Wanted - Philippe Claudel - E-Book

Wanted E-Book

Philippe Claudel

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Beschreibung

"Wanted" ist eine Abrechnung mit einer ­Politik, die alle unsere bisher geltenden Gesetze, Regeln und Moralvorstellungen über den Haufen wirft. Die dystopische Fabel entlarvt die Cowboy- und Sheriff-Mentalität derer, die glauben, mit Brutalität, Unverschämtheit und Geld alles erreichen zu können. Philippe Claudel schlägt sie mit ­ihren eigenen Waffen: Er setzt ihre Sprache in ihrer Beschränktheit und Vulgarität ein, sein ätzender Humor entlarvt sie als Clowns, die sich für ­Könige halten. Auch Politiker, Journalisten etc., die jeden Irrsinn analysieren, kommentieren und ihm ­dadurch noch mehr Gewicht verleihen, ­bekommen ihr Fett ab. Die Überspitzung macht Absurdität und Gefahr erst richtig bewusst: Der Wahnsinn hat Methode, wir müssen darauf reagieren. "Wanted" ist ein Akt des Widerstands!

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Aus dem Französischen von Margret Millischer

Wanted ist eine Abrechnung mit einer Politik, die alle unsere bisher geltenden Gesetze, Regeln und Moralvorstellungen über den Haufen wirft. Die dystopische Fabel entlarvt die Cowboy- und Sheriff-Mentalität derer, die glauben, mit Brutalität, Unverschämtheit und Geld alles erreichen zu können. Philippe Claudel schlägt sie mit ihren eigenen Waffen: Er setzt ihre Sprache in ihrer Beschränktheit und Vulgarität ein, sein ätzender Humor entlarvt sie als Clowns, die glauben, dass sie Könige sind. Auch Politiker:innen, Journalist:innen etc., die jeden Irrsinn analysieren, kommentieren und ihm dadurch noch mehr Gewicht verleihen, bekommen ihr Fett ab. Die Überspitzung macht Absurdität und Gefahr erst richtig bewusst: Der Wahnsinn hat Methode, wir müssen darauf reagieren. Wanted ist ein Akt des Widerstands!

Der Autor

„This is the West, sir.

When the legend becomes fact, print the legend.“1

The Man Who Shot Liberty Valance

John Ford, Willis Goldbeck, James Warner Bellah

1 „Das hier ist der Westen, Sir. Wenn die Legende Realität wird, drucken Sie die Legende.“

„Wir leben schon lang nicht mehr in der Realität: Wir leben nur in einer Geschichte, die den Anschein des Wirklichen angenommen hat. Aber sagen Sie es bitte nicht zu laut, denn es hilft nichts, wenn man es weiß.“

Satire and Reality

Istvan Mészáros

Als Elon Musk seine Mitteilung im Oval Office des Weißen Hauses machte und dabei seinen vier Monate­ alten Sohn Kevlar-Titane, das jüngste seiner Kinder, wie ein Gewichtheber mit der rechten Hand in die Höhe stemmte, herrschte für einen Augenblick Sprachlosigkeit. Sogar Donald Trump schien überrumpelt zu sein. Der Präsident lümmelte bequem in seinem Sessel, bullig, plump, nach vorne gebeugt, und blickte mit einem gequälten Lächeln auf den reichsten Mann der Welt.

Es war heiß.

Zu heiß.

Es war der 10. Juni.

Trump bekam kaum Luft. Sein Hemdkragen war schweißnass und auf seiner orangen Stirn bildeten sich dünne ölige Schlieren, die in hellen Rinnsalen herabliefen.

Etwa dreißig akkreditierte Journalisten waren in dem Raum versammelt.

Alle hatten sich inzwischen an die skurrilen Inszenierungen dieser Pressekonferenzen gewöhnt, einer Mischung aus Beleidigungen, Babygeschrei, Windelwechseln und markigen Sprüchen. Jedes Mal gab es eine Reihe von Überraschungen, und gleich danach wurden die herausragendsten Momente in den sozialen Medien und Fernsehsendern der ganzen Welt übertragen. Doch was sie hier gerade miterlebten, übertraf bei weitem alles, was sie bisher zu hören bekommen hatten.

„Mister Musk, könnten Sie bitte wiederholen, was Sie gerade gesagt haben?“

Der NHK-Korrespondent hatte es gewagt, das Schweigen zu brechen. Ein magerer, kurzsichtiger, in einen schwarzen Anzug gezwängter Japaner, der perfekt Englisch sprach.

„Wenn Sie unsere Sprache nicht verstehen, guter Mann, was haben Sie dann, verdammt noch mal, hier zu suchen?“, begann Musk, woraufhin Donald Trump in schallendes Gelächter ausbrach.

Der japanische Journalist reagierte nicht.

Kevlar-Titane versuchte, die Baseballkappe seines Vaters zu erwischen, und als es ihm nicht gelang, begann er zu schreien.

Musk packte ihn mit beiden Händen und versuchte, ihn hin- und herzuwiegen. Es sah eher aus, als würde er einen Shaker in der Hand halten und sich einen Martini Dry mixen. Das Baby brüllte nur noch lauter.

„Könnten Sie bitte wiederholen, was Sie gerade gesagt haben, Mister Musk?“, fragte der Journalist noch einmal.

Musk seufzte entnervt.

„Ich habe gesagt, und ich werde ich es bestimmt nicht noch ein drittes Mal sagen,“ fuhr er fort und sprach lauter, um das Schreien des Säuglings zu übertönen, „dass ich dem, der diesen Hurensohn von Wladimir Putin umlegt, eine Milliarde Dollar biete! Das habe ich gesagt. Und das ist kein Scherz. Ich bin kein Scherzbold, das wisst ihr! Wir sind ein großes Land. Eine große Nation. Wir haben eine Geschichte. Und in dieser Geschichte wurde früher für Verbrecher, die der Gesellschaft gefährlich werden könnten, ein Kopfgeld ausgesetzt, und die Kopfgeldjäger erledigten den Job, und dem Land ging es dadurch besser, das könnt ihr mir glauben. Ich bin sicher, dass wir heute auf neue Kopfgeldjäger zählen können. Es gibt sicher haufenweise mutige Männer, die dazu bereit sind, das können Sie mir glauben, hier, in Russland, überall auf der Welt!“

Alle Journalisten starrten Musk entgeistert an. Niemand wagte mehr, etwas zu sagen.

„Meine Idee ist doch ganz einfach, nicht wahr? Ich wundere mich sogar, dass ich nicht schon früher draufgekommen bin. Und ehrlich gesagt, die Geldsumme, die ich biete, sollte doch auch für die, die vielleicht noch zögern, ein Anreiz sein, oder? Eine Milliarde! Eine Milliarde Dollar für den Kopf dieses Hurensohns. Das ist doch noch nie dagewesen, oder? Das hat es in der Geschichte der Menschheit noch nicht gegeben! Hätte jemand eine Milliarde Dollar geboten, um Hitler aus dem Weg zu räumen, glaubt ihr, es hätte dann die Gaskammern gegeben? Nein, sage ich euch. NEIN, SAGE ICH EUCH! Millionen von Menschen hätten so verschont werden können! Dieser Dreckskerl wäre tot gewesen, und Millionen von Menschenleben hätten gerettet werden können! Juden und andere. Denn es wurden viele Juden vernichtet, aber nicht nur. Es gab auch andere … Typen. Nun, ihr wisst es, alle wissen es!

Ich bin reich. Sehr reich. Also soll mein Geld auch zu etwas nützen. Und was ich will, was ich aus tiefstem Herzen will, ist, dass mein Geld die Welt verändert! UND ES WIRD SIE VERÄNDERN, DAS VERSPRECHE ICH EUCH! ICH UND MEIN GELD, WIR WERDEN DIE WELT VERÄNDERN!“

Das Oval Office glich plötzlich einem Bienenstock. Niemand sagte ein Wort, aber alles summte durcheinander, Lippen, Hände, Gesichter, Körper, die Handys in den Taschen. Genau diesen Augenblick wählte Kevlar-Titane, um sich auf das Hemd seines Vaters zu übergeben, was den Milliardär zum Lachen brachte.

„Sehr her! Seht her! Mein Sohn ist dafür! Er ist dafür! Er findet das alles zum Kotzen! Diesen verdammten Russen findet er zum Kotzen! Eine Milliarde!­ Eine Milliarde Dollar für den, der ihn umlegt, und das Thema ist erledigt!“

Kaum hatte Musk ausgeredet, prasselten die Fragen auf den Präsidenten nieder. Es war zu spüren, dass Trump versuchte, sich darüber klar zu werden, was sein oberster Berater, mit dem er sich ständig stritt, danach wieder versöhnte, je nachdem, wie sich die Börsenkurse entwickelten, gerade gesagt hatte. Niemand schien sich mehr daran zu stoßen. Trump schwitzte stark. Die Journalisten wollten einen Kommentar von ihm. Der Präsident lächelte nicht mehr und betrachtete sie verächtlich, mit diesem arroganten, aggressiv-beleidigten Gesichtsausdruck, der auf seinem offiziellen Porträt verewigt ist.

Mit einer Handbewegung gebot er Stille.

Er ließ sich Zeit, bevor er zu sprechen begann:

„Dieser Mann da“ – er deutete mit dem Kinn auf Musk – „dieser Mann da, das kann ich euch sagen, hat welche, ich meine, ihr habt verstanden, was, und ich scheiß auf die Feministinnen, die etwas dagegen sagen wollen, dieser Mann da hat Eier! Ja, echt Eier! In dieser beschissenen Welt, die verrückt geworden ist, haben heute nur noch wenige einflussreiche Männer Eier! Ja, ja, ja! Nur wenige haben Eier!!! Das kann ich euch sagen. Ich habe keine Angst, das zu sagen! Und dann wollte ich auch noch sagen, dass dieser Mann da, dieser Rächer, dieser neue Cowboy, mein Freund ist. Elon ist mein Freund! Und ich bin stolz darauf, so einen Freund zu haben wie ihn! Ja, Elon, du kannst es mir glauben, ich bin stolz, so einen Freund zu haben wie dich! Aber du bist nicht nur mein Freund, du bist ein Patriot, ein echter Patriot, du bist ein guter Mann und ein gläubiger Mann. Gott segne dich! Gott beschütze dich! Was Elon getan hat, hat er für sein Land getan, für sein Volk und für Gott. Für Gott, jawohl!“

Trump hielt inne, verzog das Gesicht noch mehr und fuhr dann fort:

„Wladimir, ich weiß, dass du hörst, was ich sage, ich weiß, dass du mir zuhörst. Also höre mir wirklich gut zu: Du wolltest mit uns spielen. Das war keine gute Idee. Ich habe dir die Hand hingestreckt. Ich habe dir meine Arme geöffnet, immer wieder. Ich habe dich wie einen Bruder behandelt. Ich habe dich in Anchorage empfangen, erinnerst du dich? Ich habe dir den verdammten roten Teppich ausgerollt. Und du, was hast du gemacht? Du wolltest mit mir spielen. Du wolltest mich von vorne bis hinten bescheißen. Das war keine gute Idee, Wladimir! Du wolltest mich in den Arsch ficken! Ja, ich sage es, wie es ist, ich sage es vor der ganzen Welt und vor Gott, du wolltest mich verarschen, Wladimir, und das amerikanische Volk verarschen! Aber du bist nicht der Allerschlauste,­ wirklich nicht. Das bist du wirklich nicht, auch wenn du es glaubst, denn man verarscht das amerikanische Volk nicht, Wladimir! Man verarscht es nicht! Niemals! Niemals! NIEMALS! Du wirst noch bereuen, was du getan hast und was nicht! Ich kann dir sagen, du wirst es wirklich bereuen! Dein Pech! Jetzt ist es zu spät. Ich nehme es nicht mehr zurück. Ich bin der Präsident der größten Weltmacht. Ich bin nicht irgendwer. Ich habe einen Kopf, und den benutze­ ich auch. Ich habe ein weit überdurchschnittliches Gehirn. Würde ich euch meinen IQ verraten, würdet ihr aus allen Wolken fallen. Ich bin ein stabiles Genie. Wladimir, das ist alles deine Schuld. Deine Verantwortung. Ich bin hundertprozentig mit dem einverstanden, was mein Freund Elon Musk gerade gesagt hat, er ist ein Patriot unter den Patrioten, ein Amerikaner unter den Amerikanern! Danke, Elon! Danke! DANKE! Und jetzt reicht es, hier sind zu viele Leute, ich ertrage euren Schweißgeruch nicht mehr! Deos wurden ja nicht umsonst erfunden! Wir werden jetzt ordentlich lüften! Los, ich habe zu arbeiten, raus mit euch allen!“

Kevlar-Titane rülpste, was seinen Vater zum Lachen brachte und den Präsidenten ebenso, dessen schmutzigblaue Augen grau geworden waren.

In den darauffolgenden Minuten war auf allen Kontinenten, Fernsehkanälen und Radiosendern, im Internet, in allen sozialen Netzwerken nur noch von dieser Szene die Rede. Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit hatte eine Nachricht so sehr alle anderen völlig in den Hintergrund gedrängt. Musks Worte, begleitet vom Schreien und Kotzen seines Sohnes, und Trumps Einlassung am Ende wurden pausenlos immer wieder abgespielt, so dass jeder erwachsene Mensch, selbst wenn er nicht bei der Sache war, sie auswendig heruntersagen konnte, ohne auch nur ein einziges Wort auszulassen.

Russland verlangte umgehend eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates, die ein paar Stunden später abgehalten wurde, und legte dort eine Resolution zur Abstimmung vor, in der das Angebot des Milliardärs verurteilt werden sollte. Sie wurde einstimmig angenommen. Nur die USA enthielten sich der Stimme, doch sie machten keinen Gebrauch von ihrem Vetorecht.

Moskau rief seinen Botschafter in den Vereinigten Staaten zurück und wies seinen amerikanischen Amtskollegen aus.

Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bezeichnete Elon Musk als „degeneriertes Schwein, das auf die Schlachtbank gehört“, und der russische Außenminister Sergej Lawrow verglich den Milliardär mit einem „Stück Scheiße mit drei Gehirnzellen“ und forderte eine Entschuldigung von Trump, der ihm auf seinem eigenen Netzwerk Truth Social antwortete, er spreche nicht mit Untergebenen!

Wladimir Putin gab keine Erklärung ab. Das russische Fernsehen zeigte ihn unbeeindruckt bei der Eröffnung eines Forschungszentrums für Kinderkrankheiten in einem Vorort von Sankt Petersburg, beim Holzhacken mit einer Axt in einem Nadelwald und anschließend beim Muskeltraining mit nacktem Oberkörper im Freien, ohne dass festzustellen war, wo und wann diese Aufnahmen gemacht worden waren.

Am nächsten Morgen, als Musks Vorschlag überall kommentiert wurde und man noch nicht wusste, ob man darüber lachen und sich lustig machen sollte, ob er wirklich ernst gemeint oder ein schlechter Scherz war, gab der Milliardär über seine Anwälte bekannt, dass er den Betrag von einer Milliarde Dollar auf ein eigens bei der Schweizer UBS-Bank eröffnetes Konto überwiesen habe. Das Kreditinstitut, das von den internationalen Medien kontaktiert wurde, konnte trotz seiner Tradition in Geheim- und Zurückhaltung die Information nur bestätigen.

Darüber hinaus veröffentlichte Musk auf X eine Nachricht, in der er sein Angebot wiederholte, eine Milliarde Dollar Kopfgeld für die Tötung Wladimir Putins auszusetzen, aber auch noch zwei weitere Prämien anbot: eine Million Dollar für Sergej Lawrow und 500.000 Dollar für Dmitri Peskow.