Dream of a Stretcher - Enrico Schmidt - E-Book

Dream of a Stretcher E-Book

Enrico Schmidt

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Beschreibung

Was ist Glück? Diese Frage würde wohl jeder anders beantworten, auch wenn einige Ereignisse wohl allgemeingültig sind. So würde wohl kaum jemand einen 6er im Lotto als besonderes Pech bezeichnen, oder? Was ein Zustand vollkommenen Glücks für den Protagonisten Edward "Eddie" Jefferson ist, muss der zu Beginn unserer Geschichte erst noch heraus finden. Dafür braucht es den Traum vom glücklichen Menschen ...

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Enrico Schmidt

Dream of a Stretcher

Eddies Traum

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

1

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4

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6

7

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9

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Nachwort

Danksagungen

weitere Werke

Impressum neobooks

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielen, vielen Dank dass Sie sich für dieses Buch entschieden haben! Was ein bisschen wie die standardisierte Floskel aus dem Einzelhandel klingt, meine ich wirklich ehrlich. Dies ist mittlerweile mein viertes Manuskript, das ich selbst verlege und ohne meine Leser wäre es nie entstanden. Nach »Warum sollte es anders sein?« meinem ersten, wirklich ernstzunehmenden Roman-Projekt war ich nicht sicher, ob ich je wieder ein Buch schreibe. Doch dann kamen Menschen auf mich zu und sprachen mich auf mein Werk an. Ich hörte über drei Ecken Geschichten von Leuten, die meinen Roman, meine Arbeit, meine Idee in Buchhandlungen anpriesen und dafür warben, es solle selbst als Indie-Buch in das Geschäfts-Portfolio aufgenommen werden – dass dieses Vorhaben aus Rechtsgründen von vorn herein zum Scheitern verurteilt war, war für mich dabei nur eine Randnotiz. Erfahrungen wie diese und viele andere haben mich den Gedanken mit dem Schreiben aufzuhören doch sehr schnell verwerfen lassen. Dafür bin ich sehr dankbar und hoffe, ich kann dem interessierten Leser etwas zurückgeben, indem ich ihm oder ihr zumindest ein paar Stunden gute Unterhaltung verschaffe – gerne auch mit einigen Momenten des Innehalten und Nachdenkens.

Wie schon seine Vorgänger entstand »Dream of a Stretcher – Eddies Traum« komplett in Eigenregie – selbst das Cover unterstützt die erste Silbe des Wortes Selfpublishing diesmal vollständig. Nur bei einer der Illustrationen hatte ich Hilfe, Sie werden sicherlich feststellen um welche es sich handelt (den Namen ihres Schöpfers finden Sie in der Rubrik »Danksagungen«). Komplette Eigen-verantwortung meint in diesem Fall auch, dass das Buch weder vor noch nach seiner Veröffentlichung professionell lektoriert wurde. Ich halte es nur für fair, dies an dieser Stelle zu erwähnen. Ich war dennoch um ein optimales Lesevergnügen bemüht und konnte auf die tatkräftige Unterstützung vieler toller Beta-Leser zurückgreifen. Ich wünsche mir, dass sich das Ergebnis sehen und lesen lassen kann. 

Zum Buch selbst sei an dieser Stelle nur gesagt, dass es sich beim Wort »Stretcher« um den englischen Begriff für Bahre oder auch Krankentrage handelt, wie sie häufig bei Unfällen oder anderen Tragödien zum Einsatz kommt. Dies ist elementarer Gegenstand einer Geschichte, die nur aufgrund ihres Schauplatzes und einer eigenwilligen Marotte (ich gebe meinen Werken abwechselnd deutsche und englische Namen) einen englischsprachigen Titel trägt.

Was es mit jener Bahre und den Erlebnissen des Protagonisten Edward »Eddie« Jefferson auf sich hat, erfahren Sie am besten selbst.

Dabei wünsche ich wie immer viel Spaß

Enrico Schmidt

1

In diesem Jahr setzte das typische Aprilwetter schon im Februar ein. Das bisschen Schnee, das während des überaus milden Winters vom Himmel herab rieselte, war längst verschwunden. Es regnete nur noch, seit drei Tagen schon. Und vermutlich würde es morgen wieder regnen. Sah man aus dem Fenster, blickte man nur auf leere Straßen. Kaum eine Menschenseele traute sich vor die Tür und belebte den grauen Asphalt mit ein wenig Farbe. Die wenigen, die es doch aus der wohligen Wärme ihres Wohnzimmers hinaus zog in den ungemütlichen Regenguss dieses Sonntags, trugen ihre dunklen Mäntel und Winterjacken – wenig hilfreich. Es war ein Tag, an dem man am besten im Bett blieb. Vermutlich wäre dies auch das gewesen, was Eddie Jefferson hätte tun sollen.

»Ihr müsst jetzt nicht gehen«, rief er mit Blick aus dem Fenster. Der Adressat dieses Satzes befand sich nicht im selben Raum mit ihm. »Sieh dir dieses Sauwetter an! Wartet wenigstens, bis der Regen aufgehört hat«, hängte er noch dran, wohl wissend, dass dieser Schauer heute vermutlich gar nicht mehr nachlassen würde.

»So schlimm ist es nicht. Außerdem haben wir Regenschirme«, entgegnete eine ihm vertraute Stimme. Sie gehörte einem Menschen, der ihn jetzt gleich verlassen würde. Als er die Laute, die aus dem Nebenzimmer an sein Ohr drangen, hörte, ging Eddie vom Fenster zur anderen Seite des Wohnzimmers. Dort stand die Stereoanlage. Sofort schallte Behind Blue Eyes über das 7.1-System in alle Winkel des Raumes. Das Original, keine kommerzielle Coverversion – Eddie legte großen Wert darauf. Noch viel wichtiger war jedoch seine Gewissheit, dass es gleich zwischen ihm und der Person im Nebenraum ziemlich laut werden würde. Die Anlage musste diesen Krach übertönen, damit sie nichts davon mitbekam. So handhabten sie es nun schon seit Monaten. Auch stellten sich beide Seiten nie die Frage, ob sie nicht inzwischen längst beim Klang der Stereoanlage Bescheid wusste.

Behind Blue Eyes war noch nicht einmal zur Hälfte durchgelaufen, da verstummte der Song auch schon wieder. Abgeschaltet wurde die Anlage mittels Fernbedienung, die linker Hand neben der Tür auf einem weiß-lackierten Sideboard lag. Offenbar würden die beiden jetzt doch nicht streiten. Es hatte den Anschein, als bestünde für eine der Parteien keine Notwendigkeit dafür, da längst alles gesagt war. Eddie wandte den Kopf in Richtung der Wohnzimmertür. Dort blickte er in das hübsche Gesicht einer jungen Frau. Ihr Name war Jeanine. Sie studierte nebenbei noch und war die wohl ehrgeizigste Jung-Redakteurin der Hale&Harrow, einer renommierten Tageszeitung. Mit ihr hatte Eddie die letzten sieben Jahre geteilt, doch wie es aussah, würden sie dieser verflixten Zahl nun zum Opfer fallen.

»Ich habe jetzt alles«, sagte Jeanine bestimmend und fuhr sich gleichzeitig mit der rechten Hand durch ihr kurz geschnittenes, rotes Haar. Nach außen versuchte sie, ihre innere Anspannung zu verdrängen, doch es gelang ihr nur mäßig. Das hier fiel auch ihr nicht leicht. Für sie wäre es einfacher, wenn Eddie an jenem Sonntag wie versprochen nicht vor Ort gewesen wäre. Er habe zu arbeiten, hatte er ihr prophezeit, um dann am ausgemachten Tag doch vor ihr zu stehen. Sei’s drum, Jeanine würde sich nicht beirren lassen. Dieses eine Mal noch, dann müsste sie nicht mehr hierher kommen.

Vor nicht allzu langer Zeit nannte Jeanine diese Maisonette, welche die beiden obersten Etagen eines fünfstöckigen Hauses bildete, ihr eigenes Heim. Doch vor ein paar Tagen zog sie überraschend aus und nahm Töchterchen Lillie mit sich, die gerade vergnügt in einem der Nebenzimmer mit ihren Puppen spielte. Jetzt war Jeanine dabei, die letzten Sachen aus ihrem alten Zuhause zu holen. Danach würde sie ihrer Vergangenheit »Lebewohl« sagen, sofern sie könnte.

Eddie hatte die Entscheidung seiner Partnerin überrascht, doch zutiefst erschüttert zeigte er sich nach außen hin nicht – zunächst. Eddie war erst vierundzwanzig. Jeanine, die drei Jahre jünger war, bekam Lillie mit siebzehn. Als sie vor dem Gesetz die notwendige Legitimation erhielten, heirateten die beiden. Dem überaus jungen Paar fehlte es nie an etwas, höchstens an Erfahrung. Eddie entsprang einer wohlhabenden Familie erfolgreicher Unternehmer. Früher oder später würde er die Firma seines Vaters übernehmen. Darauf wurde er getrimmt.

»Wohin werdet ihr jetzt gehen?«, fragte Eddie an Jeanine gerichtet.

»Ich habe uns etwas in der 13th organisiert. Eine Freundin, die dort wohnt, ist für mehrere Monate verreist. Die Wohnung steht also leer.«

»13th? Mit einem Anruf kann ich was Besseres klarmachen.« Mit Sicherheit könnte er das – Eddie sollte einmal die halbe Straße erben. Dazu besaß seine Familie weitere Immobilien ringsum und im Zentrum der Stadt.

»Wir kommen allein klar«, entfuhr es Jeanine. Auf Eddies Almosen konnte sie verzichten. Als er sich ihr näherte, verschoben sich ihre weichen Züge zu einer trotzigen Mine. »Ich werde jetzt Lillie holen«, fuhr sie fort und nahm ihren Blick von seinem. Für Eddie bot sich keine Gelegenheit für einen Kommentar, denn Jeanine drehte ihm postwendend den Rücken zu und stampfte in Richtung des Kinderzimmers.

»Komm Schatz! Mami hat jetzt alles, was wir brauchen!«, rief sie in den Raum hinein. Eddie stand mit etwas Abstand im Flur, als er sah, wie seine Tochter mit winzig-kleinen Schritten aus ihrem Zimmer getapst kam. Als sie sich nach rechts drehte, blickte Eddie in die großen, haselnussbraunen Knopfaugen. Er würde diese Augen wiedersehen, doch es würde eine Weile dauern. Das kleine Kind hatte alle Hände voll zu tun, seine beiden ihm liebsten Spielzeuge mit sich herumzutragen. In der einen Hand hielt sie eine ihrer Puppen, die größte und schönste, die sie selbst auf den Namen Mimmy taufte. In der anderen Hand trug sie eine aus Fichtenholz und Palisander gefertigte Ukulele. Dieses Instrument war so etwas wie Eddies vorläufiges Geburtstagsgeschenk an sie, denn Lillie würde bald vier Jahre alt werden. Edward »Eddie« Jefferson war in seinem Leben nie besonders kreativ, wenn es um das Schenken ging. Doch in diesem Jahr wähnte er sich in dem Glauben, bei seiner Tochter den richtigen Riecher gehabt zu haben. Er war so gespannt auf Lillies Reaktion, dass er ihren Geburtstag nicht abwarten konnte und ihr die Ukulele deshalb sofort gab. Entgegen seiner Erwartungen war Jeanine damit einverstanden und ließ ihn dieses Vorhaben ohne zu lamentieren umsetzen. Während Eddie so im Flur stand, dämmerte es ihm. Jeanine musste zu diesem Zeitpunkt schon gewusst haben, dass er sein Kind an seinem Geburtstag nicht sehen würde. Dass sie ihn gewähren ließ, weil sie so ein Gefühl der Vorfreude bei ihrem Partner bis dato nicht kannte, kam ihm nicht in den Sinn.

»Sag deinem Daddy auf Wiedersehen!«, wies Jeanine ihre Tochter an und deutete mit dem Finger in Eddies Richtung. Die Kleine ließ sich nicht zweimal bitten, übergab der Mutter kurzerhand Ukulele und Püppchen Mimmy und rannte auf ihren Vater zu, um diesen dann herzlichst zu umarmen.

»Auf Widersehen!«, sagte Lillie zu ihrem Vater aufschauend und löste den Griff um ihn. Alles, was Eddie ihr entgegnete, war ein stumpfes Kopfnicken, ehe er die Lippen zu einem gequälten Lächeln verzog – zu mehr reichte es nicht. Seine Kehle war auf einmal wie zugeschnürt.

»Ich bring euch noch raus«, stieß er aus. Dann setzten sich die drei in Bewegung. Jeanine warf den Mantel über und zog sich die Stiefel an, während Eddie mit Jacke, Schal, Mütze und Schuhen dafür sorgte, dass Lillie für Regen und Kälte gerüstet war. Keiner sagte etwas. Dass es so merkwürdig werden würde, hatte nicht einmal Eddie erwartet. In seinem Kopf spukte allen Ernstes der Wunsch, er hätte an diesem verregneten Sonntag wirklich zu arbeiten gehabt. Dann wäre ihm zumindest dieser kalte Abschied erspart geblieben. Auch Jeanine tat bis zum Schluss nichts, um den Moment irgendwie zu erwärmen. Keine allerletzte Umarmung, geschweige denn ein letzter Kuss. Bewaffnet mit ein paar großen blauen Säcken, in denen ihre sieben Sachen verstaut waren, folgte sie ihrer Tochter ins Erdgeschoss hinab. Sie wandte sich nicht um. Nur Lillie blieb einen Moment stehen und hob die Hand für einen letzten Wink in Eddies Richtung, der allein vor dem Eingang seiner Maisonette-Wohnung zurückblieb.

Während er die Wohnungstür hinter sich verschloss, lauschte er noch einmal dem Klang der hölzernen Treppenstufen. Als er verstummte, wusste er, dass es mit seinem alten Leben wohl endgültig vorbei war.

Wieder im Wohnzimmer, schmetterte erneut Behind Blue Eyes aus der Stereoanlage – Eddie drehte voll auf. Unter brachialem Lärm ging er rüber zur Bar, dort waren Zigarren und ein achtzehn Jahre alter Single-Malt verstaut. Mit einem Tumbler voll Whiskey und der glimmenden Kubanischen stand er jetzt ganz allein im Raum. Hmm, ich dachte, es würde sich besser anfühlen, jetzt auch im Wohnzimmer rauchen zu dürfen …

2

»Möchtest du einen Tanz?«

»Natalie, richtig? Bist du nicht sein Mädchen?«, fragte Eddie an die Frau gerichtet, die soeben auf seinem Schoss platznahm. Sein Blick driftete dann in Richtung eines Arbeitskollegen. Der Mann, der in den mittleren Dreißigern war und auf den Namen Berry hörte, hing mehr in seinem Sessel, als dass er saß. Die Dame schaute ebenfalls über die Schulter nach Berry, der alle Mühe hatte, sein Whiskeyglas gerade zu halten. »Oh, ich bin sein Mädchen«, begann sie mit einem osteuropäischen Akzent, ehe sie sich wieder Eddie zuwandte, um ihm tief in seine blau-grünen Augen zu starren. »Und für die gleiche Summe, die er mir zahlt, bin ich auch deins.«

Entrüstet stieß Eddie den Atem aus und nahm seinen Blick von ihr.

»Ich sollte nicht hier sein. Ich … ich bin verheiratet«, stammelte er. Gerade dachte er nur daran, wie sehr er Berry hasste. Ihm hatte er diesen Ausflug zu verdanken, sein erster dieser Art.

»Nun, viele verheiratete Männer kommen hierher.« Zärtlich streichelte Natalie mit ihrer linken Hand das Gesicht von Eddie, der sich ihr wie ferngesteuert wieder zudrehte. »Meist kommen sie, weil sie hier etwas finden wollen, was ihre Ehe ihnen nicht geben kann. Ich dachte mir, dass du vielleicht auch auf der Suche nach so etwas bist, Eddie. Ist es so?« Eddie ließ die Antwort erst einmal aus. Er kannte Natalie nun noch keine drei Stunden und das dementsprechend flüchtig. Sie war eines von vier Mädchen, die Berry urplötzlich in seinen angestammten Irish Pub mitbrachte zu einem Treffen, das eigentlich als reiner Männerabend ausgemacht war. Er hatte bei einem, zwei, vielleicht auch drei Bier mit jemandem über seine Eheprobleme reden wollen. Doch daraus sollte zunächst nichts werden, denn der zu diesem Zeitpunkt bereits angetrunkene Berry kam nicht nur nicht allein, nein, er hatte für besagten Männerabend ganz eigene Pläne. Diese sahen vor, dass die beiden die Mädchen zu ihrer Arbeitsstelle begleiteten, denn alle vier tanzten in demselben Etablissement, dem Striplokal Blue Sky.

Ohne allzu große Einwände willigte Eddie ein mitzukommen. Wieso? Vielleicht weil einfach nicht genug gute Gründe dagegen sprachen, nicht einmal seine Ehe war zu diesem Zeitpunkt ein solcher. Alternativen wären wohl einzig der alleinige Verbleib im Pub gewesen oder die eigenen vier Wände, in denen ebenfalls niemand auf ihn wartete. Zudem keimte in ihm die Hoffnung, dass ihm ein Abend mit seinem unbedarften Kollegen und den Mädchen ein wenig Ablenkung von den jüngsten Ereignissen verschaffen würde. Denn immerhin, hübsch anzusehen waren die Frauen allemal, vor allem Natalie. Sie konnte kaum älter sein als Eddie, was sie nur umso attraktiver machte. Wenn er sich umsah, erkannte er, dass ihn von der Masse der Tänzerinnen doch zehn Jahre und mehr trennen mussten. Bei Natalie war das anders. Ihr rabenschwarzes Haar fiel ihr leicht auf die Schultern, die sie beim Gehen immer dezent nach hinten zog, was ihrem Gang eine gewisse Grazie verlieh. An ihrem gut trainierten Körper schmiegte sich ein rotes, trägerloses Cocktailkleid. Jedoch war es kaum mehr Stoff als nötig, er endete bereits knapp unter der Bikinizone. Eventuell hätte sich der junge Mann Natalies Reizen unterhalb des Kinns gerade noch erwehren können, das galt aber nicht für das Azurblau ihrer großen, runden Augen. Wenn man sie ansah, konnte man denken, man sah durch sie direkt hinaus auf den Ozean. Auch Eddie erlag diesem Gedanken. Jeder einzelne ihrer Blicke durchbohrte ihn und traf mitten ins Herz. Sich diesen Augen nicht hinzugeben schien schier unmöglich, sie waren überzeugender als jedes Wort, das er kannte. Darum zückte er nach einem kurzen Moment des Schweigens sein Portmonee mit den Worten: »Nimm dir, was du brauchst«, ohne im Kopf noch einmal den Inhalt seiner Geldbörse zu überschlagen.

Beim Anblick der Banknoten funkelte das Blau in Natalies Augen noch einmal eine Nuance heller. Sie langte beherzt in das Portmonee und sprach: »Ich würde vorschlagen, dafür ziehen wir uns erst einmal zurück.« Eddie fand keinerlei Widerworte, er suchte gar nicht erst danach. Vielmehr gefiel ihm der Gedanke an ein wenig mehr Privatsphäre so sehr, dass er sich unbeschwert von Natalie durch die Räumlichkeiten des Blue Sky zerren ließ. Die beiden verließen den großen Raum, in dem er und Berry die letzte Stunde zubrachten und der in ein branchenübliches, rötliches Licht getaucht war. Dort sah man die Mädchen an der Stange tanzen, bestellte Getränke und bekam auf Wunsch und gegen entsprechende Bezahlung einen Lapdance. Während Eddie bei letzterem zunächst passte, winkte Berry die Damen quasi der Reihe nach zu sich heran.

Offenbar verfügte das Blue Sky noch über weitere Zimmer. Nach einigen Metern gelangten sie in einen spärlich beleuchteten Raum, der nur wenige Quadratmeter maß. Darin waren lediglich eine Poledance-Stange und ein großflächiges Bett untergebracht. Von irgendwoher drang seichte Musik in Eddies Ohren, doch er konnte keinerlei Lautsprecher ausmachen. Das konnte an der Dunkelheit gelegen haben oder daran, dass sie geschickt in die Holzpanelen des Bettes eingelassen waren.

»Was ist das für ein Raum?«, fragte Eddie, während er zum ersten Mal die Gerüche verschiedenster Parfums wahrnahm, die sich hier mischten.

»Dieses Zimmer ist für besonders großzügige Kunden.«

»Werde ich hier einen Tanz bekommen?«

»Du wirst bekommen, was immer du möchtest«, entgegnete Natalie mit verführerischer Stimme und deutete Eddie, es sich auf dem Bett gemütlich zu machen. Dieser tat wie geheißen und ließ sich auf die federnde Matratze sinken, doch war ihm alles andere als wohl dabei. Wie viel Geld hatte ich denn bei mir? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, blieb keine Zeit, denn sofort warf Natalie sich ihm an den Hals. Dies vernebelte buchstäblich seine Gedanken. Aus allernächster Nähe stieg ihm nun auch der Geruch von ihrem Parfum in die Nase, vorhin in dem großen Raum mit Berry und den anderen Mädchen um sie herum war das noch nicht so sehr der Fall. Jetzt waren sie allein und seine Sinne fixierten sich komplett auf die junge Frau vor und auf sich, was der Zweisamkeit jedoch nicht unbedingt dienlich sein sollte. Die Noten von Zimt und Yasmin muteten der schönen Osteuropäerin orientalisch an – zumindest war das wohl die Idee. Leider war ihr Parfum offenbar völlig falsch aufgetragen. Es war auf eine Art penetrant viel. So viel, dass es Eddie veranlasste, sich umso mehr mit dem Rücken gegen die lederne Bettkante zu pressen. Zeitgleich dachte er an Jeanines Parfum. Sie trug stets den gleichen Duft, dessen Name ihm in jenem Moment nicht einfallen wollte. Der Geruch von Bergamotte und Zitrusfrüchten in ihrem erfrischenden Odeur war ihm jedoch noch immer im Gedächtnis.

Während Eddie dabei war, gedanklich ein wenig abzuschweifen, fand Natalie mehr und mehr Gefallen an ihrem Kunden. Sie half ihm, sich seines Jacketts und des dunkelgrauen Shirts zu entledigen, das er trug. Ihm mit einer sanften Berührung über die Brust streichend, sagte sie:

»Du bist wirklich ein schöner Mann, Eddie«, und aus ihrer Stimme drang die pure Überzeugung. Manchmal redete sie ihren Freiern gut zu, weil dies das Geschäft belebte. Bei Eddie war es nicht so. »Dein Körper ist makellos, keine Narben, nichts.« Darauf ließ sie sich zu einem kleinen Spott hinreißen.

»Scheust du Risiken, Eddie Jefferson? Du siehst aus, als würdest du niemals eine Verletzung riskieren!«

»So ist es nicht«, konterte Eddie. »Ich hab schon alle erdenklichen Sportarten mindestens versucht, mich dabei jedoch nie verletzt. Kein einziges Mal. Krank war ich auch nie.« Natalie staunte nicht schlecht. Für sie gab es dafür nur eine logische Erklärung:

»Na dann scheinst du ja ein echter Glückspilz zu sein! Das ist gut für dich. Und für mich!« Mit Vollendung ihres Satzes stellte sie das Reden vorerst ein und begann damit, Eddie am Hals zu küssen. So recht sprang der jedoch nicht darauf an, vielmehr ergriff langsam eine ungeahnte Nervosität von ihm Besitz. Offenbar spürte auch Natalie diesen Anflug von Unwohlsein.

»Zier dich nicht. Es gibt keinen Grund, sich zurückzuhalten«, flüsterte sie ihm ins Ohr, während sie ihm eine Hand in den Nacken legte. Eddie jedoch behielt seine Hände bei sich, er brauchte sich nicht einmal dazu zu zwingen.

»Na schön, wie du willst. Ich brauche dich nicht dafür«, sagte sie dann, warf ihr schwarzes Haar zurück und setzte sich auf ihre Knie. Dann ließ sie ihre Hand den Bauch hinab gleiten, faste im Schritt unter ihr Cocktailkleid und zog ihr Spitzenhöschen aus. Sie ging sicher, dass Eddie es noch einmal sah, ehe sie es provokativ neben das Bett auf den fast schon ungewöhnlich weichen, dunkelblauen Teppichboden fallen ließ. Als Natalie anfing, sich mit der Hand zwischen den Schenkeln zu reiben, brach sich das Unbehagen in Eddie Bahn. Sie stöhnte dabei wie ein Tier, was ihn eher an einen billigen Pornofilm erinnerte, als dass es irgendeine Form von Erregung in ihm auslöste. Weder seinem Kopf noch seinem Körper wollte der sich ihm bietende Anblick gefallen. Stattdessen erwischte er sich bei der Frage, was ihn genau an der Darbietung störte. Natalie war bildschön, mit Abstand die schönste Tänzerin des Abends. Er war sich sicher, dass jede Nacht unzählige Männer kamen und Unsummen bezahlten, nur um mit ihr genau an dem Ort sein zu können, an dem er sich jetzt befand.

Dann dämmerte es ihm. Natalie war nicht Jeanine. Mit ihr führte er die erste richtige