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»Was hat Rassismus mit mir zu tun?« »Darf ich deine Haare anfassen?«, »Woher kommst du wirklich?«, »Wie hast du so gut Deutsch gelernt?«. Auch in scheinbar harmlosen Alltagsfragen verstecken sich oft Vorurteile. Jetzt melden sich People of Color selbst zu Wort und berichten darüber, wie Alltagsrassismus in Deutschland und Österreich aussieht. Antirassismus- Expert*innen aus der afrikanischen, muslimischen, asiatischen, jüdischen und Rom*nja-Community erklären, woran rassistische Fragen und Denkmuster erkannt werden können und geben Tipps, diese zu überwinden. Herausgegeben von Black Voices richtet sich dieses Buch an alle, die Angst haben, die falschen Fragen zu stellen. Es ist ein Buch, das nicht mit dem Zeigefinger deutet, sondern mit Beispielen, Fakten und einer Portion Humor erklärt, wie wir uns besser verstehen und begegnen können. Mit Beiträgen und Gastkommentaren von Amani Abuzahra, Asma Aiad, Omar Khir Alanam, Noomi Anyanwu, Emmeraude Banda, DariaDaria, Samuel Hafner, Vanessa Spanbauer, Melanie Kandlbauer, Minitta Kandlbauer, Nada Taha Ali Mohamed, Magdalena Osawaru, Mireille Ngosso, Vina Yun, uvm.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über das Buch
„Darf ich deine Haare anfassen?“ „Sprichst du Deutsch?“ „Woher kommst du wirklich?“
Wenn du dir nicht sicher bist, warum diese Fragen diskriminierend sind, dann ist dieses Buch für dich! Antirassismus-Expert:innen aus der afrikanischen, muslimischen, asiatischen, jüdischen und Rom:nja-Community erklären dir mit Fakten, Beispielen und einer Portion Humor, woran rassistische Fragen und Denkmuster erkannt werden können. Herausgegeben von Black Voices richtet sich dieses Buch an alle, die Angst haben, die falschen Fragen zu stellen und nach Tipps suchen, peinliche Ausrutscher zu vermeiden.
Amani Abuzahra | Asma Aiad | Omar Khir Alanam | Noomi Anyanwu | Emmeraude Banda | Chantal Bamgbala | Samuel Hafner | Melanie Kandlbauer | Minitta Kandlbauer | Adjanie Kamucote | Sladjana Mirković | Nada Taha Ali Mohamed | Magdalena Osawaru | Mireille Ngosso | Camila Schmid | Vina Yun
Über Black Voices (Hg.)
Black Voices ist eine überparteiliche, antirassistische Initiative. 2020 startete sie das erste Antirassismusvolksbegehren Österreichs. Ziel des Volksbegehrens ist die Einführung eines Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus, der die gleichberechtigte Teilhabe von People of Colour in allen Bereichen der österreichischen Gesellschaft sicherstellen soll. Mit Kampagnen, Beratungen, Antirassismustrainings und prominenten Unterstützer:innen sorgen sie online und offline dafür, dass Antirassismus auch nach den Black Lives Matter-Demos ein Thema bleibt.
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22 Antirassismus-Tipps für den Alltag
Bloß nichts Falsches sagen!
Mireille Ngosso
Ich bin kein böser Mensch! Was hat Rassismus mit mir zu tun?
Melanie Kandlbauer, Minitta Kandlbauer
Rassismus ist bei uns doch nicht so schlimm wie anderswo, oder?
Melanie Kandlbauer, Magdalena Osawaru
Erlebst du wirklich so viel Rassismus?
Melanie Kandlbauer
Seid ihr nicht auch rassistisch?
Adjanie Kamucote
Was nützt es mir, dass ich weiß bin? Ich hab’s auch schwer!
Camila Schmid
Geht politische Korrektheit heute nicht viel zu weit?
Minitta Kandlbauer
Wieso könnt ihr euch nicht integrieren?
Omar Khir Alanam
Was für eine Mischung bist du?
Minitta Kandlbauer
Du bist voll hübsch! Warum trägst du ein Kopftuch?
Amani Abuzahra
Leben alle Rom:nja in Wohnwägen?
Sladjana Mirković
Könnt ihr mit euren schmalen Augen eigentlich normal sehen?
Vina Yun
Darf ich dein Haar anfassen?
Chantal Bamgbala
Müsst ihr so empfindlich reagieren? Ihr nehmt das viel zu ernst!
Adjanie Kamucote, Melanie Kandlbauer
Versteht ihr keinen Spaß?
Magdalena Osawaru
Sprichst du Deutsch?
Melanie Kandlbauer
Warum nicht „All Lives Matter“?
Emmeraude Banda
Warum teilt ihr Menschen in Gruppen? Wir sind doch alle gleich!
Samuel Hafner, Noomi Anyanwu
Warum darf ich keine Locs tragen? Das ist nur eine Frisur!
Noomi Anyanwu
Ich bin auf eurer Seite! Wieso nennt ihr mich rassistisch?
Nada Taha Ali Mohamed
Wieso kritisiert ihr Feminist:innen? Wir sind nicht rassistisch!
Asma Aiad
Warum grenzt ihr uns aus?
Camila Schmid
Woher kommst du wirklich?
Melanie Kandlbauer
Biografien und Quellen
MIREILLE NGOSSO
Diese Sorge begleitet viele, wenn sie mit Menschen sprechen, die von Rassismus betroffen sind. Wie geht es dir, wenn du über Rassismus redest? Bist du verunsichert? Fürchtest du dich davor, unabsichtlich etwas Rassistisches zu sagen? Hast du Angst, deine Fragen könnten verletzen? Befürchtest du, wegen einer unbedachten Äußerung als Rassist:in abgestempelt zu werden? Vermeidest du deshalb lieber das Gespräch, ziehst dich zurück und schweigst?
Dann ist es Zeit, dass wir reden. Rückzug ist nämlich keine Lösung, zumindest nicht, wenn du wie wir in einer Welt leben möchtest, in der niemand aufgrund seiner Herkunft, seiner Kultur, seiner Religion, seines Aussehens oder seines Namens schlechter behandelt wird.
Das ist aktuell noch nicht der Fall. Deshalb müssen wir gemeinsam gegen Rassismus vorgehen. Wir, das sind People of Colour, also Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Als Aktivist:innen und Expert:innen setzen wir uns seit Jahren mit Rassismus auseinander. Seit 2020 vereint in Black Voices, dem ersten Antirassismusvolksbegehren Österreichs.
Gemeinsam mit Antirassismusexpert:innen aus der afrikanischen, asiatischen, jüdischen, muslimischen und Rom:nja-Community beschreiben wir anhand von 22 Alltagsfragen, wie sich Rassismus in Österreich und Deutschland äußert. Wie er sich hinter scheinbar harmlosen Fragen wie „Woher kommst du?“ versteckt, und was du dagegen tun kannst.
Wir haben dieses Buch mit einer Prise Humor geschrieben. Trotzdem wird manches für dich schwer verdaulich sein. Vielleicht ärgerst du dich an einigen Stellen oder bist traurig, weil es in unserer Welt leider noch viel zu tun gibt. Manchmal wirst du dir an den Kopf greifen, lachen oder Dinge hören, die dich verblüffen und dir die Augen öffnen. Am Ende gehst du gestärkt in den Kampf gegen Rassismus, lernst Bullshit-Taktiken von Rassist:innen zu durchschauen und bist ausgestattet mit Wissen und Tools, die dich davor schützen, selbst in die Rassismus-Falle zu tappen. Du wirst dich selbstsicherer fühlen, wenn du mit People of Colour über Rassismus sprichst und mit Sicherheit die eine oder andere Frage nicht mehr stellen.
Die Auseinandersetzung mit Rassismus erfordert Mut und Kraft. Wenn es dir zu viel wird oder du dich bei Abwehrstrategien ertappst, nimm dir eine Pause, bevor du weiterliest.
Bricht in deinem Kopf ein innerer Streit aus, versuchst du jedes Argument zu widerlegen, noch bevor du es zu Ende gelesen hast? Dann leg das Buch beiseite, bis du wieder gelassen zuhören kannst. Antirassismusarbeit beginnt mit Verstehen, nicht mit Abstreiten oder Besserwissen.
Manche Forderungen kommen dir vielleicht auf den ersten Blick überzogen vor, deshalb lehnst du sie sofort ab. Vertiefe dich stattdessen in das Thema. Vieles wirkt neu, weil die Perspektive von People of Colour immer ausgeblendet wurde.
Bist du überwältigt? Hast du das Gefühl, von dir wird zu viel verlangt? Weißt du nicht, wie du antirassistisch handeln kannst? Atme tief durch. Niemand von uns ist übermenschlich. Was zählt, ist, dass wir unser Bestes geben.
Rassistische Bezeichnungen möchten wir in diesem Buch nicht wiederholen. Deshalb zensurieren wir sie. Nicht nur rassistische Beschimpfungen, sondern auch viele andere Begriffe haben einen rassistischen oder kolonialistischen Ursprung. Wir setzen diese Begriffe deshalb kursiv.
Die Kursivschreibung verwenden wir auch für die Begriffe „Schwarz“ und „weiß“. Hierbei handelt es sich um politische Begriffe. Das S in „Schwarz“ wird großgeschrieben, weil es sich um eine Selbstbezeichnung handelt. Schwarze Menschen haben diese Bezeichnung für sich gewählt, um auszudrücken, dass sie von Rassismus betroffen sind.
Der Begriff „Schwarz“ referiert somit nicht auf die Hautfarbe (Schwarze Menschen haben braune Haut), genauso wenig wie der Begriff „weiß“. Dieser bezeichnet die privilegierte soziale Position, die Menschen im Kontext von Rassismus einnehmen, wenn sie keine Rassismuserfahrungen machen.
Auch heute werden Menschen anhand von rassistischen Merkmalen in Gruppen geteilt, mit Stereotypen belegt, abgewertet und schlechter behandelt. Dieser Prozess wird als Rassifizierung bezeichnet.
Im Laufe des Buches wirst du viele weitere Begriffe und Konzepte kennenlernen, die du für einen selbstsicheren Umgang mit dem Thema Rassismus brauchst. Also blättere um und mach dich gemeinsam mit uns auf den Weg!
MELANIE KANDLBAUER UND MINITTA KANDLBAUER
Im März 2021 verfolgen Millionen von Menschen gebannt das Interview von Prinz Harry und Meghan Markle. Schon im Vorfeld herrscht Aufregung, denn Oprah Winfrey verspricht im CBS-Teaser ein Gespräch ohne Tabus.1 Und so kommt es. Meghan Markle offenbarte der Welt: Während ihrer Schwangerschaft wurde ihr mitgeteilt, dass ihr Sohn, entgegen der Konvention, keinen Prinzentitel erhalten soll. Außerdem sorgten sich Mitglieder der königlichen Familie darüber, wie dunkel die Hautfarbe ihres Sohnes sein würde.2
Schlagzeilen folgen. Die britischen Medien sind schockiert, weil Harry und Meghan von Rassismus sprechen. Der Moderator Piers Morgan zeigt sich in der Sendung „Good Morning Britain“ empört. Seiner Ansicht nach werden die Royals in den Schmutz gezogen, als White Supremacists dargestellt, und das, während Prinz Philip im Krankenhaus liegt.3 Expert:innen zerlegen in Sondersendungen Meghan Markles Körpersprache und analysieren, warum sie eine Lügnerin, kein Opfer sei. Entgegen Harrys und Meghans Einschätzung glauben viele: Rassismus und das Königshaus, das passt nicht zusammen.
Wenn wir uns rassistische Personen vorstellen, dann denken wir an ungebildete, gewaltbereite und böse Menschen, nicht an eine glückliche Familie mit süßen Kindern, die uns auf einem Charity-Event aus dem Fernseher entgegenwinkt. Wir denken an Skinheads, die auf der Straße auf unschuldige People of Colour losgehen. Die Royals erscheinen vielen zu nett, zu weltoffen und zu gebildet, um rassistisch zu sein! Rassist:innen haben doch böse Absichten und tun moralisch verwerfliche Dinge. Die Royals dagegen haben Meghan Markle liebevoll aufgenommen. Wären sie rassistisch, wäre diese Hochzeit wohl niemals zustande gekommen!
Wie schlimm es in unserer Vorstellung ist, ein:e Rassist:in zu sein, zeigt uns auch Herbert Kickl. Selbst der österreichische FPÖ-Politiker, der mit Slogans wie „Daham statt Islam“4 und „Mehr Mut für unser Wiener Blut – zu viel Fremdes tut niemandem gut“5 bekannt geworden ist, möchte nicht als rassistisch abgestempelt werden.6 Damit ist er nicht allein, auch andere rechtspopulistische und rechtsextreme Gruppierungen wie die AfD oder die Identitären behaupten immer wieder, dass ihre rassistischen, antisemitischen und ausländerfeindlichen Äußerungen und Anspielungen nichts mit Rassismus zu tun haben.
Denn selbst Politiker:innen wie Herbert Kickl oder Alice Weidel wissen, dass man in Österreich und Deutschland auf GAR KEINEN FALL zugeben darf, Rassist:in zu sein. Das wäre ein vernichtendes Urteil und würde sofort bestätigen: Du bist ein böser Mensch.
Kein Wunder also, dass der Rassismusvorwurf von Prinz Harry und Meghan Markle in vielen eine emotionale Reaktion hervorruft. Denn wenn schon Aussagen der Royals als rassistisch bewertet werden, heißt das dann nicht, dass wir alle rassistisch sind? Heißt das nicht, dass DU rassistisch bist? Spürst du den Widerstand? Die angespannten Fasern in deinem Körper, wie deine innere Stimme schreit: „Ich will nicht als rassistisch gelten! Ich bin ein guter Mensch, kein Neonazi. Was hat Rassismus mit mir zu tun?“
Wenn andere dich moralisch verurteilen, schrillen deine Alarmglocken. Das ist eine normale Reaktion. Schließlich steht viel auf dem Spiel: dein Selbstbild, dein Weltbild und dein Ruf. Wenn andere infrage stellen, dass du ein guter Mensch bist, fühlst du dich gekränkt, missverstanden, angegriffen oder verletzt. Du bist traurig oder wütend, und du hast das Gefühl, dein wahres Ich wird nicht mehr gesehen. Wenn andere dich rassistisch nennen, willst du dir diese Ungerechtigkeit nicht gefallen lassen. Lieber springst du in Abwehrhaltung und konterst: „Das war doch nicht bös gemeint!“, „Musst du so empfindlich reagieren?“, „Übertreib doch nicht!“ Du bist so damit beschäftigt, dich zu verteidigen, dass dir keine Zeit bleibt hinzuhören und zu erkennen: Warte mal. Das ist ein Fehlalarm. Mein Gegenüber hat mir bloß vermittelt: „Das war rassistisch“, nicht: „Ich halte dich für einen bösen Menschen“. Unser Denken über Rassismus ist so stark mit moralischen Bewertungen verbunden, dass es uns im Kampf gegen Rassismus nicht weiterbringt. Statt über Rassismus und koloniale Kontinuitäten in unserer Gesellschaft zu diskutieren, wurde Meghan Markles Interview zu einer gesellschaftlichen Gerichtsverhandlung, darüber, wer in der Geschichte die Guten und die Bösen sind.
Wir sagen: STOPP! Wir müssen aufhören, Rassismus mit Böse-Sein gleichzusetzen. Die Welt ist nicht geteilt in die Guten und die Rassist:innen. Rassismus ist nicht angeboren, aber wir alle sind mit rassistischem Gedankengut aufgewachsen. Klar, manche verinnerlichen es mehr als andere, aber niemand ist immun dagegen. Auch eine weiße Mutter, die ihr Schwarzes Kind liebt, kann rassistisch sein. Auch wenn deine Freundin einen Hijab trägt, kannst du antimuslimische Bilder im Kopf haben. Und um mit dem größten Mythos zu brechen: Du kannst links sein, auf Menschenrechtsdemos gehen und trotzdem rassistisch denken.
Und warum? Weil Rassismus ein System und eine Ideologie ist, die uns alle beeinflussen. Wenn wir das verstehen wollen, müssen wir uns die Funktion und Geschichte des Rassismus anschauen und erkennen, wie Rassismus und Kolonialismus zusammenhängen.
Wusstest du, dass fast alle Länder außerhalb Europas zu einem gewissen Zeitpunkt der Geschichte von einer europäischen Macht kolonialisiert wurden? Die Kolonialverbrechen verlangten nach einer Rechtfertigung. Eine vermeintliche Legitimierung für die Schlechterbehandlung und Unterdrückung lieferten westliche Philosophen und Wissenschaftler. Am Anfang stand die Idee, dass Menschen ähnlich wie Tiere und Pflanzen aufgrund vermeintlicher biologischer und kultureller Merkmale in klar voneinander abgrenzbare Gruppen eingeordnet werden können: in sogenannte Menschenrassen.
Eine Einteilung allein begründet aber keine schlechtere Behandlung. Ich kann Menschen auch in die Grünäugigen und die Blauäugigen teilen. Daraus folgt aber nicht, dass die Grünäugigen die Blauäugigen unterdrücken dürfen.
Wissenschaftler, Gelehrte und Philosophen wie Arthur de Gobineau, David Hume, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Immanuel Kant gingen also noch einen Schritt weiter und ordneten jeder Rasse bestimmte Eigenschaften zu. Da saßen sie vor ihrem Schreibtisch mit der Feder in der Hand und schrieben: Die Schwarzen, die sind so und so. Die Asiaten sind dies und das, und wir Weißen sind die Besten. So behauptete Kant etwa: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen.“7 Mit den zugeschriebenen Eigenschaften wie „intelligent“, „schön“, „zivilisiert“, „barbarisch“, „primitiv“ oder „unmündig“ war eine Auf- und Abwertung verbunden. Eine Hierarchie, an deren Spitze der weiße Mensch (Mann) gesetzt wurde.
Gestützt wurde die Vorstellung, dass weiße Menschen allen anderen überlegen sind, durch pseudowissenschaftliche Erkenntnisse. So leiteten etwa Naturwissenschaftler aus der Vermessung von Schädeln ab, dass Menschen rassifiziert werden können und weiße Menschen People of Colour überlegen sind.
Durchsetzen konnten sich diese rassistischen Theorien nur, weil europäische Herrschende sie weltweit in die Praxis umsetzten. Erst wenn rassistische Vorstellungen in Gesetze gegossen werden und sich in gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen in unserer Kultur und Sprache, in unserem Verhalten und Denken niederschlagen, können sie ihre volle Wirkungskraft entfalten.
Heute ist wissenschaftlich bewiesen: Rassen gibt es nicht. Rassismus aber schon. Menschen werden immer noch aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Religion oder Kultur rassifiziert. Im deutschsprachigen Raum und global betrachtet wird diese Einteilung noch immer von weißen Menschen durchgesetzt. Noch immer haben Länder des Globalen Nordens die meiste Macht. Rassismus ist ein System und eine Ideologie, die von weißen Menschen für weiße Menschen erfunden wurden, um ihnen mehr Macht, mehr Freiheiten, mehr Vorteile und Chancen, kurz: mehr Privilegien als People of Colour zuzusichern. Dafür haben sie Gesetze, Strukturen und Institutionen etabliert.
Auch in Österreich, Deutschland und der Schweiz bestimmen weiße Menschen die Politik, die Wirtschaft, die Medien und die Wissenschaft. Auch bei uns werden Schulbücher und Lernmaterialien fast ausschließlich von weißen Menschen geschrieben, und so lernst du: Afrika, das ist der Kontinent der Armut, der Korruption, der Pandemien und Naturkatastrophen. Oder hast du in deinen Geobüchern etwa Bilder von den Hochhäusern in Addis Abeba, Nairobi oder Kigali entdeckt?
Steht in deinen Geschichtsbüchern, dass wir Teile von Platons und Aristoteles’ Werken heute nur genießen können, weil muslimische Gelehrte die Texte aufbewahrt und übersetzt haben? Oder wurde dir die europäische Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart ohne den Verweis auf die Errungenschaften und Leistungen von Ländern des Globalen Südens erzählt? Zähl mal an den Fingern ab, wie viele Bücher du in der Schule gelesen hast, die nicht aus den USA, Österreich, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien oder Griechenland stammen oder von einer Person of Colour geschrieben wurden?
Nicht nur die Schule, sondern auch Filme und Serien vermitteln uns einseitige Menschenbilder und rassistische Vorstellungen. James Bond kämpft gegen Terroristen mit afrikanischem Hintergrund. Überleg mal: Wann hast du zum letzten Mal einen Film gesehen, in dem ein muslimischer Mann den Helden, nicht den Bösewicht gespielt hat?
Kein Wunder, dass dein Herz schneller klopft, wenn ein bärtiger, brauner Mann mit Rucksack zu dir in den Bus steigt. Das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung. Auch wenn uns Vorurteile, Stereotypen und rassistisches Wissen bereits in der Schule vermittelt werden, können wir uns dagegen wehren.
Wir sind alle in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Weißsein die Norm und das Ideal darstellt. Wir haben gelernt, dass People of Colour „die Anderen“, „die Markierten“ sind. Wir haben mit weißen Puppen gespielt und die Geschichten von weißen Held:innen wie Pippi Langstrumpf gelesen. Uns ist vielleicht nicht mal aufgefallen, dass People of Colour in Filmen meist die Nebenrolle spielen oder gar nicht vorkommen. Wir sind es gewohnt, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft in der Politik, den Medien und der Wissenschaft nicht repräsentiert wird und People of Colour dort kaum zu Wort kommen.
Rassismus besteht fort, solange wir ihn nicht sehen und dagegen ankämpfen. Wenn du also nächstes Mal mit dem Vorwurf „Das war rassistisch“ konfrontiert bist, stell die Alarmglocken ab und hör genau hin. Du weißt nun: Du bist kein schlechter Mensch, sondern ein Mensch, der mit einem rassistischen System konfrontiert ist und deshalb nicht davor gefeit ist, selbst rassistisch zu agieren. Du musst also nicht dein moralisches Selbstbild verteidigen, du kannst dich einfach entschuldigen. Wenn du einer Person unabsichtlich auf den Fuß trittst, sagst du schließlich auch: „Das tut mir leid. Ich wollte dich nicht verletzen“, nicht: „Komm, hör auf, verletzt zu sein! Das war keine Absicht!“
Rassismus beeinflusst dein Verhalten, dein Denken, dein Fühlen und dein Handeln. Das hat Rassismus mit dir zu tun. Du bist nicht böse, aber du bist Teil dieses Systems. Du hältst es unbewusst oder bewusst am Laufen, bis du dich entscheidest, genau hinzuschauen und Rassismus zu verlernen. Indem du dieses Buch in die Hand genommen hast, hast du bereits einen Schritt gesetzt. Du bist auf dem besten Weg, keine scheinbar harmlosen Fragen mehr zu stellen, die verletzen, weil sie einen rassistischen Ursprung oder rassistische Folgen haben.
Was bedeutet Allyship für mich?
Im Jahr 2019, als Rassismus in den Mainstream-Medien mehr Raum bekommen hat, begann ich mich stärker mit dem Thema auseinanderzusetzen. Erst damals verstand ich, dass es in unserer Gesellschaft ein Paralleluniversum gibt und nicht alle Regeln für alle Menschen gleichermaßen zutreffen. Uns wurde immer gesagt, man könne alles werden, wenn man nur hart genug arbeite, die eigenen Träume verfolge und sich nicht vom Weg abbringen lasse.
Mitnichten! Die Ausgangssituation ist für People of Colour ganz anders: Während zwar auf dem Papier alle den gleichen Zugang zum Arbeits- und Wohnungsmarkt, zu Sozial- und Gesundheitsleistungen sowie allen anderen Bereichen des Lebens haben, ist die Realität für People of Colour aufgrund ihrer Hautfarbe de facto meist eine andere.
Daraus ergibt sich schlagartig eine Verpflichtung, Ally zu sein und so lange darüber zu sprechen, bis die Gleichberechtigung aller Menschen eine Selbstverständlichkeit ist. Bis dahin muss man sich fortbilden, lesen, lernen, zuhören!
Allyship soll und muss auch bedeuten, dass sich Gruppen von Menschen, die nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Mehrheitsgesellschaft stehen, gemeinsam starkmachen. Gemeinsam, weil ihre Stimmen so mehr Gewicht bekommen, um lautstark darauf hinzuweisen, dass es keine „Randgruppen“ gibt – wir sind alle gleichwertig! Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass wir uns nicht klein fühlen. Und gleichermaßen für unsere Rechte einstehen, denn am Ende sind es Menschenrechte, und wir müssen nicht selbst betroffen sein, um für die Gleichbehandlung von Mitmenschen einzustehen.
TOM NEUWIRTH
A.K.A. CONCHITA WURST
KÜNSTLER UND AKTIVIST
