Wandel - Wie kommt das Neue ins System? -  - E-Book

Wandel - Wie kommt das Neue ins System? E-Book

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Beschreibung

Wandel - Wie kommt das Neue ins System? Lesebuch zu den 8. Europäischen Toleranzgesprächen vom 1. bis 4. Juni 2022 in Freach und Villach (Kärnten).

Das E-Book Wandel - Wie kommt das Neue ins System? wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Europa, Systemwandel, Politik, Literatur, Religion

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Gedruckt mit freundlicher

Unterstützung von

Bundesministerium für Kunst, Kultur

öffentlichen Dienst und Sport

Sektion IV Kunst und Kultur

und

Amt der Kärntner Landesregierung

Abteilung 1 – EU-Koordination

WANDEL

Wie kommt das Neue ins System?

Europäische Toleranzgespräche

Fresach 2022

Edition im Auftrag des Vereins

Denk.Raum.Fresach – Europäisches Toleranzzentrum

Produktion: Temmel, Seywald & Partner

Herausgeber: Dr. Wilfried Seywald

Inhalt

Wilfried Seywald

Geleitwort

Hannes Swoboda

Toleranz in Zeiten des Krieges

Peter Vollbrecht

Sehnsuchtsland

Robert Menasse

Die Zukunft der Europäischen Union

Andreas N. Ludwig

Zeitenwende in Europa

Heinz Gärtner

Wandel durch Krieg

Demokratieentwicklung

Krieg zwingt zum Wandel

Sieglinde Rosenberger

Zeit- und raum-gerechte Demokratie?

Martin Klemenjak

Warum sich Demokratie nicht vererbt

Ahmad Milad Karimi

Wandel durch neues Islamverständnis

Ina Schmidt

Wie die Ordnung ins Chaos kommt

Hubert Hasenauer

Der Wald als heilendes System

Hans-Georg Häusel

Dominante Persönlichkeiten verändern die Welt

Fresach-Erklärung 2022

Europa im Wandel

Auszeichnung

Toleranzpreis für Sieglinde Rosenberger

Trisha Radda

Wie aus Worten Lesestoff wird

Da Wastl

Rede zur Plage der Nation

Shafia Khawaja

Alte weiße Männer

Silke Gruber

Geben und Nehmen

Katharina Wenty

Es l(i)ebe der Tod

Mehr Raum in der Welt

Sergio Garau

Alice e il BancoMatto

Alice in Monopoland

Οὖτις

Biografien

Wilfried Seywald

Geleitwort

Nach dem überraschenden Rückzug des Österreichischen PEN-Club von den Europäischen Toleranzgesprächen stand die Frage im Raum, wie wir seitens der Organisation die philosophisch-literarische Komponente auf dem gewohnt hohen Niveau weitertragen können. Uns wurde ja – im 7. Jahr der Zusammenarbeit – der Vorwurf gemacht, die Literatur nur zur Behübschung von Wirtschafts- und Tourismusgesprächen zu berücksichtigen. Gerade am Thema des Jahres 2021 – „Fairness – Die neue Globalisierung“ – hatte sich der Konflikt entzündet, der zum Bruch geführt hat. Die Einladung der hochgeschätzten Eröffnungsrednerin, Imamin und Frauenrechtlerin Seyran Ateş wurde damals ebenso abgelehnt wie jene des früheren Nestlé-Chefs mit Kärntner Wurzeln, Peter Brabeck-Letmathe.

Im Vorwort der Publikation 2021 wird seitens des amtierenden PEN-Präsidenten die Frage gestellt, ob wir wirklich über Fairness geredet haben oder nur so taten, und als Beleg werden zahlreiche Beispiele für die Missachtung von Menschenrechten weltweit, die Ungerechtigkeiten des Wirtschaftssystems und die Hetze rechter Gruppen gegen demokratische Errungenschaften angeführt, die wir offensichtlich unerwähnt bzw. ausgelassen hatten. Zuletzt wurde der Abschied sogar zu einer Art Abgesang stilisiert, so als ob für den PEN innerhalb der Toleranzgespräche nicht jede Möglichkeit bestanden hätte, sich in Wort und Tat einzubringen.

Nun, dem können wir gelassen entgegnen, dass die Toleranzgespräche 2022, wie in diesem Lesebuch leicht nachzulesen ist, wiederum eine Fülle attraktiver Analysen und Anregungen, sowohl politikwissenschaftlich wie literarisch und wirtschaftspolitisch geliefert haben. Wir sind geradezu stolz darauf, auch ohne die Mitwirkung des PEN hervorragende Dichter und Denker*innen für Fresach zu gewinnen, und überzeugt, dass dieses Forum viel Platz schafft für offene, kritische und natürlich auch unversöhnliche Auseinandersetzungen im Geiste der Toleranz.

Fresach, am 1. Dezember 2022

Hannes Swoboda

Toleranz in Zeiten des Krieges

Wenn es um das Neue geht, dann sehen wir gerade jetzt etwas, das sehr alt ist und von dem wir gehofft haben, dass es überholt ist – nämlich den Krieg. Es ist nicht der einzige Krieg, denken wir nur an die furchtbaren Ereignisse in Äthiopien, nur als ein Beispiel. Aber deswegen dürfen wir diesen Krieg in Europa nicht unterschätzen und vor allem nicht tolerieren. Wir dürfen Massaker an der Zivilbevölkerung und die Zerstörung der Lebensgrundlagen von vielen Menschen nicht tolerieren. Wir dürfen nicht tolerieren, dass infolge des Kriegs viele Menschen verarmen und Hunger leiden. Denken wir nur an die ausgefallenen Transporte von Getreide aus der Ukraine.

Aber was heißt nicht tolerieren? Heißt das, wir müssen einfach Aufrufe unterschreiben? Wir müssen auf Demonstrationen gehen? Wir müssen die Parteien auffordern, Gespräche zu führen?

Ja, das ist wahrscheinlich alles notwendig und sinnvoll. Und dennoch ein Aber: Ich habe vor wenigen Tagen das Memorial Center in Srebrenica in Bosnien besucht. Dort sind tausende Menschen umgekommen, ja abgeschlachtet worden. Doch schon vor dem Tod dieser Menschen hat eine jahrelange Aushungerung der Bevölkerung durch die serbische Armee und Ratko Mladic begonnen.

Ja, es ist gesprochen worden mit Radko Mladic, UNO-Vertreter haben mit ihm verhandelt, die Menschen aus Srebrenica haben mit ihm gesprochen – und er hat zugesagt: Wir werden Euch nichts tun, Ihr seid ja unsere Brüder und Schwestern. Die UNO hat ihm vertraut, die UNO ist abgezogen, dann sind die Menschen in Bussen weggebracht worden, und Tausende abgeschlachtet worden.

Manchmal nützt es leider nicht, nur zu reden, wenn die andere Seite nicht reden will. Und es ist heute noch für mich schwer zu verstehen, dass dort hunderte UNO-Soldaten waren und dass man den Worten vertraut hat und gleichzeitig die Menschen dem Tod ausgeliefert hat. Wir können und dürfen nicht tolerieren, dass Menschen einem Aggressor schutzlos ausgeliefert werden.

Was wir aber tolerieren müssen, und da bin ich sehr froh, dass wir das in Österreich tun ist, dass es jetzt viele Flüchtlinge gibt, um die wir uns sorgen, denen wir helfen, die auch einen Job bekommen, wenn die Verwaltung es schafft, die entsprechenden Genehmigungen zu erteilen. Das dauert oft leider sehr lange.

Was mich da betrübt macht, ist allerdings, dass jetzt plötzlich die Migration kein Problem mehr ist, die Flüchtlinge kein Problem sind. Wenn sie aus einer anderen Region gekommen sind, war es ein Problem. Jetzt sind die Flüchtlinge nicht Flüchtlinge, sondern Vertriebene. Die anderen Flüchtlinge, aus Syrien, das waren Leute, die „geflohen“ sind, die „nicht vertrieben“ worden sind. Das ist eine Zwiespältigkeit, die wir, glaube ich, nicht tolerieren können.

In Zeiten des Krieges entsteht immer Hass. Und das ist auch menschlich verständlich. Und dennoch möchte ich hier ganz deutlich sagen, wir dürfen den Hass nicht tolerieren. Hass ist niemals eine Basis für eine neue Welt, das Neue, das wir uns wünschen. Und ich weiß, dass viele meinen, den Hass muss man tolerieren, wenn er jetzt gegenüber Russland geäußert wird.

Aber unlängst schrieb die russische Schriftstellerin Irina Rastogujewa: „Vor dem Hintergrund des Krieges ist es schwierig, die Welt nicht in Schwarz und Weiß einzuteilen, die Menschen nicht in gut und böse zu teilen. Aber selbst innerhalb der Nationen gibt es diese Einteilung. Russen, die darum bitten, nicht mit Putinisten in einen Topf geworfen zu werden, Tschetschenen, die sich von Kadyrow abgrenzen, Belarussen von Lukaschenko. Ich als Russin sage, Ruhm der Ukraine und glaube an ihren Sieg. Ich teile die Wut gegen Putin und sein Regime, aber ich votiere gleichzeitig für die persönliche Verantwortung, denn jeder muss für DIE Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden, die ER begangen hat.“

Diese Worte sind auch ein klares Votum gegen den blinden Hass auf die Russen, weil wir sonst nie ein neues Europa aufbauen können. Die Ukraine möchte ja in die Europäische Union eintreten. Und sie möchte es jetzt, auch wenn das vorläufig noch utopisch ist, aber hoffentlich in einigen Jahren real.

Dazu muss man klar sagen, die Europäische Einigung ist nicht etwas, das auf Hass gegründet ist. Sie baut auf Versöhnung, auf Verständnis, auf ein Miteinander. Ja es ist schwierig, heute mit Ukrainern zu reden über eine Verständigung mit Russland, aber am Ende des Tages, und ich hoffe, das ist nicht allzu weit weg, wird man auch hier wieder einen Versöhnungsprozess in Gang bringen müssen.

Damit meine ich klar und deutlich: Wir können Krieg nicht tolerieren, wir dürfen Aggression nicht tolerieren, und wir sollten nicht tolerieren, dass Menschen einem Aggressor ausgeliefert werden. Aber wir sollten und können auch nicht tolerieren, dass Hass die Grundlage für Beziehungen von Ländern innerhalb von Europa ist, sonst geht die Grundidee der europäischen Einigung verloren, und ich glaube, diese Grundidee sollten wir bei uns behalten, wenn wir in die Zukunft blicken.

Peter Vollbrecht

Sehnsuchtsland

Wie wir besser anders reisen – Oder:

Reisen als Nahrung für die Seele

Es ist eigentlich nur ein kleiner Schritt von einer philosophischen Reise zu einem Philosophieren über das Reisen. Denn wäre es nicht ein spannendes Unterfangen, das Bündel aus Imagination, Fernweh und Erwartung, aus Ankommen, ersten Orientierungen und unerwarteten Wendungen zum Thema zu machen – während einer Reise nach, sagen wir Venedig etwa, dem literarischen Sehnsuchtsort schlechthin? Was könnte man da nicht alles hineinpacken ins kulturtouristische Programm! Nun, wir müssen es hier etwas weniger verheißungsvoll angehen, gleichwohl sind die nachfolgenden Betrachtungen über das Reisen keine Trockenübung. Denn vor zweiundzwanzig Jahren bin ich mit einer philosophierenden Gruppe zum ersten Mal aufgebrochen. Seitdem bin ich wohl über zweihundertmal philosophisch gereist, kreuz und quer durch Europa und mitunter auch in Süd- und Südostasien. Damals aber, zu Beginn im Sommer des Jahres 2000, ging es zum Denken und Wandern in die Schweiz. Das obere Engadin war die Lieblingslandschaft von Friedrich Nietzsche gewesen, er verbrachte dort sieben Sommer, wir blieben dort zwar nur sechs Tage, aber: Immer noch fahre ich dorthin, in den Kraft-Ort Sils Maria, das Wandern und das Nachdenken ist einfach eine gute Kombination für ein gutes Reisen, aber dazu später noch mehr.

Das Salz in der Suppe

Jetzt möchte ich Ihnen erst mal das Terrain aufbereiten. Ein paar Gedanken zum Reisen also möchte ich mit Ihnen teilen, und da erwarten Sie gewiss, dass dabei auch die gegenwärtige Weltlage eingefangen und mitreflektiert wird. Doch bevor ich uns das Salz einstreue in die Suppe, lassen Sie mich in zwei, drei Strichen den Glanz des Reisens preisen. Denn noch zweimal werde ich auf ihn, diesen Glanz zurückkommen. Seit jeher nämlich schon verspricht das Reisen neue Möglichkeiten. Neue Möglichkeiten für das eigene Dasein: anderen Lebensarten zu begegnen, sie zu schmecken, vielleicht gar selbst ein anderer zu werden oder endlich, endlich nur man selbst.

Es hat den Glanz einer Sehnsucht. Seidig bauschend seit Eröffnung des Orienthandels nach Arabien, Persien, Indien und China führten die Wege bis zu den Handelsstädten Niederländisch-Südostasiens. Der Duft des Orients wehte über den Handel hinein nach Europa und betörte die Phantasien. Europäische Künstler und Intellektuelle exotisierten den Orient zu einer kulturellen Fremde, in die sie die Lebenssehnsüchte des Abendlandes hineinprojizierten. Später rückten weitere Horizonte hinzu: die Tempel der Azteken und Maya, die Savannen Afrikas, die Flüsse Amazoniens, die Korallen der Südsee, die Weltmeere und die arktischen Zonen. Der seidige Glanz ist der Glanz der Ferne.

Unschwer ließe sich von der geografischen und kulturellen Ferne zur existenziellen Lust am Ausgesetztsein schreiten, die man dort in der Ferne erlebt, und von dort kämen wir dann zum existenziell Einmaligen und Unwiederholbaren, das ja eine wesentliche Grunderfahrung des Reisens ist. Im einmaligen, nicht wiederholbaren Erlebnis spiegelt sich unsere endliche Existenz. Das sind zugegeben recht große Töne, doch sie klingen nur nach innen, ins Seelische, und sie treffen auf einen Missklang da draußen, von dem nun die Rede sein muss. Schon im Frühjahr, noch vor Ausbruch des russischen Krieges, habe ich mich auf solche Misstöne eingestellt, als ich damals die Einladung nach Villach angenommen hatte. Doch mittlerweile sind die Zivilisationen noch instabiler geworden, so jedenfalls nehme ich das wahr, da haben sich eine ganze Reihe von Krisen mit unbekanntem Ausgang übereinandergeschichtet. Sie werden, das steht zu erwarten, uns zukünftig das Reisen versalzen. Doch schaut man genauer zu, dann ist der Tourismus selten eine sanfte und unschuldige Sache gewesen. Er hat den Konsumismus bis an die Enden der Welt getragen, hat dort den Wohnraum verteuert und manchen von der angestammten Heimat vertrieben. Das ist beileibe keine exotische Erzählung neokolonialen Tourismus, sie trifft ebenfalls auf Sylt wie auf Amrum zu und gewiss auch noch auf andere Plätze direkt vor unserer Haustür. Das alles ist bekannt, aber das ist nicht das Salz, das ich heute einstreue in meine Gedanken über das Reisen.

Heute geht es um die aktuellen Besorgnisse, deren ich vier kurz erwähnen möchte gleich zu Beginn, um sie dann immer wieder in positiveren Kontexten zu reflektieren:

Erstens: Wir leben in einem Klimawandel wie auch in einem Artensterben von unbekanntem, aber hochdramatischem Ausmaß, und selbst die vorsichtigeren Schätzungen schockieren mit der Aussicht, dass größere Bereiche des Planeten unbewohnbar werden. Die Verknappung von Lebensmitteln wird die sozialen Schieflagen noch deutlicher hervortreten lassen. Das wird vor allem Auswirkungen auf die Fernreisen haben, etwa zu den karibischen, den lateinamerikanischen, den afrikanischen, den südasiatischen und indo-pazifischen Zielen.

Zweitens: Wir leben in einem pandemischen Zeitalter, das sich gerade eine postpandemische Pause leistet. Mit neuen Versicherungs- und Buchungskonditionen hat die touristische Infrastruktur auf die Verunsicherung der Kunden reagiert. Dennoch scheinen mir die längerfristigen Auswirkungen eines pandemischen Zeitalters auf den vulnerablen Tourismus noch nicht absehbar.

Drittens: Wir erleben auch in der Versorgungslage der Menschheit einen Zeitenwechsel. Vielleicht muss es aber richtiger heißen: Die Ressourcenknappheit ist nun auch in den reichen Industrieländern zu spüren. Nicht unwahrscheinlich ist es, dass die Weltwirtschaft eine längere Phase der Stagflation erlebt, durch die vor allem der Mittelstand und die unteren Schichten empfindliche Einbußen an Wohlstand werden hinnehmen müssen. Dem Tourismus gehen dabei wichtige Kerngruppen verloren.

Und schließlich, viertens: Wir leben in einer neo-militarisierten Welt. Ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Wirtschaftsleistung wird im militärischen Sektor versenkt werden und steht als Wohlstand nicht mehr zur Verfügung. Ob die Lust am Reisen in einem Zustand eines permanenten Angstszenarios noch die Dynamik aufweist wie zuvor, wird die Zukunft zeigen. Möglich, dass die Menschen vermehrt ausschwärmen, um die dunklen Zukunftserwartungen im Pool all-inclusive zu verscheuchen. Möglich aber auch, dass es genau umgekehrt kommt und die Menschen sich kokonieren in nahen Welten. Wahrscheinlich geschieht beides und dazwischen noch viel von anderer Farbe.

Und mit diesem Wahrscheinlich möchte ich die Zubereitung des Terrains abschließen: Ich kann Ihnen keine umfassende Sicht auf das zukünftige Reiseverhalten bieten. Da sind einfach zu viele Faktoren im Spiel. Nehmen Sie einfach mal zum Spaß, ja nur zum Spaß, die großen Prognosen der Zukunftsforscher noch einmal zur Hand, die gleich nach Ausbruch der Pandemie gemacht wurden, und halten Sie den Jetzt-Stand der Weltzivilisationen dagegen. Ich wette mit Ihnen: Sie brechen in ein lautes Lachen aus!

Über das Reisen nachzudenken, über seine Schönheiten, über das Fernweh und über die Horizonterweiterung, die das Reisen ermöglicht – muss man dabei die Schönheiten einsalzen? Geht es nicht ohne die ständige Problemwut? Erinnern wir uns kurz der Rede vom „Neuen Normal“, das zu Beginn der Pandemie in aller Munde war. Hoffnungen hatten sich darin artikuliert, Hoffnungen auf eine grundlegende Korrektur unserer Weltbewirtschaftung. Und um eine solche Hoffnung geht es auch mir, auf eine Kurskorrektur im touristischen Feld. Ein „Weiter so“ wäre ignorant, wäre fatal, wäre verantwortungslos. Gehen wir es also an!

In einem ersten Teil werde ich versuchen, der Faszination des Reisens zur Sprache zu verhelfen. Das wird nicht leicht sein, und ebenso schwierig ist die zweite Aufgabe, die ich mir gesetzt habe: dem Reisen ein Zukunftsdesign zu verpassen. Der durchgängige rote Faden, der beide Teile miteinander verbindet, ist der Faden einer Sinnerwartung. Denn wenn wir uns zu einer Reise entschließen, dann erwarten wir uns ja etwas davon. Aber was? Gibt es da einen größten gemeinsamen Nenner für alles Unterwegssein?

Fort-Sein und Dort-Sein

Ich suche ihn mit zwei Wortfügungen, nämlich dem ›Fort-Sein‹ und dem ›Dort-Sein‹. Dabei kommt das Dort-Sein sehr viel besser weg, aber auch das Fort-Sein hat seinen Charme. Ich nehme die Pointe gleich vorweg: das Fort-Sein ist Urlaub, das Dort-Sein ist Reisen. Aber eines nach dem anderen! Fort-Sein, das ist vor allem eines: Weg-sein. Endlich raus aus der Routine von Alltag und Beruf. Da muss es doch noch eine andere Welt und ein anderes Leben geben, das Fort-Sein bläst in den Konjunktiv des Lebens. Und wer wüsste nicht, wie uns die Aufbrüche immer wieder mit Vitalkraft erfrischen. Das frühe Aufstehen, das Abschließen der Wohnung, das Besteigen des Zuges oder das Starten des Automobils. Im Fort-Sein ziehen wir einen Strich hinter uns, und damit ist auch schon eine gewisse Einseitigkeit des Fort-Seins markiert: Es ist gleichsam negativ bestimmt.

Bringen wir also Positives hinein! Das ist zumindest theoretisch nicht sehr schwer. Schließlich sind wir angekommen nach einer mehr- bis vielstündigen Reisezeit. Wir sind nun dort. Und jetzt – sind wir auch wirklich mental dort? Nämlich aufmerksam, wach und lernbereit? Endlich, endlich weg, das reicht noch nicht, da bleiben wir existenziell unter unseren Möglichkeiten. Und dabei liegen diese doch auf der Hand: Wie treten wir den Einheimischen gegenüber – sofern diese Bezeichnung heute überhaupt noch einen Sinn macht? Interessiert es uns, welche Eindrücke sie von uns gewinnen? Sind wir sprachlich in der Lage, uns ihnen gegenüber zu öffnen? Wie sind die politischen Verhältnisse im bereisten Land? Sind wir in der Lage, die kulturellen Codes zu lesen, die uns erschließen lassen, wie Männer, Frauen und Kinder miteinander umgehen oder welcher Art der Respekt (oft nur ein Euphemismus für die Angst) ist, der den polizeilichen Ordnungskräften entgegengebracht wird? Diese und viele andere Fragen stellen sich denen, die wirklich dort sind. Erst im Dort-Sein lassen wir uns ganz auf die begegnende Welt ein und erwarten nicht, dass sie einfach nur anders sein soll als unsere häusliche Welt. Das bloße Anderssein ist doch wie ein exotisch geschmücktes Schaufenster.

Zugegeben, da bleibt man gern einmal stehen, um es zu beschauen, aber dabei bleibt es dann auch. Das Dort-Sein dagegen macht eine existenzielle Selbsterfahrung im Spiegel der bereisten Welt möglich. Die Andersartigkeit von Land und Leuten dringt nun tiefer ein in den seelischen Haushalt. Das Fremde kann dort Keime der Veränderung pflanzen, die mitunter erst sehr viel später treiben mögen. Nicht selten sind es besondere Begebnisse, die uns