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Als Tonis Mutter stirbt, hinterlässt sie mehr Fragen als Antworten. Kurz vor ihrem Tod nennt sie zum ersten Mal den Namen ihres Vaters: Anton Krämer aus Marienwald im Saarland. Mehr erfährt Toni nicht. Über diesen Mann wurde ihr ganzes Leben lang geschwiegen. Entschlossen reist sie in das Dorf, mietet sich in einer Ferienwohnung ein und beginnt, nach Antworten zu suchen. Wer ist Anton Krämer? Warum hat ihre Mutter nie über ihn gesprochen? Und was geschah damals wirklich? Während Toni die Menschen von Marienwald kennenlernt, begegnen ihr Offenheit und Zurückhaltung zugleich. Gespräche verlaufen freundlich, doch auf bestimmte Fragen folgen Pausen. Manche reagieren hilfsbereit, andere ausweichend. Schritt für Schritt setzt sich aus Begegnungen, Andeutungen und verschwiegenen Details ein Bild zusammen. Toni erkennt, dass ihre Suche zwei Geschichten freilegt. Die ihrer Mutter und die ihres Vaters. Beide sind enger mit diesem Dorf verbunden, als es zunächst scheint. Und je näher sie der Wahrheit kommt, desto deutlicher wird, dass nicht alles, was vergangen ist, auch wirklich abgeschlossen ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Nicole Berwanger
Was das Dorf verschweigt
Für die Menschen, die mir nah sind.
Impressum
Texte: © Nicole BerwangerUmschlaggestaltung: © Nicole BerwangerBuchsatz: Nicole Berwanger
Verantwortlich für den Inhalt gemäß § 18 Abs. 2 MStV:Nicole Berwanger
Anschrift:Nicole BerwangerIm Hof 766625 NohfeldenDeutschland
E-Mail: [email protected]
Herstellung: epubli - ein Service der neopubli GmbHKöpenicker Straße 154a10997 Berlin
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:[email protected]
Nicole Berwanger
Was das Dorf verschweigt
Psychologischer Spannungsroman
Hinweis
Dieser Roman ist ein Werk der Fiktion. Alle handelnden Personen, Orte und Ereignisse sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit real existierenden oder verstorbenen Personen, mit tatsächlichen Orten oder Geschehnissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Ich fuhr langsam die leere Straße entlang, die sich wie ein grauer Strich durch Marienwald zog. Ich hatte mir den Ort anders vorgestellt. Freundlicher, lebendiger. Alte Bauernhäuser reihten sich aneinander, ihre Fassaden vom Wind und der Zeit zerfressen. Mein Magen zog sich zusammen. Kein Hunger. Nur dieses Kribbeln tief im Bauch, das immer kam, wenn etwas nicht stimmte.
An der nächsten Kurve setzte ich den Blinker und lenkte meinen alten Kombi an den Rand der Straße. Ich ließ das Fenster herunter, als könnte die kühle Luft mir helfen, klarer zu sehen.
„Dein Vater lebte in Marienwald. Im Saarland. Er hieß Anton Krämer.“
Das war das erste und gleichzeitig letzte Mal, dass meine Mutter über ihn gesprochen hatte. Leise, kurz vor ihrem Ende. Kein Foto, keine Geschichte, nur diese Worte, wie ein stummer Abschied, der mehr Fragen aufwarf, als er Antworten gab.
Ich bog von der Hauptstraße ab und folgte dem schmalen Weg zum Hof. Mein Navi verkündete: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Vor mir lag ein langgestrecktes Bauernhaus, blassgelb gestrichen, braune Fensterläden, ein hölzernes Schild: „Ferienwohnung Landluft“.
Ich parkte neben einem grünen Opel, schaltete den Motor aus und stieg aus. Die Luft roch nach etwas Süßlichem vom nahen Fliederbusch. Ich ging langsam auf das Haus zu. Schnelle Schritte hinter mir ließen mich herumfahren. Eine Frau kam über den Kiesweg auf mich zu. Sie trug bequeme Sandalen, einen schlichten Pullover und einen dunklen Rock. Ihr rötlichbraunes Haar war lockig und hochgesteckt, ein paar Strähnen hatten sich gelöst. Ihr Gesicht wirkte offen und aufmerksam, als wäre sie es gewohnt, Menschen schnell einzuschätzen.
„Frau Ziegler?“
„Ja“, sagte ich. „Antonia Ziegler. Wir können uns gerne duzen. Ich bin die Toni.“
Sie lächelte, kurze, freundliche Falten um die Augen. „Ich bin Hedda. Schön, dass du da bist. Komm, ich zeige dir die Wohnung. Du bleibst drei Wochen, richtig?“
„Vielleicht länger. Wenn …“ Ich brach ab.
Was sollte ich sagen? Ich bleibe solange, bis ich herausgefunden habe, weswegen ich hier bin.
Wir gingen über den Hof, an einem großen Fliederbusch vorbei, dessen Zweige tief in den Weg hingen. Hedda öffnete die Haustür, und ein leichter, warmer Duft nach Holz und frischer Wäsche wehte mir entgegen.
„Hier entlang“, sagte sie und stieg die alte Holztreppe hoch, die bei jedem Schritt knarrte.
Oben lag eine kleine, helle Wohnung. Anspruchslos, praktisch, mit einem Hauch von Gemütlichkeit. Geblümte Vorhänge, helles Holz, ein Sofa mit gehäkeltem Kissen, ein winziger Balkon, der wie ein Vogelhäuschen über die Wiesen ragte.
„Morgens“, sagte Hedda und öffnete die Balkontür, „steht die Sonne genau da hinten. Man sieht die Kapelle von Marienwald. Viele Leute sagen, sie schlafen bei uns auf dem Land besser als zu Hause.“
Ich trat hinaus. Die Luft war kühl, die Stille hatte eine Tiefe, die fast körperlich spürbar war. Ganz hinten, am Rand der Felder, bewegten sich etwas. Pferde vermutlich, oder Kühe.
„Wenn du irgendwas brauchst, ich wohne direkt unter dir“, sagte Hedda. „Ich bin meistens irgendwo auf dem Hof zu finden, oder im Garten.“
Ich nickte, dankbar über ihre unaufdringliche Art.
Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, blieb ich eine Weile im Wohnzimmer stehen, ohne mich zu rühren. Alles wirkte behutsam eingerichtet, als hätte jemand versucht, einen Ort zu schaffen, an dem man zur Ruhe kommen konnte.
Ich packte meinen Koffer aus, als könnte Ordnung in den Schubladen Ordnung in meinem Kopf schaffen.
Im Spiegel über der Kommode sah ich mein Gesicht: dunkle Augen unter dem Pony, ein zierliches, fast kindliches Profil.
Eine Kollegin hatte einmal gesagt: „Du erinnerst mich an diese Französin. Kennst du? Aus dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie.“ Damals hatte ich nur gelächelt. Jetzt sah ich es selbst: ein bisschen Ähnlichkeit bestand. Mein Gesicht verriet meine stille, schüchterne Art, immer am Rand der Welt stehend, beobachtend, nie mittendrin. Nur, dass mein Leben in letzter Zeit alles andere als fabelhaft war. Meine Mutter gestorben. Keinen Vater, keine Geschwister, keine Großeltern, keine Familie. Ich dachte an meine Mutter, die Zeit ihres Lebens über meinen Vater und seinen Heimatort geschwiegen hatte. Vater unbekannt, stand in meiner Geburtsurkunde. Als Kind hatte ich nie gefragt. Jetzt war es zu spät.
Ich atmete tief durch.
Meine Mutter. Andrea Ziegler. Ihr flaches Atmen im Krankenhaus. Ihr Griff um meine Hand, fester als in den Monaten davor. Und ihr letzter Satz, beinahe geflüstert, kaum hörbar. Klar genug, um mein ganzes Leben zu verschieben: „Er heißt Anton Krämer. Marienwald im Saarland.“
Ich schloss die Augen. Es gab niemanden, den ich jetzt anrufen konnte, um zu sagen, dass ich gut angekommen war. Keine Freunde, keinen Partner. Nach der Beerdigung hatte ich mich krankschreiben lassen und war hierher gefahren.
Mir war flau im Magen. Ich spürte gleichzeitig dieses leichte Unbehagen, das mich schon seit Tagen begleitete. Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht auch die Erinnerung daran, warum ich überhaupt hier war. Es war an der Zeit Antworten zu finden.
Ich hielt es oben in der Ferienwohnung nicht lange aus. Zu viel Stille. Zu viele Gedanken.
Ich zog die Jacke an, nahm den Rucksack und ging die Treppe hinunter. Der Hof lag ruhig da. Kein Motorengeräusch, keine Stimmen. Nur der Kies unter meinen Schuhen, als ich zur Hauptstraße hinunterlief.
Das Dorf wirkte noch kleiner als am Vortag. Die Häuser standen dicht an dicht, viele Fensterläden geschlossen, als wäre noch nicht entschieden, ob der Tag überhaupt stattfinden sollte. Hier und da ein gepflegter Vorgarten, eine Bank vor der Haustür, Blumenkästen an den Fenstern. Alles ordentlich. Alles kontrolliert.
Ich spürte, dass ich gesehen wurde, noch bevor ich jemanden sah.
Hinter einer Gardine bewegte sich etwas. Dann ein Gesicht. Grauhaarig. Unbeweglich. Der Blick folgte mir. Kein Gruß. Kein Lächeln.
Ich ging weiter.
An der Kreuzung stand ein älterer Mann mit Schiebermütze. Er sah mich an, kurz und prüfend, dann wandte er sich ab und verschwand zwischen zwei Häusern, als hätte er sich geirrt.
Ich wusste nicht, warum mir das unangenehm war. Aber das war es.
Ein Schild wies zum „Gasthaus Zum Ochsen“. Ich folgte ihm. Vor der Kneipe stand ein alter Baum auf einem schmalen Parkplatz. Neben der Eingangstür ein überfüllter Aschenbecher.
Ich drückte die Klinke. Verschlossen.
Gerade als ich mich abwenden wollte, öffnete sich die Tür einen Spalt. Eine Frau stand dahinter. Klein, kräftig, mit einem Blick, der nichts übersah.
„Wir haben noch geschlossen.“
Ihre Stimme war rau, wie die einer Kettenraucherin.
„Entschuldigung“, sagte ich. „Ich bin nur auf der Suche nach etwas zu essen.“
Sie musterte mich erneut. Dann nickte sie knapp.
„Sie sind die von Hedda. Aus der Ferienwohnung.“
Es war keine Frage.
„Ja. Toni Ziegler.“
Einen Moment lang blieb ihr Blick an mir hängen. Zu lange, um zufällig zu sein. Dann öffnete sie die Tür ein Stück weiter.
„Unter der Woche gibt’s normalerweise kein Essen. Heute Abend schon. Da trifft sich der Frauenkreis Marienwald. Da gibt es heute Abend Schmalzbrote.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.
„Ich bin Brunhilde“, fügte sie hinzu. „Mein Mann und ich führen den Ochsen. Wir haben ab 18.00 Uhr heute Abend geöffnet. Ich muss dann mal weitermachen.“
Mehr Erklärung bekam ich nicht. Die Tür schloss sich wieder.
Ich stand noch einen Augenblick da, dann ging ich weiter. Im Ortskern entdeckte ich einen kleinen Automaten mit Lebensmitteln. Eier, Kartoffeln, Milch. Ich kaufte ein paar Dinge, mehr aus dem Bedürfnis heraus, etwas zu tun, als aus Hunger.
Als ich mich umdrehte, standen zwei Frauen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie redeten leise miteinander. Als sie meinen Blick bemerkten, verstummten sie. Eine zog die andere am Arm mit sich. Die Haustür fiel ins Schloss.
Ich blieb stehen. Ich fühlte mich nicht gekränkt, aber plötzlich war mir klar, dass hier im Dorf scheinbar alles gesehen wurde, auch wenn niemand etwas sagte.
Auf dem Rückweg zum Hof war ich schneller. Ich hatte mir einen ersten Eindruck verschafft. Das genügte mir fürs Erste.
Hedda stand vor dem Haus und fegte die Treppe. Als sie mich sah, lächelte sie.
„Na, hast du dir Marienwald angeschaut?“
„Ein bisschen“, sagte ich.
Sie nickte, als wüsste sie ohnehin schon, wie dieses „ein bisschen“ ausgesehen hatte.
„Heute Abend ist im Ochsen eine Veranstaltung vom Frauenkreis“, sagte sie. „Ein Vortrag. Öffentlich. Wenn du magst, komm einfach mit. Ich fahr hin.“
Ich zögerte kurz. Mir fielen die Schmalzbrote wieder ein und ich war immer noch hungrig. Dann überlegte ich nicht lange und sagte zu.
Außerdem war es besser, nicht allein zu bleiben. Vielleicht war es Zeit, nicht nur gesehen zu werden, sondern selbst hinzusehen.
Der Qualm hing dicht unter der Decke. Zigaretten, Bier, altes Holz. Dieser Geruch klebte an allem. Andrea stand am Zapfhahn, die Hand auf dem kalten Metall, und ließ den Blick über die Männer an der Theke gleiten.
Es war Samstagabend, kurz nach elf. Noch eine Stunde bis Feierabend. Sie mochte diese Stunde nicht. Die, in der alle lauter wurden, lauter redeten, lachten, tranken, während sie nur noch an eines dachte: dass endlich Ruhe einkehrte. Ruhe. Und Anton.
Er kam immer sehr spät in die Kneipe. Nun saß er wie so oft am Kopfende des Tresens, auf der kleinen Bank mit den abgewetzten Sitzflächen. Das karierte Hemd leicht geöffnet, das Bierglas vor sich, den Blick auf sie gerichtet. Wenn sie aufsah, trafen sich ihre Augen, nur für einen Moment. Doch das reichte.
Die anderen merkten es nicht. Oder taten so. Der Bürgermeister mit seinem Schwiegersohn, die Bauern vom Sonnenfelder- und vom Kreiswaldhof, Kurti und Franz-Josef, beide Jäger. Am Ende der Theke, drei von der Freiwilligen Feuerwehr: Holger, Hartmut und Bruno, alles Junggesellen. Sie tranken, lachten, machten Witze, die früher vielleicht einmal witzig gewesen waren.
Andrea spürte ihre Blicke. Früher hatte sie das genossen. Dieses kleine Machtgefühl, das ein hübsches Gesicht in einer Männerkneipe mit sich brachte. Aber seit Anton in ihr Leben getreten war, war es anders. Seit Anton war sie nicht mehr Teil des Spiels.
Er hatte gesagt, dass er nur sie liebte. Nicht Maria, seine Frau. Er sagte es mit dieser ruhigen, sicheren Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Und Andrea glaubte ihm. Sie musste ihm glauben.
Hinter ihr bewegte sich Brunhilde, die Wirtin. Sie tippte Andrea auf die Schulter. Andrea drehte sich um und sah in müde Augen, in ein gerötetes Gesicht.
„Ich geh gleich hoch in die Wohnung“, sagte Brunhilde, während Andrea das nächste Bier zapfte. „Sperrst du hier zu?“ Es klang nicht wie eine Frage, sondern wie ein Befehl. „Ich muss morgen früh wieder raus. Will vorm Frühschoppen noch hier durchputzen.“ Sie zeigte mit einer kurzen Kopfbewegung auf die Männer an der Theke. „Die gehen bestimmt auch bald. Morgen ist Gottesdienst an der Kapelle um zehn Uhr.“ Sie zog ihre Schürze aus. „Der Edwin schläft schon fast am Tisch ein. Ich schleif ihn jetzt mit.“
Andrea warf einen Blick hinüber zum Stammtisch. Brunhildes Mann Edwin hockte dort zwischen ein paar Männern aus der Fußballmannschaft, lallte etwas über ein Fußballspiel einer Mannschaft, die sie nicht kannte.
„Ja klar, geh nur. Ich sperre ab“, sagte sie.
Brunhilde sah sie einen Moment prüfend an. Dann nickte sie, packte ihren Mann am Arm und zog ihn mit sich.
Die Tür fiel ins Schloss.
Andrea stellte das Radio lauter. Es lief „Verdammt, ich lieb’ dich.“ Sie summte und hob den Blick. Anton sah sie an und lächelte. Ein kurzes, wissendes Lächeln.
Sie wischte den Tresen, spülte Gläser, machte Striche auf den Deckeln. Endlich war es Mitternacht. Sperrstunde! Einer nach dem anderen zahlte, murmelte ein „Gute Nacht“ und verschwand in die Kälte.
Nur Anton blieb. Er hob den Blick, als sie das letzte Glas in die Spülmaschine stellte. „Feierabend?“ fragte er leise.
Sie nickte. Ihr Puls pochte, obwohl sie versuchte, ruhig zu wirken. Dann kam er zu ihr hinter die Theke und küsste sie. Leidenschaftlich.
„Nicht hier“, sagte sie. „Wenn uns jemand durchs Fenster sieht.“
Er öffnete die Küchentür, zog sie hinein und löschte das Licht.
Später bot er an: „Ich fahr dich heim.“
Sie nickte. Glückselig, wie immer, wenn sie mit ihm alleine gewesen war.
Draußen war es kühl. Der Wind roch nach Regen. Antons alter Mercedes stand unter der Kastanie. Er öffnete ihr die Tür, sie stieg ein. Das Leder war kalt, seine Hand warm, als er sie auf ihren Oberschenkel legte. Sie lächelte ihn an.
Sie fuhren schweigend durch die dunklen Straßen. Er sah sie kurz an, sein Profil im flackernden Licht der Laternen.
„Du weißt, was du mir bedeutest, oder?“
Andrea nickte, unfähig zu sprechen.
Es war nicht weit bis zu ihrer kleinen Wohnung auf dem alten Wingertshof. Die Besitzer hatten die Landwirtschaft längst aufgegeben und es wurde gemunkelt, dass der Hof verkauft werden sollte. Das Haus lag einsam am Ortsrand, direkt auf dem Weg zum Krämerhof, wo Anton mit seiner Frau Maria lebte. Außerdem wohnten dort noch sein Bruder Paul mit seiner Ehefrau Bettina und der schwerkranke Vater von Paul und Anton auf dem Hof.
Kurz vor der Einfahrt hielt er an. Der Motor lief weiter, die Scheinwerfer warfen helle Streifen über die Mauer. Dann drehte er sich zu ihr, nahm ihr Gesicht in die Hand und küsste sie. Diesmal nur kurz, wie ein altes Ehepaar, das sich nach dem Frühstück verabschiedet. Als er sie losließ, flüsterte er: „Es tut mir leid, es ist schon spät. Maria wird warten. Sehen wir uns morgen beim Frühschoppen?“
Sie nickte nur. Enttäuscht, dass er jetzt nicht mehr Zeit für sie hatte. Sie wollte mit ihm reden. Aber er hatte recht, es war schon spät. Sie stieg aus, fröstelnd, das Herz voll von dem, was sie kaum wagte, Liebe zu nennen.
Er wartete, bis sie in der Tür stand. Dann fuhr er los.
Die Rücklichter verschwanden hinter der Kurve. Andrea blieb einen Moment stehen, das Gesicht dem Wind zugewandt, den Geruch seines Rasierwassers noch in der Nase. Dann drehte sie sich um, schloss die Haustür hinter sich und ging langsam die Treppe hinauf – traurig, aber voller Hoffnung, dass sich bald alles zum Besseren ändern würde.
Unglaublich, diese Ähnlichkeit. Kaum hatte Brunhilde die Kneipentür abgeschlossen, ging ihr das Gesicht der jungen Frau nicht mehr aus dem Kopf. Es war, als wäre Andrea Ziegler zurückgekehrt. Jung, hübsch, dieselben feinen Züge, dieselbe schmale Taille. Damals hatte Andrea allen den Kopf verdreht. Den Männern, und nicht nur denen, die frei gewesen waren.
Anton zum Beispiel. Brunhilde schnaubte leise. Wie er ihr hinterhergestarrt hatte, völlig schamlos, obwohl seine Frau zu Hause saß. Er hatte ihr den Hof gemacht, mit dieser tölpelhaften Art, die er für Charme hielt. Unmöglich. Dieser Trottel. Und keiner hatte etwas zu ihm gesagt. Aber hinter vorgehaltener Hand natürlich. Da wurde viel geredet.
Andrea hatte oben bei den Hollingers auf dem Wingertshof gewohnt, in einer kleinen Einzimmerwohnung unter dem Dach. Sie hatte im Ochsen gearbeitet, nachdem sie ihren Job im Discounter verloren hatte. Brunhilde erinnerte sich noch genau, wie sie damals zwischen den Tischen umhergewuselt war, immer lächelnd, freundlich, bemüht, und wie die Männer ihr hinterhergesehen hatten.
Brunhilde ließ Wasser in den Putzeimer laufen, gab einen Spritzer von dem zitronig duftenden Reinigungsmittel hinzu und tauchte den Lappen hinein. Gedankenverloren wrang sie ihn aus, stülpte ihn über den Schrubber und begann zu wischen. Die Luft roch nach Zitrone, das Wasser war lauwarm und doch fröstelte sie.
Andrea Ziegler war eines Tages fortgegangen. Einfach weg. Brunhilde wusste, warum.
Und jetzt tauchte hier eine junge Frau auf, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war. Ein Schatten der Vergangenheit schob sich über den Raum, so lautlos wie das Wasser, das unter Brunhildes Schrubber auf den Fliesen zerfloss.
Sie sah auf die Uhr. Gleich würden die ersten Frauen eintreffen. Heute Abend war wieder ein interessanter Vortrag im Nebenzimmer. „Alzheimer im Alter“. Brunhilde hätte lieber zugehört, als hinter der Theke zu stehen, aber jemand musste den Ausschank machen. Sie wischte die Hände an der Schürze ab und stöhnte leise.
Sie dachte an die junge Frau. Toni Ziegler. Der Name allein genügte, um ihr ein unangenehmes Ziehen im Magen zu bereiten.
