Walküre - Daniel Zipfel - E-Book

Walküre E-Book

Daniel Zipfel

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Beschreibung

Dunkle Vergangenheit Ein Jurist betreut das Asylverfahren eines Syrers, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Dabei holt ihn die NS-Vergangenheit seiner eigenen Familie ein. Inmitten der chaotischen Zustände der Fluchtbewegung 2015 arbeitet Benjamin Weiß als Jurist in einer Beratungsstelle für Geflüchtete. Als er den Fall eines Syrers übernimmt, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, gerät er in ein moralisches Dilemma: Soll er belastende Wahrheiten verschweigen oder offenlegen? Zeitgleich zieht seine deutsche Großmutter gesundheitsbedingt nach Wien. Mit ihr kehrt auch die verdrängte NS-Vergangenheit seiner eigenen Familie zurück. Daniel Zipfel erzählt präzise und eindringlich vom Alltag im Asylrecht, von der Kälte der Bürokratie, von zeitloser Schuld und Täterschaft – und davon, wie politische Verhältnisse das Innerste menschlicher Beziehungen berühren.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Daniel Zipfel

Walküre

Roman

INHALT

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

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33.

34.

35.

36.

37.

38.

39.

Danksagung

Daniel Zipfel

Es ist die Regel und nicht die Ausnahme, dass Böses aus normalem Denken erwächst und von normalen Menschen begangen wird.

Ervin Staub, amerikanischer Psychologe

Leitstern unserer Untersuchungen ist letztlich nur ein einziges Wort: Verstehen.

Marc Bloch, französischer Historiker, ermordet 1944 durch die Gestapo

1.

Niemand hatte meiner Großmutter gesagt, dass sie sich schonen sollte, friedlich einschlafen in ihrem Liegestuhl unter dem Nussbaum, das Rauschen der Blätter und Radio Baden-Württemberg im Ohr, neben sich all die Hochbeete mit Tomaten, Gurken und Maggikraut. Niemand hatte ihr gesagt, dass ihre Idee ein Schwachsinn war.

„Ich bin doch nicht schwach“, schimpfte sie, obwohl auch das niemand behauptet hatte, „ich bin auf dem Fahrrad runter bis Rom, rauf bis Göteborg und rüber bis Bilbao. Weißt du überhaupt, wo das ist?“ Sie sammelte die Nacktschnecken mit bloßen Händen aus dem Beet. Die kleinen Körper zogen sich bei der Berührung zusammen, bevor sie im Metallkübel landeten. „Ich habe fünf Landesmedaillen von drei Sportministern bekommen, einer war nur wegen mir in Endingen. Hat gesagt, dass ich die Radsportlegende vom Kaiserstuhl bin. Das war in der Zeitung. Und wer in der Zeitung war, der kann wohl noch selber entscheiden, ob er nach Wien in sein Häusle fährt.“

„Du bist neunundachtzig“, sagte ich.

„Halt d’Schnurre“, sagte meine Großmutter.

Schließlich hatte ich zugestimmt, sie in Endingen abzuholen, redete so freundlich über die Sache, als würde sie für zwei Tage eine Busreise für Senioren rüber ins Elsass machen, als würde ich sie zu einem Kuraufenthalt nach Bad Krozingen fahren oder für ein paar Tage in den Schwarzwald.

Selbst der Arzt sprach von einer grundvernünftigen Entscheidung. Die Nähe zu den Angehörigen in Wien sei der beste Garant für eine angemessene Pflege im hohen Alter. Die Wiener Luft sei gut und die Donau blau.

„Sie wollen mich loswerden“, sagte meine Großmutter, „alle hier. Auch der Milchmann und der Getränkehändler. Und der Arzt ist ein Quacksalber. Von der Nachbarin fange ich gar nicht erst an.“

Die größte Sorge der Nachbarin galt dem Nussbaum. Kurz vor der Abreise stand ich mit ihr zwischen den Hochbeeten neben dem Haus, während meine Großmutter vorgab, sich oben auszuruhen. Ihr Fenster war geöffnet, immer wieder wehten die Vorhänge hinaus.

„Ich bin es schon gewohnt“, sagte die Nachbarin, „ihre Oma, also die Frau Hennerle, die schafft das ja nicht mehr.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften, streckte den Rücken durch. „Ich reche ja jetzt schon die Blätter in ihrem Garten, nicht nur bei uns auf den Steinfliesen, und wissen Sie, was die Nüsse dort für Flecken machen? Aber ich sammle trotzdem alle auf, und die Kisten trage ich über die steile Treppe auf den Dachboden der Frau Hennerle. Dabei breche ich mir zwar fast das Genick und verrenke mir den Rücken, aber ich mache es, und wenn die Frau Hennerle nicht da ist, mache ich es einfach weiter.“ Die Nachbarin vergrub die Hände in den Schürzentaschen. „Sie wissen das ja alles nicht, weil Sie und Ihre Mutti die Oma nie besuchen kommen. Aber dieser Baum, das ist so viel Arbeit, das schafft die Frau Hennerle schon lange nimmer.“

Sie machte ein paar Schritte zu den Hochbeeten, inspizierte eines davon, zupfte ein wenig Maggikraut ab, zerrieb es zwischen den Fingern. Über uns breiteten sich die Äste des Nussbaums aus, vollbelaubt im August, irgendwo darüber der blaue Himmel, unsichtbar.

„Das ganze Gemüse koche ich ein, bringe es Ihrer Oma in den Keller. Auch viel Arbeit, und die Treppe ist ja morsch. Hat niemand repariert, und Hilfe hat die Oma nicht gehabt. Mit dem Baum nicht und auch sonst.“

Ich nickte beständig, betrachtete dabei das Blätterwerk, in dem ich als Kind zahllose Nachmittage verbracht hatte, geschützt vor der Sonne und vor dem Schweigen meiner Großmutter, ihrer wortkargen Präsenz. Der Nussbaum war schon immer da gewesen, vielleicht sogar länger als der Himmel. Das dichte Blätterwerk in dem ganz eigenen Grün, die knorrige Rinde, die Nüsse in ihren schmutzigen Schalen, die viel zu früh herabfielen, nämlich schon jetzt, im Spätsommer. Der Wind und der Schatten.

Meine Großmutter hatte mich so hoch klettern lassen, wie ich wollte, sich nicht weiter darum gekümmert, ob ich in die Brombeeren darunter fiel, mir Schrammen holte und mit Flecken auf den Hosen zurückkam, die nie wieder rausgingen. Ich konnte klettern und fallen, so viel ich wollte, solange es keine Tränen gab, kein Geschrei. Dennoch war ich nach jedem Sturz zu ihr gelaufen, hatte mein Gesicht in ihre Schürze gepresst. Sie hatte mich eine Weile gewähren lassen, dann mein Kinn umfasst und die Augenlider eingehend inspiziert. Ihre Hände kühl und weich.

„Ein deutscher Mann weint nicht.“

Schließlich hatte sie mir über den Kopf gestrichen, und ich war stolz darauf gewesen, nicht geschrien und nicht geweint zu haben, so zäh und stark gewesen zu sein wie das Nachmittagsfernsehen, wie Old Shatterhand oder die Fußballspieler im Nationaltrikot. Wie mein Großvater in dem gerahmten Schwarz-Weiß-Porträt, der ernst dreinblickende Mann in seiner Uniform.

„Alles trocken. Dabei habe ich gestern gegossen.“ Während die Nachbarin noch mehr Maggikraut abrupfte, drangen aus dem offenen Küchenfenster die Radionachrichten herüber, noch eine Sondersendung.

Ich führte die Nachbarin einige Schritte auf die Seite, sodass ich vom Radio verschont blieb und die Ohren meiner Großmutter von der Nachbarin. Meine Hand fuhr über eines der Hochbeete, über das rissige Holz, das sich bereits bog.

„Aber so eine Verrücktheit in dem Alter“, hörte ich die Nachbarin sagen, „Sie und Ihre Mutti müssten das der Oma doch ausreden. Wer weiß, ob die jemals zurückkommt. Wer weiß das schon. Und was passiert dann überhaupt mit dem Haus?“

„Ich kann Sie beruhigen“, sagte ich, „falls meine Großmutter nicht zurückkommt und das Haus verkauft wird, werden Sie als Erste benachrichtigt.“

„Ach so?“ Sie holte tief Luft. „Und der Nussbaum?“

„Den Nussbaum können Sie abholzen.“

Die Nachbarin blickte mich eine Weile an, hielt dabei den Kopf ein wenig schief, drei, vier Sekunden lang. Schließlich nahm sie die Hand aus der Schürze, die Finger noch grün vom zerriebenen Maggikraut, strich mir fast liebevoll über die Wange. Ich machte einen Schritt zurück, das war mir dann doch zu viel Vertraulichkeit, aber sie lächelte mich weiterhin freundlich an.

„Der Bub aus Wien.“ Dann drehte sie sich um, machte ein paar Schritte in Richtung des Hauses. „Na hoffentlich wird die Frau Hennerle schönes Wetter haben!“

Auf der Autobahn schlief meine Großmutter die meiste Zeit. Ihre knochigen, von Altersflecken gezeichneten Hände hielten die Handtasche auf den Knien. Sie trug eine Bluse und einen Seidenschal, trotz der Hitze. Im Schlaf wirkte sie älter, zerbrechlicher als sonst, und ich ertappte mich einige Male beim Lauschen auf ihren Atem. In Wirklichkeit, so vermutete ich, war sie die ganze Zeit wach.

„Brems runter“, sagte sie dann auch unvermittelt, ohne die Augen zu öffnen, „das Fahrrad rutscht sonst nach vorne, dann verbiegt sich der Lenker.“

Ich gehorchte. Für das Rad hatte ich die Rückbank umlegen müssen. Unbedingt hatte meine Großmutter es mitnehmen wollen, auch wenn die Kette vor Rost fast auseinanderfiel, der Sattel komplett zerschlissen war. Die letzte Verwendung musste Jahre her sein.

„Hast du alles abgesperrt?“

Ich bejahte.

Sie nickte mit geschlossenen Augen. „Sonst stöbert die Nachbarin jetzt schon alles durch. Hast du die gelben Tabletten auch eingepackt? Die verkaufen sie nicht in Österreich.“

Auch das bejahte ich.

„Bist du sicher“, sagte ich später, irgendwo zwischen Karlsruhe und Heilbronn, „dass ich nicht umdrehen soll?“

Meine Großmutter schwieg. Als ich hinübersah, ging ihr Atem ruhig und gleichmäßig. Aus ihrem halb geöffneten Mund kam leises Schnarchen.

Im Radio wurde eine weitere Sondersendung angekündigt. Schon wieder ging es um den Bahnhof in Budapest, um die vielen Menschen, die nach Wien weiterreisten. Amnesty International kritisierte die Zustände im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, die überfüllten Unterkünfte für tausende Menschen. Dann sagte der Radiosprecher noch etwas über die Polizeigewerkschaft. Ich nahm eine Hand vom Lenkrad, fuhr mir über das Gesicht, fragte mich, wie viele von diesen Menschen den Weg in unsere Beratungsstelle finden würden. Der Großteil sei aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, kam es aus dem Radio, es sei eine Bewegung Richtung Deutschland, eine Welle. Ich war froh, in die Gegenrichtung zu fahren, hoffte, dass die Sache vorbei war, bevor ich wieder ins Büro musste. Ich dachte an meinen Therapeuten, an seine Ermahnungen, viel zu schlafen. Der Therapeut hatte leicht reden, hörte vielleicht keine Sondersendungen. Ich wollte das Radio abdrehen, legte die Finger auf den Knopf, als ich die Hand meiner Großmutter am Arm spürte.

„Was ist das eigentlich für ein Geruch in diesem Auto?“, fragte sie mit geschlossenen Augen. „Ist das Vanille?“

Ich schwieg.

„Ist das dein Wagen? Hast du ihn ausgeliehen?“

„Ausgeliehen“, sagte ich.

Ich wusste, sie würde keine weiteren Fragen stellen, nicht nach Milena, nicht nach den Kindern, nicht danach, warum Milena bei der Scheidung das Auto bekommen hatte und nicht ich, und das rechnete ich meiner Großmutter hoch an. Wie immer wusste sie, wann es besser war, nichts mehr zu fragen.

Hinten im Kofferraum rumpelten die Kartons. Ich war mir nicht sicher, wie stabil alles verstaut war.

Gesichtslose Waldstücke zogen an uns vorbei, hohe Bäume mit kahlen Stämmen. Eine Tankstelle, dahinter eine Ausfahrt. Der Boden grau und staubig. Ein Lastwagen überholte uns mit dröhnendem Hupen.

„Schön“, sagte meine Großmutter.

Ich schaltete eine Gang hinunter, bremste ab, ließ einen Kombi vor uns auf die Fahrspur.

„Was ist schön?“

„Deutschland.“

Ich wartete, ob sie erklären würde, was sie damit meinte.

„Es wird schon noch kommen“, fügte sie hinzu, „dass einem wer sagt, dass man wieder stolz sein darf.“

Sonst kam nichts mehr, also tat ich so, als müsste ich auf die Straße achten, die vor uns lag, so staubig und grau wie der Boden daneben.

Ab Nürnberg wurde der Verkehr dichter, und je näher wir der Grenze kamen, desto langsamer wurden auch die anderen Fahrzeuge. Nach Regensburg kamen wir nur noch im Schritttempo voran. Ich öffnete die Fenster, und meine Großmutter fächelte sich Luft mit einem Fächer aus ihrer Handtasche zu.

„Gestern, da bin ich noch einmal zum Friedhof“, sagte sie, „zum Gießen. Dann wollte ich noch zum Aldi, und da habe ich auf dem Weg einen Käfer gesehen. Einen Hirschkäfer, der ist am Rücken gelegen und hat gezappelt. Geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Da hat der solche Zangen, aber das hilft ihm nichts. Wird langsam austrocknen in der Sonne. Hart ist die Natur zu den Schwachen.“

Sie nickte langsam, als müsste sie sich selbst bestätigen, blickte dabei aus dem Fenster, in die Weite, den Himmel, ins Nichts.

„Hart ist die Natur“, wiederholte sie, „Aber das ist die Selektion.“

Kurz darauf sahen wir die ersten Gruppen am Straßenrand entlangziehen, mit Taschen und Säcken und Koffern, und je näher wir der Grenze kamen, desto mehr wurden es, eine träge, endlose Prozession. Trotz der offenen Fenster klebte mir mein Hemd am Körper. Ich wechselte auf die mittlere Spur, kam trotzdem kaum voran, starrte geradeaus.

Am Grenzübergang Suben war schließlich alles voller Menschen. Neben der Fahrbahn waren große weiße Zelte aufgebaut, Einsatzwagen mit blinkenden Lichtern standen hinter Absperrgittern. Wasserflaschen stapelten sich meterhoch in der Sonne. An den Gittern lehnten Polizisten in gelben Westen, rauchten, sahen all den Flüchtlingen aus den Sondersendungen beim Vorüberziehen zu. Ein Beamter hatte sich auf die Straße gestellt, kontrollierte die Reisepässe der Autofahrer.

Als unser Wagen neben ihm zum Stehen kam, sah er von mir zu meiner Großmutter, betrachtete das Fahrrad auf der Rückbank, die Kartons weiter hinten. Er nahm unsere Pässe entgegen, blätterte sie immer wieder von Neuem durch, während das Funkgerät in seiner stichsicheren Weste unablässig rauschte. Er war wohl jünger als ich. In seinem Schnauzbart sammelten sich Schweißperlen.

„In welchem Verhältnis stehen Sie zu der Dame?“

„Das ist meine Großmutter“, entgegnete ich, „sie verbringt einige Monate in Wien. Den Sommer.“

„Den Sommer.“ Der Polizist hob die Augenbrauen. „Wie lange bleiben sie in Österreich, Frau Hennerle?“

Meine Großmutter beugte sich nach vorne. „Ich besitze ein Häusle in Kritzendorf, junger Mann. Dort bleibe ich, solange ich will.“

„Solange Sie wollen.“ Er fuhr sich über den Bart, stemmte die Hände in die Hüften. „Das ist Ihre Großmutter, ja?“

Auf dem Parkplatz hinter ihm ließ die Feuerwehr Wasserfontänen aus Standrohren schießen, riesige Springbrunnen gegen die Hitze. Einige Kinder lösten sich aus der Menge, rannten unter die Wasserstrahlen. Ich dachte an Alex und Jonas, hörte aber gleich wieder damit auf. Genau so etwas hatte der Therapeut verboten.

Der Polizist warf einen skeptischen Blick zu den Kindern hinüber.

„Warum halten Sie die nicht auf?“, sagte meine Großmutter. „Die können doch nicht hingehen, wo sie wollen.“

Er ging nicht darauf ein, gab mir die Reisepässe zurück. „Ich kann Sie nicht einreisen lassen. Ihre Großmutter darf sich als EWR-Bürgerin nur drei Monate in Österreich aufhalten. Offenbar plant sie eine Überschreitung des erlaubten Aufenthalts. Verfügt diese Dame über regelmäßige Einkünfte? Eine Pension?“ Er reckte das Kinn in die Höhe. „Es macht ohnehin gerade jeder, was er will. Da brauchen wir das nicht auch noch.“

Ich starrte ihn ungläubig an, räusperte mich, schob meine Brille zurecht. Ich konnte mich als Jurist deklarieren. Auf die Binnenverkehrsfreiheit verweisen. Seine Dienstnummer verlangen. Eine Beschwerde in Aussicht stellen.

„Ach so?“, sagte ich.

„ Ja. Also“, sagte der Polizist, klopfte mit der flachen Hand gegen die Autotür. „Umdrehen.“

Im selben Moment liefen die Kinder los. Der Polizist sah sie nicht gleich, ich auch nicht, hörte nur vage, dass jemand rief, dann noch jemand, hörte Hupen, und im nächsten Augenblick rannte eine Gruppe nasser Halbwüchsiger an uns vorbei über die Fahrbahn, zwischen den Lastwagen hindurch und zwischen den langsam rollenden Autos.

„Halt!“, brüllte der Polizist, riss sein Funkgerät aus der Weste, stürzte den Kindern nach.

„Umdrehen!“, rief er mir im Weglaufen zu, „Sie drehen sofort um!“

Die magere Hand meiner Großmutter berührte mich an der Schulter. „Worauf wartest du? Fahr weiter. Wen interessiert schon, was der schwätzt?“

Ich legte den Gang ein und fuhr los, beschleunigte, vorbei an dem Polizisten, der uns etwas nachschrie, was ich nicht mehr verstand, fuhr unter der Fußgängerbrücke hindurch und vorbei an dem Grenzschild, bis die Radioverbindung abbrach, weil Radio Baden-Württemberg nicht bis jenseits der Grenze sendete. Ich gab Gas, ohne auf das Fahrrad und die Kisten zu achten. Meine Großmutter lächelte, lehnte sich zurück und sagte in den Fahrtwind, der durch die offenen Fenster hereinkam: „ Jedenfalls bin ich dann umgedreht, den ganzen Kiesweg zurückgegangen, und hab den Käfer zertreten.“

2.

Der Horizont endete irgendwo bei der Nordbrücke. Dorthin, Richtung Wien, zog die Donau behäbig südostwärts. Auf den Kiesbänken lagen Menschen in der Sonne, gingen mit ihren Hunden spazieren. Im hohen Gras zirpten Insekten.

Das Häusle meiner Großmutter stand im Hochwassergebiet, aber in diesem Jahr blieb der Fluss meistens, wo er sein sollte. Noch vor zwei Jahren war das Wasser über die Ufer getreten, hatte Bäume und Böschungen weggerissen, hatte sich seinen Weg in die Kleingartensiedlung hineingebahnt, bis nach hinten, wo das Häusle stand, und sich im Garten meiner Großmutter ausgebreitet. Nach einigen Tagen war die Donau wieder zurückgegangen, hatte aber ihren Mageninhalt liegengelassen. Unmengen an Schlamm, an grauer Schlacke, zäh und dünnsandig, wie eine Mondlandschaft. Eineinhalb Wochen hatte ich damit verbracht, den Garten freizuschaufeln, hatte meine Großmutter alle paar Stunden in Endingen angerufen, sie über meinen Fortschritt informieren müssen, die Hose, die Arme, das Telefon mit Schlamm überzogen. Am Abend hatte Milena sich beschwert, wo ich gewesen sei, ob ich glaubte, es sei lustig mit zwei kranken Kindern alleine, und warum mein Telefon überhaupt dauernd besetzt gewesen sei. Ich hatte auf das Angebot meiner Mutter verwiesen, ihr mit den Kindern zu helfen, daraufhin war das Gespräch beendet gewesen.

Als ich für meine Großmutter und mich Schnitzel vom nahen Freibad holte, war der Asphalt mit Sand von der Böschung überzogen, und weiter unten schob sich der Fluss gemächlich durch eine Kiesbucht, die erst vorne beim Auwald endete.

In der Gartensiedlung machte jemand ein Lagerfeuer. Ferienverwöhnte Kinder rasten auf ihren Rädern an mir vorbei, bogen in einen schmalen Weg ein, neben den jemand tibetische Fahnen an seinen Zaun gehängt hatte.

Nach unserer Ankunft war meine Großmutter im Auto sitzengeblieben, hatte minutenlang aus dem Fenster gestarrt, während ich mich bemühte, das Fahrrad möglichst vorsichtig herauszuhieven, um weder den Lenker zu verbiegen noch den Sitzbezug zu beschädigen. Schließlich drehte meine Großmutter sich zur Seite, stieg langsam aus, mit steifen Bewegungen.

Ich dachte an den Schlaganfall im Frühjahr, an die Medikamentenliste. „Hast du die gelben Tabletten genommen?“

„Frag du mich nicht über meine Tabletten“, entgegnete sie, „pass lieber auf mit dem Rad.“

Das Fahrrad. Wenn ich an meine Kindheit zurückdachte, dann kamen mir stets Bilder meiner Großmutter auf dem Fahrrad in den Sinn. Manchmal auch Bilder von Streuselschnecken, von Tagen im August. Das Auftreten meiner Großmutter hatte eine strenge Regelmäßigkeit, wie eine Jahreszeit, oder, wie meine Mutter es ausdrückte, eine Heimsuchung.

Zumeist war sie kurz nach Ostern angereist, hatte die elektrischen Heizkörper im Häusle aufgedreht, ihre Schaftstiefel angezogen und begonnen, die Rosen zu schneiden und das Laub zusammenzurechen. Meine Mutter wurde schon Wochen davor unruhig.

„Ich mache mit ihr den Termin in der Bank und wir besprechen, wie wir es im August machen. Radfahren werden wir wohl auch müssen.“ Sie zwinkerte, aber ich wusste, es war ernst gemeint. „Mit deiner Oma kann man sowieso nicht viel reden. Die hat das Schweigen gut gelernt.“

Mir war das egal. Es gab Streuselschnecken und Orangensaft, wenn wir sie besuchten, und meiner Großmutter waren angenehmerweise all die Fragen fremd, die Erwachsene sonst stellten, wenn sie nicht wussten, was sie mit Kindern reden sollten. Weder fragte sie mich, ob ich mich auf die Schule freue, noch interessierte es sie, wie mein bester Freund hieß oder was mein Lieblingsfach war. Meine Großmutter ließ mich schlichtweg in Ruhe. Jedes zweite Jahr aber schenkte sie mir ein neues Rad, fuhr mit mir stundenlang am Donauufer entlang, immer schneller als ich, und während meine Mutter ebenso wie andere Erwachsene immer auf mich wartete, zog meine Großmutter einfach davon. „Wer zu langsam ist“, meinte sie dann, „ist selbst schuld.“

Anfang August nahm sie mich fast jedes Jahr nach Endingen mit, achthundert Kilometer in ihrem Golf, unterbrochen nur von einem Picknick am Chiemsee, wo wir Schwäne mit Semmeln fütterten. In Endingen gab es ein Schwimmbad, den Nussbaum und die endlosen Filme im Nachmittagsfernsehen, die meine Großmutter mit mir anschaute. Ich saß direkt vor dem Gerät auf dem Boden, aß Brombeeren und Nüsse, während sie selbst in einem Lehnstuhl in der Ecke des Wohnzimmers versank. Ich genoss die Ruhe, die trägen Tage, und nur manchmal erfüllte mich ein Unbehagen, bemühte ich mich, die Frage zu verdrängen, wohin ihr Blick von dort hinten eigentlich schweifte, zum Fernseher, zum Porträt meines Großvaters darüber oder etwa zu mir, stundenlang zu mir.

Meine eigenen Kinder sah meine Großmutter später kaum, weil ihr die Reise nach Wien zu anstrengend wurde, und weil Milena sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, sie in Deutschland zu besuchen.

„Es tut mir leid“, meinte sie, „deine Großmutter ist mir unheimlich.“

Als ich fast schon wieder beim Häusle war, rief jemand meinen Namen, riss mich aus meinen Gedanken.

Ein altes Ehepaar winkte mir zu. Obwohl es schon Mittag war, trugen beide noch immer ihre Morgenmäntel.

„Schön, dass die Frau Hennerle wieder mal bei uns ist!“ Frau Sabransky faltete die Zeitung auf dem Schoß zusammen. „Obwohl, in ihrem Alter noch der weite Weg. Aber wir freuen uns!“

Das Haus der Sabranskys war auf Stelzen gebaut, gegen das Hochwasser, und von ihrer Veranda aus hatten sie alle Bewegungen auf dem Gehweg im Blick, Eierbecher und Kaffeetassen vor sich. Das Radio spielte Schlagermusik. Der Brandgeruch war hier stärker, kam vielleicht aus ihrem Garten. Vielleicht heizten sie einen Grill an, würden direkt vom Frühstück ins Mittagessen übergehen.

Frau Sabransky erkundigte sich, wie es meiner Großmutter gehe, wie weit wir schon mit dem Einräumen seien. Sie ließ die Hände auf die Knie fallen, schüttelte die Ärmel ihres Morgenrocks. „Wie schön, dass die Frau Hennerle wieder mal bei uns ist. Und Sie brauchen sich keine Sorgen machen, wir werden ein Auge auf die Oma haben.“

Im Gegensatz zu den meisten Gartenhäusern in der Siedlung war jenes meiner Großmutter ebenerdig, noch dazu mit einer guten Isolierung versehen, sodass man auch in den kalten Monaten darin wohnen konnte. Ich sah mich um, ob aus den anderen Gärten Rauch aufstieg, suchte vergeblich die Quelle des Brandgeruchs.

„Ich bin wieder da!“, rief ich in das Häusle hinein, erhielt keine Antwort. Ich ging durch den Vorraum, wo mich kleine Zwerge, Schwäne und Engel aus den Waben eines Setzkastens heraus beobachteten. Die Schnitzel stellte ich in der Küche auf der Anrichte ab, warf einen Blick auf mein Handy. Meine Mutter hatte mich nicht zurückgerufen. Seit meiner Scheidung von Milena hatten wir wenig Kontakt, und von der Ankunft meiner Großmutter wollte sie schon gar nichts hören, da war ich mir sicher. Ich öffnete die Küchenschränke und suchte nach Tellern.

„Ich bin wieder da!“, wiederholte ich in Richtung des kleinen Wohnzimmers, wo ich meine Großmutter auf dem Sofa vermutete.

Dann sah ich den Rauch. Ich ließ die Teller auf den Küchentisch fallen, hörte, wie etwas zu Bruch ging, stürzte ins Wohnzimmer. Meine Großmutter war nirgendwo zu sehen, aber draußen, vor der Schiebetür zum Garten, stand dichter Rauch, und als ich sie aufriss, hustete, mir die Augen rieb, sah ich das Feuer.

„Mach die Tür zu“, hörte ich die Stimme meiner Großmutter, „es kommt ja der ganze Qualm ins Häusle!“

Sie stand in der Mitte des Gartens, vor sich drei offene Umzugskartons, aus denen Flammen loderten. Mit regloser Miene betrachtete sie das Feuer, eine Flasche Brennpaste in der Hand. Es musste sie einige Mühe gekostet haben, die Kartons hierherzuschleppen.

„Bist du wahnsinnig?“, rief ich, erkannte Ringordner, Dokumentenmappen, Schuhschachteln voller Fotos, durch die sich die Flammen fraßen, während glühende Papierfetzen in die Luft stiegen und davongetragen wurden.

Ich versuchte, meine Großmutter zur Seite zu ziehen, aber sie stieß mich energisch weg, mit einer Kraft, die ich ihr nicht mehr zugetraut hätte. Ich lief zum Gartenschlauch, drehte das Wasser auf, richtete den Strahl auf das Feuer, auf die Kartons, solange, bis nur noch qualmender, schwarzer Matsch übrig war, der ins Gras floss.

In einiger Entfernung hörte ich Frau Sabransky herüberrufen, ob alles in Ordnung sei.

„Willst du die ganze Siedlung abfackeln?“, fuhr ich meine Großmutter an, die mit einem Stock in den Überresten des Feuers stocherte, prüfte, ob die Flammen ihre Wirkung getan hatten.

„ Jetzt ist nichts mehr übrig“, nickte sie schließlich, mit einer tiefen Zufriedenheit in der Stimme, „so soll es sein.“ Ohne mich weiter zu beachten, drehte sie sich um, ließ die Brennpaste fallen und ging zurück ins Haus. Mit dem Schlauch in der Hand blieb ich im Garten zurück, betrachtete das verkohlte Gras, dazwischen die Reste verkohlten Papiers.

Später fand ich meine Großmutter auf dem Sofa. Ihre Augen waren geschlossen, der Brustkorb hob und senkte sich in regelmäßigen Zügen. Ihre Kleidung stank nach kaltem Rauch, aber vielleicht war ich das auch selbst.

Sachte schloss ich die Schiebetür hinter mir, legte ihr eine Decke über die Beine. Dann ging ich hinaus zum Auto, um die restlichen Kartons ins Haus zu räumen, damit ich endlich losfahren konnte.

Als ich damit fertig war, wischte ich über die Sitze, klappte die Rückbank hoch. Darunter fand ich noch einen Karton, leicht eingedellt, sodass die Dokumentenmappen darin erkennbar waren. Als ich eine davon hervorzog, las ich den Namen meines Großvaters, lugte über meine Schulter, zum Eingang des Häusles, als hätte ich etwas entdeckt, das nicht für meine Augen bestimmt war. Ich legte die Mappe zurück, stieg aus und ging ins Häusle, um nochmal nach meiner Großmutter zu sehen. Den Karton ließ ich im Wagen.