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Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Das sieht ja schon richtig gut aus, Max«, stellte Gernot Dietz überrascht fest. »Wie hast du das denn so schnell hingekriegt?« »Das geht so schnell, weil ich es gern mache«, antwortete Max Bodde, während er sich aufrichtete. Er hatte ein Stück von Gernots Garten umgegraben und von sämtlichen Brombeersträuchern befreit. Die hatten sich immer weiter ausgebreitet, Gernot war mit dem Beschneiden einfach nicht mehr nachgekommen. Jetzt gab es noch eine Ecke, hinten bei seinem Gartenhäuschen, da durften sie noch wachsen. In Zukunft würde Max darauf achten, dass sie nicht noch einmal versuchten, den gesamten Garten zu überwuchern. Gernot war mit seinen achtundsiebzig Jahren noch ziemlich fit, und er liebte seinen Garten. Aber er merkte, dass ihm manche Arbeiten schwerer fielen als früher, und so hatte er sich nach einem jungen Mann umgesehen, der ihm helfen könnte. Er brauchte jemanden, der nicht nur etwas von Gartenarbeit verstand, sondern den er außerdem auch noch gut um sich haben konnte. Er kannte sich schließlich: Da konnte ein Gärtner noch so gut sein – wenn er ihn nicht mochte oder sich in seiner Gegenwart nicht wohlfühlte, würde die Sache keine Zukunft haben. Also hatte er im Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, und so war er schließlich auf Max gestoßen. Ein echter Glücksfall, für sie beide. Max war in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, den sein älterer Bruder übernommen hatte. Er selbst, hatte er Gernot erzählt, war daran nicht interessiert gewesen. »Ich wollte immer Gärtner werden, und irgendwann werde ich meinen eigenen Laden haben. Aber das ist Zukunftsmusik. Im Augenblick bin ich mit meiner Anstellung sehr zufrieden, und wie du siehst, habe ich noch Zeit genug, um ab und zu einen kleinen Nebenjob zu übernehmen, der mir Spaß macht.«
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Das sieht ja schon richtig gut aus, Max«, stellte Gernot Dietz überrascht fest. »Wie hast du das denn so schnell hingekriegt?«
»Das geht so schnell, weil ich es gern mache«, antwortete Max Bodde, während er sich aufrichtete. Er hatte ein Stück von Gernots Garten umgegraben und von sämtlichen Brombeersträuchern befreit. Die hatten sich immer weiter ausgebreitet, Gernot war mit dem Beschneiden einfach nicht mehr nachgekommen. Jetzt gab es noch eine Ecke, hinten bei seinem Gartenhäuschen, da durften sie noch wachsen. In Zukunft würde Max darauf achten, dass sie nicht noch einmal versuchten, den gesamten Garten zu überwuchern.
Gernot war mit seinen achtundsiebzig Jahren noch ziemlich fit, und er liebte seinen Garten. Aber er merkte, dass ihm manche Arbeiten schwerer fielen als früher, und so hatte er sich nach einem jungen Mann umgesehen, der ihm helfen könnte. Er brauchte jemanden, der nicht nur etwas von Gartenarbeit verstand, sondern den er außerdem auch noch gut um sich haben konnte. Er kannte sich schließlich: Da konnte ein Gärtner noch so gut sein – wenn er ihn nicht mochte oder sich in seiner Gegenwart nicht wohlfühlte, würde die Sache keine Zukunft haben. Also hatte er im Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, und so war er schließlich auf Max gestoßen. Ein echter Glücksfall, für sie beide.
Max war in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen, den sein älterer Bruder übernommen hatte. Er selbst, hatte er Gernot erzählt, war daran nicht interessiert gewesen. »Ich wollte immer Gärtner werden, und irgendwann werde ich meinen eigenen Laden haben. Aber das ist Zukunftsmusik. Im Augenblick bin ich mit meiner Anstellung sehr zufrieden, und wie du siehst, habe ich noch Zeit genug, um ab und zu einen kleinen Nebenjob zu übernehmen, der mir Spaß macht.«
Sie hatten sich von Anfang an verstanden und waren schnell zum Du übergegangen. Gernot konnte es nicht leugnen: Er freute sich immer, wenn Max kam, und ihm schien, dass es dem jungen Mann genauso ging.
Seine Schwiegertochter Nora hatte Max zunächst mit Misstrauen betrachtet. »Er ist doch ein völlig Fremder, Gernot! Wieso hast du so viel Vertrauen zu ihm?«
Gernot sagte sich gern, dass die Eifersucht aus ihr gesprochen hatte, denn diese Sichtweise schmeichelte ihm. Heute wusste sie gar nicht mehr, dass sie am Anfang so reagiert hatte. Wenn er sie gelegentlich daran erinnerte, wies sie das stets empört von sich und behauptete, sie habe Max vom ersten Augenblick an sympathisch gefunden. Das amüsierte ihn.
Sie stand ihm nahe, die Nora, sie war ihm ans Herz gewachsen wie eine eigene Tochter. Was auch, aber längst nicht nur, daran lag, dass Nora aus seinem Sohn Markus, dem ewigen Junggesellen, doch noch einen Ehemann und Vater gemacht hatte. Gernots Enkelin Floriane war das schönste Geschenk, das die beiden ihm hätten machen können.
Markus war bei der Hochzeit vor zwei Jahren schon vierzig gewesen, Nora fünfunddreißig. Von dieser Hochzeit hatte Gernot nicht mehr zu träumen gewagt. Sicher, Markus war in vielem ein Spätzünder gewesen, aber bei Frauen hatte er immer Erfolg gehabt. Und dann ließ er sich so viel Zeit mit der Familiengründung! Keine Frau war ihm gut genug gewesen, außerdem hatte er sein ungebundenes Leben auch sehr genossen. Gernot konnte nur ahnen, wie vielen Frauen sein Sohn das Herz gebrochen hatte. Fest stand nur: Es mussten viele gewesen sein. Doch dann war Nora gekommen, und auf einen Schlag war alles anders gewesen.
Gernot seufzte. Spät, aber nicht zu spät. Er selbst war tatsächlich bei der Geburt seines Sohnes auch nicht mehr der Jüngste gewesen, trotzdem hatte es mit der Familiengründung noch geklappt, zum Glück. Nun war er eben ein schon ziemlich alter Großvater, aber das machte ihm nichts aus.
Floriane war jetzt fünfzehn Monate alt. Sie lief wie ein Wiesel, und sie konnte schon eine ganze Reihe von Wörtern sagen. Zu Gernots Entzücken gehörte etwas, das sich entfernt nach ‚Opa‘ anhörte, dazu. Die kleine Familie wohnte auf der anderen Straßenseite, schräg gegenüber. Nah genug für engen Kontakt, weit genug entfernt für den nötigen Abstand.
Jedenfalls dachten Nora und Markus jetzt sogar über ein zweites Kind nach. Wenn das auch noch klappte, dachte Gernot, war er wunschlos glücklich.
Er ging mit der Thermoskanne und den beiden Bechern zu Max, reichte ihm einen Becher und schenkte den bereits mit Milch vermischten Kaffee ein. So tranken sie ihn beide am liebsten, eine von vielen Gemeinsamkeiten. »Und die Ranken?«, fragte er und zeigte auf die ausgerissenen Brombeerpflanzen, die Max zu einem großen Haufen aufgeschichtet hatte.
»Die lassen wir ein bisschen antrocknen, dann verbrennen wir sie.«
»Das gibt Ärger mit den Nachbarn«, gab Gernot zu bedenken.
»Lass mich nur machen«, sagte Max. »Ich nehme die alte Regentonne, die du nicht mehr benutzt, weil sie ein Loch im Boden hat, ich mache kein offenes Feuer hier. Und wenn das Zeug da trocken ist, brennt es wie Zunder. Es soll ja nicht regnen die nächsten Tage. Bis jemand merkt, dass hier was brennt, ist es schon vorbei.«
»Dein Wort in Gottes Ohr«, seufzte Gernot. »Aber du bist der Gärtner, du sagst, wo es langgeht.«
Max lachte. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit ziemlich langen blonden Haaren, die er bei der Arbeit entweder hinten zusammenband oder als Knoten oben auf dem Kopf trug. Zuerst hatte Gernot das befremdlich gefunden, mittlerweile war er so an den Anblick gewöhnt, dass er ihm nicht einmal mehr auffiel, zumal er das auch schon bei anderen Männern gesehen hatte. Die Moden kamen und gingen.
Er selbst war fast so groß wie Max, aber schmaler, fast schon hager. Auch er war einmal blond gewesen, jetzt war sein Haar weiß. Aber da er sich oft im Garten aufhielt, war seine Haut stets leicht gebräunt, sodass die Leute immer sagten: »Du siehst aus, als kämst du gerade aus dem Urlaub, Gernot.«
»Dafür, dass du hier in den letzten fünfzig Jahren der alleinige Chef im Garten warst, ist es ein großes Wort, dass ich hier sagen soll, wo es langgeht«, erwiderte Max vergnügt. »Also, ich kümmere mich um die Brombeeren, versprochen, und du wirst keinen Ärger bekommen. Sag mal, kommt deine Enkelin heute überhaupt nicht?«
Max und Floriane waren dick befreundet. Auch das war etwas, worüber Gernot sich freute.
»Morgen«, sagte Gernot. »Nora und Markus müssen zu einer Freundin, deren Mann ihr gerade mitgeteilt hat, dass er schon seit einem Jahr eine Affäre mit einer anderen Frau hat, die jetzt ein Kind von ihm erwartet. Sie ist völlig von der Rolle, und sie will sofort aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, weil sie es dort nicht mehr aushält. Sie wohnt in Rosenheim, und da wird sie wegen ihres Jobs auch erst einmal bleiben.«
Max trank einen Schluck von seinem Kaffee. »Das muss hart sein«, sagte er nachdenklich. »Wenn ich mir eine solche Situation vorstelle …«
»Ja«, erwiderte Gernot. »Sie ist eine sehr nette Frau, sie war schon einige Male hier, und ich habe mich immer gewundert, warum sie allein kommt, ohne ihren Mann. Ich schätze mal, da lag schon länger etwas im Argen.«
»Sie hat es vielleicht nicht wahrhaben wollen.«
»Das denke ich auch. Wenigstens hat sie ziemlich schnell eine Wohnung gefunden. Zuerst hat sie sogar überlegt, zu ihren Eltern zu ziehen, aber alle haben ihr abgeraten. Jedenfalls helfen Nora und Markus ihr morgen beim Umzug, das wird kein angenehmer Ausflug für die beiden, ich beneide sie nicht um das, was sie vor sich haben. Floriane bleibt deshalb bei mir, wir machen uns einen schönen Tag.«
»Ich wollte morgen eventuell noch einmal herkommen, weil ich heute bestimmt nicht ganz fertig werde.«
»Stört uns überhaupt nicht, im Gegenteil, du weißt doch, wie Flo sich immer freut, wenn sie dich sieht.«
Max lächelte breit. »Das gilt auch umgekehrt. Sie ist ein sehr witziges kleines Mädchen, ich bin gespannt, wie sie sich entwickelt.«
»Das sind wir alle. Sag mal, ich hätte Zeit jetzt, und könnte dir also helfen, bevor es zu kalt wird.«
Max nickte, er dachte nicht daran, das Angebot abzulehnen. »Dann mach die Brombeeren klein mit der großen Schere. Du siehst ja, ich habe noch einiges zu tun, bis ich da hinten alles frei habe. Und dann werde ich noch einmal umgraben, aber das muss dann wahrscheinlich bis morgen warten. Aber wenn die Brombeeren klein sind, trocknen sie schneller – und je eher du den Haufen hier los bist, desto besser, schätze ich.«
»Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Es ist ein fürchterlicher Anblick.«
»Da musst du durch. Also dann, an die Arbeit. Danke für den Kaffee.«
»Es ist noch ein Becher für jeden da.«
»Den heben wir uns für später auf.«
Gernot nickte und stapfte zurück zu seiner kleinen Terrasse, wo er Kanne und Becher auf einem Tisch abstellte. Dann zog er sich eine warme Jacke und Gummistiefel an, streifte sich die dicken Lederhandschuhe über, schnappte sich die große Schere und begann damit, die Brombeerranken zu zerschneiden. Schon bald war ihm klar, dass das eine von diesen Arbeiten war, die mehr Zeit in Anspruch nahmen, als man zunächst gedacht hatte.
Aber das machte nichts. Zeit hatte er genug.
*
»Kino morgen?«, fragte Sina Theobald.
Ihre Freundin Kerstin Michaelis schüttelte den Kopf. »Ich muss zu meiner Oma«, sagte sie. »Das habe ich jetzt schon zweimal verschoben, weil immer etwas dazwischengekommen ist, morgen muss ich fahren, geht nicht anders. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um sie, sie schwächelt ein bisschen.«
»Deine Oma?«, fragte Sina ungläubig. »Die fitteste Oma der Welt?«
Kerstin nickte und nahm sich noch ein Stück von dem Gewürzkuchen, den sie am Tag zuvor gebacken hatte. Sie begnügte sich mit Minikuchen, schließlich lebte sie allein. Für Sina und sie war die Größe genau richtig. Sina kam fast jedes Wochenende vorbei, dabei verputzten sie einen von Kerstins Kuchen.
»Es sind keine schlimmen Sachen«, sagte sie, »aber dauernd so Kleinigkeiten, die sie im Alltag behindern. Und sie ist es ja nicht gewöhnt, krank zu sein. Sie geht nicht gern zum Arzt, sie versucht zuerst immer, allein zurechtzukommen.«
»Was ich ja gerade toll finde«, meinte Sina und griff ebenfalls zum zweiten Ministück Kuchen.
»Ich auch. Aber jetzt hatte sie einen entzündeten Finger, und der wurde einfach nicht besser. Nun hat sie sich den aufschneiden lassen müssen. Dann ist sie umgeknickt und hatte eine Zerrung, sodass sie nicht gut laufen konnte, was für sie besonders schlimm war, weil sie sonst ja ständig unterwegs ist. Und zu allem Überfluss ist sie jetzt auch noch erkältet. Also, ich muss zu ihr. Meine Eltern sind einfach zu weit weg, und außerdem versteht meine Mutter sich ja mit ihrer Mutter nicht so gut.«
»Komisch, nicht? Die beiden sind sich doch ziemlich ähnlich.«
»Wahrscheinlich deshalb«, bemerkte Kerstin trocken. »Sie sind ja nicht zerstritten oder so, aber beste Freundinnen sind sie auch nicht gerade. Wenn sie zusammen sind, vergeht keine halbe Stunde, bis sie sich irgendwie in die Haare kriegen. Meistens wegen nichts. Es dauerte dann auch nicht lange, aber es sorgt immer für so eine komisch angespannte Stimmung.«
»Schade wegen morgen«, seufzte Sina. »Kino wäre genau das Richtige gewesen für meine augenblickliche Stimmungslage.«
»Dann geh doch mit jemandem anders! Es ist ja nicht so, als wäre ich die Einzige, mit der du ins Kino gehen könntest.«
»Wir beide sind uns immer einig, das ist ein Vorteil. Wenn ich glücklich aus dem Kino komme und mir dann erst einmal anhören muss, was für ein blöder Film das wieder war, vergeht mir schon die Lust, darüber noch einmal zu reden«, sagte Sina. »Der Kuchen ist übrigens echt klasse.«
»Rezept von meiner Oma, ich werde ihr morgen sagen, dass es ein voller Erfolg war.« Kerstin schob ihren Teller von sich. »Willst du mitfahren, morgen?«, fragte sie. »Meine Oma mag dich ja sehr.«
»Aber ihr habt einiges zu bereden, oder? Da wäre es vermutlich besser, wenn ihr allein wärt.«
»Schon«, gab Kerstin zu. »Sie hat jetzt immer ziemlich viel auf dem Herzen, wenn wir miteinander sprechen, und da geht es natürlich oft um Familiengeschichten. Also …«
»Ein andermal«, sagte Sina. »Nicht gerade jetzt, wo ihr euch länger nicht gesehen habt.«
»Wir könnten natürlich heute ins Kino gehen«, sagte Kerstin zögernd, denn eigentlich hatte sie keine Lust, noch einmal das Haus zu verlassen. Sina und sie hatten einen langen Spaziergang gemacht, weil das Wetter so schön gewesen war – kühl, aber sonnig. Und sie fand es gerade sehr gemütlich in ihrer Wohnung. Außerdem hatte sie noch einiges an Hausarbeit zu erledigen, denn dazu würde sie am nächsten Tag nicht kommen, das war ja schon klar.
»Nein, nein, nicht jetzt!«, sagte Sina sofort, und Kerstin atmete auf. »Wir hängen hier noch ein bisschen ab, dann trabe ich nach Hause. Ich bin ziemlich müde, die Woche war anstrengend, und ich bin heute zu früh aufgewacht. Statt mich auszuschlafen, bin ich um sechs aufgestanden. Zu blöd, echt. Außerdem sieht es bei mir furchtbar aus, ich habe schon seit zwei Wochen nicht mehr geputzt – und das Blöde ist: Je schlimmer es aussieht, desto mehr schiebe ich es auf, das Chaos endlich zu beseitigen. Ich will heute wenigstens noch damit anfangen.«
Sie waren beide Lehrerinnen an einer Grundschule im Münchener Südwesten, hatten zur gleichen Zeit dort angefangen und waren schnell Freundinnen geworden. Sie hätten Schwestern sein können, so ähnlich sahen sie einander, nicht nur auf den ersten Blick: Beide hatten kurze braune Haare, braune Augen, waren mittelgroß und schlank. Sie hatten hübsche, eher runde Gesichter, lachten gern und hatten selten schlechte Laune. Sie vermuteten, dass es gerade ihre Ähnlichkeit war, die sie zueinander hingezogen hatte. »Dabei sagt man doch immer, dass Gegensätze sich anziehen«, hatte Sina einmal festgestellt. »Bei uns trifft das überhaupt nicht zu.«
Manchmal machten sie sich einen Spaß daraus, Leuten zu erzählen, dass sie Schwestern seien. Es war noch nie vorgekommen, dass jemand das angezweifelt hatte. Auch in der Schule nicht, wo sie sich diesen Scherz auch schon erlaubt hatten.
Sina war noch nicht lange weg, als Kerstins Oma anrief. »Es gibt Dampfnudeln morgen«, sagte sie zur Begrüßung.
