Was die Spiegel wissen - Maggie Stiefvater - E-Book

Was die Spiegel wissen E-Book

Maggie Stiefvater

4,6

Beschreibung

Es wird Hebst in Henrietta. Blue und die vier Raven Boys suchen noch immer nach dem Grab des walisischen Königs Glendower. Fast glauben sie sich am Ziel, als Adam eine beunruhigende Vision hat: Im magischen Wald Cabeswater gibt es drei Schlafende. Einer von ihnen darf unter gar keinen Umständen geweckt werden. Die Frage ist allerdings, welcher es ist und was geschieht, wenn er trotz aller Vorsicht aufwachen sollte. Währenddessen hat Blue ganz andere Sorgen: Ihre Mutter ist verschwunden und außer einer mysteriösen Nachricht gibt es keine Spur von ihr. Und dann sind da noch Blues Gefühle für Gansey, gegen die sie vergeblich anzukämpfen versucht. Denn ein Kuss von ihr könnte seinen Tod bedeuten ... Eine mysteriöse Prophezeiung, uralte Geheimnisse und eine Liebe, die gefährlich ist: Maggie Stiefvater zieht auch im dritten Band der fantastischen Buchreihe um Blue und die Raven Boys alle Register ihrer Erzählkunst und hinterlässt den Leser in atemlosem Warten auf das große Finale. "Was die Spiegel wissen" ist der dritte von vier Bänden. Die Vorgängertitel lauten "Wen der Rabe ruft" und "Wer die Lilie träumt".

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Ich suche das Gesicht, das ich hatte

Bevor die Welt entstand.

WILLIAM BUTLER YEATS

PROLOG

OBEN

Persephone stand auf dem kahlen Berggipfel, das elfenbeinfarbene Rüschenkleid wehte ihr um die Beine und ihr weißblonder Lockenwust flatterte. Sie wirkte durchscheinend, substanzlos, wie etwas, das rein zufällig zwischen diese Felsbrocken gewirbelt worden und an einem davon hängen geblieben war. Der Wind hier oben war rau, ohne Bäume, die ihm die Wucht genommen hätten. Die Welt unten erstrahlte in herbstlicher Pracht.

Neben ihr stand Adam Parrish, die Hände in den Taschen seiner mit Motorölflecken übersäten Cargohose vergraben. Er wirkte müde, aber seine Augen waren klar, klarer als bei ihrer letzten Begegnung. Da Persephone sich für gewöhnlich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrierte, hatte sie schon lange nicht mehr über ihr Alter nachgedacht, doch als sie jetzt Adam musterte, fiel ihr auf, wie neu er noch war. Dieser verletzliche Gesichtsausdruck, die jungenhaft angespannten Schultern, die wild lodernde Energie in ihm.

»Ein perfekter Tag für so etwas«, dachte sie bei sich. Es war kühl und bewölkt und weder die Kraft der Sonne noch der Mondzyklus noch die Erschütterungen irgendwelcher Straßenarbeiten störten.

»Das hier ist der Leichenweg«, sagte sie und richtete ihren Körper auf den unsichtbaren Pfad aus. Sie spürte, wie in ihrem Inneren ein angenehmes Schnurren einsetzte, ein Gefühl tiefer Zufriedenheit, ähnlich dem, das eine Reihe geradegeschobener Buchrücken im Regal in ihr auslöste.

»Die Ley-Linie«, präzisierte Adam.

Sie nickte gleichmütig. »Finde sie selbst.«

Ohne zu zögern trat er auf die Linie, den Blick so selbstverständlich in ihre Verlaufsrichtung gewandt, wie eine Blume sich zur Sonne drehte. Um dies zu meistern, hatte Persephone wesentlich länger gebraucht, allerdings hatte sie, anders als ihr Schüler, auch keinen Pakt mit einem übernatürlichen Wald geschlossen. Sie hielt nicht viel von Pakten. Arbeiten im Team war noch nie so ihr Ding gewesen.

»Was siehst du?«, fragte sie.

Seine Lider flatterten und seine staubfarbenen Wimpern legten sich auf seine Wangen.

Und weil sie Persephone war und dies ein perfekter Tag für so etwas, konnte sie sehen, was er sah. Es hatte nichts mit der Ley-Linie zu tun. Es war ein Haufen zerbrochener Jagdfigürchen auf dem Boden einer wunderschönen Villa. Ein offizielles Schreiben, gedruckt auf Behördenbriefpapier. Ein Freund, der sich zu seinen Füßen auf der Erde wand.

»Außerhalb deiner selbst«, rief Persephone ihm sanft in Erinnerung. Sie selbst sah zu viele Ereignisse und Möglichkeiten entlang des Leichenwegs, sodass sie kein einzelnes davon wirklich wahrnahm. Sie war eine sehr viel bessere Hellseherin, wenn sie ihre beiden Freundinnen Calla und Maura bei sich hatte: Calla, um die Eindrücke zu sortieren, und Maura, um sie in den richtigen Zusammenhang einzuordnen.

Adam zeigte sich in diesem Bereich durchaus vielversprechend, aber er war zu jung, um Maura ersetzen zu können – nein, das war schlecht formuliert, ermahnte Persephone sich, Freunde ersetzte man schließlich nicht. Sie suchte angestrengt nach dem richtigen Wort. Nicht ersetzen.

Retten. Ja, natürlich, Freunde rettete man. Musste Maura gerettet werden?

Wenn Maura hier mit ihnen auf dem Berg gewesen wäre, hätte Persephone das vielleicht abschätzen können. Aber wenn Maura hier mit ihnen auf dem Berg gewesen wäre, hätte Persephone es auch gar nicht abschätzen müssen.

Sie seufzte tief.

Sie seufzte sehr oft.

»Ich sehe etwas.« Adams Augenbrauen verhießen entweder Konzentration oder Unsicherheit. »Viel. Ein bisschen wie – wie diese Tiere in den Schobern. Ich sehe irgendwas … Schlafendes.«

»Träumendes«, stimmte Persephone ihm zu.

Kaum dass Adam ihre Aufmerksamkeit auf die Schlafenden gelenkt hatte, rückten sie ganz in den Vordergrund ihres Bewusstseins.

»Drei«, fügte sie hinzu.

»Drei was?«

»Besonders drei«, murmelte sie. »Die geweckt werden müssen. Das heißt nein. Nein. Zwei. Einer von ihnen darf nicht geweckt werden.«

Persephone war noch nie besonders gut darin gewesen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Aber in diesem Fall hatte der dritte Schlafende definitiv etwas Falsches an sich.

Ein paar Minuten lang standen sie und der Junge – »Adam«, ermahnte sie sich selbst; es war so schwer, diesen irdischen Rufnamen Bedeutung beizumessen – bloß da und fühlten den Strom der Ley-Linie unter ihren Füßen. Persephone versuchte so behutsam wie erfolglos, den hellen Strang von Mauras Existenz in dem Gewirr aus Energiefäden auszumachen.

Neben ihr zog sich Adam wieder in sich selbst zurück, wie immer mehr an dem interessiert, was für ihn am unergründlichsten war: sein eigenes Bewusstsein.

»Außerhalb«, erinnerte Persephone ihn.

Adam öffnete die Augen nicht. Seine Worte waren so leise, dass der Wind sie beinahe davontrug. »Ich will ja nicht unhöflich sein, Ma’am, aber ich verstehe einfach nicht, warum ich das hier lernen soll.«

Persephone hatte keine Ahnung, wie er darauf kam, dass sie eine so naheliegende Frage als unhöflich ansehen könnte. »Als du noch ein Baby warst, hast du da verstanden, warum du besser anfangen solltest, sprechen zu lernen?«

»Mit wem soll ich denn kommunizieren lernen?«

Sie freute sich, dass er den Sinn ihrer Frage direkt begriffen hatte.

Sie antwortete: »Mit allem.«

DAZWISCHEN

Calla war fassungslos, wie viel Krimskrams Maura in ihrem Zimmer im Fox Way 300 hortete, und ließ sich bei Blue darüber aus.

Blue antwortete nicht. Den Kopf nachdenklich schief gelegt, stand sie am Fenster und blätterte durch einen Stapel Papiere. Aus diesem Winkel sah sie ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich: kompakt, athletisch, schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie wirkte verwirrend lieblich trotz ihrer dunklen, ungleichmäßig am ganzen Kopf festgeklipsten Haare und ihres T-Shirts, das sie zuvor mit einer Bodenfräse bearbeitet hatte. Oder vielleicht auch gerade deswegen. Wann war sie bloß so hübsch und erwachsen geworden? Ohne dabei größer zu werden? Aber wahrscheinlich war das ganz normal, wenn man sich nur von Joghurt ernährte.

»Hast du die hier gesehen?«, fragte Blue. »Die sind echt gut.«

Calla wusste nicht genau, was Blue sich da ansah, aber sie glaubte ihr. Blue war nicht der Typ Mädchen, der ungerechtfertigte Komplimente machte, nicht mal ihrer Mutter. Sie hatte ein gutes Herz, aber sie war nicht nett. Was Calla nur recht war, denn nette Menschen brachten sie auf die Palme.

»Deine Mutter besitzt viele Talente«, brummte sie. Dieses Durcheinander würde sie Jahre ihres Lebens kosten. Calla mochte verlässliche Dinge: Ablagesysteme, Monate mit einunddreißig Tagen, dunkelroten Lippenstift. Maura liebte das Chaos. »Zum Beispiel mich ärgern.«

Calla griff nach Mauras Kopfkissen. Eine Flut von Empfindungen stürzte auf sie ein. Sie fühlte, wo das Kissen gekauft worden war, die Art, wie Maura es jede Nacht in ihrem Nacken zusammenrollte, die Zahl der in den Kissenbezug gesickerten Tränen und die Träume aus fünf Jahren – alles auf einmal.

Im Zimmer nebenan klingelte das Telefon der Wahrsager-Hotline. Callas Konzentration flatterte davon.

»Verdammt«, fluchte sie.

Calla besaß die Gabe der Psychometrie – wenn sie einen Gegenstand berührte, konnte sie Dinge wie dessen Herkunft und die Gedanken seines Besitzers erspüren. Aber dieses Kissen war so oft benutzt worden, dass viel mehr Erinnerungen daran hafteten, als sie hätte verarbeiten können. Wenn Maura hier gewesen wäre, hätte Calla ganz leicht die brauchbaren herausfiltern können.

Aber wenn Maura hier gewesen wäre, hätte dafür kein Grund bestanden.

»Blue, komm mal her.«

In einer dramatischen Geste legte Blue Calla ihre Hand auf die Schulter. Sofort schärfte Blues natürliche Verstärkungsgabe Callas Sinne. Sie sah Maura, wachgehalten von ihrer eigenen Hoffnung. Spürte den Abdruck von MrGrays schattenhaftem Gesicht auf dem Kissen. Sah Mauras letzten Traum: ein spiegelnder See und ein vage vertraut wirkender Mann.

Calla fletschte die Zähne.

Artemus. Mauras Ex-Liebhaber aus lang vergangener Zeit.

»Und, siehst du was?«, fragte Blue.

»Nichts Brauchbares.«

Woraufhin Blue eilig ihre Hand zurückzog, denn sie wusste, dass Calla nicht nur in Kopfkissen Gefühle lesen konnte, sondern auch in Mädchen. Aber Calla brauchte keine übersinnlichen Kräfte, um zu registrieren, dass Blues gefasster, freundlicher Gesichtsausdruck nicht zu dem Feuer passte, das in ihrem Inneren tobte. Der Schulanfang stand kurz bevor, in der Luft lag Liebe und Blues Mutter war vor mehr als einem Monat im Alleingang zu irgendeinem geheimnisvollen Abenteuer aufgebrochen, für das sie sogar ihren gut aussehenden neuen Auftragskiller-Lover sitzen gelassen hatte.

Ach, Maura. Callas Magen zog sich zusammen. Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht gehen.

»Fass mal das da an.« Blue deutete auf eine große schwarze Sehschale. Letztere lag umgekippt auf dem Teppich, unberührt, seit Maura sie benutzt hatte.

Calla hielt nicht viel von Kristalloskopie, wie diese Art von Hellseherei genannt wurde, genauso wenig wie von Spiegelmagie und all dem anderen Zauber, für den man in die mysteriösen Gefilde von Raum und Zeit eindringen musste, um sich das Diesseits nach Wunsch zurechtzubiegen. Theoretisch war das zwar alles nicht gefährlich – man versenkte sich lediglich mittels Meditation in eine spiegelnde Oberfläche. Aber die Praxis verlangte oft, dass sich die Seele vom Körper löste. Und eine Seele auf Reisen war extrem verletzlich.

Beim letzten gemeinsamen Versuch mit Spiegelmagie hatten Calla, Persephone und Maura versehentlich Mauras Halbschwester Neeve verschwinden lassen.

Nun, Calla hatte Neeve ohnehin nie ausstehen können.

Aber Blue hatte recht. Die Sehschale barg vermutlich die meisten Antworten.

Calla sagte: »Na schön. Aber berühr mich nicht! Ich will nicht, dass du das Ganze noch stärker machst, als es sowieso schon ist.«

Blue hob beide Hände, wie um zu demonstrieren, dass sie unbewaffnet war.

Widerwillig legte Calla die Finger auf den Rand der Schale und im selben Augenblick verlor sie sich in der Dunkelheit. Sie schlief, träumte. Versank in endlos tiefem schwarzem Wasser. Eine gespiegelte Version ihrer selbst schoss zu den Sternen empor. Metall grub sich in ihre Wange. Haare klebten in ihrem Mundwinkel.

Wo war Maura in all diesem Chaos?

Dann erhob sich eine unbekannte Stimme in ihrem Kopf zu einem schrillen, bizarren Singsang:

»Königinnen und Könige

Könige und Königinnen

Blaue Lilie, Lilie blau

Kronen und Vögel

Schwerter und Dinge

Blaue Lilie, Lilie blau«

Mit einem Mal sah sie klar.

Sie war wieder Calla.

Erst jetzt begriff sie Mauras Sinneseindrücke: drei Schlafende – Licht, Dunkel und etwas dazwischen. Die Gewissheit, dass sich Artemus unter der Erde befand. Dass niemand es ohne die Hilfe anderer aus diesen Tiefen heraufschaffte. Die Erkenntnis, dass Blue und ihre Freunde Teil von etwas Großem, etwas Immensem waren, das sich reckte und langsam erwachte –

»BLUE!«, schrie Calla, der jetzt klar geworden war, warum ihr das Sehen plötzlich so leichtfiel.

Und wie erwartet lag Blues Hand auf ihrer Schulter und machte alles stärker.

»Hi.«

»Ich hab doch gesagt, du sollst mich nicht anfassen!«

Blue wirkte kein bisschen zerknirscht. »Was hast du gesehen?«

Calla steckte noch immer halb in diesem anderen Bewusstsein. Sie wurde den Gedanken nicht los, dass sie sich auf einen Kampf vorbereitete, den sie, auf irgendeine Weise, schon einmal ausgefochten hatte.

Sie konnte sich nicht erinnern, ob sie ihn das letzte Mal gewonnen hatte.

UNTEN

Maura Sargent hatte das ungute Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben war. Nicht unbedingt, dass es gar keine Zeit mehr gab. Nur, dass sie aufgehört hatte, in dem Tempo vorwärtszulaufen, wie es Maura »normal« erschien. Minuten, die sich auf Minuten türmten, um Stunden zu formen und schließlich Tage und Wochen.

Langsam beschlich Maura der Verdacht, dass sie immer wieder ein und dieselbe Minute durchlebte.

Die meisten Leute hätten an dieser Stelle vielleicht angefangen, sich Sorgen zu machen. Die meisten Leute hätten es vielleicht gar nicht bemerkt. Aber Maura gehörte nun mal nicht zu den meisten Leuten. Sie war vierzehn gewesen, als sie angefangen hatte, in ihren Träumen die Zukunft zu sehen. Mit sechzehn hatte sie zum ersten Mal mit einem Geist kommuniziert. Mit neunzehn hatte sie durch Fernwahrnehmung ans andere Ende der Welt geblickt. Zeit und Raum waren für Maura wie eine Badewanne, in der sie nach Lust und Laune planschte. Daher wusste sie, dass die Welt voller unerklärlicher Dinge war, aber von einer Höhle, in der die Zeit stillstand, hatte sie noch nie gehört. War sie seit einer Stunde hier? Zwei? Einem Tag? Vier Tagen? Seit zwanzig Jahren? Zumindest waren die Batterien ihrer Taschenlampe noch nicht leer.

Aber wenn hier unten die Zeit stillstünde, dann würde das schließlich auch gar nicht passieren, oder?

Während sie weiter durch den Tunnel tappte, ließ sie den Strahl ihrer Taschenlampe unablässig zwischen Boden und Decke hin und her gleiten. Sie wollte sich nicht den Kopf stoßen, aber genauso wenig wollte sie in einen bodenlosen Abgrund stürzen. Sie war schon in mehrere tiefe Pfützen getreten und ihre abgetragenen Stiefel waren durchnässt und kalt.

Das Schlimmste war die Langeweile. Dank einer harten Kindheit in West Virginia hatte Maura schon früh gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen und Unannehmlichkeiten zu ertragen – und ganz nebenbei hatte sie sich einen ziemlich finsteren Humor angeeignet.

Aber diese Eintönigkeit.

Und sich selbst einen Witz zu erzählen, hatte schließlich auch keinen Sinn.

Dass Maura hin und wieder vergaß, nach wem sie hier unten eigentlich suchte, war der einzige Hinweis darauf, dass die Zeit sich tatsächlich in irgendeine Richtung bewegte.

»Ich muss Artemus finden«, rief sie sich in Erinnerung. Vor siebzehn Jahren hatte sie Calla geglaubt, dass er sie sitzen gelassen hatte. Vielleicht hatte sie es auch einfach glauben wollen. Aber tief in ihrem Inneren wusste sie die ganze Zeit, dass er Teil von etwas Größerem war. Dass sie selbst Teil von etwas Größerem war.

Vermutlich.

Doch bis jetzt war alles, was sie in diesem Tunnel gefunden hatte, Zweifel. Das hier war kein Ort, an den sich der sonnenliebende Artemus jemals freiwillig begeben hätte. Es kam ihr eher wie ein Ort vor, an dem jemand wie Artemus sterben müsste. Langsam bekam sie ein schlechtes Gewissen wegen der Nachricht, die sie zurückgelassen hatte.

Glendower ist unter der Erde. Und ich auch.

Als sie sie geschrieben hatte, war sie noch ziemlich zufrieden mit sich gewesen; die Worte hatten Wut und Neugier wecken sollen – je nachdem, wer sie las. Aber sie war schließlich auch davon ausgegangen, dass sie am nächsten Tag zurück sein würde.

Im Geiste formulierte sie die Nachricht um:

Bin Ex-Freund in zeitentleertem Höhlensystem suchen. Wenn es aussieht, als würde ich Blues Schulabschlussfeier verpassen, schickt Hilfe.

PS: Kuchen ist keine akzeptable Mahlzeit.

Sie ging weiter. Vor ihr und hinter ihr war es stockfinster. Der Strahl ihrer Taschenlampe erleuchtete lediglich Details: stummelige Stalaktiten an der Decke. Glitzerndes Wasser an den Wänden.

Aber sie hatte sich nicht verlaufen, denn es hatte von Anfang an nur eine mögliche Richtung gegeben: tiefer, immer tiefer in die Erde hinein.

Noch fürchtete sie sich nicht. Es war schon mehr nötig, um jemandem Angst einzujagen, der in Raum und Zeit planschte wie in einer Badewanne.

Maura hielt sich an einem glitschigen Stalagmiten fest und zwängte sich durch eine Engstelle. Das Bild, das sich ihr auf der anderen Seite darbot, war befremdlich. Mit Zacken überzogene Decke, mit Zacken überzogener Boden, endlos, unmöglich.

Dann brachte ein Wassertropfen das Bild zum Kräuseln und zerstörte für einen Moment die Illusion. Es war ein unterirdischer See. Die dunkle Oberfläche spiegelte die goldenen Stalaktiten an der Decke wider und erweckte den Eindruck, als rage dieselbe Anzahl Stalagmiten vom Grund des Sees empor.

Dabei war der echte Grund gar nicht zu sehen. Das Wasser konnte fünf Zentimeter tief sein, fünf Meter, unendlich.

Aha. Endlich hatte sie ihn gefunden. Hiervon hatte sie geträumt. Es war immer noch keine richtige Angst, die sie empfand, aber ihr Herz machte einen beklommenen Hüpfer.

Ich könnte einfach nach Hause gehen. Ich weiß ja den Weg.

Aber wenn MrGray bereit war, für das, was er sich wünschte, sein Leben aufs Spiel zu setzen, dann konnte sie genauso mutig sein. Sie fragte sich, ob er wohl noch lebte. Überrascht stellte sie fest, dass sie es verzweifelt hoffte.

Wieder formulierte sie im Geiste die Nachricht um.

Bin Ex-Freund in zeitentleertem Höhlensystem suchen. Wenn es aussieht, als würde ich Blues Schulabschlussfeier verpassen, schickt Hilfe.

PS: Kuchen ist immer noch keine akzeptable Mahlzeit.

PPS: Vergiss nicht, dass der Wagen einen Ölwechsel braucht.

PPPS: Such auf dem Grund eines spiegelnden Sees nach mir.

Ein Flüstern drang an ihr Ohr. Es war jemand aus der Zukunft oder der Vergangenheit. Jemand Totes oder Lebendiges oder Schlafendes. Eigentlich war es auch kein Flüstern, bemerkte Maura dann. Bloß eine heisere Stimme. Die Stimme von jemandem, der seit langer Zeit rief, ohne eine Antwort zu bekommen.

Maura war eine gute Zuhörerin.

»Wie bitte?«, fragte sie.

Wieder das Flüstern: »Finde mich.«

Es war nicht Artemus. Es war jemand anderes, der sich verlaufen hatte oder der sich gerade verlief oder der sich erst noch verlaufen würde. Hier unten war die Zeit keine gerade Linie. Sondern ein spiegelnder See.

PPPPS: Weckt nicht den dritten Schlafenden.

1

Glaubt ihr, dass das wirklich echt ist?«, fragte Blue.

Sie saßen zwischen mächtigen Eichen unter einem gestohlenen Sommerhimmel. Aus dem feuchten Boden ringsum ragten Wurzeln und Felsen. Die schimmernde Luft hatte nichts mehr mit dem wolkig-kühlen Herbsttag gemein, den sie gerade hinter sich gelassen hatten. Sie hatten sich nach dem Sommer gesehnt, also hatte Cabeswater ihnen Sommer besorgt.

Richard Gansey III. lag auf dem Rücken und blickte hoch ins dunstig-warme Blau über den Baumkronen. Alle viere von sich gestreckt, in seiner Kakihose und einem kanariengelben Sweatshirt mit V-Ausschnitt, wirkte er träge, achtlos hingeworfen, ein würdiger Erbe dieses verträumten Waldes. »Dass was echt ist?«

Blue erklärte: »Vielleicht schlafen wir einfach jedes Mal ein, wenn wir herkommen, und haben alle denselben Traum.«

Sie wusste, dass das nicht stimmte, aber die Vorstellung, dass sie derart verbunden sein könnten– dass Cabeswater die Verkörperung von etwas war, das sie alle vor sich sahen, wenn sie die Augen schlossen–, war tröstlich und zugleich aufregend.

»Also, ich merke, ob ich schlafe oder wach bin«, entgegnete Ronan Lynch. Während Gansey sich in die Landschaft fügte, die Farben gedeckt und natürlich, zeichnete sich Ronan scharf, dunkel und dissonant vor dem Hintergrund des Waldes ab.

Adam Parrish, der in einem abgetragenen, ölverschmierten Overall auf dem Boden kauerte, fragte: »Sicher?«

Ronan gab einen unschönen Laut von sich, der entweder Verachtung oder Erheiterung ausdrückte. Er war wie Cabeswater: ein Schöpfer von Träumen. Wenn er den Unterschied zwischen Schlafen und Wachen nicht kannte, dann nur, weil er ihn nicht interessierte.

»Vielleicht hab ich ja dich hergeträumt«, sagte er.

»Dann danke für die geraden Zähne«, erwiderte Adam.

Rings um sie brummte und wisperte Cabeswater vor Lebendigkeit. Vögel, die außerhalb dieses Waldes gar nicht existierten, flitzten über ihren Köpfen dahin. Irgendwo in der Nähe plätscherte Wasser über Felsen. Die Bäume waren alt und stattlich und trugen einen Pelz aus Moos und Flechten. Vielleicht lag es daran, dass sie wusste, dass dieser Wald ein fühlendes Wesen war, aber Blue hätte schwören können, dass dieser Wald sogar weise aussah. Wenn sie ihre Gedanken weit genug abschweifen ließ, meinte sie, regelrecht zu spüren, wie der Wald ihr zuhörte. Es war schwer zu erklären– ein bisschen fühlte es sich an, als hielte jemand eine Hand über ihre Haut, ganz dicht, aber ohne sie zu berühren.

Adam hatte gesagt: »Wir müssen uns erst Cabeswaters Vertrauen verdienen, bevor wir in die Höhle gehen.«

Blue konnte nicht recht nachvollziehen, was es für Adam bedeutete, derart mit dem Wald verbunden zu sein, sich ihm als seine Hände und Augen zur Verfügung zu stellen. Und sie hatte den Verdacht, dass es Adam selbst nicht wusste. Und doch war die Gruppe unter seiner Führung immer wieder in den Wald zurückgekehrt. Sie hatten vorsichtig die Umgebung erkundet, ohne je etwas mitzunehmen. Sie waren um die Höhle geschlichen, in der sie Glendower vermuteten– und Maura.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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