Was bildet ihr uns ein? -  - E-Book

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Beschreibung

Bildung in Deutschland ist der reinste Hürdenlauf. Menschen können hier nicht einfach lernen. Es bedarf an zusätzlicher Energie, um die Barrikaden zu überwinden, die das Bildungssystem für uns bereithält. Wem die Puste ausgeht, oder wem ein Bein gestellt wird, der fällt zurück oder wird gar disqualifiziert. Dieser Hürdenmarathon beginnt schon früh und zieht sich durch alle Bildungsinstitutionen bis hin zur Universität. Die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes üben harsche Kritik an den Zuständen im deutschen Bildungssystem wie es sich über die vergangenen Jahrzehnte entwickelt hat. Essays wechseln sich ab mit "Zwischenblicken", mit denen die Autoren Einblicke in ihren privaten Hürdenlauf geben. Das Buch entwickelt aber auch eine klare Vision: davon, wie ein besseres und gerechteres Bildungssystem in Deutschland aussehen kann. Dieses Buch ist ein Gemeinschaftswerk von jungen Autorinnen und Autoren zwischen 19 und Anfang 30, die genug haben. Sie sind nicht nur Betrachter, sondern auch Betroffene. Sie sind nicht nur Kritiker, sondern auch Visionäre. Sie wollen kein weiteres Reförmchen, sondern die Bildungsrevolution.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Was bildet ihr uns ein?

Eine Generation fordert die Bildungsrevolution

Bettina Malter / Ali Hotait (Hg.)

Was bildet ihr uns ein?

Eine Generation fordert die Bildungsrevolution

Weitere Informationen zum Buch auf:

www.wasbildetihrunsein.de

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-061-6

Illustrationen: Eva Schönfeld, www.evaschoenfeld.com

Korrektorat: Frank Petrasch, Armin Weber

Grafisches Gesamtkonzept, Satz und Layout: Stefan Berndt – www.fototypo.de

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2012

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Inhalt

Vorwort

Wolfgang Gründinger

Einleitung

Bettina Malter und Ali Hotait

Fehlstart des Hürdenlaufs

Kommt Zeit, kommt Kind – warum sich frühkindliche Bildung wandelt

Maria B. Jung und Daniela Militzer

Von der Förderschule behindert – Ein Plädoyer für die Vielfalt

Laura Hoffmann

Wenn der Migrationshintergrund zum Vordergrund wird

Özlem Ipiv, Elisabeth Leuthardt und Susanne Julia Czaja

„Ich bin ein Kind deutscher Institutionen.“

Oktay Ay

Motivieren, bis das Vorbild kommt

Bettina Malter, Susanne Julia Czaja, Tobias Stephan und Anne Hoffmann

Vorgezeichnete Laufbahnen

Früh und folgenreich sortiert: die Aufteilung der Kinder nach der Grundschulzeit

Felix Peter und Stefanie Dieckmann

„Ich werd’ die Hauptschule nicht mehr los!“

Ali Hotait

„Lehrer müssen aufrichten statt abrichten.“

Josef Ipfelkofer und Bettina Malter

Aus drei mach zwei – die Schulreform in Berlin

Stephanie Niehoffund Ernst Engert

Eine Schule für alle – Zeit für einen Neuanfang

Andreas Kroneder

Schwedens Schulsystem: Kein Musterland?

Johannes Möhler

Revolution statt Reförmchen: Deutschland braucht ein neues Schulsystem 113

Jan Starmans

Im Hürdenmarathon

Der vorbestimmte Weg: Auf Ausbildung getrimmt

Andreas Kroneder und Ali Hotait

Ins Aus gebildet – das deutsche Berufsbildungssystem

Christine Ante und Bettina Malter

„Ich bin Frau und kann Mathe.“

Nele Haas

„Ich habe ein illegales Abitur.“

Anonym

Zwischen zwei Welten – Herausforderungen für Studierende der „ersten Generation“ 150

Katja Urbatsch

„Ich kämpfte mich durch’s Abendabitur, um an der Uni zu scheitern.“

Stella Tauber

Ohne Eintrittskarte zur Universität

Dorothee Riese

Die Hürdenelite

Geistige Ertüchtigung mit Nebenwirkungen

Christa Roth und Nina Petrow

„Die Droge Leistung hat mich krank gemacht.“

Anonym

Deutschlands Master of Desaster

Kader Karabulut

Doktoranden zweiter Klasse

Sebastian Kempkens

Der stille Begleiter – wie der Habitus den Berufseinstieg behindert

Susanne Julia Czaja

Staffellauf statt Hürdenlauf

Ungleiche Kämpfe – die öffentlichen Debatten um die richtige Bildung

Susanne Brehm und Christopher Hempel

Sehr geehrte Hoffnungstäter

Bettina Malter

Vorwort

von Wolfgang Gründinger

„Betreten auf eigene Gefahr“ steht auf Schildern überall auf dem Campus der Uni Regensburg – schwarz auf weiß. Würden die Studierenden die Warnung ernst nehmen, dürften sie keinen Fuß mehr auf den Campus setzen. Die Philosophische Fakultät ist mit Bauzäunen umstellt, zum Schutz der Passanten vor herausbrechenden Gesteinsbrocken. Beinahe wäre selbst der Rektor von solch einem Brocken erschlagen worden, der sich aus der Betonfassade löste und neben ihm auf den Bauzaun krachte. „Das war ganz schön knapp“, erinnert sich der Rektor, der noch mit dem Leben davon kam. Jahre später ist das Gebäude immer noch marode: „Für eine Sanierung fehlt uns das Geld.“

Einmal kam Papst Benedikt höchstpersönlich zu Besuch an diese Uni. Er amtierte dort als Honorarprofessor für Dogmengeschichte und darauf ist die Uni mächtig stolz. Deshalb wollte man in besonders gutem Glanz erstrahlen und plötzlich wurde doch investiert: Das Verwaltungsgebäude wurde grau gestrichen, und der Weg von der Eingangstür bis zum Audimax wurde schön gefliest. Der „Papstweg“ fällt ins Auge. Denn das Gros der Böden in der Uni besteht nicht aus glänzenden Fliesen, sondern aus unansehnlichen Pflastersteinen – wohlgemerkt: Pflastersteine zieren nicht etwa nur das Campusgelände, sondern auch die Gänge in den Hochschulgebäuden. Die grauen Betonwände haben noch nie einen Strich Farbe gesehen. Manche Flure können bei starkem Regen nicht mehr trockenen Fußes durchquert werden, weil die Bausubstanz löchrig ist und das Regenwasser durchtropft. Selbst einige Regale der Bibliotheken müssen zum Schutz vor Regenwasser mit Planen abgedeckt werden.

Die deutschen Hochschulen sollen weltweit in der ersten Liga spielen, doch gleichzeitig sparen die Politiker die Bildung kaputt. Auch das unbeugsame Bayern lebt wortwörtlich von der Substanz. Von „Bayerns größter Bruchbude“ spricht die Süddeutsche Zeitung mit Blick auf die Uni Regensburg. Die Lehre ist sicherlich hochwertiger als der äußere Anschein der Gebäude, in denen sie stattfindet. Aber auch in den Lehr- und Studienbedingungen ließe sich vieles verbessern.

Das Knausern bei den Bildungsinvestitionen verschiebt gewaltige Lasten in die Zukunft. In einem Land, dessen wichtigster Rohstoff bekanntlich seine Köpfe sind, leidet die junge Generation unter sich verschlechternden Studienbedingungen. Alle Exzellenz-Initiativen verkommen zum bloßen Ablenkungsmanöver, wenn sonst allerorten an der Zukunft gespart wird, anstatt für die Zukunft zu sparen. So mag vielleicht die schwarze Null im Staatshaushalt näher rücken, doch die wirkliche Belastung nachrückender Generationen wächst umso schneller.

Über die Weihnachtszeit muss die Uni Regensburg – wie inzwischen auch andere Unis im ganzen Land – ihren Betrieb dichtmachen, um Heizkosten zu sparen. Würde man die Unis energetisch sanieren, könnten die Heizkosten hingegen dauerhaft um mindestens ein Drittel gesenkt werden. Doch selbst in Zeiten, in denen sich die Kanzlerin vor schmelzenden Eisbergen fotografieren lässt, sind für diese Investition in Nachhaltigkeit keine Mittel übrig.

Die chronisch unterfinanzierten Hochschulen wurden seit den EU-Beschlüssen von Bologna 1999 von den Plänen der Bildungsreformer getrieben. Die Ideen waren gut, doch die Umsetzung im Bologna-Prozess missglückte gründlich: zu viele Kinderkrankheiten, die früh diagnostiziert waren, deren Behandlung aber immer wieder verschoben wurde – zum Schaden der Studierenden.

Die Umstellung der alten Magister und Diplome auf das neue System aus Bachelor und Master klappte nur an wenigen Unis nicht nach dem Motto „Verdichten, verschulen, umbenennen“. Enge Stundenpläne und Prüfungswut produzierten immensen Zeit- und Leistungsdruck. Sie raubten Freiräume, über den Tellerrand des eigenen Studienfaches nachzudenken, sich Nachhilfe zu nehmen, sich erst einmal im Uni-Leben zurechtzufinden. Vor allem für Studierende aus sozial schwächeren Elternhäusern wurde das Uni-Leben noch schwieriger. Denn sie haben weniger Zeit, sich durch Nebenjobs über Wasser zu halten.

Erst recht verhindert der Leistungsstress politisches Engagement. Seit Bologna brechen den NGOs und zivilgesellschaftlichen Initiativen die längerfristig engagierten Studenten weg, weil die ihre Zeit in der Bibliothek verbringen statt beim Planungstreffen der Nachhaltigkeitsgruppe. Selbst etablierte studentische Organisationen, die bislang fest im Sattel saßen, leiden unter Nachwuchsproblemen, z. B. AIESEC, ELSA oder die Amnesty-Hochschulgruppen. Die Zeitverdichtung im Bildungssystem ruiniert freiwilliges Engagement. Für Sich-Ausprobieren und Weltverbessern bleibt in einem effizienten Studium keine Zeit. Wo früher noch mühelos Streikwochen eingelegt werden konnten, ohne die Abschlussnote zu gefährden, zählt heute von Anfang an jede Note. Gnadenlos.

Man muss sich fragen, ob die Ideologie des „immer schneller“ wirklich Sinn ergibt. Einfach mal in Vorlesungen reinschnuppern, die nicht für die Note zählen? Dazu ist kaum Luft. Weil viele Pflichtveranstaltungen nur unregelmäßig angeboten werden, ist die genormte Regelstudienzeit für Studierende, die nebenher arbeiten müssen, Kinder haben oder sich gesellschaftlich engagieren, nicht zu schaffen.

Statt Reflexion zu üben, werden vorgefertigte Rezepte auswendig gelernt, für deren Infragestellen keine Zeit bleibt. Studenten werden mit Wissenshäppchen abgespeist und vollgestopft. Es gilt das Prinzip: Pauken statt Wissenschaft. Prüfungen sind schön und gut, aber wenn nicht mehr gedacht, sondern nur noch geschluckt wird, haben die Hochschulen ihren Auftrag verfehlt. Blindlings schraubten die Bologna-Reformer die Arbeitsbelastung hoch, und vergaßen Studienqualität und Studierbarkeit.

Auch an den Schulen ging die Bologna-Denke des „immer schneller“ nicht vorbei. Kürzere Schulzeiten sind nicht des Teufels – aber wenn das Gymnasium von 13 auf zwölf Jahre verkürzt wird, muss damit eine grundlegende Entschlackung des Lehrplans einhergehen und nicht Konzeptlosigkeit herrschen. In Bayern schafft jeder dritte Schüler das Turbo-Abitur nur mit Nachhilfe. Die Arbeitszeit eines Schülers beträgt dort mehr als vierzig Stunden pro Woche – wohlgemerkt in einem Halbtagsschul-System. Die Nachhilfeindustrie wächst rasant. Wer das Schulversagen nicht durch privat bezahlte Paukstunden kompensieren kann, fliegt raus. Eine Kürzung der Schulzeit ohne bessere Curricula und bessere Betreuung verbaut nicht nur jede Chancengleichheit, sondern verändert auch das Bild von der Schule, die mehr und mehr zu einem (schlecht gemanagten) Produktionsstandort für den Arbeitsmarkt wird, statt ein Ort der Entfaltung und Entwicklung zu sein. Schule wird begriffen als Wettlauf um Prüfungsnoten und -scheine, nicht als Freiraum zum Ausprobieren und zur Selbstverwirklichung. Non scholae, sed vitae? Fehlanzeige! Kürzer ist nicht gleich besser.

Nichts entscheidet hierzulande so stark über die Chancen eines jungen Menschen wie die Gnade oder Ungnade seiner Geburt. Formal ist der Bildungszugang für jeden gleich – doch Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern fällt der Aufstieg dreimal schwärer. Sie werden zu Hause nicht genug gefördert, weil Geld fehlt und der Lebensstil der Eltern nicht immer die beste Unterstützung ist. Das Versagen der Eltern wird von der Politik noch verschärft: Bereits nach der 4. Klasse werden die Kinder nach Leistung auf die verschiedenen Schultypen aufgeteilt. Das ist viel zu früh, um Begabungen auch nur einigermaßen erkennen zu können. Regelmäßig belegen OECD-Studien außerdem, dass Kinder aus Akademikerfamilien von ihren Grundschullehrern deutlich öfter eine Empfehlung für das Gymnasium ausgestellt bekommen, unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung. In den Köpfen der bewertenden Lehrerinnen und Lehrer sitzt das Bild im Kopf: Akademikerkinder müssen Akademiker werden. Außerdem wollen sie sich Ärger mit den Eltern ersparen, die gar keine Alternative für ihren Nachwuchs sehen als die Universität. Anders als Arbeiterfamilien, für die Hochschulbildung immer noch exotisch ist und der Junge lieber eine bodenständige Arbeit in der Fabrik oder der Werkstatt ergreifen sollte.

Besonders dramatisch: 8 Prozent verlassen die Schule ohne jeden Abschluss. Sie haben kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Ohne Bildung sind Armutskarrieren und soziale Spaltung vorprogrammiert. Hier muss die Politik handeln, bevor eine sozial abgehängte Unterschicht entsteht. Dafür müssen Eltern, Kitas und Kindergerten, Schulen und Jugendämter so früh wie möglich zusammenarbeiten.

Chancengleichheit darf nicht nur auf dem Papier stehen. Schon wegen ihrer unterschiedlichen finanziellen und soziokulturellen Startbedingungen sind die Chancen ungleich verteilt. Das Bildungssystem darf diese Ungerechtigkeit nicht noch verschlimmern. Zugangshürden zur Bildung gehören deshalb abgebaut und nicht verteidigt. Studiengebühren schrecken besonders bildungsferne Schichten noch stärker vom Studium ab. Sie machen ein ohnehin schwer durchdringbares Bildungssystem noch undurchdringlicher. Wenn wir wissen, dass Bildung nach wie vor stark von der sozialen und finanziellen Lage der Eltern abhängt, dann braucht es eine wesentlich breitere und bessere Studienfinanzierung als heute, anstatt mit einer Campus-Maut den Weg zur Hochschule zu versperren und selbst in den Schulen mit Büchergeld und immer mehr Gebühren die Bildungsverantwortung der Gesellschaft auf die Familien abzuwälzen.

Stattdessen muss Bildung früher beginnen, um Benachteiligungen auszugleichen. Qualifizierte Kinderbetreuung für die Kleinen ist entscheidend: Bereits im jungen Alter müssen Kinder nachholen können, was ihre Eltern versäumt haben. Dazu gehört sicherlich kein Englischunterricht für Vierjährige, aber jedes Kind muss beispielsweise die deutsche Sprache sprechen können und Gleichaltrige aus anderen sozialen Schichten kennenlernen. Das ist nicht überall selbstverständlich – leider.

Der Grundsatz der freien Bildung darf daher nicht auf die Hochschulen verengt werden: Erst recht muss der Kindergartenplatz mittelfristig gebührenfrei werden, weil sich schließlich im frühkindlichen Alter die Zukunft des Kindes entscheidet. Geld wäre genug da – nur der politische Wille fehlt.

Der Studierenden-Survey der Uni Konstanz, der seit 1982 das Lebensgefühl der Studenten in Deutschland erfasst, registriert einen nüchternen Pragmatismus der jungen Generation. So war die Aussicht auf einen sicheren Job noch vor 20 Jahren nur für ein Drittel der Studenten wichtig für die Studienwahl, heute sind es dagegen schon zwei Drittel. Auch Studenten einer „brotlosen“ Kunst, wie der geisteswissenschaftlichen Fächer, nehmen oft ein solides Wirtschafts- oder Technikfach mit in ihren Studienplan auf, um sich für den Arbeitsmarkt zu rüsten. Zugleich sind mehr Studenten bereit, für den Job umzuziehen oder lange Fahrtzeiten in Kauf zu nehmen.

Die Studenten von heute wollen zügig ihren Abschluss machen und arbeiten intensiver für die Uni als zu den Zeiten der 68er, als sich ein verlorenes Streiksemester noch als kleiner Verlust im Vergleich zur unmittelbar bevorstehenden Weltrevolution darstellen ließ. Trotz gesellschaftlichem Idealismus zieht das Kalkül kalter Kosten-Nutzen-Rechnungen der effizienten Selbstoptimierung zu passgenauem Firmenfutter in die Lebensplanung ein. Es ist ein Zynismus unserer Zeit, dass wir Jungen die Maxime der Flexibilität, die der amerikanische Soziologe Richard Sennett in Der flexible Mensch als zentrale Kategorie des modernen Kapitalismus identifiziert, dermaßen perfekt erfüllen, dass wir uns damit selbst ein Bein stellen, weil wir bereitwillig auch noch so schlechte Arbeitsbedingungen akzeptieren.

Für einige hochqualifizierte Akademiker eröffnet die Erosion der alten Industriegesellschaft durchaus mehr Freiheit zur Selbstverwirklichung: weniger Abhängigkeit und Monotonie, raus aus der Festung der lebenslangen 40-Stunden-Festanstellung. Holm Friebe und Sascha Lobo feiern in ihrem Manifest Wir nennen es Arbeit diese digitale Bohème, die dank dem Internet als Lebens- und Einkommensader glücklich werden möchte und kann. Diese Wissensarbeiter bevölkern mit ihren MacBooks die urbanen Szenecafés und springen von einem Kultur- und Medienprojekt zum nächsten. Sie bestimmen selbst, wann der Wecker klingelt und welche Aufträge sie erledigen wollen – Hauptsache, sie können davon die Miete ihrer Altbauwohnung und den täglichen Café Latte bestreiten. Wie erfüllend diese neue Freiheit sein kann, ist an dem dynamischen Tatendrang zu erkennen, wie er in den Epizentren der Netzarbeiter, wie dem Betahaus in Berlin-Kreuzberg, in der Luft liegt. Arbeit und Freizeit verschwimmen, denn man tut gerne, was man tut. So manche dieser neuen Freiberufler machen den Verlust an Sicherheit und Einkommen wett durch einen Zugewinn an Autonomie und Motivation. Manche träumen daher gar von einem „positiven Prekariat“, das eigentlich ganz glücklich ist, nicht mehr in den Fesseln der Industriegesellschaft gefangen zu sein.

Für eine privilegierte Schicht von ein paar Programmierern, Werbetextern und anderen Kopfarbeitern mag dieser Traum von Freiheit im Job in Erfüllung gehen. Für die meisten zerfliegt dieser Traum aber derart schnell in Trümmer, dass sie ihn gar nicht erst zu träumen wagen. Das Gros der atypischen Beschäftigungsverhältnisse kann leider keinesfalls als Befreiung von den Zwängen der Industriegesellschaft interpretiert werden. Wenn die ersehnte Selbstbestimmung in fragwürdiger Selbstausbeutung endet und die Ausschreibungen an Kreativarbeit mit jeder kleinen Konjunkturdelle einen dramatischen Einbruch erleiden, erkennt auch die Laptop-Elite: Es war nicht alles schlecht in der alten Arbeitsgesellschaft.

Die meisten Jüngeren sehnen sich nicht nach dem Dasein als flexibler Wanderarbeiter, der von Projekt zu Projekt, von Job zu Job und von Stadt zu Stadt schweift, sondern bevorzugen einen sicheren Job, auf den sie sich auch noch in zwei Jahren verlassen können. Das schöne Leben jenseits der Festanstellung funktioniert selbst für die kreative und unternehmerische Elite nur, wenn ein intakter Sozialstaat das Risiko des Scheiterns absichert und eine menschenwürdige Existenz für alle bewahrt. Doch ebendieser Sozialstaat, der einen auffängt, wenn es mit der ökonomischen Selbstbefreiung doch nicht klappt, befindet sich im Prozess der stückweisen Demontage. Der Traum vom positiven Prekariat, das aus dem Gefängnis der alten Industriegesellschaft ausbricht, ist ausgeträumt, wenn Leistungsbereitschaft in (Selbst-)Ausbeutung abgleitet und auf Leistung keine Gegenleistung folgt.

Wir sind in eine Zeit hineingeboren, in der uns beigebracht wurde, dass wir uns um uns selbst kümmern müssen. Verlass sei nur noch auf uns selbst. Sogar die Prosperität einer Firma versagt als Garant für den eigenen Arbeitsplatz, denn solange sich in einem anderen Land mehr Profit machen lässt, schwebt das Damoklesschwert der Produktionsverlagerung über nahezu jedem Unternehmen. Vom Sozialstaat wissen wir erst recht nichts mehr zu erwarten. Nicht jammern, sondern anpacken, hieß die Losung, auf die wir in der Ära der Macher eingeschworen wurden. In seiner „Aufbruchrede“ zur Agenda 2010 sprach Kanzler Schröder ganze achtzehn Mal von (Eigen-)Verantwortung, neunzehn Mal von (Wahl-)Freiheit. Die Worthülsen vom freien Bürger dienten aber nur als Legitimationsfassade für fortschreitende Entsolidarisierung. „Weniger Staat“ und „mehr Eigenverantwortung“ heißt, dass jeder auf sich selbst angewiesen ist und sich auf andere nicht mehr verlassen kann – schon gar nicht auf den Staat. Wer Pech hat oder nicht das Kind reicher Eltern ist, der fällt eben raus.

Im Sommer 2009 herrschte Aufruhr an den deutschen Hochschulen. Mehr als 230.000 Studenten, Schüler und Azubis gingen zum Bildungsstreik auf die Straße. Sie demonstrierten für die Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen, die soziale Öffnung der Bildungschancen, die Demokratisierung der Bildungsinstitutionen und mehr Geld für Bildung. „Reiche Eltern für alle“ lautet die häufigste Parole auf den Plakaten und Stoff bahnen, doch die Losungen sind vielfältig: „Mehr Lehrer!“, „Mitbestimmung statt Verschulung“, „Nieder mit dem Kapitalismus“, „Massenfächer schaffen Schmalspurhirne!“ oder „Dumm fickt gut“. Als bei der Demo in Berlin an einer Hauswand ein Transparent mit dem Aufruf nach „Krawall und Remmidemmi“ (nach einer Deichkind-Songzeile) entrollt wird, gibt es Jubel und Applaus, wehrend die Studenten lautstark skandieren: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“

So abwechslungsreich die Plakataufschriften sind, so verschieden sind die Motive, wegen derer die Jungen auf die Straße gehen. Es ist eine basisdemokratische Bewegung, organisiert von einem Bündnis aus über 230 lokalen Studenten- und Schülerinitiativen. Eine Bewegung, die keinen Anführer hat, keinen neuen Rudi Dutschke, geeint nur durch ihr gemeinsames Nein zum Status quo des Bildungssystems. Bei der Kundgebung vor dem Roten Rathaus in Berlin bekommt keiner der Redner, sondern der DJ den meisten Applaus – weil Musik das einzige verbindende Element ist, was die vielen Individuen eint, die keine Leitfigur haben.

Als kollektive Zukunftsskepsis und permanenter Leistungsdruck die Studierenden auf die Straße trieben, reagierte die Politik paralysiert. CDU-Forschungsministerin Annette Schavan fiel nichts Besseres ein, als die Proteste als „gestrig“ abzukanzeln, und bezeichnete die Bologna-Reform als „alternativlos“. Erst als ein Experte nach dem anderen bescheinigte, dass die Studenten recht haben, ruderte sie zurück, schob den schwarzen Peter aber den Bundesländern zu. Ansonsten spielten die Politiker die knausrige Tante, die man flüchtig kennt, die einem einen feuchten Kuss auf die Backe drückt, aber keinen Cent Taschengeld zusteckt.

Zunächst schien es, als ob die Studenten mit Ritualen in Form eines symbolischen Bildungsgipfels, mit dem demonstrativen Geschacher um Zuständigkeiten und der fadenscheinigen Wiederholung alter Versprechen abgefertigt würden. Außer Spesen nix gewesen?

Das Protestjahr 2009 zwang schließlich zur Kurskorrektur. Jeder Zeitungsleser in Deutschland weiß seither, dass die wohlgemeinte Bologna-Reform in einem Schlamassel geendet ist. Denn die krassen Fehlentwicklungen im deutschen Bildungssystem – das karge Bildungsbudget, die extrem hohe soziale Selektion, das sagenhafte Scheitern der Bologna-Reform – sind bestens erforscht und bekannt. Nur die Politik kümmerte das bis dato wenig. Das Thema Bildung rückte unversehens nach vorn auf der politischen Agenda. Kaum ein Politiker traute sich, die bisherige Bildungspolitik zu verteidigen, so als sei die Reform vom Himmel gefallen. Die Politiker bekamen es mit der Angst zu tun. Denn sie verstanden, dass man mit schlechter Bildungspolitik Wahlen verliert. Selbst Ministerin Schavan kam letztlich nicht umhin, „handwerkliche Fehler“ beim Bologna-Prozess einzugestehen.

Die Studenten wurden so ernst genommen wie lange nicht mehr, auf viele ihrer Forderungen wurde eingegangen. Eine Reform des Bologna-Prozesses wurde verabredet; in Hessen und im Saarland schaffte die CDU die Studiengebühren nach empfindlichen Wahlniederlagen wieder ab; in Hamburg wurden sie reduziert. Die Studenten haben auf der Straße eine bessere Politik erzwungen.

Freilich kann man die Ansicht vertreten, die Veränderungen gingen zu langsam oder seien zu zaghaft. Zugegeben: Stellenweise ist die tatsächliche Beschlusslage noch mau. Die wirklich fundierte Weichenstellung steht noch an: Weder gegen die soziale Selektion noch gegen die chronische Unterfinanzierung der Bildung wurde etwas unternommen und auch die „Reform der Reform“ von Bologna steht erst am Anfang.

Aber eine Demokratie braucht Zeit, wenn sie sich beraten und nicht halbgare Gesetzesprojekte übers Knie brechen will. Die Konsequenz kann schließlich auch nicht sein, Bologna rückgängig zu machen und auf halbem Wege auszusteigen – in der Pre-Bologna-Ära vor 1999 war schließlich auch nicht alles schön und gut. Nun muss es darum gehen, die Kinderkrankheiten der Reform zu kurieren und den Prozess in ein „positives Bologna“ zu wenden. Ein Pakt Bologna II muss auf den Weg gebracht werden. Vielleicht braucht es erst noch mehr „gestrige“ Proteste, um eine gestrige Hochschulpolitik fit für morgen zu machen.

Wer gute Bildungspolitik denken und machen will, muss mit denjenigen reden, deren Zukunft von einer guten Bildungspolitik abhängt: den Schülern und Studierenden. Dieses Buch ist ein Buch von jungen Menschen, die Schule und Hochschule aus eigenem Erleben kennen und nicht nur als Beobachter darüber reden. Es ist ein Buch von jungen Menschen, die vom heutigen Bildungssystem unmittelbar betroffen sind, es satt haben, noch länger vertröstet zu werden. Sie wollen keine Pragmatiker sein, denen schrittweise Reförmchen genug sind oder die den Weg des geringsten Widerstands gehen. Sie empören sich darüber, was falsch läuft. Und sie geben Anstöße, wie es besser gehen kann.

Dieses Buch analysiert, diskutiert, reflektiert. Es ist eine scharfe Bestandsaufnahme unseres Bildungssystems, es gibt Impulse für ein neues Bildungsverständnis, für neue Wege, für eine neue Art und Weise des Lehrens und des Lernens und vor allem: Es ist ein intellektuelles Vergnügen. Dieses Buch ist Gedankenfutter für die neue Jugendbewegung, die für mehr Demokratie und Gerechtigkeit streitet. Ich wünsche mir, dass die Erkenntnisse in diesem Band die Debatte anfeuern, die Bewegung beflügeln und die Politik auf Trab halten.

Einleitung

Bettina Malter und Ali Hotait

Profi-Hürdenläufer zu werden, ist der Traumberuf eines jeden Kindes1. Zumindest müsste er das sein, wenn man sich die Hindernisse anschaut, die das deutsche Bildungssystem für sie bereit hält. Sei es, die Grundschule mit guten Noten zu bestehen, um auf ein Gymnasium gehen zu können, nach der Schule einen Ausbildungsplatz zu bekommen oder überhaupt gesund das Ziel zu erreichen. Hürdenläufer taucht jedoch nicht in der Top-10-Liste der beliebtesten Ausbildungsberufe auf. Jugendliche wollen lieber Erzieher, Koch oder Mechatroniker werden. Andere träumen davon BWL, Medizin oder Germanistik zu studieren. Um das zu erreichen, müssen jedoch alle den Hürdenmarathon bewältigen. Das Problem: Wer die falschen Voraussetzungen mitbringt oder einen Fehltritt macht, muss entweder steinige Umwege hinnehmen oder wird gar disqualifiziert.

Den Hürdenmarathon, zu dem uns unser Bildungssystem zwingt, zeichnen wir in diesem Buch nach. Dabei stellen wir die verschiedensten Hindernisse dar, denn Hürde ist nicht gleich Hürde. So gibt es die, mit denen alle zu kämpfen haben, die, die sich nur für bestimmte Kinder, Jugendliche und Studierende stellen, und wiederum solche, die direkt mit der Gesellschaft zusammenhängen. Zudem zeigen wir auch institutionelle Hürden auf. In der Wissenschaftssprache nennt man dies institutionelle Diskriminierung. Diese meint Diskriminierungen, die innerhalb einer Institution wie der Schule stattfinden. Es handelt sich dabei meist um „etablierte Strukturen, eingeschliffene Gewohnheiten […] und bewehrte [Handlungsgrundsetze]“2. Darüber wird in Deutschland leider nur selten gesprochen. 3grundsetze]“

Das wollen wir ändern. Dieses Buch ist aus der Idee entstanden, eine Debatte in Deutschland über unser Bildungssystem anzustoßen. Denn alle jungen Autoren dieses Buches sind sich einig: Es muss sich etwas verändern!

Vielen ist nicht bekannt, dass es in unserer Bildungslandschaft Hürden gibt. Oft herrscht das Bild vor, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied sein könnte, allein weil die Bildung in Deutschland kostenlos ist. Dass dies leider nicht so einfach ist, werden die einzelnen Kapitel zeigen.

Dieses Buch gibt analysierende und auch persönliche Einblicke in die Bildungsläufe einer Generation. Alle Autoren sind zwischen 19 und Anfang 30 und zeigen Hürden auf, die sie selbst erlebt haben oder die sie besonders problematisch finden. So wechseln sich analysierende Kapitel mit kurzen Selbstporträts ab. Diese sollen die zentrale Frage des Buches widerspiegeln: Was macht das Bildungssystem mit den Menschen, die darin lernen?

So ist das Buch wie ein Hürdenlauf aufgebaut und daher beginnen wir mit der frühkindlichen Bildung und zeigen, welchen Problemen sich schon Kinder stellen müssen. Für viele werden bereits die Wahl des Kindergartens oder die Einschulung zum Fehlstart. Häufig spielt hier der sogenannte sozioökonomische Hintergrund eines Kindes eine große Rolle, also aus welchen sozialen und finanziellen Verhältnissen es kommt.

Im darauffolgenden Abschnitt geht es vor allem um die Selektion nach der Grundschule und was dies für Jungen und Mädchen bedeutet. Seit der PISA-Studie ist klar, dass der Bildungserfolg eines Kindes maßgeblich von der Bildung der Eltern abhängt. Die Lauf bahnen sind vorgezeichnet und es ist schwer aus diesen auszubrechen, wie wir zeigen werden. Das Dramatische hierbei ist, dass diese Ungerechtigkeit bekannt ist und dennoch stark an der Dreigliedrigkeit, also an der Trennung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium festgehalten wird. Wir sollen aus der Vergangenheit lernen, um die Zukunft besser zu gestalten, wird schon im Geschichtsunterricht gelehrt. Für das Bildungssystem gilt dies aber offenbar nicht. Denn hier klammert sich die Politik und die Gesellschaft an die veralteten Strukturen, die ihren Ursprung im Kaiserreich haben. Entscheidend für die Organisation der Schule war das Jahr 1787. In dem Jahr wurde das sogenannte Oberschulkollegium gegründet, durch das die Schulen in Preußen zum ersten Mal zentral verwaltet wurden.4 Der erste Leiter dieser Behörde beschrieb in einem Plan seine Vorstellung, wie das preußische Schulwesen organisiert werden sollte. Für ihn war klar, „daß der Bauer anders als der künftige […] Bürger, und dieser wiederum anders als der künftige Gelehrte […] unterrichtet werden muß. Folglich ergeben sich drei Abteilungen aller Schulen des Staates; nämlich: 1) Bauer- 2) Bürger- und 3) Gelehrte Schulen.“ 5

Dieses Denken versteckt sich auch in der heutigen Dreigliedrigkeit unseres Schulsystems und erschwert dadurch den Bildungsaufstieg eines Kindes ungemein. Inzwischen hat sich diese Dreigliedrigkeit ausgeweitet. So gibt es beispielsweise noch Förderschulen und Gesamtschulen, weswegen wir im Buch immer von einer Mehrgliedrigkeit sprechen werden.

Der Aufstieg durch Bildung wird dann im folgenden Abschnitt thematisiert, in dem sich die Jugendlichen schon mitten im Hürdenmarathon befinden. Welche Pläne haben Jugendliche nach der Schule? Welche Hürden gibt es, eine gute Ausbildung zu finden? Und wie funktioniert es eigentlich, ohne Abitur zu studieren? Für dieses Buch haben wir Interviews mit Schülern geführt, die kurz vor ihrem Schulabschluss stehen und die wir nach ihren Zukunftsvisionen und Plänen gefragt haben. Durch diese Studie wird deutlich, wie stark die Schüler selbst die für sie vorgezeichneten Laufbahnen verinnerlicht haben und ihnen oft andere Optionen gar nicht bekannt sind.

Um die Hürdenelite, also um Probleme wehrend und nach dem Studium, geht es im darauffolgenden Abschnitt. Hier werden weitere Hürden, wie der Übergang vom Bachelor zum Master oder die Möglichkeit als Fachhochschulabsolvent zu promovieren, beleuchtet. Ein besonderes Augenmerk wird auf das Thema Depression gelegt, da in den vergangenen Jahren verstärkt auch Studierende betroffen sind.

Die nächste Abschnittsüberschrift Staffellauf statt Hürdenlauf spiegelt die Vision wider, die wir für das Bildungssystem haben. Es soll also ein Lauf sein, in dem Jugendliche keine Hürden überwinden, sondern gemeinsam mit Eltern, Lehrern und anderen Begleitern ihren Weg gestalten. Visionen finden sich immer in den einzelnen Kapiteln wieder, wobei es auch Kapitel gibt, die hauptsächlich Vorschläge diskutieren.

Abschließend werden die derzeitigen Debatten um Bildung ausführlich analysiert und es wird dargelegt, welchen Herausforderungen man sich stellen muss, wenn man solch eine Debatte gestalten will.

Dieses Buch soll darauf hinweisen, wie problematisch unser derzeitiges Bildungssystem ist und dass es keiner kleinen Reförmchen bedarf, sondern einer grundlegenden Veränderung – einer Revolution. Wir sind eine Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft definiert. Bildung hat also einen hohen Stellenwert und ermöglicht darüber hinaus den sozialen Aufstieg. Um so entscheidender ist es, dass jetzt endlich entsprechende Schritte folgen, die Hürden abzuschaffen.

Wir hoffen, Sie hierdurch anzuregen, das derzeitige System zu überdenken, in Frage zu stellen und darüber zu diskutieren.

Kommt Zeit, kommt Kind – warum sich frühkindliche Bildung wandelt

Maria B. Jung und Daniela Militzer

Wie konnte aus unserer Generation und all jenen vor uns nur etwas werden?

Sprachkurse, Kunstkurse, Tanzkurse, musikalische Frühförderung, Kinderturnen, Schwimmkurse, Yoga, psychisches und physisches Training, Kinderuni: Ein so reichhaltiges Angebot gab es für uns nicht. Heute stehen Eltern jedoch vor einer nahezu unüberschaubaren Menge unterschiedlichster Förderprogramme für ihre Sprösslinge. Und allesamt nehmen für sich in Anspruch, den Kindern lebensrelevante Kompetenzen zu vermitteln. Die Veranstalter richten sich gezielt an Kinder von null bis sechs Jahren. Ist das übertrieben?

Für viele Eltern offenbar nicht, denn sonst gebe es diese Fülle an Angeboten nicht. Denn wie heißt es so schön: Wo es keine Nachfrage gibt, da ist kein Markt. Kinder sollen heutzutage schnellstmöglich all das Lernen, was für ein Leben in unserer Gesellschaft erforderlich ist. Hierzu gehört offenbar, dass sie möglichst früh mehrere Sprachen sprechen und gleichzeitig mathematische, musikalische sowie sportliche Fähigkeiten entwickeln. Normales, gesundes Entfalten wird vorausgesetzt. Doch was genau braucht eigentlich ein Kind für seine Entwicklung?

Die Welt der Ratgeber

Geht man in eine Buchhandlung, um sich ein Buch zur Kindererziehung zu besorgen, ist man schnell überfordert mit der Fülle an Ratgebern, Erfahrungsberichten und Fachbüchern: Kinderjahre, Das kompetente Kind, Kindersprechstunde, Was dein Kind dir sagen will, Schwierige Kinder glücklicher machen. Allein die Titel machen die unterschiedlichen Herangehensweisen der Pädagogen, Psychologen, Ärzte und weiterer Fachleute deutlich, und es wird schnell klar: Eltern können eigentlich nur alles falsch machen.

Dennoch, bei der Frage, was das Wichtigste für ein Kind ist, sind sich die meisten Autoren einig. Als erstes müssen die elementarsten Bedürfnisse wie Hunger und Pflege befriedigt werden.6 Hierbei muss es Verlässlichkeit und Sicherheit durch die Eltern und andere Betreuungspersonen erfahren. Denn liebevolle Beziehungen dienen dem Kind als sichere Basis, um seine Umwelt zu erkunden. So versichert es sich beispielsweise, ob seine Mutter noch da ist und es wahrnimmt, wenn es an ein Spielzeug gelangen will und sich deswegen etwas entfernt.

Doch schon längst kommt es nicht mehr nur auf die Grundbedürfnisse des Kindes an – die unzähligen Förderprogramme sind der beste Beweis. Eltern haben schon früh die Bildungsbiografie ihrer Zöglinge im Blick. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass in den letzten Jahrzehnten Studien gezeigt haben, dass Kinder vor dem sechsten Lebensjahr unglaublich wissbegierig sind und sich enorm entwickeln.7 In keinem Alter lernt das Kind so viel wie in dieser Entwicklungsphase seines Lebens. Damit rückte die frühkindliche Bildung stark ins Zentrum des öffentlichen Interesses. Denn in der frühen Kindheit liegen bislang viele Entwicklungschancen brach und die sollen zukünftig genutzt werden.

Dies kann aber nur gelingen, wenn das Kind in einem fördernden Umfeld aufwächst. Die Familie dient dabei als erste Lebens- und Erfahrungsumwelt. Die Bedingungen, die es dort vorfindet, und welche Kompetenzen es durch sie erwirbt, beeinflussen es maßgeblich.8 Zu den familiären Bedingungen zählen vor allem das Einkommen, die Bildung und die Herkunft der Eltern – die zudem häufig wiederum voneinander abhängig sind. So werden einem Kind, das beispielsweise in einer Familie mit einem niedrigen Einkommen und wenig Spielangebot aufwächst, demnach schlechtere Voraussetzungen für seinen Bildungsweg bescheinigt. Was ist also mit Kindern deren Eltern keine vielversprechenden Bedingungen bieten können oder wollen?

In der Fachsprache werden sie Risikokinder9 genannt. Aufgrund ihres Umfelds, in das sie hinein geboren werden, gelten sie als entwicklungsgefährdet. Gesundheitliche oder familiäre Belastungen spielen meist schon vor der Geburt eine Rolle. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich schlechter entwickeln als andere Gleichaltrige. Grundsätzlich sind sie genauso fähig, alles zu erreichen. Allerdings haben sie schlechtere Ausgangsbedingungen und um die auszugleichen, bedarf es im derzeitigen Bildungssystem eines langen Hürdenlaufes, an dem dennoch viele scheitern. Einige Kinder entwickeln jedoch eine Widerstandsfähigkeit, wodurch sie in der Lage sind, mit Problemen umzugehen und Widerstände zu bewältigen. Aufgrund dessen gibt es Kinder, die trotz hohen Barrikaden das Bildungssystem erfolgreich durchlaufen.

Hierfür ist es wichtig, die Lebenswelt des Kindes so zu gestalten, dass es seine eigenen Widerstandskräfte ausbauen kann. Lebensumfelder wie die Familie und der Kindergarten müssen daher dem Kind Raum geben, damit es sich entwickeln kann. So dienen diese Erfahrungen dann als Rückhalt.10 Frühe außerfamiliäre Betreuung kann Kindern diese vielfältig unterstützende Erfahrungswelt ermöglichen. Dies sollte optimalerweise dazu führen, dass vorhandene Benachteiligungen ausgeglichen werden oder sich sogar zu Stärken des Kindes entwickeln können. Da Kinder beispielsweise in unterschiedlichen Gegenden aufwachsen, entspricht dieses Ziel jedoch in unserer Gesellschaft, insbesondere in Großstädten, häufig einer Utopie. Die Sorge, dass das eigene Kind durch sozial benachteiligte Kinder selbst nicht ausreichend gefördert wird, ist groß. So kommt es, dass lieber ein höherer Kindergartenbeitrag bezahlt wird, um das Kind nicht in eine öffentliche Einrichtung geben zu müssen. Umgekehrt führt das vereinzelt dazu, dass die öffentlichen Einrichtungen versuchen, bildungsorientierte Eltern durch eine strikte Trennung der Kinder in unterschiedliche Gruppen zu halten. Natürlich wird das nicht offiziell so dargestellt, aber dennoch entspricht es der Praxis. Schnell kommt einem hierbei das Lied von Franz Josef Degenhardt aus dem Jahr 1965 in den Sinn: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder“ – das ist auch heute noch aktuell. Dass Kindern damit kein Gefallen getan wird, ist offensichtlich. Es sei denn, man ist bestrebt, dass in unserer Gesellschaft Kinder von vornherein wissen, in welche Schicht sie gehören und dass sie diese auch nicht verlassen sollen. Kindern muss es aber ermöglicht werden, von klein auf zu erleben, dass sie alle unterschiedlich aufwachsen und dass dies nicht grundsätzlich ein Nachteil sein muss. Im Gegensatz zu Erwachsenen ist es Kindern egal, wo der beste Freund herkommt oder ob die Eltern ein eigenes Haus haben. Kinderaugen haben noch nicht den wertenden Blick und betrachten ihre Spielkameraden anders. Es kommt also nicht darauf an, Kinder voneinander zu trennen, sondern sie vielmehr zusammen aufwachsen zu lassen. Kindertageseinrichtungen können hierfür ein Ort der gemeinsamen Bildung und Betreuung sein.

Kindheit wird Bildungszeit

Innerhalb der ersten Lebensjahre wird das elterliche Umfeld um die Kita erweitert.11 Wann genau Kinderkrippe oder Kindergarten zum Lebensumfeld des Kindes hinzukommen, hängt von seinen Eltern ab. Sind diese beispielsweise berufstätig, nehmen sie vielleicht früh eine Betreuung für ihr Kind in Anspruch. Bereits acht Wochen nach der Geburt ist das in Deutschland möglich. Im Jahr 2011 wurde im Schnitt jedes vierte Kind unter drei Jahren betreut. 12 Im bundesdeutschen Vergleich sind die Quoten allerdings sehr unterschiedlich. Einerseits liegt dies an mangelnden Plätzen, andererseits aber auch an unterschiedlichen Einstellungen. Wehrend es in den neuen Bundesländern gesellschaftlich anerkannter ist, Kinder früh in eine institutionelle Betreuung zu geben, ist es in den alten immer noch ein Streitpunkt. Hier werden Eltern schnell als „Rabeneltern“ abgestempelt, wenn sie ihre Kinder früh außerfamiliär betreuen lassen.

Ob ein Kind früher oder später in den Kindergarten geht, kann seine Entwicklung allerdings beeinflussen. Da die Bildungschancen eines Kindes in Deutschland noch immer stark von seiner Herkunft abhängen und davon, welche sozialen und kulturellen Welten die Bezugspersonen dem Kind eröffnen können, ist gerade für Familien aus bildungsfernen Schichten der Besuch des Kindergartens entscheidend. Dem Kind werden dadurch vielfältige Lerngelegenheiten geboten. Doch auch Kinder aus bildungsnahen Familien profitieren von dem großen Bildungsangebot und werden nicht durch vermeintlich schwächere Kinder in ihrer Entfaltung gehemmt, wie oft befürchtet wird. Zudem konnten Studien zeigen, dass der Kindergartenbesuch einen langfristig spürbaren Effekt auf die Bildung von Kindern haben kann.13

Durch dieses entdeckte Potential hat sich der Blick auf Kindertageseinrichtungen maßgeblich gewandelt und wirkt sich auch auf die Tagesstätten aus. Schon längst hat eine Kindertageseinrichtung den Status einer Aufbewahrungsanstalt verloren und man spricht von Bildungsorten. Spätestens seit der PISA-Studie14 wird die Phase vor dem Schuleintritt auch als Bildungszeit gesehen. Dass Schüler in Deutschland im internationalen Vergleich schlechter abschnitten, soll damit ausgeglichen werden, dass man mit der Bildung schon vor der Schule beginnt. Und so ist die Liste an Programmen, Maßnahmen und Angeboten, um Kitas zu Bildungsorten umzugestalten, lang. Und der Blick richtet sich immer mehr auf das „Produkt“, das am Ende der Kindergartenzeit herauskommen soll.

Dies hat zur Folge, dass die Qualität eines Kindergartens verstärkt an der erfolgreichen Anpassungsleistung von Kindern an das System Schule gemessen wird. Anders gesagt: Kitas werden mitverantwortlich für den späteren schulischen Erfolg gemacht. So gehört es nun verstärkt zu ihren Aufgaben, die Kinder auf die schulischen Anforderungen vorzubereiten. So müssen sie beispielsweise schulische Vorläuferkompetenzen vermitteln. Dazu gehört es, durch Reimen, Hören, Lauschen einen bewussten Sprachgebrauch zu entfalten und sich in mathematischem und naturwissenschaftlichem Denken zu üben. Sozial-emotionale Fähigkeiten wie Selbstsicherheit, Disziplin und Verantwortung auszubilden, gehört ebenfalls zum Aufgabenspektrum. Auch motorische Fertigkeiten wie Springen, Laufen, Schreiben müssen ausgebaut werden. Ein langer Aufgabenkatalog, der, auch wenn er auf spielerische Weise vermittelt wird, den Druck und die Erwartungen gegenüber den Kindern erhöht. An sich handelt es sich bei den genannten Vorläuferkompetenzen um ganz natürliche Entwicklungsschritte eines Kindes. Nun aber von einem Aufgabenkatalog zu sprechen zeigt, welche Haltung gegenüber dem Kind eingenommen wird: Nicht das Kind steht im Vordergrund, sondern die künftigen Anforderungen der Schule.

Ist es für ein Kind aber wirklich so wichtig, dass es den Stift so hält, wie es vorgesehen ist? Oder reicht es nicht aus, dass es eine eigene Form gefunden hat zu schreiben? Es hat wenig Sinn, Jungen und Mädchen nur anhand eines Aufgabenkatalogs zu betrachten. Viel wichtiger ist es, jedes Kind einzeln für sich zu betrachten, also einen individuellen Blick zu haben, denn so kann Sorge getragen werden, dass frühkindliche Bildung nicht zum Fehlstart eines Kindes wird. Damit das erfolgreich funktioniert, braucht es gute Kindergerten und qualifiziertes Fachpersonal.

Die bessere Fachkraft – ausgebildet oder studiert?

Neben einem kindgerechten Umfeld muss also auch dafür gesorgt werden, dass die pädagogischen Fachkräfte erkennen können, welche Bedürfnisse, Interessen oder Schwierigkeiten ein Kind hat. Dafür braucht es jedoch entsprechende Rahmenbedingungen, etwa ausreichend Zeit, um individuell auf Kinder einzugehen. Entscheidend ist aber auch, wie Fachkräfte geschult sind. Da die Anforderungen an pädagogische Fachkräfte gestiegen sind, ist in den letzten zehn Jahren eine Debatte um die Professionalisierung in der frühen Bildung entstanden. Hierbei wurde vor allem gefordert, die Ausbildung anzupassen.

Die derzeitige Erzieherausbildung basierte auf Inhalten, die eine Berufstätigkeit mit Kindern von null bis 18 Jahren vorsieht. Verglichen mit anderen Ländern war Deutschland bisher das einzige Land in Europa, in dem Mitarbeiter im frühkindlichen Bereich keine Hochschulausbildung absolvieren mussten. Seit dem Wintersemester 2004/2005 hat sich aber der Studiengang Frühpädagogik etabliert. Inzwischen gibt es in Deutschland etwa 60 Bachelor-Studiengänge mit teilweise sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Durch die derzeitige Entwicklung von Masterstudiengängen ist davon auszugehen, dass sich die Zahl der Studiengänge weiter erhöht.15 Das ist Chance und Fluch zugleich. Einerseits erhalten die Bildungseinrichtungen dadurch vielseitige Fachkräfte, andererseits ist die Vielfalt für die Praxis unübersichtlich und verwirrend für Arbeitgeber und Studieninteressierte.16

Mit Blick auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes erscheint die Diskussion um die Aus- und Fortbildung der Fachkräfte sinnvoll. Dennoch wird sie abstrakt und fernab vom Kind geführt. Man fragt sich, wie das einzelne Kind davon profitieren kann, wenn es von einer studierten Fachkraft betreut wird statt von einer Kinderpflegerin oder Erzieherin. Ist es nicht viel wichtiger, dass die betreuende Person in der Lage ist, auf die individuellen Probleme eines Kindes einzugehen?

Nimmt man das Beispiel der Körperpflege des Kindes, so ist eine Kinderpflegerin oder Erzieherin hier häufig erfahrener als eine akademisch ausgebildete Fachkraft. Geht es allerdings um das Erkennen von Entwicklungsverzögerungen des Kindes, so hat eine akademische Fachkraft gelernt, fachlich fundiert diese gegenüber den Eltern anzusprechen, zu benennen und mögliche Hilfen anzubieten. Es darf bei der Professionalisierung der Ausbildung also nicht darum gehen, den bisherigen Erzieherberuf abzuschaffen. Denn die unterschiedlich ausgebildeten Fachkräfte können sich im Sinne des Kindes gut ergänzen und gegenseitig fördern.

Auch wenn die Diskussion um die Professionalisierung dringend notwendig ist, so darf der Kindergartenalltag vor lauter Veränderungen nicht vergessen werden. Dies kann gelingen, wenn alle Fachkräfte gemeinsam kindorientiert zusammenarbeiten. Dafür muss allerdings die gegenseitige Skepsis unter dem pädagogischen Personal ausgeräumt werden, um Vorteile, die durch die inhaltlich unterschiedliche Schwerpunktsetzung entstehen, in der Praxis nicht verpuffen zu lassen.

Im Trend doch fern vom Ziel

Ein Vorteil, der durch die hohe Professionalität des Fachpersonals entsteht, ist die Möglichkeit, neue pädagogische Konzepte umzusetzen, bei denen beispielsweise die Einzigartigkeit der kindlichen Entwicklung im Mittelpunkt steht. In den vergangenen Jahren wurden pädagogische Konzepte entwickelt und in der Praxis erprobt, die auf die neuen Erkenntnisse der Forschung und die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens reagieren. Deutschland ist eine Wissensgesellschaft geworden und um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen, sind ein guter Schulabschluss oder gar ein Universitätsabschluss enorm wichtig. Das wirkt sich auch auf die frühkindliche Bildung aus, denn die Qualität dieser beeinflusst den Schulerfolg eines Kindes maßgeblich. Hier darf aber nicht der Schluss gezogen werden, die kindliche Erziehung nur an die Anforderungen der Schule anzupassen. Entscheidend ist nur, dass jedes Kind den Raum und die Unterstützung bekommt, den es für seine Entwicklung braucht. Beispielhaft dafür sind die vom Deutschen Jugendinstitut entwickelten Bildungs- und Lerngeschichten17 und das infans-Konzept18 der Frühpädagogik. Hier werden Spiel- oder Alltagssituationen, und somit indirekt Lern- und Bildungsprozesse, durch die pädagogischen Fachkräfte in einem ersten Schritt meist in schriftlicher Form beschrieben und anschließend reflektiert. Dadurch können Handlungs- und Unterstützungsangebote für das einzelne Kind entwickelt werden. In beiden Konzepten werden die einzelnen Schritte fortwährend dokumentiert. Durch diesen sich wiederholenden Prozess ist es möglich, das Kind mit seinem Zugang zur Welt besser zu verstehen und es entsprechend der individuellen Interessen und Stärken zu unterstützen. Auf dieser Grundlage sollen auch die Lernfelder betrachtet werden, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht im Blickwinkel des Kindes lagen. Dadurch können ihm neue Bildungsmöglichkeiten eröffnet werden. Die Konzepte Bildungs- und Lerngeschichten und infans machen sich stark für einen positiven und stärkenorientierten Blick auf jedes einzelne Kind und distanzieren sich von einer Defizitorientierung.

Mittlerweile setzen immer mehr Kitas in Deutschland diese Ansetze um. Doch profitieren Kinder tatsächlich von solch einer Haltung, wie sie in den beispielhaft aufgeführten Konzepten verlangt wird?

An dieser Stelle kann es nur ein klares Ja geben. Nicht nur unsere eigenen Erfahrungen aus der Kindheit zeigen, dass vor allem Dinge, die einen interessieren oder faszinieren, zum Erforschen angestiftet haben. Auch aktuelle Studien belegen, dass sich individuelle Lernförderung positiv auf Kinder auswirkt.

Folglich muss man Kindern den Raum geben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und sie bei ihrem Lernprozess mit Material und Hilfestellungen unterstützen. Dies mag simpel klingen, doch scheint es Erwachsenen immer wieder schwerzufallen, ihre eigenen Interessen in den Hintergrund zu stellen und sich am Entwicklungsrhythmus der Kinder zu orientieren. Dadurch kann es zu solch unzähligen Förderprogrammen kommen, die ein Kind schnell überfordern können. Anstatt jeden Tag einen weiteren Kurs zu besuchen, braucht es Zeit.

Es gibt aber auch kritische Stimmen, die den individuellen Konzepten vorwerfen, die Kinder dadurch nicht ausreichend zu unterstützen, zu spät einzugreifen oder gar zu ignorieren, wenn Entwicklungsverzögerungen auftreten. Die Kritik ist berechtigt, doch muss auch klargestellt werden, dass dies nicht passiert, wenn die Konzepte korrekt umgesetzt werden. Wenn man die Konzepte ernst nimmt, so wird durch die Beobachtung und Dokumentation ein genaues Bild jedes einzelnen Kindes in einer Kita vorliegen und kein Kind unbeobachtet bleiben. Somit kann viel schneller und gezielter in kritischen Situationen gehandelt werden, wovon vor allem benachteiligte Kinder profitieren. Es ist also wichtig, dass mehr Kitas diese Konzepte umsetzen, wobei es wichtig ist, dass Fachkräfte einer Tageseinrichtung gezielt zusammenarbeiten. Eine Herausforderung, die es anzunehmen gilt. Den immer mehr Kitas, die inzwischen mit solchen Konzepten arbeiten, gebührt große Hochachtung, denn sie stellen mit aller Konsequenz die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder in den Fokus pädagogischer Arbeit. Diese Bemühungen sollten auch Akzeptanz und Einfluss außerhalb der Kitas finden, so beispielsweise in der Schule.

Viele Köche verderben den Brei

Da die Qualität der Kindergerten so entscheidend für den Bildungserfolg ist, hat jedes Bundesland sogenannte Orientierungspläne erstellt. Darin wird festgelegt, wie der Kindergartenalltag gestaltet sein soll, sprich: Es wird versucht, eine einheitliche Qualität in Kindergerten zu garantieren.21 Da jedes Bundesland einen eigenen Orientierungsplan entwickelt hat, in manchen Ländern heißt er auch Bildungsplan, unterscheiden sie sich allein schon im Umfang. Wehrend beispielsweise der Orientierungsplan von Niedersachsen22 insgesamt 60 Seiten umfasst, ist der bayerische23 Plan 253 Seiten stark. Sicherlich kann aufgrund der Seitenzahl keine Aussage darüber getroffen werden, wie sinnvoll und hilfreich diese sind. Dennoch zeigt sich daran die unterschiedliche Herangehensweise – denn diese liegen sehr wohl auch inhaltlich vor. So gibt es z. B. unterschiedliche Vorgaben in Bezug auf die pädagogische Orientierung sowie die Verbindlichkeit für die einzelnen Einrichtungen. Wehrend der bayerische Bildungsplan ausführlich die Lernwege und -ziele für die Kinder vorschreibt, wird dies im nordrheinwestfälischen24 Bericht eher offengehalten. Im Berliner Bildungsprogramm25 wird den Fachkräften wiederum vermittelt, wie sie die einzelnen Bildungsaspekte mit dem Alltag der Kinder verknüpfen können, ohne dass es sich gleich um „Unterrichtseinheiten“ handelt.

Wie sich die unterschiedlichen Bildungs- beziehungsweise Orientierungspläne auf die Bildung der Kinder auswirken, ist bislang nicht erforscht. Klar ist jedoch, dass durch die unterschiedliche Ausrichtung der Pläne bereits innerhalb Deutschlands ungleiche Voraussetzungen für frühkindliches Lernen entstehen. Hier werden Probleme, die im schulischen Kontext bereits altbekannt sind, wie unterschiedliche Lehrpläne oder Lehrbücher, bereits in die frühe Kindheit vorgezogen, so dass Kinder mit verschiedene Voraussetzungen eingeschult werden. Wenn nun auch noch Aspekte von sozialer Benachteiligung hinzukommen, mag man sich die Auswirkungen kaum vorstellen. Es ist demnach fragwürdig, inwieweit diese Pläne tatsächlich eine Verbesserung für Kinder darstellen, wenn jedes Bundesland seinen eigenen Masterplan verfolgt.

Ein Gütesiegel allein sichert keine Qualität

Mit der gesetzlichen Verankerung26 der Pflicht, mehr Kindergarten- bzw. Krippenplätzen in Deutschland zu schaffen, rückte auch zunehmend die Frage nach der Qualität der Kitas27 in den Fokus der Öffentlichkeit. Da die mangelnde Qualität eines Kindergartens zu einer Hürde für das Kind werden kann28, ist die Frage nun, wie diese garantiert werden kann.

Die sogenannte Nationale Qualitätsinitiative im System der Tageseinrichtungen29, an der sich seit 1999 zehn Bundesländer beteiligen, ist exemplarisch für die aktuellen Qualitätsbestrebungen in Kindertageseinrichtungen der Länder. In diesem Zusammenhang entstand der Nationale Kriterienkatalog, anhand dessen nun die Qualität von Kindertageseinrichtungen überprüft werden kann. Zudem wurde mit der Veröffentlichung „pädagogische Qualität entwickeln“30 Hilfestellung zur internen Evaluation in Tageseinrichtungen für Kinder gegeben. Mit dem deutschen Kindergarten-Gütesiegel31 wurde im gleichen Zuge eine Möglichkeit der externen Evaluation bzw. Qualitätserhebung geschaffen.

Durch diese Verfahren können bestehende Strukturen und Prozesse stetig überdacht werden. Zudem ist es so möglich, die pädagogische Arbeit weiterzuentwickeln und auf neue Herausforderungen zu reagieren. Dadurch beeinflussen sie also indirekt die Entwicklung der einzelnen Kinder.

Aus Kindersicht kann dies nur gutgeheißen werden, da angestrebt wird, die pädagogische Arbeit ständig zu optimieren. Solche Verfahren können aber nur dann für Kinder von Nutzen sein, wenn Kitas verpflichtet werden, diese Vorgaben auch umzusetzen. Ist dies nicht garantiert, wie zurzeit in Deutschland der Fall, ist die Qualität der Kindertageseinrichtungen sehr unterschiedlich. Inwieweit Kinder adäquat betreut und gefördert werden, ist dann mehr oder minder dem Zufall überlassen. Ob dies nun in Form eines Gütesiegels oder durch anderer Maßnahmen umgesetzt wird, ist dabei dann nicht maßgeblich. Entscheidend ist vielmehr ein verpflichtendes, verlässliches und nachvollziehbares System, das es möglich macht, bundesweit die Umsetzung von Qualitätsstandards zu überwachen. Deshalb muss es sich die Bundesregierung zur Aufgabe machen, die Qualitätsstandards in den Kitas zu überprüfen und verstärkt einzufordern.

Nutzt die Gunst der Stunde

In jedem Fall muss die Aufmerksamkeit, die der frühkindlichen Bildung derzeit zuteil wird, genutzt werden. Vor allem weil viel in diesem Bereich investiert wird. Somit kann wirklich etwas bewegt werden, da sich die Qualität der Kindertageseinrichtung direkt auf den Schulerfolg von Kindern auswirkt. Dennoch sollte vorschulische Bildung nicht als Zulieferbetrieb des Schulsystems betrachtet werden. Ein Kindergarten sollte vielmehr als ein geschützter Ort für individuelle Entwicklung und Bildung von Kindern betrachtet werden. Diese Orte müssen für alle Kinder zugänglich sein – eine Aufgabe, die es noch stärker anzugehen gilt.

Derzeit werden viele Gelder zur Verfügung gestellt, um mehr Kindergartenplätze zu schaffen, so dass man dem Rechtsanspruch jedes Kindes auf einen Betreuungsplatz nachkommen kann. Andererseits werden die Gelder aber auch in die Forschung und Ausbildung investiert. Entscheidend wird jedoch sein, welche Projekte, Studien und Programme unterstützt werden und ob diese positive Entwicklungen im Bereich frühkindlicher Bildung anstoßen. Wir können es uns nicht leisten, die freigesetzte Energie verpuffen zu lassen.

Dennoch reichen die Bemühungen in den aufgeführten Bereichen wie der Professionalisierung, der Qualitätsentwicklung und der Entwicklung pädagogischer Konzepte noch nicht aus. Die Frage ist, wie sich die erworbenen Kompetenzen wehrend der Kindergartenzeit in Bezug auf die Bildungsverläufe von Kindern auswirken. Dies kann aber nur im Kontext der Familie und des Schulsystems diskutiert werden. Nur wenn die Anschlussfähigkeit der Systeme gegeben ist, können Bildungsverläufe nachhaltig unterstützt werden. Hierfür müssen die Übergänge aktiv mitgestaltet werden. Ein Kind ist nicht von einem Tag auf den anderen ein Schulkind, bloß weil es im passenden Alter ist. Die Verantwortung hierfür trägt aber nicht allein die Kindertageseinrichtung. Auch die Grundschule als folgende Bildungseinrichtung hat bereits vor, wehrend und nach dem Schuleintritt seinen Anteil daran. Folglich ist es eine gemeinsame Aufgabe von Kindergarten und Schule, das Kind und seine Eltern in der Übergangszeit zu begleiten. Die vorgestellten pädagogischen Konzepte können hierfür eine gutes Hilfsmittel sein. Sie sind wesentlich mehr am Kind orientiert als irgendwelche Schulvorbereitungskurse, die dem Kind bereits vor dem Schuleintritt die Freude am Lernen zunichte machen.

Es bleibt also wichtig, was wir schon in unserer Kindheit hatten: Kinder brauchen Zeit und Vertrauen, um sich zu entwickeln. Dann tun sie es auch.

Von der Förderschule behindert – Ein Plädoyer für die Vielfalt

Laura Hoffmann

Wird über das deutsche Schulsystem diskutiert, spricht man allgemein von einem dreigliedrigen Modell, womit die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium gemeint sind. Bei dieser Aufzählung wird allerdings vergessen, dass viele Schüler diese Schulen nicht besuchen dürfen und auf eine weitere Schulform gehen: die Förderschulen. Dort lernen Schüler mit sogenannten Beeinträchtigungen wie einer Lernschwäche oder einer Seh- oder Körperbehinderung. Diese Schulen sind seit langem fester Bestandteil des deutschen Schulsystems und so muss man korrekterweise von einem viergliedrigen Schulsystem in Deutschland sprechen. In der öffentlichen Debatte jedoch werden diese Schulen oft unterschlagen und gelten als „Ausnahmeschulen“, die als solche nicht Teil des allgemeinen Schulsystems sind.

Die Trennung, die zwischen dem allgemeinen Schulsystem und den Förderschulen vollzogen wird, spiegelt sich auch in der Gesellschaft wider: Die Aufteilung von Kindern und Jugendlichen auf Förderschulen ist nämlich einer der Gründe dafür, dass Menschen mit geistigen, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen in Deutschland nicht selbstverständlich zu unserem Alltag gehören. Die Frage ist also, wie wir als Gesellschaft mit Unterschiedlichkeit und den daraus resultierenden verschiedenen Bedürfnissen umgehen wollen.

Die Trennung von Schülern verdeutlicht auch, wie Bildung in Deutschland derzeit verstanden wird. Allein die Existenz dieser Schulen zeigt, dass eine Trennung zwischen beeinträchtigten Menschen und den vermeintlich „Normalen“ für sinnvoll gehalten wird. Dabei wird oft argumentiert, dass Schüler mit Beeinträchtigungen auf separaten Schulen besser gefördert werden können. Doch ist das wirklich der Fall?

Gut gemeint ist schlecht gemacht

Schon vor oder wehrend der Grundschulzeit erfolgt die Trennung von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen. Dann wird bei den betroffenen Kindern aufgrund ihrer geistigen, körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen ein sogenannter „sonderpädagogischer Förderbedarf “ diagnostiziert. Mit dieser Diagnose verschwinden sie aus dem Alltag der meisten Menschen.

Derzeit besuchen in Deutschland etwa 400.000 Jungen und Mädchen32 Förderschulen. Sie werden auf die verschiedenen Schultypen wie Förderschulen für Lernbehinderte oder Förderschulen für Körperbehinderte aufgeteilt. Die Lehrer und Sonderpädagogen an diesen Schulen leisten sicherlich gute Arbeit – das steht außer Frage. Dennoch muss hinterfragt werden, ob diese Trennung wirklich im Sinne des Kindes ist und ob die individuelle Förderung nicht an einer gemeinsamen Schule für alle besser erfolgen kann. Denn es sollte nicht das Ziel sein, so vielen Schülern die Möglichkeit zu nehmen, mit allen anderen gemeinsam zu lernen.

Gerade für Kinder ist es nämlich wichtig, die individuellen Bedürfnisse von Menschen als etwas Normales und Alltägliches kennenzulernen und die Unterschiedlichkeit ihrer Mitmenschen als etwas Bereicherndes zu begreifen. Kinder gehen damit viel selbstverständlicher um als Erwachsene, da sie keine Vorstellung davon haben, was „normal“ ist. Die frühe Trennung aber führt dazu, dass Kinder den selbstverständlichen Umgang mit Beeinträchtigungen verlernen. Die Aufteilung auf verschiedene Schulen verdeutlicht ihnen die Unterschiedlichkeit zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Für die Kinder mit Beeinträchtigung wiederum spiegelt der Besuch einer Förderschule nicht nur eine Bewertung ihrer vermeintlichen Leistung wider, sondern vielmehr gerade die Tatsache, dass sie im Vergleich zu den übrigen Kindern „anders“ sind.

Die Diagnose der sogenannten Lernbehinderung ist dabei besonders problematisch. Sie ist mit Abstand der häufigste Grund, weswegen Kinder auf eine entsprechende Förderschule gehen – etwa 160.000 Schüler besuchen in Deutschland eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernbehinderung. Wer genau als lernbehindert gilt, ist schwierig zu definieren. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Lernbehinderte von ihrem „Lern- und Leistungsvermögen […] von der Altersnorm abweichen und zusätzliche sonderpädagogische Förderung benötigen“33. Allerdings gibt es in der Praxis enorme Abgrenzungsprobleme sowohl zu den „normal“ Lernenden als auch zu anderen Gruppen von Beeinträchtigten wie den sogenannten geistig Behinderten. So trifft das Zitat des Erziehungswissenschaftlers Ulrich Bleidick den Kern des Problems: „Lernbehindert ist, wer eine Schule für Lernbehinderte besucht.“34 Schülern wird eine Lernbehinderung folglich von Außen zugeschrieben. Ohne Förderschulen würde es eine solche Kategorie nicht geben. Diese Kinder sind also ausschließlich am Ort des Lernens, also in der Schule, beeinträchtigt, und das wirkt sich auch auf das Befinden der Kinder aus.

Doch nicht nur das: Die Diagnose des sonderpädagogischen Förderbedarfs ist eine Weichenstellung für das ganze Leben. Das Kind wird auf eine separate Schule gehen, an der es hauptsächlich Menschen treffen wird, die die gleichen Beeinträchtigungen haben. Es wird die Schule nur in seltenen Fellen mit dem Hauptschulabschluss, in der Regel aber ohne Schulabschluss verlassen. Etwa 80 Prozent der Schulabgänger verließen im Jahr 2011 die Förderschule ohne Hauptschulabschluss.35 Nach der Schule arbeiten die meisten in speziellen Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, verrichten Hilfsarbeiten oder werden arbeitslos. Insbesondere für sogenannte „geistig Behinderte“ gibt es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt kaum Alternativen zur „Werkstatt für Behinderte“.36 Dies führt dazu, dass sich auch nach dem Schulbesuch nur selten Begegnungen zwischen den beiden Gruppen ergeben. Viele Menschen mit Beeinträchtigungen haben kaum die Möglichkeit Kontakte mit Menschen ohne Beeinträchtigungen zu knüpfen. Das heißt auf der anderen Seite aber auch, dass der Umgang mit Beeinträchtigten im Alltag ungewohnt ist. Viele wissen nicht, wie sie sich bei Begegnungen verhalten sollen.

Mit dem Stempel des sonderpädagogischen Förderbedarfs sind diese Menschen also voraussichtlich für ihr ganzes Leben von vielen Bereichen wie dem allgemeinen Bildungs- und Weiterbildungsweg sowie dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Die Institution der Förderschule behindert also die Menschen in ihren Lebenschancen.

Zum Berufserfolg von Schülern mit einer sogenannten Lernbehinderung forscht Urs Haeberlin, emeritierter Professor der Universität Freiburg in der Schweiz. Über die biografischen Folgen des Sonderunterrichts veröffentlichte er 2011 eine Langzeitstudie. 37 Diese ging der Frage nach, ob die spätere berufliche und soziale Situation von Kindern mit einer sogenannten Lernbehinderung durch schulische Integration oder durch separaten Unterricht besser gefördert werden. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Ausbildungs- und Berufschancen für diejenigen, die in separaten Sonderklassen38 unterrichtet wurden, sind schlechter. So sind Ausbildungsabbrüche und Langzeitarbeitslosigkeit für diese Gruppe charakteristisch. Hinzu kommt, dass das Selbstwertgefühl dieser Jungen und Mädchen viel niedriger ist als bei Schülern in einer integrativen Klasse.

Überhaupt leiden Jugendliche, die eine Förderschule besuchen, oft stark unter dem Stempel des Förderschülers. So zeigt beispielsweise Brigitte Schumann, ehemalige Lehrerin und Politikerin, in ihrer empirischen Studie, dass die Förderschule die Schüler sozial isoliert. 39 Oft empfinden sie den Besuch der Förderschule als so ablehnendes Erlebnis, dass sie gar verschweigen, auf welche Schulform sie gehen, um nicht noch weiter ausgegrenzt zu werden. Somit ist es diesen Schülern häufig nicht möglich, ein positives Selbstbild aufzubauen, da das durch die negativen Stigmatisierungen gehemmt wird oder sie diese gar übernehmen. Die eigentlichen Probleme der Lernbehinderung bleiben dabei verschleiert. Denn die große Mehrheit aller Förderschüler kommt aus sozial schwachen Familien und so scheint die Beeinträchtigung mit der sozialen Herkunft einherzugehen. Die Herkunft dieser Kinder beeinträchtigt also ihre Bildungschancen.40

Kinder mit „sonderpädagogischem Förderbedarf “ werden aber auf Förderschulen geschickt mit dem Hinweis: Man könne sie dort besser fördern und besser auf sie eingehen. Doch dies ist nicht mehr als eine Wunschvorstellung, wie das Ergebnis einer Studie des Lernbehindertenpädagogen Hans Wocken zeigt: Schüler erreichen auf einer Förderschule nicht wie erwartet bessere Leistungen, sondern verharren auf dem gleichen Niveau.41 Der geplante Schutzraum ist also nicht mehr als eine Bremszone, die zudem noch in die soziale Isolation führt. Laut Ute Erdsiek-Rave, Kultusministerin von Schleswig-Holstein a.D., führt die Situation der sogenannten Lernbehinderten in Deutschland auf internationaler Ebene zu Kopfschütteln und Unverständnis. Der Tenor auf der Weltbildungskonferenz der UNESCO in Genf 2008 sei gewesen, dass Heterogenität nicht leistungsfeindlich sei und Kinder mit Lernschwierigkeiten Unterstützung, aber keine eigenen Schulen bräuchten. Ihrer Meinung nach ist die Existenz der Förderschulen für Lernbehinderte „in geradezu fahrlässigem Umfang diskriminierend“42. Sie hätten sich zudem zu einem Sammelbecken für sozial Benachteiligte und Migranten entwickelt.43 All diese Ergebnisse sprechen eine Sprache: Förderschulen für Lernbehinderte stehen der Chancengleichheit entgegen und behindern Menschen auf ihrem Lebensweg.

Deutschland in der Grauzone

Schaut man in andere europäische Länder, so findet man Beispiele, in denen es schon Schulsysteme gibt, die keine Selektion zwischen Schülern mit und ohne Beeinträchtigung vornehmen. Die skandinavischen Länder haben in diesem Bereich eine Vorreiterrolle, beispielsweise Norwegen. Dort gehen seit den 1990er-Jahren alle Kinder gemeinsam zur Schule. Allerdings gibt es an einigen Schulen noch Förderklassen. Diese besuchten im Schuljahr 2001/2002 lediglich 1349 Schüler. Eine Ausgrenzung von Menschen mit Beeinträchtigungen fand offensichtlich nur in absoluten Ausnahmefellen statt.

Auch wenn sich das inklusive Schulsystem dort noch nicht vollständig durchsetzen konnte – in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Sonderschüler wieder angestiegen – , ist man von Zahlen, wie sie für Deutschland vorliegen, weit entfernt.44