Wächter der Drachen - Robin Hobb - E-Book

Wächter der Drachen E-Book

Robin Hobb

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12,99 €

Beschreibung

Sie versprachen, die Drachen zu schützen – doch sie brachen ihr Wort!
Unverzichtbar für echte Fantasy-Fans: das berühmte Spin-off der Weitseher-Saga!


Die große Drachin Tintaglia rettete einst die Händler von Bingstadt. Dafür schworen ihr diese, ihre Brut zu beschützen. Doch die Dankbarkeit der Menschen währte nur so lange, wie sie sich davon einen Vorteil erhofften. Und als sich die Drachenbrut als missgestaltet und schwach erwies, zogen die Händler ihren Schutz zurück. Nun benötigen die jungen Drachen eine neue Heimat. Ihre verbliebenen menschlichen Freunde sehen nur eine Möglichkeit: Kelsingra, die verlorene Stadt der Drachen inmitten der Regenwildnis. Doch der Weg dorthin ist mühsam. Niemand weiß, ob alle Drachen die Reise überstehen werden – und ob Kelsingra überhaupt noch existiert.

Die Regenwildnis-Saga von Robin Hobb ist unabhängig von der Weitseher-Saga lesbar und erscheint komplett bei Penhaligon:
1. Wächter der Drachen
2. Stadt der Drachen
3. Kampf der Drachen
4. Blut der Drachen

Dieser Roman ist bereits unter dem Titel »Drachenhüter« auf Deutsch erschienen. Er wurde für diese Ausgabe komplett überarbeitet.

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Seitenzahl: 909

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Buch

Die große Drachin Tintaglia rettete einst die Händler von Bingstadt. Dafür schworen ihr diese, ihre Brut zu beschützen. Doch die Dankbarkeit der Menschen währte nur so lange, wie sie sich davon einen Vorteil erhofften. Und als sich die Drachenbrut als missgestaltet und schwach erwies, zogen die Händler ihren Schutz zurück. Nun benötigen die jungen Drachen eine neue Heimat. Ihre verbliebenen menschlichen Freunde sehen nur eine Möglichkeit: Kelsingra, die verlorene Stadt der Drachen inmitten der Regenwildnis. Doch der Weg dorthin ist mühsam. Niemand weiß, ob alle Drachen die Reise überstehen werden – und ob Kelsingra überhaupt noch existiert.

Autorin

Robin Hobb wurde in Kalifornien geboren, zog jedoch mit neun Jahren nach Alaska. Nach ihrer Hochzeit zog sie mit ihrem Mann nach Kodiak, einer kleinen Insel an der Küste Alaskas. Im selben Jahr veröffentlichte sie ihre erste Kurzgeschichte. Seither war sie mit ihren Storys an zahlreichen preisgekrönten Anthologien beteiligt. Mit »Die Gabe der Könige«, dem Auftakt ihrer Serie um Fitz Chivalric Weitseher, gelang ihr der Durchbruch auf dem internationalen Fantasy-Markt. Ihre Bücher wurden seither millionenfach verkauft und sind Dauergäste auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Robin Hobb hat vier Kinder und lebt heute in Tacoma, Washington.

Die Regenwildnis-Saga von Robin Hobb ist unabhängig von der Weitseher-Saga lesbar und erscheint komplett bei Penhaligon:

1. Wächter der Drachen

2. Stadt der Drachen

3. Kampf der Drachen

4. Blut der Drachen

Die Chronik der Weitseher von Robin Hobb bei Penhaligon:

1. Die Gabe der Könige

2. Der Bruder des Wolfs

3. Der Erbe der Schatten

Das Erbe der Weitseher von Robin Hobb bei Penhaligon

1. Diener der alten Macht

2. Prophet der sechs Provinzen

3. Beschützer der Drachen

Das Kind der Weitseher von Robin Hobb bei Penhaligon

1. Die Tochter des Drachen

2. Die Tochter des Propheten

3. Die Tochter des Wolfs

Besuchen Sie uns auch auf www.instagram.com/blanvalet.verlag und www.facebook.com/blanvalet.

Robin Hobb

Wächter der Drachen

Roman

Deutsch von Simon Weinert

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Dragon Keeper (Rain Wilds Chronicles Book 1)« bei Spectra, New York.Dieser Roman ist bereits unter dem Titel »Drachenhüter« auf Deutsch erschienen. Er wurde für diese Ausgabe komplett überarbeitet.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Copyright der Originalausgabe © 2010 by Robin HobbCopyright dieser deutschsprachigen Ausgabe © 2021 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenRedaktion: Alexander GroßUmschlaggestaltung und -illustration: © Max Meinzold, www.meinzold.de, unter Verwendung eines Motivs von Eky Studio/Shutterstock.comHK · Herstellung: MRSatz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, MünchenISBN 978-3-641-27091-9V001www.penhaligon-verlag.de

Zweiter Tag des Pflugmonds

IMSECHSTENJAHRDERHERRSCHAFTDESERLAUCHTENUNDPRÄCHTIGENSATRAPENCOSGO

Von Erek, Vogelwart in Bingstadt,

an Detozi, Vogelwart in Trehaug

Heute Nacht sende ich Euch vier Vögel mit dem zweiteiligen Übereinkommen zwischen uns und der Drachin Tintaglia, das vom Konzil der Regenwildnis bestätigt werden soll. Händler Devouchet, Führer des Händlerkonzils in Bingstadt, schlug vor, dass wir auch Duplikate abschicken. In ihnen wird die formale Übereinkunft zwischen den Händlern und der Drachin zusammengefasst. Wir helfen ihren Schlangen, den Regenfluss hinaufzureisen, und im Gegenzug unterstützt sie uns bei der Verteidigung der Händlerstädte und Wasserwege gegen die Invasoren aus Chalced.

Bitte bestätigt den Erhalt dieser Nachricht so bald wie möglich, indem Ihr einen Vogel zurücksendet.

Detozi,

auf knappem Raum noch eine kurze persönliche Nachricht an Euch, die ich in Eile verfasse. Hier herrscht das reinste Chaos. Mein Taubenschlag brannte zur Hälfte ab, als die Eindringlinge Feuer legten, viele Vögel sind im Rauch erstickt. Mit den Botentauben sende ich Euch Kingsly. Ihr wisst, dass ich ihn als Jungtier mit eigener Hand aufgezogen habe, nachdem seine Eltern gestorben sind. Bitte hütet ihn gut und schickt ihn nicht zurück, ehe gewiss ist, dass alles wieder gut ist. Sollte Bingstadt fallen, dann nehmt ihn in Eure Obhut. Betet für uns. Ich weiß nicht, ob Bingstadt diese Überfälle überleben wird, mit oder ohne die Hilfe der Drachin.

Erek

Prolog

DASENDEDERSCHLANGEN

Sie waren so weit gekommen, doch nun, als sie hier angelangt war, verblassten die Jahre des Wanderns bereits in ihrer Erinnerung und wichen den drängenden Erfordernissen ihrer verzweifelten Gegenwart. Sisarqua riss die Kiefer auseinander und streckte den Hals durch. Für die Seeschlange war es mühsam, sich zu konzentrieren. Seit Jahren war sie nicht mehr aus dem Wasser herausgekommen, und Festland hatte sie das letzte Mal unter ihrem Leib gespürt, als sie auf der Insel der Anderen aus dem Ei geschlüpft war. Jetzt war sie fern von jener Insel mit ihrem heißen Sand und ihrem milden Wasser. Über das dicht bewaldete Land zu beiden Seiten dieses eisigen Flusses fiel der Winter herein, und das morastige Ufer unter ihrem zusammengerollten Körper war fest und rau. In der kalten Luft trockneten ihre Kiemen rasch aus. Dagegen vermochte sie nichts anderes zu tun, als schneller zu arbeiten. Sie stieß ihre Kiefer in die riesige Grube und füllte ihr Maul mit silbrig schimmerndem Schlamm und Flusswasser. Dann warf sie den mächtigen Kopf zurück und schlang alles hinunter. Der lehmige Boden war mit Sand durchsetzt, kalt und auf eine eigenartige Weise köstlich. Noch ein Maul voll, noch ein Schluck. Immer wieder.

Längst zählte sie nicht mehr, wie oft sie von der sandigen Suppe geschlürft hatte, als sich schließlich der uralte Reflex in ihr regte. Während sie ihre Rachenmuskeln bewegte, schwollen ihre Giftsäcke an. Rings um ihre Kehle stellte sich eine fleischige Mähne auf, wie eine zitternde, giftige Halskrause. Das Beben wanderte bis zur Schwanzspitze hinab. Sie riss die Kiefer auseinander, presste und würgte. Dann drang die Masse aus ihr heraus, und sie klappte die Kiefer wieder zusammen, damit nur ein kräftiger, aber dünner Strahl aus Erde, Galle, Speichel und Gift hervorschoss. Mit einiger Mühe drehte sie den Kopf und wickelte ihren Leib dichter zusammen. Wie ein dicker zäher Silberfaden drang das Gemisch aus ihrem Maul, und mit kreisenden Kopfbewegungen überzog sie ihren aufgerollten Körper mit einer feuchten Schicht.

Sie spürte schwere Schritte herannahen, und kurz darauf fiel der Schatten eines Drachen auf sie. Tintaglia blieb bei ihr stehen und sprach zu ihr. »Gut, gut, so ist es recht. Erst einmal eine dünne, gleichmäßige Schicht ohne Lücken. So ist es recht.«

Sisarqua hatte keinen Blick für die blau-silberne Königin übrig, von der das Lob kam. Zu sehr nahm sie die Arbeit an der Hülle in Anspruch, die sie während der verbleibenden Wintermonate schützen würde. Das verzweifelte Bemühen entsprang ihrer Müdigkeit. Sie musste schlafen. Sie sehnte sich nach Ruhe. Doch sie wusste, dass sie niemals wieder erwachen würde, egal in welcher Form, wenn sie jetzt einschlief. Vollende die Hülle, dachte sie bei sich. Vollende die Hülle, dann kannst du ausruhen.

Um sie herum, über das gesamte Flussufer verteilt, waren weitere Schlangen mit der gleichen Arbeit beschäftigt, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Zwischen ihnen schufteten Menschen. Einige schleppten Eimer mit Flusswasser. Andere stachen silbern schimmernden Lehm von einer nahen Böschung ab und luden ihn auf Karren. Junge Burschen zogen die rumpelnden Karren zu der riesigen Grube, deren Wände hastig mit Baumstämmen abgestützt worden waren. Wasser und Erde wurden hineingekippt, und unten standen Menschen, die die größeren Erdbrocken mit Schaufeln und Rudern zerkleinerten und aus Wasser und Erde eine Art Brei mischten. Von diesem Schlick hatte Sisarqua sich bedient, denn er bildete die Hauptzutat für ihre Hülle. Die anderen Zutaten waren mindestens genauso wichtig. Das Gift, das ihr Körper beigemengt hatte, würde sie in einen todesähnlichen Schlaf versetzen. Und mit dem Speichel gab sie auch ihre Erinnerungen in die Obhut der Hülle. Nicht nur ihre eigenen Erinnerungen an ihre Zeit als Schlange wob sie hinein, sondern sämtliche Erinnerungen ihrer Blutlinie wickelte sie wie Garn um sich herum.

Was fehlte, waren die Erinnerungen der Drachen, die den Schlangen eigentlich beim Bau ihrer Hüllen hätten beistehen sollen. Noch war Sisarqua sehr wohl bewusst, dass wenigstens zwanzig Drachen hätten anwesend sein müssen, die ihnen Mut zusprachen, ihnen den Erinnerungssand und die Erde vorkauten und mit ihrem hervorgewürgten Speichel ihre eigene Geschichte beitrugen. Aber sie waren nicht da, und Sisarqua war zu müde, um sich zu fragen, welche Folgen das haben mochte.

Als sie am Hals angelangt war, überkam sie eine ungeheure Müdigkeit. Die Hülle musste so beschaffen sein, dass sie am Ende nur noch den Kopf einziehen und die Lücke von innen verschließen musste. Jetzt dämmerte ihr langsam, dass die Drachen, die die Schlangen hüteten, einst geholfen hatten, die Hüllen zu versiegeln. Aber Sisarqua wusste auch, dass sie nicht mehr auf solche Hilfe hoffen konnte. Gerade einmal einhundertneunundzwanzig Schlangen hatten sich an der Mündung des Schlangenflusses zusammengeschart, um die verzweifelte Wanderung stromaufwärts zu den überlieferten Reifegründen anzutreten. Maulkin, ihr Anführer, war sehr besorgt über die geringe Anzahl an Weibchen, deren Anteil weniger als ein Drittel betrug. In jedem Jahr der Wanderschaft hätten es ein paar Hundert Schlangen sein müssen und genauso viele Weibchen wie Männchen. So lange hatten sie im Meer verharrt, und so weit waren sie gereist in der Hoffnung, ihre Art zu erneuern. Zu erfahren, dass sie vielleicht schon zu spät und nicht mehr zahlreich genug waren, war ein herber Schlag.

Durch die Gefahren der Flussreise war die Gruppe noch weiter geschrumpft. Sisarqua wusste nicht genau, wie viele es bis zum sicheren Strand geschafft hatten. Um die neunzig, nahm sie an, doch die Nachricht, dass nicht einmal zwanzig von ihnen Weibchen waren, war um einiges erschreckender. Und um sie herum starben weiterhin Schlangen an Erschöpfung. Gerade als ihr diese Gedanken durch den Kopf gingen, hörte sie Tintaglia mit einem Menschen sprechen. »Er ist tot. Holt eure Hämmer und zerschlagt seine Hülle. Schafft sie in die Grube zu dem Erinnerungslehm, damit die anderen die Erinnerungen seiner Vorfahren am Leben erhalten können.« Auch wenn Sisarqua es nicht sehen konnte, so hörte sie doch, wie Tintaglia den toten Schlangenleib aus der unvollendeten Hülle zerrte. Und als die Drachin den Leichnam verschlang, roch sie das Fleisch und das Blut. Hunger und Müdigkeit krampften sich in ihr zusammen. Sie sehnte sich danach, an dem Mahl teilzuhaben, doch dafür war es zu spät. In ihrem Bauch war Lehm, der verarbeitet werden musste.

Und Tintaglia bedurfte dringend der Nahrung. Sie war der einzige noch lebende Drache, der sich um all die Schlangen kümmern konnte. Sisarqua hatte keine Ahnung, woher Tintaglia die Kraft dafür nahm. Ohne Rast war die Drachin tagelang geflogen, um sie den Fluss hinaufzuführen, dessen Lauf sich über die Jahrzehnte hinweg verändert hatte und der ihnen nicht mehr vertraut war. Viele Reserven konnte Tintaglia nicht mehr übrig haben, und sie hatte ihnen kaum mehr als Ermutigungen zu bieten. Was vermochte eine Drachin schon auszurichten angesichts der Not so vieler Seeschlangen?

Wie die spinnwebartige Erinnerung an einen Traum waberte für einen Moment das Bild eines Vorfahren durch ihr Bewusstsein. Das ist nicht richtig, dachte sie bei sich. Das alles stimmt nicht. Nichts ist so, wie es sein sollte. Zwar war dies der Fluss, aber wo waren die breiten Auen und die Eichenwälder, die ihn gesäumt hatten? Jetzt grenzten morastige Sumpfwälder an den Strom, und nur selten sah man einen Flecken festen Grunds. Hätten die Menschen das Ufer nicht mit Steinen befestigt, bevor die Schlangen angekommen waren, hätten sie es in ein Schlammloch verwandelt. Doch in der Erinnerung ihrer Vorfahren sah sie weite, sonnenbeschienene Auen und ein üppiges Ufer in der Nähe einer Stadt der Uralten. Drachen hätten Erdklumpen daraus lösen und aus Lehm und Wasser einen Brei mischen sollen. Drachen hätten die Hüllen der Schlangen schließlich vollends versiegeln sollen, und all das hätte in der Mittagshitze eines hellen Sommertages geschehen müssen.

Müdigkeit überrollte sie, und die Erinnerung verschwand unwiederbringlich. Sie war nur eine einzelne Schlange, die sich abmühte, ihre Hülle zu weben, um sich, vor der Winterkälte geschützt, verwandeln zu können. Eine einzelne Schlange, müde und durchgefroren, die nach einer Ewigkeit des Umherwanderns endlich heimgekehrt war. Ihre Gedanken schweiften zurück in die vergangenen Monate.

Die letzte Etappe ihrer Reise war ihr wie ein nicht enden wollender Kampf gegen die Strömung im felsigen Flachwasser vorgekommen. Maulkins Knäuel, zu dem sie neu dazugestoßen war, hatte sie in Erstaunen versetzt. Normalerweise bestand ein Knäuel aus zwanzig bis vierzig Schlangen. Maulkin hatte jedoch jede Schlange aufgenommen, die er finden konnte, und hatte sie nach Norden geführt. Dadurch war es um einiges schwieriger geworden, unterwegs Nahrung aufzutreiben, aber er hatte es als notwendig erachtet. Nie zuvor hatte Sisarqua so viele Schlangen zusammen als Knäuel auf Wanderschaft gesehen. Es ließ sich nicht leugnen, dass einige fast zu bloßen Tieren verkommen und andere vor Verwirrung und Angst dem Wahnsinn nahe waren. Zu viele litten an Vergessen, das ihnen den Kopf vernebelte. Doch als sie der Prophetenschlange mit den leuchtenden goldfarbenen Scheinaugen in einer langen Reihe gefolgt waren, hatte sich Sisarqua beinahe an die alten Wanderrouten erinnert. Um sie her hatten die bedrängten Schlangen neuen Mut gefasst und einen klaren Kopf erlangt. Sie hatte das Gefühl gehabt, dass diese strapaziöse Reise richtig war, so richtig, wie seit langer Zeit nichts mehr gewesen war.

Und doch hatte es Momente des Zweifels gegeben. In den Erinnerungen ihrer Ahnen war der Strom, den sie suchten, behäbig, tief und voller Fische gewesen. In den Träumen ihrer Vorfahren säumten sanfte Hügel und Auen den Fluss. Und diese wiederum grenzten an Wälder, in denen es von Wild für hungrige Drachen wimmelte. Dieser Fluss hatte zwar eine tiefe schiffbare Rinne, doch er schlängelte sich auf seinem Weg ins Landesinnere durch einen hoch aufragenden Wald, mit einem Dickicht aus kriechenden Gewächsen und Ranken. Dies konnte unmöglich die Route zu den alten Reifegründen sein. Maulkin hatte jedoch stur darauf beharrt.

Manchmal waren ihre Zweifel so stark gewesen, dass sie beinahe umgekehrt war. Fast wäre sie aus dem trüben Eiswasser geflohen, um sich zu den wärmeren Gewässern des südlichen Meeres aufzumachen. Doch jedes Mal, wenn sie langsamer geworden oder etwas abseits geschwommen war, hatten andere Schlangen ihr nachgestellt und sie ins Knäuel zurückgetrieben. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Sosehr sie Maulkins Vorstellungen auch infrage stellte – Tintaglias Autorität hatte sie nie angezweifelt. Die blau-silberne Drachin hatte Maulkin als ihren Anführer anerkannt und auch dem seltsamen Schiff geholfen, das sein Knäuel führte. Aus der Luft hatte sie die Schlangenherde nach Norden und diesen Fluss hinaufgeführt und sie mit lauter Stimme ermuntert. Bis zu der Zweibeinerstadt Trehaug war das Schwimmen annehmbar gewesen. Zunehmend müder zwar, aber ohne größere Schwierigkeiten waren sie dem Schiff gefolgt, das ihnen den Weg wies.

Nachdem sie allerdings an der Stadt vorbeigezogen waren, änderte sich der Fluss. Das Schiff war nicht mehr weitergefahren, da es die Untiefen nicht passieren konnte. Oberhalb Trehaugs wurde der Fluss breiter und flacher und teilte sich in Seitenarme auf. Ausgedehnte Kies- und Sandbänke fraßen sich in die Strömung, und seine Ufer waren von würgenden Ranken und Wurzeln überwuchert. Das Wasser wurde flacher, das Flussbett wand sich ziellos umher. An manchen Stellen war es mit scharfen Felsen gespickt, dann wieder von Schilf verstopft. Ein weiteres Mal hatte Sisarqua den Wunsch verspürt umzukehren, doch wie auch die anderen Schlangen hatte sie sich von der Drachin weiter antreiben und leiten lassen. Immer weiter stromaufwärts waren sie geschwommen. Mit mehr als hundert ihrer Artgenossen hatte sie sich täppisch und strampelnd durch die unzureichende Leiter aus stufigen Teichen gekämpft, die die Menschen mit Baumstämmen auf dem letzten, aus tödlichen Untiefen bestehenden Wegstück angelegt hatten, um tiefere Becken zu schaffen.

Auf diesem Abschnitt der Reise waren viele gestorben. Im rauen Flusswasser wurden kleine Verletzungen, die im wohltuenden Salzwasser des Meeres schnell verheilt wären, rasch zu eiternden Geschwüren. Nach ihrer langen Verbannung auf See waren viele der großen Schlangen gebrechlich geworden, sowohl am Körper wie auch im Geiste. So viele Dinge waren nicht richtig. Zu viele Jahre waren vergangen, seit sie geschlüpft waren. Schon vor Jahrzehnten hätten sie diese Reise antreten sollen – als gesunde Jungschlangen, deren Leiber vor Fett noch geschmeidig waren, hätten sie in der Hitze des Sommers den Fluss hinaufwandern sollen. Stattdessen taten sie es nun in der Not und dem Regen des Winters, ausgemergelt, zerschlagen und mit Seepocken überzogen, und vor allem alt, viel älter als jemals Seeschlangen geworden waren.

Die eine Drachin, die über sie wachte, war vor nicht einmal einem Jahr aus ihrem eigenen Kokon geschlüpft. Tintaglia flog über sie hinweg, und jedes Mal, wenn die Wintersonne durch die Wolkendecke brach, schimmerte ihr Leib silbern. »Nicht mehr weit!«, hatte sie immer und immer wieder zu ihnen hinabgerufen. »Nach den Stufen wird das Wasser tiefer, dann könnt ihr wieder ungehindert schwimmen. Bewegt euch weiter!«

Manche waren schlichtweg zu zerschlagen, zu erschöpft oder zu ausgehungert für eine solche Reise. Ein großes orangefarbenes Schlangenmännchen starb um die Stämme des Zauns gewickelt, der die Becken mit aufgestautem Wasser einfasste. Er hatte es nicht geschafft, sich noch weiterzuschleppen. Als sein großer keilförmiger Kopf unvermittelt ins Wasser geplatscht war, war Sisarqua nicht weit entfernt gewesen. Ungeduldig hatte sie darauf gewartet, dass er sich weiterbewegte. Dann hatte seine Mähne aus Dornen und Ranken gezuckt und einen letzten Strahl Gift versprüht. Auch wenn diese Reflexe – das letzte Aufbäumen seines Körpers – matt und kraftlos waren, so hatte doch jede Schlange im Umkreis gewusst, dass er tot war. Der Duft und der Geschmack im Wasser hatten sie zum Schmaus geladen.

Und Sisarqua hatte nicht gezögert. Als Erste hatte sie ihren Kiefer in sein Fleisch geschlagen, hatte ein Stück abgebissen und es hinuntergeschlungen. Und bevor der Rest des Knäuels überhaupt erst die Gunst der Stunde erkannte, hatte sie schon einen zweiten Brocken aus dem Leichnam herausgerissen. Die plötzliche Nahrungsaufnahme machte sie beinahe ebenso sehr benommen wie die Flut seiner Erinnerungen. So war es unter Schlangen Sitte: Man ließ die Kadaver der anderen nicht verrotten, sondern nutzte ihr Fleisch und ihr Wissen. So wie jeder Drache die Erinnerungen seiner Ahnenreihe in sich trug, behielten auch die Schlangen das Gedächtnis derer, die vor ihnen gewesen waren. So sollte es jedenfalls sein. Sisarqua und die anderen, die sich trostlos mit ihr dahinschleppten, waren schon zu lange in Schlangengestalt. Irgendwann waren die Erinnerungen verblasst, und mit ihnen war der Verstand abgestumpft. Selbst viele von denen, die sich abmühten, die Reise zu vollenden und zu Drachen zu werden, waren nur noch tierhafte Schatten ihrer selbst. Was für Drachen wohl aus ihnen werden würden?

Mit gesträubter Halsmähne war ihr Kopf erneut vorgeschnellt, um einen weiteren Fleischbrocken aus dem Leib des orangefarbenen Schlangenmännchens zu reißen. In ihrem Kopf wirbelten Erinnerungen von reichen Fischgründen und von Nächten unter kristallklarem Himmel, die er singend mit seinem Knäuel verbracht hatte. Die Erinnerung musste uralt sein. Vermutlich waren viele Jahrzehnte vergangen, seit das letzte Knäuel von der Fülle in die Leere aufgestiegen war, um seine Stimmen zum Lob des sternenbesetzten Himmels zu erheben.

Dann war Sisarqua von anderen bedrängt worden, die sich im Kampf um das Festmahl gegenseitig anzischten und mit aufgestellten Mähnen drohten. Nachdem sie ein letztes Fleischstück aus dem Leib gerissen hatte, schlingerte sie über die Stämme hinweg, die den Orangefarbenen aufgehalten hatten. Unzerkaut hatte sie den letzten Brocken warmen Fleisches hinuntergewürgt, und nun fühlte sie, wie er ihre Speiseröhre angenehm weitete.Der Himmel, dachte sie, und wie zur Antwort spürte sie, wie sich in ihr die schwachen Drachenerinnerungen des Orangefarbenen regten. Der Himmel, weit und offen wie das Meer. Bald würde sie wieder unter ihm dahinsegeln. Nicht mehr weit, hatte Tintaglia versprochen.

Doch für eine Drachin mit Flügeln bemaßen sich Entfernungen anders als für eine geschundene Seeschlange, die sich im flachen Wasser den Strom hinaufkämpfte. An jenem Nachmittag erreichten sie die Lehmbänke nicht mehr. So unvermittelt wie ein Axthieb fiel die Nacht über sie herein, und der kurze Tag war schon wieder vergangen, kaum dass sie aufgebrochen waren. Eine weitere Nacht musste Sisarqua die Kälte der Luft ertragen, der sie sich im flachen Wasser nicht entziehen konnte. Das Rinnsal, das an ihr entlangfloss, reichte kaum aus, um ihre Kiemen zu benetzen, und sie meinte, ihre Haut würde von der trockenen, scheuernden Kälte Risse bekommen. Im Licht der Sonne, die am späten Morgen auf den breiten Strom zwischen den überwucherten Ufern schien, traten die Leichen weiterer Schlangen zutage, die ihre Reise niemals vollenden würden. Wieder hatte sie das Glück, von einem der toten Leiber fressen zu können, bevor die Horde sie verdrängte. Und wieder kreiste Tintaglia über ihren Köpfen und rief ihnen das Versprechen zu, es sei nicht mehr weit bis Cassarick und bis zur langen, friedvollen Ruhe der Verwandlung.

Es war ein kalter Tag gewesen, und die Haut auf ihrem Rücken war ausgetrocknet, weil sie die lange Nacht über vom Wasser unbedeckt geblieben war. Unter den Schuppen wurde ihre Haut rissig. Als sie an eine Stelle gelangte, wo der Fluss tiefer war, tauchte sie unter, um ihre Kiemen vollzusaugen. Das milchige Wasser schmerzte in den Schrunden. Denn das säurehaltige Wasser fraß an ihr, und wenn sie die Reifegründe nicht bald erreichte, würde sie es nicht mehr schaffen.

Der Nachmittag war schrecklich kurz und zugleich quälend lang. Im tieferen Gewässer konnte sie zwar schwimmen, aber das Wasser brannte ihr auf der rissigen Haut. Dennoch war das besser, als wenn sie auf dem Bauch kriechend versuchen musste, auf den glitschigen Steinen des Flussbetts Halt zu finden. Wenn sie sich umblickte, sah sie überall weitere große Seeschlangen, die sich zuckend, aufbäumend und krümmend flussaufwärts kämpften.

Als sie schließlich angelangt war, merkte sie es erst gar nicht. Im Westen duckte sich die Sonne bereits hinter die hohen Bäume, die das Ufer säumten. Wesen, die keine Uralten waren, hatten Fackeln entzündet und in einem weiten Kreis in den Uferschlamm gerammt. Sisarqua sah sich die Wesen an. Es waren Menschen. Gewöhnliche Zweibeiner, kaum mehr als Beutetiere. Sie huschten hin und her, und offenbar dienten sie Tintaglia auf die gleiche Weise, wie ihr einst die Uralten gedient hatten. Auf eine sonderbare Weise war dies erniedrigend – waren die Drachen so weit gesunken, dass sie sich mit Menschen einließen?

Sisarqua hob Kopf und Mähne und schnupperte in der Abendluft. Etwas stimmte nicht. Ganz und gar nicht. In ihrem Herzen empfand sie keine Gewissheit, dass dies die Reifegründe waren. Doch am Strand befanden sich bereits einige Schlangen, die ihr zuvorgekommen waren. Manche waren sogar schon in die Hüllen aus silbern schimmerndem Lehm und Speichel eingesponnen. Andere mühten sich noch erschöpft, die Aufgabe abzuschließen.

Die Aufgabe abschließen. Ja. Ihre Gedanken schnellten in die Gegenwart zurück. Für ihre Erinnerungen war keine Zeit mehr. Mit einem Würgen förderte sie den letzten Rest Lehm und Galle hervor, den sie in sich hatte, und vollendete damit die breite Halskrempe des Kokons. Doch nun war sie leer. Sie hatte sich verschätzt, und ihr blieb nichts mehr, um die Hülle zu versiegeln. Wenn sie versuchte, sich zu dem Brei hinunterzubeugen, würde sie die gewundene Hülle zerstören, die sie eben geschaffen hatte. Und sie trug die schmerzhafte Gewissheit in sich, dass sie nicht mehr die Kraft hatte, um eine zweite Hülle zu weben. Sie war so weit gekommen, so weit, nur um jetzt doch zu sterben. Nie würde sie sich wieder erheben.

Eine Welle der Furcht und der Wut durchlief sie. In einem Moment des inneren Widerstreits beschloss sie, aus dem Kokon auszubrechen, doch dann obsiegte wieder die innere Ruhe, gestärkt von einer Flut von Erinnerungen. Dies war der Vorteil, wenn man die Erinnerungen seiner Vorfahren in sich trug: Manchmal behielt die Weisheit des Alten die Oberhand über den Schrecken der Gegenwart. In der inneren Ruhe klärte sich ihr Geist. Sie fand Erinnerungen in sich, Erinnerungen von Schlangen, die einen solchen Irrtum überlebt hatten, und Erinnerungen von welchen, die wegen eines solchen Fehlers gestorben waren. Die Leichname der Unglücklichen waren von jenen gefressen worden, die überlebt hatten. So lebten auch die furchtbarsten Irrtümer fort, um dem Überleben zu dienen.

In aller Deutlichkeit sah sie drei Wege vor sich: Sie konnte in der Hülle bleiben und nach einem Drachen rufen, um ihr zu helfen, den Kokon vollends zu versiegeln. Doch diese Möglichkeit schied aus, denn Tintaglia war ohnehin schon überfordert. Sollte sie aus der Hülle ausbrechen und von der Drachin verlangen, dass sie ihr Nahrung brachte? Dann würde sie genug Kraft erlangen, um sich erneut einzuspinnen. Auch diese Möglichkeit kam nicht infrage. Wieder drohte sie von panischer Furcht übermannt zu werden. Dieses Mal aber kämpfte sie das Gefühl mit eisernem Willen nieder. Sie würde hier nicht sterben. Dafür war sie zu weit gekommen und hatte zu viele Gefahren gemeistert, um sich nun dem Tod zu überlassen. Nein. Sie würde leben, und im Frühjahr würde sie als Drachin neu erstehen und die Herrschaft über die Lüfte zurückerlangen. Sie würde wieder fliegen. Irgendwie.

Aber wie?

Sie würde überleben, um als Königin zu erstehen. Um zu fordern, was einer Drachenkönigin gebührte. Das Recht, in schweren Zeiten an erster Stelle zu überleben. Sie holte so tief Luft wie nur möglich und rief einen Namen. »Tintaglia!«

Ihre Kiemen waren zu sehr ausgetrocknet, und vom Auswürgen des rauen Lehms war ihre Kehle wund. Der Hilferuf, der Befehl, der aus ihrem Maul drang, war kaum mehr als ein Flüstern. Inzwischen hatte sie nicht einmal mehr genug Kraft, um aus der Hülle auszubrechen. Ihre Stärke war unwiederbringlich dahin. Sie würde sterben.

»Bist du in Not, du Schöne? Ich fühle deine Verzweiflung. Kann ich dir helfen?«

Eingesponnen in den Kokon, konnte Sisarqua den Kopf nicht wenden. Nur die Augen vermochte sie zu verdrehen, und sie erkannte, wer zu ihr gesprochen hatte. Ein Uralter. Zwar war er sehr klein und jung, doch als ihr Geist mit seinem in Berührung kam, wusste sie mit Sicherheit, wer er war. Obwohl seine Gestalt einem gewöhnlichen Menschen glich, war er doch keiner.

Ihre Kiemen waren trocken. Für eine gewisse Zeit vermochten Seeschlangen, das Wasser zu verlassen und sogar zu singen. Aber so lange an der kalten Luft zu bleiben ging an die Grenzen ihrer Fähigkeit, in der Leere zu überleben. Mühsam holte sie Atem. Ja. Sie schnappte seine Witterung auf und wusste sofort, dass Tintaglia diesen Uralten geprägt hatte. Er war voll von ihrem Zauber. Langsam schob Sisarqua die Lider über die Augen und öffnete sie wieder. Trotzdem konnte sie ihn noch immer nicht klar erkennen. Sie trocknete zu schnell aus. »Ich kann nicht«, sagte sie. Mehr brachte sie nicht heraus.

Sie spürte die Verzweiflung, die in ihm aufstieg. Kurz darauf hörte sie den Schreckensruf seines kleinen Stimmchens. »Tintaglia! Diese hier hat Schwierigkeiten! Sie kann ihre Hülle nicht vollenden. Was sollen wir tun?«

Von der anderen Seite der Reifegründe donnerte die Stimme der Drachin herüber. »Den Lehmbrei, mach ihn sehr feucht! Gieß ihn hinein. Zögere nicht. Bedecke ihren Kopf damit und streiche ihn über die offene Stelle der Hülle. Versiegle sie, aber achte darauf, dass die unterste Schicht sehr feucht ist.« Noch während sie sprach, eilte die Drachin selbst zu Sisarqua. »Ein Weibchen! Sei stark, kleine Schwester. Nur wenige werden als Königinnen schlüpfen. Du musst eine von ihnen sein.«

Die Arbeiter waren herbeigeeilt. Einige zogen Karren, andere schleppten Eimer, aus denen silbrig-grauer Schlick schwappte. Sisarqua zog, so gut es ging, den Kopf ein und schloss die Augen. Draußen rief der junge Uralte Anweisungen. »Jetzt sofort! Wartet nicht auf Tintaglia! Jetzt, denn ihre Augen und die Haut trocknen zu schnell aus. Überschüttet sie mit Lehm. Ja, so ist es gut! Noch mehr! Noch einen Eimer! Mach den Karren noch einmal voll. So beeil dich doch, Mann!«

Der flüssige Lehm schwappte über Sisarqua herein, benetzte sie und versiegelte die Lücke. Allmählich wirkte das Gift, das sie in die Hülle gewoben hatte, auch bei ihr selbst. Sie versank zwar nicht in Schlaf, aber doch in einen Zustand der Ruhe. O welch ein Segen war diese Ruhe!

Sie spürte, dass Tintaglia neben ihr war. Dann waren da plötzlich die Wärme und das Gewicht weiteren Lehmbreis. Voller Dankbarkeit begriff sie, dass Tintaglia ihn hervorgewürgt hatte und ihre Hülle verstärkte. Kurz brannten Gifte voller Erinnerungen auf ihrer Haut. Nicht nur die Drachenerinnerungen Tintaglias, sondern auch ein Teil der Weisheit der Schlange, die die Drachin kürzlich verschlungen hatte, lagerten sich in ihrer Hülle ab. Gedämpft hörte sie, wie Tintaglia die hastenden Arbeiter anwies: »Hier ist ihre Hülle zu dünn. Da drüben auch. Holt Lehm herbei und streicht ein paar Schichten darauf. Dann bedeckt ihr die Hülle mit Laub und Ästen, damit sie gut gegen Licht und Kälte geschützt ist. Sie sind spät dran. Die Sonne dürfen sie erst spüren, wenn der Sommer gekommen ist, denn ich fürchte, im Frühling werden sie noch nicht voll entwickelt sein. Und wenn ihr hier fertig seid, kommt ihr ans Ostende des Strandes. Dort kämpft noch eine Schlange.«

Da drang die Stimme des Uralten in Sisarquas scheidendes Bewusstsein. »Haben wir sie noch rechtzeitig versiegelt? Wird sie überleben?«

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Tintaglia ernst. »Es ist schon spät im Jahr, die Schlangen sind alt und müde, und die Hälfte von ihnen ist beinahe verhungert. Ein paar aus der ersten Welle sind schon in ihren Hüllen gestorben. Andere mühen sich noch den Fluss herauf oder durch die Becken. Viele von ihnen werden sterben, noch ehe sie das Ufer erreichen. Das ist auch besser so. Denn ihre Leiber werden die anderen nähren und ihre Überlebenschancen erhöhen. Doch wenn sie in den Kokons sterben, ist nichts gewonnen. Dann ist alles verloren und bloße Enttäuschung.«

Sisarqua wurde von Dunkelheit eingehüllt. Sie wusste nicht zu sagen, ob sie bis auf die Knochen durchgefroren oder ihr mollig warm war. Noch während sie immer tiefer sank, spürte sie das betroffene Schweigen des jungen Uralten. Als er endlich etwas sagte, drangen die Worte mehr aus seinen Gedanken als aus seinem Mund zu ihr. »Die Regenwildlinge hätten gern die Hüllen von denen, die sterben. Sie nennen das Material ›Hexenholz‹ und haben vielerlei Verwendung dafür …«

»NEIN!« Sisarqua war von der energischen Verweigerung der Drachin so überrascht, dass sie kurz das Bewusstsein wiedererlangte. Doch ihr ausgemergelter Leib konnte den Zustand nicht lange aufrechterhalten, sodass sie beinahe im selben Moment wieder hinabzusinken begann. Tintaglias Worte folgten ihr hinunter an einen Ort jenseits der tiefsten Träume. »Nein, kleiner Bruder! Alles, was vom Drachen ist, gehört nur den Drachen. Im Frühling werden einige dieser Hüllen aufbrechen. Die Drachen, die aus ihnen schlüpfen, werden die Hüllen und Körper derjenigen fressen, die nicht schlüpfen. So ist es unsere Art, und auf diese Weise wird unser Wissen bewahrt. Diejenigen, die sterben, verleihen denen Kraft, die weiterleben.«

Sisarqua blieb nur noch ein kurzer Augenblick, um sich zu fragen, zu welchen sie wohl gehören würde. Dann überwältigte sie die Finsternis.

Siebzehnter Tag des Hoffnungsmonds

IMSIEBTENJAHRDERHERRSCHAFTDESERLAUCHTENUNDPRÄCHTIGENSATRAPENCOSGO

IMERSTENJAHRDESUNABHÄNGIGENHÄNDLERBUNDS

Von Detozi, Vogelwart in Trehaug,

an Erek, Vogelwart in Bingstadt

Anbei findet Ihr die förmliche Bitte des Konzils der Regenwildnis um angemessene und pünktliche Bezahlung der zusätzlichen und unvorhergesehenen Kosten, die uns durch die Pflege der Schlangenhüllen für den Drachen Tintaglia entstanden sind. Der Rat wünscht eine rasche Antwort.

Erek,

eine Frühlingsspringflut hat uns schwer getroffen. Einige der Drachenhüllen wurden erheblich beschädigt, und manche sind gänzlich verschwunden. Auf dem Fluss ist ein kleiner Kahn gekentert, und ich fürchte, dass die jungen Tauben an Bord waren, die ich Euch sandte, um den Schlag in Bingstadt aufzufüllen. Sie sind alle dahin. Ich werde meinen Vögeln gestatten, mehr Eier zu legen, und Euch die Brut zusenden, sobald sie geschlüpft ist.

Trehaug ist nicht mehr dieselbe dieser Tage. Überall sieht man tätowierte Gesichter. Mein Meister hat mir verboten, Dokumente nach dem Jahr unserer Unabhängigkeit zu datieren, aber ich setze mich darüber hinweg. Aus Gerüchten wird einst Wirklichkeit werden, da bin ich mir ganz sicher!

Detozi

1

DERFLUSSKAPITÄN

Eigentlich hätte schon Frühling herrschen müssen. Dafür war es verdammt kalt. Verdammt kalt, um an Deck zu schlafen anstatt im Deckshaus. Gestern Abend, mit dem ganzen Rum im Leib und einem Streifen ferner Sterne, die durch eine Lücke im Dach des Regenwalds gefunkelt hatten, hatte er es noch für eine gute Idee gehalten. Die Nacht war nicht so frostig gewesen, die Insekten hatten in den Gipfeln der Bäume gezirpt, die Nachtvögel hatten einander zugerufen, und die Fledermäuse waren mit hohen Rufen über dem Fluss dahingeschossen. Es hatte den Anschein einer angenehmen Nacht erweckt, in der man sich an Deck ausstrecken, in die Welt ringsum blicken und den Fluss, die Regenwildnis und überhaupt die ganze Welt genießen konnte. Teermann hatte ihn sanft gewiegt, und alles war bestens gewesen.

In der stahlgrauen Dämmerung allerdings, als Haut und Kleider von Tau benetzt und seine Gelenke steif waren, kam es ihm wie eine verdammt törichte Laune vor, eher einem zwölfjährigen Jungen angemessen als einem Flussschiffer von knapp dreißig Jahren. Langsam setzte er sich auf und leerte bedächtig seine Lunge. Sein Atem bildete Wölkchen in der kalten Morgendämmerung. Mit einem herzhaften, vom Rum der vergangenen Nacht geschwängerten Rülpser sah er dem Schauspiel zu. Dann sprang er mit einem unterdrückten Grummeln auf und blickte sich um. Morgen. Ja. Er ging zur Reling und pinkelte in den Fluss, während er im Geiste den Tag durchging. Über ihm, in den Baumwipfeln, waren die Tagvögel erwacht und riefen einander zu. Den Waldboden entlang des Flusses hatte das Licht der Dämmerung noch kaum erreicht. Durch tausend junge Blätter hindurch sickerte Licht herab, doch bevor es den Boden erreichte, hatte es seine Wärme bereits eingebüßt. Wenn die Sonne höher stieg, würde sie direkt auf den offenen Fluss scheinen und sich mit ihren Strahlen unter das Blätterdach und zwischen die Baumstämme tasten. Doch so weit war es noch nicht. Das würde erst in ein paar Stunden geschehen.

Leftrin streckte sich und ließ die Schultern kreisen. Sein Hemd klebte ihm unangenehm am Körper. Nun ja, es geschah ihm recht, dass es unangenehm war. Wenn einer aus seiner Mannschaft so närrisch gewesen wäre, an Deck einzuschlafen, hätte er ihm genau das gesagt. Doch keiner von ihnen hatte es getan. Alle elf Männer lagen in ihren schmalen Kojen, die sich an der Rückwand des Deckshauses übereinanderreihten. Nur seine eigene, geräumigere Koje war leer. Wie dumm.

Es war noch zu früh, um aufzustehen. In der Bordküche glomm nur die schwache Glut vom Vortag, kein Teewasser kochte, keine Brotfladen rösteten auf dem Grill. Und doch war er schon auf und hellwach. Ihm war nach einem Spaziergang unter den Bäumen zumute. Es war ein sonderbarer Wunsch, für den er keine vernünftige Erklärung hatte. Trotzdem war ihm bewusst, weshalb es ihn dorthin zog – es hatte etwas mit dem Traum der letzten Nacht zu tun. Er versuchte, ihn sich ins Gedächtnis zu rufen, aber die zerfledderten Fäden verwandelten sich in Spinnweben, wenn er sie sich ins Bewusstsein bringen wollte. Und dann lösten sie sich ganz auf. Nichtsdestotrotz folgte er dem Impuls seines Unterbewusstseins. Es hatte ihm noch nie geschadet, wenn er derartigen Ahnungen gefolgt war, und die wenigen Male, wo er es nicht getan hatte, hatte er es später bereut.

Er ging ins Deckshaus, an der schlafenden Mannschaft vorbei und durch die kleine Kombüse in seine Kabine. Dort tauschte er sein Bordschuhwerk gegen Festlandstiefel. Die kniehohen Stiefel aus gefettetem Ochsenleder waren fast völlig durchgescheuert, denn das ätzende Wasser des Regenflusses setzte Schuhwerk, Kleidern, Holz und Haut ordentlich zu. Ein oder zwei Ausflüge aufs Festland würden seine Stiefel aber noch aushalten, und seine Haut auch. Er nahm seine Jacke vom Haken und warf sie sich über die Schultern. Dann ging er wieder an seinen Männern vorbei. Sachte trat er gegen das Fußende der Koje des Steuermanns. Swarges Kopf ruckte nach oben, und er sah Leftrin verschlafen an.

»Ich gehe an Land, mir die Beine vertreten. Wahrscheinlich bin ich zum Frühstück wieder zurück.«

»Aye«, sagte Swarge. Dies war nicht nur die nahezu einzige zulässige Antwort, sondern auch so ziemlich das Äußerste, was Swarges Konversationstalent hergab. Zur Bekräftigung stieß Leftrin ein Grunzen aus und verließ das Deckshaus.

Am Abend zuvor hatten sie den Kahn halb ans sumpfige Ufer gezogen und an einem großen Baum festgebunden, der weit übers Wasser ragte. Leftrin sprang vom stumpfen Bug des Bootes herunter und landete zwischen schlammverkrusteten Schilfhalmen. Die auf den Bug gemalten Augen starrten in das Dunkel zwischen den Bäumen. Vor zehn Tagen hatten warme Winde und stürmischer Regen den Regenfluss anschwellen lassen, und das Wasser war über die Ufer getreten. Während der letzten zwei Tage war die Flut zurückgegangen, doch der Bewuchs entlang des Flusses hatte sich noch nicht der Schlammschicht entledigt, die sich während der tagelangen Überschwemmung darauf abgelagert hatte. Das Schilf war mit Lehm überzogen, und die Gräser waren unter seiner Last platt gedrückt. Noch immer fanden sich entlang des Ufers vereinzelte Tümpel, Reste der Überschwemmung. Leftrin stapfte an ihnen vorbei, und in den Abdrücken, die er hinterließ, sammelte sich das Wasser.

Er wusste nicht, wohin er ging und warum. Er folgte lediglich einer Laune, als er sich vom Ufer entfernte und tiefer in die Schatten zwischen den mit Ranken bewachsenen Stämmen wanderte. Hier waren die Spuren der kürzlichen Überschwemmung noch deutlicher. Zwischen den Stämmen hatte sich Treibholz verkeilt, und in den Bäumen und Sträuchern hingen Knäuel aus Laub, Schlamm und abgerissenen Ranken. Auf dem dicken Moospolster und den niedrigen Bodengewächsen hatte sich eine frische Schlammschicht abgelagert. Zwar hielten die mächtigen Stämme der riesigen Bäume, die das Dach der Regenwildnis trugen, den meisten Flutwellen stand, doch das Gestrüpp, das in seinem Schatten wucherte, war weniger widerstandsfähig. An manchen Stellen hatte die Flut einen Pfad durch das Dickicht geschlagen, an anderen war das Laubwerk so schwer mit Schlick und Matsch beladen, dass sich das Gesträuch darunter zusammenduckte und in Lehmhügel verwandelte.

So weit wie möglich folgte Leftrin den Breschen, die die Flut in das Gebüsch gehauen hatte. Wo der schlammige Grund zu sehr nachgab, zwängte er sich durch das glitschige Buschwerk. Bald war er durchnässt und besudelt. Ein Zweig, den er beiseiteschob, schnellte zurück, peitschte ihm über die Stirn und bespritzte ihn mit Schlamm. Hastig wischte er sich die brennende Flüssigkeit aus dem Gesicht. Wie bei den meisten Flussschiffern waren seine Arme und das Gesicht gegen das saure Wasser des Regenflusses abgehärtet. Sein ganzes Gesicht war wie von gegerbtem Leder überzogen, nur die grauen Augen hoben sich davon ab. Insgeheim glaubte er, dass er deshalb weniger Geschwüre und Schuppen hatte als die meisten seiner Brüder der Regenwildnis. Nicht dass er sich deshalb als stattlich oder gar als eine Schönheit bezeichnet hätte. Der müßige Gedanke veranlasste ihn zu einem bedauernden Grinsen. Dann schob er ihn beiseite – und einen Zweig, der ihm im Weg war. Immer tiefer drang er in den Wald ein.

Irgendwann blieb er unvermittelt stehen. Da lag etwas in der Luft, das er nicht benennen konnte, eine Witterung oder ein Schimmern, das er nicht bewusst wahrgenommen hatte. Jedenfalls spürte er, dass er nahe an seinem Ziel war. Er verharrte regungslos und schaute sich gründlich um. Während er den Blick schweifen ließ, stellten sich ihm plötzlich die Nackenhaare auf, und er besah sich eine Stelle eingehender. Da. Es war von einem Vorhang aus schlammbeladenem Pflanzenwerk und aufgrund der wütenden Flut mit Schlick bedeckt – aber ein einzelner grauer Streifen schaute noch hervor. Ein Stück Hexenholz.

Es war kein besonders großes Stück, zumindest nicht so groß, wie solche Hexenholzblöcke dem Vernehmen nach werden konnten. Der Durchmesser belief sich vielleicht auf zwei Drittel seiner Körpergröße, und Leftrin war nicht sonderlich hochgewachsen. Trotzdem war es groß genug, dachte er. Groß genug, um ihn reich zu machen. Er warf einen Blick über die Schulter zurück, doch das Dickicht, das ihm die Sicht auf den Fluss versperrte, würde ihn auch vor neugierigen Blicken schützen. Und er bezweifelte, dass jemand aus seiner Mannschaft so naseweis war, ihm zu folgen. Als er aufgebrochen war, hatten die Männer noch geschlafen, und bestimmt taten sie das immer noch. Der geheime Fund gehörte ihm allein.

Er kämpfte sich durch die dichte Vegetation, bis er das Holz berühren konnte. Es war tot, aber das hatte er schon auf den ersten Blick gewusst. Als Junge war er einmal in der Kammer des Gekrönten Hahns gewesen. Er hatte Tintaglias Block gesehen, bevor sie daraus geschlüpft war, und es hatte in ihm ein Kribbeln hervorgerufen. Der Drache in diesem Holz jedoch war tot und würde niemals schlüpfen. Leftrin kümmerte es nicht, ob der Drache noch gestorben war, als das Holz am Ufer bei den anderen Kokons gelegen hatte, oder ob ihm die Flut zum Verhängnis geworden war, die ihn umhergewirbelt hatte. Für ihn war nur wichtig, dass der Drache tot war, das Hexenholz verwertet werden konnte und er der Einzige war, der wusste, wo es lag. Und zu seinem großen Glück gehörte er zu den wenigen, die Kenntnis davon hatten, was damit am besten anzufangen war.

Früher, als die Khuprus-Familie ein Vermögen mit der Verarbeitung von Hexenholz gemacht hatte, noch bevor irgendjemand wusste oder zugeben wollte, um was es sich dabei in Wahrheit handelte, hatten seine Onkel mütterlicherseits das Holz bearbeitet. Er war noch ein Kind gewesen, als er in dem niedrigen Haus ein und aus gegangen war, in dem seine Onkel das steinharte Material zersägt hatten. Als er neun Jahre alt gewesen war, hatte sein Vater beschlossen, dass er alt genug war, um mit ihm auf dem Kahn zu arbeiten. Von da an hatte er sein rechtmäßiges Handwerk als Schiffer von der Pike auf gelernt. Und als er gerade zweiundzwanzig geworden war, war sein Vater gestorben und hatte ihm den Kahn vermacht. Den größten Teil seines Lebens hatte er auf dem Fluss verbracht. Von seiner Mutter aber hatte er nicht nur die Werkzeuge geerbt, die man für das Hexenholzhandwerk brauchte, sondern auch das Wissen, wie man sie benutzte.

Er ging einmal um das Holz herum. Es würde sich nicht leicht bewegen lassen, denn die Flut hatte es zwischen den Bäumen eingeklemmt. Ein Ende des Holzes hatte sich tief in den Morast gebohrt, während das andere schräg nach oben ragte und mit angespültem Treibgut umwickelt war. Erst wollte er den pflanzlichen Unrat herunterreißen, um das Holz genauer betrachten zu können, doch dann entschied er, die natürliche Tarnung zu belassen. Rasch ging er zum Kahn zurück und holte klammheimlich ein Stück aufgewickeltes Tau aus dem Spind. Damit hastete er zu dem Holzblock zurück und vertäute ihn sicher. Das war zwar eine schweißtreibende Aufgabe, aber am Ende hatte er die Gewissheit, dass sein Schatz auch dann an Ort und Stelle bliebe, falls noch einmal eine Flut kam.

Als er zurücktrottete, spürte er, dass sich der schwere Strumpf in einem seiner Stiefel mit Wasser vollsog. Allmählich fing der Fuß an zu brennen. Fluchend beschleunigte er seine Schritte. Beim nächsten Halt würde er sich neue Stiefel kaufen müssen. Parroton war eine der kleinsten und jüngsten Siedlungen am Regenfluss. Dort war alles teuer, und Ochsenhautstiefel aus Chalced würde man nur schwer finden. Zudem wäre er der Gnade desjenigen ausgeliefert, der überhaupt ein Paar davon verkaufte. Kurz darauf verzog sich sein Mund zu einem kleinen Lächeln. Eben hatte er ein Holzstück gefunden, das zehn Jahre Arbeit auf dem Kahn aufwog, und er beklagte sich im Stillen darüber, was ihn ein Paar Schuhe kosten würde. Wenn das Holz erst einmal zu Brettern zersägt und unter der Hand verkauft wäre, würde er sich nie wieder Sorgen um Geld machen müssen.

Mit den Gedanken war er schon mitten in der Planung. Früher oder später würde er entscheiden müssen, wen er ins Vertrauen ziehen und in sein Geheimnis einweihen sollte, denn er brauchte zum Bedienen der Zweimannsäge noch einen Helfer und Leute, die die schweren Bretter vom Wald zum Kahn trugen. Seine Vettern? Wahrscheinlich. Denn Blut war dicker als Wasser, selbst als das schlammige Wasser des Regenflusses.

Würden sie auch verschwiegen genug sein? Er glaubte, schon. Doch sie mussten behutsam vorgehen. Frisch gesägtes Hexenholz war unverwechselbar, denn es besaß einen silbernen Glanz und einen unverkennbaren Duft. Als die Händler der Regenwildnis es entdeckten, hatten sie es zunächst nur geschätzt, weil es dem ätzenden Flusswasser widerstand. Sein eigenes Schiff, die Teermann, war eines der ersten, deren Rumpf mit Planken aus Hexenholz verkleidet worden war. Damals hatten die Handwerker der Regenwildnis nichts von den magischen Kräften geahnt, die das Holz in sich barg. Sie hatten lediglich einen Vorrat getrockneter Bretter ausgeschlachtet, den sie in einer versunkenen Stadt entdeckt hatten.

Erst als sie große, kunstvolle Schiffe gebaut hatten, die nicht nur den Fluss, sondern auch die küstennahen Gewässer der Meere befahren konnten, hatten sie die wahre Macht dieses Materials entdeckt. Das Erstaunen war groß, als Generationen später, nachdem die Schiffe gebaut worden waren, die Galionsfiguren plötzlich zum Leben erwachten. Sie bewegten sich und sprachen, und alle Welt wunderte sich darüber. Viele solcher Seelenschiffe gab es nicht, und sie wurden eifersüchtig gehütet. Nie wurde eines an jemanden außerhalb des Händlerbundes verkauft. Nur ein Händler aus Bingstadt konnte ein Seelenschiff erwerben, und nur mit einem Seelenschiff konnte man den Regenfluss befahren. Die Rümpfe herkömmlicher Schiffe widerstanden dem säurehaltigen Flusswasser nicht lange genug. Die geheimen Städte der Regenwildnis hätte man kaum besser schützen können als auf diese Weise.

Erst viel später war zutage getreten, um was es sich bei dem Hexenholz tatsächlich handelte. Die enormen Blöcke in der Kammer des Gekrönten Hahns bestanden gar nicht aus Holz. Es waren vielmehr die Kokons zukünftiger Drachen, die vor langer Zeit in die Stadt geschleppt worden waren, um sie vor einem Vulkanausbruch in Sicherheit zu bringen. Was das in letzter Konsequenz bedeutete, darüber wollte niemand sprechen. Die Drachin Tintaglia war aus einem der Kokons geschlüpft. Wie viele der anderen »Klötze« wohl lebende Drachen enthalten hatten, als man sie auseinandergesägt und zu Schiffsplanken verarbeitet hatte? Darüber sprach niemand. Nicht einmal die Seelenschiffe äußerten sich zu den Drachen, die sie hätten werden können, und selbst die Drachin Tintaglia schwieg sich zu diesem Thema aus. Nichtsdestotrotz vermutete Leftrin, dass sein Fund beschlagnahmt werden würde, sollte jemand davon erfahren. Deshalb durfte er nicht zulassen, dass es in Trehaug oder Bingstadt bekannt wurde. Und Sa stehe ihm bei, dass die Drachin selbst davon erfuhr! Er würde alles tun, um die Entdeckung geheim zu halten.

Es wurmte ihn, dass er einen Schatz, den er bis vor einiger Zeit noch öffentlich und meistbietend hätte versteigern können, nun unter der Hand und im Geheimen veräußern musste. Trotz allem gab es einen Markt dafür, einen Markt mit guten Preisen. An einem vom Wettbewerb bestimmten Ort wie Bingstadt fanden sich stets Händler, die bereit waren, Ware unter der Hand zu kaufen, und nicht danach fragten, woher sie stammte. Um beim Satrapen von Jamaillia Gunst zu erlangen, war manch ehrgeiziger Händler willens, mit illegaler Ware zu handeln.

Die höchsten Gebote und das meiste Geld würde man aber von den Kaufleuten aus Chalced erhalten. Der zerbrechliche Friede zwischen Bingstadt und Chalced war noch sehr jung. Bisher waren nur einige belanglose Verträge unterzeichnet worden, aber die wichtigen Fragen, die Grenzverläufe, Ein- und Ausfuhrzölle und Durchreiserechte betrafen, mussten erst noch verhandelt werden. Gerüchten zufolge stand es nicht gut um die Gesundheit des chalcedischen Herrschers. Botschafter aus Chalced hatten bereits versucht, den Regenfluss hinaufzureisen, doch man hatte ihnen die Passage auf den Flussschiffen verweigert. Schließlich wusste jeder, was sie dabei im Schilde führten: Sie wollten Körperteile von Drachen kaufen, Drachenblut für ihre Elixiere, Drachenfleisch als Verjüngungskuren, Drachenzähne für Dolche, Drachenschuppen für leichte und bewegliche Rüstungen, Drachenpenisse für die Zeugungskraft. Dem chalcedischen Adel waren offenbar die zahlreichen Altweibermärchen über die medizinischen und magischen Kräfte von Drachenorganen zu Ohren gekommen. Die Adligen schienen sich in ihren Bemühungen, die Gunst ihres Herrschers zu erlangen, gegenseitig übertrumpfen zu wollen, suchten ihm ein Mittel darzubringen, mit dem das Siechtum ihres Herrn kuriert werden konnte. Dabei ahnten sie nicht, dass Tintaglia aus dem letzten Stück Hexenholz geschlüpft war, das die Leute der Regenwildnis besessen hatten. Es gab keine weiteren ungeborenen Drachen, die man hätte schlachten und nach Chalced bringen können. Sei’s drum. Wie die meisten Händler war auch Leftrin der Ansicht, dass es für den Handel und die Menschheit umso besser war, je früher der Fürst von Chalced unter die Erde kam. Gleichzeitig sah er die Sache pragmatisch: Solange der alte kranke Kriegstreiber noch atmete, konnte man getrost noch etwas Gewinn aus dem Handel mit ihm schlagen.

Sollte er sich für diesen Weg entscheiden, musste er nur noch eine Möglichkeit finden, das unhandliche und schwere Holzstück heil nach Chalced zu schaffen. Für die Überreste des halb entwickelten Drachen in dem Block würde er bestimmt einen fantastischen Preis erzielen. Einfach nur den Kokon nach Chalced bringen. Wenn er sich das so vorsagte, klang es fast einfach, als bräuchte man weder Winden noch Umlenkrollen, um den Kokon zwischen den Stämmen hervorzuzerren und ihn an Bord des Kahns zu hieven. Ganz zu schweigen davon, eine solche Fracht geheim zu halten und einen Weg zu finden, wie der Schatz von der Mündung des Regenflusses nach Chalced gelangte. Mit seinem Kahn würde er die Reise niemals selbst in Angriff nehmen können. Aber wenn er all dies geregelt hätte und auf seiner Reise nach Norden und zurück weder ausgeraubt noch ermordet wurde, könnte ihn dieses Abenteuer zu einem reichen Mann machen.

Er humpelte schneller voran. Das leichte Brennen in seinem Stiefel hatte sich in ein schmerzhaftes Stechen verwandelt. Mit ein paar Blasen konnte er leben; eine offene Wunde dagegen würde bald eitern und ihn wochenlang lahmlegen.

Als er aus dem Dickicht auf das einigermaßen freie Ufer trat, roch er den Rauch aus der Kombüse und hörte die Stimmen seiner Männer. Es duftete nach gerösteten Brotfladen und frisch gebrühtem Kaffee. Zeit, an Bord zu gehen und aufzubrechen, bevor irgendjemand sich fragte, was der Kapitän während seines Morgenspaziergangs getrieben hatte. Eine fürsorgliche Seele hatte am Bug eine Strickleiter für ihn heruntergelassen. Wahrscheinlich Swarge. Sein Steuermann war dem Rest der Mannschaft immer zwei Gedanken voraus. Der massige Eider saß schweigend auf der Reling am Bug und rauchte seine morgendliche Pfeife. Er nickte dem Kapitän zu und blies zum Gruß einen Rauchring in die Luft. Falls er sich fragte, wo Leftrin gewesen war und was er gemacht hatte, ließ er es sich nicht anmerken.

Leftrin grübelte noch immer, wie er das Hexenholz ambesten in Reichtum ummünzen konnte, als er seinen schlammigen Stiefel auf die unterste Sprosse der Leiter setzte. Die schimmernden schwarzen Augen, die auf Teermanns Bug aufgemalt waren, sahen ihn geradewegs an, und er erstarrte. Eine völlig neue Idee keimte in ihm. Ich behalte es. Ich behalte das Holz und verwende es für mein eigenes Schiff.Lange Augenblicke verharrte er auf der Leiter, während sich die Möglichkeiten in seinem Geist entfalteten wie Blüten, die sich in der Dämmerung öffneten.

Er tätschelte den Schiffsrumpf. »Das könnte ich, mein Alter. Das könnte ich wirklich.« Dann stieg er die restlichen Sprossen hinauf an Deck, zog seinen undichten Stiefel aus und warf ihn über Bord, auf dass der Fluss ihn vollends verschlingen würde.

Fünfzehnter Tag des Fischmonds

IMSIEBTENJAHRDERHERRSCHAFTDESERLAUCHTENUNDPRÄCHTIGENSATRAPENCOSGO

IMERSTENJAHRDESUNABHÄNGIGENHÄNDLERBUNDS

Von Detozi, Vogelwart in Trehaug,

an Erek, Vogelwart in Bingstadt

Die versiegelte Rolle enthält eine Nachricht von größter Wichtigkeit vom Konzil der Regenwildnishändler in Trehaug für das Konzil der Bingstadt-Händler. Ihr werdet eingeladen, wen auch immer ihr beim Schlüpfen der Regenwildnisdrachen anwesend wissen möchtet, als Repräsentanten zu diesem Ereignis zu entsenden. Auf Anweisung der allerhöchsten königlichen Drachin Tintaglia werden die Hüllen am fünfzehnten Tag des Keimmonds, also in fünfundvierzig Tagen, dem Sonnenlicht ausgesetzt. Mit großer Freude blickt das Konzil der Regenwildnishändler Eurer Anwesenheit beim Schlüpfen der Drachen entgegen.

Erek!

Mistet Eure Taubenschläge aus und kalkt die Wände. Die beiden letzten Tiere, die mich von Euch erreicht haben, hatten Läuse, und sie haben meinen Taubenschlag angesteckt.

Detozi

2

DASSCHLÜPFEN

Aus purem Glück war Thymara zur rechten Zeit am rechten Ort. Noch nie zuvor hatte sie ein solches Glück gehabt, dachte sie, während sie sich am untersten Ast eines Baumes am Rande des Schlangenufers festhielt. Normalerweise begleitete sie ihren Vater nicht in die tieferen Ebenen Trehaugs, und schon gar nicht reiste sie mit ihm nach Cassarick. Doch nun war sie hier, und just an jenem Tag, an dem Tintaglia die Drachenkokons zu enthüllen gedachte. Sie warf einen Blick zu ihrem Vater, der sie angrinste. Nein. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass es kein Glück gewesen war. Er hatte geahnt, welche Freude es ihr bereiten würde, dies mitzuerleben, und er hatte den Ausflug entsprechend geplant. Sie grinste mit der ganzen Zuversicht ihrer elf Jahre zurück und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Szene weiter unten zu. Da drang die warnende Stimme ihres Vaters an ihr Ohr, der wie ein Vogel auf einem dickeren Ast und näher am Stamm des riesigen Baumes hockte.

»Thymara, pass auf. Die sind frisch geschlüpft. Und hungrig. Wenn du runterfällst, verwechseln sie dich vielleicht mit einem Stück Fleisch.«

Das dürre Mädchen grub seine schwarzen Klauen tiefer in die Rinde. Ihr war klar, dass er nur halb im Scherz sprach. »Mach dir keine Sorgen, Pa. Die Baumkronen sind meine Welt. Ich werde nicht fallen.« Sie lag lang gestreckt auf einem herabhängenden Ast, dem außer ihr kein erfahrener Astkletterer getraut hätte. Doch sie wusste, dass er sie tragen würde. Wie eine der schlanken braunen Baumeidechsen, mit denen sie sich den Platz teilte, schmiegte sie sich mit dem Bauch an den Ast. Und wie diese lag sie mit ausgestrecktem Körper da, klammerte sich mit den Schenkeln fest und grub Finger und Zehen in die Ritzen der Borke. Ihr glänzendes schwarzes Haar hatte sie zu einem Dutzend fester Zöpfe geflochten, die sie im Nacken zusammengebunden hatte. Ihr Kopf hing tiefer als ihre Füße, und die Wange gegen die Rinde gedrückt, verfolgte sie gespannt das Drama, das sich unter ihr abspielte.

Thymaras Baum war einer von Tausenden, die den Wald der Regenwildnis bildeten. Zu beiden Seiten des breiten grauen Regenflusses dehnte sich viele Tagesreisen weit der Wald in alle Richtungen aus. Nahe Cassarick und auch noch einige Tagesreisen stromaufwärts herrschten Lattenbäume vor. Ihre horizontal weit auskragenden Äste waren hervorragend zum Hausbau geeignet. Größere Bäume entwickelten Luftwurzeln, die von den Zweigen nach unten wuchsen und sich einen Weg in die Erde suchten. So schuf jeder Baum rund um sein Wurzelwerk eine Art »Lattenzaun«, und er war fest im Erdreich verankert. In der Gegend von Cassarick war der Wald um einiges dichter als in der Nähe von Trehaug, und die horizontalen Äste der Lattenbäume waren robuster als die, die Thymara von zu Hause gewohnt war. Sie machten das Klettern von Baum zu Baum fast zu einem Kinderspiel. Heute hatte sie sich auf das von keiner Wurzel abgestützte Ende eines Astes gewagt, um ungehinderte Sicht auf das Spektakel unter sich zu erhalten.

Direkt vor ihr, auf der anderen Seite des schlammigen Uferabschnitts, bot sich ihr das Panorama des milchig dahinfließenden flachen Wassers. Auf der anderen Flussseite war nebelhaft der ferne, dichte Wald zu erkennen. Dort hatte der Sommer eine Million Grüntöne hervorgebracht. Das Geräusch des Stroms und der von den Kieseln aufgeschäumten, undurchsichtigen Wellen war die niemals endende Musik ihres Lebens. Auf Thymaras Seite des Flusses und nahe am Ufer war das Wasser flach, und die Flut wurde von Kieseln und Sandbänken abgebremst, bis sie das Land unter ihrem Baum erreichte. Im letzten Winter war dieser Uferabschnitt hastig mit Holzbalken verstärkt worden. Zwar waren die Winterfluten nicht gerade behutsam mit ihnen umgegangen, aber die meisten waren noch an Ort und Stelle.

Wie Treibgut lagen die Schlangenhüllen über das mehrere Morgen große Uferareal verstreut in der Sonne. Früher war der Strand mit Büscheln struppigen Grases und dornigem Gesträuch bewachsen gewesen, doch mit der Ankunft der Schlangen im letzten Winter war die Vegetation zerstört worden. Von der Schlangenwanderung hatte Thymara nur gehört, gesehen hatte sie sie nicht. Niemand, der in den Baumstädten der Regenwildnis wohnte, hatte die Geschichten nicht gehört. Eine Herde, ein Knäuel aus mehr als hundert riesigen Schlangen, war den Regenfluss heraufgeschwommen, begleitet von einem Seelenschiff und geführt von einer prachtvollen silbrig-blauen Drachin. Der junge Uralte Selden Vestrit hatte sie dort begrüßt und in der Heimat ihrer Vorfahren willkommen geheißen. Darüber hinaus hatte er die Regenwildnisleute beaufsichtigt, die den Schlangen bei der Herstellung ihrer Hüllen geholfen hatten. Den Großteil des Winters hatte er in Cassarick verbracht und sich immer wieder vergewissert, dass die Kokons der schlafenden Schlangen stets gut mit Laub und Schlamm bedeckt waren, damit sie weder der Kälte noch dem Regen oder der Sonne ausgesetzt waren. Und nach allem, was sie gehört hatte, war er auch heute wieder dabei, um Zeuge des Schlüpfens zu werden.

Sosehr sie es sich wünschte, hatte sie ihn doch noch nicht gesehen. Wahrscheinlich befand er sich mitten unter den Kokons auf dem Podest, das man für die Mitglieder des Regenwildniskonzils und andere wichtige Würdenträger aufgebaut hatte. Um das Podest drängten sich die Händler in ihren Roben, und die einfachen Leute besetzten die umliegenden Bäume wie ein Schwarm Zugvögel. Sie war froh, dass ihr Vater sie hierher, ans Ende der Stätte, gebracht hatte. Zwar lagen hier weniger Hüllen, aber es drängten sich auch weniger Leute, die ihr die Sicht versperrten. Trotzdem wäre es schön gewesen, nahe genug am Podest zu sein, um die Musik und die Reden zu hören. Und einen leibhaftigen Uralten zu erblicken.

Wenn sie nur an ihn dachte, schwoll ihre Brust vor Stolz. Er stammte aus Bingstadt und kam wie sie aus einer Händlerfamilie, aber die Drachin Tintaglia hatte ihn berührt, und daraufhin hatte er sich in einen Uralten verwandelt. Er war der erste Uralte, den die Menschen seiner Generation erblickt hatten.

Inzwischen gab es zwei weitere Uralte, Seldens Schwester Malta und Reyn Khuprus aus der Regenwildnis. Thymara seufzte. Das alles war wie ein Wirklichkeit gewordenes Märchen. Seeschlangen, Drachen und Uralte waren an die Verfluchten Gestade zurückgekehrt. Und ihr war es beschieden, die ersten schlüpfenden Drachen seit Menschengedenken zu sehen. Bis zum Nachmittag würden die jungen Drachen geschlüpft sein und sich bereits in die Lüfte erhoben haben.

In jeder der mattgrauen Hüllen, die, so weit Thymaras Auge reichte, das Ufer übersäten, verbarg sich etwas, das früher einmal eine Schlange gewesen war. Die Schichten aus Laub, Zweigen und Mulch, die die Kokons den ganzen Winter und Frühling über bedeckt hatten, waren abgetragen worden. Einige der Hüllen waren so groß wie Flusskähne, andere waren klein wie Holzstapel. Manche glänzten fett und silbrig, andere waren eingestürzt oder in sich zusammengesunken. Sie hatten eine mattgraue Farbe, und Thymaras feine Nase schnappte den Geruch toter Eidechsen auf. Die Schlangen, die sich in diesen Hüllen verpuppt hatten, würden nicht als junge Drachen daraus schlüpfen.

Wie die Regenwildnishändler der Drachin versprochen hatten, hatten sie alles getan, um sich unter Seldens Anweisungen um die Kokons zu kümmern. Über jede Hülle, die ihnen zu dünn erschienen war, hatten sie weitere Lehmschichten gestrichen. Dann hatten sie als zusätzlichen Schutz Laub und Zweige daraufgehäuft, denn Tintaglia hatte verfügt, dass die Hüllen nicht nur vor der Kälte des Winters, sondern auch vor der Frühlingssonne abgeschirmt sein sollten. Da die Drachen sich erst spät im Jahr eingesponnen hatten, Wärme und Licht aber das Schlüpfen auslösen würden, sollten sie bis zum Hochsommer abgedeckt bleiben, damit sie mehr Zeit hatten, um sich zu entwickeln. Die Wächter der Regenwildnis und die Tätowierten – ehemalige Sklaven aus Jamaillia, die nun in Freiheit lebten – hatten ihr Bestes gegeben. Das war Teil des Tauschhandels zwischen der Drachin Tintaglia und den Regenwildnishändlern gewesen. Sie hatte sich bereit erklärt, die Mündung des Regenflusses gegen chalcedische Eindringlinge zu verteidigen, während die Händler im Gegenzug versprochen hatten, den Schlangen dabei zu helfen, zu ihren alten Reifegründen zu gelangen, und sie zu hüten, während sie in ihren Hüllen heranwuchsen. Beide Seiten hatten sich an die Abmachung gehalten. Heute würde man die Früchte dieses Handels erblicken, wenn sich Drachen als Verbündete Bingstadts und der Regenwildnishändler zu ihrem ersten Flug in die Lüfte erheben würden.

Der Winter mit seinen tobenden Stürmen und prasselnden Wolkenbrüchen hatte hohen Tribut von den Drachenhüllen gefordert. Am meisten hatten ihnen die Fluten zugesetzt, wenn der Fluss angeschwollen war und die Reifegründe verheert hatte. Die Wellen hatten die zerbrechlichen Kokons gegeneinandergeworfen, wobei viele beschädigt worden waren. Zudem hatten sie den schützenden Lehm davongeschwemmt. Nachdem das Wasser zurückgegangen war, hatte die Zählung ergeben, dass ganze zwanzig Hüllen fortgetrieben worden waren. Von den neunundsiebzig verpuppten Drachen waren nur neunundfünfzig übrig geblieben, und es war ungewiss, wie viele in den angeschlagenen Hüllen überlebt hatten. Obwohl man in der Regenwildnis ständig mit Fluten rechnen musste, war Thymara dennoch mit Kummer darüber erfüllt. Sie fragte sich, was wohl aus den verschollenen Kokons und den unfertigen Drachen darin geworden war. Hatte der Fluss sie verschlungen? Hatte er sie ins Meer gespült?