Was bleibt - Malou Berlin - E-Book

Was bleibt E-Book

Malou Berlin

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Beschreibung

Jason ist drei Jahre alt, als er vom Jugendamt aus der Wohnung seiner erst 19-jährigen Mutter geholt wird. Bei den Pflegeeltern Alex und Sonja findet er eine liebevolle Heimat. Doch das Glück mit dem charmanten Jungen ist schweren Belastungen ausgesetzt: Jason dissoziiert und ist hyperaktiv. Die Diagnose ist wie ein Schlag: FASD, eine Hirnschädigung aufgrund mütterlichen Alkoholkonsums während der Schwangerschaft. Sonja und Alex denken trotz ihrer Verzweiflung nicht ans Aufgeben, während sich Jason auf eigene Faust auf die Suche nach seiner Herkunft macht … Ein besonderes Kind, eine überforderte Mutter, ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch: Abwechselnd erzählen sie ihre Geschichte über einen Zeitraum von 15 Jahren. „Was bleibt“ ist eine kluge und tragikomische Familiengeschichte.

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Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Malou Berlin

Was bleibt

Roman

Jaron Verlag

MALOU BERLIN veröffentlichte zwei Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Für ihre filmischen Arbeiten erhielt sie u. a. den Vielfaltspreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern und Nominierungen zum Grimme-Preis und zum Prix Europa. Seit ihrer Jugend beschäftigt sie sich mit den Themen Pflegefamilien und Adoption. Sie lebt in Ost-Brandenburg.

Mehr über die Autorin: malou-berlin.de

Die Handlung, die Figuren und manche Schauplätze dieses Romans sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

Die Arbeit am Manuskript wurde gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

1. Auflage 2024

Jaron Verlag GmbH, Berlin

www.jaron-verlag.de

© 2024 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werks und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlags erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

Umschlaggestaltung: typografie.berlin, Berlin

Satz: Prill Partners|producing, Barcelona

Lithografie: Bild1Druck GmbH, Berlin

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

ISBN 978-3-95552-078-6

Den Menschen mit FASD gewidmet.

Und denen, die sie begleiten.

Inhalt

Prolog

1. Kapitel: Bilderbücher und gefährliche Geschenke

2. Kapitel: Geburtstage und Laternenrakete

3. Kapitel: Wurzeln und Flügel

4. Kapitel: Neue Wege

Kleine Schönheitsfehler

Danksagung

PROLOG

Das Schönste an den Sommerferien ist, dass ich jeden Tag Fußball spielen kann. Marco und ich begrüßen uns auf dem Sportplatz immer mit unserer Parole »Mission Aufstieg«. Denn der Trainer der B-Jugend nimmt uns vielleicht in die Mannschaft, auch wenn wir noch nicht fünfzehn sind.

Doch heute hockt Marco auf dem Geländer und glotzt auf den Rasen, der mit rot-weißem Flatterband für irgendwelche Kinderspiele abgesteckt ist. Ein paar Männer schleppen Bierbänke und Tische zum Sportplatz, ein paar andere einen riesigen Grill.

»Klar, bei Dynamo Hütte kriegt man bei so was einen Ersatzplatz.« Marco klatscht eine Mücke auf seinem Arm. »Aber in dieser Kuhbläke ist’s scheißegal, ob wir trainieren können.«

»Dann kicken wir halt bei euch im Hof.« Platz hin oder her, wir wollen in die B-Jugend!

Marco grunzt. »Da haben wir nicht die richtige Breite, nicht vom Tor und erst recht nicht vom Feld. Aber wir wär’s bei euch? Ich hab gestern gesehen, dass dein Vater eure Wiesen geschnitten hat.«

Mir wird schlagartig heiß, und bestimmt ist mein Kopf wieder knallrot. Papa dreht sich immer ganz langsam mit der Sense, als würde er mit ihr tanzen. Voll peinlich. Alle Nachbarn nehmen Rasenmäher, nur er nicht.

»Hinter eurem alten Kuhstall«, sagt Marco. »Da müssen wir nur noch ein Tor abstecken.«

Noch schlimmer, bloß das nicht. »Wie wär’s bei deinem Onkel?«, frage ich schnell.

»Und das Garagenfenster? Als wir es das letzte Mal zerschossen haben, musste ich ein ganzes Feld Kartoffeln aufklauben. Und du warst so arschlos und hast mir nicht mal geholfen! Mann, Ron, was ist los, warum nicht hinter eurem Stall? Der steht seit hundert Jahren leer, und ein zerbrochenes Fenster mehr ist da total egal!«

Ich gucke ihn nicht an und hoffe, dass meine Stimme ganz normal klingt. »Du weißt doch, dass ich da nie hingehe.«

Marco sagt erst eine Weile gar nichts, dann lacht er los. »Ron, Alter, ist das immer noch wegen dieser alten Scheiße? Du bist echt ’n Hasenhirn. Mann, ich fass es nicht!«

Ein paar Schwalben flitzen über unsere Köpfe hinweg. Marco springt vom Geländer und schwingt sich auf sein Mountainbike. »Komm jetzt, du hast sowieso noch was gutzumachen. Wegen dem Kartoffelfeld.«

Ich gucke zum Himmel, wo sich fette Wolken zusammenballen, und fahre dann Marco hinterher. Als ich zu Hause ankomme, schleppt er schon zwei Holzböcke und einen Rechen aus der Garage.

Mama ruft von der Terrasse herüber, ob wir nicht erstmal Spaghetti essen wollen.

»Später!« Marco ist mit seiner Antwort schneller als ich.

Er läuft den langen Weg zwischen den Beeten entlang und verschwindet hinter den hohen Tannen. An den Spitzen zerrt schon der Wind. Ich bleibe stehen, obwohl meine Beine zappeln, und drehe den Ball in meinen Händen, als Mama neben mir auftaucht und mich so ansieht, als wolle sie mich wie früher umarmen und auf die Stirn küssen. Aber sie weiß ja, dass ich das blöd finde.

»Ist alles gut?«, fragt sie.

Ich verdrehe die Augen, doch Mama guckt auf die Gewitterwolken.

»Geht rein, bevor’s losgeht, und macht euch das Essen warm.« Sie nickt mir zu und läuft zum Fahrradschuppen. »Ich bin dann bei Oma. Bis später!«

Der Tisch auf der Terrasse ist gedeckt, eine Seltersflasche steht auch da, bestimmt schön kalt, dennoch drehe ich mich um und trotte Marco hinterher. Hinter den Tannen gibt es keine Blumen mehr, auch keine Kräuterbeete und Apfelbäume, sondern nur einen halb verfallenen Kuhstall und eine große Wiese drumherum. Ich kicke wütend einen Stein gegen das Gemäuer. Natürlich weiß ich mittlerweile, dass Menschen nur auf Friedhöfen beerdigt werden. Aber als mir Marco damals die Gräber gezeigt hatte, habe ich ihm voll geglaubt. Und nun will er ausgerechnet hier Fußball spielen!

Das Donnergrollen kommt näher.

Am Ende des Kuhstalls höre ich das Kratzen von Marcos Rechen, bleibe stehen und gucke um die Ecke: Da sind sie, die beiden Gräber, dort, vor der Feldsteinmauer, genauso wie damals, nur dass jetzt Brennnesseln und Löwenzahn auf ihnen wuchern. Marco pfeift das Weltmeister-Lied von Sportfreunde Stiller. Plötzlich hasse ich ihn. Ich hasse den alten Stall. Vor allem hasse ich die Gräber. Aber ich bin kein dummes Kind mehr, hole tief Luft und gehe um die Ecke.

Marco grinst mich an. »Du kannst schon mal das Tor abmessen. Dann können wir gleich loslegen.«

Der erste Blitz zuckt über den Himmel.

»21, 22, 23, 24, 25«, zählt Marco, dann kracht der Donner. »Ein paar Minuten haben wir noch!«

Er schiebt das geschnittene Gras mit dem Rechen in Richtung der Gräber. Ich gucke schnell weg. Papas Sense lehnt neben der Stalltür an der Mauer.

»Was für einen Stuss wir früher geglaubt haben!« Marco lacht. »Dass deine Eltern hier beerdigt sind!«

Mir ist, als würde er mir den Boden unter den Füßen wegziehen, und zugleich wird mein Kopf richtig heiß. »Halt’s Maul!«, brülle ich. »Halt dein verdammtes Drecksmaul!«

Irgendwie sehe ich noch, dass Marco mich anstarrt, mit offenem Mund sogar, aber so weit weg wie im Traum, und in mir rast alles. Dann knallt der Regen runter, und Marco lässt den Rechen fallen und kommt auf mich zu, und als er vor mir steht, ist sein Bundesliga-Shirt schon klatschnass.

»Chill mal, Ron, ich meine doch deine richtigen Eltern!«

»Richtige Eltern«, das war zu viel. Meine Hände greifen nach der Sense, wie von selbst.

»Verpiss dich!«, schreie ich, total voller Wut.

Marco guckt ganz erschrocken auf die Spitze der Sense über seinem Kopf und rennt dann schnell an mir vorbei. Mit voller Wucht haue ich die Sense in die Erde. Vom Sensenblatt brechen kleine Stücke ab. Als ich mit den Fingerspitzen darüberstreiche, tropft Blut auf das Metall, aber ich spüre nichts. Ich lege meine Hand fest um das Sensenblatt und rutsche mit vollem Druck die Klinge entlang. Ratsch. Jetzt spüre ich die Schnitte in meinen Fingern, in meiner Hand. Es tut verdammt weh, aber irgendwie beruhigt mich das. Ich bin wieder richtig da.

Dann ein Blitz, fast gleichzeitig kracht der Donner über mir. Meine Knie sind ganz weich, aber ich schleppe mich in den Stall, setze mich vorne auf die Kälbermauer und gucke nach draußen. Die Blitze zucken so schnell über den Himmel, dass ich nicht weiß, welcher Donner zu welchem Blitz gehört. Der Regen prasselt auf die Gräber. Neben dem Rechen liegt die Sense.

Es könnte auch Marco sein, der da liegt.

Fast muss ich losheulen. »Weinen nützt nichts«, sagt Mama immer. Aus dem Innern des Stalls kommt ein Geräusch, ein Atmen. Ich springe auf und lausche. Im Blitzlicht kann ich die Buchten der Kühe und etwas Gerümpel sehen, aber gleich danach ist alles wieder finster. Schnelle Schritte kommen auf mich zu. Ein Faustschlag in mein Gesicht, zwei Hände drücken mich nach hinten gegen die Wand.

»Du Arsch!«, brüllt Marco, und ich bin fast froh darüber, dass er es ist. »Du hättest mich umbringen können, du bist total durchgeknallt!«

Er schlägt nochmal zu, doch ich wehre ihn nur mit erhobenen Armen ab. Dann schubst er mich weg, stellt sich an die Tür und guckt nach draußen. Immer wieder schüttelt er den Kopf. Ich setze mich wieder auf die Kälbermauer. Mein Wangenknochen tut mörderisch weh und fühlt sich ganz heiß an.

»Ich kapier’s nicht«, sagt Marco. »Mit der Sense auf mich losgehen!«

Der Wind weht jetzt so stark, dass der Regen schräg fällt. Die Abstände zwischen Blitz und Donner werden länger. Ich schaue auf meine Hand, die immer noch ein wenig blutet. Aber meine Beine zappeln nicht mehr.

»Ich meine, ich bin ja einiges gewöhnt von dir, du Denkzwerg.« Marco reibt sich die Knöchel seiner rechten Hand. »Aber so was? Bloß wegen diesen blöden Hügelbeeten?«

Ich muss schwer schlucken. »Hügelbeete?«

»Ja. Für Gemüse. Hatten früher alle, hat mein Opa mal erzählt. Also bevor es Netto und Aldi gegeben hat.« Marco dreht sich zu mir um. »Hast du etwa immer noch geglaubt, dass das Gräber …«

»Nein, natürlich nicht!«

Plötzlich habe ich Angst, dass Marco geht, weg von mir, dass er keinen Bock mehr hat, mit mir Fußball zu spielen, und dabei spielen wir seit dem Bambini-Training zusammen. Aber vor allem habe ich Angst, dass Marco nicht mehr mein Freund sein will. Marco ist mein bester Freund, mein einziger richtiger Freund, und ich kenne ihn seit immer.

Der Regen lässt nach. Von ferne grollt noch Donner. Marco guckt mich an. »Du hast echt ’nen Sockenschuss. Du bist echt nicht ganz normal.«

In mir beginnt es wieder zu brodeln. »Klar bin ich nicht normal! Oder kennst du außer mir einen einzigen, den seine eigenen Eltern nicht wollten?«

Marco guckt auf den Boden. »Nee«, sagt er nach einer Weile. »Meine Mutter wurde ja bloß deshalb Adoptivkind, weil ihre Eltern im Westen waren. Nee, ich kenn keinen.«

»Wenn ich zwölf oder vierzehn gewesen wäre, okay, aber die haben mich schon mit drei Jahren weggegeben! Warum bloß, was hab ich denn angestellt? Ich frag mich, ob die überhaupt noch an mich denken. Und wie sehen die aus? Sehe ich mehr meinem Vater ähnlich oder meiner Mutter? Wo wohnen die? Was machen die? Wenn wir es in die B-Jugend schaffen – interessiert sie das überhaupt?«

Mich überrascht es selbst, was da aus mir rauskommt. Marco starrt mich die ganze Zeit an. Dann geht er ein paar langsame Schritte und setzt sich neben mich, in größerem Abstand als sonst, aber dennoch neben mich.

»Meine Alten nerven in letzter Zeit dauernd«, sagt er. »Aber wenn ich mir vorstelle, ich würde die gar nicht kennen …« Und dann sagt er nichts mehr.

Der Regen klopft auf das Blechdach und hört schließlich ganz auf. Ich stelle mir zum tausendsten Mal vor, dass ich meine andere Mutter besuche und wie sie die Wohnungstür aufmacht und wie überrascht sie wäre und wie doll sie sich freut. Und dass herauskommt, dass eigentlich Ronaldo mein leiblicher Vater ist und er mich dann nach dem Endspiel, das Real Madrid natürlich gewonnen hat, aufs Feld winkt, und dass er mich abklatscht und den Arm um mich legt und dass der Moderator sagt: »Und hier sehen wir Ron, den Sohn von Ronaldo!« Das wär cool!

Marco pult Putzteilchen aus der Mauer zwischen uns und wirft eins nach dem anderen an die Wand. »Deine Eltern – also, nicht deine Pflegeeltern, ich mein deine richtigen Eltern …«

Da ist schon wieder diese Stinkwut im Bauch. »Ach, und Mama und Papa sind meine falschen Eltern?«

»Nein, Mann, Ron, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll – deine blutsverwandten Eltern. Also, wenn du die irgendwann mal suchen willst: Ich bin dabei.«

Da gibt’s für mich kein Halten mehr. Ich heule los und heule und heule, und es ist mir nicht mal peinlich, weil Ronaldo ja auch geheult hat, nach dem Aus für Portugal. Ich weiß nicht mal, warum ich heule, und ob ich meine Erzeuger-Eltern wirklich kennenlernen will. Ich denke auch daran, dass ich Marco mit der Sense gefrontet habe und dass er jetzt trotzdem die ganze Zeit neben mir sitzt und wartet, bis ich ausgeheult habe.

Als ich fertig bin, steht er auf. »Komm, Alter, wir stecken das Tor ab.«

Draußen ist es hell und warm, die Sonne scheint. Die Sense werfe ich in die hinterste Kuhbuchte im Stall. Marco stellt den Rechen an die Wand neben die Tür. Dann kicken wir auf der nassen Wiese, und es ist egal, dass wir immer wieder ausrutschen. Ich lande mehrere Treffer, und Marco bolzt heftig zurück.

»Läuft!«, ruft er nach meinem fünften Tor und streckt die Hand zu einem High five aus.

Ich renne zu ihm hin, und wir lachen und klatschen uns ab und schreien: »Mission Aufstieg!«

1. Kapitel

Bilderbücher und gefährliche Geschenke

FRAU VOGEL Berlin. Die Zeit davor. März

Wenn eine meiner jungen Mütter es schaffen könnte, dann Doreen Müller. Davon war ich überzeugt gewesen.

Um das Türschloss aufzubrechen, brauchte der Mann nur wenige Sekunden. Das Wimmern des Kindes verstummte abrupt. Der Mechaniker trat beiseite, die beiden Polizisten gingen vor mir in den Flur und öffneten die Zimmertüren. Eine Nachbarin hatte meine Kollegin im Jugendamt benachrichtigt, sie habe das Weinen und Schreien von Frau Müllers Sohn die ganze Nacht über gehört, aber keine Schritte oder andere Stimmen vernommen.

Ich folgte dem Polizisten ins Schlafzimmer. Es roch stark nach Kot. Der Junge hockte in seinem Gitterbett und nagte an den Füßen einer Puppe. Das Gesicht blass und verquollen, kreischte er los, als er mich bemerkte, schnellte hoch und reckte mir die Ärmchen entgegen. Gut kannte er mich nicht, ich war schließlich nur alle vier Wochen in der Familie, doch er krallte sich an meine Bluse, als ich mich über das Bett beugte. Ich sah, dass die Exkremente bereits aus der Windel quollen, und legte ein Kissen als Schutz über meinen Ärmel. Der Junge zitterte am ganzen Körper. Um ihn zu beruhigen, trug ich ihn im Zimmer herum.

In solchen Momenten ist es nicht einfach, professionelle Distanz zu wahren, vor allem, wenn man das Kind – so wie ich Jason Müller – schon seit der Geburt kennt.

Der Polizist meldete, es sei niemand anwesend, die Wohnung sei in ordentlichem Zustand und auf dem Küchentisch stehe eine vollgepackte Reisetasche mit frischer Kinderkleidung und Spielsachen. Ich nickte, die beiden Polizisten schlossen die Schlafzimmertür hinter sich.

Doreen Müller hatte im August vergangenen Jahres mir gegenüber die Überlegung formuliert, ihren Sohn in einer Pflegefamilie unterzubringen. Als Begründung hatte sie ihr Gefühl der Überforderung genannt, und ich hatte vorgeschlagen, zunächst andere Unterstützungsmöglichkeiten anzunehmen. Seitdem kam zweimal wöchentlich eine Familienhelferin zu ihr. Eine eigene Psychotherapie lehnte Doreen Müller ab, sprach aber viel mit der Familienhelferin und mir. Das war wichtig, denn bisher hatte sie Jason zwar füttern und versorgen, aber nicht mit ihm spielen, ihn trösten und streicheln können. Woher sollten Verständnis und Einfühlungsvermögen auch kommen? Die Kindesmutter war in einem der sehr großen Heime aufgewachsen. Ab und zu hatte sie bei ihrer labilen Mutter gewohnt, dann wieder zurück ins Heim. Alter Jugendamts-Adel eben. Mit sechzehn schwanger, der Kindesvater – bereits mehrfacher Vater – war kurz nach der Geburt verschwunden, und als er zurückkehrte, kam es zur Gewalt gegen Frau Müller. Dann folgten depressive Phasen und schließlich die endgültige Trennung.

Das Sorgerecht hatte von Anfang an allein bei Frau Müller gelegen, da der Kindesvater kein Interesse an einer Teilung zeigte. Frau Müller war sehr tapfer, nahm unsere Hilfe an, bemühte sich, eine gute Mutter zu sein. Unserer Einschätzung nach gab es weder erhöhten Alkoholkonsum noch schleichenden Missbrauch psychoaktiver Substanzen, sodass Frau Müller gute Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben mit ihrem Sohn hatte.

Der Junge hatte sich so weit beruhigt, dass ich ihn säubern konnte. Als ich ihm gerade eine frische Windel anlegte, hörte ich die Polizisten im Flur mit einer jungen Frau sprechen. Sie brachten sie herein. Es war nicht Doreen Müller.

Ich stellte mich als Sozialarbeiterin des Allgemeinen Sozialdienstes, kurz ASD, vor und fragte, wer sie denn sei. Sie heiße Vicky Bönicke und sei Doreens Freundin. Diese habe sie gebeten, Jason heute Vormittag zum Jugendamt zu bringen. Es war also geplant gewesen.

Jason beachtete das Mädchen nicht. Er klammerte sich an mich und an seine Puppe. Der Junge musste stundenlang, wenn nicht gar tagelang geknabbert haben, um das Material an den Füßen so abzuschaben.

Ich fragte das Mädchen, weshalb ihr Frau Müller aufgetragen habe, Jason zum Jugendamt zu bringen. Sie stotterte, Doreen sei zu ihrem Freund nach Italien und habe niemanden gefunden, der auf Jason aufpasse. Auf meine Frage, wann Frau Müller die Wohnung verlassen habe, antwortete das Mädchen, es sei gestern am frühen Abend gewesen.

Die Antworten bestürzten mich sehr. Erst vor zwei Wochen hatte Frau Müller ihren Sohn für einen drei- oder vierstündigen Disco-Besuch alleine gelassen. Ich hatte ihr deutlich gemacht, welche Folgen das für das Kind hätte haben können. Sie hatte einsichtig und entschlossen gewirkt, es nie wieder zu tun. Ich hatte gehofft, das Kind würde bei ihr bleiben können. Ich hatte gedacht: Wenn es eine meiner jungen Mütter schafft, dann Doreen Müller.

DOREEN MÜLLER Berlin. Die Zeit davor. April

Wenn seine Mutter sich nicht eingemischt hätte, wären wir jetzt eine Familie: Sergio, ich und Jason. Sergio hat mich wirklich geliebt. Das war klar, auch wenn wir uns erst drei Wochen kannten. Hätte er mich sonst beim Abschied am Flughafen so fest in den Armen gehalten und fast gar nicht mehr losgelassen? Hätte er mir sonst seine richtige Adresse in Italien gegeben?

Ich hatte ihn so dolle vermisst, dass ich mir vom nächsten Sozialgeld gleich einen Flug nach Siena geholt habe. Als ich dann im Treppenhaus vor seiner Wohnung auf ihn wartete, stellte ich mir immer wieder seine Überraschung vor, wenn er die Stufen hochkommt und mich auf dem Koffer sitzen sieht.

Dann kam die SMS von Vicky: Hab alles klar gemacht, Jason ist bei ’ner alten Dame. Aber die Sozialtussi war sauer, weil du ihn nicht selbst ins Jugendamt gebracht hast.

Egal, für mich war das Wichtigste, dass mein Süßer in einer Pflegestelle gelandet war und nicht in einem Kinderheim. Heim ist echt beschissen, dauernd andere Erzieher, der eine streng, der andere lieb, der dritte fies. Mir ist also ein Riesenstein vom Herzen gefallen, und gerade in dem Moment kam Sergio. Meine Überraschung war echt gelungen, er hat sich gar nicht mehr eingekriegt. Er hat sich dann ein paar Tage freigenommen, und das waren die schönsten Tage überhaupt.

Bis seine blöde Familie aufgetaucht ist und mich komplett ausgefragt hat. Klar wäre es einfacher gewesen, ich hätte gar nicht gesagt, dass ich Mutter bin, aber ich steh zu meinem Sohn. Sergio hat da ja auch kein Problem mit. Es war so süß, wie er im Plänterwald mit Jason in der Plantsche gespielt hat. Für Sergios Eltern habe ich ihn also übersetzen lassen, dass Jason gut versorgt ist und dass sie endlich aufhören sollen, von ihm zu reden.

Nach drei Wochen musste ich zum Sozialamt und bin zurück nach Berlin. Sergio und ich haben uns für Juni in Berlin verabredet, damit er sich dort eine Arbeit sucht und wir für immer zusammen sind.

Frau Vogel vom Jugendamt hat mich zwei Mal antanzen lassen, bevor sie die Adresse der Pflegestelle rausgerückt hat. Ich bin fast verrückt geworden vor Sehnsucht nach meinem Süßen, und deshalb habe ich alles brav mitgemacht. Ja, habe ich gesagt, es war ein Fehler, einfach so wegzufahren. Nein, ich kann nicht davon ausgehen, dass ein Dreijähriger immer durchschläft. Ja, habe ich gesagt, ich warte bis nach Ihrem Termin, dann fahren wir gemeinsam zur Pflegestelle. Hauptsache, ich sehe mein Kind.

Als die Pflegeoma die Tür öffnete, streckte Jason sofort die Ärmchen nach mir aus. Und ich hatte schon Angst gehabt, er hätte mich vergessen! Über den Riesen-Teddy aus Siena hat er sich total gefreut. Wir haben dann zusammen Fernsehen geguckt, die Teletubbies, die liebt er ja. Die ganze Zeit saß er auf meinem Schoß, und überhaupt war er voll lieb zu mir, ohne das ganze Gebocke und Rumgeplärre wie sonst. Frau Vogel vom Jugendamt muss doch gesehen haben, wie doll er an mir hängt. Deshalb habe ich auch nicht verstanden, wieso ich ihn nicht gleich mitnehmen durfte. Ist doch mein Kind. Jason hat total geheult, als ich gehen musste, und ich dann natürlich auch. Ich hab ihm versprochen, bald wiederzukommen und dass ich ihm einen Kuschel-Teletubbie mitbringe. Hab ich auch gleich gekauft. Jasons Erzeuger hatte mal rumgenervt, dass ich Jason kein Mädchenspielzeug geben soll, aber wenn er nun mal lieber mit Puppen und Kuscheltieren spielt, dann kriegt er die auch. Da hab ich mir nicht reinreden lassen.

Sergio und ich telefonierten jeden Abend, ich will gar nicht wissen, was ihn das gekostet hat. Doch dann sagte er plötzlich, dass er im Juni nicht nach Berlin kommen kann, weil er einen neuen Job hat. In Siena! Mir war sofort klar, dass ihn seine blöde Familie so beeinflusst hat. War ein totales Drama, im Hintergrund immer seine Mutter, und als sie in den Hörer »Basta, Doreen, basta!« geschrien hat, hat’s mir gereicht. Ich war völlig fertig, konnte nächtelang nicht schlafen, hab nur noch geflennt. Ist doch klar, dass ich nicht wollte, dass mein Sohn mich so mitkriegt. Bloß deshalb hab ich ihn nicht mehr besucht.

Frau Vogel kam dann irgendwann zu mir nach Hause. »Jason kann nicht mehr bei Frau Herbst bleiben«, sagte sie. »Krisenpflege ist immer nur für ein paar Monate.« Ich hab ihr das erklärt mit dem ganzen Stress, nicht nur wegen Sergio, sondern auch, weil ich deshalb die Rechnungen vergessen hatte und die mir jetzt meine Wohnung gekündigt haben. Strom war auch schon abgestellt. Frau Vogel fragte mich, ob ich Jason erstmal zu Pflegeeltern geben will, bis mein Leben wieder stabil ist. Einfach war’s nicht, dazu Ja zu sagen, aber dann dachte ich: Hauptsache, kein Kinderheim, Hauptsache, es geht ihm gut. Wenn Sergio nach Berlin gezogen wäre, hätte ich das nie gemacht. Schuld ist seine Mutter. Ich bin mir ganz sicher: Verarscht hat mich Sergio nicht. Er hat mich wirklich geliebt.

ALEXANDER FUNKE Eisenhüttenstadt und Berlin. Die Zeit davor. Mai

Wenn Sonja am Werkstor auf mich wartet, dann ist etwas Besonderes passiert. Ich ahnte bereits den Grund.

»Ein Junge«, sagte sie strahlend. »Gerade drei Jahre alt geworden. Unauffällig. Aus Berlin. Das Jugendamt hat angerufen.«

Ich begrüßte sie mit einem Kuss. »Wie heißt er?«

»Jason.«

Jason. Haben eigentlich alle Pflegekinder solche Namen? Bisher haben wir drei Vermittlungsangebote des Jugendamts abgelehnt: Daisy war mit ihren sechs Jahren schon zu alt für uns, da wir ein möglichst kleines Kind wollten, bei Sandy war abzusehen, dass sich ihre Großmutter massiv in die Erziehung einmischen würde, und bei Maik-Billy schien es wahrscheinlich, dass seine Mutter später wieder mit ihm würde leben wollen, während wir uns wünschten, ein Kind bis ins Erwachsenenalter zu begleiten. Nun also Jason. Eine Frau namens Sonja, ein Mann namens Alexander, ein Sohn namens Jason. Outen wir damit nicht jedem, den wir kennenlernen, unser Kind als Pflegekind?

Sonja erriet meine Gedanken. »Wir müssen seinen Namen ja nicht englisch aussprechen«, sagte sie, »sondern wie Jason. In der griechischen Mythologie gibt es einen Helden, der Jason hieß, du weißt schon.«

Ich wusste es nicht, aber die Mythologie war mir jetzt auch nicht wichtig. »Was ist mit dem Jungen?«

»Seine Mutter ist sehr jung, alleinerziehend und überfordert.« Sonja schob ihre Hand in meine, während wir über den Parkplatz gingen. »Seit drei Monaten lebt er in einer Krisenpflegestelle. Die Sozialarbeiterin sagt, er sei ein normal entwickeltes Kind.«

Sonja und ich hatten abgesprochen, vor der ersten Begegnung mit dem Kind möglichst sachlich und umfangreich die Umstände seines Lebens zu klären. Bei den Überlegungen, was wir uns zutrauen und was nicht, hatten uns die Fragebögen des Jugendamts gute Anregungen geboten: Keine Ausschlusskriterien waren für uns Eltern mit Behinderungen oder psychischen Krankheiten, ebenso wenig wie Straffällige. Relativ problemlos erschienen uns auch kindliche Verhaltensauffälligkeiten, entstanden durch Vernachlässigung und Gewalterfahrungen. Schließlich würde das Kind durch unsere Liebe und Fürsorge ganz neue Erfahrungen machen.

Wochenlang hatten wir alle möglichen Szenarien durchgespielt: Würden wir der Vermittlung auch dann zustimmen, wenn das Kind geistig behindert wäre? Sonja fand, dass es darauf ankäme, wie stark die Einschränkungen seien. Wären wir bereit, unser altes Haus rollstuhlgerecht umzubauen? Nein, ich hatte nach der denkmalgerechten Renovierung genug vom Baustaub. Wäre unsere ausschließlich weiße Großfamilie eine traurige Perspektive für ein schwarzes oder asiatisch aussehendes Kind? Sonja meinte, es käme darauf an, wie alt das Kind sei und in welchem Umfeld es bisher gelebt hätte.

Würden wir ein Kind annehmen, das während der Schwangerschaft mit Alkohol vergiftet worden war? Nein, das würden wir uns nicht zutrauen. Im Seminar für werdende Pflegeeltern waren wir über die irreparablen Störungen des Zentralnervensystems informiert worden. Sonja und ich sind keine Heiligen. Bei unserem Kinderwunsch gibt es, wie bei anderen Eltern auch, nicht nur selbstlose Motive.

Das Büro der Berliner Sozialarbeiterin glich dem im Jugendamt in Eisenhüttenstadt: über dem Schreibtisch mehrere Kinderzeichnungen und Fotos von lachenden Mädchen und Jungen, eine Sitzecke mit Tisch und vier Stühlen, auf dem Teppichboden eine Kiste mit Buntstiften, Malbüchern und anderem Spielzeug. Frau Ehrenfried, eine freundliche Mittfünfzigerin, umriss Jasons Geschichte und seine derzeitige Lebenssituation. Sonja hatte dieses Glitzern in den Augen, wie immer, wenn es um die mögliche Vermittlung eines Pflegekinds ging, und so lag es nun an mir, einen kühlen Kopf zu bewahren und unsere Frageliste Punkt für Punkt abzuarbeiten.

»Die Sozialarbeiterin in Eisenhüttenstadt sagte uns, die Wartezeit für ein Adoptivkind liege derzeit bei acht Jahren, und wir sind schon Mitte dreißig«, erklärte ich unsere Situation. »Aber wir wollen kein Kind auf Zeit. Ist es sicher, dass Jasons Mutter kein Interesse mehr an ihm hat?«

»Diese Sicherheit gibt es bei Pflegekindern generell nicht«, sagte Frau Ehrenfried. »Doch nach unserer Erfahrung und Einschätzung ist die Kindesmutter nicht in der Lage, dauerhaft für ihn zu sorgen. Auch hat sie ihn in den drei Monaten Krisenpflege nur zwei Mal besucht.«

Sonja nickte mir zu.

Ich fragte, ob Jason, abgesehen von der Vernachlässigung, schlimme Erfahrungen gemacht habe.

Frau Ehrenfried schüttelte energisch den Kopf. »Nein, sehr wahrscheinlich nicht. Meine Kollegin vom ASD kennt ihn seit seiner Geburt, und eine Familienpflegerin war zwei Mal wöchentlich in der Familie; blaue Flecken wären ihnen aufgefallen.«

»Ich sage ja nicht, dass das ein Ausschlusskriterium wäre«, erklärte ich bestimmt. »Aber es ist wichtig, dass wir alles wissen. Dadurch hätten wir auch mehr Verständnis für ihn.«

»Sicher«, antwortete Frau Ehrenfried mit einer Stimme, als wolle sie ein ängstliches Kind beruhigen. »Ich sage Ihnen alles, was wir wissen. Sie können gern auch mit Frau Herbst über ihn sprechen – das ist die alleinstehende Frau, bei der Jason in Kurzzeitpflege ist. Er nennt sie übrigens Oma. Morgen Nachmittag könnten wir gemeinsam dorthin fahren.«

Sonja rutschte auf der vorderen Stuhlkante herum, als wolle sie sofort losstürmen, um den Jungen in Empfang zu nehmen.

»Gibt es andere Beeinträchtigungen?«, fragte ich. »Alkohol oder Drogen während der Schwangerschaft?«

»Davon gehen wir nicht aus. Die Mutter ist laut Aussage von Frau Vogel recht verantwortungsvoll, soweit es einer Jugendlichen in ihrer Situation eben möglich ist. Auch deshalb fühlt sie sich so überfordert. Sie wird ihren eigenen Vorstellungen vom Muttersein nicht gerecht.«

Frau Ehrenfried musterte abwechselnd Sonja und mich, dann lächelte sie. »Jason würde gut zu Ihnen passen, finde ich.«

Es klopfte, und eine ältere Frau mit einem Kleinkind an der Hand stand im Türrahmen. Der Junge war blass, zartgliedrig, mit hellbraunen Locken und lebhaften Augen. Frau Ehrenfried sprang auf, redete kurz mit der Frau, wies auf die Warteplätze im Flur und schloss die Tür wieder.

»Entschuldigen Sie«, sie setzte sich wieder. »Also, Alkohol und Drogen spielen im Leben der Mutter keine Rolle.«

Sonja starrte auf die geschlossene Tür. »Das war Jason.«

Ich wunderte mich, dass sie das nicht als Frage formulierte. Auch Frau Ehrenfried sah überrascht auf und schob ihre Unterlagen auf dem Tisch hin und her. »Ja«, gab sie zu, »entschuldigen Sie bitte. Das war so nicht geplant. Haben Sie weitere Fragen?«

»Nur noch welche an Frau Herbst.« Sonja rückte ihren Stuhl zurecht, als wolle die Frau mit dem Kind bereits neben ihr Platz nehmen. Ich ratterte im Kopf unsere Frageliste herunter und hakte das meiste ab. »Eine letzte Sache noch: Wir möchten die Eltern kennenlernen.«

»Auch die Kindesmutter legt Wert darauf, Sie kennenzulernen. Der Kindesvater hat kein anteiliges Sorgerecht, er hat sich noch nie um Jason gekümmert.«

»Frau Ehrenfried«, Sonja rutschte ungeduldig auf ihrem Stuhl herum, »Wäre es nicht möglich, Jason sofort kennenzulernen? Wo er und Frau Herbst doch sowieso schon hier sind …«

Ich stimmte ihr zu.

Es war still, als Frau Herbst hereinkam, uns die Hand reichte und sich setzte. Jason hüpfte ein paar Mal auf der Stelle, richtete seine dunkelbraunen Augen kurz auf mich, dann auf Sonja, und wandte sich schließlich dem Spielzeug zu, das Frau Ehrenfried auf den Tisch legte. Sein Mund stand offen, aus seinen Mundwinkeln rannen Speichelfäden. Während er seinen Plüschhasen mit einer Hand an seine schmale Brust presste, griff er mit der anderen nach einem Bauklotz, ließ ihn fallen, nahm das kleine Boot, betrachtete es kurz, legte es weg, nahm das Auto, ließ es fallen. Jason ist sehr klein, verglichen mit Marco, dem gleichaltrigen Sohn von Sonjas Freundin. Meine Frau und ich sind beide groß. Ich fragte mich, wie Frau Ehrenfried behaupten konnte, dieses sabbernde, blasse Kerlchen würde gut zu uns passen. Jason machte Motorengeräusche, legte das Auto wieder beiseite und sah sich nach weiterem Spielzeug um.

»Womit spielt er denn gerne?«, fragte Sonja. Sie hatte sich nach vorne gebeugt und beobachtete den Jungen mit fast verklärtem Gesichtsausdruck.

»Mit Puppen und Plüschtieren.« Frau Herbst wischte mit einem Taschentuch über Jasons Mundwinkel, was ihn sofort vorteilhafter aussehen ließ. »Ansonsten ist er immer viel unterwegs. Nichts ist vor ihm sicher. Alles muss angefasst und untersucht werden.« Sie lächelte und hob Jason auf ihren Schoß.

Sonja, der es nicht gelang, Jasons Blick zu fangen, nahm einen Schokoriegel aus ihrer Umhängetasche. »Möchtest du Schokolade?«

Der Junge sah den Riegel an, dann Sonja, dann schaute er fragend zu Frau Herbst.

»Ja. Du darfst ihn nehmen.«

Sonja hielt den Schokoriegel in ihrer leicht zitternden Hand und legte ihn, als Jason nicht reagierte, vor ihn auf den Tisch. Jason musterte Sonja mit wachem Blick, doch erst als die Frauen wieder das Gespräch aufgenommen hatten, griff er blitzschnell nach dem Schokoriegel und presste ihn an seine Brust. Pfiffig war er ja. Ich musste schmunzeln. Er rutschte von Frau Herbsts Schoß und hüpfte auf der Stelle.

Ich wandte mich an den Plüschhasen, den er in der anderen Hand hielt. »Hallo, Hase! Ich bin Alexander. Du bist bestimmt Jasons Freund, nicht wahr?«

Jason hielt mit dem Hüpfen inne, musterte mich aufmerksam, sah zu seinem Plüschhasen, dann wieder zu mir und lachte auf. Ein kehliges Lachen, so rau, als hätte er sein ganzes Leben lang Zigarren geraucht. Seine dunklen Augen blitzten. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mir einen Jungen genau wie Jason gewünscht hatte. Ich schmolz dahin, wider jede Vernunft.

»Wie heißt du denn?«, fragte ich den Plüschhasen.

Jason drehte abrupt den Kopf, als das Telefon auf Frau Ehrenfrieds Schreibtisch klingelte. Schnell trippelte er hinter den Tisch und griff mit beiden Händen nach dem Telefon, sodass Plüschhase und Schokoriegel auf den Boden fielen, was er gar nicht zu bemerken schien. Das Klingeln endete, und Jasons Interesse galt jetzt einem Stempel, dann den Türen eines Aktenschranks, dann der Blumentopferde der Zimmerpalme, und immer wieder vergewisserte er sich mit kurzen Blicken der Anwesenheit von Frau Herbst.

Frau Ehrenfried ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Für die weitere Anbahnung sprechen Sie die Besuchstermine direkt mit Frau Herbst ab.« Sie reichte mir einen Zettel mit der Adresse.

Sonja und ich verabschiedeten uns, liefen Hand in Hand am Fahrstuhl vorbei und die vier Stockwerke hinunter. Wir rannten lachend über den Parkplatz und ließen uns auf die Autositze sinken.

»Was für ein Kind!« Sonja war außer Atem.

»Ja, so aufmerksam, nichts entgeht ihm!« Ich sah in Sonjas Gesicht und wusste, dass ich genauso strahlte.

»Und gar nicht schüchtern! Hast du gesehen, wie er die Hand zusammengepresst hat, als Frau Ehrenfried ihm den Stempel wegnehmen wollte?«

Ich nickte. »Und wie lebhaft er ist! So ein Junge kann doch nicht in Berlin leben. Der braucht Platz zum Rennen und Toben!«

»Ja!« Sonja lachte. »Alle werden ihn sofort mögen, Mama und Papa, Prinz Helmut und Katrin sowieso und auch deine Mutter!«

Ich nahm sie in die Arme und stellte mir vor, wie wir mit Jason Drachen steigen lassen und Lego-Burgen bauen würden. Oder auch Lego-Puppenhäuser. Ich freute mich unbändig darauf.

DOREEN MÜLLER Berlin. Die Zeit davor. Mai

Ich hab’s gleich wegmachen lassen. Ich will kein Kind von einem, der nicht zu mir steht. Sergio weiß nicht mal, dass ich schwanger war, aber das geht ihn auch nichts mehr an. Als ich danach in der Klinik lag, hab ich nur noch geflennt. Eine Krankenschwester hat mich gefragt, ob sie jemanden anrufen soll. Vicky war verreist, auch meine anderen Freundinnen wussten noch nichts von der Schwangerschaft, und der Abbruch musste dann ganz schnell gemacht werden. Ich hab der Krankenschwester Muttis Telefonnummer gegeben. Ja, Mutti, von der ich seit unserem Crash an Weihnachten nichts gesehen und gehört habe. Eine halbe Stunde später stand sie an meinem Bett! Als sie mich in den Arm genommen hat, hab ich noch mehr geflennt. Sie hat gut gerochen, gar nicht nach Alk, die Haare geschnitten und ein bisschen dunkler getönt. Ich war so froh, dass sie da war.

»Eine Abtreibung …« Sie guckte mitleidig auf mich runter, und das kann ich gar nicht leiden. »Und ich hab dich nicht unterstützt!«

Du hast mich nie unterstützt, habe ich gedacht, aber stattdessen gefragt, ob sie Entzug gemacht hat.

»Im Februar. Jetzt bin ich so weit, dass ich mir ab und zu mal ein Bierchen gönnen kann.«

Klar, hätte ich mir ja denken können, die alte Leier. Aber ich war einfach nur froh, nicht mehr allein zu sein. Sie hat mir dann versprochen, bis zur Entlassung am Nachmittag bei mir zu bleiben, und das hat sie auch getan, sogar als ich geschlafen habe.

»Du kommst für heute Nacht mit zu mir«, sagte sie dann. »Wenn es Nachblutungen gibt, will ich bei dir sein.« So hatte ich es mir immer gewünscht.

»Und Manne?«, fragte ich.

»Manne ist in seiner Wohnung. Außerdem hat er Nachtschicht, glaube ich.«

Und so lag ich eine Stunde später auf Mamas Couch und guckte Glücksrad, während sie Spaghetti mit Tomatensauce für mich kochte. Beim Essen polterte Manne herein. Natürlich tat er, als wäre nichts gewesen, natürlich musste es ein Begrüßungsschnaps sein. Und ein zweiter und ein dritter. Natürlich zwickte er mich, als Mutti wegguckte, in die Titten, natürlich hat Mutti es trotzdem gesehen, natürlich kippten sie einen sechsten und achten und zehnten Goldbrand, natürlich grabschte er an mir herum, und natürlich brüllte mich Mutti irgendwann an: »Du bist so blöd. Zu blöd, um für Jason zu sorgen!«

Aber da habe ich zurückgepampt, dass das die Richtige sagt. Und dass sie ja auch nicht für mich sorgen konnte.

Und natürlich hat dann Manne gegen mich geätzt: »Sprich nicht so mit deiner Mutter!«

Und ich wusste, gleich hagelt es wieder Ohrfeigen, aber ich lass mich nicht mehr verdreschen, und schon gar nicht von diesem Penner, und dann bin ich aufgestanden und raus, ohne meine Tasche, und obwohl ich solche Bauchschmerzen hatte und das Blut die Leggings runterlief, hab ich es die zwei Straßen weiter nach Hause geschafft. Der Wohnungsschlüssel war zum Glück in meiner Jeansjacke, aber dann das Foto von Jason am Spiegel, das war zu viel, und ich hab nur noch geflennt und geflennt.

SONJA FUNKE Berlin. Die Zeit davor. Juni

Bevor wir Jason heute zum fünften Mal besuchten, hatten Alex und ich abgesprochen, ihn von nun an nicht mehr mit der amerikanischen Form seines Namens anzusprechen.

Die Bedeutung des Namens als Der Heilende ist zwar legendär, doch als ich am Wochenende in Christa Wolfs Interpretation der Sage erfolglos nach weiteren positiven Eigenschaften des griechischen Helden gesucht hatte, war mir klar geworden, dass ich den Namen auch in der ursprünglichen Aussprache nicht selbst gewählt hätte. Dennoch: bloß nicht dieser amerikanische Mist.

Jason erwartete uns bereits an der Wohnungstür, strahlte uns an und rief »Mama!«. Wie kam dieser wunderbare Junge jetzt schon darauf, mich Mama zu nennen? Ob er bereits etwas ahnte? Alex warf mir einen glücklichen Blick zu, setzte sich mit ihm auf das Sofa im Wohnzimmer und las das Bilderbuch vor, das wir mitgebracht hatten. Jason lauschte hingebungsvoll, und als die Geschichte zu Ende war, klappte er wieder die erste Seite auf.

Ich sah den beiden eine Weile lächelnd zu, dann klopfte ich an die Küchentür von Frau Herbst und erkundigte mich, ob Jasons Mutter ihn inzwischen besucht hatte. Mit einer Handbewegung bot sie mir den zweiten Küchenstuhl an. »Nein, das letzte Mal Anfang Mai, also vor sechs Wochen.«

Ich nahm einen Schluck von dem Apfelsaft, den sie mir wie gewohnt hingestellt hatte. »Gibt es einen Grund, weshalb sie ihn so selten besucht? Hat sie einen weiten Weg?«

»Zehn Minuten mit der Bahn«, sagte Frau Herbst. »Sie liebt ihn so, wie sie es kann, aber sie weiß nicht viel mit ihm anzufangen, verliert schnell das Interesse an ihm. Sie spielt nicht mit ihm, so wie Sie und Ihr Mann, und sie spricht kaum mit ihm. Mich freut es jedenfalls sehr, dass Jason so gute Eltern bekommt.«

Damit meinte sie Alex und mich! Ich verschob meine Freude auf später, um die wichtigen Dinge mit ihr zu besprechen. »Wir hatten gestern einen Termin mit ihr beim Jugendamt, zum Kennenlernen, aber sie hat kurz zuvor abgesagt, vielleicht aus Unsicherheit oder Scham. Mein Mann und ich können uns jedoch gut vorstellen, sie bei ihren Besuchen freundlich einzubeziehen. Für Jason wäre das gut, und uns würde doch kein Mädchen stören, das so viel Pech gehabt hat. Aber dazu müsste sie uns kennenlernen.«

»Frau Müller ist ein liebenswertes junges Ding, aber noch naiv und leider nicht sehr zuverlässig.«

»Immerhin hat sie ihre schriftliche Einwilligung gegeben, dass Jason in eine Pflegefamilie kommt. Zur Adoption wollte sie ihn nicht freigeben, auch nicht zu einer offenen mit Besuchsrecht, aber zumindest ist sie einverstanden, dass Jason bei uns leben wird. Das ist uns wichtig.«

»Ja, ich hatte hier schon zwei, drei Mal Kinder, wo es anders und dadurch für alle sehr schwierig war.« Frau Herbst drehte sich zur Spüle, schabte eine Möhre unter fließendem Wasser und reichte sie mir: »Bringen Sie sie Jason, er isst sie so gern.«

Jason saß rittlings auf Alex’ Schoß, zappelte mit den Beinen und befühlte mit beiden Handflächen Alex’ Drei-Tage-Bart.

»Ja-son«, fragte ich ihn, »möchtest du eine Möhre?«

Er sah mich einen Moment lang irritiert an und griff dann nach der Möhre. Ich setzte mich neben ihn, und wir beobachteten, wie er mit seinen weißen Zähnchen in die Möhre biss, ein zweites Mal, noch bevor er hastig schluckte, und wie er gleichzeitig aus dem Sitzen heraus kleine Hüpfer machte.

»Ja-son«, begann ich wieder, doch er kletterte von Alex’ Schoß, stellte sich vor mich hin und schüttelte mit einem breiten Lächeln den Kopf: »Icke Jason!«

Alex und ich waren einen Moment lang verblüfft, dann brachen wir in Gelächter aus, und Jason lachte mit. »Icke Jason!«, wiederholte er, seinen Erfolg genießend. »Icke Jason!«

So versöhnte ich mich mit der amerikanischen Version seines Namens. Später, vielleicht zum Schuleintritt, werde ich ihm den Ursprung des Namens erklären, dann kann er selbst entscheiden, wie er angesprochen werden möchte.

Jason sprang kauend auf, rannte aus dem Zimmer und kam mit einem Holzpuzzle zurück, eine Spur von Puzzle- und Möhrenteilen hinterlassend. Zusammen legten wir fünf Bauernhoftiere in die Aussparungen auf dem Spielbrett. Immer wieder unterbrach Jason das Spiel, wenn es für ihn plötzlich wichtiger war, meine Halskette zu befühlen oder Alex’ Räuspern nachzuahmen.

Alex versuchte, seinen unruhigen Blick zu fangen. »Jason, noch zwei Mal schlafen, dann kommst du wieder mit zu uns, ja? Dann können wir wieder die Hühner anschauen.«

»Miau.« Jason lachte, und das klang so, wie ich mir das Lachen von Joe Cocker vorstelle.

»Ja, die Katze ist auch wieder da. Und dann schläfst du bei uns, ja?«

Jason hüpfte in die Küche und kam mit Frau Herbst zurück. Beide begleiteten uns an die Wohnungstür. Durch das Treppenhaus hallten Schritte, und eine junge Frau erreichte unser Stockwerk.

»Mama!«, rief Jason und strahlte über das ganze kleine Gesicht. Ich erschrak.

Die Frau musterte uns mit schnellem Blick und streckte freundlich die Hand nach Jason aus. »Dann komm mal mit.«

Jason ergriff sofort ihre Hand und ging mit, ohne sich umzudrehen, bis die Frau schließlich stehenblieb, uns anlachte und sagte: »Na, der folgt mir ja wirklich.«

»Komm, Jason!« Frau Herbst ging über den Flur und nahm ihn auf den Arm. »Das ist nicht deine Mama.«

»Sieht sie ihr denn so ähnlich?«, fragte Alex.

»Nein, gar nicht. Er nennt alle jungen Frauen Mama.«

Ich schluckte. Jason wand sich aus der Umarmung, hüpfte auf der Stelle, lachte und winkte.

Mama. Bald werde ich eine Mama sein. Seine einzige – nun ja, fast. Aber er wird bei uns leben, wir werden uns um ihn kümmern, er wird Vertrauen zu uns aufbauen, und dann bin ich wirklich seine Mama. Dieser Gedanke machte mich so glücklich, dass ich allen von Jason erzählen musste.

Die Reaktionen waren ernüchternd. Mein Vater sah kurz von den Grünkohlsetzlingen auf und meinte, Alex und ich müssten es dann aber auch durchziehen. Meine Mutter riet mir, es doch lieber mal mit künstlicher Befruchtung zu versuchen. Mein Bruder runzelte die Stirn und nannte uns mutig. Meine Tante war der Ansicht, nur sozial schwache Leute würden Pflegeeltern werden, vor allem wegen des Geldes. »Deine letzte Chance«, stichelte meine Cousine und lag damit nicht ganz falsch. Mit meiner Schwiegermutter diskutierten Alex und ich einen ganzen Abend lang, ob die Persönlichkeit eines Menschen stärker von genetischen Anlagen oder von der sozialen Umwelt abhängig sei, wobei die Stimmung immer angespannter wurde. Mein Kollegium atmete erst auf, als ich sagte, dass Alex den Erziehungsurlaub übernehmen würde. Nur meine Freundin Katrin, selbst ein Adoptivkind, freut sich einfach mit uns.

ALEXANDER FUNKE Eisenhüttenstadt. Die Zeit davor. Juni

Mit Herzklopfen verließ ich heute Mittag das Gebäude der Betriebsleitung.

»Leider hat sich herausgestellt, dass Erziehungsurlaub nur für eigene Kinder und für Adoptivkinder gilt.«

Mit diesem Satz hatte der Chef seine gestrige Zusage zurückgenommen und mir die entsprechenden Paragrafen vorgelegt. Ich hatte entgegnet, dass mir dann leider keine andere Wahl als die Kündigung bliebe. Er schien überrascht zu sein. »Melden Sie sich, wenn Ihr Pflegekind so weit ist. Ich werde alles tun, um Sie wieder einzustellen.« Kein Versprechen, aber eine ehrliche Absicht.

Sein Satz hallte in mir nach, als ich an den Gleisen stehen blieb, um die Diesellok vorbeifahren zu lassen, die weiterhin drei Meter hohe Flachstahlrollen zum Kaltwalzwerk bringen würde. Auch die Rolltore an der riesigen Halle des Warmwalzwerks würden sich in den kommenden Monaten nach wie vor öffnen und schließen, der Berg aus schwarzem Walzzunder würde sich um weitere acht oder zehn Meter erhöhen, bevor er zur Wiederverwertung abgebaggert werden würde. Alles würde so weitergehen wie immer. Nur ich wäre nicht mehr dabei.

Ich grüßte die rauchenden Kollegen am Eingang, eilte die Treppe hinauf und setzte Helm und Schutzbrille auf. Das vertraute Rauschen und Zischen empfing mich und der Geruch nach warmen Eisen. Ich stellte mich ans Geländer der Empore und blickte zwanzig Meter hinunter auf den riesigen Ofen, der gerade seinen Schlund öffnete und den gegossenen Stahl, die Bramme, entließ, grell orange, funkensprühend. Schlagartig traf mich die Hitze, selbst aus dieser Entfernung, sogar das Geländer unter meinen Händen erwärmte sich. Die meterlange Bramme schob sich auf dem Fließband durch die von Zischen und Dampf begleitete Wasserkühlung, verglühte und verlor ihr leuchtendes Orange an ein mattes Braun.

Die Halle war menschenleer, wie immer, wenn alles perfekt lief. Frank und die anderen Walzer arbeiteten hinter den kleinen Fenstern im Leitstand. Ich sah auf die Uhr. Gleich würde Frank kommen, und ich musste ihm gestehen, dass ich gekündigt hatte, ihm zuerst. Schließlich ist er mein Schwiegervater, mehr noch, mein Ersatzvater, der Vater, den ich nie gehabt hatte. Was für ein Zufall, dass wir uns gerade heute für den Kantinengang verabredet hatten.

Ich rückte die Schutzbrille zurecht und beobachtete beim Weitergehen, wie die Bramme erst auf das Zehnfache, dann auf das Hundertfache gelängt wurde, um schließlich als Flachstahl auf drei Meter hohe Rollen gewickelt zu werden. Ich winkte nach oben zur Kranführerin mit dem gelben Hörschutz über den Ohren, doch sie konzentrierte sich auf den Greifer, mit dem sie eine Stahlrolle auf den Platz vor dem Roboter lenkte und dort absetzte. Der Roboter beschriftete die Rolle mit Gewicht und dem heutigen Datum: 3.280 kg – 19.06.2000.

Frank sah mir von der Tür aus entgegen, im blauen Arbeitskittel, die wenigen grauen Haare unter dem Schutzhelm versteckt. Ich sagte meinem Schwiegervater sofort, was ich getan hatte, wegen des Lärms in der Halle musste ich es noch einmal schreiend wiederholen. Frank starrte mich an, als hätte ich angekündigt, mich von seiner Tochter scheiden zu lassen. Schon seit zweiundvierzig Jahren arbeitet er im Werk als Facharbeiter für Walzwerktechnik, wie der Lehrberuf in der DDR genannt wurde, und es schien, als wäre er nie darauf gekommen, dass ich einen anderen Weg einschlagen würde.

Erst im Treppenhaus fand er Worte. »Du kannst nicht einfach gehen. Wir brauchen dich.«

Es war dieses »Wir«, das mich mitten ins Herz traf. Hier, in diesem Betrieb, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt, wirklich dazuzugehören.

»Es ist ja nicht für immer.« Obwohl ich leise sprach, schien meine Stimme durch das Treppenhaus zu hallen. »Nur bis Jason so weit ist, dass er in die Kita kommt.«

»Mach doch nicht so einen Wind um den Jungen! Der kann doch in die Einrichtung. Sonja und Helmut waren schon ein paar Wochen nach der Geburt jeden Tag in der Krippe.«

»Bei einem Kind, das Schlimmes erlebt hat und sich in eine völlig andere Umgebung einfügen muss, geht das nicht. Außerdem haben wir keinen Kitaplatz. Und Sonja und ich müssen uns ja an ein Leben zu dritt gewöhnen, wie alle jungen Eltern. Nur, dass die anderen sich dafür eben Erziehungsurlaub nehmen können.«

Frank schüttelte den Kopf. »Und wenn du nie wieder reinkommst? Ja, EKO schreibt jetzt schwarze Zahlen, aber verhandelt wird mit allen möglichen Konzernen. Wenn uns einer übernimmt, weiß man nie, wie es weitergeht. Du hast es nach der Wende nicht miterlebt: Wenn der Hochofen hustet, fiebert die ganze Gegend.«

»Ich bin zuversichtlich«, sagte ich und gab mir Mühe, auch so zu klingen.

Franks steile Falten zwischen den Augenbrauen vertieften sich. »Und was sagt Sonja dazu?«

Mein Magen zog sich zusammen. »Sie weiß es noch nicht. Ich sage es ihr heute Abend.«

SONJA FUNKE Falkenheide. Die Zeit davor. Juni

»Erst arbeitslos, dann obdachlos«, eine Schlagzeile aus der Zeitung Neuer Tag, vielleicht war es auch die Junge Welt, ich weiß es nicht mehr, jedenfalls aus Ost-Zeiten. Das war das Erste, was mir durch den Kopf rauschte, immer wieder.

»Ich werde schnell wieder Arbeit finden.« Alex guckte schuldbewusst.

»Wir gründen gerade eine Familie!«, sagte ich. »Dazu brauchen wir Geld und ein Dach über dem Kopf!«

Unser Haus hier in Falkenheide habe ich, gemeinsam mit meinem Bruder, zwar von Oma geerbt, aber darauf lastet der große Kredit der Sanierung. Das erste Mal überhaupt, dass ich mir Geld leihen musste. Wie sollen wir das zurückzahlen? Von meiner Teilzeitstelle und seinem Arbeitslosengeld?

»Über die paar Monate kommen wir doch gut«, sagte Alex. »Ich dachte halt, deine Arbeit ist wichtiger als meine.«

Ich weiß, dass Alex es gut meint, und ja, nach dem berufsbegleitenden Studium und dem Stress der letzten Jahre will ich nicht unterbrechen, zumal ich hoffe, dass aus dem befristeten Arbeitsvertrag an der Schule ein unbefristeter wird. So war ich begeistert gewesen von Alex’ Vorschlag, den Erziehungsurlaub zu übernehmen. Aber ein Jahr Erziehungsurlaub ist etwas anderes als ein arbeitsloser Familienvater.

»Was hätte ich denn machen sollen?«, fragte Alex. »Jason muss erst einmal bei uns ankommen.«

Natürlich hat er damit Recht. Und ich weiß auch, dass meine Ängste übertrieben sind. Alex nahm mich in die Arme. »So kenne ich dich gar nicht«, sagte er leise. »So verzagt, so auf Sicherheit bedacht. Ist das vielleicht die andere Seite des Mutterseins?«

Ja. Vielleicht. Vielleicht wirken aber auch die Existenzängste der Wendezeit nach, die Ungewissheit des Hüttenwerks, von dem das Leben dieser Stadt am Rand des neuen Gesamtdeutschland abhing. Zwei von drei Mitarbeitern waren entlassen worden, etwa achttausend insgesamt. Damals hatte es geheißen, Frau und Mann zusammen im Werk, das geht nicht, einer muss gehen. Meist waren die Frauen gegangen.

Viele Familien waren in den Westen gezogen. Mein Vater hatte seine Heimat nicht verlassen wollen, als fast fünfzigjährigem Walzwerker waren ihm auch wenig andere Perspektiven geblieben, so hatte er jahrelang um seine Arbeitsstelle gezittert, mehr noch, um sein Lebenswerk, um seine Identität. Für alle Gebliebenen hatte sich das Leben geändert: Leerstand ganzer Häuserzeilen, schließlich »Rückbau«, wie der Abriss beschönigend genannt wurde, kaum noch Geburten, Schließung von Kindereinrichtungen, Läden, Restaurants und Jugendclubs, geballt viele Arbeitslose, die sich zum ersten Mal in ihrem Leben nutzlos fühlten, all diese Schwermut, die über der Stadt hing, für jeden spürbar. Doch Mitte der Neunziger hatte uns das neue Warmbreitbandwalzwerk wieder Hoffnung gegeben. Man hört sie noch immer in den Gesprächen, sieht sie in den Gesichtern. Unser Werk ist jetzt wettbewerbsfähig, wie es neudeutsch heißt. Vielleicht geht es tatsächlich wieder aufwärts.

Ich sollte zuversichtlicher sein.

DOREEN MÜLLER Berlin. Die Zeit davor. Juli

Es war Liebe auf den ersten Blick, und Danny ist gleich bei mir eingezogen. Er hat auch sofort akzeptiert, dass ich ein Kind habe. Am Dienstag bin ich dann zum Jugendamt und hab gesagt, dass Danny meinen Sohn kennenlernen will. Aber Frau Vogel will erst einmal abwarten, ob es eine stabile Beziehung wird, nicht wie bei Johnny und Sergio, mit denen es ganz schnell wieder vorbei war.

»Das ist es schon«, hab ich gesagt. »Danny war als Kind auch im Heim, und so ein Mamasöhnchen wie Sergio kann er schon deshalb nicht sein.«

Seit ich mit Danny zusammen bin, klappt einfach alles, die Wohnung habe ich behalten, und Strom gibt es auch wieder. Aber Frau Vogel meinte, ich soll jetzt erstmal die Pflegeeltern kennenlernen und bloß nicht wieder kurz davor absagen. Gestern war der Termin, und ich war total aufgeregt. Gegenüber vom Jugendamt ist ein Bäckerladen, dort habe ich einen Kaffee nach dem anderen getrunken und die Leute draußen angeguckt. Als die Pflegeeltern gekommen sind, habe ich sie sofort erkannt. War klar, die sind nicht von hier, so wie die sich umgeschaut haben. Landeier eben. Für ihr Alter noch einigermaßen gutaussehend, braungebrannt, beide groß, die Frau nicht gerade schlank, aber auch nicht fett, mit schulterlangen Locken und blauem Kleid. Er wirkt wie ein Hering neben ihr, in Jeans und weißem Hemd, aber ohne Krawatte, klar, schon ein bisschen spießig, aber okay. Könnten Lehrer oder Vermieter sein oder beim Jobcenter arbeiten oder so.

Sie haben sich an die Hausecke gestellt, immer wieder auf die Uhr geguckt und den Eingang vom Jugendamt beobachtet. Tja, ein bisschen zu spät, ich war früher da! Der Mann zeigte auf ein Mädchen in meinem Alter, das ins Jugendamt gegangen ist. Da hab ich echt losgelacht. Nein, das bin ich nicht, Kuckuck, hier bin ich!