Wachskind - Olga Ravn - E-Book

Wachskind E-Book

Olga Ravn

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Beschreibung

Mit ihrem neuen Roman ›Wachskind‹ liefert Ravn eine ungeahnte literarische Perspektive auf die Zeit der europäischen Hexenverbrennungen. Christence Kruckow, eine unverheiratete Adlige, wird im Dänemark des 17. Jahrhunderts der Hexerei beschuldigt. Ihr und mehreren anderen Frauen wird nachgesagt, sie seien vom Teufel besessen. Dieser sei in Gestalt eines großen kopflosen Mannes zu ihnen gekommen und habe ihnen dunkle Kräfte verliehen: Sie könnten Menschen ihr Glück rauben, unchristliche Taten begehen und Pest oder Tod verursachen. Dadurch droht ihnen allen der Scheiterhaufen. Olga Ravn erzählt in ›Wachskind‹ eine beunruhigende Horrorgeschichte über Brutalität und Macht, Natur und Hexerei, die in den fragilen Gemeinschaften des vormodernen Europas spielt. Dabei greift sie neben üppiger Erzählkunst und reicher Fantasie auch auf Originalquellen wie Briefe, Zaubersprüche, Handbücher und Gerichtsdokumente zurück.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Olga Ravn

Wachskind

Olga Ravn

WACHSKIND

Aus dem Dänischen vonAlexander Sitzmann

MÄRZ

HEXEREIGERÜCHT

Ich bin ein Kind aus Bienenwachs. Geformt zu einer Puppe von der Größe eines menschlichen Unterarms. Man hat mich mit Haaren und Nägeln der Person versehen, die leiden soll. Ich wurde von meiner Herrin 40 Wochen lang unter ihrem rechten Arm getragen, als wäre ich ein echtes Kind, und mein Wachs wurde aufgeweicht von ihrer Wärme. Schließlich brachte sie mich zu einem Pfarrer, es war Nacht, und die Kirche war dunkel und still, und er taufte mich, das Wachskind. Ich war ein Werkzeug. Das war auf dem Gut Nakkebølle in Südfünen. Mein Mund aus Wachs lässt sich nicht öffnen.

Ich kenne die Menschen genau, doch sie kennen mich nicht. Ich bin ein Abbild in Ermangelung eines Kindes. Ich habe solch eine unerhörte, schachtförmige Sehnsucht nach der, die mich erschuf, ihr Name war Christenze Kruckow. Ihr Schweiß duftete so würzig nach … Nelken, gleichsam. Da waren Wagen und Pferde und Soldaten. Da war Majoran und Thymian und Hagebutte. Da waren Schiffe, die weit übers Meer fuhren, um Anspruch auf Gebiete zu erheben. Da waren Schiffe, gefüllt mit Körpern in der Dunkelheit des Frachtraums. Da war ein Schrei. Und eine Verfeinerung. Das feinste Muster, von der Sonne durch das Gitter des Beichtstuhls geworfen. Und durch die Städte zogen religiöse Prozessionen und sangen wunderschöne Lieder.

Das Jahr ging dahin, und die Jahre gingen dahin. Und ich war ein Wachskind. Ich alterte nicht. Ich lag in der Erde und sah das Ganze. Insekten und Würmer kamen näher, verschwanden dann aber wieder, als sie ahnten, dass ich vergiftet war. Ich sah Reiche entstehen, Staaten sich etablieren, Macht sich zentralisieren. Ich sah die Wolken vorbeieilen. Ich sah das Öl wie Farnkraut aus der Erde schießen, in großen, glänzenden Zungen. Ich sah in die Luft gereckte Fäuste. Ich sah Messer aufblitzen, Kinder spielen. Ich sah Dampflokomotiven, die kleinsten Teilchen gespalten und gesprengt. Ich lag in der Erde. Und von dort aus konnte ich, zu gewissen Zeiten des Monats, den leuchtenden Mond betrachten. Niemand trug mich mehr.

Nie hört jemand auf das, was ich sage. Obwohl ich die ganze Zeit über spreche. Ich bin ein Klumpen Bienenwachs, geformt nach dem Abbild eines Neugeborenen. Ich bin nicht mehr als das, was schmelzen und über Nacht wieder erstarren kann. Niemand kommt zu mir herunter. Ich liege da und spreche mit meinen Augen. Meine Familie gibt es nicht mehr, oder meine Art von Familie, eine sehr große, gibt es nicht mehr. Und immer noch spreche ich. Nur ein Strom von Worten, der ständig aus mir hinausgleitet, und mir selbst ist es auch manchmal peinlich. Aber ich kann es nicht aufhalten, der Mund macht immer weiter, doch trotzdem, nein, ich weiß nicht, wie mir die Worte entschlüpfen, ich habe ja keine Kehle, kein Stimmband, keine Zunge. Doch wen interessiert das? Kinder soll man sehen, nicht hören, wie es heißt. Aber ich sage ja, ich bin kein Kind, nur etwas, das einem ähnelt. Etwas, das sich danach sehnt, eines zu sein. Ich bin ein inneres Ereignis. In meiner Natur unfertig oder zum Warten verdammt. Ich warte auf meine Herrin, die nie kommt, weil sie tot ist. Jetzt spreche ich wieder zur Erde, die auf meinem Gesicht liegt. Jetzt spreche ich wieder zu dem halbverkohlten, dem bald kompostierten Apfel, den jemand dort weggeworfen hat, wo ich nun liege.

Es gab eine Nacht, in der ich mich noch im Bett meiner Herrin befand. Ja, ich erinnere mich daran. Sie erwacht mit einem Ruck, setzt sich auf, schaut hinaus. Es gibt auch andere in den Häusern der Stadt um sie herum, die auf die gleiche Weise erwachen. Sie wissen nicht, warum. Sie haben so ein merkwürdiges Gefühl. Ich betrachte sie. Ich kann ihre Gedanken hören. Etwas ist nicht in Ordnung. Es ist, als wäre das Meer in ihre Zimmer geschwappt, die salzige Luft. Sie wissen es noch nicht, aber trotzdem ahnen sie es. Die Erde dreht sich langsam in die Moderne hinein. In einem unmerklichen Augenblick hat die alte Welt endgültig gegen die neue verloren.

Wenn eine Frau in meiner Nähe ein Kind gebären sollte, lag ich in der Erde und wurde gleichsam emporgehoben, als wäre jede Ankunft eines Kindes eine Chance, einen Platz zu erhalten, dass meine Seele in eines der Neugeborenen hineinfahren und mein Mund sich öffnen und seinen ersten Schrei ausstoßen würde. Doch ich blieb liegen.

Wenn eine Frau in meiner Nähe ein Kind gebären sollte, wurde ein Eilbote zur Hebamme und den Frauen geschickt, die die Gebärende im Voraus gebeten hatte zu kommen. Sie ließen alles stehen und liegen und kamen so schnell, wie sie konnten. Einige in der Nacht, andere am frostklaren Morgen; mit raschen Schritten kamen sie und übernahmen den Haushalt, sobald sie eingetreten waren. Sie führten eine neue und zeitweilige Ordnung ein, der sich alle, die sich sonst im Haus aufhielten, fügen mussten. Ich sah diese Frauen einen Ring um die Gebärende bilden und sie in die Badestube führen. Ich sah sie Wasser über die glühenden Steine gießen, ich sah den Nebel und die dampfenden Kräuter. Sie entkleideten die Gebärende, und die Nackte war Anne Bille, Nakkebølles junge Herrin. Und neben der Steinmauer der Badestube hatte man mich in die Erde gelegt, und ich lag dort und lauschte Anne Bille, die ihr erstes Kind gebar. Und die Hebamme kam mit langen Schritten, sie war dafür bekannt, den Schmerz der Gebärenden auf eine andere übertragen zu können, und man sagte dann, dass die, die den Schmerz der Gebärenden übernahm, das Hautkleid für sie trug. Und die Frauen im Haus wechselten sich dabei ab, für Anne Bille das Hautkleid zu tragen. Und meine Herrin, Christenze, konnte es am längsten tragen, und da sagte man, das sei, weil sie nie einen Mann bei sich gehabt habe und deshalb die Kraft einer Jungfrau besitze. Und später am Vormittag kam Eiler, Annes Ehemann, zurück zum Gut, und er stand da und trat gegen den Kies vor der Steinstube, und dann sagte er, ich hörte es, zur Hebamme, dass es doch ein fürchterlicher Lärm sei, den seine Frau dort drinnen machte, und wie weh könne es tun, und da sah ich die Hebamme die Augen zusammenkneifen, und ohne dass er begriff, was geschah, streifte sie ihm das Hautkleid über, und er fiel augenblicklich um und schrie: Oh, helft mir, ich habe so fürchterliche Schmerzen, und da lachten alle Frauen, da standen Christenze und Ousse und die anderen und schrien vor Lachen, und Ousse sagte: Da hat sie dir in der Tat das Hautkleid übergezogen, damit du lernen kannst, was deine Frau durchmacht, um deinen Nachkommen zur Welt zu bringen.

Aber jedes Mal, wenn Anne gebar, ganz gleichgültig, wer das Hautkleid trug, starb das Kind in den darauffolgenden Tagen, ich hörte eines von ihnen schreien, als hätte es den Tod gesehen, und danach hauchte es an Anne Billes Brust sein Leben aus, nicht einmal eine Nacht alt, und andere Kinder waren blau und leblos, viel zu klein, als sie sie gebar. Da sagte eines Tages meine Herrin zu Anne: Anne, ich habe bemerkt, dass es dir schlecht geht. Komm herüber zu mir, dann gebe ich dir etwas Schafmilch. Jetzt hast du vier Kinder geboren, von denen keines mehr lebt. Lass mich dir helfen, das nächste zu behalten. Und meine Herrin ging hinaus und molk ein Schaf. In der Küche nahm sie einen Esslöffel und füllte ihn mit Milch, und als sie Anne draußen am Eingang hörte, nahm sie mit zwei Fingern aus ihrer Tasche eine Spinne und legte sie in den Löffel mit der Milch, sodass das Spinnentier von der Flüssigkeit bedeckt wurde. Dann stand sie mit dem Löffel bereit, als Anne hereinkam, und Anne ging gehorsam zum Löffel, und Anne nahm den Löffel ohne ein Wort in den Mund und schluckte nichtsahnend Milch und Spinne in einem Schluck, und dann ging sie ihrer Wege. Sie war im achten Monat schwanger und voller Hoffnung und Sorge, jeder Rat war ihr willkommen. Und als das Kind kam, war es wohlgeformt, lebendig, mit der richtigen Anzahl Zehen und Finger, ein Mädchen mit prallen Wangen, und da saß Anne im Wochenbett und strahlte, ein Seufzer der Erleichterung ging nicht nur durch Nakkebølle, sondern durch ganz Südfünen, endlich ein vor Gesundheit strotzendes Kind für Anne, und sie wickelte es. Aber am nächsten Morgen lag das Kind kalt in seiner Wiege. Ousse war es, die es fand, und Anne drehte sich nur im Bett auf die Seite, mit dem Rücken zum Kind, ohne ein Wort. Ich lasse sie liegen, damit du Lebewohl sagen kannst, sagte Ousse, doch Anne antwortete nicht, und Ousse ging in die Küche, sie war Dienstmädchen, um die traurige Nachricht zu verkünden. Und dort saß Ousse immer noch, als Anne mit dem Kind angerannt kam. Es lebt, es lebt!, schrie sie und zeigte es her, und Ousse und Anne beugten sich über das Neugeborene, und es stimmte, das Gesicht mit den geschlossenen Augen bewegte und verzog sich, der Mund machte klitzekleine Bewegungen, und die Lippen öffneten sich langsam, als wollten sie einen fragenden Laut entschlüpfen lassen. Da kannst du es sehen, Ousse!, rief Anne. Sie lebt! Und der Mund des Kindes öffnete sich, und heraus kam nicht ein Laut, sondern eine Spinne; sie standen wie versteinert über dem Neugeborenen, als die Spinne blitzschnell über sein Gesicht kroch und davonsprang, und Anne schrie und ließ das Kind los, dessen Körper auf den Steinboden fiel.

Und so ging es beinahe zwölf Jahre weiter, und als Anne 32 war, hatte sie fünfzehn Kinder geboren und verloren. Und mit jedem Kind war sie böser und zorniger geworden, unglücklich, gewalttätig, und sie kratzte ihre Dienstboten im Gesicht, und sie stach sich beim Mittagessen eine Gabel in die Hand und lachte laut, und sie sah zu Christenze hinüber, meiner Herrin, damals immer noch jünger, nicht jung, vielleicht 36 Jahre alt, aber immer noch unverheiratet und eine begeisterte Reiterin, oft trug sie zum Mittagessen immer noch ihre Reitstiefel, und Anne schielte hinüber zu der rotbackigen, unverheirateten Adelsfreundin und presste zwischen den Zähnen hervor: Du, du bist es, du bist eine Hexe, aber Christenze lachte nur und verdrehte die Augen und trank mehr Wein, und es gab Augenblicke, in denen Christenze, meine Herrin, dachte, es wäre besser gewesen, wenn sie als Mann geboren worden wäre, schon als Kind war ihr aufgefallen, dass sie Schwung in sich hatte und Kraft; und bekam sie die Chance, keck eines der anderen Mädchen zu beschützen und es vielleicht sogar in den Arm zu nehmen, wenn es beim Anblick eines großen Hundes am Wallgraben erschrak, dann verging der ganze Tag in Gedanken daran, was Christenze als das Männliche auffasste, zu beschützen und zu umarmen und zu reiten und zu fechten. Und so hatte Christenze sich nie bei einem Ehemann eingeschmeichelt, hatte nie geheiratet, wollte nicht, wollte weder Bürgermeister noch Amtmann, wollte kein Ehebett und keinen Ehevertrag und keinen Brautschleier und keine Aussteuer, wollte lieber allein reiten und Rotwein trinken und bis tief in die Nacht Briefe lesen, die geköpfte Jungfrau, so sollte sie sich später nennen, also nach ihrem Tod, das war, was ihr abgetrennter Kopf zu mir sagte, inmitten der Flammen, als sie den Kopf und den Körper, den kopflosen, auf den Scheiterhaufen warfen, lebe wohl, mein Kind, erklang ein Seufzer von ihren Lippen, als sie mich auf dem Arm einer anderen vor dem Scheiterhaufen erblickte, und hätte ich weinen können, hätten meine Augen geweint, und hätte ich Worte mit meinem Mund bilden können, hätte ich es getan, aber ich sah ihren abgeschlagenen Kopf sagen: Lebe wohl, mein Kind, lebe wohl von der geköpften Jungfrau. Aber all das war erst viel später. Ich greife den Ereignissen vor. Christenze ist noch am Leben. Es ist Nacht, es ist Nacht über Südfünen. Sie schläft in ihrem Zimmer. Sie hat mich in den Korb gelegt. Das stille Wesen der Nacht windet sich in den Baumkronen wie ein Schnürwerk. Ich glaube, ich liebe sie mit dem Teil von mir, der nie beleuchtet wird.

Wer wissen will, ob ein Kranker leben oder sterben wird, soll einen Stein nehmen, den man Smaragd nennt, und ihn einem Menschen auflegen, der in schwerer Krankheit darniederliegt. Wird er sterben, dann zerspringt der Stein in Stücke. Man muss ihn aufs Herz legen.

Oder zähl so viele Tage, wie er krank darniederliegt, und dann nimm ein Kraut, das ebenso viele Blätter trägt, wie es Tage sind, und häng es dem Kranken um.

Oder nimm Milch von einem Frauenzimmer, das einen Knaben stillt, und schütte sie in den Urin des Kranken. Rühr gut um. Läuft die Milch zusammen, dann wird er wieder gesund.

Oder nimm eine Brotkrume und streiche dem Kranken damit über die Schläfe und gib sie einem Hund zu fressen.

Oder nimm ein bisschen Speck, und reibe die Fußsohlen des Kranken damit ein und wirf dann den Speck einem Hund hin.

Frisst der Hund, ist das ein Zeichen, dass der Kranke wieder gesund wird, wenn der Hund nicht fressen will, stirbt er.

Ein Mann betrat eine Ratsstube in Erwartung vollkommenen Gehorsams. Als Kind ließ man ihn zwischen einem Apfel und einem Messer wählen. Er lernte, ein Schwein zu schlachten. Der Mann, den ich sehe, hat Zugang zu vielen Schlössern und Gütern. Er wohnt nie lange am selben Ort. Er ist unterwegs. Er bestellt sein Reich. Es ist Christian IV. Man liest ihm die Post vor. Er riecht nach verborgenem Blut.

Sie wählte die Nacht, um es zu tun. Sie schürte ein und machte Wasser warm. Im Fenster sah sie eine Sternschnuppe. Es zog. Das Bienenwachs im Topf schmolz zuerst an den Seiten. Es duftete nach Honig. Als sie im Topf umrührte, um die Wachsklumpen zu wenden, war es, als wäre etwas, das sich zuerst draußen in der Dunkelheit rund um das Haus aufgehalten hatte, in die Küche gekommen. Sie konnte seinen Blick auf sich spüren, etwas wie ein Wolf oder ein Elfenwesen, es biss ihr in den Nacken. Sie führte die Hand zu dem Biss. Wie aus dem Nichts schwebten zwei Augen vor ihr in der Luft und betrachteten sie und fielen dann mit einem Klirren wie von Feuersteinen zu Boden. Sie suchte in sich nach einer Kraft, einer Liebe zu sich selbst. Sie band einen Bändel fest um die Hälften der Gussform und rührte das Wachs um, um sich zu versichern, dass alles geschmolzen war. Sie rieb Menschenhaar zwischen ihren Fingern zu einem Knoten und legte es in die Form, bevor sie vorsichtig das Bienenwachs hineingoss. Es lief über und setzte sich in der Form. Sie goss einige Male nach. Während dieser Prozedur fiel ihr auf einmal ihre erste Erinnerung ein, eine Erinnerung, die sie in sich verborgen hatte wie einen Glücksstein oder eine Wake und zu der sie seither viele Male zurückgekehrt ist. Sie liegt in einem Bett bei einem Fenster. Das Bett ist aus hellem Holz, und Licht fällt auf sie. Vom Fenster aus sieht sie zwei oder drei schwarze Vögel mit spitzen Flügeln vorbeifliegen. Das schwarze Schweben der Flügel wiederholt sich im schwarzen Kleid der Mutter oder in ihrem langen Umhang, ihre Mutter und ihr Vater stehen über ihr, sie werden ausgehen, sie erinnert sich nicht an ihre Gesichter, aber an ihre Gestalten und den Klang ihrer Stimmen und dass sie über sie sprechen, doch sie versteht die Worte nicht. Sie sind fröhlich und stolz und auf dem Weg nach draußen. Das ist alles. Jetzt steht sie in der Küche, es ist Nacht. Niemand ist da, der sie kennt. Ich will ihr alles geben, was ich habe. Sie löst die Figur aus der Form. Ich bin es. Sie flüstert gewisse Dinge in mein Ohr. Sie wickelt mich wie ein Kind. Sie räumt auf. Sie entfernt alle Spuren. Sie weiß gewisse Dinge über die Welt. Sie weiß, dass Hexereigerüchte über sie und Ousse im Umlauf sind. Sie muss vorsichtig sein. Aber sie weiß auch, dass der König es nicht wagt, sich gerade jetzt mit dem Adel anzulegen, dass sie von ihrem Titel beschützt wird. Es liegt ein Vergnügen darin, mich zu erschaffen. Es liegt ein Vergnügen in der Vertiefung der Nacht, wo man im Nabel der Welt sein kann.

Sie glaubte felsenfest daran, dass man ihr nichts anhaben konnte. Dass sie unbesiegbar war wie ein Stern. Aber ich sah deutlich, dass ein solcher Stern wie sie ein Stern aus Haar war, und das Haar schlängelte sich langsam hinaus wie die Triebe der Ackerwinde, setzte sich an allem fest, womit es in Berührung kam, wickelte sich darum und saugte die Kraft seiner Umgebung aus, um sie dann zurück an sein Sternenzentrum zu senden, den Hohlraum, wo die Wachskinder wohnen. Sie tun recht daran, mich zu fürchten, dachte Christenze; aber für mich war meine Herrin harmlos, wundervoll wie der Schaum auf der Wellenkrone, wenn sie sich in ihr erstes, ihr endgültiges Schweben wirft.

Entlang der Mauer um Nakkebølle wuchsen diese kleinen Glockenblumen, und es waren diese Blumen, die in ihren Hüllen Tautropfen trugen, und in diesen Tautropfen war ein Wortwechsel im Keller des Guts bewahrt, sodass ich, als ich mit dem Wasser der Glockenblumen in Berührung kam, das Ganze hörte. Unten im Keller saß Ousse an die Wand gekettet und weinte, und Anne stand vor ihr und gab ihrem Scharfrichter den Befehl, Ousse mit einer rotglühenden Zange zu kneifen.

Sag es, Ousse, sagte Anne.

Anne, Anne, schluchzte Ousse, als wollte sie Anne zur Vernunft bringen, Gott hat dir ein schreckliches Kreuz zu tragen gegeben, dass alle deine Kinder so früh sterben sollten, aber ich bin es nicht, Anne, ich habe nichts getan.

Kneif sie noch einmal, sagte Anne, und der Scharfrichter legte das Eisen um ihren Daumen, und dieser Schrei war es, der in den Tautropfen vibrierte. Ich glaube, dass man, wenn man heute nach Nakkebølle reist und das Ohr an den Tau hält, gerade nachdem er entlang der Mauer gefallen ist, diese Schreie immer noch hören kann. Und jetzt spricht Anne ganz leise, so als wäre sie ganz dicht an Ousses Ohr:

Wer ist es, Ousse? Wer hat meine Kinder umgebracht?

Gott, es ist Gott, Anne, jammerte Ousse.

Lass sie es noch einmal spüren, sagte Anne. Und dann: Nein, Ousse, es ist etwas Böses, es muss Satan sein. Aber etwas hat Satan hier drinnen eingeschlossen, hier drinnen in meinem Bauch. Wer ist es, Ousse? Ich weiß ja, dass du es bist, aber wer noch?

Jetzt nur ein Wimmern von Ousse, als wäre sie bloß eine Glockenblume dort unten, die im Wind zittert.

Du warst es, nicht wahr, Ousse? Gut, das ist gut, du nickst. Dann kommst du auch in den Himmel, wenn du deine Sünden bekennst. Liebe Ousse, die ich schon so lange kenne, ich bin ganz krank vor Kummer, aber ich kann spüren, dass es gegen den Kummer hilft, wenn die Wahrheit ans Licht kommt, das ist alles, was ich will. Es ist so gut für dich, Reinigung zu erfahren, dann kannst du Vergebung von Gott erhalten, das ist richtig gut, und der Scharfrichter hier soll mein Zeuge sein, aber sieh jetzt zu, dass du alles zugibst, Ousse, du sollst ganz rein vor Gott stehen, du sollst ganz rein von der Sünde sein, es darf kein einziger Schandfleck übrigbleiben, wenn er dich aufnehmen soll. Also muss ich dich ein letztes Mal fragen, Ousse, und jetzt sollst du mir ehrlich antworten, sonst bin ich dazu gezwungen, ihn darum zu bitten, das Eisen erneut heiß zu machen. Denn du verstehst doch, dass ich jetzt durchschaut habe, dass du mich die ganze Zeit belogen hast, dass du einer der Gründe dafür bist, dass ich all diesen Schmerzen ausgesetzt worden bin, aber ich vergebe dir, Ousse, denn ich weiß, dass es eine andere gibt, die dich verführt hat, eine listige Schlange, die ich hier im Haus an meiner Brust genährt und meine Freundin genannt habe, und das ist Christenze, nicht wahr, Ousse? Christenze ist es, die hinter all dem steht, nicht wahr? Sie hat mich immer gehasst, weil ich verheiratet bin und sie es nicht ist; weil sie kein Geld hat, auch wenn sie adelig ist. Und weil sie hässlich ist, und dafür kann sie ja nichts, aber das hat sie ganz verdreht werden lassen und dazu gebracht zu glauben, sie verdiene Besseres, und jetzt kann ich es sehen, Ousse, sie steht hinter der ganzen Sache, und sie hat dich sicher mit Drohungen zu Stillschweigen verpflichtet, ja, das muss sie getan haben, du darfst dich deswegen nicht schlecht fühlen, Ousse, du warst nur ein Werkzeug in den falschen Händen, und Gott und alle werden dir vergeben, wenn du nur den Namen deiner bösen Herrscherin über die Lippen bringst. Meine liebe Freundin, kannst du dich erinnern, als wir am Bartholomäustag Feldblumen pflückten und uns schworen, dass wir einander immer treu sein würden? Es ist Christenze, nicht wahr? Du nickst. Öffne deine schönen Augen, sodass ich meine alte Ousse sehen kann. Ja, jetzt laufen dir die Tränen der Erleichterung über die Wangen. Nur ruhig, so wahr wie ich damals auf der Wiese deine Hand in meine nahm, werde ich dafür sorgen, dass Christenze ihre Strafe erhält.