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Sind wir, was wir gelesen haben? Schärft Lesen die Wahrnehmung? Den Gemeinsinn? Was geschieht im Gehirn, wenn wir lesen? Gibt es ein illegitimes Lesen? Ein ekstatisches? Liest man alt anders als jung? Wie las man im Sozialismus? Was liest man im Krieg? Was bedeutet Lesen in unserer heutigen Abstiegsgesellschaft? Macht Nicht-Lesen am Ende glücklicher?
Dies ist ein Lesebuch und ein Buch über das Lesen, eine Anthologie, die das welt- und selbsterschließende Abenteuer des Lesens beschreibt, seziert und feiert. Ausgehend von ihren literarischen oder wissenschaftlichen Arbeiten nehmen sich 24 Autorinnen und Autoren die Freiheit, das Thema auf ihre Weise zu behandeln: in Gestalt einer Theorie, einer Erzählung, einer Kindheitserinnerung oder als Streifzug durch die eigene Bücher- und Lesegeschichte.
Mit Originalbeiträgen von:
Marcel Beyer, Rachel Cusk, Annie Ernaux, Jürgen Habermas, Michael Hagner, Eva Illouz, Hans Joas, Dževad Karahasan, Esther Kinsky, Thomas Köck, Sibylle Lewitscharoff, Enis Maci, Nicolas Mahler, Friederike Mayröcker, Oliver Nachtwey, Katja Petrowskaja, Andreas Reckwitz, Hartmut Rosa, Clemens J. Setz, Wolf Singer, Maria Stepanova, John Jeremiah Sullivan, Alejandro Zambra, Serhij Zhadan
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Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2020
Warum Lesen Mindestens 24 Gründe
Herausgegeben und mit einer Nachbemerkung von Katharina Raabe und Frank Wegner
Suhrkamp Verlag
Warum Lesen
Mindestens 24 Gründe
Für Raimund Fellinger
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
Clemens J. Setz
:
Der Fall des Henry Bemis
Katja Petrowskaja
:
Tausendundein Buch
Andreas Reckwitz
:
Kleine Genealogie des Lesens als kulturelle Praxis
Friederike Mayröcker
:
kannst du mir die Welt erklären?
Marcel Beyer
:
Lesen im Kaninchenbau
Eva Illouz
:
Dreimal Lesen
Annie Ernaux
:
Trennen, Verbinden
Rachel Cusk
:
Annie Ernaux lesen
Jürgen Habermas
:
Warum nicht lesen?
Nicolas Mahler
:
Warum Comics lesen?
Thomas Köck
:
Autonomie und Unsinn
Wolf Singer
:
Immaterielle Realitäten
Sprache und mentale Konstrukte
Sprechen und Zuhören
Schreiben und Lesen
Lesen und kognitive Funktionen
Die Freiheit der Leser
Lesekultur und Digitalisierung
Leseglück
Esther Kinsky
:
The Lie of the Land
Fluss
Bitterspat
Pfad
Ganggestein
Ränder
Kohle
Feld
Scherbenschliff
Clapat
Konglomerat
Verlagerung
Handholz
Wüste
Schriftstein
Grenze
Malachit
The Lie of the Land
Serhij Zhadan
:
Die guten schlechten Bücher
1
2
3
4
5
Hartmut Rosa
:
Vom Wunder narrativer Resonanz
Dževad Karahasan
:
Stille Ekstase
Alejandro Zambra
:
Fragen eines lesenden Vaters
Maria Stepanova
:
In einer fremden Haut
Michael Hagner
:
Lionel, der Leser
Sibylle Lewitscharoff
:
Das wild schlagende Leseherz
Hans Joas
:
Bitte um Auskunft
John Jeremiah Sullivan
:
Im Kiefernwald
Oliver Nachtwey
:
Lesen in der regressiven Moderne
I.
II.
III.
Enis Maci
:
EXIT DOES NOT EXIST
Katharina Raabe & Frank Wegner
:
Einladung ins Freie
Biographien
Nachweise
Anmerkungen
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
SV
Bibliothek Suhrkamp
01
Clemens J. Setz
Bekanntlich kam nach The Twilight Zone (1959 bis 1964) kein vernünftiges Fernsehen mehr. Eine der besten und bekanntesten Folgen nennt sich Time Enough at Last und handelt von dem kauzigen Bankangestellten Henry Bemis. Henry liebt Bücher. Den ganzen Tag sitzt er da, mit der Nase in einem Buch, glücklich und aufgehoben in den Fiktionen. Seine Frau hasst ihn dafür. Sie übermalt in einem Buch die Zeilen seiner liebsten Gedichte mit schwarzer Tinte. Auch sein Chef in der Bank sieht es nicht gern, wenn Henry während der Mittagspause in einem Buch blättert. Also schließt sich Henry eines Mittags im Tresorraum ein, um endlich ungestört in David Copperfield lesen zu können. Als er wieder herauskommt, muss er feststellen, dass die ganze Welt von einer Bombe zerstört worden ist. Mehrere Tage lang irrt er durch die Straßen, ruft nach Überlebenden, doch er findet nur Ruinen und Abfall. Das ist kein Leben mehr. Henry beschließt, sich umzubringen.
Gerade als er sich den Revolver an die Schläfe setzt, entdeckt er in der Ferne die umgestürzte Eingangssäule der Public Library. Er eilt hin – und tatsächlich, überall liegen Bücher verstreut: Dickens, Shelley, Keats, es sind alle da! Alle Bücher dieser Welt! Er wird sie lesen, er wird sie alle lesen! Jetzt, da die ganze Menschheit bei der Explosion getötet worden ist, hat er endlich genug Zeit! Auf den Stufen der Bibliothek liegt ein Buch im Staub. Der Zuschauer kann nicht erkennen, welches es ist, denn nichts steht auf dem Umschlag. Henry bückt sich nach dem Buch. Und da, ach, fällt ihm natürlich seine Brille vom Gesicht und die Gläser zerbrechen. Er kann nichts mehr erkennen, nichts mehr lesen. Er ist verloren.
Frechheit. Einfach so eine Figur zu erfinden und sie dann so zu bestrafen. Aber gut, es ist eine Parabel, da ist das fast immer so. Henry Bemis sollte vor den Gefahren der Abkapselung warnen. Und vielleicht auch davor, den eigenen geheimsten und innigsten Wunsch wirklich erfüllt sehen zu wollen. Der Fehler dieses Schutzpatrons aller Lesebesessenen, so könnte man denken, ist nicht das Missgeschick mit der zerbrochenen Brille, sondern das Sich-Einsperren im Tresorraum. Er hätte mit seinen Mitmenschen sterben sollen.
Aber auch das erscheint unfair. Was will uns dieses Gleichnis nun eigentlich mitteilen? Es geht vielleicht um die Technologie und deren zweifelhafte Überlebensfähigkeit im Angesicht vorhersehbarer Katastrophen. Wir alle werden zu Henry Bemis, wenn unsere Bücher und Schriften nur noch in der Cloud existieren. Ein koronaler Massenauswurf der Sonne, so wie etwa das Carrington-Ereignis 1859, als die meisten damals gerade frisch in den USA installierten Telegraphenstationen in Flammen aufgingen, würde genügen – alle neueren Bücher und Schriften wären sozusagen über Nacht unerreichbar geworden, ein Mythos, eine rasch verblassende Erinnerung.
Aber meine eigenen Deutungen dieser Folge, die ich viele Male im Leben gesehen habe, gehen inzwischen noch in eine andere, etwas spekulativere Richtung. Ich denke nämlich gern über das Buch nach, das Henry im letzten Augenblick, bevor ihm die Brille herunterfällt, von der Treppenstufe der verwüsteten Public Library aufheben will. Welches Buch ist es?
Es ist seltsam, aber manchmal denke ich: Ja, das war genau das Buch, vor dem man ihn bewahren musste. Die Götter mussten eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern. Denn ich stelle mir vor, dass es natürlich gerade seine eigene Geschichte ist, die in diesem Buch beschrieben steht. Die gesammelten Skripts von Twilight Zone oder so, mit ihm an prominenter Stelle. Aber genau in dem Moment fällt die Brille runter. Und der arme Henry Bemis ist gerettet.
Wir alle stehen in irgendeinem Buch. Ich zum Beispiel stehe ganz am Anfang von Gertrude Steins The Making of Americans: »Once an angry man dragged his father along the ground through his own orchard. ›Stop!‹ cried the groaning old man at last, ›Stop! I did not drag my father beyond this tree.‹« Auch Louie, die Tochter der Familie Pollit in Christina Steads genialem Roman (mit dem etwas misstönenden und völlig falsche Befürchtungen aufspannenden Titel) The Man who Loved Children bin ich. Außerdem der Luftballon in Alfred Polgars gleichnamiger Skizze. Und in The Other Celia von Theodore Sturgeon bin ich sogar beide Hauptfiguren, Slim und Celia, der spannerhaft herumstöbernde Kind-Mann und die genügsame, aus einer Art Ektoplasma bestehende Außerirdische, eine seltene Konstellation. Der Schulterreiter in Günter Eichs Erzählung Nathanael bin ich ebenfalls, aber nur in gewissen Momenten. Dagegen komme ich in Franz Kafkas Erzählungen und Romanen, in den Werken von Bachmann und Frisch, von Goetz und Bernhard und Werner Schwab kein einziges Mal vor. Es erstaunt mich selbst. Ebenso wenig bei den Giganten: bei Tolstoi und Márquez und Edna O’Brien, bei Thomas Mann, Peter Handke und Joyce Carol Oates, bei Isaac Bashevis Singer und Brigitte Kronauer – nichts. Auch nirgends bei Arno Schmidt, bei Kenzaburo Oe, bei Christa Reinig. Nicht einmal eine kleine Statistenrolle in Axolotl von Julio Cortázar habe ich, man kann gern nachsehen.
Was wäre aus Henry Bemis geworden, wenn er als letzter Mensch auf der Erde einfach immer weiter gelesen hätte? Nach und nach hätte er, glaube ich, da es ja keine Anderen mehr gäbe und er also die gesamte Menschheit im Alleingang vertreten müsste, sich in ausnahmslos allen Werken wiedergefunden, in endlosen Variationen gespiegelt bis in die geringste Nebenfigur hinein. Die Weltseele hätte sich in ihm zusammengeballt und haarklein ausdifferenziert wie die Farbe Braun im fetten Feldhasen von Albrecht Dürer.
Am Ende sollte man Bücher vielleicht nur lesen, solange man noch Menschen um sich hat. Denn Menschen, egal wie lose sie mit uns verbunden sind, besänftigen die Fiktionen. Deren Macht bleibt aushaltbar und ihre Kenntnis unserer Seelen eine Wohltat. Aber ohne Menschheit? Da werden die Fiktionen monströs. Da wissen sie plötzlich zu viel über dich, über mich. Da ballen sie uns zu etwas zusammen, was nur noch Ausdehnung und keinen Inhalt mehr besitzt. Da werden sie Gott.
Drum wirf, liebe Leserin, solltest du je in eine ähnlich verlockende Falle geraten, die Brille besser fort. Es gibt noch anderes zu tun, jenseits der Menschen.
02
Katja Petrowskaja
Das Buch duftete nach frischer Druckerschwärze, war angenehm zu halten und hatte etwas »Domestiziertes« an sich: Der blaue Vogel von Maurice Maeterlinck, illustriert mit zarten Aquarellen von Walerij Traugot. Die waren so »leicht«. Wenn ich das Buch aufschlug, staunte ich jedes Mal, dass sie immer noch da waren und sich nicht mit einem Hauch verflüchtigt hatten. Es wurde zu einem meiner Lieblingsbücher, als ich sieben oder acht Jahre alt war und noch nicht ahnen konnte, dass ich ein symbolistisches Drama las. Das Buch bestätigte etwas, was ich längst wusste und was jedes Kind weiß: dass alle Gegenstände eine Seele haben – aber nur nachts. Brot und Wasser, Milch und Feuer, sogar Uhren haben eine Seele und können sprechen. Seit ich dieses Buch gelesen hatte, glaubte ich, dass alles, was in Büchern steht, wirklich existiert – eine paradoxe Schlussfolgerung aus diesem symbolistischen Erbe.
Zwei Kinder, Mytyl und Tyltyl, suchen nach einem blauen Vogel, der Glück bringen soll und Heilung für ihre kranke Nachbarin. Sie gelangen in den Palast der Zukunft und sehen dort ungeborene Kinder, die auf ihre Geburt warten; zwei sind ineinander verliebt und müssen bald getrennt werden, da das eine erst Jahrzehnte später als das andere geboren werden soll. Dieses Nicht-Treffen, dieses Nicht-Wiedersehen hat mich damals erschüttert; vielleicht war es eine Vorahnung dessen, was sich einmal als Unvereinbarkeit der Liebe mit Raum und Zeit erweisen würde. Hier begriff ich auch zum ersten Mal, dass es ein Wunder war, zu den eigenen Eltern gelangt und in seiner eigenen Familie geboren zu sein.
Am Ende des Stückes finden Mytyl und Tyltyl ein Vöglein zu Hause, es ist blau genug, um die Nachbarin zu heilen. Aber es fliegt davon, und die beiden wenden sich ans Publikum und bitten um Hilfe beim Fangen, denn dieser Vogel soll ja Glück bringen. Ich war noch viele Jahre lang davon überzeugt, dass ich verpflichtet bin, nach Vögeln zu suchen, die in anderen Büchern leben und Glück bringen können. Sie flogen von einem Text in den anderen, von Jacques Prévert zu Alexander Puschkin, der einem Vögelchen die Freiheit schenkt, und weiter zum Vogelfänger von Eduard Bagrizkij. Ich war von Vögeln besessen. Am Ende meiner Kindheit habe ich ihn gefunden: einen blau-schwarzen Vogel, in unserem Hof auf dem Dach eines Transformator-Häuschens. Er war schwer krank. Meine beiden Freundinnen und ich pflegten ihn, aus reinem Mitleid, und auch ich bekam eine rätselhafte Krankheit.
So fiel ich monatelang aus dem Leben – aus der »6-Tage-Schulwoche« und ihrem strikten Zeitkorsett. Ich lag im Krankenhaus. Ob es der blaue Vogel war, wussten auch die Ärzte nicht. Viele Bekannte kamen zu Besuch, verdächtig viele. Ich glaube, sie dachten, ich müsste sterben. Ich nahm einen großen Stapel Bücher mit ins Krankenhaus und las. Und nicht nur die Bücher sind mir in Erinnerung geblieben, sondern auch diese Ungestörtheit, diese epische Kontinuität des Lesens. Ich hatte eine merkwürdige Mischung von Büchern ausgewählt: sowjetische Kinderklassik, amerikanische Science-Fiction (war schon Clifford Simak dabei?). Ich erinnere mich, wie ich die »Geschichte von dem Gespensterschiff« von Wilhelm Hauff las, das Buch lag auf dem Bett und ich stand auf den Knien, von Angst gefesselt. Dadurch, dass die Toten-Geister lebendig wurden, habe ich plötzlich die Realität des Todes erfasst. Erst heute wird mir klar, dass Hauff mich stärker erschütterte als der Tod meiner Großmutter einige Jahre zuvor oder eher: ihren Tod habe ich erst in jenem Moment wahrgenommen. Ein erschreckender Befund. Vielleicht habe ich durch das Lesen auch verstanden, dass ich selbst in Gefahr war. Vor vielen Jahren stieß ich in Stuttgart zufällig auf das Grab von Wilhelm Hauff, und vielleicht bin ich in diesem Jahrhundert die Einzige, die frische Tränen über ihm vergossen hat, in Dankbarkeit für das Mutabor, den Kleinen Muck und das Gespensterschiff.
Das Hauptbuch dieser Krankheit aber war gelb und hatte schwarze orientalische Verzierungen: Tausendundeine Nacht. Obwohl es eine Ausgabe für Kinder war, erinnere ich mich an explizit erotische Szenen, die ich kaum verstand; aber ich erkannte, wie verschachtelt die Erzählungen waren, wie schwindelerregend, dass die Menschen aus der einen Geschichte in der anderen auftauchten, als hätten sie mehrere Leben. Mir scheint, damals ist etwas passiert: Als hätte ich lesend einen anderen Lebensraum betreten. Der Tod flackerte am Rande des Erzählens, blieb an der Schwelle, traute sich nicht hereinzukommen, solange Scheherazade von Karawanen und dem bösen Wesir, von den Liebenden, den Dschinnen und dem Kreislauf der Gnade erzählte. Ob das bereits eine metaphysische Erfahrung war, ein Austritt aus der Realität, die endlose Entfaltung der Welten, worüber ich viel später bei Julio Cortázar las und was ich in den Bibliothekslabyrinthen von Jorge Luis Borges fand?
Lange Zeit las ich nur Märchen, Märchen aus der ganzen Welt, mein Vater hatte Kinderliteratur gesammelt: armenische, kirgisische, ukrainische, tschuktschische, afrikanische mit all diesen schlauen bösen Tieren, afghanische, kurdische, italienische und natürlich die skandinavischen. Die Welt war bunt, aber die konkrete Geographie so unerreichbar wie meine Träume. Die indischen Märchen endeten mit der Wendung »und er ging in den Wald, um sich selbst zu begreifen«. Wo dieser Wald lag, konnte mir niemand sagen. Trotz der Unzugänglichkeit der realen Orte waren diese Welten nah, nicht fremd, in meiner Hand und meiner Sprache. Viele Märchen fingen damit an, dass die kleine Welt nicht in Ordnung war, dass irgendetwas fehlte oder erworben werden musste, und man ging auf die Suche, in die große weite Welt hinaus, um später zurückzukehren. Oft fand man das, was man gesucht hatte, bei sich zu Hause, und manchmal kam man zu spät zurück wie Peer Gynt.
Meine Märchenwelt war auch draußen, in dem riesigen Hof zwischen den sowjetischen Plattenbauten meiner Kindheit. Klettern, Schaukeln, Verstecken, Ballspielen, Gummitwist, wann immer Schule und Eltern es zuließen. Doch plötzlich konnte ich keinen Ball mehr fangen, er verschwand Richtung Mond, und auch die Erde war nicht mehr stabil: Myopie, Kurzsichtigkeit. Der anfangs nur leichte Sehverlust hat mich mit einer kräftigen Flutwelle aus dem Hof nach Hause ins Bibliothekszimmer gespült. Ich habe zuerst gar nicht verstanden, dass ich – wie alle in meiner Familie auch – kurzsichtig wurde. Doch dann dachte ich, das gehöre wohl zum Erwachsenwerden dazu. Allmählich trat die Welt da draußen zurück, wurde vage und nebelig. Vielleicht war es »ehrlich«, die Sehkraft zu verlieren, denn die äußere Welt war trügerisch und unzuverlässig, so schien es mir, mit ihren großen Buchstaben der Parteislogans und den Lügen der Lehrer, vor denen man sich nicht verstecken konnte. Die Myopie war mein Tribut.
So strandete ich in unserer »Bibliothek«, unserem Familienlandsitz im siebten Stock. Wir waren umringt von Büchern, sie standen überall, in der gesamten Wohnung, sie schützten die Wände und sie schützten uns, sie wurden zu unserem Harnisch. Nur ihnen konnte ich vertrauen. Ich sah sie und sie sahen mich. Sie waren greifbar, ich wurde von ihnen ergriffen. Kurzsichtigkeit heißt auf Russisch »Nah-Händigkeit«. Man musste nur die Hand ausstrecken, um die Bücher zu streicheln, zu domestizieren, handzahm zu machen. Körperlich, taktil, wechselseitig.
Als ich dreizehn war und schon Kabale und Liebe von Schiller im Herzen trug und Puschkins Eugen Onegin auch, wurde ich in einem dunklen Hinterhof im Zentrum Kiews von zwei Jungs abgefangen. Sie drückten mich an die Wand und fragten schweratmend: »Na, hast du schon Achmatowa gelesen?« So etwas hatte nicht in meinen Büchern gestanden. Mir war sofort klar, dass sie nicht eine Zeile von Achmatowa gelesen hatten. Zumindest damals hatten Bücher noch einen unmittelbaren Einfluss auf die Menschen, und wer Achmatowa las, konnte kein Mädchen überfallen. Die Jungs hatten die verfemten Werke in meiner Gestik erahnt, vielleicht haben sie etwas an mir erkannt auf der Suche nach neuer Lektüre.
Damals ging alles, was man las, ohne Umwege ins Blut. Die Formel der Liebe, der Ehrenkodex, die Vorstellung von Freundschaft und Bruderschaft – alles entstand aus Büchernahrung. Die Realität selbst war zweitrangig, da man sie sowieso nicht verändern konnte. Das Lesen formte die DNA und machte aus uns eine komplett ausgedachte Spezies, die nicht aus Biographien bestand, sondern aus gelesenen Büchern.
Ich war davon überzeugt, es läge in meiner Macht, über meinen Charakter und mein Schicksal selbst zu entscheiden: Werde ich zu einer empfindlichen Mimose wie bei Tschechow oder zu einem Helden von Jack London, zu einer starken Frau wie bei Turgenjew, die sich mit schwächeren Männern umgibt, oder zu einem Schurken bei Stendhal? Die ganze Literatur wurde für mich und viele andere Leser um mich herum zum Bildungsroman, zu einer Farbpalette, und ich kann nur darüber staunen, welche Hybridwesen daraus entstanden sind.
Erst viel später, im Literaturwissenschaftsstudium, habe ich gelernt, wie durch französische Romane, Schillers Dramen oder Werke von Rousseau Empfindungsweisen und Haltungen geformt wurden. Diese altmodische Beziehung, die das Gelesene mit der eigenen Seele einging, schien in meiner Kindheit noch unmittelbar zu wirken. Als ich siebzehn war, hat mich eine Freundin dazu gedrängt, Nietzsche zu lesen, »sofort, sonst wird es zu spät!« Mein Körper sei dabei, fertig zu werden, meinte sie, und dann würde alles Gelesene zu Wissen, zur »Theorie« und nicht mehr zu Blut und Organik. Literatur ersetzte sogar die Herkunft, und wenn ich ernsthaft über Psychoanalyse oder Familienaufstellung nachdenke, dann wird Alice im Wunderland zu meiner Zwillingsschwester, Anna Karenina zu meiner Großmutter, Jeanne d’Arc zu meiner Mutter – wer aber ist dann mein Vater?
Die Menschen im Dunstkreis meiner Eltern bildeten in den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion eine große Lesergemeinschaft. Man wehrte sich gegen die ideologischen Lügen durch das Lesen, man bestimmte das eigene Leben und Verhalten durch Lektüre, man flüchtete auch in die Welt der Bücher. Der Mensch als Leser war wichtiger als seine Herkunft, sein Beruf oder sein Status. Das Lesen war das Territorium der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und es galt: ich lese, also bin ich. Auch dass ich den Glauben an das Buch heute idealisiere, spricht nicht nur für Nostalgie, sondern vor allem dafür, dass ich selbst dieses Territorium nie verlassen habe.
Die Bibliothek, in der ich aufgewachsen bin, hat mein Vater zusammengetragen. Ich erinnere mich, wie sich der Fokus über die Jahre wandelte, von einem Buch zum nächsten, von Regal zu Regal, von Zimmer zu Zimmer. Wie bei der Entwicklung einer Fotografie in einer Dunkelkammer: die Bücher waren immer da, aber sie traten in ihren Umrissen erst allmählich hervor.
Wir hatten einen Schrank nur mit Erstausgaben: Poesie des frühen 20. Jahrhunderts. In der sowjetischen Realität erschien mir das wie ein Zauberschrank. Auf anderen Bücherregalen stand die gesamte russische Klassik, und die fast komplette Sekundärliteratur zu Puschkin füllte zwei Zeiss-Schränke. Es gab eine Sammlung mit Werken über die Antike, es gab Tamisdat, russische Bücher, die im Ausland verlegt wurden, und die auf dünnem Papier nachgedruckten Ausgaben des Samisdat. Und schließlich die Bücher aus der Zeit vor der Oktoberrevolution und dem Ersten Weltkrieg. Die kamen mir vor wie Splitter aus einer alten Welt. Vor allem drei dieser Bücher sind mir in Erinnerung geblieben: drei »Wale«, die eine Verbindung mit der Vergangenheit bildeten.
Der erste »Wal« war eine gebundene Sammlung von Exemplaren der Zeitung Sewernaja ptschela, (»Die nördliche Biene«) von 1837. Dort fand ich einen Nachruf auf Puschkin, kurz und in kleiner Schrift gedruckt, als wäre sein Tod etwas ganz Unbedeutendes gewesen. Dabei war Puschkin für uns das Urbild der Dichter, ich konnte mich mit diesem längst vergangenen Ereignis – dem Tod des Dichters – nicht versöhnen. Seine Aktualität verwunderte mich – als hätte dieser Tod keine Verjährungsfrist.
Der zweite war eine sorgfältig gebundene Manuskriptkopie: Leo Tolstois Bekenntnis. Wegen dieses Textes war sein Autor von der Kirche exkommuniziert worden. Es handelt sich um eine verbotene Kopie in tadelloser kalligraphischer Handschrift, von einem Schreiber am Ende des 19. Jahrhunderts angefertigt. Diese Abschrift entstammte der spirituellen Praxis der Mönche, die die Heilige Schrift kopierten, wenn es sich in diesem Fall auch um apokryphe oder sogar häretische Texte handelte. Zugleich entsprach das Buch merkwürdigerweise auch bereits dem Samisdat unserer Zeiten.
Der dritte »Wal« war das Buch Italienische Bilder (1912–1913) von Pawel Muratow. Es war für mich die letzte Liebe aus der Bibliothek meiner Eltern, ein magisches Relikt aus alten Zeiten. Das Buch erzählte von dem Land, das Gogol »Heimat meiner Seele« nannte, es enthielt ein Kapitel über Carlo Gozzi und Reproduktionen von Pietro Longhi und Giotto. Wir hatten zwei Bände, von einem war der Einband abgerissen. Das war ungewöhnlich, weil mein Vater beschädigte Bücher immer restaurierte. Mir schien aber, dass dieser abgerissene Buchrücken ein historisches Zeugnis ablegen sollte.
Der Band trug einen Stempel vom »Kiewer Institut für Adelstöchter«. Dieses Institut war nach der Revolution aufgelöst worden, die Geheimdienste übernahmen das Gebäude, und in den zwanziger und dreißiger Jahren erschoss man dort Tausende Menschen. Jahre später wurde das Gebäude zum »Oktoberpalast für Kultur«, in dem ich als Kind fast zehn Jahre lang gesungen und getanzt habe. Das Buch mit dem Stempel fiel mir in die Hände, als ich gerade mit den Kursen aufhörte, als hätte mir die Bibliothek der Adelstöchter ein Abschiedsgeschenk gemacht, an allen Kriegen, Revolutionen und am Terror vorbei.
Seine Anwesenheit in unserer Wohnung hat die Optik meiner Welt stark verändert. Vielleicht war es das konkrete Gefühl der Berührung mit den dahingegangenen Menschen. Das Buch wurde von jungen Frauen gelesen, die nach Italien fuhren. Haben die Zerstörer des Instituts das Buch gelesen? Und sein nächster Leser, ist er erschossen worden? Welche Gewalt trägt die Geschichte dieses zauberhaften Buches in sich, das nun in meiner Bibliothek steht? Über das Gefühl der Verluste und tragischen historischen Brüche hinaus ist das Buch zum Sinnbild der Schönheit geworden, zu meinem persönlichen Fahrschein in die Welt der Ästhetik.
Ich habe meine Eltern und meine Bibliothek mit 16 Jahren verlassen, aber noch heute hat ein banaler Besuch zu Hause etwas Märchenhaftes, auch wenn ich nicht das nach Hause bringe, für dessen Suche ich von zu Hause aufgebrochen war.
Ja, wir waren belesen, aber die Generation meines Vaters, eine vom Lesen besessene Generation, ist dennoch für uns immer unerreichbar gewesen. Sie waren Wunderkinder des Lesens, schon früh verschlangen sie ganze Bibliotheken. Ob das am Krieg lag? An den sozialen Umständen? Daran, dass ihnen in den Nachkriegsjahren die Welt »verschlossen« blieb? Mein Vater und manche seiner Freunde stammten aus nicht-religiösen jüdischen Familien, oft aus sehr armen und nicht besonders gebildeten, die aber eine Art Bildungskult betrieben. Dieser Kult der Eltern ist zur Realität ihrer Kinder geworden. Ihr Lesen hatte etwas von der Natürlichkeit, mit der Tiere nach Nahrung suchen; zugleich war es von der Leidenschaft einer spirituellen Suche beseelt. Jahrhundertelang hatten Juden »das Buch«, studiert, die Thora, doch in den Zeiten nach der Revolution und der Verbannung der Religion verwandelte sich das Volk des Buches in ein Volk der Bücher, vieler Bücher. Eine Religiosität, die in ihrer ursprünglichen Form verschwand, lebte im Gefühl der Ehrfurcht weiter, setzte sich im Empfinden für die Einmaligkeit der Begegnung mit dem Buch fort, in einer seltsamen Dankbarkeit. Das Lesen wurde zum Kult.
Diese Welt als atheistisch zu beschreiben wäre gewagt. Man glaubte an das Wort, das Wort hatte übermenschliche Kräfte, die nicht nur unsere Seelen, sondern auch die Obrigkeiten beherrschten. Die Macht fürchtete Bücher, sie verbot und verbannte sie und mit ihnen die Autoren und oft auch ihre Leser, denn über die freien Leser hatte sie keine Kontrolle. In der späteren Sowjetzeit gab es zahlreiche Prozesse gegen Schriftsteller, Dichter oder Intellektuelle, die vom System als Bedrohung wahrgenommen wurden. So kam es, dass mein Vater, der kein aktiver Dissident war, für viele Jahre verurteilt wurde: dafür, dass er ein Leser war. Leser eines kleinen grünen Buches mit Gedichten eines in Ungnade gefallenen Schriftstellers. Als Leser und Bewahrer wurde er vom Staat als Gefahr wahrgenommen. Dafür wurde er zwar nicht wie einst Dostojewski zum Tode verurteilt. Es waren mildere Zeiten: er wurde nur mit dem sozialen Tod bestraft.
Mein Vater, 1932 in Kiew geboren, hat sich das Lesen selbst beigebracht, sehr früh, mit den Zeitungen, die mein Großvater las. Als er 1940 eingeschult wurde, hatte er bereits sämtliche Werke von Jules Verne, Washington Irving, Puschkin und Alexandre Dumas gelesen. Mein Großvater las selbst nicht viel, aber er kaufte Bücher, und damals gab es viele alte Bücher im freien Verkauf – man ahnt erst jetzt, in Folge welcher Katastrophen.
Bevor die Deutschen 1941 die Ukraine und Kiew überfallen hatten, wurden mein neunjähriger Vater und seine Familie evakuiert, nach Taschkent, dann nach Aschchabad und nach Barnaul. In jeder dieser Städte hat er sich noch als Kind und dann als Teenager in den Stadt- und Bezirksbibliotheken angemeldet und diese fast komplett »durchgelesen«. Und dabei hat er sich nicht nur die gesamte Weltliteratur erlesen. Eines Tages stößt er auf ein Buch, das sein ganzes Leben verändern wird. Warum gerade dieses, bleibt rätselhaft. In Barnaul, Tausende Kilometer von Kiew entfernt, entdeckt mein Vater ein Werk über die Theorie des literarischen Übersetzens: Die hohe Kunst, verfasst von dem Literaturkritiker und Märchenautor Kornej Tschukowski. Obwohl es sehr literaturwissenschaftlich anmutete, war das Buch in fröhlicher Missachtung der akademischen Gepflogenheiten geschrieben. Das hat meinem zwölfjährigen Vater – ganz unvorhersehbar – die Möglichkeit eröffnet, langsam und allmählich zu einer eigenen Freiheit zu gelangen. Das Lesen dieses Buches bezeichnet er bis heute als einen »Durchbruch zu sich selbst«. Das Buch zeigte ihm, dass man sich nicht verstellen musste, kein Genre oder keine Richtung bedienen musste, wenn man schreiben wollte. Man darf bleiben, wer man ist auf der Suche nach dem eigenen Ausdruck. Irgendwann später hat er selbst ein Buch über Tschukowski geschrieben, hat über Kinderliteratur geforscht und auch über das Phänomen der Übersetzung, in deren Entschlüsselungs- und Vermittlungsarbeit er die wichtigste Funktion der Kultur sieht.
Das Herz unserer Bibliothek ist jedoch etwas anderes: ein schmales Büchlein, zwischen hellem und dunklem Malachitgrün changierend und mit einer Galaxie weißer Farbspritzer überzogen. Der Umschlag ist abgewetzt und zerknickt. Kleines Format, die mit Schreibmaschine beschriebenen Seiten sind am Rücken zusammengeleimt. Wenn ich heute dieses grüne Büchlein in die Hand nehme, wird mir unheimlich. Mein Vater hat es sich 1955 selbst gebastelt, noch vor der Verbreitung des Samisdat. Es enthielt veröffentlichte und unveröffentlichte Gedichte von Boris Pasternak, die später im Doktor Schiwago erschienen sind. Ein Freund meines Vaters hatte sie aus Moskau mitgebracht. Mein Vater war damals dreiundzwanzig, hatte sich eine Schreibmaschine ausgeliehen und die Gedichte nach seinem literarischen Geschmack ausgewählt, angeordnet und gebunden. Verblüffenderweise wählte Pasternak zwei Jahre später fast dieselben Gedichte für seinen Doktor Schiwago aus.
1957 erschien der Roman in Italien, und ein Jahr später wurde Pasternak mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. In der Sowjetunion startete eine Kampagne gegen ihn, das ganze Volk wurde aufgefordert, Pasternak zu verfluchen, die Zeitungen wimmelten von Hetzartikeln. So wurde der berühmte Satz geboren, der heute so absurd wie komisch klingt, aber damals ganze Biographien zerbrochen hat: »Ich habe Pasternak nicht gelesen, aber ich verurteile …« Im Grunde war es ein Krieg der Nicht-Leser gegen die Leser oder noch eher ein Krieg um die Oberhoheit. In allen großen Städten des Landes begann die Jagd auf Pasternaks Leser und sogar auf seine potenziellen Leser. Irgendjemand denunzierte meinen Vater, und so erschien in einer der wichtigsten Kiewer Tageszeitungen ein Artikel unter der Überschrift »Das Ende der Literatur-Kaschemme«. In diesem Artikel wurden alle Andersdenkenden der Stadt in einen Topf geworfen – Dichter und Studenten, Übersetzer und Professoren, Prostituierte und ein Schwarzhändler. Von manchen hatte mein Vater nicht einmal gehört. Und diese Gruppe soll sich bei ihm zu Hause hinter dunklen Vorhängen getroffen haben. In Wirklichkeit wohnte mein Vater in einer winzigen Wohnung mit seinen strengen Eltern zusammen, rechtgläubigen Kommunisten. Die »Literatur-Kaschemme« war ein reines Hirngespinst des KGB, aber der Zeitungsartikel führte dazu, dass alle darin Erwähnten dramatische Konsequenzen für ihre Karriere zu spüren bekamen oder gänzlich ihre Arbeit verloren. Mein Vater wurde in dem Artikel als »Anstifter« genannt, weil er das grüne Büchlein von Pasternak besaß, das bei einer kurz darauf erfolgten Haussuchung beschlagnahmt und erst Jahre später zurückgegeben wurde. Pasternak bezeichnete man als den »Spiritus Mentor« meines Vaters. Ein Jahr danach wurde mein Vater in derselben Zeitung als »Schmarotzer« stigmatisiert und mit fabrizierten Leserbriefen aufgefordert, physische Arbeit für die Stadt zu leisten. Fast dreißig Jahre lang, bis zum Ende der Sowjetunion, konnte er in seiner Heimatstadt keine Anstellung mehr finden – wegen dieses grünen Büchleins, oder besser gesagt: weil eine Weltmacht sich vor seinem grünen Büchlein fürchtete.
03
Andreas Reckwitz
Lesen ist eine sozial-kulturelle Praktik. Obwohl immer nur das einzelne Individuum liest, es sich also zweifellos um eine solitäre Aktivität handelt, ist Lesen zugleich eine durch und durch sozial-kulturelle Angelegenheit. Es folgt bestimmten erlernten Mustern der Aufmerksamkeit, des Verhaltens und der Kognition. Das Lesen als Praxis, als eine bestimmte ›Kulturtechnik‹, bewirkt, dass sich im lesenden Individuum mit der Zeit bestimmte Kompetenzen einschreiben.1 Es bildet sich ein ›Lesesubjekt‹ mit höchst voraussetzungsreichen kognitiven Eigenschaften aus. Sind diese Fähigkeiten einmal antrainiert, sind sie gleichsam Teil des Habitus geworden, greift man doch auch auf sie zurück, wenn man gerade nicht liest. Mit anderen Worten: Die Kompetenzen des Lesesubjekts prägen dessen Haltung zur Welt und seinen Umgang mit dieser insgesamt. Die Praxis des Lesens ist somit nicht nur ein Thema der Mediensoziologie, sondern der Gesellschafts- und Kulturtheorie insgesamt.
Was tut man, wenn man liest? Was sind die Eigenschaften dieser Praxis? Lesen als Praxis zu verstehen lenkt den Blick nicht allein auf das, was gelesen, sondern auch und gerade darauf, wie gelesen wird. Die Antwort auf diese Frage ist alles andere als trivial: Den ungewöhnlichen Prozess, in dem sich die Markierungen auf Papier im Kopf der Individuen in komplexe argumentative Strukturen oder lebhaft empfundene Geschichten verwandeln, gilt es genau nachzuvollziehen. Dabei ist Lesen nicht gleich Lesen: Es gibt Kulturen des Vorlesens und des Stilllesens, es gibt Kulturen des extrem langsamen Entzifferns und jene des Querlesens. Bücherlesen und Smartphonelesen sind offenkundig nicht das Gleiche, aber auch die soziale Verwendungsweise des Lesens – in der Freizeit, in der Wissenschaft, im Unternehmen oder der Verwaltung – kann sehr unterschiedlich sein.
Die Kultur- und Mediengeschichte hat sich ausführlich mit der genauen Form der Lesepraxis und ihrem Strukturwandel beschäftigt. Man kann generell fünf historische Phasen unterscheiden: 1. die lange Phase der Mündlichkeitskulturen; 2. die Entstehung der Schrift und die Ansätze einer traditionalen Schriftlichkeitskultur; 3. der Beginn der Moderne als emphatische, auf dem Lesen beruhende Bildungskultur; 4. das Aufkommen der audiovisuellen Massenmedien; schließlich 5. die digitale Revolution. Meine These ist, dass jene spezifisch moderne Praktik des Lesens, wie sie sich im 18. Jahrhundert mit dem Beginn der Moderne im westlichen Bürgertum ausgebildet hat und die über 200 Jahre kulturell dominant gewesen ist, mit der digitalen Revolution durch eine veränderte Lesepraxis abgelöst wird: Es findet eine Veralltäglichung und zugleich Ausdünnung des Lesens statt. Das hyper reading wird zur neuen dominanten kulturellen Praxis. Die offene Frage ist, inwiefern sich das deep reading gewissermaßen als eine neue gegenkulturelle Praxis positionieren lässt.
Die historisch orientierte Medientheorie, etwa bei Walter Ong und Jack Goody, hat die generellen Unterschiede zwischen Mündlichkeits- und Schriftlichkeitsgesellschaften herausgearbeitet.2 In den Gesellschaften der Mündlichkeit (welche 98 % der Geschichte des Homo sapiens sapiens ausmachten) ist sprachliche Kommunikation durchgängig mit den Notwendigkeiten der Handlungspraxis verquickt. Sie hat einen dialogischen Charakter. Da es keinen schriftlichen Gedächtnisspeicher gibt, basiert sie auf Wiederholung und Redundanz. Mit der Entwicklung der Schrift in Mesopotamien, Ägypten, China, Indien und Europa ergibt sich ein epochaler Bruch. Die Schriftsprache liefert den traditionalen Gesellschaften, etwa jenen der europäischen Antike oder des europäischen Mittelalters, einen Wissensspeicher, auf den man über Generationen hinweg zurückgreifen kann. Da die Sprache von der Gedächtnisfunktion entlastet ist, wird es in den schriftlichen Texten möglich, Neues auszuprobieren und gewissermaßen von Wiederholung auf Innovation umzuschalten. Zentral ist, dass die Praxis des Lesens das Subjekt nun im Nachvollzug komplexer Argumentationen und Narrationen schult – sei es religiöser, philosophischer oder literarischer Art –, deren Nachvollzug nicht nur Stunden, sondern Tage erfordert. Sie ermöglicht dem Subjekt auch qua Reflexion eine systematische Distanzierung vom bisher Selbstverständlichen.
In den traditionalen Schriftkulturen ist die Praxis des Lesens in seiner gesellschaftlichen Wirkung freilich eng begrenzt: Vor der Entwicklung des Buchdrucks sind Schriftstücke rar. Nur eine winzige – adelige, administrative und klerikale – Minderheit ist lese- und schreibkundig. In den Adelskulturen behält die geschliffene Mündlichkeit gegenüber der Schriftlichkeit ein Primat, etwa in der antiken Rhetorik. Teilweise sind die Schriftsprachen nicht die mündlich gesprochenen Sprachen (Latein, Sanskrit), was die Wirkung auf die Alltagspraxis hemmt. Schließlich ist auch die Praxis des Lesens in den traditionalen Kulturen häufig ein äußerst langsames, intensives Wort-für-Wortlesen, das nicht auf die Bewältigung großer Textmengen ausgerichtet ist.
Der nächste, folgenreiche Bruch in der Transformation der Praktiken des Lesens findet in der europäischen Neuzeit mit der Entwicklung des Buchdrucks statt. Er hängt eng mit dem Aufstieg des bürgerlichen Lesepublikums im 18. Jahrhundert und mit der Alphabetisierung der europäischen und nordamerikanischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert zusammen. Dies ist die Entstehung einer modernen Lesepraxis und Schriftkultur, wie sie vielen auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch vertraut ist. Medientheoretiker wie Friedrich Kittler in Aufschreibesysteme 1800 /1900, in anderer Weise aber etwa auch Jürgen Habermas in Strukturwandel der Öffentlichkeit haben die Konsequenzen dieser »Gutenberg-Galaxie« (McLuhan) herausgearbeitet.3
Vor allem drei Merkmale lassen sich nennen: Erstens ist die Relevanz des Lesens (von Büchern, Zeitungen, Zeitschriften) nun eng mit den aufklärerischen Idealen der Bildung und der Mündigkeit verknüpft. Erst als lesendes soll das Subjekt zu einem weltkundigen Subjekt werden, das informiert ist, Zusammenhänge begreift, aber auch Empathie und Empfindungsfähigkeit entwickelt. Die Moderne geht grundsätzlich von einer »Lesbarkeit der Welt« (Blumenberg) aus: Die Welt lässt sich in ihren Zusammenhängen kognitiv begreifen, und das Lesen von nicht-fiktionalen und fiktionalen Texten erscheint dafür ein unabdingbarer Modus zu sein. Die Welt soll im modernen Verständnis objektiviert, das heißt zu einem Gegenstand der Beobachtung und Reflexion werden, und die Texte sind Instrumente dieser Objektivierung. Zugleich sind diese selbst objektivierte Entitäten, zu denen man im Lesen auf kritische Distanz gehen kann. Sie liefern die Voraussetzung für die Ausbildung einer modernen politischen und kulturellen Öffentlichkeit, deren Debatten in der Regel im Medium der Schriftlichkeit erfolgen.
Zweitens ist das moderne Lesen als Praxis ein extensiv-hermeneutisches und ein konzentriertes Lesen.4 Im Vergleich zum traditionalen Lesen ist es zügiger und auf die Erfassung umfangreicher argumentativer und narrativer Sinnzusammenhänge, mithin auf umfangreiche plots ausgerichtet. Zum Modell wird nun der stille, fokussierte Leser (in der Bibliothek, im Lesezimmer etc.), der keine Ablenkung zulässt und dessen Aufmerksamkeit entsprechend geschult ist. Erst mit dieser Aufmerksamkeitsfokussierung wird eine Immersion in den Text möglich, die im mentalen Strom der Lesenden eine argumentative oder narrative ›eigene Welt‹ lebendig werden lässt. Später wird man dies deep reading nennen.5 Die modernen Leserinnen können nun auf ein schier grenzenloses Universum der Bücher zurückgreifen, was Ende des 18. Jahrhunderts die kulturkritische Rede von der ›Lesesucht‹ entstehen lässt.
Drittens ist für das moderne Lesen zentral, dass durch das Lesen eine ›Innenwelt‹ des Subjekts gefördert wird, das heißt mentale, aber auch leibliche Akte intensiviert werden: Reflexion, Erinnerung, Imagination, Selbstbefragung, emotionale Reaktionen. Das Lesen ermöglicht dem Subjekt damit eine Psychologisierung doppelter Art: ein Training im Verständnis der psychischen Welt der Anderen (die in den Büchern zum Thema wird) und der eigenen ›inneren‹ Welt. Moderne Subjektideale der Selbstverantwortung und Selbstentfaltung setzen entsprechend Leser voraus, die sich in der Ausbildung ihrer Innenwelt trainiert haben.
Die moderne Lesepraxis, die sich im 18. Jahrhundert institutionalisiert hat, ist, vermittelt über die Bildungsinstitutionen, bis in die Gegenwart präsent. Allerdings vollziehen sich im 20. Jahrhundert zwei weitere Brüche. Der erste Bruch wird durch die Verbreitung der audiovisuellen Massenmedien, des Rundfunks, der Schallplatte, des Kinofilms und des Fernsehens markiert, wie ihn Medientheoretiker wie Marshall McLuhan thematisiert haben.6 Dieser Bruch fällt zusammen mit der Transformation der Gesellschaft von der bürgerlichen Moderne zur organisierten, industriellen Moderne, die nach 1900 stattfindet. Grundsätzlich gilt: Mit der Entstehung einer urbanen und medialen Massenkultur, die zugleich eine Unterhaltungs- und Zerstreuungskultur ist, gerät die bürgerliche Kultur des Lesens und der Bildung gesamtgesellschaftlich in eine Defensive. Aus dem historischen Blick zurück muss man jedoch differenzieren. Die audiovisuelle Massenkultur löste die Lesekultur zunächst nicht ab, vielmehr haben sich beide zueinander parallel entwickelt.
Diese Parallelität wurde erstens dadurch ermöglicht, dass beide Medientechnologien und Praktiken zunächst getrennt voneinander und überschneidungsfrei existierten. Wenn man liest, nutzt man nicht die Massenmedien und umgekehrt. Auf die gesamte Lebenspraxis bezogen hieß dies für große Teile des 20. Jahrhunderts aber: Das eine schließt das andere nicht aus, man kann das deep reading lernen und trotzdem von Zeit zu Zeit ins Kino gehen. Zweitens wies die audiovisuelle Kultur des Rundfunks, des Kinos und des Fernsehens – trotz aller Differenzen – eine wichtige Parallele zur Buchkultur auf: Indem beide dem Rezipienten geschlossene Zeichensequenzen (ein Buch, ein Film, eine Sendung etc.) bieten, denen es von Anfang bis Ende zu folgen gilt, setzen beide eine Konzentration der Aufmerksamkeit voraus. Drittens schließlich gab es zunächst eine gewisse soziale, klassenförmige Differenzierung zwischen Buch und Massenmedien: Die bildungsorientierten Schichten, die durch die Bildungsexpansion der 1960er Jahre wuchsen, waren generell im 20. Jahrhundert weiterhin stark buch- und leseorientiert, während die Angestellten und Arbeiter eher die Massenmedien frequentierten. Zugleich gab es auch bei letzteren – vor allem unter dem Einfluss der sozialistischen Weltanschauung – durchaus eine Lesemotivation. Alle drei Faktoren zusammengenommen haben bewirkt, dass trotz des Siegeszugs der Massenmedien in der industriellen Moderne bis in die 1990er hinein die moderne Lesepraxis des deep reading weiterhin recht robust war und keineswegs verdrängt wurde.
Dies ändert sich mit der digitalen Revolution in einschneidender Weise. Dieser Einschnitt ist in letzter Zeit von Autorinnen wie Maryanne Wolf oder Naomi S. Baron ausführlich thematisiert worden.7 Entscheidend ist, dass die digitalen Technologien keineswegs bedeuten, dass ›nicht mehr gelesen wird‹, sondern dass nun anders gelesen wird, das heißt, dass sich das Lesen als Praktik und damit auch deren Subjektivierungseffekte wandeln. Vereinfacht gesagt, verläuft der Wandel vom deep reading zum hyper reading. Mit der digitalen Revolution, dem Computer, dem Internet und den mobilen Endgeräten wie dem Smartphone wälzt sich das Mensch-Welt-Verhältnis medientechnologisch tiefgreifend um. Die Merkmale der neuen Medialität sind bekannt: Die digitalen Medien nehmen nach Art eines Hypermediums die alten Medien der Schrift und die von Bild und Ton in sich auf. Sie alle sind digitalisierbar. Im Internet werden textuelle und visuell-auditive Elemente daher untrennbar miteinander verknüpft. Dies bedeutet auf der Ebene der Rezeptionspraktiken jedoch: Praktiken des Lesens, des Betrachtens und des Hörens sind nun nicht mehr voneinander separiert, sondern ständig miteinander verwoben. Kurz gesagt: Auf Facebook, Instagram oder einem Newsfeed liest man Texte und Nachrichten, schaut Videos und Fotos und nebenher wird ein Computerspiel gespielt. Das digitale Subjekt übt sich damit im Multitasking, wobei das Lesen nur eine Aktivität unter mehreren ist.
