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Solidarität – was verstehen wir darunter? Wo liegen ihre Grenzen? Und wie können wir in einer von Migration geprägten Zeit Solidarität leben? Diese und andere Fragen nehmen Experten aus theologischer wie auch politischer Sicht, aus ökonomischem und soziologischem Blickwinkel unter die Lupe – und sie finden überraschende Antworten. Ihre Reflexionen und Erkenntnisse präsentierten sie im Rahmen der Münsteraner Diskussionsreihe DomGedanken im Sommer 2016. Dieser Band zeigt Chancen auf und macht Mut zu gelebter Solidarität in unserer Gesellschaft. Mit Beiträgen von Paul Deselaers, Rudolf Seiters , Thomas Straubhaar, Armin Laschet, Klaus Engel und Armin Nassehi.
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Seitenzahl: 139
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Michael Rutz (Hg.)
Warum solidarisch?
Zwischen Egoismus und Nächstenliebe
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Umschlaggestaltung: Christian Langohr, Freiburg
Umschlagmotiv: madpixblue/Shutterstock.com
E-Book-Konvertierung: Daniel Förster, Belgern
ISBN (E-Book) 978-3-451-80745-9
ISBN (Buch) 978-3-451-37809-6
Die Rede von der Solidarität ist wohlfeil. Deshalb gehört sie auch zum Grundwortschatz einer politischen Rhetorik, die begriffen hat, dass sich Wahlen heute nicht mehr (wenn denn je) über den Verstand gewinnen lassen, sondern über die Emotion, vornehmer: die Herzen der Menschen. Solidarität – das kann man nicht falsch finden. Jeder braucht sie, im Bedarfsfalle. Dieser Bedarf mag seelischer Natur sein, wenn Menschen nach Beistand in seelisch schweren Zeiten suchen. Oder er ist materiell, wenn es gilt, eingetretene Armut auszugleichen und ein materiell lebenswertes Leben wieder herzustellen. Und nicht selten ist er verbunden nicht mit dem eigenen Schicksal, sondern einer Idee, einer Ideologie: Und dann kämpfen Menschen miteinander für eine gemeinsame Sache, für ein ethisch-politisches Ziel, für gemeinsame Werte, für ein bestimmtes Gesellschaftsmodell. So hat jede Form von Solidarität ihre Zeit und ihre Form, die Geschichte ist voll davon, und besonders jene der Revolutionen.
Wir erleben Solidarität am ursprünglichsten in unseren persönlichen Beziehungsgeflechten, in Zweierbeziehungen, in Lebensgemeinschaften, vor allem in der Familie, die der Urgrund jeder Solidarität ist. Familie – das ist Solidarität im Horizontalen wie im Vertikalen, im Jetzt und im Blick über Generationen. Alle helfen sich untereinander, man ist Seelentröster und Sozialversicherung zugleich. Funktionierende Großfamilien tragen in sich den Vorzug weitgehender Autarkie.
Die politische Rede aber hat zumeist eine Solidarität von politischen Gnaden im Blick. Die Politik organisiert an Solidarität, was Großfamilien nicht mehr hergeben. Sie ersetzt die Wohltaten privater Gönner durch ein Versicherungssystem für die Wechselfälle des Lebens, von Armut über Krankheit bis zur Rente. Sie baut Schulen und Kindergärten, sie hält Sozialarbeiter vor, der Staat kümmert sich. Er ist es, der die Marktwirtschaft zu einer sozialen Marktwirtschaft gewandelt hat mit dem Ziel, Marktkräfte zu bändigen und ihnen eine Mitsorge für die Menschen abzutrotzen. Er versucht mit immer neuen Ideen, die Antithese von Gesellschaft und Gemeinschaft aufzulösen. Daher werden die Systeme staatlicher Solidarität immer neu geformt, alte Modelle werden durch neue ersetzt, erfüllte Versprechen durch neue abgelöst, es ändern sich ja auch die Problemlagen.
Dafür erwartet die Politik Dankbarkeit. Die politische Hoffnung ist, dass sie umso größer ausfällt, je größer die Solidaritätsleistungen oder die Versprechen sind, dass diese sich also in Wählerstimmen ummünzen lassen. Die Demokratie – one man, one vote – bietet die Mechanismen für solche dankbare »Rückzahlung«, und sie erfolgt im Bestreben der Menschen, ihr Leben und das der Gesellschaft erträglich bis komfortabel vorzufinden.
Solidarität freilich ist, ganz ernst genommen, eine radikale Sache. »Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst«1, schrieb Karl Marx einmal. Es war dann nicht der Marxismus, der insofern eine nachhaltige Antwort geben konnte – diese Antwort kam und kommt vom Christentum in seiner ursprünglichen Form. Es hat den Menschen im Blick in der Vermittlung eines Bewusstseins dafür, was zwingende Zutat dafür ist, ein »guter Mensch« zu sein. Solidarität gehört unbedingt dazu, das Mitleiden, die materielle Gabe, die Hilfe in Not. Christen sind radikal solidarisch. Dr. Paul Deselaers zeigt das in diesem Buch auf und legt zugleich dar, wie modern die christliche Botschaft als Formkraft des Gewissens ist und bleiben wird.
Der Bedarf an »guten Menschen«, an solidarischem Handeln, nimmt ja nicht ab. Wenn es denn nach allen Wirrungen und Katastrophen, die Geschichte im Allgemeinen bereithält, noch eines Beweises bedurft hätte, so liefert die Gegenwart diese Beweise ab. Die Kriege im Nahen Osten und anderswo, die Bombardements auf Menschen in Aleppo und Mossul, die Flüchtlingsströme aus Syrien, aus Afghanistan, aus Afrika. Was heißt es da, solidarisch zu sein? Und wo hat Solidarität ihre Grenzen?
Es muss schon ein Job zum Verzweifeln sein, wenn man in den Organisationen der Vereinten Nationen oder den anderen internationalen Organisationen für die Hilfe für alle diese armen Menschen zuständig ist. Was kann ein UNO-Flüchtlingskommissar ausrichten? Was können der Rote Halbmond oder das Internationale Rote Kreuz bewirken? Gewiss wenig, aber es wäre schändlich, nicht mindestens das Wenige, das Mögliche versucht zu haben. Davon berichtet Dr. Rudolf Seiters, der als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes seit vielen Jahren diesen großen Herausforderungen gegenübersteht.
65 Millionen Menschen sind gegenwärtig auf der Flucht. Mehr als eine Million haben wir allein im letzten Jahr in Deutschland aufgenommen. Da steigen die Sorgen, ob wir das schaffen. Materiell vielleicht, aber auch kulturell? Die Diversität einer Gesellschaft nimmt zu, was viele Chancen birgt, aber auch Risiken. Der Ökonom Prof. Dr. Thomas Straubhaar beleuchtet diese Wechselwirkung und kommt zu dem Schluss: Etwas Heterogenität ist positiv, weil dadurch Kreativität und Innovationskraft und als Folge Produktivität und Wachstumsdynamik aufblühen. Zu viel Heterogenität ist negativ, weil dadurch die Transaktionskosten der Kommunikation, der Verständigung und des Informationsaustausches steigen, die Verhaltenssicherheit sinkt und das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl schwächer wird. Wie also damit umgehen?
Am besten solidarisch, fand bekanntermaßen unsere Bundeskanzlerin und setzte Hoffnung auf die Einsicht, dass die Not der Menschen ein Fall für die Solidarität der Europäischen Gemeinschaft sei. Darin hat sie sich, leider, getäuscht. Die Europäische Union hat eine große Chance, große Probleme solidarisch zu lösen, vertan. Nationalistische Strömungen gewinnen die Oberhand, ihre zerstörerische Kraft in Ungarn, Polen und anderen EU-Ländern setzt die größte politische Errungenschaft der letzten 70 Jahre aufs Spiel, nämlich den durch supranationale Zusammenarbeit gewonnenen Frieden in Europa. Die historische Tragweite dieses Umstandes ist noch gar nicht abzusehen, schwerwiegend ist sie jedenfalls. Vor diesem Hintergrund den Zustand der Europäischen Union und ihre Gründungsidee neu zu reflektieren, hat CDU-Vize Armin Laschet in diesem Buch unternommen.
Hilfe aber ist immer konkret. Sie muss von Menschen und Organisationen geleistet werden. Eine wichtige Rolle kommt dabei auch in Deutschland den Unternehmen zu, die allen Integrationsbemühungen durch das Angebot eines Arbeitsplatzes an Migranten gewissermaßen die Krone aufsetzen können. Dafür freilich müssen viele Voraussetzungen stimmen – vor allem eine erfolgreiche Vermittlung von Sprache und fachlicher Ausbildung, was Bringschuld der aufnehmenden Gesellschaft ist, vor allem aber eine Bringschuld der Migranten selbst. Ziehen sie nicht mit, nutzen alle Mühen der Unternehmen nichts. Warum Unternehmen helfen müssen und wie diese Hilfe erfolgreich werden kann – das zeigt in einem sehr persönlichen Beitrag Dr. Klaus Engel auf, der als Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries mit weltweit 33 500 Mitarbeitern aller Ethnien genau weiß, wovon er spricht.
Bei allem kommt es also auf starke Menschen und starke Politik an. Da sind immer wieder Menschen zusammenzuführen zu einem großen Ziel, auch über Parteigrenzen hinweg. Politik ist also weit mehr als die Kunst, nur eine Mehrheit zufrieden zu stellen. Politik ist vor allem die Kunst, denjenigen, die in Abstimmungen oder Wahlen unterlegen sind, ein Angebot zu machen, das Loyalität erlaubt. Reife Demokratien zeichnen sich dadurch aus, dass sie Solidarität über die politischen Lager hinweg stiften können, dass sie also solidarisch mit konkurrierenden Solidaritäten umgehen. »Wir schaffen das!« – zu welchem Thema auch immer – muss stets auch ein Angebot an konkurrierende Solidaritäten sein, beschreibt der Münchner Soziologe Prof. Dr. Armin Nassehi.
»Wenn es eine Dialektik des Herzens gibt, ist sie sicherlich gefährlicher als eine Dialektik der Vernunft. Von der Vernunft können nur wenige Gebrauch machen, aber seinem Herzen will doch jeder, auch der einfachste Mann, folgen«, schrieb Helmut Plessner schon 1924.2 Das vorliegende Buch zeigt jedoch, dass gelebte Solidarität eine zutiefst vernünftige Sache ist. Die Vorzüge einer solidarischen Gesellschaft und der daraus wachsende soziale Friede überwiegen alle denkmöglichen Nachteile bei Weitem. Das vorausgesetzt und mitgedacht, erlaubt es auch, einfach an die Herzen der Menschen zu appellieren, um sie »mitzunehmen«.
Dieses Buch fasst eine Vortragsreihe zusammen, die im Sommer 2016 im St. Paulus-Dom zu Münster stattfand. Sie wurde ermöglicht durch das großzügige gesellschaftspolitische Engagement der Evonik Industries in Essen. Die Vorträge waren eingebunden in geistliche Betrachtungen, die wir den Gastgebern Dompropst Kurt Schulte, Domkapitular Hans-Bernd Köppen sowie Spiritual Dr. Paul Deselaers zu verdanken haben, und in wundervolle Musik, die Domorganist Thomas Schmitz beitrug. Die Umsetzung zum Buch erledigte der Verlag Herder in bekannter Akkuratesse und Hingabe zum Thema. Mein persönlicher Dank gilt Frau Ulrike Lange.
Berlin, im November 2016
Michael Rutz
1 Marx-Engels-Werke, Band 1, Dietz Verlag, Berlin/DDR, 1956.
2 Helmut Plessner, Grenzen der Gemeinschaft, Eine Kritik des sozialen Radikalismus, Bonn 1924. Neu aufgelegt bei Suhrkamp 2002.
Manche Bilder aus der Natur können hinübertragen zu den Gegebenheiten menschlicher Gesellschaft und sie besser verstehen lehren: Im gleichmäßig dahinfließenden Wasser etwa leistet manchmal ein Stein der Strömung beharrlichen Widerstand, bringt sichtbare Bewegung in das Wasser, verändert das Aussehen der Oberfläche und gewährt nicht selten Einblick in seine aufgewühlte Tiefe. Dadurch stellt sich der Fluss plötzlich anders dar. Was wäre, wenn es keine Steine im fließenden Wasser gäbe? Alles wäre völliges Gleichmaß, selbstverständlich und offenkundig.
In solch fraglos gleichmäßigem und scheinbar ungestörtem Fluss stellen sich auch manche menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen dar. Derzeit vorherrschend in der globalen Welt ist anscheinend der neoliberale Kampf um das eigene Überleben und Fortkommen durch außerordentlich reiche Menschen und solche, die danach streben. Es ist ein mainstream ganz eigener Prägung.
Doch in diesem Fluss gibt es Steine. Zu ihnen gehört das Mühen um eine menschheitsweite Solidarität, das durch einzelne Menschen und durch Gruppen verkörpert wird. Seit Jahren wird diese Solidarität als notwendig erschlossen, angemahnt und eingefordert. Je näher uns die Menschen kommen, die durch immer neue Naturkatastrophen, Hungersnöte, Kriege und völlige Aussichtslosigkeit als Flüchtlinge den Weg nach Europa wagen, umso drängender wird die Frage, ob die Solidarität zum »Stein im Wasser« werden kann, vom kleinen »persönliche Hilfe«-Steinchen bis zu den großen Felsbrocken staatlicher Solidarität. Wie kann die Gleichförmigkeit der Wassermassen durchbrochen werden und wie kann zum Vorschein kommen, dass es ein Leben gibt, das sich nur aus der Tiefe verstehen lässt? Erst wenn Menschen aus dem unerbittlichen Gleichfluss des Denkens und Geschehens heraustreten, gibt es ein Bild von dieser Tiefe und Weite des Lebens, von der Verheißungsgestalt dessen, was Leben in Verbindung mit Wohlergehen für alle bedeuten kann.
Oft werden zentrale Worte, die etwas von dem ans Licht heben, was die tragenden Säulen des menschlichen Zusammenlebens ausmacht, schnell zu abgenutzten Leitworten. Sie werden übermäßig verwendet und nicht selten mit moralisierendem Unterton verbreitet, sodass ihr existenzieller Hintergrund nicht mehr verstanden oder ernstgenommen wird. Besonders in der politischen Debatte kommen uns oft solcherart Worthülsen entgegen. Dann wird auch schnell überhört, was das Gebot der Stunde ist. Zugleich wird damit verdeckt, dass es bei vielen Menschen eine elementare Aufmerksamkeit für mitmenschliche Not gibt, die sich als tatkräftiges Engagement fortsetzt. Beides lebt von Einsicht, Freiwilligkeit und Absichtslosigkeit. Dass »Solidarität« sich über den eigenen Lebenskreis und über den eigenen Clan hinaus ausweitet, liegt ursprünglich nicht im Begriff.
Als Sockel der Wortgeschichte gilt das lateinische Wort solidus, das »fest, sicher gegründet« meint. Als Lehnwort »solide« kennen wir es in der deutschen Sprache. Am Anfang meinte es den Zusammenhalt einer überschaubaren Gruppe, der Familie, der Sippe, der Dorfgemeinschaft. Seit der französischen Revolution vor allem erfährt der Begriff eine Bedeutungserweiterung. Die solidarité hat oft das Wort fraternité verdrängt, sodass »Freiheit – Gleichheit – Solidarität« die Losung wurde. Als ethisches Prinzip bedeutet Solidarität seit dieser Zeit den Ausgleich von Gemeinwohl und Einzelwohl.
Solidarität ist geradezu zum Strukturprinzip der europäischen Gesellschaften geworden. Denn neben dem naturgemäßen Zusammenhalt einer Gruppe oder eines Volkes ist nach und nach die freie Wahl und Zustimmung des einzelnen zur Ausweitung der Solidarität hinzugetreten. Wo heute von Solidarität gesprochen wird, ist vor diesem Hintergrund jede und jeder einzelne einbezogen.
Das Profil des Begriffs wurde schon 1997 durch das gemeinsame Wort der Kirchen »Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit« geschärft. In dieser Grundsatzerklärung sind sozialethische Eckpunkte beschrieben, die die Einzelgesellschaft in den Blick nehmen und zugleich übersteigen. An den Maßstäben der Solidarität und Gerechtigkeit soll nach dem Willen der Kirchen die Politik ausgerichtet werden. Als Grundlage für manche Konkretion klingt darin die Begriffsbeschreibung »Solidarität« mit Recht komplex:
»(116) Der Begriff Solidarität wird in der Alltagssprache wie im politischen Sprachgebrauch so vielfältig verwendet, dass es nicht einfach ist, ihn eindeutig zu bestimmen und vor Missbrauch zu schützen. Solidarität meint zunächst die Tatsache menschlicher Verbundenheit und mitmenschlicher Schicksalsgemeinschaft. Wenn Menschen aufgrund von Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten oder wechselseitigen Abhängigkeiten entdecken, dass sie trotz vielfältiger Unterschiede dennoch ein »wir« bilden, kann aus dieser Tatsache ein Impuls zu solidarischem Handeln entstehen. Denn die Tatsache der Verbundenheit bzw. der Abhängigkeit fordert zu ethischer Gestaltung heraus, und in diesem qualifizierten Sinne ist Solidarität Sache und Ergebnis einer Entscheidung. Menschen, die sich solidarisch verbunden wissen, erkennen und verfolgen gemeinsame Interessen und verzichten auf eigennützige Vorteilssuche, wenn diese zu Lasten Dritter oder der Gemeinschaft geht.
(117) Die Bereitschaft zu solidarischem Handeln soll auch über den unmittelbar überschaubaren zwischenmenschlichen Bereich hinaus die sozialen Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen und Kräften prägen. In diesem Sinne versteht die Enzyklika »Sollicitudo rei socialis« [P. Joh. Paul II., 1987] Solidarität als die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das »Gemeinwohl«, und das heißt für das Wohl aller und eines jeden einzusetzen. ›Diejenigen, die am meisten Einfluss haben, weil sie über eine größere Anzahl von Gütern und Dienstleistungen verfügen, sollen sich verantwortlich für die Schwächsten fühlen und bereit sein, Anteil an ihrem Besitz zu geben. Auf derselben Linie von Solidarität sollten die Schwächsten ihrerseits keine rein passive oder gesellschaftsfeindliche Haltung einnehmen, sondern selbst tun, was ihnen zukommt, wobei sie durchaus auch ihre legitimen Rechte einfordern. Die Gruppen der Mittelschicht ihrerseits sollten nicht in egoistischer Weise auf ihrem Eigenvorteil bestehen, sondern auch die Interessen der anderen beachten.‹1
(118) Dieser Maßstab gilt entsprechend auch für die internationalen Beziehungen. Die heutige globale wechselseitige Abhängigkeit muss sich in eine weltweite Solidarität umwandeln, welche die reichen Industrienationen zur Entwicklungshilfe als Hilfe zur Selbsthilfe und zum Abbau von Protektionismus verpflichtet. Die Güter der Schöpfung sind für alle bestimmt. Was menschlicher Fleiß durch Verarbeitung von Rohstoffen und Arbeitsleistung hervorbringt, muss dem Wohl aller in gleicher Weise dienen.
(119) So kommt im Grundsatz der Solidarität ein grundlegendes Prinzip der Gesellschaftsgestaltung zur Geltung. In ihm schlägt sich die Einsicht nieder, dass in der Gesellschaft »alle in einem Boot sitzen« und dass deshalb ein sozial gerechter Ausgleich für das friedliche und gedeihliche Zusammenleben unerlässlich ist. Dies gilt sowohl im Inneren einer Gesellschaft wie auch in dem umfassenderen Horizont der Einen Welt.«2
Das Gesetz der Öffentlichkeit schafft in der Regel eher den Einwänden zur mehrdimensionalen Solidarität Raum und nicht so sehr denen, die sie hingebungsvoll und ideenreich konkretisieren. So erscheint praktizierte Solidarität gerade nicht als üppiges Gut. Wie lässt sich Solidarität also begründen? Auf welchen Pfeilern ruht sie, sodass sie stark genug wäre, Widerstand gegen den Strom selbstbezogenen Denkens zu leisten und es nicht nötig hätte, primär als bloßer Appell und Forderung wahrgenommen zu werden? Was also gehört zur Rechenschaft über die eigenen Wurzeln in der Frage der christlichen Begründung der Solidarität sowie der Grundlagen und Ausgangspunkte des christlichen Menschenbildes? Für Christen ist die Heilige Schrift die Fundgrube und Sehschule, eine beseelte Praxis der Anerkenntnis der Menschenwürde und Solidarität zu entwickeln.
Die Bibel bietet keine Definition der Menschenwürde. Der oft allgemeine Rückgriff auf die biblische Tradition verkennt, dass sie Facetten, Bilder, Zusammenhänge und Wegweiser erschließt und sehr wohl einen Rahmen bietet, in dem Antworten gesucht werden können.
Mehr als dreimal so oft wie der »Kopf« kommt im Alten Testament das »Angesicht« vor. Es begegnet immer pluralisch (hebr. panim) und erinnert damit an die vielfältigen »Zuwendungen« des Menschen zu seinem Gegenüber.3
