Wächter des Wyrdwood - RJ Barker - E-Book

Wächter des Wyrdwood E-Book

RJ Barker

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Beschreibung

Cahan ist einer der wenigen Menschen, die sich in den gefährlichen Wäldern von Crua zurechtfinden. Doch einst war er mehr als ein Waldläufer. Udinny dient der Göttin der Verlorenen, der Beschützerin der Geringen und Hilflosen. Als Udinny in den Wyrdwood aufbrechen muss, um ein vermisstes Kind zu finden, bittet sie Cahan, ihr Führer zu sein. Doch in einem Land, in dem die Menschen den Launen gefühlloser Götter ausgeliefert sind und der Wald von Monstern heimgesucht wird, muss Cahan zwischen zwei Leben wählen – und seine Entscheidung wird Konsequenzen für seine ganze Welt haben.

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Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2024

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AUSSERDEM BEI PANINI ERHÄLTLICH

RJ BARKER: DIE GEZEITENKIND-TRILOGIE

Band 1: DIE KNOCHEN-SCHIFFE

ISBN 978-3-8332-4181-9

Band 2: DER RUF DER KNOCHEN-SCHIFFE

ISBN 978-3-8332-4272-4

Band 3: IM SOG DER KNOCHEN-SCHIFFE

ISBN 978-3-8332-4329-5

Erhältlich im Buchhandel

RJ BARKER

Die Wyrdwood-Trilogie 1

Ins Deutsche übertragen von Michaela Link

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright © 2023 RJ Barker.

Karte © 2023 by Tom Parker

Published by agreement with Johnson & Alcock Ltd.

Titel der Englischen Originalausgabe: »Gods of the Wyrdwood – The Forsaken Trilogy – Book 1« by RJ Barker, published 2023 by Orbit Books, London, UK.

Deutsche Ausgabe 2024 Panini Verlags GmbH, Schlossstr. 76, 70176 Stuttgart.

Alle Rechte vorbehalten.

Geschäftsführer: Hermann Paul

Head of Editorial: Jo Löffler

Head of Marketing: Holger Wiest (E-Mail: [email protected])

Presse & PR: Steffen Volkmer

Übersetzung: Michaela Link

Lektorat: Sabine Biskup

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und E-Book: Greiner & Reichel, Köln

YDFORS001E

ISBN 978-3-7569-9960-6

Gedruckte Ausgabe:

1. Auflage, August2024, ISBN 978-3-8332-4486-5

Findet uns im Netz:

www.paninicomics.de

PaniniComicsDE

Für Ed Wilson, meinen Agenten und FreundVerletze niemanden und bleibe unverletzt.

Anfang

Den Venttag mochte der Junge am liebsten. Das war schon immer so gewesen, denn an diesem Tag fanden die Prozessionen statt, und wenn sie am Hof vorbeizogen, ruhte die Arbeit. Die Werkzeuge und Stäbe wurden weggeräumt, die Mütter achteten darauf, dass alle ihre besten Kleider anlegten, und die Väter sorgten dafür, dass sie auch sauber waren. Dann standen sie beisammen, nahe dem Wald, der kalte Wind pfiff ihnen um die Ohren, und sie versuchten, nicht zu zittern, während sie darauf warteten, dass die Geistlichen von Haran durch den Saumwald nach Groß-Haran zogen.

Die Geistlichen kamen immer in der ersten Tageshälfte, aber nie machten sie Halt am Hof.

Geistliche hatten nichts übrig für clanlose Pächter, die dem gefrorenen Land ihren Lebensunterhalt abtrotzten. Für den Jungen war es dennoch aufregend. Sie alle verehrten Chyi, den Gott der Cotta-Rai, doch dann gab es wiederum tausend Götter, die Chyi dienten, und man wusste nie, welchen Gott die Geistlichen anbeteten, geschweige denn, wie sie aussehen würden. Mal wirkten sie gütig, mal wohlhabend und mal grimmig, manchmal machten sie einem Angst, und manchmal kam all das zusammen. Er hatte schon Geistliche von Kriegsgöttern gesehen, begleitet von Kämpfern, die Klingen schwangen und tanzten, Geistliche der Nacht, ihre nackten Körper mitternachtsblau bemalt. Manche trugen ihr Haar lang und andere hatten überhaupt keine Haare. Man konnte nur erfahren, wie sie aussahen, wenn man dabei war, sobald sie aus dem Wald kamen. Für den Jungen war dies der aufregendste Moment.

In welcher Aufmachung würden sie diesmal erscheinen?

»Hörst du die Glocken, Cahan?«, fragte seine Schwester. Sie war älter als er, wenn auch nicht viel, doch alt genug, um während der Arbeit auf den Feldern das Sagen zu haben. »Sie kommen.«

»Ich höre sie, Nahac«, sagte er. »Und ich werde der Erste sein, der sie sieht.«

»Still«, sagte Erstvater, und Cahan verstummte, denn Erstvater war jähzornig.

»Lorn«, sagte Zweitmutter leise, »lass die Kinder sich freuen. Das Leben ist schwer genug.«

»Es wird noch schwerer, wenn die Geistlichen uns für respektlos halten«, erwiderte Erstvater, und Zweitmutter schwieg, was bedeutete, dass sie Erstvater recht gab. Also schaute Cahan zu Boden, wie es ihm beigebracht worden war. Aber er neigte den Kopf nur ein wenig, nicht tief genug, um wahren Gehorsam zu zeigen. Denn dann würde er sie nicht sehen, und er wünschte sich so sehr, sie zu sehen.

Als die Geistlichen schließlich kamen, war er enttäuscht. Es gab weder Musikanten noch prächtige Gewänder, Tänzer oder Krieger. Nur ein Zug müder Menschen, deren langes Haar mit Schlamm verdreckt war, die Kleider bespritzt vom Schmutz der Reise. Der Einzige, der auch nur ansatzweise prachtvoll anzusehen war, war ein Mann mit einer Maske, in die ein grimmiges Gesicht mit langen Zähnen geschnitzt war. Ihr Skua-Rai, der Sprecher ihres Gottes. Er hatte einen langen weißen Bart und wurde in einem Stuhl getragen, der mit Schweberanken umwickelt war, um die Last zu erleichtern, und der im Takt der bimmelnden Glocken der Träger von einer Seite zur anderen schwankte. An einer langen Stange hielt jemand einen Stern Iftals über ihn, aber das Holz war alt, und die acht Zacken, die an eine Scheibe angebracht waren, wackelten, als die Prozession sich vorwärtsbewegte. Aber dennoch – es waren Geistliche, und das bedeutete, dass sie wichtig waren, weshalb Cahan den Kopf neigte und sich mühte, seine Enttäuschung zu verbergen.

Dann blieben sie stehen.

Die Geistlichen blieben niemals stehen. Nicht an ihrem Hof.

»Diese Leute waren nicht bei der Zusammenkunft im Dorf für Zorir-der-im-Feuer-wandelt«, sagte der Mann auf dem Stuhl mit sehr leiser Stimme.

»Sie haben keine Schminke, keine Clanfarbe, es sind Clanlose«, erklärte ein Geistlicher, der kahl war und grimmig aussah, als ob seine Worte alles erklärten, und das taten sie natürlich auch. Selbst der Junge wusste, dass ein Clanloser zu sein bedeutete, weniger wert zu sein als alle anderen. Weniger noch als die Kronenköpfe auf dem Hof, und Kronenköpfe waren die dümmsten Tiere, die es gab. Ohne die Garauren, die sie hüteten, würden sie innerhalb eines Tages sterben.

»Es hält also nie jemand hier an?«, fragte der bärtige Mann.

»Wie ich gesagt habe, Skua-Rai, es sind Clanlose.«

»Also keiner Familie zugehörig. Ohne Loyalität, und sie leben am Rande des Waldes«, murmelte der Alte. Dann drehte er sich wieder zu ihnen. »Ich denke, wir werden hier haltmachen.«

Der Junge stellte fest, dass er zitterte, und er wusste nicht, ob vor Angst oder vor Aufregung. Er beobachtete das Geschehen und versuchte, sich dabei nicht erwischen zu lassen, während der Stuhl abgestellt und ein Tritt gebracht wurde. Der alte Mann stand auf und der kahlköpfige Geistliche half ihm herunter.

»Es ist verboten, Skua-Rai«, sagte er leise zu dem alten Mann.

»Nun, Laha, viele Dinge sind so lange verboten, bis sie es nicht mehr sind, nicht wahr?«

»Aber die Lehren …«, begann der Mann.

»Ich glaube nicht, dass du mir als Skua-Rai etwas über Zorirs Lehren erzählen musst, oder, Laha?«

»Nein.« Der Mann fiel auf die Knie. »Vergib mir, Skua-Rai.«

»Immer.« Er ging weiter und trat an die Stelle, wo sie im Schlamm knieten. »Ich bringe euch Iftals Segen, Bauer«, sagte er. »Mein Name ist Saradis. Ich komme von Zorir-der-im-Feuer-wandelt und ich grüße euch im Namen meines Gottes. Möge das Feuer euch wärmen, euch aber niemals verbrennen. Möge euer Opfer den Schmerz des großen Iftal durch seinen Diener Chyi lindern.«

Niemand sprach. Niemand wusste, was er sagen sollte, da die Clanlosen niemals gesegnet wurden. Der Junge schaute Erstvater an und wusste den Ausdruck in seinem Gesicht nicht zu deuten. Erstvater wirkte verängstigt, so wie damals, als sie die Swarden im Harnwood gesehen hatten und um ihr Leben gerannt waren.

»Danke.« Die Schwester des Jungen ergriff das Wort. Cahan verkrampfte sich, als er Erstvater nach Luft schnappen hörte, ein gefährlicher Laut, den er gewöhnlich von sich gab, kurz bevor seine Hand zu einem Schlag ausholte.

»Du bist mutig.« Der Skua-Rai machte einen zaghaften Schritt auf Cahans Schwester zu. Er bewegte sich vorsichtig über den nassen, glitschigen und halb gefrorenen Boden. Als der Mann vor Nahac stehen blieb, begann das Herz des Jungen so heftig zu klopfen, dass er glaubte, es würde ihm aus der Brust springen. Die Luft roch plötzlich strenger, und dem Jungen wurde bewusst, wie schmutzig seine Kleider und er selbst waren. Er konnte das Gras riechen, das unter den Füßen des Mannes zertreten wurde. Sie steckt in Schwierigkeiten, dachte er, meine Schwester steckt in Schwierigkeiten, und diese Leute sind wichtig, sie werden ihr die Lippen abschneiden, weil sie unaufgefordert gesprochen hat. »Schau mich an«, sagte der Geistliche. »Ihr alle könnt mich anschauen.« Der Junge tat es. Der alte Mann kam näher, und der Junge war sich ganz und gar nicht mehr sicher, ob es überhaupt ein Mann war. Seine Stimme klang sanfter, eher wie die von Zweitmutter. Seine Gestalt unter dem Gewand war nicht so breit an den Schultern wie bei Erstvater und runder an der Taille.

»Bitte vergib dem Mädchen«, sagte Erstvater, und die Worte stolperten voller Eile aus seinem vernarbten Mund. »Sie weiß noch nicht, wo ihr Platz ist, keiner von ihnen weiß es. Bestrafe mich für das, was sie getan hat.« Der Skua-Rai blinzelte hinter seiner Maske. Starrte auf Erstvaters vernarbtes Gesicht und an die Stelle, wo einst seine Unterlippe gewesen war.

»Mir scheint, man hat dich bereits bestraft«, sagte der Skua-Rai und fügte leise hinzu: »Aber ich bin nicht hier, um zu strafen.« Alle sahen Nahac an und das Mädchen starrte mit einem trotzigen Ausdruck in den Augen zurück. Cahan wartete auf den Befehl, wartete darauf, dass die Geistlichen seine Schwester packten und Messer hervorgeholt wurden für die Bestrafung einer Clanlosen, die es gewagt hatte, unaufgefordert zu sprechen.

»Sag mir, Erstvater«, der Ton des Skua-Rai war sanft und neugierig, »reist du jemals in den Wyrdwood?«

»Es ist verbo…« Der Alte brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

»Mach dir keine Sorgen darüber, was verboten ist und was nicht. Sag mir nur die Wahrheit und niemand wird leiden.« Erstvater senkte den Kopf. So wie er ihn vor der Leoric von Haran senkte, wenn sie einen Handel mit ihm abschloss.

»Manchmal ist es schwer, durch das Jahr zu kommen, mit der Pacht und dem wenigen, was wir für unsere Ernten und für die Kronenköpfe bekommen und …«

»Das ist alles, was ich wissen wollte.«

Der Skua-Rai wandte sich von ihm ab und wieder den beiden Kindern zu, legte den Kopf schräg, sodass das polierte Holz seines Helms das schwache Licht des Nachmittags einfing. Der Junge erkannte, dass der Bart an der Maske befestigt war, und war sich jetzt sicher, dass der Skua-Rai eine Frau war. Sie streckte eine Hand nach Nahac aus, hielt auf halbem Wege inne und schüttelte den Kopf. »Du hast es nicht in dir«, sagte sie. Dann drehte sie sich um, ging auf Cahan zu und musterte ihn. Sie ließ sich auf die Knie nieder und stöhnte, als ihre Gelenke sich beklagten. Ihr hellblaues Gewand wurde vom feuchten Gras durchnässt. Die Welt blieb stehen. Lange sah sie ihn an. Um sich herum hörte er seine Familie atmen. Das leise Knurren des Garaurs, der beim Haus angebunden war. Das Muhen der Kronenköpfe unten im Saumwald.

Die Skua-Rai streckte die Hand aus.

»Ich bin die Skua-Rai Saradis, das Oberhaupt meines Ordens und Sprecherin meines Gottes. Nimm meine Hand, Junge.« Er schluckte. Tat wie geheißen. Ihre Hand fühlte sich an wie die abgezogene Haut eines Kronenkopfes, nachdem sie in der Räuchergrube weich geworden und auf ein Gestell gehängt worden war. Warm und trocken.

Hab keine Angst.

»Ich habe keine Angst.« Die Worte kamen ungewollt aus seinem Mund, mehr gespielte Tapferkeit als die Wahrheit. Er richtete sich im Knien etwas weiter auf. Die Frau lächelte. Er sah zu Nahac hinüber, zu Erstvater und Zweitmutter, dann Drittmutter und Zweitvater hinter ihnen. Zuletzt zu Drittvater, der sie von der Hütte aus beobachtete. Sie alle starrten ihn an, als würden sie ihn kaum erkennen oder verstehen, was er sagte.

»Nur wenige können die Worte hören, die ich gesprochen habe, Junge.« Die Frau nickte in Richtung seiner Ersten, Zweiten und Dritten. »Sie haben es nicht gehört.« Sie blickte zum Wald. »Du warst dort. Tief drinnen.«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf, denn sie durften nicht tief in den Wald gehen, und auch was sie dort taten, war verboten.

»Sei unbesorgt«, sagte die Frau. »Ich möchte, dass du tapfer bist, während ich noch etwas ausprobiere.«

Dann fühlte er etwas. Die Frau hielt seine Hand weiterhin fest, und Cahan spürte etwas Seltsames, so seltsam, dass er keine Worte dafür fand. Als ob sich das Fleisch unter seiner Haut kräuseln würde. Bei dem Gefühl hätte er am liebsten gelacht und gleichzeitig wurde ihm übel davon. Er empfand es als abstoßend, als falsch – und dann war es schon wieder vorbei. Doch obwohl es nur einen Moment lang angehalten und sich schrecklich angefühlt hatte, stellte er fest, dass er es zurückhaben wollte.

Er starrte in die Augen hinter der Maske. Sie starrten zurück. Er spürte, wie die Wärme aus seiner Haut wich, als die Frau die Hand wegzog, und so wie nach dem seltsamen Gefühl sehnte er sich auch nach ihrer Berührung zurück. Sie hob beide Hände und nahm mit einem Klicken die polierte hölzerne Maske und den falschen Bart von ihrem Helm ab, sodass er ihr Gesicht sehen konnte. Sie war nicht so alt, wie er gedacht hatte, obwohl sie weißes Haar hatte wie ein Mensch von über dreißig Ernten. Aber ihr Gesicht unter der verkrusteten Schminke und den roten Linien erschien jünger. Eine lange Aussparung in der Schminke offenbarte verschlungene Clanmuster, die um ihr Auge herum und an ihrem Wangenknochen hinab verliefen. »Dies«, sie hielt die Maske hoch und lächelte ihn an, »ist etwas sehr Seltsames. Es macht manchen Menschen Angst. Es bringt manche dazu, zu tun, was ich sage, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, es zu hinterfragen.« Sie berührte seine Wange. »Es gibt mir Macht«, fuhr sie fort. »Willst du mit mir gehen und etwas über Macht lernen, Waldkind? An einem Ort, an dem es immer warm ist? Ich werde dir beibringen, die Symbole zu lesen, die dir verboten sind.« Sie lächelte. »Und ich werde dir noch viel mehr beibringen.«

»Ich allein?«, fragte er. Die Frau sah sich um und ihr Blick blieb an Nahac hängen.

»Ist das deine Schwester?« Er nickte. »Steht ihr euch nah?« Er nickte wieder. »Dann darf sie mitkommen.«

»Nein!« Das war Zweitmutter, die aufschrie. Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Die Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Ich meine nur, dass wir auch so schon kaum die Pacht für unseren Hof bezahlen können. Ohne die Kinder, die uns bei der Arbeit helfen, sind wir verloren. Wir werden sterben.«

Die Frau sah Zweitmutter an, dann nahm sie eine ihrer Halsketten mit Perlen aus glänzendem, vielfarbigem Klingenholz ab.

»Kennst du den Preis, den es hat, wenn man unaufgefordert zu jemandem wie mir spricht?«, fragte die Skua-Rai. Zweitmutter nickte. Eine Träne lief ihr über die Wange.

»Ich habe ihn geboren«, murmelte sie. »Ich habe ihn geboren.« Und sie fiel vornüber in den Dreck und weinte.

Die Skua-Rai sah auf die schluchzende Zweitmutter hinab. Erstmutter und Zweitvater standen verängstigt da, nicht fähig, sich zu bewegen oder zu helfen.

»Laha«, sagte die Skua-Rai zu dem Mann hinter ihr. Dieser trug eine andere, weniger verschlungene Clanbemalung und spärlichere rote Linien im Gesicht. »Geh mit diesen Perlen zurück ins Dorf. Sprich mit der Leoric und kaufe mit den Perlen diesen Hof für unseren Tempel.« Dann wandte sie sich wieder Zweitmutter zu. »Bewirtschaftet diesen Hof für mich im Namen Zorirs, behaltet die Münzen, die ihr damit verdienen könnt, und seid gewiss, dass eure Kinder bei uns ein besseres Leben haben werden, als ihr es ihnen jemals ermöglichen könntet.«

»Warum?«, fragte Erstvater. »Warum tut Ihr das? Wir sind Clanlose.« Sie wandte sich ab, und ihre Aufmerksamkeit galt wieder Cahan, als seien Erstvaters Worte kaum von Bedeutung für sie.

»Weißt du, was ein Cotta-Rai ist, Junge?« Er nickte. »Sag es mir.«

»Sie herrschen für Chyi. Und wirken Magie. Große Magie«, sagte er. »Wie die Rai, nur noch mächtiger.«

»Du bist sehr schlau, Junge.« Sie lächelte. »Die Cotta-Rai kann mit einer Handbewegung ganze Armeen zum Verschwinden bringen. Sie ist imstande, das Schicksal unserer Welt mit nur einem Gedanken zu verändern. Wie auch den Rai hat ihr ein Gott Macht geschenkt, und sie setzt diese Macht in seinem Namen ein.« Er konnte den Blick nicht von der Frau losreißen. Aber sie schaute jetzt nicht mehr ihn an, sondern seinen Erstvater und seine Zweitmutter. Seine Erstmutter und seinen Zweitvater. »Kennt ihr die Prophezeiung der wahren Cotta-Rai?«

Erstvater nickte.

»Sie wird sich erheben und den alten Cotta-Rai stürzen. Dann wird sie die Welt so neigen, dass es im Norden wieder warm wird.«

»Das ist eine einfache Version der Prophezeiung«, sagte sie. »Aber da ist noch mehr. Die wahre Cotta-Rai wird dem wahren Gott dienen, sie wird die Verbindung zwischen den Göttern und den Ländern, die im Krieg mit den abscheulichen Oseren zerrissen wurde, wiederherstellen. Die Götter müssen dann nicht länger durch die Menschen ihr Werk verrichten, also werden wir frei sein.« Sie betrachtete die versammelte Familie. »Es wird keine Rai mehr geben, keine Leorics und auch keine Skua-Rai.« Dem Jungen kam es so vor, als würde sie in die Höhe wachsen, während sie sprach. »Es spielt keine Rolle, dass eure Vorfahren nicht gegen die Oseren gekämpft haben. Es wird keine Schande mehr geben, alle werden frei sein, und wir werden auf dem Sternenpfad ins Paradies schreiten.«

Erstvater starrte sie an.

»Die Dorfgeistlichen habe ich das noch nie sagen hören.«

»Weil sie dann zugeben müssten, dass Chyi nicht der wahre Gott ist«, erklärte sie. »Zorir ist der wahre Gott, und seine Stimme sagt mir, dass euer Sohn der wahre Cotta-Rai sein wird.« Sein Erstvater riss die Augen auf. Dann sah er Cahan an, aber der Junge konnte nichts weiter denken, sich nicht bewegen, geschweige denn ein Wort sprechen. Die Welt zog sich plötzlich um ihn zusammen, fremd und riesig und Furcht einflößend.

»Hol deine Sachen, Junge«, sagte Erstvater. »Und vergiss uns nicht.«

Dann brach Betriebsamkeit aus, alles lief geschäftig durcheinander. Cahan stand wie betäubt da, eine kalte Benommenheit legte sich über ihn, während seine Sachen zusammengepackt wurden und man ihn anwies, er solle hinter der Skua-Rai gehen. Zuerst rührte er sich nicht, sondern schaute nur zu, wie sie ihre Maske wieder aufsetzte und in ihrem Stuhl Platz nahm. Er war nun nicht mehr aufgeregt, er fürchtete sich. Dies hier war alles, was er kannte, und Wärme hatte er immer nur bei jenen finden können, die ihn liebten. Er wollte nicht fortgehen.

Da spürte er eine warme Hand in seiner, und als er sich umdrehte, sah er Nahac, die ihn anlächelte.

»Komm, Cahan. Wir werden immer einander haben.« Seine Schwester zog an seiner Hand, und er setzte sich in Bewegung und dachte nur noch daran, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Als sie sich dem Saumwald auf der anderen Seite der Lichtung näherten, drehte sich die Skua-Rai zu ihm um. »Schau dir euren Hof noch mal genau an, Junge, denn es wird das letzte Mal sein, dass du ihn siehst.«

Wie so vieles, was sie sagte, sollte sich auch dies als unwahr herausstellen.

Kapitel 1

Der Waldläufer sah sich selbst sterben. Nicht viele können das von sich sagen.

Sein Tod war nicht angenehm.

Der Hof im Saumwald war der eine Fels in seinem Leben, von dem er geglaubt hatte, er würde immer da sein. Das Leben hatte ihm den Hof genommen und ihn viele Jahre später dorthin zurückgeführt – auch wenn alle, die er einst geliebt hatte, inzwischen gestorben waren. Bei seiner Rückkehr hatte er nur verfallene Bauten vorgefunden. Inzwischen war alles wieder aufgebaut, und er hatte sich Narben und Schnitte dabei zugezogen, ein paar Finger gebrochen. Aber es waren Wunden und Schmerzen, die zu erdulden sich lohnten, verdient durch ehrliche, ehrenwerte Arbeit. Es gefiel ihm hier im entlegensten Winkel des nördlichen Crua, fernab der Stadt Haranspeyer, wo die Rai ohne Rücksicht über diejenigen herrschten, die ihnen dienten, wo die Menschen im Dreck hausten und die Schuld auf den Krieg schoben, nicht auf seine Verursacher.

Sein Hof war nicht groß, drei dreieckige Felder guter schwarzer Erde, geküsst vom Frost und frei von Blauadern, die die Ernte verdarben und jeden vergifteten, der töricht genug war, sie zu essen. Umgeben war er von einer Wand aus Bäumen, die den Beginn des großen, behäbigen Saumwaldes markierten. Wenn er nach Süden schaute, wusste er, dass sich hinter dem Wald die Ebenen Cruas braun, kalt und eintönig bis zum Horizont erstreckten. Im Westen, verborgen von einer großen Reihe aus Bäumen, die sich um seinen Hof schmiegten, als wollten sie ihn in den Armen wiegen, lag das Dorf Haran, in das er nur ging, wenn es sich nicht vermeiden ließ, und wo er nicht willkommen war.

In seinen jungen Jahren, daran erinnerte er sich, hatte sich seine Familie stets am Venttag versammelt, um den farbenfrohen Prozessionen des Skua-Rai und seiner Diener zuzuschauen, von denen jeder einem anderen Gott diente. Doch seit er seinen Hof zurückerobert hatte, war keine Prozession mehr vorbeigezogen. Die neue Cotta-Rai hatte sich erhoben und eine neue Gottheit mitgebracht. Tarl-an-Gig war ein eifersüchtiger Gott, der in den Hunderten alter Götter, die einst das Land mit einsamen Klöstern übersät oder in bewaldeten Hainen geschlafen hatten, eine Bedrohung sah. Jetzt gab nur noch ein Narr zu, wenn er am alten Glauben festhielt. Selbst er hatte das Symbol Tarl-an-Gigs – den balancierenden Mann – auf sein Haus gemalt, während im Saumwald ein anderer geheimer, ein persönlicher Schrein versteckt lag. Dieser diente ihm eher zum Gedenken an jemanden, der ihm wichtig war, als zum Zeichen seines Glaubens an die Götter. Seiner Erfahrung nach hatten sie ohnehin wenig Macht – nur die, welche die Menschen ihnen gaben.

Die Dorfbewohner von Haran pflegten zu sagen, alles Unheil käme aus den Bäumen, aber er war da anderer Meinung: Der Wald tat einem nichts, wenn man ihn nicht verletzte.

Er glaubte nicht, dass man dasselbe auch von den Dorfbewohnern behaupten konnte.

Das Unheil kam zu ihm, als das Licht der ersten Acht aufging, es durchströmte den Saumwald, nur gebrochen von den schwarzen Ästen unbelaubter Bäume. Es kam in Gestalt einer Familie: ein Mann, seine Frau, seine Tochter und sein kleiner Sohn, der gerade erst laufen gelernt hatte. Es war keine große Familie, ohne Zweitmutter oder -vater, und es gab unter ihnen keine Trion – keine Vertreter des dritten Geschlechts Cruas. Trion-Ehen waren heutzutage etwas Seltenes, so wie die vielköpfigen Familien, zu denen Cahan einst gezählt hatte. Der Krieg der Cotta-Rai hatte viele Leben ausgelöscht und die neue Cotta-Rai hatte die Trion in die Turmstädte bringen lassen. Niemand wusste, warum, und der Waldläufer scherte sich auch nicht darum. Die Angelegenheiten der Mächtigen interessierten ihn nicht; je weiter er sich davon fernhielt, desto besser.

Er war nicht groß, dieser Mann, der dem Hof am Waldrand zusammen mit seiner Familie Unheil brachte. In vielerlei Hinsicht war er das vollkommene Gegenteil des Waldläufers. Klein und schlecht ernährt, mit pockennarbiger Haut unter der Schminke und dem Clanmuster. Er schlang die dünnen Arme um sich und zitterte in seiner zerlumpten, zerlöcherten Kleidung. Der Waldläufer musste ihm wie ein Riese vorkommen, gut genährt während seiner Kindheit, der Körper wohlgeformt durch die harte Arbeit in seiner Jugend. Seine Muskeln waren durch das Waffentragen und Kämpfen in seiner Ausbildung gestählt worden, und viele Jahre lang hatte er auf seinem Hof mit dem Land kämpfen müssen, das seine Schätze noch widerstrebender hergab als ein Krieger sein Leben. Der Waldläufer war bärtig, seine Kleider aus Kronenkopfwolle von guter Qualität. Er hätte als gut aussehend gelten können, tat es wahrscheinlich auch, aber darüber dachte er nicht weiter nach. Denn er war ein Clanloser, und niemand außer einem anderen Clanlosen würde ihn je eines zweiten Blickes würdigen. Selbst diejenigen, die Gesellschaft gegen Geld anboten, würden sich scheuen, sie ihm zu verkaufen. Nur wenige Clanlose waren in Crua verblieben. Ein weiteres Vermächtnis Tarl-an-Gigs und derer, die dem neuen Gott folgten.

Das Gesicht des Mannes vor Cahan war cremeweiß gepudert und er hatte sich schwarze Linien um den Mund gemalt. Er und die Frau trugen Speere, die Waffe, mit der die Bewohner Cruas am vertrautesten waren. Die Frau blieb mit den Kindern im Hintergrund und hob ihre Waffe, bereit, sie zu schleudern, während ihr Mann sich ihm näherte, einen Speer aus glänzendem Klingenholz in seiner Hand.

Cahan trug keine Waffe bei sich, nur den langen Stab, mit dem er seine Kronenköpfe hütete. Als der Mann fast bei ihm war, verlangsamten sich seine Schritte angesichts des Knurrens des Garaurs zu den Füßen des Waldläufers.

»Segur«, sagte Cahan, »lauf ins Haus.« Er streckte einen Finger aus und ließ einen scharfen Pfiff erklingen, worauf das lange, dünne Fellwesen ins Haus eilte, wo es in der Dunkelheit weiter knurrte.

»Ist das dein Hof?«, fragte der Mann. Das Clanmuster kennzeichnete ihn als Angehörigen eines Cahan unbekannten Geschlechts. Die Narben unter der Farbe wiesen darauf hin, dass er höchstwahrscheinlich früher einmal ein Krieger gewesen war. Vermutlich hielt er sich für stark. Aber die Krieger, die den Rai von Crua gedient hatten, waren daran gewöhnt, in Gruppen zu kämpfen, hinter einer Wand aus Schilden und erhobenen Speeren. Der Nahkampf Mann gegen Mann erforderte jedoch andere Dinge, von denen Cahan bezweifelte, dass dieser Mann sie erhalten hatte. Etwa Cottas und gutes Essen – Dinge, die nur den Rai, den Auserwählten, zur Verfügung standen.

»Es ist mein Hof, ja«, sagte Cahan. Hätte man die Bewohner Harans gebeten, den Waldläufer zu beschreiben, hätten sie Worte wie »schroff«, »ungehobelt« oder »einsilbig« benutzt, und dies wäre wohl zutreffend gewesen. Der Waldläufer allerdings hätte hinzugefügt, dass er eben keine Worte an jene vergeudete, die nicht den Wunsch verspürten, sie zu hören, und auch das wäre zutreffend.

»Ein großer Hof für einen Clanlosen«, sagte der Krieger. »Ich habe eine Familie, und du hast nichts, du bist nichts.«

»Was lässt dich denken, ich hätte keine Familie?« Der Mann leckte sich über die Lippen. Er hatte Angst. Zweifellos hatte er von den Leuten in Haran Geschichten über den Waldläufer gehört, der auf einem Hof im Saumwald lebte und auch keine Scheu hatte, bis in den Wyrdwood zu reisen. Aber wie die Dorfbewohner hielt er sich für etwas Besseres als den Waldläufer. Cahan hatte schon viele solcher Männer kennengelernt.

»Die Leoric von Haran sagt, du seist clanlos, und sie überschreibt mir mit dieser Urkunde dieses Land.« Er hielt ein Blatt Pergament hoch, von dem Cahan bezweifelte, dass der Mann es überhaupt lesen konnte. »Du zahlst keine Abgaben an Haran, und du unterstützt weder Tarl-an-Gig noch den Krieg gegen die Roten, also ist dein Hof verwirkt. Das Schriftstück ist zudem von Tussnig, dem Geistlichen von Haran, unterzeichnet, und als solches verkörpert es den Willen der Cotta-Rai.« Er schien sich nicht recht wohl in seiner Haut zu fühlen; der Wind spielte mit den bunten Fahnen auf dem Hof und ließ die Porzellanketten gegen den dunklen Stein der Mauern des Hauses klimpern. »Sie bieten dir eine Entschädigung«, fuhr der Mann fort und streckte ihm die Hand entgegen, in der eine Summe Geldes lag, die eher eine Beleidigung war als ein angemessener Preis für einen Hof.

»Das ist nicht genug, um diesen Hof zu kaufen, und ich gebe nichts auf Götter«, antwortete Cahan. Der Mann blickte schockiert angesichts dieser beiläufigen Ketzerei. »Sag mir, bist du befreundet mit der Leoric?«

»Ich fühle mich geehrt von ihrem …«

»Das dachte ich mir.« Der Waldläufer machte einen Schritt um den Mann herum und positionierte ihn damit zwischen sich selbst und den Speer der Frau. Der Mann schwankte noch zwischen Gewalttätigkeit und Angst. Der Waldläufer wusste, dass es nicht schwer sein würde, dieser Sache ein Ende zu bereiten. Die Frau hatte nicht mal bemerkt, dass ihre Wurflinie durch ihren Mann blockiert wurde. Und selbst wenn sie es bemerkt hätte, bezweifelte Cahan, dass sie sich schnell genug bewegen könnte, um dies zu ändern, während ihre Kinder sich ängstlich an ihre Beine klammerten. Ein einziger Schlag mit der Handkante gegen die Kehle des Mannes würde ihn erledigen. Dann würde er dessen Körper als Schild benutzen, um sich der Frau zu nähern, noch bevor sie dazu kam, ihren Speer zu werfen.

Aber es waren Kinder dabei, und der Waldläufer war kein Rai, der ohne einen weiteren Gedanken auch Kinder tötete. Sie würden die Nachricht vom Tod ihrer Eltern nach Haran tragen, zweifellos zur großen Freude der Leoric Furin, die anstelle der Dorfkinder dann die neuen Waisen opfern konnte, um sie zu Soldaten auszubilden.

Wenn er dies also täte, wenn er diesen Mann und diese Frau tötete, das wusste Cahan, dann würde er sich morgen einem Mob aus dem Dorf gegenübersehen. Er wurde von ihnen ohnehin gerade so geduldet. Wenn er jemanden tötete, der über ihm stand, wäre es damit vorbei. Dann würde die Leoric bekommen, was sie wollte: seinen Hof. Vielleicht war dieser Ausgang genau das, was sie sich erhoffte.

Der Mann beobachtete den Waldläufer mit zuckenden Bewegungen und verunsicherter Miene.

»Also, nimmst du das Geld?«, fragte er. »Gibst du deinen Hof her?«

»Entweder ich willige ein oder ich muss dich töten, nicht wahr?«, fragte Cahan. Tatsächlich hatte er Mitleid mit diesem verängstigten Mann, der ungewollt in das böse Spiel verstrickt wurde, das Cahan mit der Leoric von Haran spielte, seit er den Hof wieder bewohnbar gemacht hatte.

»Das oder wir werden dich töten«, antwortete der Mann, der sein Selbstbewusstsein wiederzufinden schien. »Ich habe in der blauen Armee der Cotta-Rai gekämpft, um die Wärme zurückzubringen. Ich habe gegen die Rai des Südens gekämpft. Ich fürchte keinen Clanlosen wie dich.« Solch unverdientes Selbstvertrauen konnte in Crua schnell das Ende eines Mannes bedeuten.

Doch nicht heute.

»Behalte das Geld, ihr werdet es brauchen«, sagte der Waldläufer und stieß den Atem aus, der eine weiße Wolke in der Luft bildete. »Das Land zu bestellen ist eine Fertigkeit, die man erlernen muss wie alles andere auch, und wenn es kalt ist, ist es schwere Arbeit. Du wirst dich abmühen müssen, bevor du erste Erfolge siehst.« Cahan ließ erneut einen Pfiff ertönen, und Segur, der Garaur, kam aus dem Haus geschossen. Sein Fell war blauweiß, sein langer Leib schlangenhaft, und er strahlte etwas Gefährliches aus, wie er über den harten Boden eilte, an Cahans Bein und Brust hochglitt und sich um seinen Hals legte. Mit funkelnden Augen betrachtete er den Waldläufer, seine scharfen Zähne glänzend im halb offenen, hechelnden Maul. Cahan kraulte den Garaur unterm Kinn, um ihn zu beruhigen. »Das hintere Feld …« Er zeigte auf das Stück Land zwischen der Rückseite des Hauses und dem Saumwald. »Der Boden dort ist verseucht von Wurzelwürmern, pflanzt also etwas wie Cholk an. Wenn ihr Hackfrüchte säht, sterben sie, bevor sie aufgehen, und das lockt Blauadern auf die Felder. Auf den beiden anderen Felder könnt ihr anbauen, was ihr wollt. Sie sind gut umgegraben und gedüngt. Zum Hof gehören neun Kronenköpfe, die sich überwiegend am Rande des Waldes aufhalten. Sie werden euch Milch geben und sich einmal im Jahr häuten, sodass ihr das Fell einsammeln könnt, außerdem kann man sie einmal im Jahr scheren.«

»Was wirst du jetzt tun?«, fragte der Mann, und wäre Cahan nicht gerade seiner Lebensgrundlage beraubt worden, hätte ihn dieses plötzliche Interesse zum Lachen gebracht.

»Das soll nicht deine Sorge sein.« Er schickte sich an, zu gehen.

»Warte«, rief der Mann, und Cahan blieb stehen. Holte tief Luft und drehte sich um. »Der Garaur, den du um deinen Hals trägst, gehört mir. Ich werde ihn zum Hüten der Kronenköpfe brauchen.« Der Waldläufer lächelte; zumindest einen kleinen Sieg würde er heute davontragen. Und wenn sich dieser neue Pächter mit der Wirklichkeit des Landbaus konfrontiert sah, würde auch er wieder verschwinden wie schon andere vor ihm. Als er Cahans Gesichtsausdruck sah, wich der Mann einen Schritt zurück, vielleicht weil ihm bewusst wurde, dass er sein Glück auf eine etwas härtere Probe gestellt hatte, als gut für ihn war. Die Größe des Waldläufers und dessen Selbstbewusstsein beunruhigten ihn, auch wenn sich dieser bereits von seinem Hof entfernte.

»Garauren binden sich an ihre Besitzer. Aber bitte, ruf Segur zu dir. Wenn du ihn dazu bringen kannst, dass er kommt, gehört er dir. Doch würdest du nur ein wenig von Ackerbau verstehen, wüsstest du, dass es verschwendeter Atem ist.« Mit diesen Worten drehte er sich wieder um und ging davon. Der Mann rief nicht nach Segur, sondern schaute ihm nur nach. Cahan ertappte sich dabei, dass er in der Erwartung eines geworfenen Speeres die Schultern anspannte.

Dies waren keine schlechten Menschen, nicht wirklich, dachte der Waldläufer. Andererseits waren sie nicht skrupellos genug für dieses Land. In Crua kehrte man einem Feind nicht den Rücken zu. Vielleicht wussten der Mann und seine Familie das nicht, oder sie waren zu schockiert, wie leicht es gewesen war, sich des Hofes zu bemächtigen.

»Und bleib weg«, rief der Mann ihm nach, »oder ich schicke dich runter zu den Oseren!«

Nichts, was leicht ist, geht gut aus, lautete ein beliebtes Sprichwort der Geistlichen, die Cahan in seiner Jugend erzogen hatten. In diesem Spruch lag eine Wahrheit, die auch der Fremde und seine Familie irgendwann erfahren würden.

Er schlug sein Lager im Wald auf. Nicht im Harnwood, wo es gefährlich war, und natürlich erst recht nicht im Wyrdwood inmitten der Wolkenbäume, die den Himmel berührten und wo seltsame Wesen lebten. Doch auch nicht zu nah am Rand des Saumwaldes, damit der neue Besitzer des Hofes ihn nicht bemerkte.

Er begab sich tiefer in den Wald, als es die meisten Menschen gewagt hätten, aber nicht so weit, dass es töricht gewesen wäre – eine Richtschnur, nach der es sich gut leben ließ. Dort setzte er sich und beobachtete sie. Nach seiner Schätzung würde ein Sechstel eines Jahres genügen, vielleicht weniger, bis die Familie begriff, dass es nicht so einfach war, einem seit Generationen kalten Boden den Lebensunterhalt abzuringen. Noch war niemand geblieben. Der Krieg hatte so viele Leben gefordert, dass es im Land kaum noch kundige Leute gab, und Cahan, auf halbem Weg durch sein drittes Jahrzehnt, galt bereits als alter Mann. Die Bauern würden sich nicht auf dem Hof halten können, und am Ende würde die Tatsache, dass Cahan das, was von seiner Ernte übrig blieb, verlässlich auf den Markt brachte, und dass er wusste, wie man sich sicher durch den Wald bewegte, wichtiger sein als die kleine Opfergabe, die er nicht zu leisten bereit war.

Das war eine Lektion, die zu lernen die Leoric sich schwertat. Aber die Bewohner Harans hatten Außenseiter noch nie gemocht und clanlose Außenseiter schon gar nicht. In gewisser Weise taten sie ihm leid. Der Krieg war hart für sie gewesen. Das Dorf war noch kleiner als je zuvor, und dennoch wurde erwartet, dass es seinen Tribut an Haranspeyer entrichtete. In letzter Zeit hatte es in Haran noch mehr Elend gegeben, weil die Waldschuten, das waren die Gesetzlosen des Waldes, ihre Handelskarawanen überfielen. Mit zunehmender Verarmung war man im Dorf immer misstrauischer und Cahan als Außenseiter zu einer leichten Zielscheibe für die verängstigten Männer und Frauen geworden.

Zweifellos glaubten Tarl-an-Gigs Geistliche, der Kampf wäre gut für Haran; ihr Hunger nach Menschen, die sich aufopferten als Futter für ihre Armeen oder für die Rai, war stets groß.

Cahan hatte für Tarl-an-Gig nichts übrig. Crua war einst ein Land vieler Götter gewesen, und sein Volk hatte ein untrügliches Gespür dafür, sich die Allerschlimmsten auszusuchen.

Es war kalt im Wald. Die Mangelzeit, in der die Pflanzen ihre dürftigen Gaben an die Hungrigen verschenkten, war vorbei, und der Harsch begann einem in die Haut zu beißen und die Erde in Stein zu verwandeln. Schon bald würden die Zirkelwinde abflauen und die Eisluft würde kommen. Im Süden nannte man die Mangelzeit Knospenzeit, und die Jahreszeit, die im Norden Harsch hieß, nannten sie dort die Fülle. Es war nicht immer so gewesen, aber seit Generationen genossen die Südländer Wohlstand, während der Norden darbte. Und dann wunderten sich die Menschen im Süden, warum von Norden Krieg heraufzog.

Jeden Tag während des Harschs erwachte Cahan unter knorrigen, dürren Bäumen und fühlte sich, als hätte der silberne Raureif, der unter seinen Füßen knirschte und knackte, sich in seine Knochen eingenistet. Er aß besser als auf dem Hof und arbeitete dafür weniger. Segur hatte seine Freude daran, Buddler und Histi zu fangen und sie ihm zu bringen, sogar mehr, als er essen konnte. Also baute Cahan sich einen Räucherofen, saß neben der großen Kuppel aus Erde und Holz, aus der langsam der Rauch quoll, und wärmte sich daran, während er beobachtete, wie die Familie auf dem Hof sich abmühte und hungerte und wie sie einander in ihrer Verzweiflung anschrien. Sie froren schlimmer als er, trotz des schützenden Erdhauses. Ihrem Feuer war das Holz ausgegangen, und sie waren zu furchtsam, um in den Wald zu gehen und mehr zu holen. Cahan sah zu, wie sie einen kleinen Schrein, den er für eine vergessene Göttin namens Ranya errichtet hatte, abrissen, um Holz für ihre Feuerstelle zu gewinnen. Sie erkannten ihn nicht als Schrein – nur wenige hätten das –, und viel Holz warf sein verwittertes Dach mit den kleinen Wimpeln auch nicht ab. Von allen Gottheiten war Ranya die Einzige, für die er etwas übrighatte, und die Letzte, die ihm helfen konnte – wenn Götter sich überhaupt um die Menschen scherten.

Von Ranya hatte er durch den Gärtner des Klosters Zorirs erfahren, einen Mann mit Namen Nasim, der ihm als Einziger an diesem Ort mit Güte begegnet war. Er glaubte nicht, dass Nasim es der Familie verübelt hätte, dass sie das Holz des Schreins verfeuerten. Cahan versuchte ebenfalls, es ihnen nicht übel zu nehmen, obwohl es ihm schwerfiel, denn Groll war eine seiner größten Schwächen.

Er tat sein Bestes, die Leute auf seinem Hof zu ignorieren und im Saumwald sein eigenes Leben zu leben. Es stimmte, dass vieles im Wald einen umbringen konnte, aber im Wesentlichen ließ er einen in Ruhe, wenn man ihn seinerseits in Ruhe ließ. Das traf insbesondere auf den Saumwald zu, wo es wirklich schon Pech war, wenn man etwas Gefährlicherem begegnete als einem Gasmaul, das von den Kletterpflanzen an den Bäumen fraß. Nimm nur das, was du brauchst, und sei nicht gierig, dann wird der Wald keine Bezahlung von dir verlangen. Es waren Worte, an die er sich nur undeutlich erinnerte, und er wusste nicht, woher sie stammten, aber sie trugen Wärme in sich, und er stellte sich gern vor, dass sie von den Geistern der Familie stammten, die er verlassen hatte, als er noch ein kleiner Junge gewesen war.

Der Tod des Waldläufers – der Tod von Cahan Du-Nahere – trug sich gegen Ende des Harschs zu, als die Zirkelwinde wieder auffrischten und die Erde langsam auftaute. Der Frost hatte das morgendliche Gras und die Stämme der Bäume geküsst und die Konturen des Waldes mit zartem, filigranem Eis bedeckt, als er das Dröhnen eines anfliegenden Maranten hörte. Der Himmel, den er durchschnitt, war klar und blau genug, um selbst einem unnachgiebigen Gott wie Tarl-an-Gig Freude zu bereiten. In der Ferne konnte er einen winzigen Punkt am Himmel erkennen, einen der Himmelswagen, die sich von den Zirkelwinden tragen ließen und Nahrung zum Tausch gegen Häute und Holz brachten.

Der Marant war nicht groß für seine Art: ein langer Körper, sein Fell in verschiedenen Blau- und Grüntönen. Dazu hatte er einen breiten, flachen Kopf mit vielen Hundert Augen, die nach unten blickten, und er hatte noch Hunderte mehr, die nach oben schauten. Die Flügel hatten wie der Leib die Form einer Raute, und sie schlugen langsam, erfüllten die Luft mit einem seltsam zischenden Geräusch. Von seinem Bauch hingen die leuchtend blauen Wimpel Tarl-an-Gigs und der aufsteigenden Cotta-Rai. Zwischen den blauen Wimpeln flatterten die grünen Fahnen der Turmstadt Haranspeyer, der Hauptstadt des Herrschaftsbereichs Haran, und auf dem Rücken der Kreatur befand sich ein Reitkäfig, in dessen Inneres Cahan jedoch nicht hineinsehen konnte.

Es war Jahre her, dass Cahan das letzte Mal einen Maranten gesehen hatte. Als er noch jung und zornig gewesen war und gegen die ganze Welt gewütet hatte, waren sie ein alltäglicher Anblick gewesen und hatten Truppen und Waren zu den Schlachtfeldern gebracht. Aber Maranten waren langsam und somit leichte Ziele, sodass die meisten der ausgewachsenen Tiere zu einem frühen Zeitpunkt des Krieges ihr Leben gelassen hatten. Es war schön, wieder einmal einen zu sehen; es entlockte Cahan ein Lächeln, da Maranten sanftmütige Kreaturen waren und er Tiere immer schon gemocht hatte. Einen Moment lang fühlte es sich so an, als würde die Welt wieder so werden, wie sie vor dem Aufstieg der Cotta-Rai und den großen Veränderungen, die Tarl-an-Gig vorgenommen hatte, gewesen war.

Die Veränderungen waren für alle hart gewesen.

Er war weniger erfreut, als er sah, dass das große Tier nicht über ihn hinwegflog. Stattdessen drehte es eine Schleife und wurde langsamer, bevor es sanft nach unten schwebte, um auf acht kurzen, dicken Gliedmaßen vor seinem Hof zu landen.

Dem Käfig auf seinem Rücken entstieg ein kleiner Trupp von acht Männern und ein Ast-Kommandant. Die Soldaten trugen schäbige Rindenrüstungen, das Holz knorrig und rau. Die Rüstung ihres Anführers war zumindest ein bisschen hochwertiger. Nach ihnen kam ein Rai, der eine Rüstung aus Dunkelholz trug, auf Hochglanz poliert und wunderschön anzusehen. Sie alle hatten kurze blaue Umhänge um die Schultern gelegt. Vier der Soldaten trugen eine große, mannshohe Kiste mit einem kuppelförmigen Deckel an langen Stangen. Ihr Kommandant gab Anweisungen und zeigte ihnen, wo sie die Kiste abstellen sollten. Das erschien Cahan seltsam und besorgniserregend. Er hatte schon einmal zugesehen, wie die Armee der neuen Cotta-Rai solche Kisten einsetzte. Es handelte sich um einen Dämpfer, mit dem Cotta-Nutzer handlungsunfähig gemacht werden sollten. Aber der Mann, der ihm seinen Hof weggenommen hatte, war kein Cotta-Nutzer, das stand für Cahan außer Zweifel. Wenn das Ding, das den Rai erlaubte, die Naturkräfte zu beeinflussen, unter der Haut dieses Mannes gelebt hätte, hätte Cahan es gewusst, genau wie er wusste, dass besagtes Ding in dem Rai lebte, der die Truppe anführte, auch wenn seine Rüstung nicht mit den leuchtenden Pilzsaft-Siglen bemalt war, die von Macht und hoher Abstammung kündeten.

Der Rai war größer als die Soldaten und besser genährt. Er war besser behandelt worden und lebte ein besseres Leben. Wie alle Rai war er an seine Cotta gebunden, und das brachte Grausamkeit mit sich.

»Doch warum sollten sie die Macht ihres Rai eindämmen wollen, Segur?« Cahan kraulte dem Garaur den Kopf. Das Tier sah ihn an, blieb aber stumm. Wahrscheinlich hielt es die Menschen für töricht und nur wegen ihrer geschickten Hände für nützlich. Wer konnte es ihm verübeln?

Die Frau, nicht der Mann, trat aus Cahans Haus und ging den Soldaten entgegen. Sie gab sich unterwürfig, hielt den Kopf gesenkt, da sie wusste, was von ihr erwartet wurde. Der Rai sagte etwas. Die Frau schüttelte den Kopf und zeigte in Richtung Saumwald. Nach einem kurzen Wortwechsel gab der Rai dem Ast-Kommandanten ein Zeichen, woraufhin dieser seinen Trupp zum Haus schickte. Die Bauersfrau rief etwas, wofür sie beiläufig eine Ohrfeige erhielt und vor dem Rai zu Boden fiel, eine Hand an die Wange gedrückt. Cahan hörte weitere Rufe aus dem Haus, konnte aber keine einzelnen Worte ausmachen. Mit der Verstohlenheit eines Mannes, der in den Wäldern Cruas aufgewachsen war, schlich Cahan näher heran. Er duckte sich tief in die im Laufe des Harschs abgestorbene Vegetation, schob sich bis an den Rand der Baumlinie, wo junge Bäume mit dürren Büschen um Licht kämpften. Von dort aus konnte er hören, was auf dem Hof gesprochen wurde. Das Schöne daran, an einem so stillen Ort zu leben, war, dass Geräusche weithin hörbar waren, und die Ankunft dieser Leute hatte zudem die sonst lärmenden Kreaturen des Saumwaldes verstummen lassen.

Der Mann, der ihm den Hof abgenommen hatte, wurde aus dem Haus gezerrt. »Lasst mich!« Seine Stimme war vor Entsetzen ganz heiser. »Ich habe nichts getan! Die Leoric hat mir den Hof gegeben! Lasst mich!« Die Soldaten umringten ihn, ihre Speere griffbereit. Bei ihnen gab es keine verdeckte Angriffslinie.

»Bitte, bitte«, flehte die Frau, die immer noch auf den Knien lag, den Rai an. Sie packte sein Bein und schlang die Hände um seine polierten Beinschienen. »Wir haben nichts Unrechtes getan, mein Mann hat auf der richtigen Seite gekämpft, er war einer von den Blauen, wir haben nichts Unrechtes getan.«

»Fass den Rai nicht an!«, schrie der Ast-Kommandant und zog sein Schwert, aber der Rai hob eine Hand und hielt ihn auf.

»Sei still, Frau«, sagte der Rai, dann fügte er mit gefährlich leiser Stimme hinzu: »Ich habe dir nicht erlaubt, mich zu berühren.« Die Frau ließ ihn los, fiel schluchzend nach vorn aufs Gesicht und begann, sich zu entschuldigen, während der Rai bereits zu ihrem Mann hinüberging.

»Ich bin hier im Namen der Skua-Rai von Crua und der Hohen Leoric von Haranspeyer, und ich trage die schwarzen Zeichen von Tarl-an-Gig, der die finsteren alten Bräuche mit seiner Hand zerschmettert, um das Urteil über dich zu sprechen.« Der Rai packte den Mann an den Haaren und riss seinen Kopf zurück. »Ich sehe Clanzeichen, auf die du kein Anrecht hast. So etwas wird mit dem Tod bestraft.«

Cahan wurde schlagartig kalt. Er hatte glauben wollen, dass dieser Rai und seine Soldaten wegen des Mannes hier waren. Ein Unsinn, eine Lüge, aber er war immer gut darin gewesen, sich selbst zu belügen.

»Ich gehöre zu den Clans!«, rief der Mann. »Meine Erstmutter, mein Erstvater und mein Zweitvater gehörten den Clans an! Und ebenso alle, die vor ihnen kamen!« Der Rai hielt in der Verkündigung seines Urteils inne und blickte auf den Mann hinab.

»Das ist immer das Erste, was ein Verdammter tut, er leugnet«, sagte er. »Deine Strafe ist der Tod, du kannst dich nicht länger verstecken.« Der Rai hob sein Schwert. Es war alt, geschnitzt aus dem feinsten Kernholz der riesigen Wolkenbäume, die den Himmel berührten, und scharf wie Eis.

»Dies ist nicht mein Hof!«, schrie der Mann. Das Schwert hielt in der Luft inne.

»Wirklich?«

»Bitte.« Der Mann weinte nun und die Tränen strömten ihm übers Gesicht. »Bitte, Rai. Die Leoric von Haran und der ansässige Priester haben mir den Hof zugesprochen.«

»Und wo ist sein früherer Besitzer?«

»In den Wald gegangen.«

Eine kurze Pause folgte, dann zuckte der Rai die Achseln.

»Wie günstig«, sagte er, »zu günstig.« Der Mann begann erneut zu betteln, aber es nutzte nichts, das Schwert fiel. Er starb.

Dann folgte Stille. Nur das Knattern der Fahnen im Wind und das Zischen des Maranten waren zu hören. Dann schrie seine Frau, die auf dem Boden liegen geblieben war und zu große Angst hatte, um aufzuschauen, aber ihre Trauer war zu gewaltig, um sie zurückzuhalten.

»Rai«, sagte der Ast-Kommandant, der weder dem Schrei noch dem Leichnam, aus dem das Blut in die Erde sickerte, irgendwelche Beachtung schenkte. »Es sind Kinder im Haus. Was sollen wir mit ihnen tun?«

»Dieser Brunnen ist vergiftet«, entgegnete der Rai. »Es wird nichts Gutes daraus erwachsen.« Wieder schrie die Frau, rappelte sich auf und drehte sich um, um zum Haus zu rennen. Sie bekam keine Gelegenheit dazu. Der Rai metzelte sie mit einem zweihändigen Hieb nieder und legte mehr Kraft hinein, als nötig gewesen wäre. Von seinem Versteck aus sah Cahan den Rai sein Visier heben und lächeln, als er sich vorbeugte und seine blutige Klinge an den Kleidern der Frau abwischte. Zwei Soldaten des Rai gingen ins Haus, und beinahe wäre Cahan aufgestanden, beinahe losgelaufen, um sie an dem zu hindern, wovon er wusste, dass sie es tun wollten. Aber er war ein einzelner, nur mit einem Stab bewaffneter Mann. Was würde ein weiterer Tod nützen?

Zumindest erledigten sie ihre Aufgabe schnell. Niemand musste leiden. Sobald es still war auf dem Hof, rissen sie seine bunten Fahnen herunter und behängten das Gebäude mit kleinen blauen und grünen Flaggen, damit alle wussten, dass das, was sie getan hatten, im Namen der Cotta-Rai durchgeführt worden war.

Cahan sah zu, wie sie den Dämpfer wieder einluden und den Maranten bestiegen, dann hörte er einen Soldaten zu einem anderen sagen: »Das war viel leichter, als ich dachte«, und das Wesen hob ab und drehte wieder eine große Schleife über ihm. Der Waldläufer blieb, wo er war, völlig reglos, denn er wusste, wie schwer es war, einen einzelnen Mann im Gestrüpp zu sehen, wenn er sich nicht bewegte. Sobald der Schatten des Maranten vorübergezogen war, beobachtete er, wie er in den blauen Himmel Richtung Groß-Haran und Haranspeyer entschwebte. Dann blickte er zurück zu seinem Haus, das nun von dunklen Flaggen wie von Spritzern getrockneten Bluts übersät war.

Er hörte eine Stimme, eine, die nur für ihn bestimmt war, die nur er hören konnte.

Du brauchst mich.

Er antwortete nicht.

Kapitel 2

Weder an diesem noch am nächsten Tag kehrte er auf den Hof zurück. Nur ein Narr wäre zurückgegangen und hätte sich inmitten von Leichen vorfinden lassen.

Stattdessen wartete Cahan, bis die Bewohner Harans die Toten entdeckt hatten, wofür sie nicht etwa nur einen Viertag oder sogar einen Achttag brauchten, sondern ganze zwei Achttage. Darauf warteten die Dorfbewohner noch einen weiteren Viertag ab, bevor sie etwas unternahmen, weil sie Angst hatten, die Soldaten der Hohen Leoric im fernen Haranspeyer würden zurückkommen. Schließlich schafften sie die Leichen weg und nahmen die Warnflaggen herunter. Cahan befürchtete, dass sie alles Wertvolle auch vom Hof mitnehmen würden, aber das taten sie nicht. Er beobachtete ihren Geistlichen Tussnig, einen unangenehmen Kerl in einem dreckigen grauen Kittel und einem Hut aus Zweigen, die so geflochten waren, dass sie dem achtarmigen Stern Iftals ähnelten, wenn man die Augen zusammenkniff. Er erklärte das Gebiet für verflucht und von den dunklen Geistern der Oseren heimgesucht, wofür Cahan dankbar war, da es bedeutete, dass man nichts mitnehmen würde. Er machte sich nur Sorgen, dass Tussnig das Erdhaus anzünden würde, doch auch das tat er nicht, wahrscheinlich weil der Geistliche zu faul war und Erdhäuser nur schwer in Brand zu stecken waren. Cahan ließ eine weitere Woche verstreichen, bevor er Segur rief und sie wieder auf dem Hof einzogen.

Wie er erfreut feststellte, hatten die Vorbesitzer nur wenig Schaden angerichtet, vor allem, weil sie überhaupt nur sehr wenig getan hatten.

Er brauchte eine Woche, um das Haus zu säubern, die Blutflecke zu entfernen und alles wieder so herzurichten, wie er es haben wollte. Segur verbrachte den größten Teil dieser Zeit damit, die unbekannten Gerüche aufzunehmen und zu knurren. Cahan dachte daran, den kleinen Schrein für Ranya wieder aufzubauen, entschied sich aber dagegen. Er hatte noch einen Schrein, der besser versteckt war, und der Rai konnte jederzeit zurückkommen.

Am letzten Tag, an dem er putzte, fand er eine kleine Holzfigur eines Kronenkopfs, die wohl einem der Kinder gehört hatte. Cahan saß lange da und betrachtete sie, drehte sie in seinen großen, rauen Händen hin und her.

War es seine Schuld? Wenn er sich eingemischt hätte, wäre er gestorben.

Wären wir nicht.

Er ignorierte die Stimme. Sie war das Gespenst eines anderen Lebens. Eines Toten, der tot bleiben sollte. Jemand, der ihm nichts als Schmerz gebracht hatte, wohin er auch ging.

Cahan nahm die Figur mit in den Wald und vergrub sie in dem kleinen, versteckten Hain, den er selbst angelegt und Ranya, der Herrin der Verlorenen, geweiht hatte. Zweifellos hatte die Familie grimmigere Götter angebetet, Tarl-an-Gig oder vielleicht auch Chyi, obwohl er bezweifelte, dass sie so etwas hier im Norden zugegeben hätten. Es waren keine Götter, in denen Cahan auch nur einen Hauch Wahrheit finden konnte oder glaubte, dass Wahrheit in ihnen steckte. Er war im Glauben Zorirs erzogen worden, eines Feuergottes, von dem man ihm gesagt hatte, er sei der einzig wahre Gott.

Eine weitere Lüge.

Bei seinen Reisen durch Crua, als er noch für Geld seinen Zorn in den Dienst anderer gestellt hatte, hatte er Geistliche von Chyi und Tarl-an-Gig predigen hören. Was sie sagten, unterschied sich nicht sehr von dem, was die Geistlichen Zorirs ihm erzählt hatten. Die Namen änderten sich, die Geschichten wichen geringfügig voneinander ab, aber die Botschaft war stets die gleiche: Verneige dich und gib dich hin, oder dir ist, wenn du stirbst, der Sternenpfad und das Paradies verwehrt. Er ließ sich vor dem Schrein Ranyas auf die Knie nieder, einer groben Pyramide aus Fundholz, die mit bunten Flaggen behängt war, und legte dort das Spielzeug hinein. Mehr konnte er für das Kind nicht tun.

Cahan hoffte, dass es in lieblicheren Gefilden als dieser Welt erwachen würde. Es war nicht das erste Leben, das im Hain zur Ruhe gebettet wurde, aber wahrscheinlich jenes, das Barmherzigkeit am ehesten verdiente.

Nachdem dies getan war, kehrte er auf den Hof zurück, um zu erledigen, was erledigt werden musste, um die Ordnung wiederherzustellen. Die Felder mussten umgegraben werden. Die Familie hatte Hackfrüchte gepflanzt, die, wie er sie gewarnt hatte, im Boden verfaulten und nur noch als Dünger für die Saat im nächsten Jahr taugten. Er befürchtete, dass er darin Spuren von Blauadern finden würde, aber seine Felder sahen sauber aus. Das Wasserbecken war ausgetrocknet, und er konnte nur hoffen, dass sie zumindest die Feuchtranken des Saumwaldes heil gelassen hatten. Wenn sie sie zerstört hatten, würde es eine langwierige Angelegenheit werden, sie wieder in Ordnung zu bringen. Und das nicht nur, weil sie erst dick genug wachsen mussten, um das Becken mit Wasser gefüllt zu halten, sondern auch, weil er Kanäle ausheben müsste, um sie vor den Kronenköpfen zu schützen, die zum Trinken lieber Feuchtranken aufbissen, anstatt ein wenig weiter zu einem Becken zu laufen. Es waren dumme, eigensinnige Tiere, aber sie sicherten seinen Lebensunterhalt. Die Bewohner Harans nannten ihn den Waldläufer, weil er keine Angst vor dem Wald hatte, aber in Wahrheit war er ein Bauer. Die Kronenköpfe brachten ihm genug Geld ein, um die Monate des Harschs zu überstehen, ohne dass er den Hof, auf dem er geboren war, verlassen und vom Wald leben musste.

Außerdem, auch wenn er den Wald und seine Eigenheiten kannte, war es nicht gerade ein einladender Ort.

Er pfiff nach Segur und machte sich mit seinem Stab auf die Suche nach seinen verlorenen Tieren.

Während er suchte, musste er die Stimme des Dings, das unter seiner Haut lebte, in den hintersten Winkel seines Geistes verbannen.

Die Soldaten sind deinetwegen gekommen, Cahan Du-Nahere.

Stimmte das? Namen waren nicht genannt worden. Es konnte auch einfach sein, dass den Herrschenden von Groß-Haran oder Haranspeyer zu Ohren gekommen war, ein Clanloser besitze Land. So etwas würde sie verärgern, und Cahan traute es Tussnig, dem Geistlichen aus Haran, durchaus zu, Gerüchte über jemanden zu verbreiten, von dem er glaubte, dass er ihm oder Tarl-an-Gig gefährlich werden konnte. Cahan spuckte aus. Die Rai waren grausam, und sie sicherten ihre Macht nicht nur durch ihre Cottas, sondern auch, indem sie die Menschen gegeneinander aufbrachten. Die meisten waren allerdings zu dumm, um das zu erkennen.

Aus berufenem Mund hatte Cahan gehört, je mehr eine Cotta gefüttert wurde, desto grausamer wurde ihr Nutzer. Aber die Wahrheit war, dass die Bewohner Cruas schon aus sich heraus grausam waren. Vielleicht hatten sie die Rai und alles, was diese mit sich brachten, ja verdient.

Er holte tief Luft und kämpfte die Zuckungen des Dings unter seiner Haut nieder. Der Mann, der ihm seinen Hof weggenommen hatte, war tot. Selbst wenn sie wirklich nach Cahan gesucht hatten, würden die Rai ihre Aufgabe als abgeschlossen betrachten. Er war also in Sicherheit und konnte sein Leben hier fortsetzen.

Eine der vielen Lügen, die er sich selbst erzählte.

Er wusste, dass die Familie einen seiner Kronenköpfe getötet hatte, um ihn zu essen, was ihn ärgerte, obwohl er wenig daran ändern konnte. Cahan hielt die Tiere für viel zu wertvoll, um sie zu schlachten, vor allem, solange Wald und Felder voller Histi, zarter Raniri und Buddler waren, die man mit Fallen fangen konnte.

Noch ärgerlicher war, dass die Leute nicht gewusst hatten, wie man das Fleisch räucherte oder einsalzte, um es haltbar zu machen. Sie hatten die besten Stücke gegessen und den Rest verderben lassen. Er fragte sich, wo diese Menschen aufgewachsen waren; zweifellos in den maroden Spitzen einer Turmstadt bei den Armen, wo die Kenntnisse des Waldes nie benötigt wurden.

Wenigstens hatten sie nur diesen einen Kronenkopf getötet, wahrscheinlich weil sich Kronenköpfe schwer einfangen ließen, wenn sie ahnten, dass man ihnen Böses wollte. Er hatte auch einen Verdacht, welchen Kronenkopf sie erwischt hatten, und das machte ihn ein wenig traurig. Selbst Kronenköpfe, so stur und dumm sie sich oft verhielten, waren eigene Persönlichkeiten, und Cahan hatte seine Lieblinge.

Nasim, ein guter Mann, der Gärten für Menschen gepflegt hatte, die sich für weise hielten, hatte dem Waldläufer einst gesagt, dass nur ein Narr sich unnötige gräme. Im ganzen Kloster des Feuergottes war Nasims Garten der einzige Ort gewesen, an dem er echte Weisheit gefunden hatte. Also versuchte Cahan, kein Narr zu sein und nicht um den Verlust seines liebsten und wertvollsten Tieres zu trauern, bevor er sich nicht sicher war, dass es wirklich tot war.

Er fand zwei Kronenkopf-Kadaver, einen davon direkt am Rande des Saumwaldes. Das Tier hatte sich in einer Fallenschlingpflanze verfangen, und da es nicht befreit worden war, hatte es immer weiter gekämpft und sich so die Dornen noch tiefer ins Fleisch getrieben. Es war keine sanfte Art zu sterben, aber es war lange genug her, dass von dem Kadaver inzwischen fast nur noch Knochen übrig waren. Cahan sammelte die Knochen in einen Beutel; sie konnten zu Knochenmehl für die Felder gemahlen werden, und auch für die Hörner gab es viele Verwendungsmöglichkeiten. Der nächste tote Kronenkopf befand sich näher an der Lichtung, auf der der Hof stand. Er war noch nicht zu einem Skelett verrottet, aber bereits so lange tot, dass kein gutes Fleisch mehr übrig war und viele bunte Pilze darauf wuchsen. Cahan prägte sich die Stelle ein, um später noch einmal zurückzukommen.

Der Rest der Herde war in den Wald geflohen, und ohne Segur hätte Cahan sie wohl nie gefundenen. Der Garaur war von unschätzbarem Wert, wenn es um Kronenköpfe ging. Er fand die Tiere immer und hatte Freude daran, ihnen seinen Willen aufzuzwingen. Als er sie versammelt und zurück zum Hof getrieben hatte, musste Cahan erkennen, dass er recht mit seiner Vermutung gehabt hatte, welches Tier geschlachtet worden war. Die Familie hatte sein einziges Männchen getötet. Es war immer sanftmütiger gewesen als die Weibchen und am leichtesten einzufangen für Leute, die keine Erfahrung im Umgang mit Tieren hatten. Im Geiste schickte er den Mann und seine Frau zu den Oseren, weil sie so kurzsichtig gewesen waren. Er würde nach Haran gehen müssen, denn wenn er das Männchen nicht ersetzte, würde es zu Beginn der Mangelzeit keine Jungen geben. Ein Besuch in Haran bedeutete, dass er einen ganzen Tag darauf verwenden musste, die verbliebenen Kronenköpfe zu scheren, damit er Wolle zum Verkaufen hatte.

Wenn allerdings jemand in Haran den Rai erzählte, dass er wieder im Dorf aufgetaucht war, brachte das möglicherweise die Soldaten zu ihm zurück. Nicht dass es eine Rolle spielte, zumindest redete er sich das ein, denn ohne einen männlichen Kronenkopf war er ohnehin verloren.