Zeit bis Mitternacht - Malou Berlin - E-Book

Zeit bis Mitternacht E-Book

Malou Berlin

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Beschreibung

23. März 1987, Dimitroffstraße im Ostteil Berlins: Zum ersten Mal begegnet Franka, die Motorradmechanikerin aus dem westlichen Berlin-Kreuzberg, Magdalena. Sofort weiß sie, dass die rothaarige Schöne jemand Besonderes ist. Um sie besser kennen zu lernen, nimmt Franka das Pendeln zwischen zwei Welten auf sich. Zu Hindernissen wie Visazwang, Grenzkontrollen und Zwangsumtausch kommt die ständige Angst um Magdalena, die beim FDGB arbeitet und darum keinen „Westkontakt“ haben darf. Im Ostteil der Stadt erlebt Franka aber auch Gefühle, die sie im Westen manchmal vermisst: Stärke und Zusammenhalt, Offenheit und Wärme. Und so wächst in Franka der Gedanke, aus Liebe nach Ost-Berlin überzuwechseln. Doch im Herbst 1989 überschlagen sich die politischen Ereignisse. Die Mauer fällt und über Nacht verändert sich das Leben der beiden Frauen radikal. Der politische Umbruch wird auch für ihre Liebe nicht ohne Folgen bleiben. Malou Berlin erzählt in Zeit bis Mitternacht die Liebesgeschichte zweier junger Frauen vor dem Hintergrund des geteilten Berlins kurz vor dem Mauerfall. Auf beeindruckende Weise lässt sie in ihrem Roman ein Stück deutscher Zeitgeschichte lebendig werden.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Alle Charaktere, Schauplätze und Handlungen dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind unbeabsichtigt.

© Querverlag GmbH, Berlin 2006

Erste Auflage März 2006

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrift­liche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung einer Fotografie von getty images.

ISBN 978-3-89656-589-1

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH, Akazienstraße 25, D-10823 Berlin

http://www.querverlag.de

Prolog

„Wer war denn deine größte Liebe?“

Das hört sich an, als könne ich bereits auf ein langes, bewegtes Leben zurückblicken. Dabei habe ich die eine oder andere große Liebe sicher noch vor mir. Aber Klara hält Mitte vierzig für ein erfahrenes Alter. Sie hat mich heute in ihre Wohnung eingeladen, die sie kürzlich mit ihrer ersten großen Liebe bezogen hat. Es schmeichelt mir, wenn sie mich nach meinen Erfahrungen fragt.

„Rate mal.“

„Magdalena“, stellt Klara fest. Ich nicke. Natürlich weiß sie es. Schließlich haben wir viele Jahre zusammengelebt. Sie, ich und ihr Vater Michael, mit dem ich seit meiner Kindheit eng befreundet bin, zeitweise dazu noch die eine oder andere Mitbewohnerin. Die dickbauchige blaue Kanne, aus der sie mir jetzt Tee nachschenkt, stand früher immer auf dem Küchentisch unserer Wohngemeinschaft.

„Weiß Magdalena das eigentlich auch?“ fragt Klara und umschließt mit ihren Fingern den kleinen tropfenförmigen Rubin, der an einer silbernen Kette ihren Hals schmückt.

„Ich glaube nicht. Wir reden nur selten von früher.“

„Du solltest es ihr sagen.“ Klara lehnt sich vor und sieht mich beschwörend an. Ich muss lächeln. Mit diesem Blick hat sie es als kleines Mädchen immer wieder geschafft, Süßigkeiten von mir zu bekommen. Obwohl ich mir dadurch Ärger mit ihren Eltern einhandelte.

„Und warum?“ frage ich.

„Einfach, weil es wunderschön ist, das gesagt zu bekommen!“ Klaras Augen leuchten. Sie mag Magdalena sehr gern. Sie hat sie schon immer gemocht.

„Ja“, antworte ich nach einer Weile, „vielleicht mache ich das. Vielleicht.“

Damals hat es kein Vielleicht in mir gegeben. Ich wollte Magdalena. Ich wollte sie ganz. Nichts konnte mich daran hindern. Auch nicht die Mauer, die unsere Stadt teilte. Ich habe alle Visa mit den vielen Stempeln aufgehoben. Hier, in der Schublade, bei den Fotos, den Briefen und meinen alten Tagebüchern. Das älteste Visum ist auf den 23. März 1987 datiert.

1.

Die Menschen auf der Straße erscheinen mir gelassener als im Westen. Auch die wenigen Autos bewegen sich in einer für mich ungewohnten Ruhe. Ich beobachte, wie ein Autofahrer sogar anhält, noch während die Ampel auf Gelb umspringt. Ich drehe mich zu ihm um. Weder flucht er, noch klopft er mit den Fingern aufs Lenkrad. Er sieht nicht einmal ge­nervt aus. Er sitzt einfach da und wartet. Der Zweitaktgeruch erinnert mich an die Aufregung, die ich als Jugendliche bei meinem ersten Moped empfunden habe. Auch jetzt bin ich aufgeregt. Ich besuche zum ersten Mal dieses Land, das nur wenige Straßenzüge von meiner Wohnung entfernt beginnt. Meine Mitbewohnerin Renate, die hier gelebt hat und vorerst nicht mehr zu Besuch kommen darf, hat mir den Weg vor einer knappen Stunde noch einmal eindringlich erklärt.

Dimitroffstraße.

Die Namen an den Türschildern sind in dem düsteren Treppenhaus nur schwer zu entziffern. Die ausgetretenen Stufen knarren unter meinen Stiefeln. Es riecht so alt und modrig wie in Kreuzberger und Schöneberger Treppenhäusern auch. Ich klingele sofort, denn einen Augenblick später würde ich mich nicht mehr trauen. Schritte auf Holzdielen. Die Tür wird mit einem Ruck weit aufgerissen. Eine große, stattliche Frau sieht mich an. Um sie herum tanzen Staubteilchen im hellen Sonnenlicht. Auch ihre krausen roten Haare bewegen sich im Luftzug um ihren Kopf und ihre breiten Schultern. Wie kleine züngelnde Flammen. Feuerfrau. Mir fällt ein, dass ich gar keine Vorstellung hatte, wie sie wohl aussehen mag.

„Willst du zu mir?“

Eine samtige Stimme, tief und klar.

„Ja.“ Ein heiseres Krächzen. „Das heißt, wenn du Magdalena bist.“

Sie nickt langsam. Renate hat mir nicht gesagt, wie schön sie ist. Magdalena sieht mich fragend an.

„Ich heiße Franka. Ich habe deine Adresse von Renate. Ich soll dir Grüße von ihr bestellen.“

„Von Renate?“ Magdalena zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Ihre verhaltene Reaktion verunsichert mich noch mehr. „Du kennst sie von drüben?“

Ich nicke.

„Wie geht es ihr?“

„Gut.“

Ihr ernster Blick ruht lange auf mir. Sehr lange. Ich kann nicht erkennen, was sich dahinter verbirgt. Dann ein kurzes Funkeln in ihren Augen. Und noch eins.

„Möchtest du hereinkommen?“

Ich gewöhne mich rasch an die Lichtflut in ihrem Zimmer. Gleich neben der Tür steht ein altes Klavier aus dunklem Holz. Ich kann es nicht lassen, kurz mit der Handfläche über den Tastendeckel zu streichen. Es fühlt sich an wie mein eigenes Klavier, das noch im Haus meiner Eltern steht. Mein Herz pocht schneller. Ich folge Magdalena zwischen den auf dem Boden liegenden Bücherstapeln zu einer Sitzecke. Der kleine Tisch ist mit Zeitungen, handbeschriebenen Blättern und einem Schachspiel bedeckt. Anstatt eine der üblichen Erklärungen für die Unordnung abzugeben, stellt Magdalena mit ruhigen Bewegungen ein großes altes Radio vom Sofa auf den Boden und räumt den Sessel frei.

„Nimm Platz. Möchtest du einen Kaffee?“

Kaffee? Ich dachte, in der DDR gibt es keinen Kaffee. Hat mich nicht neulich erst meine alte Nachbarin gebeten, für ihr Weihnachtspaket nach drüben Kaffee einzukaufen? Oder ist das auch nur eines dieser Vorurteile? Ich wage nicht zu fragen.

„Ja, ein Kaffee wäre jetzt gut.“

Magdalena balanciert das Schachbrett mit den hölzernen Figuren vorsichtig auf einen Bücherstapel, schiebt die Blätter zusammen und legt sie auf das Radio.

„Mit Milch und Zucker?“

„Ja bitte.“

Ich höre, wie Magdalena in der Küche Wasser in einen Teekessel laufen lässt, und bin froh über diese kleine Pause. Es passiert mir immer wieder, dass ich mich in außergewöhnliche Situationen begebe, denen ich dann nicht gewachsen bin. Für jede Frau wäre es schwierig, sich, so wie ich, als Motorradmechanikerin zu behaupten. Mit meinem mageren Selbstbewusstsein war das geradezu verwegen. Aber ich bin hartnäckig geblieben und habe mich ganz langsam durchgebissen.

Jetzt bin ich also in einem anderen Land, sechs Kilometer von meiner Wohngemeinschaft entfernt, in der Wohnung einer etwa gleichaltrigen Frau und fühle mich ziemlich fehl am Platz. Doch auch das kann sich ändern.

Diese Möbel könnten auch in meinem Zimmer stehen. Ein großes Bücherregal, ein Hochbett, ein weinrot gestrichener alter Kleiderschrank. Was ist anders? Solche Faltjalousien aus Pappe gibt es bei uns nicht. Auch hängen in unseren Wohnungen drüben Bilder an den Wänden, die man meistens schon einmal irgendwo gesehen hat. Anders das große Aquarell über Magdalenas Sofa. Es berührt meine Sehnsucht, vielleicht die Sehnsucht aller Großstädter: ein geöffnetes Fenster und dahinter eine weite, menschenleere Seenlandschaft. Auch die fünf oder sechs Fotografien an der Wand gegenüber gefallen mir sehr. Die Portraits in Schwarz-Weiß zeigen Frauen verschiedenen Alters. Eine davon sieht Magdalena sehr ähnlich, vielleicht ist es ihre Schwester.

Etwas fehlt hier, was es in West-Berlin in jeder mir bekannten Wohnung gibt. Dann fällt es mir ein: eine große Grünpflanze, eine Palme beispielsweise. Magdalena hat lediglich zwei kleine Töpfe mit Zyperngras auf dem Fensterbrett stehen.

Der Teekessel pfeift. Magdalena kommt herein und stellt zwei große Tassen mit Setzkaffee auf den Tisch. Sie lässt sich auf dem Sofa nieder, und wieder ruht ihr ernster Blick auf mir. Dunkelgrüne Augen.

„Ich bin zum ersten Mal in der DDR“, beginne ich verlegen. „Es interessiert mich, wie die Menschen hier leben. Vor kurzem habe ich Renate kennen gelernt. Durch sie habe ich dann einiges über das Leben in der DDR erfahren …“

„Aus der Sicht einer, die sie hinter sich gelassen hat.“ Magdalena bekommt einen spöttischen Zug um die Mundwinkel.

„Ja. Ich soll dir ausrichten, dass sie sich Sorgen um dich macht. Sie meint, es sei gar nicht deine Art, dass du ihre Briefe nicht beantwortest.“

Magdalena weicht etwas zurück und hebt bedauernd ihre Schultern. „So viele Freunde von mir sind ausgereist, dass ich unmöglich den Kontakt halten kann. Das geht ja nur über Briefe, wie du sicher weißt. Ein bis zwei Jahre gehen immer ins Land, bis die Ausgereisten wieder zu Besuch kommen dürfen, bei einer Ausreise aus politischen Gründen wie bei Renate dauert es oft noch viel länger. Ich habe es satt, mich ständig mit dem Westen auseinander zu setzen. Ich habe mich entschieden, in der DDR zu leben, und muss daher schauen, wie ich hier zurechtkomme.“

Darauf weiß ich nichts zu antworten. Es ist für mich selten einfach, mit Fremden in ein entspanntes Gespräch zu kommen. Und mit Magdalena erscheint es mir nun fast aussichtslos. Ich schaue sie schweigend an. Ihr Gesichtsausdruck wird weicher, vielleicht spürt sie meine Ratlosigkeit.

„Aber trotzdem interessiert es mich, wie es ihr geht und was sie so macht.“ Auch ihre Stimme klingt jetzt nachgiebig.

„Es geht ihr gut.“ Ich bemühe mich ebenfalls um einen lockeren Tonfall. „Sie ist ganz viel unterwegs, will überall dabei sein und sich alles anschauen. Außerdem hat sie einen Job in einem Altenheim.“

„In einem Altenheim? Als was?“ fragt Magdalena verblüfft.

„Als Nachtwache. Wieso?“

„Na ja, sie ist ja Ökonom.“

„Sie ist froh, dass sie überhaupt erst einmal eine Arbeit gefunden hat“, erwidere ich, „aber sie hält Augen und Ohren offen, ob sich etwas Anderes findet.“

Magdalena nickt. Ich nippe an meinem Kaffee. Er schmeckt anders als der im Westen. Erdiger und ein bisschen angebrannt.

„Woher kennt ihr euch eigentlich?“ fragt Magdalena.

„Renate und ich haben vor ein paar Wochen beide an einem Yoga-Kurs teilgenommen. Sie hat in einer Pause erzählt, dass sie auf Wohnungssuche ist, und bei uns war gerade ein Zimmer frei. Sie ist dann gleich bei uns eingezogen.“

„Schön. Das ist wirklich schön“, meint Magdalena zufrieden. „Sie hat sich schon seit langem gewünscht, nicht mehr alleine zu wohnen. Du weißt sicher, dass das hier ganz schwierig ist, weil einem als Ledigem nur eine Einraumwohnung zusteht. Wie groß ist denn eure Kommune?“

Ein glucksendes Lachen will sich aus meiner Kehle befreien. Ich schlucke es tapfer herunter. Niemals hätte ich unsere Wohngemeinschaft als Kommune bezeichnet. Und genauso wenig hätte ich gedacht, dass der Sprachgebrauch in Ost und West so unterschiedlich ist.

„Wir haben eine Vier-Zimmer-Altbauwohnung. Ich wohne schon seit über fünf Jahren dort, zusammen mit Michael. Das ist ein ganz alter Freund von mir, wir waren früher Nachbarskinder. Seine Tochter ist fast vier und wohnt eine Woche bei uns, eine bei Anna, ihrer Mutter.“

„Das ist überschaubar“, stellt Magdalena fest. Sie blickt eine Zeit lang still auf ihre kräftige Hand, die auf dem dunkelbraunen, groben Stoff der Sofalehne ruht. Nur die Spitze ihres Zeigefingers umkreist ununterbrochen einen der Polsternägel. Ich wünschte, ich könnte jetzt einfach etwas Witziges erzählen, die Situation mit einer charmanten Anekdote auflockern. Aber mir fällt überhaupt nichts ein.

Dann sieht mir Magdalena wieder direkt in die Augen. „Was weißt du von der DDR?“ In ihrem Blick glaube ich etwas Lauerndes zu erkennen, so als wollte sie genau sehen und sich gleichzeitig schützen.

„Ach, vor allem Plattheiten“, winke ich verlegen ab. Ich will sie nicht mit meinen alten Vorurteilen verletzen. Ich bin hier, um mit offenem Herzen ganz neu zu schauen. „Weißt du, ich bin erst vor fünf Jahren nach Berlin gezogen. Vorher habe ich in einer schwäbischen Kleinstadt gelebt. Da spricht man heute noch von der ‚Ostzone’. Und jedes Politikverständnis links von Franz Josef Strauß gilt als kommunistisch unterwandert.“ Es entspannt mich, die Vorurteile anderer so weit von mir zu weisen.

„Erzähle.“ Magdalena beugt sich vor, ihre Neugier überwiegt. „Na los. Was für Plattheiten?“

„Na ja.“ Ich überlege einen Moment. „Den meisten Westdeutschen werden zuerst die holprigen Transitstraßen einfallen. Und die preußischen Grenzer. Darüber können sie ewig herziehen.“

„Was noch?“ fragt Magdalena mit herausforderndem Blick.

„Militärparaden. Häuser, die ausnahmslos grau sind“, antworte ich nun ohne zu zögern.

„Weiter!“ Magdalenas Augen funkeln vergnügt. Sie lächelt mich zum ersten Mal an. Neben ihrem Mundwinkel bildet sich ein Grübchen. Ihr Lächeln wirkt dadurch etwas schief. Und entzückend.

„Es gibt keine Bananen und keinen Kaffee. Die Technik ist auf dem Stand der fünfziger Jahre. Und manche meinen, die DDR sei das langweiligste Land der Erde.“

Magdalena wirft ihren Kopf in den Nacken und bricht in ein schallendes Lachen aus. Ich lache verhalten mit.

„Es ist in der Tat äußerst langweilig hier“, klagt sie mit ironischem Unterton. „Ich leide sehr unter den holprigen Straßen und den grauen Häusern. Und darunter, dass mich keine bunten Plakatwände darauf hinweisen, welcher Doseneintopf mich glücklich macht.“

„Die Werbung im Westen ist wirklich furchtbar. Und nervtötend und dumm.“

„Na, die Losungen der Partei sind auch nicht gerade geistreich“, grinst Magdalena.

Einige der Spruchbänder habe ich schon gesehen: Von der Sowjetunion lernen heißtsiegen lernen und Den Sozialismus aufbauen. „Aber sie sind klar und einfach und direkt, das finde ich gut. Entweder nimmt man sie an oder man lässt es eben bleiben. Die Werbung im Westen dagegen schleicht ins Unterbewusstsein und wir nehmen es nicht einmal wahr.“

„Ja, das stimmt schon“, meint sie. Es gefällt mir, wie sie mich über den Rand der Kaffeetasse ansieht. Ihr Blick ruht wieder lange auf mir, so lange, bis ich lachen muss.

„Was denn?“ frage ich. „Was denkst du?“

Magdalena gibt mir ein kleines Lächeln zurück, wobei ihre geraden, weißen Zähne kurz aufblitzen.

„Ich dachte gerade, dass ich es vielleicht doch spannend finde, mich meinen Vorurteilen zu stellen. Eines hast du bereits aufgebrochen. Nämlich jenes, dass Westler kalt und distanziert sind.“

„Das freut mich. Und welche Vorurteile hast du sonst noch?“ Plötzlich fällt es mir leicht, ihr Fragen zu stellen. Magdalena überlegt auch nicht lange.

„Wessis sind oberflächlich, arrogant und egoistisch“, antwortet sie vergnügt.

„Weiter!“

„Der Westen hinkt um hundert Jahre der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, mit seinem Papst und der katholischen Kirche.“

Eine überraschende Sichtweise. Die Begegnung mit Magdalena verspricht, meinen Horizont zu erweitern.

„Und was noch?“

Magdalena denkt kurz nach und lacht dann wieder: „Die West-Berliner Lesben tragen Lederjacken und dunkle Jeans und haben einen Einheitshaarschnitt.“ Sie beugt sich vor und streicht mir kräftig durch die Haare. „Aber dieses Vorurteil hast du ja bestätigt.“

Einen Augenblick lang ist sie so nahe, dass ich den Duft ihres Körpers riechen kann. Ich mag ihn. Ihre Hand hinterlässt eine glühende Stelle auf meinem Kopf.

„Woher willst du denn wissen, dass ich eine bin?“ frage ich und versuche ein charmantes Lächeln.

Magdalena lehnt sich zurück und wendet ihren Blick ab. „Ich hab mir das einfach so gedacht“, murmelt sie verlegen.

„Stimmt ja auch.“ Ich betrachte eingehend die Kuppe meines Daumens und besinne mich lieber darauf, weshalb ich eigentlich hier bin. Der Anfang meines Versuches, den Sozialismus lebensnah zu begreifen, ist mir doch recht gut gelungen.

„Ich glaube, wir beide könnten eine ganze Menge voneinander lernen“, schlage ich ihr vor und versuche dabei, einen möglichst sachlichen Tonfall zu halten. „Wir könnten diesen ganzen Vorurteilen unsere Neugier und unsere Offenheit entgegensetzen. Wir könnten Trennendes aufbrechen und schauen, was bleibt.“

„Ja“, antwortet Magdalena nach einem kurzen Nachdenken.

Wir sehen uns ernst und fest in die Augen, und das ist beinahe wie ein feierlicher Schwur.

„Sie hat mich auf den Mund geküsst!“ summt es während der Grenzkontrolle in meinem Kopf. Ein kleiner, schüchterner Abschiedskuss. Zugleich auch ein verwegener Kuss, denn schließlich kennt mich Magdalena erst seit ein paar Stunden. „Sie hat mich auf den Mund geküsst“, flüstere ich meinem Fahrrad zu, das im Lichtschein der ersten westlichen Straßenlaterne auf mich wartet. Das dünne Eis einer Pfütze zerknirscht unter meinem Vorderrad. „Sie hat mich auf den Mund geküsst!“ rufe ich der mageren Katze zu, die erschrocken hinter die Mülltonnen flüchtet. Ich werde es der ganzen Welt erzählen. Zuerst einmal Michael. Er fragt sich bestimmt schon, wo ich bleibe. Ich fahre zwischen den alten, gusseisernen Trägern der Hochbahn entlang. Ein Zug donnert heran und braust einige Meter über mir hinweg. „Sie hat mich auf den Mund geküsst!“ schreie ich gegen ihn an. Ich muss über mich lachen. Schon lange habe ich mich nicht mehr so gefreut.

Die Mauerstadt mit ihren kühlen, unverbindlichen Menschen ist mir schon lange zu eng geworden. Ich brauche mehr Licht und Weite und neue Begegnungen mit anderen Leuten. Das habe ich heute bekommen, und Magdalenas Kuss hat noch mehr versprochen.

Eine Melodie kommt mir in den Sinn. Wie heißt dieser Text von Udo Lindenberg? Ach ja: Hinterm Horizont geht’s weiter. Singend fahre ich einen hohen Bordstein hinunter, ein Autofahrer hupt empört. Egal. Wann hatte ich schon einmal eine solche Aufbruchsstimmung? Damals, als ich aus meinem Elternhaus ausgezogen bin, nur mit zwei Gepäcktaschen auf dem alten Fahrrad. Und als ich ein paar Jahre später den Bauernhof und die biologisch angelegten Gemüse­beete hinter mir gelassen habe und nach Berlin gefahren bin, weil mir eine große, attraktive Frau mit ganz kurzen, nach oben gebürsteten Haaren erzählt hat, in Berlin gäbe es viele aufregende Frauen. Lesben, schloss ich daraus. Nur dieses Wort selbst mochte ich nicht.

Übermütig ziehe ich den Lenker hoch und springe mit dem Fahrrad auf den Gehweg. Ich bremse scharf, steige ab und lege das Ringschloss um das Rahmenrohr und ein Kellergitter. Die schwere Haustür fällt dumpf ins Schloss. Ich schaue hoch zu unserem hell erleuchteten Küchenfenster. In Klaras Zimmer sind die Vorhänge bereits zugezogen. Auch Renates Zimmer ist dunkel, vermutlich ist sie bereits bei ihrem Nachtdienst. Aber Michael und ich werden den ganzen Abend in der Küche sitzen. Er wird alles ganz genau wissen wollen.

In all den Jahren haben Michael und ich immer wieder neue Gemeinsamkeiten entdeckt. Die Lust am Radfahren zum Beispiel, auch wenn ich mittlerweile bei den ersten Plusgraden meistens auf mein Motorrad umsteige. Und das Interesse an Politik. Und das kleine Café neben unserer Schule während des Chemieunterrichts.

Und Nadine. Sie kam aus Paris in unsere verschlafene Kleinstadt. Damals dachte ich nicht darüber nach, weshalb sie ein paar Tage lang im Dachbodenzimmer von Michaels Elternhaus wohnte, auch nicht, weshalb sie fließend deutsch sprach. Sie war einfach da und brachte mein Herz in Aufruhr. Und Michaels. An dem Nachmittag, als ich sie zum ersten Mal sah, hockten Michael und ich auf der Umrandung seines alten Sandkastens und überlegten, wie wir den Rest des heißen Tages verbringen sollten. Zum Spielen im Sandkasten waren wir schon viel zu groß.

„Bauen wir an unserem Baumhaus weiter“, schlug ich vor.

Michael schüttelte unwirsch den Kopf. Er war schweigsamer als sonst, immer wieder streiften seine Blicke das kleine Dachfenster.

„Sollen wir mal zu ihr hochgehen?“ fragte ich, nun neugierig geworden, was diese Fremde an sich haben mag, um meinen Freund so zu verändern.

„Wir können doch nicht zu ihr hochgehen!“ Michael warf mir einen kurzen Blick zu, der mir zeigte, dass ich überhaupt nichts verstand. „Das ist kein Mädchen, das ist … das ist eine Dame!“

In diesem Augenblick öffnete sich das Dachfenster. Ich konnte das Gesicht der Fremden nicht deutlich sehen, doch sie rief mit einer glockenhellen Stimme: „Michael, kannst du mir bitte helfen?“

Michael sprang auf und rannte den Gartenweg entlang, und erst auf der Treppe zum Dachboden hatte ich ihn eingeholt. Es wurde mit jeder Stufe stickiger und heißer, wir polterten den Weg zwischen abgestellten Möbeln und alten Koffern entlang. Die Tür öffnete sich, und da stand sie. Michael und ich hielten abrupt an. Sie trug nur ein ärmelloses Etwas aus schwarzem Satin, das ihr bis zu den Schenkeln reichte. Solche Kleidungsstücke kannte ich nicht. War es ein Unterkleid oder ein Nachthemd? Gewiss hatte die Fremde auch schöne Augen und ein nettes Lächeln, aber in diesem Moment sah ich nur diesen glänzenden, schwarzen Stoff um ihren runden Körper. Mir blieb fast die Luft weg.

„Oh, du hast noch jemanden mitgebracht?“

„Das ist Franka.“ Michaels Stimme klang blechern.

Die Fremde reichte mir die Hand. „Hallo, Franka, ich bin Nadine.“

„Tag.“ Mehr brachte ich nicht heraus.

Nadine wendete sich wieder Michael zu. „Ich habe keinen Spiegel. Deine Mutter sagte, ich kann diesen hier in das Zimmer bringen.“ Sie zeigte auf eine zierliche alte Kommode, deren hintere Umrandung in den Rahmen eines hohen Spiegels überging. „Er ist zu schwer für mich. Kannst du mir bitte helfen?“

„Mein Kumpel und ich machen das schon“, meinte Michael ritterlich.

Für mich war es nichts Ungewöhnliches, von Michael „Kumpel“ genannt zu werden, aber Nadine lachte ein perlendes Lachen. Wir schleppten das Möbelstück in ihr Zimmer und taten so, als wäre es nicht schwer. Nadine stöckelte vor uns her und gab die Richtung an. „Noch ein wenig mehr zum Fenster. Ich brauche das Licht auf meinem Gesicht!“ Wir rückten eifrig etwas mehr zur Seite und noch ein bisschen schräger. An Michaels ernstem Gesicht konnte ich erkennen, dass auch er sich sehr erwachsen fühlte. Schließlich stand die Kommode richtig. Nadine lachte ihr Spiegelbild zufrieden an. Sie drehte sich, ohne den Blick vom Spiegel zu nehmen, und nahm mit beiden Händen ihr dunkles, schulterlanges Haar hoch. Sie hielt inne, als würde sie für einen Fotografen posieren, und schien vergessen zu haben, dass Michael und ich nach wie vor rechts und links von der Kommode standen. Als sie ihre Haare wieder ausschüttelte und sich mit zusammengelegten Armen nach vorne beugte, wurden ihre ohnehin vollen Brüste so groß, dass sie sich aneinanderschmiegten. Nur halb verdeckt von der schmalen Spitzenborte des schwarzen Satins entstand eine tiefe Spalte. Mir stockte der Atem.

Plötzlich stellte sich Nadine ruckartig wieder gerade hin und musterte Michael, der einen glühend roten Kopf bekommen hatte. „Du bist kein kleiner Junge mehr“, stellte sie ernsthaft fest. „Danke für die Hilfe.“

„Bitte. Gern geschehen.“ Michael bewegte sich langsam in Richtung der Tür. „Komm“, raunte er mir zu. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Solange Nadine mich nicht auch wegschickte, konnte mich nichts auf der Welt von diesem Platz vertreiben. Nadine sah mich einen Augenblick lang verwundert an, sagte aber nichts. Sie nickte Michael freundlich zu, der zögernd die Tür hinter sich zuzog. Dann stellte sie eine Unmenge kleiner Tuben, Flakons und Dosen auf die Kommode. Sie rückte sich einen Stuhl heran und betupfte sorgfältig Gesicht, Hals und ihr Dekolleté mit einer weißen Creme. Dann klopfte sie so lange mit den Fingerspitzen auf die Haut, bis keine weiße Spur mehr zu sehen war. Ich dagegen habe Hautcreme immer zwischen den Handflächen verteilt und sie dann mit ein paar schnellen Bewegungen im Gesicht verrieben. Wenn ich mich überhaupt eingecremt habe. Nadine trug jetzt eine braune Creme auf, deren blumiger Duft bis zu mir zog. Dann bemalte sie ihre Augen mit einem dunklen Stift, wodurch sich ihr Gesicht völlig veränderte. Ich war hingerissen.

„Ich sehe schon, es wird nicht mehr lange dauern, bis du dich auch schminken wirst.“ Nadine lächelte zuerst mich und dann wieder ihr Spiegelbild an.

„Ich?“ fragte ich verwirrt. Wozu denn das? Ich wollte nicht so sein wie sie, ich wollte doch … ja, was wollte ich eigentlich?

„So interessiert, wie du mich beobachtest!“ Sie lachte wieder perlend und betrachtete dann prüfend mein Gesicht. „Du hast fast schwarze Augen, die sind so ausdrucksvoll, dass du kaum Make-up brauchst. Höchstens ein wenig Eyeliner. Überhaupt wirst du sehr hübsch werden, wenn du das Beste aus deinem Typ machst. Deine Wangenknochen könntest du mit etwas Rouge betonen, soll ich es dir zeigen?“

„Nein“, stammelte ich und hob abwehrend die Hände. „Ich … ich schau Ihnen lieber zu.“

„Wie du möchtest.“ Sie nahm lächelnd einen Lippenstift in ihre Hand und wendete sich wieder dem Spiegel zu.

Michael hockte auf der Umrandung des Sandkastens und warf kleine Holzstücke gegen den Stamm des Apfelbaums. Als er mich kommen sah, sprang er auf. „Und? Was hat sie gesagt?“

„Alles Mögliche über Puder und so.“

„Ich meine, über mich!“ rief Michael ungeduldig. „Was hat sie über mich gesagt?“

„Über dich? Gar nichts.“

Michael sank seufzend in sich zusammen. Ich setzte mich neben ihn.

„Hast du schon einmal so etwas Schönes gesehen?“ flüsterte er nach einer Weile.

Ich wusste sofort, was er meinte, und schüttelte den Kopf. „Noch nie. Und weißt du was? Ich durfte den Reißverschluss von ihrem Kleid zumachen.“

„Warum denn das?“ Aus Michaels Augen sprang der blanke Neid.

„Der ist hinten. Da kommt sie nicht alleine dran.“

„Wahnsinn! Vielleicht fragt sie nächstes Mal mich! Stell dir das vor! Welches Kleid war es denn?“

„Ein blaues.“

Ich war nach wie vor verwirrt. Ich verstand nicht, weshalb mich Nadine in solche Unruhe versetzte, weshalb sie dieses Ziehen in meinem Bauch und das Herzklopfen auslöste. Es gab andere Mädchen und Frauen, denen ich nacheiferte, aber das war es bei Nadine ja gerade nicht.

„Hast du gesehen, dass sie keine Haare unter den Achseln hat wie die anderen Erwachsenen?“ unterbrach Michael mein Grübeln.

„Ja“, seufzte ich und sah sehnsüchtig zum Dachfenster hin­auf.

„Ich glaube, du bist genau so verschossen wie ich“, stellte Michael fest.

Ich starrte ihn an. Seine Augen waren so rund und blau wie immer, und doch lag eine andere Bestimmtheit darin.

„Ja“, flüsterte ich verträumt. Plötzlich war es ganz klar und ganz einfach. Ich war verliebt. Michael und ich waren verliebt. In Nadine.

Wir lungerten dann, so oft wir konnten, am Sandkasten herum. Für den Fall, dass Nadine wieder unsere Hilfe benötigte. Aber nur Michael hat sie noch gesehen. Er hat mir geschworen, sie hätte ihm zugeblinzelt, an dem Abend, als sie sich von seiner Familie verabschiedet hatte. Ganz sicher war er sich dann aber doch nicht gewesen.

„Hallo, ich bin wieder da!“ Ich hänge meine Jacke über eine andere an einen unserer überfüllten Garderobenhaken.

„Gott sei Dank.“ Michael öffnet leise die Flurtür. „Klara ist krank.“

Nicht schon wieder. Mein Herz schrumpft. Ich folge Michael ins Kinderzimmer. Das kleine Mädchen liegt mit halb geschlossenen Augen im Bett. Ich setze mich auf den Boden und streichele ihr vorsichtig über die fiebrige Wange.

„Hallo, Klara.“

Sie sieht mir kurz in die Augen und greift nach meiner Hand. Ich drücke sie sacht, doch sie erwidert den Druck nicht. Ich schaue zu Michael. Er hat dunkle Ringe unter den Augen, sein sorgenvolles Gesicht wirkt noch schmaler als gewöhnlich.

„Es hat heute Nacht schon angefangen?“

„Ja. Wieder mit Fieber und Erbrechen. Die Kinderärztin hat eine Angina diagnostiziert und Antibiotika verschrieben. Der Heilpraktiker ist noch eine halbe Stunde zu Hause. Bis dahin kann ich die Globuli in einer anderen Potenz abholen. Anna habe ich nicht erreicht. Zum Glück bist du gerade noch rechtzeitig gekommen.“

„Dann geh jetzt los.“

Er kniet sich vor das Kinderbett und macht seinen langen, schlaksigen Körper so klein, dass er sich fast auf Augenhöhe mit seiner Tochter befindet. Mit sanfter Stimme erklärt er ihr, wohin er geht und wann er wiederkommt. Klara nickt müde. Dann bin ich allein mit ihr.

Müde und immer noch aufgewühlt stehe ich am nächsten Morgen an meiner Werkbank. Doch dann fühle ich das kalte Metall in meinen Händen. Mit einer beinahe glatten Oberfläche, nur leichte Rillen von meinem Feilenstrich, kühler Stahl, gefühllos und beruhigend. Reißnadel, Anschlagwinkel, andere vertraute Werkzeuge. Ich lausche dem Schaben meiner Feile, jeder Strich ein wenig anders als der vorige, als der nächste, nicht sehr laut, doch laut genug, um das Gerede der Kollegen und Kunden überhören zu können und das Guten-Morgen-Gute-Laune-Geplärre aus dem Radio, so dass es keine Ablenkung mehr gibt für das Entstehen einer Rundung auf hartem, eckigem Stahl, für das Verfeinern seiner Oberfläche, für das Glätten, fast bis zum Streicheln. Das Metall ist durch meine Bearbeitung warm geworden und glänzt.

Klackernde Schritte im hinteren Teil der Werkstatt. Sie gehören nicht zu einem meiner Kollegen.

„Renate! Was machst du denn hier?“

„Ich weiß ja, dass du einen unangenehmen Chef hast.“ Meine Mitbewohnerin streicht sich nervös über ihren lässig frisierten Kopf. So blass, wie sie ist, hat sie bestimmt einen anstrengenden Nachtdienst hinter sich. „Aber ich will doch wissen, wie es gestern war. Erzähl doch ganz kurz.“

„Magdalena geht es gut. Sie schreibt dir nicht mehr, weil ihr es zu viel ist, mit den ganzen Ausgereisten Kontakt zu halten. Aber ich soll dich herzlich von ihr grüßen.“

Ich kann Renate die Enttäuschung ansehen, bevor sie sie tapfer herunterschluckt.

„Es geht so schnell.“ Sie lehnt sich an die Werkbank. Fast hätte ich sie daran gehindert. Mit ihrer frisch gewaschenen Levis und der hellroten Jacke passt sie nicht hierher. „Ich bin erst zehn Monate im Westen und verliere nun alles, was mir zu Hause noch wichtig war. Selbst meine Eltern, mit denen ich mich vor sechs Wochen in Prag getroffen habe, waren so seltsam fremd. Wie wir da in der Hotelbar saßen …“

Mit einer energischen Handbewegung wischt sie sich über die Augen und anscheinend auch ihre Traurigkeit beiseite. „Wie geht es Magdalena sonst so? Und ihrer Mutter? Weißt du etwas von Ulli oder von Teresa und Anke?“

„Renate, ich kann jetzt wirklich nicht in Ruhe reden. Der Chef ist nur kurz auf Probefahrt. Komm, ich bring dich noch zur Tür.“

„Achtung, Warnung an alle“, dröhnt Giovannis Bass zu uns herüber, „der Chef kommt zurück! Er erreicht soeben den Hof! Alle in Deckung!“

Ich zwinkere meinem liebsten Kollegen lächelnd zu, als wir an ihm vorbeigehen.

„Ich koche heute Abend. Wann hast du hier Schluss?“ fragt Renate an der Werkstatttür.

„Um sechs. Bis dann.“

Ich schaue ihr nach, wie sie an den geparkten Motorrädern vorbei durch den tristen Hinterhof geht, hochgewachsen, mit leicht gebeugtem Kopf und schmalen, nach vorne hängenden Schultern. Sie verschwindet in der Durchfahrt unter dem hundert Jahre alten Mietshaus.

Meine Werkbank. Ich messe die Längen und prüfe noch einmal die Radien. Ein Blick auf die Zeichnung. Kernlochdurchmesser vier Komma fünf. Nutzbare Gewindelänge sieben Millimeter. Klarheit. Ich lege den Messschieber zurück und halte das Stahlstück einen Augenblick lang in der Hand. Kühles Metall. Gefühllos und beruhigend.

Sieben Tage sind seit meinem Besuch bei Magdalena vergangen. Ich nehme einen Schluck aus meiner vollen Tasse. Der Kaffee ist bereits lau geworden. Die Tageszeitung liegt ausgebreitet vor mir auf meinem Futonbett, ich schiebe sie ungelesen beiseite und stütze meinen Kopf auf den anderen Arm. Seit sieben Tagen habe ich nichts von Magdalena gehört. Trotzdem ist sie mir ganz nah. Ihre großen Augen. Ihr bezauberndes Lächeln. Ihr üppiger Körper, an dem alles rund und weich wirkt. Ihre kraftvolle Weiblichkeit. Es sind oft füllige Frauen, die mich erotisch anziehen. Die ich schön finde. Wie Magdalena.

Jemand hat einmal gesagt, die meisten finden das an anderen schön, was sie selbst nicht haben. Das glaube ich nicht. Aber zugeben muss ich, dass Magdalena körperlich das Gegenteil von mir ist. Ich wirke eher androgyn. Magdalena hat lange, rote Locken, ich habe kurze, glatte, dunkle Haare. Während ihre Hautfarbe sehr hell ist, werde ich zumindest im Sommer häufig für eine Südländerin gehalten. Wohl auch wegen meiner fast schwarzen Augen. Magdalenas sind grün. Wie das Meer in der kleinen französischen Bucht, in der ich einmal einen ganzen Sommer verbracht habe.

Mein Kopf wird nun auch für das andere Handgelenk zu schwer. Ich drehe mich auf den Rücken und schiebe mir das große Kissen unter den Nacken. Vereinzelte, mäßig warme Sonnenstrahlen fallen durch das noch dürftige Blätterwerk der hochgewachsenen Birke in mein Zimmer herein. Sie erreichen es nur in den späten Vormittagsstunden und auch dann nur über den Umweg der gegenüberliegenden Fensterscheiben. Die kleinen Lichtkreise der Birke tanzen auf meinen hellen Jeans und den nackten Füßen. Fast unmerklich gleitet der Sonnenfleck weiter nach unten, verlässt Bauch und Beine, erreicht aber dafür schon die türkisfarbenen Fußbodendielen und klettert dann, seine Form verändernd, langsam die weiße Wand hinauf. Dort erhellt er den großen, mit Reißzwecken befestigten Schwarz-Weiß-Druck, zunächst nur die darauf abgebildeten Berge, dann auch den über ihnen kreisenden Raubvogel und schließlich die breiten Buchstaben am oberen Rand:

„ Zahme Vögel singen von der Freiheit. Die wilden fliegen.“

Ich möchte auch wieder einmal fliegen. Über meine engen Grenzen. Ach, Magdalena. Doch vernünftig, wie ich bin, gebe ich mich mit meinen Träumen zufrieden. Bis die nächste Frau kommt. Wieder nur zum Träumen. Ich bin eben ein zahmer Vogel.

Auf der Treppe sind Schritte zu hören, dann das Klappern eines Schlüsselbunds.

„Franka!“, ruft Klara bereits im Flur. „Du hast eine Karte bekommen! Mit Bild!“

Ich springe auf und öffne meine Zimmertür. Klara winkt mit der Postkarte und hüpft mir entgegen, noch etwas blass und schmal. Aber sie hüpft wieder.

„Aus Ost-Berlin.“ Michael lächelt vielsagend und stellt seine Stiefel ins Schuhregal.

„Darf ich das Bild ausmalen?“ krächzt Klara mit ihrer noch heiseren Stimme.

„Nun lass mich erst einmal lesen.“ Ich gehe in die Küche und setze mich an unseren Tisch vor dem hohen Fenster.

Franka, ich fand deinen Besuch sehr schön. Magst du übernächsten Sonnabend mit mir frühstücken? So gegen 12 Uhr? Liebe Grüße, Magdalena

Es kribbelt an meinem Nacken.

„Kann ich das Bild jetzt ausmalen?“

Ich drehe die Karte um. Eine Altberliner Hinterhofszene, gezeichnet von Heinrich Zille.

„Hol schon mal deine Stifte.“ Ich sehe zu Michael hoch, der eine Flasche Milch aus seinem Rucksack nimmt und sie in den Kühlschrank stellt. „Magdalena hat mich eingeladen. Vier Tage hat die Karte laut Poststempel gebraucht. Vier Tage für ungefähr sechs Kilometer! Ich muss gleich am Montag das Visum beantragen. Hoffentlich kriege ich es noch rechtzeitig. Ich möchte ihr etwas mitbringen, aber was?“

„Ich koche jetzt erst einmal einen Tee“, grinst Michael und füllt unseren verbeulten Kessel mit Wasser, „für dich am besten Baldrian oder Kamille.“

„Was könnte ich ihr bloß mitbringen?“

„Ein Päckchen Kaffee, Bananen und eine Dose Ananas, wie alle Wessis. Dann kannst du dich endlich mal so richtig groß und reich fühlen.“

„Hör auf mit deinem Spott. Du weißt, dass ich genau so nicht sein will! Das macht es ja gerade so schwierig.“

„Natürlich weiß ich das, entschuldige.“ Durch seine kleine Nickelbrille sieht er mich nun ernsthaft an, genau so wie damals, als er mit seinem Tretroller versehentlich meine Lehmburg angefahren hatte. „Kannst du Magdalena nicht einfach anrufen und sie fragen, ob du etwas mitbringen sollst?“

Ich schüttele den Kopf. „Sie hat kein Telefon. Privatanschlüsse gibt es selten in der DDR, hat sie mir gesagt, jedenfalls bei jüngeren Leuten. Und bei der Arbeit kann ich sie nicht anrufen, weil sie als Geheimnisträgerin eingestuft ist und keinen Westkontakt haben darf.“

Michael stellt drei Tassen auf unseren schönen Holztisch. Er setzt sich und schiebt seinen Stuhl ganz nahe an die Tischkante heran, damit Klara noch zwischen seiner Stuhllehne und der Wand zu ihrem Kindersitz hindurchgehen kann. Unsere Küche ist eng, aber durch die abgezogenen Fußbodendielen und den alten hölzernen Küchenschrank sehr gemütlich.

„Was arbeitet sie denn?“

„Die genaue Berufsbezeichnung ist ‚Facharbeiter für Schreibtechnik‘. Ja, ich musste auch lachen, als ich das gehört habe. Aber was glaubst du, wie sie gelacht hat, als ich ihr von meinem ‚Gesellenbrief‘ als Zweiradmechanikerin erzählt habe. Sie hat gemeint, das klingt so mittelalterlich. Stimmt ja auch, ist mir aber nie aufgefallen. Drüben heißt es einfach ‚Facharbeiterzeugnis.’“

Michael nickt zustimmend. „Und wo arbeitet sie?“

„Beim FDGB. Freier Deutscher Gewerkschaftsbund. Alle, die in solchen staatlichen Stellen arbeiten, dürfen keine Westkontakte haben. Ob sie nun Putzpersonal oder in führenden Positionen sind.“

„Echt? Das wusste ich nicht.“

„Soll ich noch einen Himmel drübermalen?“ fragt Klara.

„Ja, am besten mit einer Sonne oder einem Regenbogen.“

Michael schaut wieder zu mir. „Was nimmst du sonst so mit, wenn du von einer Freundin zum Frühstück eingeladen wirst? Und ihr den halben oder ganzen Tag miteinander verbringen wollt?“

„Eine Tüte Schrippen und eine Flasche Sekt.“ Ich muss lachen.

„Dann bring eine Tüte Schrippen und eine Flasche Sekt mit!“

„Stimmt. Das mache ich. Und fürs nächste Mal kann ich sie ja fragen.“ Plötzlich klingt alles ganz einfach. „Ach, was würde ich bloß ohne dich tun?“

Michael grinst zurück und wird dann wieder ernst. „Du hättest ein wesentlich ruhigeres und bequemeres Leben. Ich bin dir wirklich dankbar, dass ich gestern und vorgestern Abend zur Arbeit konnte und du auf Klara aufgepasst hast.“

Obwohl ich mich über die Anerkennung freue, winke ich mit einer kurzen Handbewegung ab. Während es für Michael schwierig ist, die Balance zwischen Studium, Job und Kind zu finden, bedeutet es für mich keinen großen Aufwand, abends, wenn Klara schläft, zu Hause zu sein. Ich gehe sowieso gerne früh ins Bett.

„Franka, der Regenbogen passt nicht mehr hin!“ Klara betrachtet stirnrunzelnd ihr Werk.

„Aber so sieht es auch wunderschön aus. Die Sonne lacht über das ganze Bild. Wollen wir es zu den anderen hängen?“ Ich deute mit dem Kopf auf die Reihe buntgemalter Bilder, die die Wand über dem niedrigen Regal mit den Töpfen schmücken.

Klara zwängt sich an Michaels Stuhl vorbei. „Ich hol die Reißzwecken!“

Der Grenzer kontrolliert meine Papiere.

„Sie kommen als Tourist in unsere Hauptstadt?“ fragt er in einem für meine Ohren ungewohnten Dialekt. Ob das Sächsisch ist?

„Ja.“

„Sie haben hier niemanden angegeben, den Sie besuchen wollen.“

„Ja, das ist richtig. Ich will mir die Stadt anschauen.“

Er zieht die Augenbrauen hoch und sieht mich streng an.

„Und mit der Flasche Sekt setzen Sie sich dann ganz alleine auf eine Parkbank und trinken sie leer?“

O Gott. Daran habe ich nicht gedacht. Ob das ein Grund sein kann, mich nicht einreisen zu lassen?

„Besuchen will ich zwar niemanden. Aber ich treffe mich mit jemandem, den ich letztes Mal kennen gelernt habe.“

„Name? Adresse?“

„Robert. Nachname und Adresse weiß ich noch nicht.“

„Dann fragen Sie ihn heute und tragen es dann hier ein.“

Er zeigt mit einem Stift auf die Stelle und schiebt meine Papiere zu mir hin. „Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen.“ Ich atme auf.

Um die Spannung loszuwerden, laufe ich ziellos eine Straße hinunter. Die Gehwege sind schmal, Zweitaktabgase und Motorengeknatter verfangen sich in der Straßenschlucht. Eigentlich wollte ich für den Pflichtumtausch noch etwas einkaufen, einen kleinen Topf für Frühstückseier, vielleicht ein paar Schraubendreher. Doch ich kann überhaupt nicht an Einkaufen denken. Ich bin viel zu aufgeregt.

Magdalena öffnet ihre Wohnungstür so schwungvoll wie beim ersten Mal. Nur lächelt sie mich jetzt sofort an.

„Hallo, Franka.“

„Hallo. Ich bin zu früh.“

„Nur zwölf Minuten.“ Sie errötet ein wenig. Ich glaube, sie ist auch aufgeregt.

Beim Händeschütteln führt sie mich fast in den Flur. Sie bleibt neben mir stehen, als ich Schuhe und Jacke ausziehe.

Ihr Zimmer ist heute ordentlich aufgeräumt. Den kleinen Tisch zwischen Sofa und Sessel hat sie bereits gedeckt.

„Ich habe uns Sekt mitgebracht.“ Ich ziehe die Flasche aus meinem Rucksack.

Magdalena lacht ein tiefes, kehliges Lachen. „Sekt zum Frühstück? Ja, warum eigentlich nicht? Ich hole Gläser.“

Der Korken knallt erschreckend heftig an die Decke; ich gieße mehr schäumenden Sekt über Magdalenas Finger als in die Gläser.

„Entschuldigung!“ sage ich zerknirscht.

„Ist doch nicht schlimm“, lacht Magdalena, „ich hol schnell einen Lappen.“

Sie lässt sich den Lappen nicht aus der Hand nehmen und wischt auch die nassgewordenen Teller und den Tisch ab. „Setz dich mal hin und beruhige dich“, bestimmt sie.

„Die Straßenbahn muss den Sekt richtig durchgeschüttelt haben. Und auch das ganze Auf- und Absetzen des Rucksacks.“

Magdalena reicht mir ein Glas und setzt sich mir gegenüber. „Auf … ?“ fragt sie und neigt ihren Kopf mit einem verführerischen Lächeln zur Seite.

„… uns“, ergänze ich.

Wir rücken Teller, Tassen und Butterdose etwas auseinander, um noch Platz für die Gläser zu finden.

„Nimm dir“, fordert mich Magdalena auf.

Ich bestreiche eine der kleinen, festen Schrippen, von denen Renate behauptet hat, sie schmecken viel besser als die aufgeblasenen West-Brötchen. Nur deshalb hatte ich doch keine mitgebracht. Die fruchtig-rote Marmelade kleckst auf das Brötchen. Ich beiße hinein. Renate hat Recht.

„Die Marmelade hat meine Mutter gekocht“, erzählt Magdalena.

Ich nicke anerkennend und mit vollen Backen.

„Wie war es am Grenzübergang?“ erkundigt sich Magdalena, als ich heruntergeschluckt habe.

„Ein bisschen schwierig. Wegen der Flasche Sekt wollten die wissen, wen ich besuche. Diesmal war es in Ordnung, aber ich brauche grundsätzlich eine Adresse, die ich in solchen Situationen angeben kann.“

„Meine geht ja nicht“, antwortet Magdalena nach kurzem Nachdenken. „Man braucht es meinen Chefs ja nicht auf die Nase zu binden, dass ich Westkontakte habe. Aber ich könnte dir Namen und Adresse von Ulli oder die meiner Mutter geben. Sie ist Rentner und hat nichts dagegen.“

„Und wer ist Ulli?“

„Meine liebste und älteste Freundin. Sie hat dieses Bild gemalt.“ Magdalena zeigt auf das große Aquarell über dem Sofa.

„Es ist wunderschön. Ich muss es mir immer wieder ansehen. Ich habe mich schon bei meinem letzten Besuch gefragt, wer das wohl gemalt hat.“

„Meine Freundin Ulli“, wiederholt Magdalena stolz, „sie konnte schon in der ersten Klasse gut malen. Wir sind im gleichen Ort aufgewachsen, in der Nähe von Königs Wusterhausen. Die Umgebung dort sieht so aus. Mit diesem Bild habe ich ein Stück Heimat mit nach Berlin gebracht. Ulli hat es mir zu meinem dreißigsten Geburtstag geschenkt. Ich habe mich so gefreut. Ich freue mich immer noch darüber.“

„Das kann ich mir vorstellen“, antworte ich, ohne den Blick von der Weite der Seenlandschaft zu wenden.

„Ulli hat Verwandte in West-Berlin, mit denen sie in engem Kontakt steht“, fährt Magdalena nach einer Weile fort, „deshalb ist es für sie ganz bestimmt in Ordnung, wenn du sie angibst. Wir können nachher zu ihr rübergehen und sie fragen. Sie wohnt gleich um die Ecke.“

„Gerne“, antworte ich.

Magdalena krempelt die Ärmel nach oben, sorgfältig schlägt sie Kante auf Kante. Mir gefällt diese Achtsamkeit. Das Hemd mit dem asymmetrischen Paspelbesatz steht ihr sehr gut; sein Moosgrün passt zu ihrer hellen Haut und dem roten Haar. Keine meiner Freundinnen würde es sich trauen, so aus der Reihe zu tanzen, etwas derart Schönes, Besonderes anzuziehen. Und ich schon gar nicht.

„Du hast keinen großen Hunger“, stellt sie fest und zeigt auf den gefüllten Brotkorb.

„Stimmt. Und du auch nicht.“

Magdalena nickt und trinkt einen kleinen Schluck. Sie sieht mich über den Rand ihres Glases an. Ein langer, ruhiger Blick. Dunkelgrüne Augen, die mich in die Tiefe ziehen. Ich lasse es geschehen. Sie lässt ihr Glas sinken und gibt meinem Blick den Weg zu ihrem Mund frei. Sinnliche, schön gezeichnete Lippen, leicht geöffnet. Ihre Zungenspitze streicht kurz über ihre Zähne und verschwindet gleich wieder. Ich will diesen Mund küssen. Weich und sanft. Langsam beuge ich mich ein kleines Stück vor. Magdalena setzt sich ruckartig auf und lehnt sich zurück. Ach ja, wir wollten uns doch über den Alltag in den verschiedenen politischen Systemen austauschen. Ich sehe in Magdalenas Gesicht. Sie wirkt verlegen.

„Was mir gerade einfällt“, sagt sie hastig, „ein Visum ist immer räumlich begrenzt. Das heißt, wenn du Ulli auf deinem Visum angibst, darfst du offiziell nach Berlin und nur nach Berlin einreisen. Wenn du dagegen meine Mutter angibst, gilt es nur für den Kreis Königs Wusterhausen, den Wohnort meiner Mutter.“

„Gut“, antworte ich, noch um Fassung bemüht. Mein Blick schweift durch das Zimmer, auf der Suche nach etwas Unverfänglichem.

„Du spielst auch Klavier?“

„Du auch?“ Magdalena schaut überrascht hoch.

„Nicht mehr. Aber als Kind und Jugendliche war es mir ganz wichtig. Spielst du mir was vor?“

Magdalena geht zum Klavier und hebt den schweren Tastendeckel. Beinahe zärtlich streicht sie kurz über die Tasten und setzt sich dann auf den Klavierstuhl. Einen Augenblick hält sie inne, dann beginnt ihr Spiel. Schon bei den ersten weichen Tönen spüre ich, dass ich mich ihrem Zauber nicht entziehen kann. Magdalena sitzt ganz zentriert, ihre Arme scheinen sich aus ihren Schultern lösen zu können, ihre Hände, ihre Finger führen ein Eigenleben, zart und kräftig zugleich locken sie die Klänge aus dem dunklen Holzkasten. Magdalenas Oberkörper bewegt sich leicht nach vorne, wenn sie ihrem Spiel mehr Nachdruck verleiht. Dennoch sind es die leisen Töne, die mich berühren. Magdalenas Oberkörper findet dann wieder zu seiner Mitte zurück. Sie ist ganz in dieser ernsten Melodie versunken.

Das alte Klavier, das meine Oma mir überlassen hat, steht noch bei meinen Eltern. Niemand spielt mehr darauf. Wie gerne hätte ich es gehabt, für mich, für Klara. Ich habe es nicht bekommen.

Die letzten Töne klingen lange in mir nach. Magdalena sitzt ruhig auf ihrem Stuhl und dreht sich nicht zu mir herum. Ich betrachte ihr Profil, die hohe Stirn, ihre lange, gerade Nase, das energische Kinn. Sie streicht sich eine widerspenstige Locke hinter das Ohr. Dann lächelt sie zu mir herüber.

„Mendelssohn mochte ich als Kind immer am liebsten. Und du?“

„Mozart.“

„Weißt du warum?“

„Mein Klavierlehrer hat mir seine Musik und auch sein Leben nahe gebracht. Wenn ich zu laut in die Tasten gedrückt habe, hat er mir zugeflüstert: ‚Franziska, das könntest du viel mozärtlicher spielen.‘“

Magdalenas Lachen und ihr aufmerksamer Blick lassen mich weitererzählen.

„Seine Musik hat mich so berührt, und weil er angeblich das gleiche Lungenleiden hatte wie ich, habe ich mich mit ihm verwandt gefühlt. Ich wollte auch ein Wunderkind sein und wie er früh sterben.“

„Du hast dir als Kind schon deinen Tod gewünscht?“ fragt Magdalena verwundert.

„Ja. Es gab diesen Wunsch und gleichzeitig die Lebenslust. Und genau das habe ich in Mozarts Musik gefunden.“

„Spiel etwas von ihm.“ Magdalena steht auf.

„Nein.“ Ich erschrecke ein wenig. „Das kann ich nicht mehr. Seit zwölf Jahren habe ich nicht mehr gespielt. Es ist vorbei.“

Magdalena setzt sich wieder und betrachtet mich nachdenklich.

„Dann spiele ich Mozart für dich“, meint sie mit sanfter Stimme, „wünsch dir was.“

„Das Rondo“, antworte ich und summe die ersten Takte.

Magdalena nickt, hält wieder einen Moment lang inne, dann perlen ihre Finger über die Tasten. Mein Herz öffnet sich. Nicht nur für ihr Klavierspiel.

Ein frischer Wind weht durch die Dimitroffstraße. Ich mag ihn. Er riecht nach Aufbruch. Leichtfüßig gehen wir die vier Stockwerke zu Ullis Wohnung hinauf. An der letzten Tür hängt ein kleiner Zettel mit Ullis Nachnamen, darunter ein mit bunter Pastellkreide bemaltes Blatt Papier. Darauf steht mit großen roten Buchstaben: Meine Liebe den Frauen!

„Du bist ja mutig“, platzt es aus mir heraus, als die Frau mit dem blonden Strubbelhaar die Tür öffnet und mich verwirrt anblinzelt.

„Das ist Franka“, lacht Magdalena und umarmt Ulli liebevoll.

„Hallo, Franka.“ Ulli gibt mir die Hand und sieht mich freundlich an, „kommt rein. Und warum bin ich mutig?“

„Wegen deinem Schild an der Tür. Ich weiß nicht, ob ich mich trauen würde. Na, und hier hätte ich es schon gar nicht erwartet.“

„Ja“, grinst Ulli, „Magdalena hat mir schon erzählt, dass du deinen Vorurteilen über den Osten auf der Spur bist. Wollt ihr etwas trinken?“

„Einen Kaffee.“ Magdalena setzt sich auf einen Küchenhocker und deutet mit einem Blick zu mir auf einen zweiten.

„Ich auch.“

Ulli lässt Wasser in den Teekessel laufen und entzündet die Gasflamme auf dem Herd mit einem Streichholz.

„Ich habe noch keine wirklichen Nachteile durch meine Offenheit gehabt“, meint Ulli. „Es gibt hier aber viele, die nicht dazu stehen können. Eine Freundin von mir spielt selbst ihrer Mutter ein Theater vor. Und das seit Jahren!“

„Ach, fang nun nicht wieder damit an“, mault Magdalena, die sich sichtlich angesprochen fühlt. „Das ist bei mir eine völlig andere Situation.“

„Und warum?“

„In dir sehen sowieso viele die verrückte Künstlerin, da hast du einfach mehr Freiheiten als ich beim FDBG. Und außerdem lebt deine Mutter nicht mehr auf dem Land.“

„Deine Mutter ist eine gestandene Frau, und ich sage dir, sie wird es aushalten, eine lesbische Tochter zu haben. Wenn sie es nicht schon längst ahnt.“

„Tut sie nicht.“ Magdalena seufzt und wendet sich mir zu. „Dieses Thema drängt Ulli mir jedes Mal auf.“

„Jawoll“, antwortet Ulli mit einem koboldhaften Grinsen, „und das werde ich so lange tun, bis du endlich zu dir selbst stehst!“ Sie nimmt drei Tassen und eine Zuckerdose aus dem alten, sorgfältig abgeschliffenen Küchenschrank.

Ich betrachte das Plakat über dem Tisch. Ein Siebdruck, auf dem einige Frauen mit Doppeläxten einen Felsen zerschlagen, auf dem breitbeinig ein Mann steht. Keine Macht für niemand steht da in großen Buchstaben und am unteren Rand AK homosexuelle Selbsthilfe. Lesben in der Kirche.