte stehen müssen, hätte es je existiert!“

Jacobo war vom Anblick seines Gegenübers, mehr aber noch von seinen seltsamen, wenn auch sehr freundlich ausgesprochenen Worten verwirrt. Er sagte zögernd:

„Saludashdíush! Ich…ich hoffe, ich störe Sie nicht!“

Der Andere lachte laut und erheitert.

„Stören Sie mich nur, junger Freund, stören Sie mich nur! Aber setzen Sie sich doch, Sie werden müde, vor allem aber durstig sein!“

„Danke für Ihre freundliche Einladung. Ich bin wirklich sehr durstig. Darf ich mich hier auf die Bank setzen?“

„Aber natürlich, ja! Ich hole nur schnell etwas zu trinken!“

Jacobo setzte sich und das feine Rauschen, das er bisher kaum beachtet hatte, begann stetig und sanft sein Tongespinst, in dem ein silbern klingender Oberton mitschwang. Der ältere Mann kam wieder zurück und trug ein Tablett in der Hand, auf dem zwei Gläser und zwei Tonkrüge standen. Er stellte alles auf den Tisch, legte das Tablett daneben und sagte:

„Im blauen Krug ist Apfelsaft, im roten Wasser.“

Er setzte sich, wartete, bis sich Jacobo Apfelsaft mit Wasser eingeschenkt hatte, nahm selbst reinen Apfelsaft und sagte:

„Ich bin Ihnen gegenüber deswegen etwas im Vorteil, weil ich zumindest schon Ihren Namen kenne, Shengwó Dominguín, oder, wie Sie hier in Zukunft heißen werden ‚Tití‘. Mein Name ist Sebastian Schmitt, ich bin der Doktor. Angesprochen werde ich mit Doku, das hat sich so eingebürgert. Meine Ordination befindet sich in der Plasha do Boshu, im Platz des Brunnens. Dieses Häuschen hier ist mein kleines Sanssouci, Ohne Sorge, wie der Alte Fritz, Friedrich II. von Preußen, seine Sommerresidenz genannt hat. Mit einem Schloss kann es natürlich nicht konkurrieren, aber ich würde hoch wetten, dass es um ein Erkleckliches, etwa Fünfhundert Mal gemütlicher ist. Und ich bin auch nicht gezwungen, Damen in Reifröcken mit gepuderten Perücken, furchterregend geschminkt und noch furchterregender parfümiert, und natürlich den dazugehörigen Herren auch, für die das bisher Gesagte ebenso gilt, der unerhebliche Unterschied war nur der winzige Zierdegen, selbstkomponierte Flötenkonzerte vorzuträllern!“ Als er den verschreckten Gesichtsausdruck vollständigen Unverständnisses in Jacobos Gesicht sah, lachte er dröhnend los. „Ich muss mich entschuldigen, lieber Freund! Wie leider nur zu oft, geht meine Erinnerung an früher Erlerntes und Gewusstes mit mir durch! Deswegen haben sie hier ein neues Wort erfunden, ‚dokuwí‘, etwas, eher harmlos, verrückt sein! Es wird natürlich in meiner Gegenwart nicht gebraucht, aber sie wissen, dass ich weiß.“ Er lachte wieder, diesmal erheitert und leise, trank sein Glas leer und schenkte sich erneut ein. „Verbleibt noch eine Frage, junger Freund: Was hat Sie hierher gebracht?“

Jacobo sagte lachend:

„Das wird wohl Ikawú gewesen sein!“

Der Doktor zeigte für einen Augenblick den Gesichtsausdruck großer Verblüffung, dem ein scharfer, beobachtender Blick folgte. Dann lachte er mit.

„Das war beinahe eine kleine Zengeschichte.“ Er lachte noch einmal kurz auf. „Oh, ich verliere mich bereits erneut! Tut mir leid!“ fuhr er dann in gelassenem Ton fort. „Der Grund meiner Frage ist leicht erklärbar, ebenso meine Verblüffung über Ihre Antwort. Denn Ikawú schleppt beinahe jedes Jahr jemanden an, langhaarig, bärtig, den Kopf voller Rosinen, jeder läuft einer Illusion oder einer noch größeren Verrücktheit nach und hofft sie hier zu finden. Zuallererst einmal auf jedem zweiten Strauch wachsend und daher gratis ein Bewusstseinserweiterchen, ein Seelenschmeichlerchen, ein Sorgenvergesserlein, die gebratenen Tauben fliegen nur so herum, auf jedem Baum wächst der Rest; oder hier ist das verlorene Paradies, die ideale Gesellschaft, die spirituelle Erleuchtung ist auch noch zu finden und alles ohne jede Anstrengung zu erhalten.

Es hat noch keiner lang hier ausgehalten, die schreckliche Wirklichkeit hat sie alle sehr schnell eingeholt, denn Elektrizität gibt hier bei uns nicht, daher auch kein Handy, kein Laptop, kein Computer, kein Internet, kein Fernsehen, keine dröhnende Musik, kein Alles, auf das alles kann keiner auf Dauer verzichten, es erweist sich also letztlich als Inferno, den siebenten Kreis der Hölle.“

Das alles hatte er so schnell und eindringlich erzählt, dass anzunehmen war, er hätte schon öfter über dieses Thema nachgedacht. Er machte eine kaum merkliche Pause und setzte dann mit einer Grimasse der Erheiterung oder des Zweifels hinzu:

„Und dann geben Sie eine so seltsam normale Antwort!“

Es entstand eine längere Gesprächspause, während der jeder trank. Jacobo ließ seinen Blick über den Teich hinüber zum Silíwiwald schweifen, dann zu den Feldern, die sich vor ihm ausbreiteten und weiter bis zum Felsmassiv im Osten, von dessen Spitze abwärts sich eine ungeheure Geröll- und Trümmerhalde erstreckte, an deren unterem Ende die Ruinen von Steinhäusern und die zerfallenen Reste eines Steinwalls zu sehen waren. Im Norden ragte weit hinten, selbst in der großen Entfernung noch riesenhaft wirkend, ein pyramidenhaft emporragender Berggigant auf. Seine völlig vereiste Südflanke leuchtete blendend auf. Das erinnerte ihn daran, dass beim Hergehen die schon höher gewandernte Sonne das Weiß der Silíwiblüten zu vibrierender Glut entfacht hatte und er wie durch ein blendend leuchtendes Kirchenschiff gegangen war, dessen Decke sich in die Unendlichkeit aufwölbte und dessen Ende der unsichtbare Hochaltar eines Gefühls war, das ihn immer tiefer in ein ihm bis dahin vollkommen fremdes Gemeinsamkeitsgefühl mit der Gesamtheit der ihn umgebenden Natur einsinken hatte lassen. Jetzt, wo er hier saß und durch die Gegenwart des Doktors und durch ihr Gespräch wieder in die Realität des Normlebens zurückgekehrt war, hatte sich die reine Magie dieses Empfindens verloren, aber ein zurückgebliebener Anhauch vermittelte ihm immer noch ein freudiges Hochgefühl, das er nicht in Worte fassen konnte. Der Doktor hatte ihn hin und wieder angesehen, hatte kaum merklich gelächelt und sagte dann:

„Wie ich sehen kann, hat Sie der Genius loci dieses Ortes bewegt. Das ist der Hauptgrund, warum ich die Einsamkeit dieses Platzes hier so liebe. Die Stille beginnt Geschichten zu erzählen, die weit von den Fährnissen des Lebens wegführen. Es sind wortlose Engramme einer außermenschlichen Wahrheit, aber sie bewegen dennoch, wahrscheinlich gerade deswegen, die Seele.“

„Ich hätte es nicht so aussprechen können. Ich habe die ganze Zeit nach Worten gesucht, aber keine gefunden. Ich muss mich dafür bedanken, dass Sie mir…das Gefühl…die Gewissheit gegeben haben, kein…kein tagträumerischer Dummkopf zu sein!“ Er lachte plötzlich erheitert auf. „Bei unserem Gespräch hätte mein Vater zugegen sein sollen, er hätte endlich die endgültige Bestätigung seines Urteils über mich bekommen!“

„Ach Gott, man kann sich seinen Vater nicht aussuchen. Und ab einem bestimmten Punkt seines Lebens sollte man ihn auch nicht mehr benötigen! Wenn man es je getan hat!“

„Ich bin nicht hier, um meinen Vater zu vergessen, das hätte ich wahrscheinlich überall auf der Welt auch können. Ich bin hier…“ er stockte und der Doktor sagte lachend:

„Natürlich, weil Ikawú sie hier abgeliefert hat!“

„Wie ein schlecht frankiertes Paket!“

„Das wird es wohl sein!“

Beide lachten herzlich, sie griffen gleichzeitig jeder nach seinem Glas, sie tranken und die vorherige Stille entstand wieder.

Jacobo fiel plötzlich auf, dass das Püppchen als beinahe irrealer Gegensatz zu den anderen Gegenständen nahe der Tischkante links neben ihm lag. Er hatte es den ganzen Weg hierher immer in der rechten Hand getragen, hatte es immer wieder angesehen und war jedes Mal von einem leichten, irrealen Schuldgefühl befallen worden, weil ihre Beinchen unnatürlich abwärts gebogen am Körper hingen und es daher Schmerzen empfinden müsste, ebenso hatte er gefürchtet, ihr durch das Festhalten beim Tragen wehzutun. Er war sich der Kinderei dieser Gedanken durchaus bewusst, aber die Worte dieses Kindes, das auf ihn traurig und vereinsamt gewirkt hatte ‚du musst sehr lieb zu ihr sein‘ und dann auch noch die Seltsamkeit des Namens dieser Puppe ‚Stella‘, was ‚Stern‘ auf Lateinisch hieß, hatten ihn wohl beeinflusst, ohne dass es ihm bewusst geworden wäre.

Der Doktor, der während ihres Gesprächs auch immer wieder das Püppchen angesehen hatte, unterbrach die Stille, indem er sagte:

„Ich glaube diese Puppe zu kennen. Sie können es nur von dem kleinen Mädchen gekauft haben, das immer ganz am Rand des Marktes auf der Plasha sitzt. Sie wirkt immer so traurig. Sie strickt manchmal einen Pullover für mich, die Nächte können hier oft sehr kühl sein. Ist es für Miwí?“

„Sie sind erstaunlich gut informiert, ja!“

„Die Buschtrommeln funktionieren hier bestens.“ Er erhob sich und fügte lächelnd hinzu „Wie ich annehme, haben Sie mit Mama Mafaló noch einiges zu besprechen!“

Jacobo stand ebenfalls auf.

„Ich…ja, ich weiß es nicht genau, ich weiß auch nicht, warum es sich handeln könnte.“

„Das werden Sie ja sicher noch erfahren. Ich würde Ihnen auch anraten, sich die heutige baiwa da lash tambówash anzusehen!“

„Was ist das?“

„Hingehen, ansehen, mittun! Auf Wiedersehen, Shengwó Dominguín!“

Ein Deal mit Mama Mafaló

Als er auf das Haus vor dem Mama Mafalós zuging, sie waren ungefähr dreißig Meter voneinander entfernt, sah ihn Miwí, die neben der alten Frau auf der Bank vor dem Haus saß, sie sprang auf und lief ihm entgegen. Er versteckte das Püppchen hinter dem Rücken und als sie, etwas nach Luft ringend, vor ihm stand, sagte sie mit übertrieben gerunzelten Augenbrauen rügend:

„Tití! Wo warst du denn die ganze Zeit? Wir haben schon auf dich gewartet!“

Er hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen, obwohl er sich keiner Schuld bewusst war. Die Bemerkung des Doktors, dass er eine Verabredung mit der alten Frau hätte, fiel ihm ein.

„Ja… warum habt ihr auf mich gewartet? Ich weiß es nicht so recht!“

„Komm endlich, die Oma wird es dir schon sagen!“

„Gut. Aber zuerst muss ich dir noch etwas schenken!“

Sie runzelte wieder die Augenbrauen und versuchte ein ernstes Gesicht zu machen.

„Du willst mir was schenken? Mir hat noch nie wer was schenken wollen!“

Es hatte für ihn den Anschein, dass sie die Bedeutung des Wortes ‚schenken‘ gar nicht richtig begriff, er fühlte sich übergangslos wieder so fehl am Platz zu sein, wie die ersten Minuten nach seiner Ankunft in der Plasha do Boshu. Sie hüpfte herum, machte die Bittebittebewegung und rief:

„Tití will mir was schenken! Tití will mir was schenken! Was ist es!“

„Mach die Augen zu!“

Sie hörte zu hüpfen auf, sah ihn mit einem strahlenden Lächeln an und kniff dann die Augen krampfhaft zu, wobei sich ihr Gesichtchen zu einer herzig-skurrilen Grimasse verzog. Sie presste noch einmal fest die Augen zu und schlug dann die Hände vor ihr Gesicht. Er war von ihrer Begeisterung berührt und eigenartigerweise durch den Ablauf dieser Mimik und Gestik beschämt, denn in ihm zeigten sich Freude und Erwartung in einer reinen, unschuldigen Absichtslosigkeit. Ein Bild, in dem das Weiß der Silíwiblüten und das Sonnenlicht verschmolzen zeigte sich und versank, er verspürte selbst einen Anhauch von Freude, dann hielt er ihr die Puppe hin und rief:

„Augen auf!“

Sie zog die Hände langsam weg, atmete, immer noch mit krampfhaft geschlossenen Augen ein und stieß die Luft mit einem lauten Seufzer aus. Dann riss sie die Augen weit auf und verharrte einige Sekunden völlig reglos. Sie machte einen kleinen Schritt auf ihn zu und berührte die Puppe vorsichtig mit der rechten Hand, so, als ob sie sich vergewissern wollte, dass alles wirklich so war, wie sie es sah.

„Sie ist so schön. Ich hab noch nie eine Puppe gehabt. Sie gehört wirklich mir?“ fragte sie und zog langsam die Hand zurück.

„Ja, sie heißt Stella und sie gehört dir ganz allein!“

Sie packte die Puppe mit einer heftigen Bewegung, drückte sie an die Brust und rief herumhüpfend:

„Sie gehört mir! Sie gehört mir!“ Dann drehte sie sich um und lief zum Haus zurück. Sie schwenkte die Puppe in der erhobenen rechten Hand und rief ununterbrochen:

„Oma, schau, was mir Tití geschenkt hat. Das ist Stella, sie gehört mir, sie gehört mir!“

Jacobo war Miwí mit schnellen Schritten gefolgt und kam gleichzeitig mit ihr bei Mama Mafaló an, die aufstand und sagte:

„Es ist lieb von dir, der Kleinen so eine schöne Puppe zu schenken! Komm, setz dich zu mir! Ich muss dich was fragen.“

Sie setzte sich, klopfte mit der rechten Hand auf die Bank und sagte stockend:

„Komm … setz dich bitte“, er setzte sich zögernd und sie fuhr fort „ich…Miwí hat dich gestern hergebracht. Ich hab gar nicht gewusst, dass sie weggelaufen ist, ich hab gedacht, sie macht Aufgaben, die Fwaila und Shailani, das ist ihre Enkelin, bringen den Kindern Lesen und Schreiben bei. Und dann kommt sie mit dir her, Hand in Hand und hat lachend gesagt ‚Oma, da hab ich dir Tití mitgebracht‘. Ich hab nicht gewusst, was sie meint und du warst so irgendwie…nicht richtig da.

Ich meine, sieben Tage im Urwald können sehr lang sein, und gefährlich auch und dann die Silíwiblüten, ihren Geruch muss man gewohnt sein, durch viele Jahre, er macht schwindlig, oder auch traurig oder froh, wie man halt so selbst ist. Ich hab gesehen, dass du sehr müde und hungrig warst…“

Miwí, die mit der Puppe gekuschelt hatte, runzelte wieder ihre Augenbrauen, wie es Jacobo bereits kannte und es als sehr herzig empfand, unterbrach sie ungeduldig:

„Oma! Sag schon, was wir besprochen haben!“

„Wir haben etwas besprochen? Ach ja, besprochen. Weißt du, Tití, eigentlich haben wir ja nichts besprochen, es ist halt, es ist so, dass nachdem die Eltern von Miwí gestorben sind, im Urwald, niemand weiß, was war, da sind wir dann halt ganz allein gewesen, und ich kann alles nicht mehr allein machen, die ganze Arbeit, im Küchengarten, der ist sehr schön und sehr groß, aber man muss das Wasser vom Brunnen herschleppen, dann das Unkraut, es wächst schneller als das Gemüse, die Hühner machen ja keine Arbeit. Die Felder gehören jetzt Miwí, die sind verpachtet, wir bekommen dann dafür Maismehl und Bohnen.

Ich hab fragen wollen, ob du uns helfen kannst, ich meine bei der Arbeit im Küchengarten und Holz hacken, das alles wird mir langsam zu viel und wir können es nicht bezahlen, dass es wer anderer macht, du könntest bei uns wohnen und zu essen bekommst du auch und dann etwas Geld, wenn das Öl von den Silíwifrüchten verkauft wird, das dauert aber noch lang…“, sie schwieg betreten und verwirrt, legte den Arm um Miwís Schulter, die sich an sie kuschelte und Jacobo mit großen Augen ansah. Sie hatte die Worte mit unbewegter Stimme sehr leise heruntergeleiert und senkte, als sie geendet hatte den Blick, so als ob sie es als demütigend empfinden würde, ihn um Hilfe bitten zu müssen.

Jacobo war beschämt, weil ihm sein Schuldgefühl sagte, dass er ihre Reaktion wahrscheinlich durch seine gestrige Unachtsamkeit verursacht hatte. Wobei es ihm in der Rückerinnerung noch immer nicht möglich war zu erkennen, was er überhaupt empfunden und gedacht hatte, denn alle auftauchenden Bilder waren wie von leicht irisierendem Nebel umgeben. Es ist alles so, als ob ich selbst gar nicht dabei gewesen wäre, schoss es ihm durch den Kopf. Er legte impulsiv seine rechte Hand auf ihre linke, die während sie gesprochen hatte, unbewegt auf der Tischplatte gelegen war.

„Es würde mich freuen für euch zu arbeiten. Natürlich besonders für dich, Miwí!“

Die Kleine sprang auf, umarmte ihn, immer noch die Puppe in der Hand und rief:

„Hurra, Tití arbeitet für uns! Hurra, Tití arbeitet für uns!“

Die alte Frau sah ihn befreit lächelnd an.

„Danke, danke, wir werden uns sicher gut vertragen. Komm, gehen wir Mittag essen!“

Der Küchengarten

Jacobo war beim Anblick dessen, was Mama Mafaló als Küchengarten bezeichnet hatte erschrocken gewesen, denn es handelte sich dabei um ein kleineres Feld, das mit Unkraut wild überzogen war, so dass dessen darauf wachsendes Gemüse kaum mehr zu erkennen war. Es war auch leicht ersichtlich gewesen, dass es für eine ältere Frau sehr beschwerlich war die hier notwendige Arbeit zu leisten. Er hatte zuerst gedacht, dass sich Herkules, als er die Ställe des Augias gesehen hatte, ungefähr so wie er gefühlt haben musste, dann, nach diesem ersten Erschrecken, das ihn hatte befürchten lassen, dass auch er überfordert wäre, war er absurderweise froh darüber gewesen, vor einer Herausforderung zu stehen, deren Bewältigung für zwei Menschen eine große Hilfe bedeuten würde. Und er selbst hätte dadurch die Möglichkeit bekommen, sich hier einzufügen und sich seinen Unterhalt redlich zu verdienen.

Jetzt stand er wieder vor diesem Küchengarten und es war ihm ein Rätsel, wie er dieses Unkraut ausraufen sollte, denn das Gartengerät, das ihm Mama Mafaló in die Hand gedrückt hatte, sie hatte es Haue genannt, war klein und sehr leicht und es schien ihm daher für den vorgesehenen Zweck äußerst ungeeignet zu sein. Das herzförmige, kleine Blatt war geradezu zierlich und die Funktion der beiden nach hinten wegstehenden, langen Spitzen war ihm sowieso ein Rätsel. Er hatte angenommen, sich mit Arbeitsgerät auszukennen, denn weil ihm sein Vater jede finanzielle Unterstützung entzogen hatte, war er gezwungen gewesen, Geld zu verdienen. Nachdem er bis dahin jedoch nichts anderes gelernt hatte als Latein, Altgriechisch und Mathematik zu hassen, hatte er die beiden letzten Jahre jede Arbeit annehmen müssen, die er bekommen hatte. Er hatte Möbel, Kisten, Säcke und alles was nur irgendwie per Hand transportierbar war treppauf-treppab geschleppt; hatte Nägel in Fußbodenbretter geschlagen, mit Hammer und Meißel elendslange Ritzen in dicke Mauern für Installationen geschlagen; hatte auf Baustellen Zementsäcke, Ziegel und Balken herumgeschleppt und hatte zusätzlich zur Erbauung und Weiterbildung etwa zwei- oder dreihundert Flüche und Beschimpfungen gelernt und dazu ebenso viele Ausdrücke für die Geschlechtsteile, für die damit ausgeübten Tätigkeiten und für die Einteilung und Beurteilung der dabei involvierten Personen. Er kannte so ziemlich jedes Arbeitsgerät von einer Kneifzange, von Hämmern, Schraubenziehern bis hin zu einem Presslufthammer, aber dieses Winzding hatte er noch nie gesehen. Einen Korb für das ausgejätete Unkraut gab es auch noch, in dem es zum Komposthaufen getragen werden musste.