Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz -  - E-Book

Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz E-Book

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Beschreibung

Band 3 der Reihe 'Politik und Gesellschaft in der Schweiz' Wer wählt in der Schweiz wen und warum? Welche Schweizer wählen die SVP? Sind die Wähler der GLP grün oder liberal? Sind die Linken auch die Netten? Wählen Reiche heute links und Arbeiter rechts? Welches Profil weisen die gewählten Volksvertreter auf? Was haben BDP-und CVP-Wähler gemeinsam? Beeinflussen Wahlsysteme das Wahlverhalten in der Schweiz? Welche Effekte haben Wahlkampagnen? Entscheiden Themen, Köpfe oder Zuneigungen zur Partei die Wahl? Wer geht nicht zur Wahl? Diesen und anderen zentralen Fragestellungen gehen Berner Politikwissenschaftler in vertieften Beiträgen zur Wahlbeteiligung und zur Wahlentscheidung im Vorfeld der Nationalratswahlen und Ständeratswahlen 2015 nach. Untersucht werden sowohl die Rahmenbedingungen, Einstellungen, Verhaltensmuster und Motive des einzelnen Wählers als auch die Voraussetzungen und Bedingungen seiner Wahlbeteiligung.

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Seitenzahl: 526

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Markus Freitag und Adrian Vatter (Hrsg.)

Politik und Gesellschaft in der Schweiz

Band 1:Markus Freitag (Hrsg.),Das soziale Kapital der Schweiz

Band 2:Thomas Milic, Bianca Rousselot, Adrian Vatter,Handbuch der Abstimmungsforschung

Band 3:Markus Freitag, Adrian Vatter (Hrsg.),Wahlen und Wählerschaft in der Schweiz

Weitere Bände in Vorbereitung

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Wahlenund Wählerschaftin der Schweiz

Herausgegeben vonMarkus Freitag und Adrian Vatter

Unter Mitarbeit von

Kathrin Ackermann

Cloé Jans

Maya Ackermann

Sara Kijewski

Klaus Armingeon

Claude Longchamp

Julian Bernauer

Anita Manatschal

Marc Bühlmann

Thomas Milic

Sarah Engler

Sean Mueller

Matthias Fatke

Carolin Rapp

Jan Fivaz

Daniel Schwarz

Marlène Gerber

Isabelle Stadelmann-Steffen

Anja Heidelberger

Rolf Wirz

Karin Ingold

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2015 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2015 (ISBN 978-3-03810-098-0)

Titelgestaltung: icona basel

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-03810-124-6

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

Abkürzungen der Kantone

AG

Aargau

AI

Appenzell Innerrhoden

AR

Appenzell Ausserrhoden

BE

Bern

BL

Basel-Landschaft

BS

Basel-Stadt

FR

Freiburg

GE

Genf

GL

Glarus

GR

Graubünden

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Schwyz

TG

Thurgau

TI

Tessin

UR

Uri

VD

Waadt

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ZG

Zug

ZH

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Abkürzungen der Schweizer Parteien

AP

Auto-Partei

BDP

Bürgerlich-Demokratische Partei

BGB

Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei

CSP

Christlichsoziale Partei

CVP

Christlichdemokratische Volkspartei

DP

Demokratische Partei

EDU

Eidgenössisch-Demokratische Union

EVP

Evangelische Volkspartei

FDP

Freisinnig-Demokratische Partei/FDP.Die Liberalen

FGA

Feministische und grün-alternative Gruppierungen

FPS

Freiheits-Partei (ehemals Auto-Partei der Schweiz)

GBS

Grünes Bündnis Schweiz

GLP

Grünliberale Partei

GP

Grüne Partei der Schweiz

GRAS

Grüne Alternative Schweiz

KK

Katholisch-Konservative Partei

KPS

Kommunistische Partei der Schweiz

KVP

Katholische Volkspartei der Schweiz

LdU

Landesring der Unabhängigen

Lega

Lega dei Ticinesi

LPS

Liberale Partei der Schweiz

MCG

Mouvement Citoyens Genevois

NA

Nationale Aktion

PdA

Partei der Arbeit der Schweiz

PNOS

Partei National Orientierter Schweizer

POCH

Progressive Organisationen der Schweiz

PPS

Piratenpartei Schweiz

RML

Revolutionäre Marxistische Liga

SAP

Sozialistische Arbeiterpartei

SD

Schweizer Demokraten (ehemals Nationale Aktion NA)

SP

Sozialdemokratische Partei der Schweiz

SVP

Schweizerische Volkspartei

Einleitung und Überblick

Adrian Vatter und Markus Freitag

1. Einleitung

Vor 20 Jahren markierten die Analysen zu den eidgenössischen Wahlen von 1995 den eigentlichen Startschuss der schweizerischen Wahlforschung. Die erstmalige Befragung von mehreren Tausend Personen in der Schweiz im Rahmen des damals neu lancierten Projekts Selects (Swiss Electoral Studies) unter der Leitung der politikwissenschaftlichen Institute der Universitäten Bern, Genf und Zürich führte in den folgenden Wahljahren zu zahlreichen weiteren Bevölkerungsbefragungen und Studien. Auf dieser Grundlage hat die Schweiz den Anschluss an die international vergleichende Wahlforschung geschafft und mit teilweise ausgezeichneten Untersuchungen auf sich aufmerksam gemacht. Hinzu kommt, dass sich der analytische Ertrag der seit 20 Jahren systematisch durchgeführten Wahlbefragungen erst heute in Ansätzen erkennen lässt und weitere Studien in Zukunft folgen werden. Gleichzeitig hat die zunehmende Professionalisierung der schweizerischen Wahlforschung dazu geführt, dass ihre Beiträge methodisch anspruchsvoll sind und zu einem grossen Teil nur noch in englischer Sprache in wissenschaftlichen Zeitschriften erscheinen. Damit einhergehend erschliessen sich viele dieser Studien nur noch einer kleinen Gruppe von Fachexperten und die wichtigen – mitunter praxisrelevanten Erkenntnisse – bleiben einem breiteren Publikum verborgen. Vor diesem Hintergrund versucht der vorliegende Band eine Brücke zwischen wissenschaftlich fundierten und methodisch anspruchsvollen Analysen einerseits sowie allgemein verständlich und anschaulich verfassten Wahlstudien andererseits zu schlagen.

In inhaltlicher Hinsicht treten wir als Herausgeber des vorliegenden Bandes mit einem doppelten Anspruch an die Analysen anlässlich der eidgenössischen Wahlen von 2015 heran. Einerseits möchten wir die langfristige Kontinuität der schweizerischen Wahlforschung sicherstellen und die Tradition von älteren Schweizer Wahlstudien in Buchform fortführen (Kriesi et al. 1998; Sciarini et al. 2003). Andererseits ist es das erklärte Ziel, die Wahlforschung in der Schweiz auch innovativ voranzutreiben und über die Selects-Studien der letzten Jahre hinauszugehen, die vornehmlich als Spezialausgaben der Swiss Political Science Review erschienen sind (Bühlmann et al. 2006; Lachat et al. 2014; Lutz et al. 2010). Mit der Beachtung neuerer interdisziplinärer Themenfelder wie der Persönlichkeitsforschung, der Berücksichtigung kaum bekannter Datensätze und der Analyse neuer Parteiwählerschaften sollen daher auch Fragestellungen untersucht werden, die in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend ausgeblendet wurden. Verfasst wurden die 13 Beiträge von über 20 bisherigen oder ehemaligen Mitarbeitern des Berner Instituts für Politikwissenschaft (IPW). Damit handelt es sich um ein gemeinsames Publikationsprojekt des IPW, an dem sich alle fünf Professuren mit ihren Mitarbeitern beteiligt haben und mit dem das reichhaltige und detaillierte Fachwissen am Berner Institut im Bereich der Schweizer Wahlforschung wiedergegeben wird.

Unsere einleitenden Bemerkungen sind wie folgt aufgebaut: Nach einer kurzen Übersicht über den Wandel der gesellschaftlichen Konfliktlinien im schweizerischen Parteiensystem, die als Basis für das Verständnis des gewandelten Wählerverhaltens in der Schweiz dient, folgt ein Überblick über die einzelnen Kapitel des Bandes. Zunächst werden dabei diejenigen Beiträge vorgestellt, die an bestehende Referenzstudien anschliessen und damit Ausdruck der langjährigen Kontinuität in der schweizerischen Wahlforschung sind. Daran schliessen diejenigen Beiträge an, die neue Themen aufgreifen und für die Behandlung innovativer Fragestellungen stehen. Abschliessend werden auf der Grundlage der verschiedenen Studien einige gemeinsame Befunde zum aktuellen Wählerverhalten in der Schweiz herausgearbeitet und zusammengefasst.

2. Politische Koalitionen, Wahlergebnisse und Parteiensysteme im Wandel

Obschon nicht vordringlich als Ansatz zur Erforschung des Wählerverhaltens begründet, wird in wissenschaftlichen wie alltäglichen Debatten häufig auf das makrosoziologische Modell historisch gewachsener gesellschaftlicher Konfliktlinien zur Erklärung von Parteiensystemen und Wahlergebnissen rekurriert.1 In der traditionellen Version dieser Sichtweise stellen vier klassische Spaltungslinien (cleavages) einen zweidimensionalen Raum dar, der einerseits durch den Zentrum-Peripherie- und den Staat-Kirche-Konflikt (kulturelle Dimension) und andererseits durch den Stadt-Land- und den Arbeit-Kapital-Konflikt (wirtschaftliche Dimension) strukturiert wird (Lipset und Rokkan 1967).2 Diese gesellschaftlichen Spaltungen basieren auf der nationalen Revolution, insbesondere der Reformation und Gegenreformation im 16. und 17. Jahrhundert und der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts sowie auf der industriellen und der Russischen Revolution im 19. und 20. Jahrhundert. Konfliktlinien geben den Takt der politischen Auseinandersetzungen vor und beeinflussen das Aufkommen und die Stärke politischer Parteien. Mit anderen Worten: Entlang dieser Spannungslinien entstehen Parteien, die sich der Anliegen der durch diese Konflikte definierten sozialen Gruppen annehmen. Es bilden sich daher mit der Zeit Koalitionen zwischen bestimmten Parteien und bestimmten sozialen Gruppen. Dreh- und Angelpunkt dieser Anschauung war die Annahme von der Langfristigkeit und Stabilität dieser Konfliktlinien und Koalitionen.

Lange Zeit beanspruchte die Annahme historisch eingefrorener Koalitionen und Parteiensysteme auch für die Schweiz Gültigkeit. Diese makrosoziologischen Konstellationen wurden in der Schweiz zusätzlich durch die Einführung des Proporzwahlsystems akzentuiert. Es führte zur ersten breiten Mobilisierung der verschiedenen Wählerschichten durch die erst einige Jahre zuvor auf nationaler Ebene gegründeten Parteien. Damit erhielten die vier klassischen Konfliktlinien ihre organisatorischen Träger: Die beiden älteren kulturellen Spaltungen prägten den Gegensatz zwischen der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) und der Katholischen Volkspartei (später Christlich-demokratische Volkspartei CVP). Und der ökonomisch beschaffene Stadt-Land-Konflikt zwischen der agrarischen Bevölkerung und dem immer mächtiger werdenden städtischen Bürgertum kam in den protestantischen Kantonen der Deutschschweiz durch die Auseinandersetzungen zwischen der BGB (später Schweizerische Volkspartei SVP) und der FDP zum Ausdruck (Vatter 2002, 2003).3 Der konfessionelle Konflikt zwischen dem neu gegründeten Nationalstaat und der vor allem in Erziehungs- und Bildungsfragen auf ihre korporativen Vorrechte pochenden katholischen Kirche prägte wiederum noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Auseinandersetzungen zwischen den antiklerikalen Freisinnigen und den Katholisch-Konservativen (Altermatt 2012). Und die im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wichtiger werdende politische Spannungslinie zwischen Arbeit und Kapital manifestierte sich schliesslich in der Frontstellung der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokraten (Nicolet und Sciarini 2010). Allein dem Zentrum-Peripherie-Konflikt kam angesichts der ausgebauten föderalen Autonomie für Minderheiten und aufgrund der sich überschneidenden sprachlichen und konfessionellen Grenzen nicht dieselbe Bedeutung wie in anderen multi-ethnischen Ländern zu (Linder 2010).4 Dennoch blieben diese vier cleavages und die dadurch stimulierte unterschiedliche soziale Wählerbasis der vier grössten Parteien bis mindestens in die 1960er-Jahre sehr stabil und bestimmten die schweizerischen Wahlergebnisse und Parteiensysteme.

Der tief greifende Wandel in der Sozialstruktur, insbesondere die Entstehung des Dienstleistungssektors und der damit verbundene Rückgang des Bauernstandes und der traditionellen Arbeiterschaft sowie die starke Urbanisierung und Säkularisierung der Gesellschaft führten im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts aber zu einer deutlichen Abschwächung der traditionellen Konfliktlinien und zur Entstehung neuer Wertekonflikte. Dabei stand bei Teilen der jüngeren Generation zunächst die Realisierung postmaterialistischer Ziele im Gegensatz zu den materialistischen Forderungen früherer Generationen im Mittelpunkt (Inglehart 1971). Dieser neue Konflikt trug die typischen Merkmale eines neuen cleavage (Caramani 2011; Hug und Sciarini 2002): Erstens verfügte er über eine eigene soziostrukturelle Grundlage, da die Postmaterialisten vorwiegend der neuen und gut ausgebildeten Mittelklasse angehören. Zweitens brachte der Konflikt spezifische Wertehaltungen zu Themen des Umweltschutzes, Feminismus und zur Ausweitung demokratischer und sozialer Rechte zum Ausdruck. Drittens wurde die Kontroverse durch neue soziale Bewegungen und vornehmlich grüne Parteien organisatorisch verarbeitet, die auch einen neuen Politikstil und unkonventionelle Beteiligungsformen wie Demonstrationen, öffentliche Diskurse und Petitionen pflegten. Während in den katholischen Kantonen noch lange Zeit vergleichsweise starke Bindungen an traditionelle Parteien vorherrschten, erzielten diese zum Zeitpunkt der Einführung des Frauenstimmrechts entstehenden grünen (und linken) Parteien (wie die als Reaktion darauf entstehende schweizerische Besonderheit der Auto-Partei) vor allem in den protestantischen deutsch- und französischsprachigen Kantonen rasche Erfolge. Im Zuge dieser Entwicklung gefielen sich die Sozialdemokraten immer mehr in der Annahme und Umsetzung von Forderungen der «68er-Generation» und der Umweltschutzbewegung und damit der Interessen des neuen Mittelstandes. Dadurch trat auch der traditionelle Klassenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital in den Hintergrund (Kriesi und Trechsel 2008: 88).

Der Zusammenbruch kommunistischer Regime ab 1989 und die nachfolgende ökonomische Liberalisierung, Globalisierung und Denationalisierung haben in der Schweiz, wie in anderen Ländern Westeuropas, darüber hinaus die Herausbildung des Öffnung-Schliessung-Konflikts stimuliert und damit eine weitere substanzielle Veränderung des Parteiensystems induziert (Bornschier 2010). Die ökonomischen und kulturellen Globalisierungsprozesse mit der Öffnung nationaler Arbeitsmärkte und Grenzen haben Gewinner wie die neuen urbanen und gut ausgebildeten Mittelschichten und Verlierer wie ältere Bürger ländlicher Gebiete, unqualifizierte Arbeiter sowie Angehörige der alten Mittelschicht hervorgebracht. Diese bilden die strukturelle Basis dieses neuen cleavage (Caramani 2011; Kriesi 2007; Lachat 2008; Mazzoleni und Meuwly 2013). Dabei entzündet sich der neue Konflikt weniger an ökonomischen Fragestellungen als vielmehr an der Rolle der Schweiz in einer international stark verflochtenen Welt, konkret am Grad der europäischen Einbindung und an der Art und Weise der Migrationspolitik. Angesichts der wachsenden Furcht vor dem Verlust schweizerischer Traditionen durch die Europäisierung und Globalisierung der Politik gelingt es vornehmlich der SVP, die national-konservative Wählerschaft in den bürgerlichen Parteien sowie rechte Protestwähler im Rahmen dieses Identitätskonflikts an sich zu binden, während die Globalisierungsgewinner hauptsächlich durch die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP), die Grüne Partei der Schweiz (GP) und die Grünliberale Partei Schweiz (GLP) mobilisiert werden (Hug und Sciarini 2002: 302; Sciarini 2013).

Heute lässt sich das schweizerische Parteiensystem in drei Lager gliedern, die sich in einem zweidimensionalen Raum verteilen. Dabei haben die beiden neuen Konfliktlinien zu einer Transformation der kulturellen Konfliktdimension geführt. Während somit auf der wirtschaftlichen Dimension weiterhin der (allerdings auf eine neue strukturelle Basis gestellte) Links-rechts-Konflikt zwischen dem linken Lager und den bürgerlichen Parteien dominiert, zeichnet sich die kulturelle Dimension heute weniger durch konfessionell bedingte Gegensätze aus, sondern vielmehr durch neue Wertekonflikte sowie vor allem durch die Spaltungslinie zwischen der Öffnung und Schliessung nationaler Grenzen (Kriesi 2007: 254). Diese Teilung der kulturellen Dimension entspricht parteipolitisch der Auffächerung des rechten Lagers in eher moderate Parteien mit wirtschaftlich und kulturell liberalen Positionen (FDP, CVP, BDP) und einer nationalistisch ausgerichteten Partei (SVP), die kulturell konservativ und wirtschaftlich ambivalent ist (Kriesi 2005; Kriesi und Trechsel 2008; Lachat 2008). Es bleibt mit Blick auf das Wählerverhalten aber festzustellen, dass mit dem makrosoziologischen Modell von Lipset und Rokkan (1967) Wahlergebnisse allein mit gesellschaftlichen Konfliktlinien erklärt werden können. Wahlen sind in dieser Sichtweise als «Zählappell der sozialen Grossgruppen» zu interpretieren (Schoen 2005: 147). Welche weiteren Rahmenbedingungen, individuellen Einstellungen und Verhaltensmuster oder persönlichen Motive als Voraussetzungen und Bedingungen von Wahlbeteiligung und Wahlentscheid auszumachen sind, davon handelt dieser Band.

3. Die Beiträge in der Übersicht: Kontinuität und Innovation in der Schweizer Wahlforschung

Unter dem Stichwort «Kontinuität» werden im nächsten Abschnitt jene Beiträge zusammengefasst, die in ihrer Fragestellung unmittelbar an bestehende Referenzstudien der schweizerischen Wahlforschung anschliessen und ihre Analysen aus dieser Perspektive weiterentwickelt haben. Unter der Rubrik «Innovation» werden im darauffolgenden Abschnitt all jene Studien behandelt, die im Rahmen des vorliegenden Bandes Neuland betreten. Neue Erkenntnisse – so wird aus den nachfolgenden Ausführungen schnell ersichtlich – können sich allerdings aus beiden Perspektiven ergeben.

3.1 Kontinuität in der Schweizer Wahlforschung

Im Band zu den eidgenössischen Wahlen von 1995 (Kriesi et al. 1998) widmete sich Ruth Nabholz (1998) den längerfristigen Trends der Schweizer Wahllandschaft von 1971 bis 1995. Sie kam damals zum Schluss, dass sich die Bindungen der Wählerschaft – gemessen anhand der Parteiidentifikationen – in diesem Zeitraum gelockert hatten. Weiter zeigte sie auf, dass die historischen Konfliktlinien im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verloren hatten, ohne dass sie durch neue ersetzt wurden. Ebenso zeichnete sich ab, dass die Klassen- und Konfessionszugehörigkeit der Bürger für den Wahlentscheid an Bedeutung einbüsste, wodurch vor allem bei traditionsreichen Parteien wie der CVP, FDP und SP die strukturelle Wählerbasis langsam, aber sicher erodierte. Obwohl der Anteil von Wechselwählern deutlich zugenommen hatte, drückte sich dies damals noch nicht in einer sichtbaren Veränderung der Wählerstärken der Parteien im Zeitverlauf aus. Deshalb kam Nabholz (1998: 40) zum Schluss, «dass der Wandel unter der Oberfläche gleichzeitig mit Stabilität an der Oberfläche einhergeht». Marc Bühlmann und Marlène Gerber schreiben in ihrem Beitrag die Analyse der Veränderung der Wählerschaft bei den Schweizer Parteien seit 1971 fort. Gestützt auf klassische Ansätze zur Erklärung des Wählerverhaltens (Campbell et al. 1960; Lazarsfeld et al. 1969) behandeln sie die Frage, ob sich die Wählerschaften von CVP, FDP, GP, SP und SVP hinsichtlich ihrer Sozialstruktur und ihrer politischen Einstellungen gewandelt haben. Auf der Grundlage kumulierter Einzelerhebungen der Schweizer Wahlstudien stellen Bühlmann und Gerber wie schon Nabholz (1998) Stabilität und Wandel im Schweizer Wahlverhalten fest: Die Wählerschaften verändern sich, jedoch vorwiegend parallel zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Nennenswert ist zunächst die nun vollständig vollzogene Transformation der SP-Wählerschaft von der ursprünglichen Arbeiter- zur neuen Mittelschichtspartei. Während die traditionell linke Arbeitnehmerschaft aufgrund der Abschwächung des ökonomischen Umverteilungskonflikts den Sozialdemokraten zunehmend den Rücken kehrte, mobilisierten die linken Parteien gleichzeitig im Rahmen des neuen kulturellen Öffnung-Schliessung-Konflikts die gut gebildete und einkommensstarke Mittelklasse aus dem urbanen Raum (Nicolet und Sciarini 2010). Bei den Katholiken wiederum setzte sich die Auflösung der Bindungen zur CVP weiter fort. So wählte 2011 eine deutliche Mehrheit dieser Konfessionsgruppe eine andere Partei als die Nachfolgepartei der Katholisch-Konservativen. Gleichzeitig bleibt die geschrumpfte CVP für Protestanten weiterhin kaum wählbar. Nicht nur, dass es der CVP schwerfällt, ausserhalb ihrer Hochburgen neue Wählerschichten anzusprechen. Zusätzlich schwinden die zunehmend älteren Katholiken in den Stammgebieten der ehemaligen Sonderbundskantone als traditionelle Wählerbasis der CVP fortlaufend (Altermatt 2012). Bei der SVP fallen schliesslich sowohl der deutliche Wandel ihrer soziostrukturellen Basis als auch die ideologische Neupositionierung ihrer Wählerschaft seit Mitte der 1990er-Jahre auf. Die etwas sprunghaften Änderungen in den politischen Einstellungen der Wählerschaften scheinen hingegen eher das Ergebnis kurzfristiger Ereignisse zu sein.

In seiner Analyse zu den Nationalratswahlen von 1995 ist Wolf Linder (1998) zum ersten Mal systematisch der Frage nachgegangen, welche Bedeutung den verschiedenartigen Einflüssen wie der Haltung zu politischen Sachfragen, der Parteibindung und der Kandidatenorientierung beim Wahlentscheid zukommt. Sein Befund war eindeutig: Bei den eidgenössischen Wahlen 1995 stellte die Parteiidentifikation das wichtigste Motiv für den Wahlentscheid dar. Gleichzeitig wies Linder aber darauf hin, dass das sachthemenbezogene Wählen (Issue Voting) gerade auch in einer Referendumsdemokratie eine wichtige Rolle spielte. Die Nachfolgestudie von Holzer und Linder (2003) bestätigte im Wesentlichen die Befunde von Linders Pionierstudie. Während der Parteiidentifikation für den Wahlentscheid am Ende des 20. Jahrhunderts nach wie vor eine zentrale Bedeutung zukam, entpuppte sich die Kandidatenorientierung im Vergleich zu 1995 als etwas weniger wichtig. Vor allem aber gewannen politische Streitfragen zusätzlich an Relevanz und erwiesen sich von allen untersuchten Grössen als die stärksten Faktoren zur Erklärung des Wahlentscheids. Wie schon 1995 war auch im Wahljahr 1999 die Einstellung zum Verhältnis Schweiz – Europäische Union der wichtigste politische Konflikt, was die zunehmende Relevanz und Stabilität dieser neuen Konfliktlinie seit Anfang der 1990er-Jahre andeutete. Der Beitrag von Maya Ackermann und Sara Kijewski zu den Determinanten des individuellen Wahlentscheides knüpft an die Untersuchungen von Linder (1998) sowie Linder und Holzer (2003) an. Die beiden Autorinnen widmen sich der empirischen Überprüfung des sozialpsychologischen Modells zur Erklärung der individuellen Parteiwahl bei den Nationalratswahlen 2011. In der Tradition von Campbell et al. (1960) analysieren sie den Einfluss der Parteiidentifikation, der Einstellungen zu Sachfragen und der Kandidatenorientierung auf die Wahlentscheidung. Obwohl die Bedeutung der Parteiidentifikation in den meisten entwickelten Industrienationen gesunken ist (Lachat 2008), zeigen ihre Befunde eine anhaltend starke Relevanz dieser Einflussgrösse für die Parteiwahl in der Schweiz auf. Ebenso spielt – wie erwartet – bei den grösseren Parteien die Kandidatenorientierung eine nach wie vor wichtige Rolle, dies gilt insbesondere für die SVP. Im Weiteren finden sich starke Zusammenhänge zwischen der Sachfragenorientierung und der Parteiwahl, wobei im Vergleich zu den früheren Studien von Holzer und Linder (2003) und Linder (1998) einzelne Sachfragen an Bedeutung verloren haben (z.B. Besteuerung hoher Einkommen und Kernenergie), andere aber nach wie vor von wahlentscheidender Relevanz sind (z.B. europäische Integration und öffentliche Ausgaben für die Armee). Insbesondere für linke und rechte Parteien erweisen sich damit die Sachfragenorientierungen der Wählerschaft auch unter Kontrolle der Parteiidentifikation als bedeutsam.

Während Ackermann und Kijewski die verschiedenartigen Einflüsse auf das schweizerische Wahlverhalten untersuchen, konzentrieren sich Matthias Fatke und Markus Freitag in ihrem Beitrag auf die Zusammensetzung der Nichtwählerschaft bei den Schweizer Wahlen 2011. Als Referenzstudie dient ihnen die Analyse von Marc Bühlmann, Markus Freitag und Adrian Vatter (2003), die erstmals die einzelnen Gruppen von Nichtwählern in der Schweiz am Beispiel der Nationalratswahlen von 1999 untersucht hatten. Gemeinsamen Eigenschaften der abstinenten Wählerschaft zum Trotz (geringer sozioökonomischer Status, geringes politisches Interesse und ein schwach ausgebildetes politisches Grundwissen) zeigten die drei Autoren auf, dass die Nichtwählenden am Ende des 20. Jahrhunderts alles andere als eine homogene Einheit darstellen. Vielmehr liessen sich die Schweizer Wahlabstinenten in sechs Typen unterteilen: die politisch Desinteressierten, die Politikverdrossenen, die sozial Isolierten, die Inkompetenten, die Protestierenden und die alternativ Partizipierenden. Der letztgenannte Typ stellte dabei eine schweizerische Besonderheit dar. Obwohl die Merkmale dieses Nichtwählertyps eine hohe Wahlteilnahme vermuten liessen, blieb diese Gruppe den nationalen Wahlen fern. Allerdings partizipierte sie überdurchschnittlich bei kantonalen Wahlen und Sachabstimmungen, da diesen Mitwirkungsmöglichkeiten eine direktere politische Einflussnahme zugesprochen wurde. Die Analyse von Fatke und Freitag zu den Wahlen 2011 offenbart sowohl Übereinstimmungen als auch deutliche Abweichungen zur Studie von Bühlmann et al. (2003). Einerseits finden sie in Ansätzen vier der sechs Nichtwählertypen der Wahlen von 1999 wieder. Auch in ihrer Studie gibt es Hinweise auf politisch wenig interessierte, inkompetente, sozial isolierte und politikverdrossene Nichtwähler. Allerdings lassen sich hie und da doch gewichtige Unterschiede in den soziodemografischen Merkmalen, Einstellungen und Motiven der Gruppen im Vergleich der beiden Analysen erkennen. Zudem liefern die Informationen aus dem Jahre 2011 Hinweise auf unkonventionell Teilnehmende und die Gruppe der abstimmenden Nichtwähler. Insbesondere die abstimmende Gruppe erliegt eher dem Charme der Volksabstimmungen statt der Wahlen. Zudem vertraut sie den politischen Institutionen und zeigt sich auch zufriedener mit der Demokratie im Allgemeinen.

Der Beitrag von Anita Manatschal und Carolin Rapp stellt in verschiedener Hinsicht einen direkten Bezug zu früheren Wahlstudien her. Vor dem Hintergrund des ideologischen Wandels und fulminanten Aufstiegs der SVP zur wählerstärksten Partei der Schweiz gehen sie den Fragen nach, wer heute die SVP wählt und welches die Gründe dafür sind. Mit ihrer Analyse der Wählerschaft der SVP knüpfen die Autorinnen zunächst an die vergleichende Studie von McGann und Kitschelt (2005) an. Diese wählten die Gemeinsamkeiten zwischen der Schweizerischen Volkspartei und der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) Ende der 1990er-Jahre als Ausgangspunkt für ihre Untersuchung. Beide Parteien hatten einen programmatischen Wandel durchlaufen, charismatische Führer an ihre Spitze gewählt und innerhalb kurzer Zeit grosse Wahlerfolge errungen. Beeindruckend war für McGann und Kitschelt (2005) vor allem der Wandel des Berufsprofils der SVP-Wählerschaft innert kurzer Zeit. Während die «alte» SVP von 1991 noch vornehmlich eine Partei der Gewerbetreibenden, Landwirte und Rentner darstellte, war die «neue» SVP-Wählerschaft nun stark von einfachen Angestellten und Arbeitern geprägt. Ideologisch gingen zudem mit der Wahl der «neuen» SVP ein starker soziokultureller Konservatismus, ein ausgeprägter Marktliberalismus sowie vor allem eine unmissverständliche Opposition zu einem EU-Beitritt einher. Einen noch engeren Bezug hat das Kapitel von Manatschal und Rapp zu den Analysen von Kriesi und Sciarini (2003) und Kriesi et al. (2005). Vor allem Letztere betrachteten den Aufstieg der SVP primär als Reaktion auf den starken sozioökonomischen Wandel, der eine neue Konfliktlinie zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung hervorbrachte. Vor dem Hintergrund dieser Analysen legen Manatschal und Rapp den Schwerpunkt in ihrer SVP-Wahlanalyse auf die Einstellungen zu den vorherrschenden Sachfragen (vgl. hierzu auch Bornschier 2010; Hardmeier und Vatter 2003; Lachat 2008; Oesch und Rennwald 2010). Dabei können sie sich sowohl auf aktuelle Daten zu den eidgenössischen Wahlen von 2011 als auch auf einen neu zugänglichen Längsschnitt-Datensatz seit 1991 zu den Selects-Nachwahlbefragungen stützen. Ihre Ergebnisse bestätigen dabei in verschiedener Hinsicht die früheren Befunde. So sind die Einstellungen zur besseren Chancengleichheit von Schweizern gegenüber Ausländern sowie zur Ablehnung des EU-Beitritts der Schweiz nach wie vor sehr wichtige Faktoren für den SVP-Wahlentscheid. Neben dem sogenannten Blocher-Effekt und der Parteiidentifikation erweisen sich die neuen kulturellen Streitfragen damit seit Jahren als äusserst bedeutsam für die SVP-Wahlwahrscheinlichkeit, was sowohl auf die Themenstärke der SVP als auch auf die mittlerweile starke Verankerung des Öffnung-Schliessung-Konflikts im schweizerischen Politiksystem hinweist. Damit gelingt es der SVP fortlaufend, ihr Profil als pointiert europakritische, nationalkonservative und rechtspopulistische Partei zu festigen. Der Vergleich über die letzten 25 Jahre macht deutlich, dass der polarisierende Stil und die europaskeptische und kulturprotektionistische Haltung der SVP mit einer weiteren Schärfung des Profils der SVP-Wählerschaft einhergegangen sind. So stimmten 2011 junge Männer mit einem geringen formalen Bildungsgrad aus ländlichen Regionen der Deutschschweiz deutlicher für die SVP als noch 2003 (vgl. auch Lutz 2012).

Schon die Studien zu den eidgenössischen Wahlen von 1999 (Sciarini et al. 2003) widmeten sich mit verschiedenen Beiträgen der zunehmenden Medialisierung, Professionalisierung und Amerikanisierung schweizerischer Wahlkämpfe. Allerdings wiesen die damaligen Studien auf eine nicht weit fortgeschrittene Modernisierung der schweizerischen Wahlkampfkommunikation hin. Zwar hinterliess der Übergang von der Parteien- zur Mediendemokratie zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch bei helvetischen Wahlkämpfen seine Spuren. Jedoch kam Hardmeier (2003) zum Befund, dass in der Schweiz – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine amerikanischen Verhältnisse vorzufinden seien. Während Selb (2003) am Beispiel des Kantons Zürich untersuchte, ob und wie Wahlkampagnen einen Einfluss auf den Wahlerfolg ausüben, analysierte Lachat (2003) die persuasive Wirkung von Kampagnen. Beide Autoren wiesen darauf hin, dass die Wirkungen von Wahlkampagnen in der Schweiz nicht überschätzt werden sollten. Die Untersuchung von Selb belegt etwa, dass für den Wahlerfolg von Politikern der Amtsträgerbonus viel bedeutsamer ist als die Höhe der Werbeausgaben. Lachat wiederum zeigt eindrücklich auf, dass die Kampagneneffekte aufgrund von Prädispositionen stark begrenzt sind. Der Beitrag von Claude Longchamp und Cloé Jans knüpft an diese Studien an und setzt sich mit den Wirkungen von Geld und Kommunikation in Wahlkämpfen bei den Nationalratswahlen 2011 auseinander. Zum einen werden die Entwicklungen beleuchtet, die den aktuellen Rahmen für politische Kampagnen in der Schweiz bilden. Dazu zählen insbesondere die gestiegenen Werbeausgaben der Parteien für nationale Wahlen. Zusätzlich zeichnet sich aber auch ein Wandel in der Art und Weise ab, wie Wahlkampagnen geführt werden: Nicht nur wird im Kampf für einen Sitz im Nationalrat immer mehr Geld ausgegeben; Wahlkampagnen werden auch immer professioneller und strategischer geführt. Daraus leiten Longchamp und Jans aus der gängigen Wahlforschung eine Typologie der Kampagneneffekte ab, die dazu dient, die Daten zu den Wahlen 2011 zu untersuchen. In ihren empirischen Analysen kommen sie zum Schluss, dass zwischen der Höhe der finanziellen Ressourcen, welche die Parteien in Wahlkampagnen ausgeben und den Wahlresultaten sichtbare Zusammenhänge bestehen. Das zeigt sich am deutlichsten bei der Reaktivierung und Mobilisierung der eigenen Wählerpotenziale, aber ebenso bei der Verhinderung von Konversion, wobei bei allen drei Effekten die SVP am erfolgreichsten abschneidet. Der Aufbau und die Verstärkung von Meinungen sowie auch der unterbliebene Positionswechsel sind damit Folgen des finanziellen Mitteleinsatzes der Parteien in Wahlkampagnen, hängen aber zusätzlich auch von der Wählerstärke der Parteien ab, so das Fazit von Longchamp und Jans.

Jan Fivaz und Daniel Schwarz gehen in ihrem Beitrag der grundlegenden Frage nach, inwieweit sich Wähler und Kandidierende bei politischen Positionen bei den Nationalratswahlen von 2011 unterscheiden. Als Ausgangspunkt dient ihnen die Arbeit von Leimgruber et al. (2010), die sich ebenfalls mit der Positionierung von Wählern und Kandidierenden im politischen Raum auseinandergesetzt hat (vgl. auch Lachat 2008; Lutz 2010). Im Gegensatz zu ihrer Referenzstudie stützen sich Fivaz und Schwarz in ihren Analysen auf die Daten der Online-Wahlhilfe Smartvote, was verschiedene Vorteile mit sich bringt. So ist die Datengrundlage viel breiter und die einzelnen Fragen zu den politischen Positionen von Wählern und Kandidierenden sind viel umfangreicher als bei standardisierten Befragungen. Damit lässt sich der politische Raum über die bekannte Links-rechts-Achse hinaus auch mehrdimensional ausmessen. Die Befunde von Fivaz und Schwarz bestätigen dabei in weiten Teilen diejenigen von Leimgruber et al. (2010): Die Kandidierenden – und in noch stärkerem Masse die Gewählten – übertrumpfen ihre Wähler hinsichtlich der Einnahme extremer politischer Positionen deutlich. Gleichzeitig macht der Beitrag den Nutzen von Online-Wahlhilfen wie Smartvote für die Erforschung politikwissenschaftlicher Fragestellungen deutlich, wenn verschiedene Annahmen zu Distanzmessungen (Directional Voting vs. Proximity Voting) geprüft werden sollen.

Den Ausgangspunkt des Beitrags von Julian Bernauer und Sean Mueller bilden die Unterschiede der traditionell dezentral organisierten kantonalen Parteiensysteme. Mit ihrer Analyse zum Nationalisierungsgrad subnationaler Parteiensysteme greifen sie eine seit Jahren intensiv diskutierte Frage der schweizerischen Parteien- und Wahlforschung auf (Caramani 2004). Während Armingeon (1998) Ende des 20. Jahrhunderts mit Blick auf das kantonale Wählerverhalten und Ladner (2004) mit Fokus auf das regionale Parteiengefüge vor allem noch die Heterogenität des kantonalen Kontexts bei eidgenössischen Wahlen herausgestrichen haben, weisen die neueren Arbeiten von Bochsler und Wasserfallen (2013) sowie Hermann und Leuthold (2008) vor allem auf die fortschreitende Nationalisierung der schweizerischen Parteienlandschaft hin. Bernauer und Mueller knüpfen an diese Studien an, indem sie das Ausmass und die Gründe der Nationalisierungstendenzen der einzelnen Parteien in der Schweiz analysieren, worunter sie die Gleichmässigkeit der territorialen Verbreitung von Parteien verstehen. Als Datengrundlagen dienen die Wahlergebnisse der Parteien bei den Nationalratswahlen von 1991 bis 2011. Die differenzierten Ergebnisse weisen auf eine generelle Zunahme der Nationalisierung bei den meisten Parteien im Verlaufe der Zeit hin, wobei die beiden grossen Polparteien SP und SVP sowie die Grünen die grössten Entwicklungsschübe zeigen. Mögliche Erklärungen für die teilweise noch unvollständige Nationalisierung schweizerischer Parteien finden sich, neben der sprachlichen und religiösen Heterogenität der Kantone als Ausdruck der verschiedenen soziokulturellen Einstellungen in der Wählerschaft, vor allem in den unterschiedlichen Wahlkreisgrössen und in der ungleichen kantonalen Wahlbeteiligung.

3.2 Innovation in der Schweizer Wahlforschung

Der vorliegende Band tritt auch mit dem Anspruch an, in der schweizerischen Wahlforschung bisher vernachlässigte sowie aufgrund aktueller Entwicklungen noch unbeantwortete Fragestellungen zu beleuchten. Dazu gehört zunächst die Frage nach den in der Öffentlichkeit lange Zeit kaum beachteten Wirkungen institutioneller Spielregeln. Ihnen kommt in der föderalen Schweiz mit den Kantonen als Wahlkreise eine besondere Bedeutung zu. In seinem Beitrag unterbreitet Adrian Vatter erstmalig eine Gesamtübersicht über die Wirkungen der einzelnen Elemente des schweizerischen Wahlsystems auf die Wahlerfolge und Repräsentation der einzelnen Parteien. Nach einem Überblick über die historische Entwicklung und das heutige Wahlverfahren für den Nationalrat wird die Frage behandelt, welche Parteien von den spezifischen Charakteristika des Wahlsystems profitieren und welche davon benachteiligt werden. Seine empirischen Analysen zu den Wirkungen des schweizerischen Wahlsystems zeigen, dass die Wahlkreisgrösse den markantesten Disproportionalitätseffekt auf die Umwandlung von Stimmen in Mandate ausübt. Besonders die mittleren und grösseren Volksparteien wie die CVP, FDP und SP profitieren bei den Nationalratswahlen von den kleinen kantonalen Wahlkreisen mit hohen Eintrittsschwellen, kleinere Parteien wie die Grünen und die Evangelische Volkspartei (EVP) gehören hingegen zu den Verlierern des föderalen Wahlsystems. Aus den Listenverbindungen – ursprünglich als Korrektiv für den föderalen Nationalratsproporz mit den kleinen kantonalen Wahlkreisen eingeführt – ziehen vor allem Mitteparteien wie die GLP und das rot-grüne Lager (GP, SP) den grössten Nutzen, während sich die grosse Offenheit des schweizerischen Wahlsystems für die (rechts-)bürgerlichen Parteien, insbesondere FDP und SVP, negativ auswirkt (vgl. hierzu auch Bochsler 2010). Gemäss Vatter zieht die Sozialdemokratische Partei insgesamt die grössten Vorteile aus den Besonderheiten des schweizerischen Wahlsystems.

Während sich die traditionellen schweizerischen Wahlstudien lange Zeit vornehmlich auf das «klassische» sozialpsychologische Modell von Campbell et al. (1960) stützten, bei dem der individuelle Wahlentscheid primär eine Konsequenz von Parteiidentifikation, Sachfragenorientierungen und Kandidateneinstellungen darstellt, haben in jüngster Zeit auch neue Konzepte und Modelle Eingang in die hiesige Wahlforschung gefunden. Eine besondere Aufmerksamkeit geniesst dabei die sogenannte Persönlichkeitspsychologie, die das individuell unterschiedliche Verhalten durch teilweise vererbte und zeitlich stabile Persönlichkeitseigenschaften zu erklären versucht. Eine zentrale Rolle nimmt das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitspsychologie ein. Gemäss diesem Standardmodell lässt sich die Persönlichkeit jedes Individuums anhand der folgenden Eigenschaftsmerkmale (sogenannte Big Five) beschreiben: Emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit. Im vorliegenden Band beziehen sich gleich zwei Kapitel auf das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitsforschung. Der Beitrag von Anja Heidelberger und Rolf Wirz untersucht zunächst die Zusammenhänge zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen und der Wahlbeteiligung in der Schweiz. Zwar machen ihre Auswertungen in einem ersten Schritt deutlich, dass keine Persönlichkeitseigenschaft (Big Five) in einem direkten Zusammenhang mit der Wahlteilnahme steht. Allerdings zeigen die in einem zweiten Schritt durchgeführten Strukturgleichungsmodelle auf, dass die Persönlichkeitsmerkmale durchaus indirekte, über Drittvariablen wirkende Effekte auf die Wahlteilnahme ausüben. Demnach haben vor allem extrovertierte Personen eine höhere Wahrscheinlichkeit, an Wahlen teilzunehmen. Schliesslich stellen Heidelberger und Wirz mit Bezug auf die Persönlichkeitseigenschaften und ihren möglichen Wurzeln erste Überlegungen zur möglichen Relevanz genetischer Grundkonstellationen auf die Wahlbeteiligung in der Schweiz an und weisen damit auf mögliche Herausforderungen für die Weiterentwicklung der Partizipationsforschung in der Schweiz hin. Kathrin Ackermann und Markus Freitag erörtern in ihrem Beitrag die persönlichkeitspsychologischen Grundlagen der Parteibindung in der Schweiz und knüpfen damit vor allem an aktuelle internationale Studien zum Einfluss von Persönlichkeitseigenschaften auf politische Einstellungen und Verhaltensweisen an. Anhand empirischer Analysen untersuchen sie den Zusammenhang zwischen den Big-Five-Persönlichkeitseigenschaften und verschiedenen Facetten der Parteibindung. Ackermann und Freitag kommen zum Befund, dass sich insbesondere harmoniesuchende und verträgliche Menschen eher von Parteien abwenden. Letztere sind zudem vor allem der CVP und der GP zugeneigt und finden wenig Gefallen an der FDP. Sorgenvolle und verunsicherte Menschen fühlen sich zur SP hingezogen und strukturkonservative Personen finden sich am ehesten in den Ideen der SVP wieder. All diese Effekte übertrumpfen diejenigen der soziodemografischen Merkmale.

Die Nationalratswahlen 2011 waren geprägt durch die eindrücklichen Erfolge der beiden neuen Gruppierungen der politischen Mitte, der Bürgerlich-Demokratischen Partei (BDP) und der Grünliberalen Partei (GLP). Erstmals seit der Einführung der Proporzwahlen im Jahr 1919 hatten gleich zwei neue Parteien derart starke Wählergewinne zu verzeichnen. Die überraschenden Erdrutschsiege der beiden Mitteparteien, die 2011 gemeinsam mehr als 10 Prozent Wählerstimmen auf sich vereinigen konnten, verlangt bis heute nach Erklärungen und vertieften Analysen. Besonders erstaunlich war dabei die Tatsache, dass die aus dem liberalen Flügel der Grünen hervorgegangene GLP dank dem geschickten Taktieren mit Listenverbindungen die höchsten Sitz-Zugewinne aller Parteien bei den letzten eidgenössischen Wahlen erzielte, obwohl ihr im Vorfeld programmatische Unschärfe vorgeworfen wurde. Diese oft geäusserte Kritik ist der Ausgangspunkt des Beitrags von Isabelle Stadelmann-Steffen und Karin Ingold, die den grün-ökologischen und liberal-freisinnigen Ursprüngen der GLP und ihrer Wählerschaft nachgehen. Basierend auf der Analyse politischer Konfliktlinien stellen die beiden Autorinnen die These auf, dass die GLP in verschiedenen Politikfeldern eine spezifische Haltung besitzt, die ihren grünen und freisinnigen Wurzeln entspricht und der Partei gleichzeitig eine eigenständige Position im mehrdimensionalen politischen Raum verschafft. Ihre Analysen der Wählerschaft und Parteielite machen deutlich, dass die GLP tatsächlich für eine Kombination liberaler und ökologischer Wertehaltungen steht, die sie von den anderen Parteien eindeutig unterscheidet – und dies nicht nur im Umweltbereich. Daraus lassen sich zwei Einschätzungen ableiten: Negativ ausgedrückt ist die GLP weder richtig grün noch richtig liberal, positiv formuliert ist sie beides ein bisschen. Vor allem aber sind die Grünliberalen eine Partei der politischen Mitte mit einem attraktiven Alleinstellungsmerkmal, das Wähler aus den verschiedenen Lagern anzieht.

Während die Grünliberalen in den Kantonen von Wahlerfolg zu Wahlerfolg eilten, erreichte die traditionsreiche CVP 2011 mit rund 12 Prozent Wählerstimmen einen historischen Tiefststand, der sich bei kantonalen Wahlen seither nahezu ungebremst fortsetzt. Die CVP-Parteileitung hält deshalb seit einiger Zeit Ausschau nach möglichen Kooperationspartnern. Als ideale Braut erwies sich aus Sicht der Parteiführung die von der SVP abgespaltene BDP, die in verschiedener Hinsicht die CVP optimal ergänzen würde: Mit sehr hohen Überschneidungen in den politischen Mitte-Einstellungen sowie in denselben Bildungs- und Einkommensschichten verankert, ist die BDP im Gegensatz zur CVP besonders stark im protestantischen Milieu der ruralen Deutschschweiz vertreten. Durch eine enge Kooperation mit der BDP hoffte die CVP-Führung, ihr katholisches Korsett zu lockern und in der «Diaspora» Fuss zu fassen. Die junge Braut verschmähte jedoch die Avancen. Sowohl eine gemeinsame Wahlplattform, eine Union nach Vorbild der deutschen CDU/CSU, als auch eine Fusion scheiterten am Widerstand kantonaler BDP-Sektionen. Allerdings wäre der Erfolg einer Zusammenarbeit bei den kommenden Wahlen nicht von den Entscheidungen der Parteistrategen, sondern massgeblich vom Wählerwillen abhängig gewesen. An diesem Punkt knüpft der Beitrag von Thomas Milic und Adrian Vatter an und fragt, wie die CVP- und BDP-Wählerschaft die Chancen und Risiken der verschiedenen Zusammenarbeitsformen beurteilen. Ihre Analysen zeigen zunächst deutlich, dass sich die Wählerschaften beider Parteien ideologisch ausserordentlich nahestehen, wobei den BDP-Wählern die CVP sogar noch näher steht als die eigene Partei. Gleichzeitig kann sich aber trotz der hohen Übereinstimmung bei den politischen Einstellungen ein beträchtlicher Teil beider Wählerschaften nicht vorstellen, der jeweils anderen Partei ihre Stimme zu geben. So kommen gemäss Milic und Vatter nur rund 45 Prozent beider Wählerschaften als potenzielle Wähler einer Fusionspartei in Betracht. Insofern lagen die Parteiführungen richtig, eine Fusion gar nicht in Erwägung zu ziehen, da diese Option offensichtlich das deutlich höchste Risiko aufweist und beträchtliche Verluste mit sich bringen würde. Im Weiteren macht dieses Ergebnis deutlich, dass für die BDP-Wahl im Jahr 2011 weniger sachpolitische Positionen oder die ideologische Nähe ausschlaggebend waren, sondern offenbar eher andere Faktoren wie das Image der Partei, die Ausstrahlungskraft ihrer Kandidierenden oder die Wiederwahl ihrer Bundesrätin. Die Bildung einer Union wäre demzufolge eine weniger riskante Option gewesen. Allerdings müsste dafür vor allem eine Bedingung erfüllt sein, nämlich eine regionale «Flurbereinigung» zwischen den beiden Parteien, damit in einem Kanton jeweils nur noch eine Partei antritt. Angesichts der starken Stellung der kantonalen Parteisektionen in der Schweiz sowie der Tatsache, dass in rund einem Drittel der Kantone eine offensichtliche Konkurrenzsituation zwischen beiden Parteien vorliegt, darunter gerade auch in einzelnen BDP-Gründerkantonen, erwies sich auch diese abgeschwächte Form der Kooperation als nicht umsetzbar. Die kantonalen Parteisektionen der BDP lehnten schliesslich auch eine gemeinsame Fraktionsgemeinschaft auf Bundesebene ab. Somit wurde jeglichen Formen einer institutionalisierten Zusammenarbeit zwischen den beiden politischen Mitteparteien eine Absage erteilt. Ohne Zweifel werden damit die Wiederwahlchancen der BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf weiter sinken, die nach den Nationalratswahlen 2015 auf die loyale Unterstützung anderer Parteien angewiesen sein wird.

Im letzten Beitrag erweitern Klaus Armingeon und Sarah Engler die Perspektive und analysieren die Polarisierung des Schweizer Parteiensystems im internationalen Vergleich. Ausgangspunkt ihres Kapitels ist die Erkenntnis, dass in kaum einem anderen europäischen Land die programmatischen Positionen der grossen Parteien so weit voneinander entfernt sind wie in der Schweiz. Während schon andere Studien die Parteipolarisierung in der Schweiz untersucht haben (Brändle 1999; Hug und Schulz 2007; Ladner et al. 2010), nehmen Armingeon und Engler erstmalig einen direkten Vergleich der Parteipolarisierung und der Bevölkerungspolarisierung aus einer international komparativen Perspektive unter Einbezug der Schweiz vor. Konkret befassen sie sich mit der Frage, wie die programmatische Polarisierung der Schweizer Parteien mit der ideologischen Polarisierung der Gesamtwählerschaft und der Polarisierung der einzelnen Parteiwählerschaften in den drei zentralen Dimensionen des politischen Wettbewerbs zusammenhängt (d.h. wenn es um mehr oder weniger Staatseingriffe in die Wirtschaft, um libertäre oder konservativ-autoritäre Werte sowie um den Grad der internationalen Öffnung des Landes geht). Im Falle der Konfliktlinie «Öffnung vs. Schliessung» weisen Armingeon und Engler darauf hin, dass sich die Parteienpolarisierung in der Schweiz nicht etwa auf ein hohes Niveau der Fremdenfeindlichkeit oder eine starke Polarisierung der Gesamtwählerschaft zurückführen lässt. Vielmehr zeigen sie, dass es den Parteien umso besser gelingt, ihre Zielwählerschaften in einer Dimension anzusprechen, je stärker sie sich programmatisch polarisieren. Diese Sortierungsleistung geht somit auf eine strategische Entscheidung der Parteien zurück, sich in einer Dimension des politischen Wettbewerbs zu profilieren und damit optimal ihr Wählerpotenzial auszuschöpfen. Dabei ist es der SVP am besten gelungen, den Konflikt zwischen Öffnung und Schliessung zielgruppengerecht zu thematisieren und zu ihrem Kernprogramm zu machen. Damit werden vor allem all jene Wähler von der Volkspartei angesprochen, die sich durch Globalisierung, Europäisierung und Migrationsströme besonders bedroht fühlen. In diesem Sinne ist die SVP gemäss Armingeon und Engler Schweizer Meisterin im Heraussortieren ihrer Wählerschaft aus einer insgesamt ziemlich homogenen Wählerschaft.

4. Schlussbetrachtungen

Obwohl jeder Beitrag in diesem Band eine unterschiedliche Fragestellung behandelt, lassen sich aus einer synthetisierenden Betrachtung der einzelnen Kapitel verschiedene Gemeinsamkeiten zum Wandel des schweizerischen Wahlverhaltens herausarbeiten. Vor allem drei generalisierbare Befunde können abschliessend benannt werden:

Erstens: Das wichtigste Kennzeichen der eidgenössischen Wahlen der letzten beiden Dekaden stellt ohne Zweifel der fulminante Aufstieg der SVP von der kleinsten zur wählerstärksten Regierungspartei dar. Mit ihrer konsequent europafeindlichen und ausländerkritischen Haltung befeuerte die SVP in den letzten Jahren geschickt diejenigen Sachthemen, die im Zuge der Europa- und Finanzkrise ihrer Wählerschaft besonders unter den Nägeln brannte. Dabei orchestrierte sie die mediale Aufmerksamkeit mit eigenen Initiativen. Verschiedene Beiträge in diesem Band zeigen auf, dass es der grossen Volkspartei in jüngster Zeit zusätzlich gelungen ist, ihr Profil als integrationsskeptische und rechtskonservative Partei weiter zu schärfen. Noch ausgeprägter als früher bilden heute diejenigen Bürger das Rückgrat der stärksten Schweizer Partei, die am offensichtlichsten von den negativen Auswirkungen der Globalisierung betroffen sind, nämlich Männer zu Beginn und am Ende des Erwerbsprozesses mit geringen Bildungs- und Berufsqualifikationen aus dem ländlichen Raum. Hingegen hat die Partei bei Wählern mit abgeschlossener Berufsbildung und mittlerem Einkommen an Unterstützung verloren. Das gewandelte Profil der SVP-Wählerschaft ist damit deutlicher Ausdruck des stattgefundenen Transformationsprozesses innerhalb des Schweizer Parteiensystems. Dabei haben sich neue Wählerschichten der einzig erfolgreichen «Globalisierungsverliererpartei» zugewandt. Mit der Fokussierung auf die Streitfragen «EU» und «Migration», kombiniert mit einem medial gewandten Auftritt, ist die SVP massgeblich dafür verantwortlich, dass sich die neue Öffnung-Schliessung-Konfliktlinie inzwischen als feste strukturgebende Grösse im schweizerischen Politiksystem etabliert hat. Die SVP hat zielgerichtet die Globalisierungsverlierer an sich gebunden und pflegt damit ihr erfolgreiches Alleinstellungsmerkmal innerhalb des Schweizer Parteiensystems weiter. Unterdessen erweist sich neben der SP, die sich von der klassischen Arbeiterpartei zur Partei der neuen städtischen Mittelschichten gewandelt hat, zunehmend auch eine andere Gruppierung, nämlich die GLP, als die «GLobalisierungsgewinnerPartei». Ihre jüngere, einkommensstarke und gut ausgebildete Wählerschaft aus urbanen Gebieten bringt offensichtlich all jene Voraussetzungen mit sich, um erfolgreich mit den Herausforderungen einer zunehmend vernetzten und sich rasch wandelnden Wirtschaft und Gesellschaft umzugehen. Auf einem anderen Blatt steht allerdings die prinzipielle Mobilisierbarkeit dieses noch jungen und wenig parteigebundenen Milieus, wenn man sich die Ergebnisse der kantonalen Wahlen im Frühjahr 2015 vor Augen hält.

Zweitens: Die eidgenössischen Wahlen von 1991 bildeten den Ausgangspunkt einer neuen Etappe in der schweizerischen Parteienentwicklung, die im Zuge der ökonomischen Liberalisierung und Denationalisierung zu einer fortschreitenden Polarisierung der Schweizer Politik geführt hatte. In den 1990er- und 2000er-Jahren waren es mit der Herausbildung des Öffnung-Schliessung-Konflikts vor allem die beiden Polparteien links (SP) und rechts (SVP), die auf Kosten der traditionellen (bürgerlichen) Mitte zulegten. Sie sorgten so dafür, dass die Schweiz mittlerweile über eines der polarisiertesten Parteiensysteme in Europa verfügt (Ladner et al. 2010). Die Nationalratswahl von 2011 markiert ein vorläufiges Ende dieser steten Links-rechts-Polarisierung. Anstelle der SVP und SP legten neue kleine Mitteparteien, wie die BDP und GLP, zu. Dies hat eine zersplitterte, aber insgesamt gestärkte Mitte zur Folge. Hat damit die seit zwei Jahrzehnten fortschreitende Polarisierung mit den Wählerverlusten an den Rändern des politischen Spektrums und dem Aufstieg der neuen Mitteparteien ein Ende gefunden? Verschiedene Beiträge in diesem Band plädieren für eine differenzierte Sichtweise. Vor allem weisen sie auf die Notwendigkeit hin, zwischen den Positionen der politischen Elite und der Wählerschaft zu unterscheiden. Während die politische Polarisierung zwischen den Parteieliten nach wie vor sehr ausgeprägt ist, präsentiert sie sich unter den verschiedenen Parteiwählerschaften deutlich weniger extrem. Die Wähler links-grüner Parteien positionieren sich eindeutig näher bei der politischen Mitte als ihre gewählten Abgeordneten. Dasselbe gilt für die Wähler rechts-bürgerlicher Parteien. Die Stimmbürger nehmen damit ideologisch gemässigtere Positionen ein, als man erwarten könnte. Dies vermag auch eventuelle Wählerwanderungen und Mobilisierungen parteilich wenig gebundener Bürger zu erklären, die von aktuellen Problemlagen getragen einerseits zur Wiederbelebung und andererseits zur Schwächung von Parteien beitragen. Am ehesten lässt sich dieses Phänomen mit den Eigenheiten der schweizerischen Konsensdemokratie erklären. Offensichtlich stören sich die Wähler in politischen Systemen mit Mehrparteienregierungen nicht nur weniger an Parteien und Politikern, die deutlich extremere Haltungen als sie selbst einnehmen. Mehr noch: Die Bürger antizipieren die später notwendige Kompromissbereitschaft der Parteien in der Gesetzgebungstätigkeit bereits bei ihrem Wahlentscheid (vgl. hierzu Lachat und Selb 2010).

Drittens: Die fortschreitenden Globalisierungs- und Individualisierungsprozesse tragen seit geraumer Zeit zur Auflösung ursprünglicher sozialer und kultureller Milieus bei, wodurch die historischen Konfliktlinien zwischen den Konfessionen, Klassen und Regionen an Bedeutung verloren haben. Dies wiederum war eine zentrale Voraussetzung für den Transformationsprozess, der zu einer Konzentration der nationalkonservativen Wählerschaft und damit zum Aufstieg der SVP führte. Zudem brachte diese Umwandlung gesellschaftlicher Spaltungslinien eine Erosion der CVP- und FDP-Basis, den Siegeszug neuer Mitteparteien und den Wandel der sozialdemokratischen Wählerschaft mit sich (Vatter 2014). Die Veränderungen haben zwischenzeitlich auch die Deutungshoheit der klassischen Ansätze der soziologischen und sozialpsychologischen Wahltheorien infrage gestellt, die den soziodemografischen Merkmalen und der Parteibindung eine besondere Rolle zuweisen. Damit sollte aber das langjährige Konzept der Parteiidentifikation keinesfalls abgeschrieben werden. Trotz einer insgesamt abnehmenden Bindungskraft der Parteien und eines steigenden Anteils an Wechselwählern kann von einem dealignment im Sinne einer generellen Auflösung der Parteineigungen in der Schweiz nicht gesprochen werden. Während bei den traditionellen bürgerlichen Mitteparteien CVP und FDP eine fortlaufende Erosion der Parteiidentifikation sichtbar wird, zeigt sich im rechten und linken Lager eine spezifische Umorientierung der Parteibindungen (realignment). Dies drückt vor allem den Wandel der Bindungen einzelner gesellschaftlicher Gruppen bei den Sozialdemokraten und der SVP aus. Im vorliegenden Band heben verschiedene Beiträge die psychologischen Grundlagen der Parteibindung und Wahlteilnahme hervor. In Zeiten der Individualisierung und Säkularisierung der Gesellschaft sowie der Medialisierung, Personalisierung und Emotionalisierung der Politik scheinen individuelle Persönlichkeitseigenschaften für das politische Verhalten immer wichtiger zu werden. Es kann nämlich vermutet werden, dass die nachlassende Prägekraft soziopolitischer Milieus vor allem diejenigen trifft, die für die Kanalisierung ihrer Einstellungen zum politischen Engagement in besonderem Masse sozialer Schubkräfte bedürfen. Fallen diese sozialen Katalysatoren der Umgebung weg, wenden sich manche Schweizer von der Politik und ihren vormaligen Parteien ab. Dies trifft freilich nicht alle Bürger gleichermassen, sondern hängt von ihrer Persönlichkeit ab.

Wenn die Regeln die Resultate bestimmen: die Wirkungen des schweizerischen Wahlsystems auf die Wahlerfolge und Repräsentation der Parteien

Adrian Vatter

1. Einleitung

Wahlsysteme bilden die Spielregeln, nach denen die Wähler ihre politischen Präferenzen für Parteien und Kandidierende in Stimmen ausdrücken und diese in Mandate übertragen werden. Sie prägen den Charakter eines politischen Systems entscheidend mit und werden von führenden Politikwissenschaftlern als «the most fundamental element of representative democracy» betrachtet (Lijphart 1994: 1).1 Der Grund liegt darin, dass es sich bei der Gestaltung des Wahlsystems im Kern um eine zentrale Machtfrage handelt, die darüber entscheidet, welche politischen Gruppierungen die Parlamentsmehrheit stellen und welche in der Minderheit sind (Nohlen 2009: 68). Wahlsysteme stellen damit ein Spiegelbild der realen Machtverhältnisse dar und lassen entsprechend konkrete Rückschlüsse auf das Machtkalkül und die Strategien der politischen Akteure zu (Rokkan 1970: 156 ff.).

Auch in der Schweiz hat der grundlegende Wechsel vom Majorz- zum Proporzwahlsystem zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Wandel der realen Stärkeverhältnisse geführt, der durch den fortlaufenden Bedeutungsverlust der freisinnigen Partei zum Ausdruck gebracht wird. Während das damals eingeführte Proporzwahlsystem bei den Nationalratswahlen lange Zeit unumstritten war, ist es in den letzten Jahren im Zuge der Debatte über ein «möglichst gerechtes» Wahlsystem von kleineren Parteien zunehmend infrage gestellt worden (Bundeskanzlei 2013). Eine ähnliche Entwicklung findet sich auch in den Kantonen und Gemeinden: Insbesondere das Anliegen einer möglichst unverfälschten Wiedergabe des Wählerwillens war Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen im Kontext von Verfassungsrevisionen, Volksentscheiden und Bundesgerichtsurteilen. Dies hat in rund einem halben Dutzend Kantone auch zur Einführung möglichst proportionaler Wahlsysteme («doppelter Pukelsheim») mit beträchtlichen Auswirkungen geführt (Vatter 2014).

Der Beitrag geht den Konsequenzen der wichtigsten Ausprägungen des schweizerischen Wahlsystems nach. Nach einem Überblick über die historischen Entwicklungslinien und die aktuelle Ausgestaltung des Wahlverfahrens für den Nationalrat2 steht die Behandlung der Frage im Zentrum, wer von den spezifischen Charakteristika des schweizerischen Wahlsystems profitiert und wer davon benachteiligt wird. Darüber hinaus wird der Frage nachgegangen, wieweit das schweizerische Wahlverfahren die drei Kernfunktionen von Wahlsystemen, nämlich diejenigen der Repräsentation, Konzentration und Partizipation, zu erfüllen vermag, wobei der Schwerpunkt beim ersten Kriterium liegt. Das Kapitel schliesst mit einer zusammenfassenden Betrachtung.

2. Die historische Entwicklung des schweizerischen Wahlsystems

Gemäss der Bundesverfassung von 1848 waren grundsätzlich alle männlichen Schweizer ab 20 Jahren zu den eidgenössischen Parlamentswahlen zugelassen, womit die Schweiz ursprünglich zu den Pionieren bei der Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten männlichen Wahlrechts in Europa gehörte. Allerdings legten die Kantone ihre Ausschlussgründe so rigoros aus, dass sie bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts de facto ein Zensuswahlrecht praktizierten. So wurden in der Mehrzahl der Kantone vor allem Niedergelassene und Aufenthalter aus anderen Kantonen, Armengenössige, Konkursite, Steuerschuldner, Verurteilte und Bevormundete vom eidgenössischen Wahlrecht ausgeschlossen. In einzelnen Kantonen wurden auch mit Wirtshausverbot Bestrafte (Bern, Schwyz, Freiburg, Solothurn, Aargau), Wahlbetrüger (Tessin), Erbschaftsverweigerer (Wallis), Söldner (Neuenburg, Genf), Bettler und Landstreicher (Solothurn) sowie Personen ohne genügenden Religionsunterricht (Appenzell Innerrhoden) von der Wahl ferngehalten (Gruner 1978: 127, 143; Poledna 2007).3 Insbesondere durch die Niedergelassenen und Aufenthalter boten sich den Parteien zahlreiche Gelegenheiten zur Manipulation des Wahlakts, und es vergingen Jahrzehnte, bis jeder Schweizer Bürger unabhängig von seinem Wohnstatus an den Nationalratswahlen teilnehmen konnte und die Vorrechte der Alteingesessenen abgeschafft wurden. Einzelne Kantone (Luzern, Schwyz, Zug, Tessin) hielten auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Formen des Zensuswahlrechts fest, indem sie bei nicht bezahlten Steuern das Wahl- und Stimmrecht aberkannten. Insgesamt schwankte der Anteil der Wahlberechtigten an der Gesamtbevölkerung im Zeitraum von 1850 bis 1910 zwischen 23 und 25 Prozent (vgl. Abbildung 1). Dies stellt zwar einen im internationalen Vergleich hohen Wert dar, macht aber die wahlrechtliche Diskriminierung einzelner Gesellschaftsgruppen offensichtlich, «die vornehmlich den unteren sozialen Schichten angehörten» (Gruner 1978: 117). Dieses bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktizierte Zensuswahlrecht benachteiligte insbesondere die sozialdemokratische Wählerschaft.

Während auch nach der Einführung des Proporzwahlsystems 1919 ursprünglich nur männliche Schweizer zu den Wahlen zugelassen waren, scheiterten Anfang der 1920er-Jahre erste Versuche auf kantonaler Ebene, das Wahlrecht für Frauen einzuführen. 1959 kam es zur ersten Bundesabstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechts, die jedoch von den wahlberechtigten Männern abgelehnt wurde. Damit betrug der Anteil der Wahlberechtigten an der gesamten Bevölkerung bis Ende der 1960er-Jahre weniger als 30 Prozent. Erst 1971 wurden die politischen Rechte auf Bundesebene den Frauen durch eine Volksabstimmung zugesprochen, wodurch die Schweiz im Vergleich mit anderen etablierten Demokratien das Schlusslicht darstellte. Auch die Herabsetzung des Mindestalters für das Stimm- und Wahlrecht war ein langwieriger Prozess. So wurde erst 1991 das Stimm- und Wahlrechtsalter auf Bundesebene von 20 auf 18 Jahre gesenkt. Aufgrund des bis heute fehlenden Ausländerstimmrechts bei den Nationalratswahlen liegt der Anteil der Wahlberechtigten an der gesamten Wohnbevölkerung in der Schweiz bei rund zwei Drittel.

Von Beginn weg unbestritten war die Durchführung der Nationalratswahlen in den Kantonen als eigenständige Wahlkreise anstelle eines einzigen nationalen Einheitswahlkreises. Damit sollte ein gewisser regionaler «Proporz» im Sinne einer Vertretung aller, insbesondere auch der kleinen Kantone, gewährleistet werden. Deshalb wurde auch eine Zusammenlegung einiger kleinerer Kantone zu einem einzigen Wahlkreis ausgeschlossen. Das föderal motivierte Bekenntnis zum sogenannten «geografischen Proporz» (Gruner 1978: 548) bot damit zwar der katholisch-konservativen Minderheit vereinzelt die Chance, eine ihr günstige Wahlkreisgestaltung in den von ihr dominierten ehemaligen Sonderbundskantonen4 vorzunehmen. Insgesamt nutzte aber hauptsächlich die freisinnig-radikale Mehrheitspartei die Wahlkreisgestaltung flächendeckend in ihrem Interesse. Nachdem sich das Parlament 1848 für eine variable Sitzzahl im Nationalrat ausgesprochen hatte, waren die Wahlkreiseinteilung und die Anzahl der Sitze pro kantonalen Wahlkreis nach jeder Volkszählung neu vorzunehmen.5 Dies führte dazu, dass nicht nur die Wahlkreisgrenzen innerhalb der Kantone oft nach politischen Gesichtspunkten gezogen wurden, sondern ebenso die Verteilung der neu zu vergebenden Sitze an die einzelnen Wahlkreise, um insbesondere den bundesfreundlichen Parteien eine Mehrheit zu verschaffen (Wahlkreisgeometrie; gerrymandering). Gerade das starke Bevölkerungswachstum in urbanen Gebieten zu Beginn des 20. Jahrhunderts bot der freisinnigen Partei grossen Spielraum, durch die gezielte Verteilung zusätzlicher Sitze ihre Mehrheitsstellung zu stärken, während diese Praxis vor allem für die Minderheitenparteien wie die Sozialdemokraten und die Diasporakatholiken von Nachteil war.

Ein Blick in die Entstehungsgeschichte des schweizerischen Bundesstaates zeigt, dass die Mehrheitswahl in Pluralwahlkreisen lange Zeit die vorherrschende Wahlregel war (Kölz 2004; Lutz 2004). So wurde 1848 für die eidgenössischen Parlamentswahlen die Mehrheitswahl mit absolutem Mehr im ersten und zweiten Wahlgang (und mit relativem Mehr im dritten Durchgang) in Wahlkreisen mit einem oder mehreren zu verteilenden Sitzen eingeführt.6 Im damals unumstrittenen Mehrheitswahlsystem sahen die liberal-radikalen Sieger ein geeignetes Mittel, um dem durch den Bürgerkrieg gespaltenen jungen Bundesstaat eine funktionsfähige und stabile Exekutive zu geben, die sich auf eine sichere Mehrheit im Parlament stützen konnte (Gruner 1978: 95). Erst 1872 wurde im Zuge der geplanten Verfassungsrevision zum ersten Mal über die Einführung des Verhältniswahlrechts debattiert. Die führende freisinnige Partei, die über eine absolute Mehrheit in der Bundesversammlung verfügte, sprach sich jedoch klar dagegen aus.7 Als Folge von politischen Unruhen, Pattsituationen zwischen ähnlich starken Parteien und Konflikten innerhalb des rechten Lagers führten einzelne Kantone erstmalig die Verhältniswahl bei kantonalen Grossratswahlen ein, so zwischen 1890 und 1892 die Kantone Tessin, Neuenburg und Genf (Lutz und Zila 2009). Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wuchs die Zahl auf 9,5 und die Kantone sammelten damit erste positive Erfahrungen mit dem neuartigen Wahlsystem, die auch die eidgenössische Proporzdebatte prägten. Unter dem Eindruck des für die Minderheitenparteien ungerechten Majorzwahlsystems und der für sie enttäuschenden Wahlkreisrevision von 1890 setzten sich vor allem die Linke sowie die reformierten und katholischen Konservativen in einer Zweckallianz für die Einführung des Proporzwahlsystems ein. Allerdings scheiterten 1900 und 1910 Volksinitiativen zur Einführung der Verhältniswahl auf Bundesebene (Lutz 2004). Nach der knappen Niederlage der zweiten Proporzinitiative von 1910 reichten Sozialdemokraten und Konservative 1913 gemeinsam eine dritte Volksinitiative «für die Proporzwahl des Nationalrates» ein. Die Abstimmung fand im Oktober 1918 kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges in einer Zeit heftiger sozialer und politischer Auseinandersetzungen statt (Linder et al. 2010: 122). Während einzig die freisinnige Mehrheitspartei die Nein-Parole herausgab, weil sie den Verlust ihrer Vormachtstellung befürchtete, befürworteten die Katholisch-Konservativen, die Sozialdemokraten und die Liberalen die Einführung des Proporzverfahrens. Die Initiative wurde im Verhältnis 2:1 deutlich angenommen und gilt bis heute als der wichtigste politische Entscheid in der Schweiz, der je durch eine Volksinitiative ausgelöst wurde (Kölz 2004: 725; Linder et al. 2010: 124).

Der 1919 auf Bundesebene stattgefundene Übergang vom Majorz- zum Proporzwahlsystem macht in exemplarischer Weise deutlich, welche einschneidenden Folgen eine Änderung der demokratischen Spielregeln für die einzelnen Parteien und damit für das politische Machtgefüge in der Schweiz insgesamt ausübte. Zunächst ist die Tatsache bemerkenswert, dass das Majorzwahlsystem bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht zu einem klassischen Zweiparteiensystem in der Schweiz geführt hatte. Vielmehr bildete sich ein – wie es schon der normative Wahlsystemansatz für die Mehrheitswahl mit Stichwahl postuliert hat – Mehrparteiensystem mit verhältnismässig stabilen Parteien heraus (Duverger 1959; Rae 1967). Der institutionelle Hauptgrund lag neben der Möglichkeit der Stichwahl im zweiten bzw. dritten Wahlgang vor allem in den zahlreichen, regional differenzierten und parteipolitisch uneinheitlichen Wahlkreisen mittlerer Grösse. Dies führte in Kombination mit dem immer weniger strikt parteigebundenen Wählerverhalten aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen Spannungen (Bauern, Angestellte) innerhalb der freisinnigen Volkspartei dazu, dass neue Parteien entstanden und die Parteien gemischte Wahllisten aufstellten (Gruner 1978). Diese Konzessionen an die Minderheitenparteien, d.h. der annäherungsweise freiwillige Proporz, verhinderten die volle Entfaltung der majoritären Diskriminierungswirkung, wie es die absolute Mehrheitsregel in Pluralwahlkreisen theoretisch zugelassen hätte. So reduzierte sich der Parteienwettbewerb schon in der Ära des Majorzsystems auf insgesamt rund 50 Prozent aller Wahlkreise, wobei allerdings den Sozialdemokraten nur ausnahmsweise Wahlallianzen angeboten wurden (Gruner 1978: 526, 1075). Trotzdem hat das Majorzwahlsystem seine zentrale Konzentrationsfunktion erfüllt, indem es eine stabile und funktionsfähige Regierungsmehrheit durch die freisinnige Mehrheitspartei sicherstellte. Insgesamt verdankten die Freisinnigen die Aufrechterhaltung ihrer Hegemonialstellung bis 1919 unter anderem drei Eigenschaften des damaligen Wahlsystems, die sie geschickt miteinander zu kombinieren wussten: dem de facto praktizierten Zensuswahlrecht zuungunsten sozial benachteiligter und mobiler Schichten und damit vor allem auf Kosten der Sozialdemokraten; der in vielen Kantonen konsequent praktizierten Wahlkreisgestaltung zum Nachteil der katholischen Konservativen und der Linken; sowie dem Majorzwahlverfahren in Mehrpersonenwahlkreisen.

Die Folgen des Wechsels von der Majorz- zur Proporzwahl waren für die Parteien drastisch (vgl. Abbildung 2). Der Freisinn verlor die absolute Mehrheit im Nationalrat, die er seit 1848 ununterbrochen innegehabt hatte und fiel von 103 auf 60 Sitze (von insgesamt 189) zurück, was weniger als einem Drittel aller Mandate entsprach. Die grosse Gewinnerin des Systemwechsels war die neu gegründete Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), deren Entstehung in einzelnen Kantonen auch dort eine direkte Folge des Wechsels zum Proporz war. Sie erhöhte ihre Sitzzahl um ein Mehrfaches von 4 auf 29 und wurde damit viertstärkste Partei im Nationalrat, wobei sie allein im Kanton Bern 15 neue Sitze gewann. Zwar verdoppelten auch die Sozialdemokraten (SP) mit einem Schlag ihre Sitze von 20 auf 41 im Nationalrat. Sie blieben allerdings weit hinter ihren eigenen Erwartungen von 60 Mandaten zurück (Gruner 1978: 797). Dies hing unter anderem mit den vielen, relativ kleinen Proporzwahlkreisen in den Kantonen zusammen, die vergleichsweise hohe Wahlerfolgsschwellen darstellten und die Sozialdemokraten benachteiligten. Andere kleinere Parteien, wie die Liberalen und Demokraten, profitierten weniger vom Systemwechsel, ebenfalls nicht die Konservative Volkspartei (KVP) als bisher zweitgrösste Partei. Vor allem bei den Katholisch-Konservativen, teilweise auch bei den Liberalen, war dies eine Folge ihrer starken regionalen Wählerhochburgen in einzelnen Kantonen. So wurden Wahlgewinne der Katholisch-Konservativen durch den Proporz als Minderheitenpartei in den reformierten Diasporakantonen durch Verluste in den katholischen Kantonen kompensiert, wo sie als grösste Partei bisher vom Majorzsystem profitiert hatte. Ebenfalls erwähnenswert ist die starke Zunahme der Wahlbeteiligung um rund 20 Prozentpunkte von rund 60 auf 80 Prozent, wobei dies nicht nur der Wahlsystemänderung, sondern auch den gesellschaftlichen Umwälzungen zu diesem Zeitpunkt geschuldet war.8

Der Wechsel vom Majorz- zum Proporzwahlsystem bedeutete nicht nur das Ende der Mehrheitspolitik der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP), sondern mit der Entstehung neuer politischer Strömungen auch eine grundlegende Veränderung der Machtkonfigurationen innerhalb des Parteiensystems und damit auch eine einmalige Umbruchsituation innerhalb des politischen Systems der Schweiz (Lutz 2004: 288). Die Einführung der Proporzwahl war auch die adäquate institutionelle Antwort auf die fortschreitende Industrialisierung, die zunehmenden gesellschaftlichen Spannungen und die ausgeprägte soziokulturelle Heterogenität in der Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie bildete im Weiteren eine wichtige Voraussetzung für die spätere Einführung der «Zauberformel» in Bezug auf die proportionale parteipolitische Zusammensetzung der Regierung ab 1959.

Ambivalent ist schliesslich die Integrationswirkung des Systemwechsels zu beurteilen. Einerseits konnte die Annahme der Volksinitiative zur Einführung des Proporzwahlsystems im Oktober 1918 kurzfristig nicht mehr verhindern, dass sich die gesellschaftlichen Spannungen einige Wochen später in einem bürgerkriegsähnlichen Landesstreik entluden. Anderseits begünstigte der durch die Wahlsystemänderung ausgelöste Niedergang der freisinnigen Mehrheitspartei eine friedliche Transformation der politischen Machtverhältnisse und bestätigt damit die These, dass die Proporzwahl die mittelfristige Wirkung eines sozialen Ventils besitzt (Gruner 1978: 570).

3. Die institutionellen Grundlagen des Wahlsystems für den Nationalrat

3.1 Das Wahlsystem für den Nationalrat

Seit 1919 gilt in der Schweiz bei den Nationalratswahlen das Proporzwahlsystem, bei dem die Mandatszahl einer Partei sich im Grundsatz nach dem prozentualen Stimmanteil richtet.9 Dieses Wahlsystem hat zur Folge, dass nicht direkt Kandidierende gewählt werden, sondern in erster Linie die politischen Parteien. Eine gewichtige Ausnahme bilden die Kantone mit nur einem Sitz, die das Mehrheitswahlsystem anwenden (Uri, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden). In diesen Kantonen ist gewählt, wer am meisten Stimmen erhält (relatives Mehr).

Die Stimmenverrechnung für die alle vier Jahre gesamthaft stattfindende Verteilung der 200 Sitze des Nationalrats erfolgt nach dem Hagenbach-Bischoff-Verfahren. Es handelt sich dabei um ein Wahlzahlverfahren (auch Quasi-Quotaverfahren genannt) mit Abrundung, bei dem den Parteien möglichst viele Mandate schon in der ersten Division zugeteilt werden (Hangartner und Kley 2000).10 Grundsätzlich streben Wahlzahlverfahren einen möglichst exakten Proporz an, wobei das Hagenbach-Bischoff-Verfahren die grösseren Parteien leicht bevorzugt und die kleinen und kleinsten dementsprechend benachteiligt.

Bei der Proporzwahl für den Nationalrat gilt das System der Einzelstimmenkonkurrenz, bei dem der Wähler so viele Einzelstimmen hat, wie in seinem Wahlkreis Nationalratssitze zu vergeben sind. Die Stimme für einen Kandidierenden ist dabei zunächst eine Stimme für die Parteiliste, die den Kandidierenden aufführt. Die Einzelstimmenkonkurrenz räumt den Wählern in der Schweiz in Kombination mit den Möglichkeiten des Panaschierens, Kumulierens und Streichens äusserst grosse Gestaltungsfreiheiten in der Auswahl und Bevorzugung von Kandidierenden ein (Blais und Massicotte 1996). Ein weiteres Merkmal ist das Instrument der Listenverbindungen zwischen verschiedenen Parteien, die eine bessere Verwertung der Reststimmen gewährleisten soll.11

Ausdruck des stark föderalen Charakters des Wahlsystems für den Nationalrat ist der Grundsatz, dass jeder Kanton bzw. Halbkanton nach wie vor einen eigenen Wahlkreis bildet und mindestens einen Sitz erhält. Die fixe Zahl von 200 Sitzen wurde erst im Jahr 1961 festgelegt. Davor war die Anzahl der Sitze variabel und abhängig von der Einwohnerzahl zum Zeitpunkt der Wahlen. Bis zu den Wahlen 2011 wurden die Mandate unter den Kantonen im Verhältnis zu ihrer gesamten Wohnbevölkerung gemäss den Ergebnissen der letzten Volkszählung alle zehn Jahre neu verteilt. Seither können aufgrund der neuen und jährlich stattfindenden Ausrichtung der Volkszählung die Sitze für jede Nationalratswahl neu auf die Kantone verteilt werden (Seitz 2014). Die grossen Bevölkerungsunterschiede zwischen den Kantonen führen dazu, dass in den bevölkerungsschwachen Kantonen (Uri, Obwalden, Nidwalden, Glarus, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden) nur ein einziges Nationalratsmandat vergeben wird, während es bei den Nationalratswahlen 2015 im Kanton Zürich insgesamt 35, im Kanton Bern 25 und in der Waadt immerhin 18 Mandate sind.

3.2 Das Schweizer Wahlsystem im internationalen Vergleich

Grundsätzlich gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, Wahlsysteme im internationalen Vergleich zu typologisieren. Für einen allgemeinen Überblick bietet sich eine Zuordnung des Schweizer Wahlsystems für die erste Parlamentskammer (Nationalrat) nach der Verwendung der grundsätzlichen Entscheidungsregel der Mehrheits- oder Verhältniswahl (bzw. einer Kombination aus beiden) an. Tabelle 1 liefert eine Einordnung der Schweiz innerhalb einer Typologie der heutigen Wahlsysteme unter Einbezug der etablierten Demokratien (Blais und Massicotte 1996; Cox 1997; Farrell 2011; Lijphart 2012).

In der international vergleichenden Forschung wird das Wahlsystem der Schweiz dem Typ der «unreinen» Verhältniswahl zugeordnet, weil durch die stark variierenden Wahlkreisgrössen in den Kantonen faktisch sowohl Verhältnis- als auch Mehrheitswahl Anwendung finden (Blais und Massicotte 1996; Lijphart 2012; Nohlen 2009). Trotzdem praktiziert die Schweiz kein echtes Mischsystem, wie etwa Deutschland, wo zugleich und am selben Ort Mehrheitswahlen in Einerwahlkreisen und Verhältniswahlen über Parteilisten stattfinden. Zudem dominiert die Verhältniswahl das Wahlsystem der Schweiz deutlich, da in 19 von 26 Kantonen mehr als ein Sitz vergeben wird, während nur für die Verteilung von insgesamt sechs von 200 Sitzen die Majorzwahl gilt.

4. Wer profitiert, wer verliert? Die Wirkungen des schweizerischen Wahlsystems auf die Wahlerfolge und Repräsentation der Parteien

4.1 Forschungsfragen, Theorien und Hypothesen

Welches sind nun die Folgen der wichtigsten Merkmale des schweizerischen Wahlsystems? Welche Parteien profitieren davon, welche werden dadurch benachteiligt? Die empirische Analyse versucht im Folgenden unter Berücksichtigung der Besonderheiten des eidgenössischen Wahlrechts Antworten auf die drei folgenden Fragen zu liefern: Welcher Effekt hat der stark föderale Charakter des Wahlsystems für den Nationalrat mit unterschiedlich grossen kantonalen Wahlkreisen auf die verschiedenen Parteien? Welche Wirkung hat die grosse Offenheit des Wahlsystems für den Nationalrat