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"Irgendwann begriff ich, dass Vergangenheit und Jetzt nicht ausreichten. Ich begann an die Zukunft zu denken, malte sie mir mit meiner Vorstellungskraft. In meinem Kopf bestand sie nur aus Zielen, die an einem bestimmten Punkt allesamt erreicht sein sollten. Sie sollte besser sein als Jetzt und Vergangenheit." Jan Kellner ist zwanzig Jahre alt und will im Leben eigentlich gerade durchstarten, als er von einer heimtückischen Lungenerkrankung erfährt. Die Diagnose verändert ihn. Er ist dabei sich selbst aufzugeben, bis er eine besondere Begegnung macht.
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Enrico Schmidt
Warum sollte es anders sein?
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Inhaltsverzeichnis
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Nachwort
Randnotizen - Fragen&Antworten
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Danksagungen
Impressum neobooks
Guten Tag,
ich möchte mich zunächst bei Ihnen für den Erwerb dieses Buches bedanken. Sie unterstützen damit einen noch völlig unerfahrenen Autor. Falls Sie anderweitig an dieses Buch gelangt sind, es ein Geschenk war oder sie es beim Spaziergang durch den Park in einem Abfalleimer gefunden haben, freue ich mich nicht weniger darüber, dass Sie es lesen. (Der letzte Fall ist bei einer eBook-Version wohl höchst selten, sollte er dennoch eingetreten sein: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen E-Reader!)
»Warum sollte es anders sein?« ist mein erstes größeres Projekt, dass ich bereits im Jahr 2009 begonnen habe. Ich habe wirklich eine Weile gebraucht, um es zu vollenden. Wobei, womöglich ist es nicht einmal vollendet. Wenn ich es jetzt noch einmal lesen würde, würde ich bestimmt die eine oder andere ausbaufähige Stelle entdecken. Vermutlich ist dieses Buch genauso unvollkommen wie derjenige, der es geschrieben hat.
Wieso es so lange gedauert hat, dieses Buch zu schreiben? Diese Frage haben mir schon einige Leute gestellt. Ich beantworte sie heute so:
Wie eingangs bereits erwähnt, bin ich beileibe nicht das, was man einen etablierten Autor nennen kann. Sicher brauche ich schlichtweg mehr Zeit als jemand, der weiß, was er tut. Nach vergeblicher Verlagssuche bin ich auf den moralisch fragwürdigen Zug des Selfpublishings aufgesprungen, für den der Kulturauftrag von Büchern allenfalls eine untergeordnete Rolle spielt. (Deshalb lasse ich diese Möglichkeit aber trotzdem nicht ungenutzt.) In dem Wort Selfpublishing steckt: »Self«, eine Silbe, die eine Menge über mein Programm aussagt. Bis auf das Cover, bei dem ich Hilfe hatte, habe ich dieses Buch komplett eigenständig produziert. Ich habe mir nicht einmal ein Lektorat geleistet, da ich für das erste Experiment in dieser Richtung auf gar keinen Fall draufzahlen wollte. Lieber stehe ich für meine Fehler ein, die sich trotz mehrfacher Korrektur sicher immer noch finden lassen. Gleichzeitig hoffe ich natürlich, dass die Qualität des Buches nicht zu sehr darunter leidet und Ihnen die Freude am Lesen erhalten bleibt.
Dass all die eigenständigen Korrekturen und Veränderungen – die so ein Manuskript nun mal durchläuft – Zeit brauchen, versteht sich sicher von selbst. Hauptgrund für die hohe Bearbeitungszeit ist aber dennoch ein anderer:
Die Geschichte, die ich im Folgenden erzählen will, ist eine, die sich erst mit der Zeit entwickelt hat. Mir sind im Laufe der Jahre Dinge passiert, die wohl für manch einen aufgeschrieben gehörten. Irgendwann dachte ich auch mal so. Als ich mich 2009 an die Arbeit machte, tat ich das mit dem Ziel, meine eigene Vergangenheit aufzurollen und zu verarbeiten. Inzwischen steht dieses Motiv nicht mehr im Vordergrund. Ich habe das Geschehene verarbeitet, aber dieses Buch war dazu nicht von Nöten. Heute dienen mir die Ereignisse aus meiner Vergangenheit lediglich dazu, eine Grundlage für die Persönlichkeit des Protagonisten herzustellen – einer Person, die kurz davor steht, sich selbst aufzugeben, bis sie eine außergewöhnliche Begegnung macht.
Ich stand selbst nie an dem Punkt, wo sich die Hauptfigur im Buch sieht. Aber eine außergewöhnliche Begegnung habe ich im Jahr 2011 trotzdem gemacht. Erst danach kannte ich den eigentlichen Grund dafür, warum mir die Vollendung dieses Werkes so sehr am Herzen lag: Ich wollte dieses Buch für diese Person schreiben.
Letztendlich hat ein einziger Abend im Mai 2011 ausgereicht, um meine Geschichte in eine Richtung zu lenken, die zuvor nicht absehbar war. Ich denke, die besten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst. Ich kann leider nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob ich diese Geschichte auch ansprechend erzählen kann, aber ich hoffe es.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen
Enrico Schmidt
Hallo,
ich bin Jan, Jan Kellner. Ich befinde mich im Treppenhaus, auf dem Weg zu meiner Wohnung, irgendwo zwischen dem zweiten und dritten Stockwerk. Ich glaube, ich verliere grade das Bewusstsein. Eben war noch alles in Ordnung. Ich wollte nach oben gehen, doch da überkam mich plötzlich dieser stechende Schmerz in der Brust. Jetzt muss ich schnell die Hände vors Gesicht bekommen, damit ich nicht mit selbigem auf die kalten Quarz-Stufen aufschlage. Geschafft.
Ich hasse es, wenn das passiert – es ist nicht das erste Mal. Das hier ist sicher nicht der schlechteste Platz zum Ohnmächtig-werden. Ständig gehen hier Leute ein und aus, deshalb stehen die Chancen nicht schlecht, dass mich jemand findet. Ehrlich gesagt weiß ich jedoch nicht, ob ich gefunden werden will. Ich habe womöglich weit mehr Schuld an meiner jetzigen Situation, als es zunächst den Anschein hat. Was ich sagen kann ist, dass die letzten Wochen und Monate kompliziert waren. Worte, die man besser nicht hört, Gedanken, die man besser nicht denkt – beides bestimmte meine jüngere Vergangenheit zu Genüge. Aber ich habe auch unglaublich Schönes erlebt, was mir ohne den Weg, den ich gegangen bin, so nicht widerfahren wäre. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, dass alles mal ein Ende hat.
So oder so, ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier lange liegen werde. Man sagt ja immer, man sieht das eigene Leben kurz vor Schluss an sich vorbeiziehen. Falls das auch bei mir der Fall ist, hilft es vielleicht, Ihnen meine Geschichte näherzubringen.
Ich glaube, es fing alles mit einem harmlosen Arztbesuch an …
Ich hatte grade zum ersten Mal Urlaub, als ich mich entschied, mir einen Hausarzt zu suchen. Erst vor wenigen Wochen hatte ich eine neue Ausbildung begonnen, war zu diesem Zweck in eine andere Stadt gezogen.Ich war dabei, mich zum Elektroniker ausbilden zu lassen. Der Beruf war zwar nicht sonderlich gut bezahlt, aber Technik faszinierte mich schon immer. Zudem arbeitete ich in der Industrie, da stimmte das Geld halbwegs.
Schon kurz nach Beginn stellte sich eine hartnäckige Erkältung bei mir ein, die ich einfach nicht losgeworden bin. Obwohl es mir phasenweise alles andere als gut ging und mein Husten so manchem Kollegen einen Schrecken einjagte, habe ich die Erkältung zuvor wochenlang verschleppt und bin erst viel später zum Arzt. Man kennt das ja, man fängt irgendwo neu an und will nicht sofort negativ auffallen, deshalb nimmt man schon mal gesundheitliche Risiken in Kauf.
Ich war an diesem Tag schon früh aufgestanden, um mich in die Praxis von Dr. Ulbrich – so lautete der Name meines zukünftigen Hausarztes – zu begeben. Ich hasste es zu Warten und wäre an diesem Tag gern der erste Patient des Doktors gewesen. Leider ging dieser Plan nicht so ganz auf, denn ich teilte die Idee offenbar mit einer ganzen Reihe von Leuten, deren Wecker wohl noch eher klingelte.
Mit Beginn der Sprechstunde war nahezu jeder Stuhl im Wartezimmer besetzt. Doch Dr. Ulbrich behandelte Patienten im Akkord, sodass jeder das Behandlungszimmer recht schnell wieder verließ.
»Herr Kellner, bitte in Zimmer zwei!«, tönte es dann aus der Sprechanlage, die über der Tür hing. Ich stand auf und verließ das Wartezimmer.
»Einfach geradeaus und dann die vorletzte Tür!«, ich wandte meinen Blick kurz zu meiner Linken und begegnete der Sprechstundenhilfe mit einem dezenten Lächeln. Genau danach hätte ich sie im nächsten Augenblick gefragt: Nach dem Weg, aber sie war mir zuvorgekommen.
»Danke!«, antwortete ich nach einer kurzen Pause. Ich folgte dem Flur entlang bis zur vorletzten Tür. In dem Moment, als ich die Klinke fassen wollte, wurde die Tür von innen geöffnet und eine Schwester trat hervor. Sie musste trotz meiner eher durchschnittlichen Größe zu mir aufschauen. Hinter ihren schmalen Brillengläsern, deren Gestell sich farblich gut mit ihren nussbraunen Augen ergänzte, zogen sich Falten durch ihre Augenpartie. Keine Schande, denn sie hatte sicher längst die Fünfzig hinter sich gelassen. Ihr Blick verriet mir, dass sie mich niemandem zuordnen konnte.
»Sind Sie Herr Kellner?«, erkundigte sie sich.
»Ja, der bin ich!«, entgegnete ich direkt.
»Gut, dann nehmen Sie kurz Platz. Der Doktor kommt gleich«, sagte sie, während sie mir mit der einen Hand die Tür aufhielt und mit ihrem noch freien Arm zu verstehen gab, ich solle mich auf den Stuhl links neben einem großen Schreibtisch setzen. Ich stand noch kurz in der Tür und warf einen Blick in das recht kleine Behandlungszimmer, ehe ich eine Weile allein im Raum saß. Hinter mir befand sich eine weitere Tür, die sich nach einigen Minuten auftat.
Ein groß gewachsener, schmaler Mann, in weißer Jeans und Kittel gekleidet, trat hervor. Er hatte ein hageres Gesicht, dessen Ausdruck ihn müde und gestresst wirken ließ. Neben zwei Brillengläsern, vermutlich Kassengestell, wurde es von einem graubraunen Dreitagebart dekoriert, der ihm mäßig schmeichelte. Sein überwiegend braunes Haar war kurz geschnitten und von der Stirn an nach hinten gekämmt. Es war ebenfalls leicht meliert. Nachdem er die Tür hinter sich etwas unsanft schloss, trat er an mich heran, gab mir die Hand und sprach:
»Hallo, mein Name ist Dr. Ulbrich. Wie kann ich Ihnen helfen?« Unvorsichtig … Mir einfach so die Hand zu geben, wollte er sich bei mir und meinem Infekt anstecken? Er und sein Auftreten erschienen mir schon jetzt ein wenig suspekt.
Er ging um mich herum zu seinem Bürostuhl und setzte sich, dann starrte er mich verdutzt an. Natürlich, ich hatte ihm noch keinerlei Antwort gegeben, da ich gedanklich noch bei seiner Begrüßung hing. Mit einem leicht verwirrten Kopfschütteln riss ich mich davon los und bat ihn, seine Frage noch einmal zu wiederholen.
»Ich habe Sie gefragt, was ich für Sie tun kann«, antwortete er. Ein dezentes Grinsen konnte er sich wohl nicht so recht verkneifen.
»Ach so, natürlich!«, ich sammelte mich, dann fuhr ich fort:
»Ich habe seit einigen Wochen eine Erkältung, die ich einfach nicht loswerde.«
»Welche Beschwerden haben Sie denn?«
»Na ja, anfangs hatte ich vor allem Kopf- und Halsschmerzen, dazu einen Schnupfen und einen ziemlichen Husten. Den Kopf merke ich nicht mehr so, aber den Hals jeden Morgen. Dazu der Husten, der ist eigentlich am schlimmsten …«
Ich könnte jetzt den kompletten Arztbesuch aufrollen, aber ich schätze, dass genügt. Jeder war schon mal beim Arzt. Mein allererstes Zusammentreffen mit Dr. Ulbrich war überhaupt nichts Außergewöhnliches. Er horchte mich ab, dann zwang er mich unter Verwendung eines dieser Holzstäbchen »Ahh« zu sagen, damit er mir den Rachen ausleuchten konnte. Mein Fall schien der normalste der Welt zu sein. Am Schluss verschrieb er mir ein Antibiotikum, weil ich den Husten schon so lange mit mir herumtrug. Sieben Tage lang nahm ich jeden Tag eine Tablette. Es half, eine Zeitlang. Damals dachte ich, damit wäre alles erledigt. War es aber nicht.
» … Es hätte schlimmer sein können.«
Die Referentin beendete ihren letzten Satz und schwieg. Ein kurzer Moment der Stille hielt Einzug in den Saal, der mit ungefähr hundertfünfzig Plätzen bestückt und von denen nicht einmal die Hälfte besetzt war. Es dauerte einen Moment, bis das Publikum begriff, dass die junge Frau, die ich auf Anfang zwanzig geschätzt hätte, mit ihren Ausführungen fertig zu sein schien. Doch schließlich applaudierten die rund sechzig Menschen. Eine leichte Spur von Erleichterung war in ihrem Gesicht zu erkennen, während sie noch immer vor ihren Zuhörern am Rednerpult stand und auf anschließende Fragen wartete. Wie es beinahe schon zu erwarten war, blieben diese Fragen jedoch aus. Das Referat war zu Ende.
Nachdem ich im Urlaub meine Erkältung etwas auskuriert hatte, befand ich mich eine Woche drauf an der Berufsschule, wo ich meiner theoretischen Ausbildung nachging. Ich hatte noch einige Stunden zu absolvieren, ehe der Tag hinter mir liegen sollte. Als Wahlpflichtangebot belegte ich das Fach Psychologie und bekam die ersten beiden Stunden frei, um mir dieses Referat zu Gemüte führen zu können. Das Angebot meiner Psychologie-Lehrerin nahm ich dankend an. Als ich zusagte, tat ich das aber nicht, weil ich an einem ellenlangen Vortrag interessiert war, bei dem eine mir fremde Frau über das Leben schwadronierte. Vielmehr konnte ich so einem Test in Elektrotechnik entgehen, für den zu lernen ich aus irgendeinem Grund nicht bereit war.
Inzwischen kann ich aber sagen: Ich bin froh, hier gewesen zu sein. Die junge Dame hatte in den letzten Minuten wirklich eine Menge Interessantes zu berichten. Wie sich herausstellte, hatte sie es im Leben oft nicht leicht. Sie wurde früh Zeuge eines Gewaltverbrechens, bei dem ihre beiden Eltern ihr Leben verloren. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf, der Mann ein Trinker, die Frau schon verhältnismäßig früh an Alzheimer erkrankt. Bei all den Strapazen zog die junge Sprecherin ein bemerkenswertes Fazit, das sie immer wieder wiederholte und auch ein allerletztes Mal an das Ende ihres Referates stellte: »Es hätte schlimmer sein können.« Menschen mit einer solchen Einstellung faszinierten mich. Es gehört schon eine Menge dazu, unter solch widrigen Umständen nicht in Selbstmitleid zu versinken, sondern sich an dem zu erfreuen, dass einem das Leben sonst noch so bietet. Von meiner eigenen Warte aus würde ich allerdings behaupten, dass man mit so einer Einstellung gar nicht so schlecht lebt. Schon während des Vortrages habe ich gemerkt, dass ich mich mit dem Thema weitaus besser identifizieren kann, als ich es zunächst für möglich hielt. Auch ich war mal in einer ähnlichen Situation widerferentin.
In meinem Fall hat das jedoch weniger etwas mit einer schweren Kindheit zu tun. Mitnichten. Als Kind hatte ich alles. Meine Eltern taten ihr Möglichstes, um mir jeden Wunsch zu erfüllen. Mit dem Kindsein war es dann aber schlagartig vorbei, als mein Vater an Krebs verstarb. Damals war ich siebzehn. Sein Leiden dauerte nicht enden-wollende sechs Monate. Am Ende musste man als Angehöriger froh sein, dass seine Qualen mit dem Tod vorbei waren. Aber ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Noch im selben Jahr bin ich dann von der Schule geflogen. Ich war kaum noch dort. Nach dem Tod meines Vaters baute ich eine Barriere um mich herum auf, ließ nichts und niemanden an mich heran. Wann immer ich konnte, blieb ich der Schule fern. Ich erreichte das Klassenziel nicht, das Jahr wiederholen durfte ich auch nicht – ich absolvierte es bereits zum zweiten Mal. Ohne das Abitur in Händen, fing ich eine Lehre an – zum Mediengestalter für Digital- und Printmedien. Damals glaubte ich, das wäre etwas für mich, dabei kann ich kaum einen Bleistift gerade halten. Zeichnerisches Talent schadet in dem Beruf aber nicht. Ich schmiss die Lehre fast so schnell wieder hin, wie ich sie begonnen hatte.
Die Misserfolge frustrierten mich, irgendwann war das Maß voll. Ich schlief nicht mehr, stattdessen plagten mich nachts starke Magenkrämpfe.
Wie sich nach zahlreichen ergebnislosen Untersuchungen herausstellte, waren diese Schmerzen psychosomatischer Natur. Eineinhalb Jahre und die Hilfe einer Fachärztin waren nötig, damit ich heute hier sitzen konnte – beschwerdefrei. Sie gab mir einen Rat, den ich von jetzt an als so etwas wie meine Philosophie ansehen wollte. Diese Philosophie deckte sich mit den Erkenntnissen der Frau, die noch vor wenigen Minuten zu mir und einigen anderen sprach. Wann immer es mir in der Zukunft an etwas fehlen sollte, würde ich mich an die Vergangenheit zurückerinnern. Dann würde ich feststellen, dass es Zeiten in meinem Leben gab, die übler waren als das, was vor mir läge. Vermutlich würde auch ich mir dann sagen: »Es hätte schlimmer sein können.«
Ich saß noch immer in der Aula und spielte mit dem Gedanken, in den Unterricht zurückzukehren. Dabei war die zweite Unterrichtseinheit, für die man mich freistellte, noch nicht vorüber. Zum Glück bin ich sitzengeblieben. Denn hätte ich das nicht getan, wäre mir entgangen, mit wem die junge Referentin jetzt den Platz am Rednerpult tauschte. Eine schlanke Frau mit kurzem schwarzem Haar löste sie unter dem Applaus der noch verbliebenden Zuhörer ab. Als sie sich den Menschen im Saal zuwandte, blickte ich in ein vertrautes Gesicht. Sie war diejenige, der ich so viel zu verdanken hatte, die mir eineinhalb Jahre mit Rat und Tat zur Seite stand – die Fachärztin für Psychologie, Dr. Isabel Hofmann.
Damals, bei den Besuchen bei Dr. Ulbrich, hatte ich noch keine Ahnung, dass die vermeintliche Erkältung mein Leben einmal völlig aus der Bahn werfen würde. Ich könnte die Frage, was ich in der Zeit zuvor gemacht habe, im Grunde mit drei Worten beantworten: Ich habe gelebt. Ich habe das gemacht, was alle tun. Ich bin meiner Ausbildung nachgegangen, hatte manchmal nach Feierabend ein paar Bier und freute mich auf die Wochenenden. Wenn mich jemand nach meinem befinden fragte, dann beteuerte ich, wie gut es mir ging und ich tat dies mit reinem Gewissen. In zwei Jahren hätte ich meine Lehrzeit absolviert. Direkt im Anschluss würde vermutlich als Facharbeiter in meinem Betrieb anfangen. Dann kämen die ersten guten Gehälter und ich könnte mich wohnlich verbessern – mindestens sechzig Quadratmeter für mich alleine, achtzig, wenn ich sie bis dahin zu teilen gedenke. Ich fing wieder an, Pläne zu machen. Ich hatte das, was alle tun, endlich auch für mich entdeckt und wollte nicht, dass sich daran etwas änderte.
Streng genommen macht es wenig Sinn, wenn ich an dieser Stelle ewig über meinen Alltag schwadroniere, wie er war oder wie er hätte sein können. Obwohl ich weiß, dass die folgende Episode die eigentliche Geschichte nicht voran treibt, komme ich nicht umhin, trotzdem von ihr zu erzählen – denn sie handelt von meinem früheren Leben. Neben all der Normalität, setzte ich mir das Ziel, hin und wieder auch mal aus dem Trott des Alltäglichen auszutreten. Ich glaubte in der Vergangenheit eine Menge versäumt zu haben und wollte dieses Loch mit einer Reihe von Erfahrungen stopfen, die dann hoffentlich unvergessen blieben, auf angenehme Art und Weise. Im folgenden Kapitel dreht es sich um eine Reise, von der ich mir solche Eindrücke erhoffte. Ich bestritt sie jedoch nicht allein, denn an meiner Seite befanden sich meine vier besten Freude: Andreas, Lars, Thomas und Carsten. Vier Menschen, von denen ich in jener Zeit noch glaubte, ich würde alles mit ihnen teilen und nie Geheimnisse vor ihnen haben wollen.
Ich zog den Ärmel meiner Jacke hoch und sah auf mein rechtes Handgelenk. 23:27 Uhr. So früh noch?, dachte ich und vergrub meine Hände wieder tief in den Taschen meiner Jeans. Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis mir aufging, dass ich die Stunde Zeitverschiebung zwischen England und Deutschland vergessen hatte. Dort war es bereits kurz vor halb eins.
Wir hatten den Club vor etwa zwanzig Minuten verlassen und erreichten nun das eigentliche Ziel des Abends. In der Zwischenzeit weite Lars Andreas in sein Vorhaben ein, während Thomas und Carsten bis dato noch immer im Dunkeln tappten. Erst als sich der Höhepunkt mehr und mehr vor uns offenbarte, wussten auch sie, was auf sie zukam.
»Da wollt ihr rein gehen?«, fragte Thomas ein wenig zögerlich. Lars nickte und sprach:
»Ich habe es mit den Leuten, mit denen ich hier war, versäumt, so etwas zu unternehmen. Und wer wäre dafür besser geeignet als meine besten Freunde?«, er lächelte. Noch. Lars war im Grunde derjenige, dem ich all das hier zu verdanken hatte. Im letzten Jahr absolvierte er ein Auslandssemester in England. Seitdem sprach er oft davon, irgendwann einmal auch mit uns hierher zu kommen. Sein Wunsch sollte schneller in Erfüllung gehen, als wir es ahnten. Vor wenigen Tagen gewann er eine Stange Geld bei einem Preisausschreiben im Radio. Es ging darum, einen Song zu erraten, der nur für den Bruchteil einer Sekunde eingespielt wurde. Er war sich von Beginn an sicher, den Titel zu kennen. Der Gewinn verdreifachte, vervierfachte, verfünffachte sich. Am Ende schlug Lars zu – und wir profitierten davon. Er nahm uns mit auf diese Reise und gab sich die ganze Zeit überaus spendabel. Jetzt waren wir inmitten der alten Industriestadt Birmingham, mit ihren Fabrikgebäuden, Leuchtreklamen und roten Backsteinziegeln. Schon morgen würde es nach London gehen.
Das Haus, vor dem wir standen, war wohl ein ehemaliges Bürogebäude. Es wirkte mit seinen vielen Fenstern relativ unscheinbar. Einzig die verschlungenen Buchstaben, die an der Fassade angebracht und gut von der anderen Straßenseite zu lesen waren, verrieten, womit es der Besucher zu tun hatte. Aphrodite – Gentlemans Club, leuchtete es einem schon aus großer Entfernung und in markanten Neonfarben entgegen.
Kurzerhand überquerten wir die Hauptstraße und standen wenige Sekunden später in gebührendem Abstand zum Eingang vor dem Gebäude. Eine breite Treppe führte mit wenigen Stufen zum Eingangsbereich hinauf, von wo uns zwei Männer von kräftiger Statur bestens im Blick hatten. Ein starkes Gefühl von Nervosität bahnte sich seinen Weg durch jede Faser meines Körpers, mit jedem Schritt wurden meine Beine schwerer und schwerer. Das schien nicht nur mir so zu gehen. Schließlich blieben wir stehen und sahen einander an. Offenbar wollte das hier keiner mehr so wirklich. Von Lars' anfänglichem Mut zur Sache war nicht mehr sonderlich viel übrig, wie mir ein Blick in seine Augen verriet. Ich fröstelte in der kalten Nachtluft und wünschte mir, ich hätte vorhin in der Bar das ein oder andere Bier mehr getrunken – nicht nur um der inneren Wärme Willen, versteht sich. Allmählich befasste ich mich auch mit dem Gedanken, dass ich noch eine Weile hier stehen würde. Die Gruppe führen wollte keiner so recht. Auch ich war nicht unbedingt gewillt, dass Zepter in die Hand zu nehmen. Vermutlich wären wir, wenn es nach mir gegangen wäre, schnellstmöglich wieder umgedreht.
»Los jetzt. Sonst stehen wir ja morgen früh noch hier«, dieser Spruch konnte nur von Andreas stammen. Er trug eine dunkelblaue Marken-Jeans und dazu ein passendes weißes Shirt, das ebenfalls das Logo eines bekannten Modelabels zierte. Sein braunes Haar war in Stufen geschnitten und meistens, wie auch an diesem Abend, formte er es mit Wachs zu einer Windstoßfrisur. Seine Haut war hell und sein Gesicht mit einigen Sommersprossen bedeckt, die ihm nicht allzu schlecht standen. Es beschlich mich aber schon so manches Mal das Gefühl, dass ihm sein etwas hellerer Teint nicht sonderlich gefiel. Immer, wenn die Sommerzeit anbrach, versuchte er so viel und so schnell wie möglich Sonne zu tanken, damit sich seine Haut möglichst bald in ein gesundes Braun färbte. Meistens war das Ergebnis allerdings eher ein Sonnenbrand, der sich in Form einer roten Nase äußerte. Auf einigen Fotos, die sich im Laufe der Jahre bei diversen Partys oder ähnlichen Anlässen ansammelten, konnte man noch diese rote Sonnenbrandnase bestaunen. Ich musste jedes Mal schmunzeln, wenn ich sie sah.
Andreas war circa eineinhalb Jahre jünger als ich, unabhängig davon wusste ich, dass der Impuls, den wir jetzt brauchten, wohl am ehesten von ihm käme. Oft zog er es vor, Dinge einfach anzugehen, anstatt sie zu zerdenken, wie ich.
Die beiden Männer am Ende der Treppe beobachteten uns die ganze Zeit über. Für sie dürfte die Situation klar gewesen sein, als Carsten sich schließlich überwand, um ihnen eine Frage zu stellen, deren Antwort mehr als offensichtlich war.
»Excuse me. Is it open?«, ihre Auskunft bestand aus einem einfachen Kopfnicken. Dass dieses Etablissement geöffnet war, konnte man sich wohl zusammenreimen.
Als ich ihn so ansah, wie er vortrat und mit den Männern sprach, wunderte ich mich plötzlich etwas über Carstens Anwesenheit an jenem Abend. Nicht, dass ich mich nicht darüber gefreut hätte, aber ich betrachtete ihn in unserer Runde als so etwas wie die personifizierte Vernunft. Ich kann das kaum begründen. Vielleicht, weil ich ihn zusammen mit Lars und Andreas als ordentlichen, disziplinierten Menschen kennenlernte. Vor dieser Nacht hätte ich glaubt, es käme irgendwann der Punkt, an dem er versucht wäre, uns dieses Vorhaben auszureden. Der Moment kam nie – obwohl ich zeitweise wirklich darauf gehofft habe. Sicher war er genauso neugierig auf das, was uns erwarten würde.Wir wollten gerade den Weg hinein wagen, als uns einer der beiden Türsteher die Hand zum Zeichen des Stoppens hinhielt. Wir blieben abrupt stehen, wenngleich wir nicht wussten, warum. In diesem Moment wusste ich nur, dass ich keinen Ärger wollte.
»You have white shoes. We can’t let you in with white shoes!«, sagte einer der beiden. Seine Stimme war wie eine Lawine und ließ nicht nur mich vor Ehrfurcht erstarren. Dieser Mann war wie geschaffen für seinen Job. Mit seiner rechten Hand, die stark an die Pranke eines Grizzlybären erinnerte, zeigte er auf die Schuhe von mir und Thomas, die zwar nicht weiß, aber immerhin hell waren. Offenbar war es uns untersagt, mit hellen Schuhen einzutreten. Wir hatten natürlich keine Ahnung.
»Sorry, but hats are not allowed too«, fügte der andere der beiden noch hinzu und verwies auf Thomas’ Fedora. An dieser Stelle sei erwähnt: Thomas legte von uns den wohl größten Wert auf sein Äußeres. Er war ein hochgewachsener junger Mann von etwa zwei Metern Größe. Eine dunkelblaue Jeans saß locker seinen fast stelzen-artigen Beinen entlang. Ein weißes Hemd mit langen Ärmeln bedeckte den Oberkörper. Es war verziert durch ein paar dunkelrote Aufdrucke. Darüber trug er eine schwarze Anzugweste und eine Krawatte, ebenfalls in einem dunklen Rot. Über dem kurz geschnittenen, aschblonden Haar saß ein Fedora in weiß mit einem schwarzen Band oberhalb des Schirms.
Ich kannte Thomas von allen hier am längsten, schon seit der ersten Klasse. Auch Thomas war jemand, der für sein noch junges Alter viel aus dem Leben hätte erzählen können. Das tat er grundsätzlich so gut wie nie. Es war eben seine Art, mit den Dingen umzugehen. Jeder hatte da eine eigene Methode, die der andere natürlich respektierte. Doch es war, wie es war. Thomas hatte einiges durchlebt, sah sich schon mit so Manchem konfrontiert und hatte es durchgestanden. Mit ihm konnte man ernsthafte Gespräche führen, dass wusste ich. Ich machte schon so manches Mal davon Gebrauch – das beruhte auf Gegenseitigkeit. Wann immer er Probleme hatte, war ich ihm ein verlässlicher Freund.
Noch immer standen wir den beiden Bären gegenüber, mein Herz raste. Wir waren nun schon so weit gekommen. Das Letzte, was ich wollte, war vorm Eingang, mitten an der Hauptstraße, abgewiesen zu werden.
»Is there no possibility to let us in?«, fragte Andreas. Vielleicht gab es ja doch noch eine Möglichkeit, mit der man uns Einlass gewehrte. Die zwei Türsteher flüsterten sich kurz etwas zu. Einer der beiden ging durch die Tür, um einen Augenblick später wieder zu erscheinen.
»We have two pairs of dark shoes for you, but you have to pay for them. And you cannot choose between any sizes, we only have those two.« Man hatte also zwei Paar Schuhe für uns. Ob sie uns passten oder nicht, durfte keine Rolle spielen. Und auf ihnen lagen Leihgebühren, vermutlich hohe. Egal.
»That’s fine.« Wir überlegten keine Sekunde lang und gingen an den beiden vorbei, nachdem wir unsere Personalausweise vorzeigten. Sicherheit schien man hier groß zu schreiben, denn uns erwartete nach der Eingangstür noch ein Metalldetektor, den wir, unter den akribischen Blicken eines dritten Sicherheitsmannes, durchschritten. Der Raum, den wir nun betraten, war mit dunklem Laminat ausgelegt worden und von einigen Lampen ringsum beleuchtet. Dem Eingang gegenüber befand sich ein Geldautomat, links davon ein riesiger Spiegel, in dem das Bild der Rezeption zurückgeworfen wurde, die sich zu unserer Linken befand. Auf ein Geheiß des Sicherheitsmannes wandten wir uns dorthin. Die legere gekleidete Frau hinter dem Tresen schätzte ich auf Mitte vierzig. Sie trug eine beige Bluse mit V-Ausschnitt und darunter ein weißes Shirt. Ihr rötliches Haar trug sie zu einem Zopf gebunden. Irgendwie stellte diese Dame einen Kontrast zu dem Club dar, ebenso wie der ganze Empfangsraum. Wäre ich zuvor nicht an diesen beiden Fleischbergen von Türstehern vorbei durch einen Metalldetektor gegangen, wüsste ich nicht, dass ich in dem Vorraum eines Striplokals stand. Dieser Raum hätte ebenso gut zu einem Theater gepasst, oder zur Kasse des kleinstädtischen, privaten Kinos um die Ecke, wo nur alle paar Tage ausgewählte Filmvorstellungen stattfanden.
»Hey guys, that’s ten pounds each for the entrance fee and five additional pounds for the shoes«, sagte sie freundlich und wartete darauf, dass wir unsere Eintrittspreise bezahlten. Dem Wechselkurs zufolge entsprachen die Kosten etwa zwölf Euro Eintritt und fünf Euro fünfzig Leihgebühr für die Schuhe. Deutlich günstiger als ich zunächst erwartet hätte. Es konnte drinnen also nur teurer werden. Lars zahlte den Betrag, für sein persönlichesVergnügen müsste aber jeder selbst aufkommen – so war es ausgemacht. Niemand wollte sich beschweren. Wir gaben der Dame unsere Jacken und Thomas und ich die Schuhe sowie den Fedora. Sie brachte die Sachen in einen Raum neben der Rezeption, der mit einem schwarzen Vorhang abgetrennt war. Als sie wieder herauskam, hatte sie zwei Paar dunkle Lederschuhe in den Händen. Wir beeilten uns Selbige anzuziehen, wobei ich mich angesichts der Größe meines Paares zu Überlegungen hinreißen ließ, ob hier dann und wann auch Frauen zur Kundschaft gehörten. Ich hatte mit Schuhgröße einundvierzig beileibe keine großen Füße, doch diese Treter drückten und schmerzten an allen Enden. Die Frau hinter dem Tresen beobachtete meinen Kampf mit dem Schuhwerk sichtlich amüsiert und in mir stieg wieder die Nervosität. Dann wollte sie noch wissen, woher wir kamen, denn am Akzent sei es offensichtlich, dass wir nicht aus England stammten. Also erzählten wir ihr, was uns hergebracht hatte. Als ich dann endlich fertig war, mir die Schuhe über die Füße zu ziehen, konnte es losgehen. Direkt hinter uns befand sich eine Doppeltür mit je einem Bullauge, die den eigentlichen Eingang in das Clubinnere darstellte. Aufgeregt gingen wir der Reihe nach hindurch.
Was auf den beiden Seiten dieser schweren Doppeltür lag, die mit viel Schwung sofort wieder hinter mir zuschlug, konnte gegensätzlicher nicht sein. Durch dieses relativ dezent gehaltene Vorzimmer wurde der Eindruck nur noch verstärkt, den man sowieso bekommen würde, wenn man erst mal da war, wo ich jetzt mit meinen Freunden stand. Der große Raum, in dem wir uns nun befanden, war nur sehr spärlich beleuchtet. Hier und da waren einige Lampen angebracht, aber ich bezweifle, dass diese mit voller Leistung arbeiteten.
»Hier ist ja wirklich alles schwarz …«, hörte ich Carsten leise vor sich hinmurmeln. Damit hatte er Recht, aber war er da wirklich so überrascht? In meiner Vorstellung jedenfalls, war für ein solches Ambiente kein Platz für eine andere Farbe. Mit Ausnahme von Rot natürlich. Ganz offensichtlich teilte der Betreiber dieses Clubs meine Ansicht. Der Fußboden war mit einem dunklen, flauschigen Teppich überzogen, der das Laufen seltsam angenehm machte. Auch die Wände waren eher unspektakulär in einer dunkleren Farbe gehalten. Durch die wenige Beleuchtung wirkte der Raum merkwürdig groß, irgendwie befremdlich. Die Ausmaße der Räumlichkeiten waren durch diese Inszenierung nicht vollständig abschätzbar. Es war uns allen schnell klar, warum wir keine hellen Schuhe tragen sollten: Alles, von den dunklen Wänden, über die Beleuchtung und den Teppich bis hin zu den dunklen Schuhen vermittelte eine Atmosphäre, die eine gewisse Distanz aufrechterhielt. Während einem draußen vor der Tür noch halb die Finger abfroren, war man jetzt von einer wohligen Wärme umgeben. Die Luft war voll von den Gerüchen verschiedenster Parfums.
Direkt vor uns befand sich die Bar des Clubs auf einem hochgestuften Podest. Wir taten ein paar Schritte nach vorne und ich konnte linker Hand ein Podium ausmachen, das mit Laminat belegt war und in dessen Mitte sich eine silberne Stange befand, die bis zur Decke reichte. Spätestens beim Anblick dieses verchromten Gestänges wusste man, um was für eine Art von Bar es sich beim »Aphrodite« wirklich handelte. Ich schaute in die Runde. Jeder von uns hatte eine Mischung aus peinlicher Berührung und Nervosität im Gesicht und war versucht, diese hinter einem aufgesetzten Grinsen zu verstecken. Wir fünf, die netten Jungs aus der Kleinstadt, betraten unbekanntes Terrain. Und uns war keinesfalls wohl dabei.
»Sollen wir erst was zu Trinken bestellen, ehe wir etwas anderes machen? Ich würde mich gerne ein bisschen umsehen, ehe ich … «, begann Andreas und verstummte mitten im Satz wieder. Gute Idee, wenn sich die Sinne entspannten und die Gedanken sich lösten, wäre das hier alles vielleicht etwas einfacher. Also nickten wir Andreas’ Vorschlag ab und gingen in Richtung der Bar, wo ich beinahe über das Podest stolperte, das ich eben schon erwähnte. Na super, nur nicht noch mehr so peinliche Aktionen bitte, dachte ich und hoffte insgeheim, dass ich keinerlei ungewollte Aufmerksamkeit auf mich zog. Ich tat unbekümmert und ging weiter.
Die Bar war das Zweite, was ich so noch nicht gesehen hatte. Damit meine ich nicht die gläsernen Regale, in denen allerlei Spirituosen standen und die mit einem indirekten Licht erhellt waren. Oder aber die Kühlschränke mit den gläsernen Türen, hinter denen die weniger teuren Sachen standen. Die Bar per se war ganz normal. Ungewöhnlich hingegen waren die Barmädchen. Sie waren alle, soweit ich das überblicken konnte, brünett und hatten schulterlanges Haar, das auf die nackten Schultern fiel. Sie trugen Korsetts, die jedoch unter dem Busen endeten und selbigen somit frei ließen. Von dieser Aussicht musste ich mich erst einmal lösen. Ein schneller Blick zu Lars, sein Grinsen verriet denselben Gedanken:
»Jop«, sagte er nur. Ich griente und nickte zustimmend. Carsten wandte sich an uns.
»Leute, ich würde die Getränke bestellen. Was wollt ihr haben?«
»Guinness«, antwortete ich knapp. Mit dem Bier in der Hand fühlte ich mich schon etwas sicherer, auch wenn ich diesen Umstand nicht wirklich erklären konnte.
Keine drei Minuten dauerte es, da umschlossen Andreas plötzlich zwei schlanke Arme von hinten. Verwundert sah er sich um und blickte in das Gesicht einer jungen Frau, die ich sofort, nach ihrem Äußeren zu urteilen, in die osteuropäischen Länder einordnen würde. Sie hatte ebenfalls dunkles, schulterlanges Haar, ihre Figur war eher drahtig. Ein paar Gramm mehr hätten sicher nicht geschadet. Sie lächelte uns an.
»Hello guys«, sagte sie mit einem unverkennbaren Akzent, der mich in meiner vorigen Ahnung bestätigte.
»Are you new here? For the first time?«, fragte sie noch immer lächelnd. Wir nickten, etwas unschlüssig darüber, wie wir uns ob dieses Auftretens verhalten sollten.
»I knew it, I can see such things.« Im Nachhinein wundert es nicht, dass sie, was uns betraf, eine gewisse Vorahnung zu haben schien. Ich glaube nicht, dass man hätte übersehen können, dass wir hierbei äußerst unerfahren waren. Sie fragte uns einige Dinge über unsere Herkunft und unseren Werdegang. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, dass sie einige Brocken Deutsch konnte, auch wenn es wirklich nicht viel war. Schließlich kam sie zum eigentlichen Grund ihres Herantretens.
»So, do you guys want a dance?« Stille. Wir sahen alle vom einen zum anderen.
»Come on guys! I thought you would be here to have fun.”
»We are, but we want to wait a little bit«, stieß Andreas schließlich aus. Ihr aufdringliches Verhalten behagte ihm offenbar gar nicht.
»Come on!«, setzte sie lächelnd nach und blickte mich an, was mich in Handlungszwang brachte. Gerne hätte ihr Blick auch jemand anderen von uns treffen können.
»Ok. But is it only for one person?«, fragte ich zögerlich und auch ein wenig zerrissen. Etwas in mir wollte einerseits nicht mit dieser Frau alleine sein, die mir im Grunde nicht mal sonderlich gefiel. Gleichzeitig gab es aber nichts Schlimmeres als die Vorstellung, dass uns gleich jemand zusehen würde.
»Yeah, for one person only«, lautete die nüchterne Antwort.
»See, your friend wants to have fun«, sagte sie lachend an Andreas gerichtet. Dann zog sie mich mit einem: »Ok, follow me.« hinter sich her. Mit jedem Schritt, mit dem ich dem nun Unausweichlichen näher kam, wurde mein Herzschlag schneller. Nur ein einziger Gedanke schoss mir jetzt noch durch den Kopf: So fühlt es sich also an. So fühlt es sich an, wenn man davor steht, eine Erfahrung zu machen, die womöglich unvergessen bleiben wird. Der schmale Grat zwischen Unbehagen und Neugier, bisher bin ich nur selten auf ihm gewandert. Doch während mich diese mir wildfremde Frau einen Treppenaufgang hinauf schleifte, der dermaßen dunkel war, dass man kaum seine eigene Hand vor Augen sah, stieg in mir der Drang, diese Gratwanderung noch öfter zu unternehmen. Sie zog mich mit sich in einen Bereich, der mir beim Eintritt gar nicht aufgefallen war und der von einem Vorhang verdeckt wurde. Hinter diesem Vorhang verbarg sich ein etwa drei Meter langer Gang, von dem drei weitere Vorhänge in andere Räume führten. Sie überprüfte kurz die ersten zwei und nachdem sich herausstellte, dass diese belegt waren, führte sie mich in den Dritten. Der Raum war klein. An den drei Wänden zog sich eine Sitzgelegenheit aus rotem Leder entlang. Ich stellte mein Bier ab und setzte mich erwartungsvoll, doch nervös. Ich bezahlte zwanzig Pfund für einen Tanz, was in etwa vierundzwanzig Euro entsprach. Der Preis lenkte mich gerade solange ab, dass ich es schaffte, meine Unsicherheit für einen Moment zu vergessen. Sie sagte mir, da Freitag wäre, würde sie aufgrund eines Angebotes doppelt so lange tanzen wie sonst üblich. Was in diesem Fall bedeutete, für die Länge von zwei Liedern, die im Hintergrund liefen. Na immerhin, dachte ich und fühlte mich einen Moment lang etwas weniger ausgebeutet. Sie wartete noch einen Augenblick, bis der aktuelle Song durchgelaufen war und dann fing sie an.
Ich hatte schon oft überlegt, wie es sein würde, mal einen solchen Tanz zu bekommen. Ich war mir immer sicher, ich würde irgendwie nervös sein. Als es dann soweit war, behielt ich Recht. Aber noch während sie sich auszog und unter ihrem Kleid ihre Brüste und den flachen Bauch offenbarte, merkte ich, wie eine seltsame Ruhe von mir Besitz ergriff. Jetzt, in diesem Moment, war es mir gleich, ob ich hier vielleicht etwas tat, was von der Gesellschaft verpönt war. Das Recht hier sitzen zu dürfen hatte ich mir erkauft, also wollte ich es jetzt auch genießen. Nur konnte ich es nicht, nicht hier, nicht mit dieser Frau. Als sie sich auf meinen Schoß setzte und begann, ihren Unterkörper rhythmisch zu bewegen, bröckelte die Fassade der Ruhe wieder.
Das Erste, was mir auffiel, war ihr starkes Parfum. Sie hatte so viel davon aufgetragen, dass ich nicht einmal eine Ahnung hatte, wie sie wirklich roch. Es war auf eine Art schon penetrant viel, alles andere als ansprechend. Irgendwie wollte und konnte ich mich nicht richtig entspannen, noch während sie ihren Tanga schwungvoll zur Seite schmiss, wurde mir klar, dass das Lächeln, das ich auf den Lippen hatte, nur gespielt war. Eigentlich wollte ich nicht lächeln, nur war das der Ausdruck, der wohl die wenigsten Fragen aufwarf. Ich saß einfach nur da, außerstande mich in meiner eigenen Gefühlswelt zurechtzufinden. Eine nackte Frau rekelte sich auf mir. Warum wollte meinem Geist nicht das gefallen, was mein Körper ganz offensichtlich als grandios empfand? Zum Ende hin stand sie von meinem Schoß auf und setzte sich linker Hand von mir auf die Bank. Sie ließ ihre Hand über ihre Brüste und ihren Bauch gleiten, um sie dann noch ein Stück tiefer zu schieben. Dann begann sie, ihre Finger rhythmisch zu bewegen und fing an zu stöhnen, immer darauf bedacht, mich dabei irgendwie verrucht anzusehen. Gerade so, als wolle sie sagen: »Sieh mich an, ich bin gerade so erregt, dass ich mich einfach nicht mehr beherrschen kann.« Um ehrlich zu sein: Das Ganze wirkte weit weniger anziehend auf mich, als man(n) vielleicht denken mag. Hatte ich mich bei ihrem Tanz noch ob einer Erektion zurückhalten müssen, so hatte ich jetzt kein Problem mehr damit. Irgendwie erinnerte mich dieses Gehabe stark an einen schlecht produzierten Pornofilm. Ich fühlte mich von Sekunde zu Sekunde unwohler und war mir nicht sicher, ob mein aufgesetztes Lächeln noch überzeugend wirkte.
Schließlich waren die zwei Songs vorbei. Während sie sich wieder bedeckte, fragte sie mich, ob es mir gefallen hätte, was ich ihr gegenüber natürlich bejahte. Auch, wenn mir in jenem Moment klar war, dass das nur zum Teil der Wahrheit entsprach.
Ich ging zurück in den Raum mit der Bar und konnte nach einigem Suchen meine Freunde nahe der Bühne sitzen sehen, auf der gerade eine nicht unattraktive, junge Frau tanzte. Irgendwie wirkte der große Raum jetzt bei weitem nicht mehr so mysteriös, gerade so, als hätte der Tanz dem Ganzen den Zauber genommen. Wortlos setzte ich mich, wohl sehend, dass ihnen allen die Fragen auf den Lippen brannten. Aber für den Moment musste es ein Kopfnicken meinerseits auch tun. Ich hätte auch nicht viel erklären können, denn jetzt hatten sich weitere Mädchen zu uns gesetzt und buhlten darum, für uns tanzen zu dürfen. Sie waren alle furchtbar nett, was die ganze Angelegenheit um vieles einfacher machte, dennoch konnte ich nicht verhehlen, dass mir eine gewisse Aufdringlichkeit ihrerseits nicht entging. Letztlich ging Andreas mit einer Blonden mit, ich schätzte sie auf Mitte zwanzig. Carsten rang noch etwas mit sich selbst, aber den Überredungskünsten der Osteuropäerin – dieselbe, die für mich eben noch tanzte – war er auf Dauer einfach nicht gewachsen. Es verblieben also noch Thomas, Lars und ich mit Gesellschaft auf der Couch.
»Hey, where do you come from?« Ich drehte mich zu dem Ursprungsort der Stimme und blickte in das hübsche Gesicht einer jungen Frau. Ich denke, dass sie nicht älter als zweiundzwanzig war, aber das lässt sich ja beim weiblichen Geschlecht immer nur schwer einordnen. Trotzdem machte der offensichtlich geringere Altersunterschied sie für mich schon um Längen attraktiver als die erste, bei der uns ein paar Jahre mehr trennen dürften. Sie hatte strähniges, blondes Haar, das über ihre Schultern und auf ihr orangefarbenes, enges Kleid fiel. Das Kleid reichte nur bis knapp über die Bikinizone. Ihre Gesichtszüge waren weich. Sie musterte mich mit ihren hellen Augen und lächelte. Ich konnte ihr Parfum riechen, es war dezent aufgetragen, gerade so, dass ich es auf die Entfernung bemerkte. Ich war fast wie gebannt.
»Germany«, sagte ich und löste mich von ihrem Anblick. Ein Lächeln trat wie von selbst auf meine Lippen.
»Oh, that’s great. I’m Daniela and what’s your name?«, wollte sie daraufhin wissen und ich antwortete kurz:
»Jan.« Sie kam sofort zum Punkt.
»Do you want a dance?« Eigentlich wollte ich meine erste Erfahrung erst einmal wirken lassen, aber sie hatte irgendetwas an sich, dass meiner ursprünglichen Idee widersprach und alles in mir riet mir, ihrer Frage nachzukommen.
»Why not?«, antwortete ich also und hoffte, dass es nicht allzu offensichtlich war, dass ich über meine Entscheidung eigentlich keinen Augenblick lang nachdachte. Sie stand auf und führte mich eine schmale Treppe hinauf, die sich gegenüber der Bühne befand. Oben angekommen, fühlte ich mich ein wenig wie in einem Labyrinth. Ein Eindruck, der noch verstärkt wurde dadurch, dass ich eigentlich nur sie ansah. Sie wies mir den Weg und so betraten wir einen Raum, der aus lauter kleinen Buchten bestand. Ich glaube, es waren ungefähr sieben oder acht Stück. Ähnlich wie zuvor wurden alle Buchten durch eine lederne Sitzgelegenheit dargestellt. Wie auch auf der unteren Etage vermischten sich hier die verschiedensten Gerüche miteinander. Sie bedeutete mir, in einer dieser Buchten Platz zu nehmen, nachdem ich ihr die zwanzig Pfund aushändigte. Dieses Mal tat ich das ohne jedwede Spur von Reue. Danach setzte sie sich mir gegenüber und irgendwie wusste ich schon jetzt, dass dieser Tanz anders werden würde als mein erster. Ich war aufgeregt, aber eher erfüllt mit Vorfreude als mit Nervosität.
»So, Jan. Do you like it in England?« Ich bejahte ihre Frage, was sie zu freuen schien. Dabei ließen sich meine ersten Eindrücke zum vereinigten Königreich bisher auf Dinge beschränken, die weniger etwas mit der Kultur oder der Gesellschaft des Landes zu tun hatten. Es war noch einen Moment lang still, in dem wir beide uns ansahen und daraufhin lachen mussten. Ich bin mir sicher, dass es gespielt war, aber ihr Verhalten schien fast schon so etwas wie Schüchternheit auszudrücken. Natürlich war sie nicht echt, aber sie nahm mir alle Nervosität, die ich noch hätte entwickeln können. Ich fühlte mich entspannt, vor allem aber war ich mir sicher, dass dieses Gefühl diesmal nicht wieder einfach so verfliegen würde. Schließlich platzierte sie mich mittig auf der Ledercouch und begann langsam mit dem Tanz.
Alles schien intensiver zu sein. Sie war sinnlicher, sie kam näher und sie tanzte anders. Lebendiger, erotischer und leidenschaftlicher. Sie setzte sich auf meinen Schoß, bewegte ihre Hüften und sah mir dabei in die Augen. Ich musste mich zwingen ihr nicht durchgängig in die ihren zu sehen und hoffte, dass ich dabei nicht zu viel Erregung erkennen ließ. Sie presste ihren Körper an mich, der Duft ihres Parfums, vermischt mit ihrem eigenen, stieg mir in die Nase und schon in jenem Moment wusste ich, dass ich ihn nicht vergessen würde. Als sie mir ihre Brüste ins Gesicht drückte, fiel es mir schwer, meine Hände unbedarft auf der Bank liegen zu lassen. Ich schaffte es irgendwie, dabei wollte ich mich mit ihr bewegen, ihre Hüfte umfassen. Nur war dies weder erwünscht, noch wollte ich es auf die Art verderben. Im Gegensatz zum ersten Tanz war das hier mit dem Zurückhalten der Empfindungen und Regungen des Körpers nicht so einfach. Sie entführte mich gänzlich in eine andere Welt, in der ich keinerlei Sorgen hatte und kein Zeitempfinden. Ich genoss jede Sekunde und ehe ich noch richtig begriff, dass es vorbei war, hauchte sie mir ein »Thank you« ins Ohr, gab mir einen Kuss auf die Wange und stand auf. Die Zeit war so schnell verronnen wie ein Tropfen Wasser in der Wüste verdunstet. Alles in mir rief ihr zu, dass sie weitermachen solle, am besten nie wieder aufhören, doch dieser Gedanke war natürlich absurd. Sie zog sich lächelnd an und begleitete mich hinab, nachdem ich darauf hingewiesen hatte, dass ich so meine Probleme damit haben könnte, mich nach unten zu finden. Ihre Art zu Tanzen ließ unseren Aufstieg in diese Räumlichkeiten einfach vergessen. Die Realität holte mich in der Lounge wieder ein, als ich meinen Blick zu unserem Tisch wandern ließ und feststellte, dass ich der erste meiner Freunde war. Ich schaute mich um, beobachtete die Mädchen, die auf der Bühne tanzten. Ihre Augen waren leer und ausdruckslos.
Es dauerte einige Minuten, bis unsere Gruppe wieder vollständig war. Also setzte ich mich mit meinem Bier in die Ecke und versuchte so gelassen wie möglich auszusehen. Auch wenn ich sicher bin, dass es mir nicht sonderlich gut gelang. Schließlich kehrten sie alle nacheinander zurück und da nicht sofort weitere Mädchen bei uns waren, konnten wir endlich die ersten Worte über das Erlebte austauschen. Es stellte sich dabei heraus, dass wir alle ähnliche Gefühle hatten.
»Wie war’s?«, fragte Andreas grinsend.
»Aufregend!«, sagte ich wahrheitsgetreu.
»Und so bedeutend anders als beim ersten Mal.«
»Also war’s das wert?«
»Das war es, mit Sicherheit. Die Erste gab mir so ein Gefühl, als würde sie alles geschäftlich machen. Die Zweite war irgendwie viel …«, ich suchte nach dem richtigen Wort.
»… Lebendiger?«, half Lars nach und sein Grinsen signalisierte mir, dass auch er nicht enttäuscht worden war.
»Es war eine interessante Erfahrung!«, warf der lange Thomas mit einer für ihn fast ungewöhnlichen Nüchternheit in die Runde, die auch unseres Gesprächsthemas wegen fast schon etwas atypisch wirkte.
»Und was ist mit dir, Carsten?«, hakte Lars nach.
»Ja, war ganz okay«, antwortete dieser trocken. Er ging mit der Osteuropäerin mit. Kein Wunder, dass er nicht in Euphorie ausbrach. Ich hätte ihm von der abraten sollen. Am Blick von Andreas konnte ich erkennen, dass er die Meinung der Gruppe vielleicht nicht unbedingt teilte. Er war auch der Einzige von uns, der zum Zeitpunkt dieser Sache in einer festen Beziehung steckte. Lag es vielleicht daran?
»Sieht aus, als wärst du anderer Meinung?«, begann ich ihm zugewandt.
»Ja. Sie hat echt einen guten Job gemacht, aber ich konnte mich nicht einfach so zurücklehnen und es genießen. Ich hatte immer den Eindruck, als wären die nicht ganz freiwillig hier. Alleine der leere, ausdruckslose Blick, den sie haben. Und wenn du dich ein bisschen mit ihnen unterhältst und sie etwas Persönliches fragst, wechseln sie sofort das Thema. Man kann spüren, dass sie alle eine Art Barriere um sich herum aufbauen.« Die ganze Zeit, während er sprach, nickte ich nur zustimmend. Es war genau das, was mich nach dem Tanz mit Daniela zurück auf den Boden der Tatsachen holte.
Wir alle wussten ganz genau, was er sagen wollte und wir verstanden es. Uns war es ähnlich ergangen, nur mit dem Unterschied, dass ich persönlich entspannen konnte – zumindest beim zweiten Mal.
Da saßen wir also, jeder mit seinen persönlichen Eindrücken. Es kamen noch immer Mädchen zu uns auf die Couch, aber wir lehnten ab, sodass auch die Nachfragen mit der Zeit abnahmen. Auch Daniela kam noch einmal, setzte sich neben mich und fragte, ob ich noch einen Tanz wolle. Ihr Parfum und ihr Blick machten es mir wirklich schwer abzulehnen, doch irgendwie gelang es mir – vielleicht half mir ja der Geiz. So ging sie wieder, allerdings muss man mir angesehen haben, dass ich damit nicht richtig zufrieden war, denn Thomas fragte nach einiger Zeit:
»So, sollen wir aufbrechen, oder will noch jemand einen Tanz?« Diese Frage schien vor allem an Lars und mich gerichtet und nach einigem Zögern sagte ich:
»Wenn Lars mir einen seiner Chips gibt, würde ich einen letzten Tanz wollen.« Es gab die Möglichkeit, den Betrag von zwanzig Pfund an der Bar mit einer IC-Karte zu bezahlen, man bekam dann einen Chip, den man einfach den Mädchen gab. Da ich keine zehn Pfund Abhebegebühr am Automaten entrichten wollte, mein Portemonnaie aber leer war, war dies die einzige verbleibende Möglichkeit. Also ging Lars kurzerhand an die Bar und brachte für mich und für sich je einen Chip mit.
Es dauerte eine Weile, bis ich Daniela sah. Zunächst überlegte ich, ob ich von jemand anderem einen Tanz wolle, entschied mich aber letztlich dagegen. Ich suchte nicht das Risiko, sondern einen Abschluss für den Abend, den ich nicht so schnell vergessen würde. Ich wollte mich noch einmal entführen lassen, noch einmal alle Gedanken und Sorgen vergessen und nur in ihrer Welt leben. Das dachte ich, als ich sie jetzt in der Lounge sah.
»Ich bin gleich zurück!«, sagte ich lachend, stand auf und ging in Richtung Bar. Auch unmittelbar vor meinem dritten Tanz war ich nicht gänzlich frei von Nervosität. Sie kam gerade von der Bar und ich sprach sie an.
»I think I’ve changed my mind.«
»About what?«, fragte sie und schien in diesem Moment etwas verwirrt.
»I’d like to have another dance«, erwiderte ich.
»Oh.« Ein Lächeln trat auf ihr Gesicht, das mir sicher in Erinnerung bleiben wird.
»Sure. We go upstairs again«, sagte sie, nachdem sie den Chip in ihrer Tasche verstaute.
Zwei Minuten später saß ich wieder wie berauscht auf der ledernen Couch und betrachtete sie, wie sie ihren Körper bewegte, näher und näher kam, sich schließlich an mich schmiegte und mich mit ihren Augen ansah, während ihr die Strähnen ins Gesicht fielen. Ich war wie beim ersten Mal gebannt, aber ich bin mir sicher, dass ich ein breiteres Grinsen auf dem Gesicht hatte. Kein Wunder, denn ich glaube nicht, dass ich jemals so sorgenfrei war, wie in den Momenten mit Daniela. Wieder konnte ich in den wenigen Augenblicken Abstand von allem nehmen, alles vergessen und so war es wieder wie beim ersten Mal. Ein flüchtiger Kuss, ein leises »Thank you.« und es war vorbei. Wieder hinterließ es eine plötzliche Lücke, die unbedingt mit einem weiteren Tanz gefüllt werden wollte. Das Gefühl schwand nach einer Weile, auch wenn es länger anhielt als noch beim ersten Mal.
Ich ging zurück zu den Anderen und konnte auch diesen Tanz nur mit den Worten aufregend und außergewöhnlich beschreiben. Es würde noch dauern, bis ich eine treffendere Beschreibung für dieses Geschehen finden würde, denn dafür müsste ich die letzten Minuten erst gänzlich realisieren und verarbeiten. Ich sah mich in dem Raum um und kam wieder nicht umhin festzustellen, dass er jetzt fast schon normal wirkte, gar nicht so übernatürlich, wie noch beim Eintritt.
Wir saßen noch eine ganze Weile so dort und warteten auf Lars, der mit einer spanischen Tänzerin verschwunden war. Es kamen noch ein oder zwei Mädchen zu uns, doch wir lehnten dankend ab. Zumal ich persönlich sowieso keinen weiteren Tanz wollte, in der Befürchtung, die Erlebnisse der letzten beiden irgendwie verblassen zu lassen. Danach wurden wir nicht mehr umworben. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass an uns kein Geld mehr zu verdienen sei. Wir unterhielten uns noch weiter darüber, wie surreal der Eindruck eigentlich war, den wir hier bekamen. Zum einen waren da die schönen Mädchen, die einem wirklich den Atem rauben konnten und zum anderen war da die harte Realität hinter ihrer steinernen Fassade: Die Vergangenheit, die sie hierher brachte und nun noch immer unbarmherzig in ihrem Griff festhielt. Dieser Kontrast aus Schwarz und Weiß hinterließ einen bitteren Beigeschmack bei uns allen. Irgendwie hatte jeder das Gefühl, dass man die Mädchen irgendwie retten müsse, sie einfach mitnehmen und ihnen ein besseres Leben schenken. Doch wie unsinnig waren diese Gedanken. Wir konnten eben nichts unternehmen, also saßen wir auf dem ledernen Sofa und philosophierten mit traurigen Gedanken über etwas, dass sich nicht ändern ließ. Glücklicherweise konnte niemand unsere Unterhaltungen verstehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Lars wieder – mit einem Grinsen auf dem Gesicht, das jedoch noch mit etwas anderem verbunden war. Er erzählte uns, dass ihm die Tänzerin noch das Angebot machte, mit ihm in ein privates Zimmer zu gehen. Er schlug jedoch aus. Jetzt bekam der Beiname »Gentlemans Club« erst seine wirkliche Bedeutung. Wenn den Mädchen ein Mann gefiel, der hier saß, dann hatten sie die freie Wahl, ihm noch weitere Dienste anzubieten. Das zumindest vermuteten wir. Natürlich hatten wir darüber keine Gewissheit, aber dieser Schluss lag nahe. Schließlich standen wir alle auf und machten uns daran, das Etablissement zu verlassen.
Ich sah mich nach Daniela um, um sie wenigstens noch einmal zu sehen, bevor ich den Club verließ. Ich war mir sicher, dass wir beide uns nie wiedersehen würden. Auch war ich mir sicher, dass diese Tatsache nur für einen von uns von Bedeutung war, aber das störte mich an diesem Abend nicht. Ich konnte sie nirgends entdecken. Die Mädchen verabschiedeten sich nett von uns und wir gingen wieder durch die Doppeltüren, die uns vor wenigen Stunden als Eingang in diese andere Welt dienten.
Die Nachtluft von Birmingham war kalt. Ein kräftiger Wind peitschte uns ins Gesicht.
Bereits als wir mit dem Taxi den Rückweg antraten, schien die Normalität die Ereignisse der Nacht allmählich wieder zu verdrängen. Die anderen verloren kein Wort mehr über das Aphrodite oder die Tänzerinnen.Carsten schlief, während der Rest seine Scherze auf Kosten der Menschen machte, an denen wir vorbeifuhren.
Ich aber saß nur schweigend daneben. Noch immer dachte ich an Daniela, an ihr Parfum, den leichten Schweiß auf ihren Brüsten, daran, wie sinnlich sie war und wie ich die Zeit vergaß, während sie mich mit sich nahm, in eine Welt, die ich zuvor nicht kannte.
Der Tag in London war für mich nichts im Vergleich zu der vergangenen Nacht. Viel zu früh waren wir aufgestanden, um uns an einem einzigen Tag viel zu viel anzusehen. Sicher waren Madame Tussauds, das London Eye, der Big Ben mit den Houses of Parliament und der Tower of London Dinge, die man einmal im Leben gesehen haben sollte. Aber für mich waren die Gedanken an die jüngsten Ereignisse immer noch zu frisch. Mein Körper war zwar bei jedem dieser bemerkenswerten Plätze, mein Verstand jedoch, war in Birmingham geblieben.
»Haben Sie diese Schmerzen sehr häufig und waren sie schon immer gleich stark?«, erkundigte er sich, während er sich mit seinem Stuhl leicht nach links drehte. Sein Blick fiel jetzt auf den Monitor vor sich. Vor mir saß Dr. Ulbrich – erneut. Wir befinden uns nun an einem Punkt, an dem sich meine Geschichte langsam aber sicher zuspitzte.
Ich war hierher gekommen, nachdem mich die vermeintliche Erkältung binnen weniger Wochen ein zweites Mal heimsuchte.
Nach zwei Stunden Warten gab man mir wieder zur Begrüßung die Hand. Ich hockte auf einem durchgesessenen Stuhl und schilderte ihm mein Problem. Ich erklärte, dass der Husten zurück war, weitaus heftiger als noch beim ersten Mal. Das war nicht schwer auszumachen – ich hustete ständig. Der Husten war aber beileibe nicht das einzige Symptom. Wir beschäftigten uns mehr mit Nadelstichen in meiner Brust, die mich seit einigen Tagen plagten. Wieder scheute ich zunächst den Gang zum Arzt und unterdrückte die Schmerzen stattdessen mit einfachen Mitteln aus der Hausapotheke. Ihre Einnahme war für mich so selbstverständlich wie das morgendliche Zähneputzen. Erst als ich sie vergaß und mich das Stechen bei der Arbeit quälte, schickte man mich hierher. Von selbst wäre ich womöglich nie gekommen. Nun ja, wenn ich nun schon einmal hier war, wollte ich dem Herrn Doktor seine Arbeit auch so einfach wie möglich machen. Darum beschrieb ich alles so detailliert wie möglich.
»Momentan habe ich die Schmerzen wirklich sehr oft, anfangs war das nicht so. Ich habe versucht, sie mit Schmerztabletten zu lindern.« Dr. Ulbrich hämmerte jede Information in seinen Computer.
»Was waren das für Tabletten?«
»Einfache Tabletten aus der Apotheke, die gegen Kopf, Hals-, Gliederschmerzen und dergleichen helfen sollen. Nichts Besonderes, der Name fällt mir jetzt auch nicht ein.« Ich konnte ihn auch nicht überprüfen, da ich die Schachtel zu Hause liegengelassen habe.
»Und, helfen sie denn …?«, fragte Ulbrich nüchtern.
»Ja, sehr gut sogar. Die Schmerzen in der Brust sind dann für ein paar Stunden wie weggeblasen. Nur gestern habe ich sie vergessen und …«
»Dann können Sie diese Tabletten ruhig weiter nehmen. Natürlich nie mehr als nötig, sollte klar sein. Solche Medikamente schlagen häufig auf den Magen.« Er fiel mir ins Wort, einfach so. Dr. Ulbrich interessierte sich wohl nicht für die Umstände, wieso ich hier war. Ich hätte ihm jetzt erzählt, dass mich mein Meister schickte, weil er von meinen Problemen Wind bekam. Aber es genügte ihm wohl, sich auf rein medizinische Fakten zu beschränken. Trotzdem, welcher Arzt lässt seine Patienten nicht ausreden?
»Wann treten die Schmerzen meist auf? Am Tag oder in der Nacht?«, wollte er jetzt wissen.
»Unterschiedlich«, antwortete ich. Ich machte eine kurze Pause und präzisierte meine Aussage:
»Ich denke nicht, dass die Tageszeit dabei eine Rolle spielt.«
»Na gut … Haben Sie ohne die Tabletten mal ein oder zwei Stunden ohne das Stechen in der Brust?« Eigentlich wollte ich noch einen kurzen Moment über diese Frage nachdenken. Aber aus irgendeinem Grund sagte ich völlig unbekümmert:
»Nein nicht wirklich, die Schmerzen sind eigentlich so gut wie immer da.« Es stimmte, nur war ich mir dessen gar nicht so recht bewusst. Jedenfalls bis jetzt nicht. Irgendwie hatte ich gar nicht bemerkt, dass die tägliche Einnahme der Tabletten für mich inzwischen so gewöhnlich war, wie das Verschließen der Haustür. Dabei war es alles andere als gewöhnlich. Es war unnatürlich, einen stechenden Schmerz in der Brust als ständigen Begleiter zu haben und diesen so wenig loswerden zu wollen … Loswerden … Loswerden … Ich muss dieses elende Stechen loswerden … Immer wieder schossen mir diese Worte jetzt durch den Kopf. Eine Zecke, die sich am eigenen Leib festsaugt und einem allmählich das Blut aus den Adern zieht, wollte man ja auch so schnell es geht von sich haben. Dieser stechende Schmerz war etwas Vergleichbares. Unerwünscht, unerträglich und absolut unnormal. Warum in alles in der Welt tat ich also nicht mehr als ihn mit Hilfe von Tabletten zu ignorieren? Als mir das klar wurde, überkam mich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend.
»Was denken Sie, was es sein könnte?«, während ich ihm diese Frage stellte, versuchte ich selbst zu unterbinden, mir das auszumalen.
»Das kann ich jetzt noch nicht so recht sagen. Ich schlage vor, wir machen ein paar Thorax-Röntgenaufnahmen, dann wissen wir vielleicht mehr.« Im Grunde teilte er mir auf eine subtile Art mit, dass er im Moment keine Ahnung hatte, was mir fehlte.
