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Wie wäre es, wenn die Geschichte eines Denkmals einmal aus dessen Sicht erzählt wird? Die AutorInnen dieser Anthologie wagen den Perspektivenwechsel und schildern, wie es Denkmälern im Wandel der Zeiten erging, hin- und hergerissen zwischen ursprünglichen Intentionen, Umdeutungen und Instrumentalisierungen. Mit tiefgründigem Humor begeben sie sich in den Kopf der Freiheitsstatue, lassen die Brooklyn Bridge über ihre Rezeption in der Literatur zu Wort kommen, oder enttarnen die Neue Wache in Berlin als konservative Querdenkerin. Andere räsonieren über die nackte Weiblichkeit im schwedischen Wohlfahrtsstaat, oder schlüpfen in die Rolle des Sockels, der unter der Büste eines Nazidichters leidet. Die Protagonisten sind Meilensteine der Denkmalgeschichte wie das Standbild Peter des Großen in St. Petersburg von 1782, Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz' Gegendenkmal in Hamburg-Harburg von 1986 bis hin zum 2018 in Montgomery, Alabama errichteten The National Memorial for Peace and Justice. Dieses Buch ist ein intellektuelles Experiment, das eine neue Sicht auf Denkmäler eröffnet.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Tanja Schult & Julia Lange (Hg.)
Was denkt das Denkmal?
Mit Zeichnungen von Patrick Nilsson
Böhlau Verlag Wien Köln
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie ; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2021 Böhlau, Lindenstraße 14, D-50674 Köln, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich) Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress.
Umschlagabbildung: © Patrick Nilsson
Korrektorat: Sara Alexandra Horn
Umschlaggestaltung: Michael Haderer, WienEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-412-52283-4
Für Niklas,der diesem Buch seinen Namen gab
Inhalt
Vorwort der Herausgeberinnen
Denkste?
Gedanken übers Denkmalmachen
REBECKA KATZ THOR
Mich wird es geben
GEORG KREIS
Andacht mit der heiligen Bibiana
MARIA SUNDSTRÖM
Vom Stein berührt
RALPH BUCHENHORST
Ich: Abgetaucht. Du: Denk!
Nachgespräche
WILLMAR SAUTER
Was das Kolosseum noch sagen wollte
ARMIN KNIGGE
Hoch zu Ross auf sumpfigem Gelände Ein nächtliches Gespräch
OLAF OSTEN
Blaugrüner Akkord
JULIANE HAHN
Stein, Lüge und die zufällige Begegnung von „Hartung“ und „Kueka
GABRIELA LANGHOLF
Zeugenschaft aus Stein
Ein- und Ausblicke
HEINZ ICKSTADT
Wovon die Brooklyn Brücke redet, wenn sie träumt
JULIA LANGE
Herman the German
SABINE SIELKE
Mind-Mapping monumentaler Erinnerungslandschaften Martin Luther King Jr. und die National Mall
ASTRID BÖGER
Im Kopf der Freiheitsstatue
REINHART KÖSSLER
Ein Elefant am Weserstrand
Maulende Monumente
DANIELA BÜCHTEN
Denkmal wider Willen
ANDREA THEISSEN
Virchow wundert sich
NORA STERNFELD
Ein Sockel wendet sich gegen sich selbst Das Weinheber-Denkmal ausgehoben
STEFANIE ENDLICH
Bürger in Bewegung
Weiblich, widerständig, wütend
QUENTIN STEVENS
Ich warte auf Frieden
JESSICA SJÖHOLM SKRUBBE
Nackt und namenlos
HENRIK HOLM
Falls du es vergessen hast: Ich bin Queen Mary
Denkmäler in der Demokratie
TIM COLE
Einer von vielen
TANJA SCHULT
Ich bin ich und doch nicht
MARIUS BRYAN HENDERSON
Verflüssigt-flüchtig
LAURA A. MACALUSO
Spiel mit mir!
ANNE BAKER
Auf dem Weg
Vorwort der Herausgeberinnen
Denkste?
Alles begann mit einer Diskussion am Abendbrottisch.
Ich versuchte meinen Söhnen zu erklären, worum es in meinem neuen Forschungsantrag gehen sollte: Mit Denkmälern Demokratie erdenken. Da fragte Niklas: „Was denkt eigentlich das Denkmal?“ Damit war ein kongenialer Buchtitel geboren.
In der winterlichen Dunkelheit Stockholms im Jahr 2018 konnten wir kaum erahnen, dass den Denkmalstürzen von Kapstadt und Charlottesville bereits im Frühjahr 2020 viele weitere folgen sollten. Wieder einmal wurde das oft zitierte Diktum des österreichischen Schriftstellers Robert Musil ad absurdum geführt. Vor bald 100 Jahren hatte er verkündet, dass nichts auf der Welt so unsichtbar sei wie Denkmäler. Nun waren sie so sichtbar wie nie zuvor und wurden gleichsam zum Motor für gesellschaftliche Veränderungsprozesse.
Mit welchen Antworten könnte der angedachte Titel zur laufenden Denkmaldiskussion beitragen – und wie könnte das Buch realisiert werden?
Als Tanja mich einlud, an diesem Projekt mitzuwirken, saß ich gerade an einem Aufsatz zur deutschamerikanischen Erinnerungspolitik. Darin ging es auch um Denkmäler und ihre Rolle bei der Konstruktion ethnischer Identität. Anders gesagt: um Bedeutungen, die Denkmälern von verschiedenen Akteuren zugeschrieben wurden, um die in ihnen ikonisch verdichtete Vergangenheit „brauchbar“ zu machen und bestimmte Interessen in der Gegenwart zu legitimieren. Den Gedankenwelten und Gefühlen von Denkmälern war ich hingegen noch nicht auf den Grund gegangen. Dabei gestehen wir ihnen, indem wir sie vermenschlichen – „schau, da steht der Hermann!“ –, und mit der Art, wie wir über sie sprechen – „die beiden Denkmäler stehen im Dialog miteinander“ –, ja oft eine Form von Artikulations- und Handlungsfähigkeit zu. Spannend und längst überfällig, dachte ich mir, diesen Fragen intensiver nachzuspüren.
In dieser Anthologie begeben wir uns zusammen mit anderen WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen und Ausstellungsmacher Innen auf eine Entdeckungstour in Raum und Zeit und wagen einen Perspektivenwechsel. Die AutorInnen fragen sich, wie es ausgewählten Denkmälern im Wandel der Zeiten erging, hin- und hergerissen zwischen ursprünglichen Intentionen, Umdeutungen und Instrumentalisierungen. Mit tiefgründigem Humor begeben sie sich in den Kopf der Freiheitsstatue, lassen die Brooklyn Bridge über ihre Rezeption in der Literatur zu Wort kommen oder enttarnen die Neue Wache in Berlin als konservative Querdenkerin. Andere räsonieren über die nackte Weiblichkeit im schwedischen Wohlfahrtsstaat oder schlüpfen in die Rolle des Sockels, der unter der Büste eines Nazidichters leidet. Einfühlsam werden Themen wie Völkermord, Kolonialismus und Rassismus aufgegriffen und die Bedeutung sowie Funktion von Denkmälern in Demokratien und im digitalen Zeitalter reflektiert. Fundierte Kenntnisse zur Geschichte, Gestaltung und Bedeutung bekannter und weniger vertrauter Denkmäler werden dabei anschaulich und abwechslungsreich vermittelt.
Allen AutorInnen, die an diesem intellektuellen Experiment mitgewirkt haben, danken wir herzlich. Unser besonderer Dank gilt Patrick Nilsson, der mit seinen Bildern dieses Buch bereichert hat. Sein spitzfindiger Humor zeigt sich bereits auf dem Umschlag – schauen Sie genauer hin! Horcht der alte Mann tatsächlich in das Denkmal hinein? Dafür müsste er das Glas andersherum halten …
Wir laden Sie ein, zu lauschen, sich überraschen zu lassen, Denkmäler neu zu sehen – oder überhaupt erst wahrzunehmen, und sind gespannt, was Sie nun denken.
Tanja Schult, die Mama vom Fragensteller Niklas und seinem Bruder Mats, & Julia Lange
Gedanken übers Denkmalmachen
REBECKA KATZ THOR
Mich wird es geben
Andere sind verschwunden. Aber mich wird man errichten. Denn jetzt bin ich an der Reihe. Ich werde daran erinnern, was vergessen wurde – nicht daran, was im Laufe der Jahre in Vergessenheit geriet, sondern an bewusst Verdrängtes. An geschichtliche Ereignisse, denen sich die Nation nicht gerne stellt. Mich wird es geben – ein Denkmal über eine nicht verheilte Wunde, über eine Zeit, die nach Aufmerksamkeit verlangt.
Im Sommer 2020 demonstrierten Millionen von Menschen unter der Parole „Black Lives Matter“. Diese Bewegung war ein paar Jahre zuvor als Reaktion auf die Polizeigewalt und den strukturellen Rassismus in den USA entstanden. Eine der zentralen Fragen der Proteste war, an welche geschichtlichen Ereignisse erinnert und wie diese im öffentlichen Raum dargestellt werden sollten. Sowohl in den USA als auch in Europa wurden Forderungen laut, Denkmäler ehemaliger Sklavenhändler und Kolonialherren zu entfernen. Einige wurden von Demonstranten gewaltsam niedergerissen, andere von offizieller Seite stillschweigend abmontiert. Auch in Schweden wurden Gedenkorte für bislang verehrte Persönlichkeiten, wie den Botaniker Carl von Linné, infrage gestellt.
Ein Denkmal zu errichten ist eine kollektive Angelegenheit. Es ist eine Möglichkeit zu sagen: Wir zollen denen Respekt, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht haben, erinnern an die, die gelitten haben. Verdienste oder Unrecht werden durch Denkmäler öffentlich anerkannt. Denkmäler weisen zudem in die Zukunft, denn nicht nur gegenwärtige Generationen sollen von diesen Menschen oder Ereignissen wissen. In der Materialisierung manifestiert sich die Hoffnung, dass auch nachfolgende Generationen von diesen Geschichten erfahren und dadurch in ihrem Handeln beeinflusst werden.
Die Errichtung eines Denkmals kann aber auch den gegenteiligen Effekt haben, also nicht zum Erinnern, zur Nachahmung oder Aufarbeitung anregen, sondern eher als Versuch erscheinen, endlich einen Schlussstrich unter ein unbequemes Kapitel zu ziehen (wie es viele im Fall des jahrzehntelang debattierten Holocaustdenkmals in Berlin befürchteten).
Die meisten Denkmäler sind Teil einer größeren (nationalen) Erzählung. Dabei ist es von Bedeutung, dass sie im öffentlichen Raum errichtet werden, wo sie den Blicken der Menschen immer wieder ausgesetzt sind. Diese Begegnungen mit den auf Dauer angelegten Werken birgt die Möglichkeit, Geschichte immer aufs Neue ins kollektive Gedächtnis einzuschreiben.
Im Juli 1784 unterzeichneten der schwedische König Gustav III. und der französische Monarch Ludwig XVI. einen Vertrag. Darin wurde Schweden die westindische Insel Saint-Barthélemy zugesprochen. Frankreich durfte im Gegenzug eine Handelszone in Göteborg einrichten. Saint-Barthélemy blieb bis 1878 Schwedens karibische Kolonie. Hier wurde nicht nur mit Waren, sondern auch mit Menschen gehandelt. Dies stellt eine Fortführung des kolonialen Prozesses dar, der bereits im 12. Jahrhundert mit der Inbesitznahme des Siedlungsgebiets der Samen begann – Sápmi, einem Gebiet, das sich über weite Teile des heutigen nördlichen Schwedens, Norwegens, Finnlands und Russlands erstreckt. Das Quartier, das Frankreich als Handelszone zugesprochen bekam, trägt noch heute den Namen „Franska tomten“, „Französisches Grundstück“. Um an diese Vergangenheit zu erinnern, soll ich errichtet werden.
Mit dem Vertrag von 1784 waren König Gustavs III. langgehegte Kolonialträume wahr geworden. Doch wie sich herausstellte, war Saint-Barthélemy nicht für die Landwirtschaft geeignet, auch war die Nachfrage nach Kolonialwaren in Schweden eher gering. Um der Insel dennoch wirtschaftlichen Profit abzuringen, wurde sie zu einer Freihandelszone erklärt – was im Klartext bedeutete, dass die schwedische Kolonie zu einen Transithafen für den amerikanischen Sklavenhandel wurde. Davon versprach sich der schwedische König jedoch mehr, als der Handel tatsächlich abwarf. Nachdem weitere Kolonialträume platzten, verkaufte Schweden Saint-Barthélemy 1878 wieder an Frankreich.
Schwedens fast 100-jährige koloniale Vergangenheit wurde rasch aus der nationalen Geschichtsschreibung getilgt. Dieses Ausblenden der eigenen schambefleckten Geschichte dauert bis heute an – zum vorherrschenden schwedischen Selbstverständnis gehört es immer noch, die eigene koloniale Präsenz in Sápmi auszublenden. Ebenso hat es Jahrzehnte gedauert, die schwedische Neutralität während des Zweiten Weltkriegs kritisch zu hinterfragen. An etablierten Vorstellungen von Schweden als moralischer Großmacht änderten lange Zeit auch viele wissenschaftliche Publikationen wenig.
Die internationale Kunstbiennale in Göteborg (GIBCA) rief 2019 die Frage hervor, ob der „Franska tomten” nicht Ort einer künstlerischen Ausgestaltung werden sollte – ein Kunstprojekt, ein Denkmal gar, sollte diesen Ort und dessen Geschichte kritisch hinterfragen. Das war die Stunde meiner Geburt. Beim Schreiben dieser Zeilen ist meine Ausgestaltung noch im Findungsprozess, aber allein die Initiative, sie zählt! Diese Geste zeugt von dem Willen, sich endlich dem zu stellen, was hier passiert ist. Damit meine ich nicht nur die Zeit, als das Quartier hier tatsächlich Frankreich gehörte. Ich meine, die Geste zeugt auch von dem Willen, sich endlich dem zu stellen, was dem schwedisch-französischen Vertrag vorausging, und dem, was weit in unsere Zeit hineinreicht. Es geht um die Anfänge und die Fortführung des kolonialen Denkens.
Jene Kolonialzeit hat aber ganz konkrete, künstlerische Spuren an eben diesem Ort hinterlassen. An den Fassaden der Häuser finden sich Reliefs, die von der expansiven Seefahrtgeschichte künden. Das koloniale Erbe zeigt sich auch in der ornamentalen Ausgestaltung von Straßenlaternen. Unter anderem findet sich hier eine Szene mit einem Flusspferd, einem Affen und vier Menschen mit Lendenschurz, zwei davon trageneinen dritten in einem Tragestuhl, der vierte balanciert ein Paket auf dem Kopf. Die Szene ist eingebettet in eine tropische Pflanzenwelt. Vor diesem Hintergrund und auf diesem Boden werde ich errichtet.
Bei der Errichtung eines öffentlichen Denkmals geht es um die Forderung nach Sichtbarmachung, Anerkennung und Aufarbeitung eines verübten Verbrechens – diese Forderung wird im Denkmal dingfest gemacht, ist ein materialisiertes Eingeständnis des ehemals verübten Unrechts und verweist darauf, dass es Wunden hinterlassen hat, die bis in die Gegenwart hineinwirken. Ein Aufarbeitungsprozess beinhaltet damit immer eine Anerkennung des vorangegangen Hasses, von physischer und struktureller Gewalt. Die Kolonialisierung von Sápmi ist ein konkretes Beispiel dafür, wie geschaffenes Unrecht eine bleibende Wunde hinterlässt, die in unsere Zeit hineinreicht.
Im Jahre 2000 wurden die Samen in Schweden als ethnische Minderheit anerkannt, was ihnen ein gewisses Maß an Selbstbestimmung sicherte. Neue Gesetze schützen auch die für ihre Kultur und ihr wirtschaftliches Überleben wichtige Rentierhaltung. Gleichzeitig leben koloniale Ideen fort, denn Sápmi bleibt als Gebiet zwischen den Nationalstaaten Schweden, Norwegen, Finnland und Russland zerstückelt.
Unrecht verlangt nach Anerkennung. Dabei geht nicht darum, Verbrechen wieder gut zu machen. Das ist oft unmöglich. Es geht um die Anerkennung derjenigen, die zu Opfern geworden sind. Aber es geht auch darum, dass die Opferrolle nicht auf ewig festgeschrieben sein kann. Sie kann sich unter neuen Machtverhältnissen verändern. Die Frage ist, wie sich die Machthabenden – und das meint in einer Demokratie die Mehrheitsgesellschaft – gegenüber denjenigen verhalten, denen Unrecht zugefügt wurde.
Im Grunde ist dies eine philosophische Frage. Hier geht es um Verantwortung. Das Wort impliziert ein Antworten, ein Annehmen, und auch ein In-die-Pflicht-genommen-Werden. Verantwortung tragen meint, dass dem Schuldeingeständnis Handeln folgen muss – es geht nicht nur um symbolische Anerkennung (wie zum Beispiel das bloße Entfernen von Denkmälern, die Teile der Bevölkerung kränken). Dem verbalen Verantworten müssen konkret Taten folgen, sich soziale Strukturen und Machtverhältnisse ändern.
Ein Denkmal ist eine Art von Antwort, eine Reaktion auf Vorangegangenes. Doch wie fällt diese Antwort aus? Es ist äußerst wichtig, wer diese Antwort gibt, wer in den Prozess der Antwortfindung eingebunden wird. Wer initiiert und realisiert welche Denkmäler? Wer möchte an wen oder was erinnern und zu welchem Zweck?
Du stehst verkehrt herum. Auf dem Kopf. Das dunkle Wasser verbirgt dich. Du wurdest verbannt, ins schwarze Nass abgeschoben, doch die Geschichte, an die du erinnerst, lebt fort. Wenn du ihre Spuren bist, so sind die Spuren nun nur weniger sichtbar.
Jedes Denkmal ist geprägt von drei Zeitschichten: der Zeit, die es repräsentiert, der Zeit, in der es erschaffen wird, und der Zeit, in der es gelesen werden soll. Es ist diese Dreifaltigkeit, oder Dreigeteiltheit, die das Prisma des Verständnisses ausmacht. Wichtig ist dabei, dass der Blick auf das Denkmal stets veränderlich ist und davon abhängt, wer das Denkmal betrachtet und wann dies geschieht. Das Denkmal wird immer vor dem Hintergrund aktueller Gegenwartsfragen betrachtet.
Die drei zeitlichen „Verheimatungen“ des Denkmals sollten nicht statisch als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufgefasst werden. Vielmehr ist das Betrachten ein Vorgang, gleicht einer Bewegung, die sich zwischen verschiedenen Polen im Hier und Jetzt, Da und Dort und einer ungewissen Zukunft hin- und herbewegt. Im Denkmal ist eine Spannung angelegt, die sich aus der Wirkungsmacht des Denkmals und des Dargestellten im Zusammenspiel mit dem Betrachten ergibt. Ein Denkmal zu verstehen verlangt, die Umstände seiner Entstehung zu erfahren: Wer hat das Denkmal in Auftrag gegeben, wann wurde es errichtet und wer oder was wird dargestellt? Aber gleichzeitig trifft das Denkmal auf die Blicke gegenwärtiger Betrachter, die es aus ihrer Zeit heraus und mit veränderten Wertesystemen ins Auge fassen.
Du da, du suchst noch immer deinen Sockel heim. Auch du wurdest entfernt, aber dein Schatten ist lang. Die Proteste forderten deinen Sturz, „Rhodes must fall“…, aber was änderte sich wirklich, nachdem du entfernt wurdest?
Ein Gedenkprojekt zu initiieren ist ein sich Auseinandersetzen mit gegenwärtigen und historischen Positionen. Es geht dabei um die Anerkennung von Verletzlichkeit, die Anerkennung derer, die Hass und Bedrohung, physischer oder struktureller Gewalt ausgesetzt sind. Verletzbarkeit und Trauerarbeit sind daher miteinander verbundene Begriffe, die an Konzepte des Gedächtnisses und Gedenkens gekoppelt sind. Anders ausgedrückt: Das Errichten von Denkmälern hängt davon ab, wer betrauert wird, und wer in einer Gesellschaft als verletzlich verstanden wird.
Ihr, die ihr nicht mehr auf euren Sockeln steht, ihr, die entfernt oder anderswo aufgestellt oder gestürzt wurdet, wie im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung, was bedeutet eure Abwesenheit für meine Anwesenheit? Kann ich vielleicht erst errichtet werden, nachdem ihr gefallen seid? Denn nebeneinander stehen können wir nun mal nicht, auch wenn wir an dieselbe Vergangenheit erinnern.
Es erfordert Mut, dem nachzuspüren, was wehtut. Damit sind auch Geschichten gemeint, die in der großen nationalen Standarderzählung keinen Platz gefunden haben, wie eben die über den schwedischen Kolonialismus. Aufarbeitung als einen Prozess zu verstehen, der ausharrt, beharrlich dabeibleibt, kann helfen, Widersprüchlichkeiten aufzubrechen, die solche Prozesse umgeben. Damit meine ich, dass jede Erinnerungsarbeit ein Prozess der Sichtbarmachung ist (ein aktives Erinnern) und eine Art des Abschlusses (ein passives Erinnern). Das aktive Erinnern ist offen und gestaltet sich gemäß der neuen in Schweden geltenden Definition des kulturellen Erbes. In einem Gesetzesentwurf von 2017 wurde festgelegt, dass der Begriff des Kulturerbes weit gefasst wird: „[A]llgemein kann Kulturerbe als Spur oder Ausdruck der Vergangenheit verstanden werden, einer Vergangenheit, der ein Wert zugesprochen wird und die in der Gegenwart zur Anwendung gelangt“. Was vor allem betont wird, ist, dass es sich hier um einen andauernden Vorgang handelt: Es geht um Deutungen und Umdeutungen, um Wertungen, denen Neubewertungen folgen können. Das passive Erinnern dagegen meint ein Abschließenwollen – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, ganz so wie Denkmäler historisch oft verwendet wurden. Sie boten Denkmalsetzern die Möglichkeit, einen Schlussstrich unter ein Kapitel zu ziehen, um dann weiterzugehen. Die aktive Erinnerungsarbeit möchte das Gegenteil: Sie will zeigen, dass die Geschichte in die Zukunft weist, und dass alles Erinnern im Grunde genauso viel damit zu tun hat, wie wir uns die Zukunft vorstellen, wie mit der Geschichte selbst. Das Dranbleiben, Verweilen fungiert als Strategie, um Vergessen zu verhindern und auch um keinen vorschnellen, vereinfachten Abschluss zu schaffen. Hier schreiben Denkmäler Geschichtsverständnisse nicht fest, sondern öffnen stattdessen Möglichkeiten, Geschichte neu- oder umzudenken.
Der Geschichte öffentlich ein Werk, einen Ort, eine Erzählung zu widmen, ist die höchste Form von Verantwortung, eine Stellungnahme. Ausgehend von der Idee des Verantwortens kann man sich verletzliche Positionen vorstellen, von denen aus zukünftiges Gedenken möglich ist. Doch können diese Antworten eben nicht als langfristig gültige Antworten angesehen werden, sondern als etwas, das im Grunde gekoppelt ist an die Bereitschaft, die Welt stets neu zu denken, Offenheit und Ungewissheit zu akzeptieren. Eine solche Haltung ist vereinbar damit, dass es nicht eine einzige Antwort auf gestellte Fragen geben kann oder soll – weder ganz konkret in dem einen verwirklichten Denk- oder Mahnmal noch durch dessen Antizipieren, wie es in diesem Text geschieht. Wie die konkrete Ausgestaltung letztlich aussieht, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Das „Dranbleiben“ verweist auf das ständige Insistieren, dass ein Denk- oder Mahnmal eben nie eine endgültige Antwort darauf darstellt, was in einer Gesellschaft als denkmalwürdig erachtet wird: Es ist – wie die Gesellschaft selbst – stets Veränderungen ausgesetzt.
Der „Franska tomten“ in Göteborg ist ein windiger, leerer Platz. Angrenzend daran stehst du, das Delaware-Denkmal. Du erinnerst an die erste schwedische Kolonie in Amerika. Dich gibt es noch einmal, eine Kopie steht auf der anderen Seit des Atlantiks, eben dort, wo viele verarmte Schweden zum Ende des 19. Jahrhunderts ihr Glück suchten, in Wilmington, Delaware. Dich hat der bekannte schwedische Bildhauer Carl Milles erschaffen. Milles sympathisierte in den 1920er und 1930er Jahren mit Hitler, Mussolini und Franco. Was soll ich neben dir? Wird es mich auch mehrfach geben? Werde auch ich einen Doppelgänger in Delaware oder auf Saint-Barthélemy bekommen?
Was erinnert werden soll, ist nicht selbstverständlich. Die Frage muss sich jede Generation erneut stellen. Daher werden auch alle Denkmäler immer wieder umgedeutet und hinterfragt. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Denkmäler im Laufe der Geschichte entfernt werden müssen, auch dann nicht, wenn sich das Verständnis einer historischen Epoche dramatisch ändert – aber potentiell muss es diese Möglichkeit geben. Vor allem aber geht es darum, in einem Punkt beharrlich zu sein: Denkmalsetzungen müssen so beschaffen sein, dass sie zu ernsthaften Auseinandersetzungen beitragen und nicht einfach nur eine leere Geste von Wiedergutmachung und Anerkennung darstellen, die, wenngleich aus beständigem Material, sofort wieder in Vergessenheit geraten.
Vielleicht werde ich doch nie errichtet, nicht materialisierte Wirklichkeit. Aber dennoch bin ich ein Teil der Antwort. Wenn es gut läuft, biete ich eine Neudeutung, wenn es schlecht läuft, ein Nivellieren, ein Überspielen. Wie auch immer, mich wird es geben.
Aus dem Schwedischen von Tanja Schult und Julia Lange.
Angaben zu den Werken
www.possiblemonuments.se
KünstlerInnen: Aria Dean, Ayesha Hameed, Daniela Ortiz, Fatima Moallim, Hanan Benammar, Jimmy Robert & Runo Lagomarsino Auftraggeberinnen: Gothenburg International Biennale of Contemporary Art & Public Art Agency Sweden
Entstehungsjahr: 2020
Ort: Göteborg, Schweden
Edward-Colston-Denkmal
Künstler: John Cassidy
Auftraggeberin: Anchor Society
Jahr der Einweihung: 1895 – gestürzt 2020
Ort: Bristol, England
Cecil-Rhodes-Denkmal
Künstlerin: Marion Walgate
Auftraggeberin: University of Cape Town
Jahr der Einweihung: 1934 – gestürzt 2015
Ort: Kapstadt, Südafrika
Delaware-Denkmal
Künstler: Carl Milles
Auftraggeber: Kooperativa förbundet
Entstehungsjahr: 1938 – errichtet 1958
Ort: Göteborg, Schweden
Zum Nach- und Weiterlesen
Butler, Judith, Raster des Krieges: Warum wir nicht jedes Leid beklagen (Frankfurt am Main: Campus Verlag 2010).
Hirsch, Marianne, „Vulnerable Times“, in: Butler, Judith, Zeynep Gambetti & Leticia Sabsay (Hg.), Vulnerability in Resistance (Durham: Duke University Press Books, 2016).
Katz Thor, Rebecka, Beyond the Witness – Holocaust Representation and theTestimony of Images (Stockholm: Art and Theory Publishing, 2018).
Rönnbäck, Klas, „Franska tomten och den svenska jakten på kolonier“, in: Helena Holgersson, Catharina Thörn, Håkan Thörn & Mattias Wahlström (Hg.), Studier av en stad i förändring (Göteborg: Glänta, 2010).
Rebecka Katz Thor ist Geisteswissenschaftlerin und Autorin. Sie lebt in Stockholm. In ihrer Forschung befasst sie sich mit der Wirkungsmacht und Zeugenschaft von Bildern.
GEORG KREIS
Andacht mit der heiligen Bibiana
Denkmäler stehen auf zentralen, belebten Plätzen. Denkt man. Das ist allerdings nur eine, wenn vielleicht auch die häufigere Variante. Daneben gibt es aber auch Denkmäler, die bewusst an abgelegenen Orten platziert werden, in Hainen, auf Bergspitzen oder in Grotten, damit man sich hinbemühen – hinpilgern – muss. In der einen Variante will das Denkmal gesehen werden, drängt sich gar auf. In der anderen Variante wünscht das Denkmal, sofern es überhaupt selbst etwas wünscht, dass man zu ihm geht.
Mein Denkmal steht an einem solchen abgelegenen Ort. Es steht in Rom, wo ich ein paar Forschungswochen am Istituto Svizzero verbrachte. Es ist nicht der Vittoriano, der für Vittorio Emanuele II. errichtete und in den 1920er Jahren vollendete altare delle patria, der jeden Tag von Hunderten von Touristen beklettert wird. Es ist auch nicht die weit weniger beachtete Mark-Aurel-Säule aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., nicht der im klassischen Stil des 19. Jahrhunderts auf dem Campo de’ Fiori errichtete und uns dort an der Stelle seiner Hinrichtung erwartende Giordano Bruno, nicht das von Wilhelm II. anlässlich seines Geburtstags im Jahr 1902 zu seinem eigenen Ruhm der Stadt Rom geschenkte Goethe-Denkmal und auch nicht die im 20. Jahrhundert auf dem Belvedere del Gianicolo aufgestellte Reiterstatue der Garibaldi-Gattin Anita, den rechten Arm in die Luft, eine Pistole haltend, im anderen Arm einen Säugling.
Um zu meinem Denkmal zu kommen, musste ich eine lange Wegstrecke zurücklegen. Mitten durch die große Ewige Stadt, immer um neue Häuserblocks herum, bis ich endlich vor der kleinen Kirche stand, die im Übrigen unscheinbar durch eine Mauer getrennt in brutaler Nähe der Dutzenden von Eisenbahngleisen des Kopfbahnhofs Roma Termini steht. Hierher gepilgert bin ich, weil ich eine wunderbare Skulptur gleichsam in Natura sehen wollte, die in diesem kirchlichen Gehäuse steht. Ihr war ich bereits sehr nahe, als ich sie, durch einen Buchhinweis angeleitet, im Internet suchte und dann auf dem Bildschirm vor mir hatte: die Bibiana.
Bibiana ist eine Andachtsfigur. Weilt man vor ihr, sollte und kann man auch als Ungläubiger vor allem seine eigenen Gedanken sammeln. Dabei könnte man sich aber von der Figur durch ihre Erscheinung inspirieren lassen. Mit kaum 28 Jahren hat Gian Lorenzo Bernini dieses Meisterwerk im Jahr 1626 vollendet und in den drei vorangegangenen Jahren, während seiner Entstehung, mit der Figur vor allem in Fragen der Gestaltung künstlerische Zwiesprache gehalten. Vollendet steht sie nun vor uns, mit 191 Zentimetern leicht überlebensgroß, seit bald 400 Jahren.
Wer vor Bibiana weilt, weiß in der Regel, wer sie ist: Eine jugendliche Märtyrerin aus dem 4. Jahrhundert, und aus vornehmem Haus. Was sie denkt, bleibt uns verborgen, spielt auch keine Rolle. Wir müssen es nicht wissen. So, wie Bernini sie gestaltet hat, fragt man sich weniger, was sie denkt, sondern vielmehr, was sie fühlt. Was sie glaubt, das müssen wir uns nicht fragen, das ist gesetzt: Sie bekennt sich in römisch-heidnischer Zeit zum christlichen Glauben und ist bereit, dafür zu sterben.
Was sie wohl denken mag, fragt man sich nur, weil ein Buchprojekt dazu auffordert. Doch das deutlich manifestierte und entsprechend wahrnehmbare Fühlen und Glauben dieser Figur lässt Überlegungen zum Denken kaum Raum. Bibiana steht in weißem Marmor denkmalgleich im stillen Dunkel der gleichnamigen römischen Kirche (wie gesagt, direkt neben dem stark frequentierten Bahnhof Termini), und sie steht in der zentralen Nische des Hochaltars vor uns, beleuchtet durch das Tageslicht, das aus der eigens dafür geschaffenen Luke auf sie fällt. Da steht sie, in wallendes Tuch gehüllt, ein dynamischer Kontrast zum strengen Rahmen, angelehnt an die Säule, an der sie zu Tode gepeitscht werden wird, im linken Arm schon die goldene Märtyrerpalme, die Rechte sachte zum Himmel erhoben, den Kopf leicht abgewinkelt und den Blick ebenfalls himmelwärts gerichtet. Zu Füßen bereits das Minzenkraut, das auf ihrem Grab wachsen wird und in der Folgezeit gegen allerlei Gebrechen empfohlen wurde.
Inwiefern qualifiziert sich diese Skulptur als Denkmal, wo sie doch bloß Ausstattung eines sakralen Gebäudes ist? Ohne diese Kirche, die in der Literatur ebenfalls als Kulturdenkmal bezeichnet wird, gäbe es diese sakrale Figur nicht. Bibiana unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt: Sie wird länger betrachtet, als dies bei den zumeist weltlichen Monumenten gemeinhin der Fall ist, die im öffentlichen Raum stehen, oft im tosenden Verkehr, von den eiligen Passanten kaum zur Kenntnis genommen. Und sofern überhaupt beachtet, fungieren sie bloß als Hintergrund für ein Selfie. Das ist die Realität, widerspricht aber der Grundidee, dass von Monumenten ein Appell ausgehen und man sich mit ihnen auseinandersetzen soll. Im Idealfall (gemessen an den Intentionen der Denkmalstifter) sollten sie, beziehungsweise ihre Botschaft, zum Gegenstand von Gesprächen insbesondere der Nachgeborenen werden. Denkmäler sind jedoch visuelle Botschaften, die oft ungesehen bleiben.
Vor Bibiana verweilt man, kniet zuweilen sogar nieder, hält im sakralen Gehäuse Andacht, betrachtet sie innig – bis sie gleichsam lebendig wird, ihre Lippen bewegt, vielleicht sogar mit ihren Augen nicht nur gen Himmel schaut, sondern uns zuzwinkert, leicht einen der Finger bewegt. Was will Bibiana mit der rechten Hand sagen, sofern sie überhaupt etwas sagen will und nicht einfach nur „ist“, wenngleich nicht mehr unter uns, bereits auf dem Weg ins Jenseits? Vielleicht will sie sagen, dass alles nicht so schlimm, es sogar leicht auszuhalten ist, wenn man gläubig ist. In der Literatur wird Andacht und Gebet mit einem „beziehungsweise“ oft gleichgesetzt. Man kann aber unterscheiden: Per Gebet nimmt der Mensch Kontakt mit Gott auf oder mit einem seiner vielen Stellvertreter. Ist man im Gebetsmodus, also im Reden mit Gott, kann man zu direkten Antworten gelangen – zu Zustimmung oder Ablehnung oder etwas dazwischen. Andacht ist offener, auf Empfang ausgerichtet, auch wenn es bloß Empfang des eigenen Inneren ist.
Kann uns dazu eine Skulptur animieren? Berninis Bibiana ist ausdrucksstark. Sie soll und will uns erreichen. Was sie leistet, kann man im Vergleich mit einer anderen Gestalt – einer traditionellen Gipsmadonna – sehen, die in der gleichen Kirche im rechten Seitenschiff steht, ziemlich gewöhnlich und ausdrucksarm, trotz der vielen für sie eingesetzten elektrischen Lämpchen.
Bibianas versteinerte Bewegung kann in uns die Frage aufkommen lassen, was diese beinahe lebende Gestalt wohl fühlt und denkt. Könnte sie auch noch sprechen, würden wir vielleicht erfahren, was sie denkt. Was solche Gestalten aber denken und uns sagen, das hängt freilich von uns selbst ab, denn wir sind die Moderatoren unserer Zwiesprache. Es ist unsere anima, es ist unser Innenleben, das dem Gegenüber Leben verleiht, es in einem andächtigen Chat animiert.
Angaben zum Werk
Werktitel: Santa Bibiana
Künstler: Gian Lorenzo Bernini
Auftraggeber: Papst Urban VIII. (1623–1644)
Entstehungsjahre: 1624–1626
Ort: Rom, Italien
Georg Kreis ist Historiker und lebt in Basel.
MARIA SUNDSTRÖM
Vom Stein berührt
Drei Denkmäler für die Opfer des Holocausts haben tiefe Spuren in mir hinterlassen. Ich kehre ständig zu ihnen zurück, wenn ich die Möglichkeit habe, besuche sie oder suche sie gedanklich auf. Die Denkmäler, an die ich denke, sind Christian Boltanskis Das fehlende Haus in Berlin, die Gedenkstätte Neuer Börneplatz in Frankfurt am Main, und Gunter Demnigs europaweites Projekt Stolpersteine. Diese drei Denkmäler erinnern mich daran, zu erinnern, was geschah, und warum.
Beginnen möchte ich dennoch mit dem Besuch einer anderen Gedenkstätte. Vor vielen Jahren war ich zusammen mit meiner Familie im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof in Polen. Mit dabei waren mein Sohn John, ein Teenager, und mein Jüngster, Martin. Ihm mochte ich noch nichts von alldem erzählen. Er war noch zu klein. Und ich? Viel älter, doch noch immer nicht fertig mit meiner Familiengeschichte. Wenn es jemals ein „fertig“ geben kann. Bis heute habe ich noch immer nicht verstanden, warum mein Großvater Nazi wurde. Parteimitglied 1931. Und sich damit zu Hitler und dem Nationalsozialismus bekannte.
Es war ein schöner Sommertag. Wir gingen durch die Ausstellungen in den Baracken von Stutthof. Wir wechselten uns ab; einer blieb stets draußen bei Martin und spielte mit ihm. Wir aßen Eis, lasen ihm ein Buch vor und dachten uns Spiele aus, die man gut im Freien spielen konnte. Drinnen in den Baracken blieben wir stumm. Es war schwer zu ertragen, kaum zu verstehen, dass tatsächlich jemand geplant und ausgeführt hatte, was hier passiert war. Draußen schien die Sonne, warm und klar. Wir waren im Urlaub.
Ich konnte nicht anders. Ich musste hierher, versuchen zu begreifen, was hier geschehen war. In der Nähe war mein Großvater beruflich tätig gewesen. Meine Mutter war in Gdansk geboren worden, Danzig damals. Die ersten Lebensjahre verbrachte sie in Gdynia, während des Zweiten Weltkriegs Gotenhafen genannt. Mein Großvater war Bauingenieur und Offizier in der Organisation Todt. Er war am Bau des Hafens beteiligt. Stutthof liegt nicht weit davon. Hat er auch dieses KZ mit aufgebaut? Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ist, dass er am Bau eines anderen Ortes beteiligt war. Der Wolfsschanze. War er auch in Stutthof? Hat er die Baracken entworfen?
Ich sammle Informationen. Sinneseindrücke. Geräusche. Der Ort nimmt mich mit. Draußen spielt mein Dreijähriger. Glücklich unbewusst dessen, was während der Nazizeit hier, und in Europa, geschah.
Unweit der Neuen Synagoge auf der Oranienburgerstraße in Berlin-Mitte stoße ich einige Jahre nach dem Fall der Mauer zufällig auf einen Gedenkort zwischen zwei Mietshäusern, Boltanskis Das fehlende Haus. Eine Bombe hatte am Ende des Zweiten Weltkriegs ein Mietshaus komplett ausgelöscht. Nun stehe ich auf dem Grund des ehemaligen Wohnhauses und schaue auf die angrenzenden Häuser. Auf den mich umgebenden Fassaden sind die zerstörten Wohnungen markiert, wie ein Querschnitt oder ein Röntgenbild. Mein Blick klettert die Häuserwand hinauf, Stockwerk für Stockwerk. Jede Etage trägt einen Text mit Informationen. Zu lesen sind die Namen der Mieter, ihr Beruf, ihr Geburtsjahr und das Jahr, in dem sie starben. Im Schatten des Hofes lese ich alle ihre Namen, langsam, der Reihe nach. Schleichend drängen sich Fragen auf. Wer waren diese Menschen? Wie sah ihr Leben hier im Kiez aus? Waren es jüdische Familien? Wurden sie deportiert? Konnten sie sich irgendwo verstecken? Hat jemand von ihnen überlebt, ist jemand von ihnen vielleicht noch am Leben, jemand, der noch erzählen kann?
Ein weiterer heißer Tag, wieder im Juli, aber ein anderes Jahr. Ich bin auf dem Weg zum Alten Jüdischen Friedhof am Börneplatz in Frankfurt. Er ist von einer hohen Mauer umgeben, darauf viele kleine Formationen, die an Stempel erinnern. In langen Zeilen aneinandergereiht sind diese metallenen Kästchen auf der gesamten Ummauerung zu finden. Auf jeder dieser Formationen, so groß wie eine Streichholzschachtel, gibt es eine Inschrift mit einem Namen, einem Geburtsdatum, sowie, wenn bekannt, dem Todesjahr und dem Sterbeort. Die Aufzählungen der Orte und Konzentrationslager, zu denen diese Menschen gebracht und wo sie ermordet wurden, scheinen kein Ende zu nehmen. Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Majdaneck … 11.908 Namen auf diesen metallen kleinen Blöcken, in sich stetig wiederholender Anordnung. 11.908 Schicksale. Ich kann kaum atmen. Es ist ein heißer Sommertag. Alle diese Menschen waren Einwohner Frankfurts. Die Anzahl der Namen und Orte macht mich schwindelig. Da, inmitten der Reihen, ein Name, den alle kennen: Anne Frank.
Die Gedenkstätte Börneplatz erinnert an die im Nationalsozialismus vernichtete jüdische Gemeinde Frankfurts. Sie liegt in der östlichen Innenstadt zwischen dem ältesten jüdischen Friedhof und der Rückseite des Gebäudes, in dem auch das Museum Judengasse untergebracht ist. Dieses Viertel war das älteste jüdische Viertel der Stadt. Hier haben Juden seit dem Mittelalter gewohnt. Den Gedenkort haben die Architekten Nikolaus Hirsch, Andreas Lorch und Wolfgang Wandel entworfen, 1996 wurde er eingeweiht. Hirsch zufolge ist der Erinnerungsprozess einer, der nie endet. Also gibt es kein „Fertigwerden“? Dieser Gedenkort ist ein Ort der Trauer und des ständigen Erinnerns. Das Museum Judengasse forscht weiter und in der Gedenkstätte Neuer Börneplatz gibt es ein digitales Verzeichnis, das unentwegt durch neue Namen und Erzählungen ergänzt wird.
Um alle Namen lesen zu können, muss ich mich bewegen. Unter meinen Schuhen knirschen die grobkantigen Steine, eben solche Steine, wie sie zwischen den Bahnschienen liegen, heute wie damals. Zwischen Eisenbahnschienen, die zu den Konzentrationslagern in Deutschland und dem besetzten Polen führten. Mir fallen auch die kleinen, runden Steine auf, die auf diesen Stempelkisten liegen. Mal einer, manchmal mehrere. Damals kannte ich ihre Bedeutung noch nicht: die jüdische Tradition, statt Blumen kleine Steine auf Gräber zu legen, als Zeichen der anhaltenden Erinnerung.
Meine Großtante Mia, die jüngere Schwester meiner Oma, ist die Einzige in unserer Familie, die jetzt noch lebt und die ich fragen kann, wie die Familie die Naziherrschaft erlebte. Im Sommer 2007 wage ich es, ihr meine vielen Fragen zu stellen. Wusste sie, wo ihr Mann, mein Großonkel, sich am Ende des Krieges befand? Das wusste sie. Im Führerbunker in Berlin. Tante Mia hatte versucht, ihn telefonisch zu erreichen, um zu erfahren, was sie tun sollte, nun, da die Russen auf dem Weg waren. „Du brauchst nichts zu tun, die Ostfront hält!“ Tante Mia war verblüfft über diese Antwort. „Willie, Berlin wird bombardiert, hör doch!“ Sie hielt den Telefonhörer in Richtung Fenster, sodass er die Explosionen draußen hören konnte.
Sieben Jahre später bin ich wieder in Berlin, um Tante Mia zu treffen und sie zu interviewen. Während des Gesprächs erzählt sie von einem Besuch bei Frau Bormann. „Meinst du die Frau des berüchtigten Martin Bormann?“ „Ja, Gerda! Sie hatte mich zum Kaffee eingeladen.“ Beim Besuch im Altersheim in Friedenau, in dem Tante Mia wohnt, habe ich das Aufnahmegerät dabei. Wie seit über 20 Jahren. Tante Mia ist es gewohnt, dass ich unsere Gespräche auf Band aufzeichne. Wenn ich sie filme, muss ich immer erst ihren Kamm holen und vorher ihre Brille putzen. Tante Mia zupft ihren Pulli zurecht und prüft, dass ihre Kette auch richtig hängt. Man soll schon ordentlich aussehen. Ich starte das Aufnahmegerät.
Wir schauen uns ihre Hochzeitsbilder an. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von 1940. Da haben sie und Wilhelm geheiratet. Tante Mia erzählt mir, wer die 26 Hochzeitsgäste waren, wie sie hießen, wie wir verwandt sind. Darunter ist auch Anne Rose, ein Dienstmädchen. Sieht niedlich aus. Neben Mia sitzt Mutter Baeck, ihre strenge Schwiegermutter. Und neben ihr, ganz in Schwarz, die Großmutter, Clara Bandt. Nachdem ihr Sohn Walter im Ersten Weltkrieg gefallen waren, trug Clara nur noch Schwarz. „Da ist Tante Käthe, Käthe Ständl, die Schwester meiner Mutter, die nach Kriegsende einen tragischen Tod in Sibirien starb.“ Käthe wurde gefangen genommen und nach Sibirien verschleppt. Sie hatte eine Position in einem Frauenverband im Dritten Reich inne, daher stand sie bei den Russen auf der Liste. So jedenfalls erzählte es immer Tante Mia. Was das genau bedeutete, habe ich nie aus ihr rausbekommen.
Nach dem Gespräch esse ich mit meiner Familie am Savignyplatz. Auf dem Weg zurück in die Pension, im Abenddunkel, gehen wir die Kantstraße entlang. Vor der Hausnummer 150 bleiben wir stehen. Im Fußweg vier Gedenksteine, Stolpersteine. Im Schein der Straßenbeleuchtung lesen wir: Rahel Sternberg, 1858, Louis Eugen Sternberg, 1884, Rosa Sternberg, 1895, und Sidonie Sternberg, 1898. Wir sagen nichts, ergriffen von dem, was hier 73 Jahre zuvor geschehen ist. Meine Tochter nimmt still meine Hand, als wir unseren Weg zurück zur Pension fortsetzen.
Im Herbst 2019 kommen meine Tochter und ich zurück nach Berlin. Wieder wollen wir Tante Mia besuchen. Auf dem Weg zu ihr gehen wir die Ahrweiler Straße entlang. Da ruft Klara mir zu, dass sie einen weiteren Stolperstein gefunden hat. Hier vor der Hausnummer 34 wohnte Helene Süssmann. Helene, so hieß auch meine Großmutter. Helene Süssmann, geboren 1884, wurde am 29. Januar 1943 deportiert. Ermordet in Auschwitz. Das steht auf dem Stein. Wir machen ein Foto. Betrachten das Haus, vor dem der Stolperstein liegt, wo Helene Süssmann gewohnt hat. Überlegen, in welchem Stockwerk wohl die Wohnung ihrer Familie lag. „Helene ist ein sehr schöner Name, finde ich“, sage ich zu meiner Tochter. „So hieß auch Oma, mit zweitem Namen.“ Plötzlich strömt eine Flut von Fragen aus Klara hervor, alle erdenklichen Fragen, auf die eine 13-Jährige kommen kann. Fragen, die meinen eigenen in Stutthof so sehr ähneln: über die Nazizeit, meinen Großvater, ihren Urgroßvater. Warum war er ein Nazi? War er auch der Ansicht, dass manche Menschen kein Recht haben zu leben? Gab es niemanden, der Hitler stoppen wollte? Gab es Juden, die entkommen konnten?
Gunter Demnig hat seinen ersten Stolperstein illegal 1992 ins Straßenpflaster gesetzt. 50 Jahre zuvor hatte Heinrich Himmler das Auschwitz-Dekret unterschrieben, das festhielt, dass Juden und andere „Unerwünschte“ deportiert und ermordet werden konnten. Das Projekt Stolpersteine erinnert an alle von den Nazis verfolgten Opfer, an Juden, Roma und Sinti, Kommunisten, Homosexuelle, Zeugen Jehovas.
In Schweden wurden die ersten drei Stolpersteine 2019 verlegt. Ein Jahr später suche ich ihre Standorte auf, zusammen mit Klara und Martin. Wir beginnen im Stockholmer Stadtteil Östermalm, von dort gehen wir weiter durch die Innenstadt nach Norrmalm bis Kungsholmen. Wir lesen die Inschriften auf den Messingplatten, betrachten die Wohnhäuser und ihre Umgebung. Dieses Abgehen ist ein Nachspüren, ein Versuch zu verstehen, welche geografischen Ausmaße der Holocaust hatte. Auch Schweden blieb nicht unberührt von den historischen Ereignissen, nicht frei von Verantwortung. In der Gumshornsgatan 6 erinnert ein Stein an Curt Moses, ausgewiesen 1937, vermutlich 1941 in Riga ermordet. Der Stein auf dem Kungsholmstorg 6 ist für Erich Holewa, in der Apelbergsgatan 36 wird an Hans Eduard Szybilski gedacht. Beide wurden 1939 aus Schweden ausgewiesen, zurück nach Berlin, und wurden von dort 1943 nach Auschwitz deportiert. Diese drei Menschen hatten in Schweden Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung gesucht, doch ihre Verfolgung als Juden wurde in Schweden nicht anerkannt.
2015 hat Magnus Gertten, ein schwedischer Regisseur, Filmproduzent und Drehbuchautor, im Dokumentarfilm Every Face has a Name den Versuch unternommen, die Namen aller derjenigen Überlebenden herauszufinden, die am 28. April 1945 mit einem Schiff in Malmö angekommen waren. Ihre Ankunft wurde in einer Wochenschau festgehalten. Ich erwähne den Film, weil er vieles mit den Denkmälern, die mich bewegen, gemein hat. Sie alle zeugen von dem unermüdlichen Bestreben, die Opfer aus der Anonymität herauszuholen. Nur selten gelingt es, wie in Gerttens Film. Oft bleiben auch dann nur Namen, nicht viel mehr, und manchmal nicht einmal die.
Die Denkmäler, die mich so bewegen, regen uns Betrachter dazu an, weitere Nachforschungen anzustellen, mehr zu erfahren, zu lernen. Nicht an Ort und Stelle, dort regen sie eher dazu an nachzufühlen. Sich vorzustellen, wie so ein Leben aussah, wie es herausgerissen wurde aus seinem Alltag. Ein Alltag, der jetzt der unsere ist. Die Gesichter, die mir vertraut sind, stammen von den Schwarz-Weiß-Fotografien im Fotoalbum meiner Tante Mia. Sie kann jedem Bild den richtigen Namen zuordnen. Ich habe es aufgezeichnet, und deshalb kann auch ich dieses Wissen nun wieder-holen, kann es nachschauen, wenn ich will. Vielleicht bin ich auch deshalb nicht „fertig“. Ich kenne ihre Namen, aber die Namen der Opfer kenne ich nicht. Gerade deshalb lassen mich ihre Gesichter nicht los.
