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Ein New Yorker Ehepaar reist mit dem Zug in eine abgeschiedene, schneeverwehte Kleinstadt im Norden Europas, um im örtlichen Waisenhaus ein Kind abzuholen, das sie adoptieren wollen. Er hofft, durch das Kind seiner Frau wieder näherzukommen. Sie, gezeichnet vom Kampf gegen eine tödliche Krankheit, will ihn nach ihrem Tode nicht allein zurücklassen. Am Ziel ihrer Reise angelangt, quartieren sich die beiden im Grand Imperial Hotel ein, das von der Pracht längst vergangener Tage zeugt und in dem eine Handvoll skurriler Gäste logiert. Am nächsten Morgen setzt das Taxi sie fälschlicherweise nicht beim Waisenhaus ab, sondern vor dem Haus von Bruder Emmanuel, einem mysteriösen Heiler. Dies löst eine Reihe von Verwicklungen aus, die den Plan, das Kind abzuholen, nach und nach in den Hintergrund treten lassen. In diesem Buch darf nichts für bare Münze genommen werden – und nie weiß man, was als Nächstes geschieht. Peter Cameron stört empfindlich unsere Gewissheiten über den natürlichen Ablauf der Welt und liefert dabei einen Roman ab, dessen eigenartige Spannung und grotesker Humor ihresgleichen suchen.
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2022
Peter Cameron
Roman
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel
»What Happens at Night« bei Catapult, New York.
© Peter Cameron 2020
© Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2022
Alle Rechte vorbehalten
Covermotiv: Douglas Lyle Thompson / Gallery Stock
Covergestaltung: Robert Gigler, München
eISBN 978-3-95438-153-1
Für Eric Ashworth und Irene Skolnik in liebender Erinnerung
Miss Goering blickte zum Himmel hinauf, suchte ihn nachSternen ab und hoffte inbrünstig, ein paar zu entdecken.Lange Zeit blieb sie reglos stehen und wusste nicht, ob dieNacht sternenklar war oder nicht; denn obwohl sie denHimmel unentwegt beobachtete, ohne auch nur einmal denBlick zu senken, schienen die Sterne nur rasch aufzublitzenund wieder zu verschwinden, dass sie eher Visionen glichenals wirklichen Sternen.
Jane Bowles, Zwei sehr ernsthafte Damen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Dank
Der Abend senkte sich so beunruhigend abrupt herab wie der hastig fallende Vorhang vor einer Laienaufführung, die fürchterlich danebenging. Und dann sah der Mann, dass die Dunkelheit nicht hereinbrach, weil die Sonne unterging, sondern weil der Zug in einen dichten Wald gefahren war und die offene Schneelandschaft des Nachmittags hinter sich gelassen hatte. Tannen drängten sich hoch und mächtig an die Gleise, wie Kinder, die sich an die Fenster ihres Klassenzimmers drückten, um besser sehen zu können, was für ein grausiger Unfall sich auf der Straße ereignet hatte.
Seine Frau saß ihm gegenüber. Sie waren allein in dem kleinen, holzvertäfelten Abteil dieses altmodischen Zugs. Lange Zeit hatte sie gedankenverloren aus dem Fenster gestarrt, fasziniert, wie es schien, von der endlosen Weite der Tundra, schreckte dann aber unversehens zurück, als der Zug in den finsteren Wald fuhr, als könnten die Bäume, die seitlich über den Wagen strichen, bis zu ihr hereinreichen und sie treffen. Sie hob die Hand an die wunde Stelle auf ihrer Wange, die sie sich am Abend zuvor böse aufgeschürft hatte.
Sie waren auf den Markt der Stadt gegangen, in der sie zuletzt Station gemacht hatten, denn auch wenn sie keine Touristen waren, waren sie doch Fremde, die etwas über die Orte erfahren wollten, die sie besuchten, wenn auch nur für eine Nacht. Die Frau hatte etwas Reizvolles auf dem Markt entdecken wollen, denn sie befand sich an einem Punkt ihres Lebens, an dem sie alles Ansprechende und Schöne, das sich ihr bot, sehen und wertschätzen wollte, nur war dieser Markt eindeutig ohne jeden Reiz gewesen, es gab nichts als Fisch und Fleisch und Wurzelgemüse, und der Fisch sah nicht frisch aus, das Fleisch war kein Muskelfleisch, da lagen nur Innereien, Hirne, Füße, Lippen und Herzen, und das Gemüse war reines Wintergemüse, Wurzeln und Knollen und anderes farbloses Zeug, das aus seinen kalten, irdenen Betten gerissen worden war. Keine leuchtenden Tomaten- und Pfirsichpyramiden, keine Basilikumsträuße, keine Kapuzinerkresse, keine glitzernden Fischaugenjuwelen, keine marmorierten Stücke Rundfleisch. Und dann entdeckte sie etwas entfernt einen Stand, an dem es eindrucksvolle Gewächshausblumen gab, und wollte hinlaufen, um endlich etwas zu finden, das nicht völlig ohne jede Lebensfreude war. Aber ihr Mann hatte bereits vor ihr gesehen, dass es sich um künstliche Blumen handelte, und versuchte, sie in eine andere Richtung zu steuern, doch sie riss sich los und lief auf die bunt leuchtenden Blumen zu, wollte ihr Gesicht in ihren duftenden, weichen Blüten vergraben, einen ganzen Armvoll kaufen und sie wie eine Braut mit sich herumtragen, wie eine Diva im Rampenlicht. Doch vor dem Stand eines Fischhändlers rutschte sie in einer eisigen Pfütze aus, fiel hin und schürfte sich Wange und Hände auf dem nassen, fischigen Beton auf.
Erst, als ihr Mann sie erreichte und ihr wieder aufhalf, begriff sie, dass die Blumen aus Plastik waren. Nicht mal aus Seide! Dann hätte sie sie zumindest anfassen können.
Jetzt im Zug wandte die Frau ihre Aufmerksamkeit dem Buch zu, das aufgeschlagen auf ihrem Schoß lag. Es war ein altes Buch, Der dunkle Wald von Hugh Walpole, das sie im Wartesaal eines Bahnhofs gefunden hatte, wo sie umgestiegen waren, offenbar von einem anderen Reisenden dort zurückgelassen. Eine Weile nach Einbruch der Dunkelheit – oder ihres Eintritts in sie – las sie nun darin weiter, blickte dann aber unvermittelt von ihrem Buch auf, sah in die an den Fenstern vorbeirauschende Dunkelheit hinaus und fragte: Gibt es kein Licht?
Es war gerade noch hell genug, um festzustellen, dass es offenbar keines gab.
Ich sehe keine Lampe, sagte ihr Mann.
Man sollte doch denken, dass sie hier eine Beleuchtung haben, sagte sie.
Ja, sagte er, das sollte man denken.
Sie seufzte enttäuscht, ob nun wegen der fehlenden Beleuchtung oder seiner Reaktion darauf, konnte er nicht sagen. Wahrscheinlich wegen beidem, und mehr.
Sie waren seit Tagen unterwegs, erst per Flugzeug, dann mit Bahn und Schiff, und jetzt saßen sie wieder im Zug, denn ihr Ziel war ein Ort am Rand der Welt, im hohen Norden eines nördlichen Landes, nicht leicht zu erreichen. Ihre Reise glich einer Reise in ein früheres Jahrhundert, dauerte Tage, nicht Stunden, und die Erde unter ihnen war ernst und sehr real und bestand nachdrücklich auf ihrer unermesslichen Weite.
Und so real war auch dieser Abend, die Dunkelheit eine Folge der mittlerweile untergegangenen Sonne und nicht der Verdunkelung. Beide blickten aus dem Fenster. Die Frau berührte ihr Spiegelbild, das durch die Dunkelheit draußen sichtbar geworden war. Sieh mich an, sagte sie, so hager. Mein Gott, hager: Wie ich dieses Wort hasse. Hager und Schakal und Hybris. Leckgeschlagen und … Welche Worte hasse ich noch?
Das hatte sie neuerdings angefangen: auf vertraute Weise auf eigenartige, angeblich bereits lang gehegte Vorlieben und Meinungen anzuspielen, von denen bisher nie die Rede gewesen war. Die nie existiert hatten, soweit der Mann wusste. Und so überhörte er ihren ungereimten Einwurf und fragte sie, worum es in dem Buch ging.
Eine Weile lang sagte sie nichts, sondern betrachtete ihr Spiegelbild, wie es über das dunkle Tannengitter raste. Worum?, fragte sie endlich. Wie meinst du das?
Er antwortete nicht, weil er ihrem Widerspruchsgeist nicht nachgeben wollte.
Schließlich sagte sie: Es geht um den Krieg.
Welchen Krieg?
Einen der Weltkriege, sagte sie. Den ersten, denke ich. Sie sind in den Gräben.
Und?
Und? Der Krieg ist schrecklich. Es ist schlimm genug, dass ich das lesen muss. Bring mich nicht auch noch dazu, darüber zu reden.
Okay, sagte er. Tut mir leid.
Sie sah ihn an, und ihre Ablehnung fiel plötzlich in sich zusammen. Nein, sagte sie. Red keinen Unsinn. Mir tut es leid. Ich bin einfach nur nervös, weißt du … wegen allem.
Das verstehe ich, sagte er. Ich auch.
Wegen allem?
Nein, sagte er. Nicht wegen allem. Einfach, weil … wie alles gehen wird.
Oder auch nicht, sagte sie.
Sie waren beide eingeschlafen und wurden gleichzeitig von einem sonderbaren Gefühl geweckt: Stille. Der Zug war stehen geblieben. Vor dem Fenster konnten sie durch die von ihrem Atem beschlagene Scheibe einen Bahnsteig und ein Gebäude erkennen. Kein Mensch war zu sehen, alles verlassen, und zu hören war allein das kitzelnde Streicheln des Schnees, der gegen das Fenster geweht wurde. Der Mann dachte an die warmen Moleküle ihres Atems, die sich am kalten Glas der Scheibe fingen und sich unabhängig von ihnen zusammenschlossen.
Das muss es sein, sagte sie. War es nicht der erste Halt?
Ja, sagte er.
Dann ist es das.
Ich sehe kein Schild.
Nein. Sie wischte einen schlierigen Kreis aufs Fenster, was jedoch nichts änderte, da war nur der hölzerne Bahnsteig, auf dem eine einzelne Laterne einen hellen Schneekegel aus der riesigen Nacht ringsum schnitt.
Das muss es tatsächlich sein, sagte jetzt auch er, stand auf und öffnete die Tür des Abteils nach draußen.
Geh nicht, sagte sie.
Aber das muss es sein, sagte er.
Das kann es nicht, sagte sie. Das ist kein richtiger Bahnhof. Da ist keine Stadt, nichts. Es muss ein Zwischenhalt sein.
Ein Zwischenhalt?
Ja, sagte sie. Eine Pause, kein offizieller Halt.
Er trat hinaus auf den Bahnsteig, brachte die perfekte Schneedecke durcheinander. Er fühlte sich wie ein Barbar. Aber da die Perfektion nun schon einmal zerstört war, wusste er, dass er weitermachen musste, ist ein Haarriss in einem schönen Stück Porzellan doch noch ärgerlicher, als wäre ebendieses Stück auf dem Boden zerschellt. Und so lief er in immer weiteren Kreisen über den Bahnsteig, wirbelte den Schnee auf, so gut er konnte, und näherte sich dem Gebäude weit genug, um in einem Echo von verblichener Farbe den Namen der Stadt zu sehen, die ihr Ziel darstellte.
Plötzlich kam er sich albern vor, hielt in seinem Herumtoben inne und wurde sich in der nachfolgenden Stille einer beängstigenden Bewegung hinter sich bewusst. Der Zug. Er drehte sich um und sah, wie er sich langsam zu bewegen begann, so langsam, dass er einen Moment lang dachte, es müsse die Dunkelheit sein, die sich da bewegte, doch dann war klar, es war der Zug, denn er konnte sehen, wie sich seine Frau vorreckte und aus der noch offenen Tür blickte, das weiße Gesicht in stummer Verwunderung, und einen kurzen Moment lang fühlte es sich an wie der Tod: als müsste er seine Liebe, die da ohne ein Wort ins Schneedunkel glitt, aus dieser Welt entlassen.
Doch dann verwischte ein Gefühl von Dringlichkeit seine Vision, er rief zu seiner Frau hinüber und rannte neben dem sich beschleunigenden Zug her, und sie war auf den Beinen, warf ihre Taschen aus der offenen Tür, als wäre es Teil einer lange trainierten Übung, und sprang dann kurz vor der Stelle, wo der Bahnsteig endete, ihrem Mann in den Arm.
Der Zug ratterte in die Dunkelheit, die immer noch offene Abteiltür ein ausgekugelter Flügel.
Kurz drückte er sie fester und enger an sich, als er es seit langer Zeit getan hatte. Dann ließen sie sich los und sammelten ihre Taschen ein, die wie kunstvoll arrangiert wirkten, dunkle Felsbrocken auf der weißen Zen-Weite des Bahnsteigs. Sie blieben einen Augenblick stehen und blickten in die Dunkelheit.
Das hier kann es nicht sein, sagte sie.
Er zeigte auf die Buchstaben auf der Bahnhofsmauer.
Ich weiß, sagte sie, aber das kann es nicht sein. Es gibt nichts, was …
Lass mich mal nach vorne gehen, sagte er. Vielleicht finde ich da etwas.
Was?
Ich weiß es nicht. Ein Telefon, ein Taxi.
Ja, sagte sie. Und vielleicht auch einen McDonald’s und ein Holiday Inn. Sie lachte bitter, und er begriff, dass sie sich nun auch gegen ihn wandte, ihn aufgab, genau wie sie, er hatte es selbst miterlebt, all ihre früher einmal geliebten Menschen aufgegeben hatte und langsam, aber sicher in eine Welt gedriftet war, in der sich Wut, Ungeduld und Geringschätzung aller Liebe bemächtigten. Sie trat von ihm weg an den Rand des Bahnsteigs, und sie betrachteten sich stumm. Er wartete, um zu sehen, ob ihre Wut noch wuchs oder zurückging, nahm allerdings an, dass sie zu erschöpft war, um weiter so heftig aufzutreten – und er hatte recht, einen Augenblick später schon geriet sie ins Wanken und griff nach dem Metallgitter, um sich festzuhalten.
Mit ausgestrecktem Arm, eingehüllt in seinen arktischen Parka, wischte er den Schnee von einer Bank an der Bahnhofsmauer. Setz dich, sagte er.
Nein. Ich komme mit dir.
Nein, setz dich. Ist dir kalt? Willst du meinen Parka?
Vor dem Bahnhof ist nichts, sagte sie. Hier gibt es überhaupt nichts.
Das ist ja lächerlich. Setz dich.
Ich bin kein Hund, sagte sie, folgte dann aber seiner Aufforderung.
Ich bin gleich wieder da. Er wartete auf ihren Widerspruch, doch sie blieb stumm. Er beugte sich vor und küsste sie auf die kalte, aufgeschürfte Wange, ging den Bahnsteig hinunter und um das Gebäude herum auf dessen Vorderseite, wo niemand war – und auch wenn sie seinen Kuss stumm über sich hatte ergehen lassen und kein Wort mehr zwischen ihnen gefallen war, fühlte er sich doch wie beim Verlassen einer pulsierenden Diskothek spät in der Nacht, das plötzliche Fehlen des Lärms verstörender als das Getöse.
Ein paar dunkle Autos und Lastwagen hatten auf einem kleinen Parkplatz stoisch dicke Schneekleider auf sich gesammelt, und eine einzelne Straße verschwand im alles umgebenden Wald. Kein Lebenszeichen, nur Bäume, Schnee und Stille, dazu die weiß umhüllten, schlummernden Fahrzeuge.
Aber dann ging in einem der Autos ein Licht an, und der Motor wurde angelassen. Die Stille war so tief gewesen, dass die Tatsache, dass da jetzt ein Auto zum Leben erwachte, etwas äußerst Unheimliches hatte, ganz so, als würde ein in Bernstein gefangenes Insekt seine erstarrten Flügel ausbreiten und davonfliegen. Eine weiße Blase leuchtete auf dem Dach des Autos auf und deutete an, dass es sich, vielleicht, um ein Taxi handelte. Die Tür öffnete sich, und der Mann sah, wie sich der Fahrer eine Zigarette ansteckte und das noch brennende Streichholz in die Luft schnipste, wo es sich überschlug, in den Schnee fiel und erlosch.
Der Mann nahm an, dass sein Auftauchen das Auto aus seinem Schlaf hatte erwachen lassen, allerdings ließ der Fahrer nichts in der Art erkennen. Er rauchte seine Zigarette und ließ den Blick interesselos über Bahnhof und Parkplatz gleiten.
Also ging der Mann denn die Holzstufen hinunter, und seine Schritte knirschten über die feste Schneedecke des Parkplatzes. Der Fahrer zeigte keinerlei Reaktion darauf, dass der Mann sich ihm näherte, nicht einmal, als er in die schmale Schneegasse trat, die das Auto von dem daneben trennte.
Der Fahrer warf seine halb gerauchte Zigarette in den Schnee vor den Füßen des Mannes.
Der Mann begriff, dass die Last der Begrüßung bei ihm lag. Hallo, sagte er. Sprechen Sie Englisch?
Der Fahrer sah ihn überrascht und neugierig an, ganz so, als hätte er noch nie jemanden sprechen hören. Er neigte den Kopf etwas zur Seite.
Sprechen Sie Englisch?, wiederholte der Mann.
Der Fahrer schien seine Äußerung amüsant zu finden. Er lachte ein wenig, steckte sich eine weitere Zigarette an, inhalierte zufrieden und zeichnete mit einem der eleganten Slipper, die er trug, einen Bogen in den Schnee.
Durch das alles verwirrt, blickte der Mann in die warme Höhle des Autos und sah zwei Disney-Dalmatiner mit dem Hals am Rückspiegel hängen. Das Schrille dieses Anblicks durchbrach die nagenden Gedanken von Fremdheit und Fehl-am-Platz-Sein von einem Moment auf den anderen. Ermutigt zog er einen Zettel aus der Tasche, hielt ihn dem Fahrer hin und deutete auf die Worte, als wären sie nicht das Einzige, was auf dem Zettel stand.
Borgarfjaroasysla Grand Imperial HotelFuruhjalli 62
Zunächst reagierte der Fahrer nicht. Vielleicht beachtete er das Geschriebene nicht, vielleicht konnte er auch nicht lesen. Es war unmöglich zu sagen. Doch dann sprach er die Worte mit einer seltsam unakzentuierten Stimme aus: Borgarfjaroasysla Grand Imperial Hotel. Und er deutete auf die Straße, die einzige Straße, die vom Parkplatz führte und sich in den dunklen Wald hinein immer weiter verengte, wie eine Illustration von Dreidimensionalität.
Ja, ich weiß, sagte der Mann. Aber wir können nicht zu Fuß hingehen. Er vollführte ein paar Gehbewegungen und bewegte den Finger hin und her: Gehen, nein.
Der Fahrer betrachtete ihn mit stiller Belustigung, zuckte mit den Schultern und deutete auf die Füße des Mannes. Offenbar konnte er doch gehen.
Meine Frau, sagte der Mann und zeichnete mit den Händen eine ausladende Figur in die Luft, musste dabei aber denken, wie knochig und ausgemergelt der Körper seiner Frau war. Er zeigte auf das Bahnhofsgebäude. Meine Frau, sagte er. Meine Frau, nicht gehen.
Der Fahrer nickte und deutete an, dass er ihn verstand. Er hob die Schultern leicht an und nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarette, als gäbe es weit schlimmere Schicksale als eine lahme Frau.
Fahren Sie uns? Der Mann hob die Hände vor sich hin und machte lenkende Bewegungen, als steuerte er das Auto. Dann zeigte er auf den Fahrer. Sie?
Der Fahrer antwortete nicht.
Ich bezahle Sie gut, sagte der Mann. Er holte sein Portemonnaie aus der Manteltasche und zeigte es dem Fahrer.
Der Fahrer lächelte und streckte eine Hand aus.
Fahren Sie uns zum Hotel?
Der Fahrer nickte und klopfte mit den Fingern der anderen Hand auf die offene Handfläche.
Der Mann öffnete sein Portemonnaie, hielt es so, dass der Fahrer sehen konnte, wie viel Geld darin war, und nahm zwei Scheine heraus. Einen gab er ihm.
Der Fahrer zeigte auf den zweiten Schein.
Ich hole meine Frau, sagte der Mann. Wieder die ausladende Sanduhr und ein Blick hin zum Bahnhofsgebäude. Dann wedelte er mit dem zweiten Schein und sagte: Den gebe ich Ihnen beim Hotel.
Der Fahrer nickte.
Der Mann rannte über den Parkplatz. Er rutschte aus, fiel auf die schneebedeckten Stufen und schlug sich das Kinn auf: Er sah Rot im Weiß des Schnees aufblühen, zog einen Handschuh aus und fuhr sich vorsichtig über die Abschürfung. Seine Zähne schmerzten, und er schmeckte warmes, salziges Blut. Er stand auf, aber ihm war schwindelig, und so hielt er sich einen Moment lang an der Mauer fest. Als er sich etwas besser fühlte, ging er vorsichtig weiter hinter das Bahnhofsgebäude.
Die Frau saß noch auf der Bank. Sie wurde langsam von Schnee bedeckt, der so schnell und dicht fiel, dass er bereits seine Spuren auf dem Bahnsteig verschwinden ließ. Es war nur noch eine geisterhafte Andeutung davon zu erkennen.
Die Frau saß so reglos da, dass der Mann fast dachte, sie wäre tot, doch dann sah er den Atemnebel aus ihrem offenen Mund quellen. Sie schlief.
Kurz stand er da, sah, wie sich der Schnee auf sie legte, sah ihren Atem in der kalten Luft kondensieren und sich auflösen. Er vergaß das wartende Taxi und das Borgarfjaroasysla Grand Imperial Hotel, vergaß ihre elendige, endlos lange Reise und die Krankheit, die sie so hager und ungnädig hatte werden lassen. Sie hielt den Kopf an die Mauer des Bahnhofs gelehnt, und das sanft vom Schnee reflektierte Laternenlicht umspielte ihr Gesicht mit zarter Zuneigung und stellte die von ihrer Krankheit zerstörte Schönheit wieder her. Der Mann vergaß alles, erinnerte sich allein an seine Liebe zu ihr, und diese Erinnerung erfüllte ihn, überwältigte ihn, dieses unvermittelte, überwältigende Gefühl der Liebe brach aus ihm heraus, und er sank weinend vor ihr auf die Knie.
Die Halle des Borgarfjaroasysla Grand Imperial Hotels war dunkel und hatte etwas Höhlenartiges, da die Wände in der Düsternis kaum zu erkennen waren. Sie mussten einen riesigen, endlos kleinteilig gemusterten Teppich überqueren, um zur Rezeption zu gelangen, die wie ein Altar auf der anderen Seite der immens großen Eingangshalle stand, gegenüber der Drehtür, durch die sie gekommen waren. Auf der hohen hölzernen Theke hielten zwei große bronzene Greife je eine eiserne Buntglaslaterne im Schnabel, dahinter stand eine junge Frau in einer offiziell wirkenden Uniform. Sie stand aufrecht zwischen den beiden Lichtern, starrte ruhig vor sich hin und wirkte dabei so gespenstisch leblos wie die beiden Kreaturen links und rechts von ihr.
Es war der letzte Teil ihrer Reise, dieser Gang durch die ozeanische Weite der Hotelhalle, und der Mann und die Frau wateten zwischen kleinen Mobiliarinseln – um runde hölzerne Tische angeordnete Klubsessel – hindurch.
Erst, als sie direkt vor der Rezeption standen, belebte sich der Blick der jungen Frau dahinter, entzog sich der alles umfangenden Düsternis und schien jetzt tatsächlich die beiden müden Reisenden zu bemerken, die da vor ihr standen.
Willkommen im Borgarfjaroasysla Grand Imperial Hotel, sagte sie ohne ein Lächeln.
Danke, sagte der Mann. Wir haben ein Zimmer reserviert.
Ihr Name?
Er nannte ihn der jungen Frau.
Ah, ja, sagte sie. Wir haben Sie bereits erwartet. Hatten Sie eine angenehme Reise.
Sie war schwierig, sagte der Mann.
Das ist sie oft, räumte die Frau hinter der Theke ein. Ihre Pässe?
Der Mann gab sie ihr, und sie wurden ordnungsgemäß geprüft und zurückgegeben. Die junge Frau drehte sich zu einer mächtigen Wand voller Ablagefächer um, jedes mit einem enorm großen Schlüssel bestückt. Sie reckte den Arm in die Höhe, pflückte einen Schlüssel aus einem der obersten Fächer, wandte sich wieder um und legte ihn mit dem daran befestigten schweren Quastenmedaillon auf die Theke.
Fünf neunzehn, sagte sie. Ihr Zimmer könnte etwas kühl sein, doch wenn Sie die Heizung aufdrehen, sollte es schnell warm werden. Der Page ist gerade nicht da, aber lassen Sie Ihr Gepäck ruhig hier, wir bringen es Ihnen später nach oben.
Ich denke, das schaffe ich selbst, sagte der Mann.
Die Frau hinter der Theke sagte: Die Bar ist die ganze Nacht geöffnet. Sie deutete auf das andere Ende der riesigen Hotelhalle, wo schwaches rotes Licht durch einen Glasperlenvorhang schimmerte. Die Küche, fürchte ich, ist bereits geschlossen.
Es gibt nichts zu essen?, fragte der Mann.
Leider nein. Nun, vielleicht eine Kleinigkeit in der Bar.
Ich will einfach nur ins Bett, sagte die Frau. Gehen wir.
Hast du keinen Hunger?, fragte er.
Ich will einfach nur ins Bett, wiederholte sie und betonte dabei jedes Wort mit Nachdruck, als wäre sie es, die in einer fremden Sprache kommunizierte und nicht die junge Frau hinter der Theke.
Der Mann seufzte, steckte den schweren Schlüssel ein und nahm ihr Gepäck. In einem Halbrund hinter der Rezeption wand sich eine eindrucksvolle Treppe in das dunkle Herz des Gebäudes, und in ihrer Mitte hing ein kleiner Aufzug in einem Drahtkäfig. Der Mann öffnete die äußere und die innere Tür. Es war gerade genug Platz für ihn, die Frau und das Gepäck, wobei sie die Enge dazu zwang, so nahe beieinanderzustehen, dass sie sich fast berührten. Ihr Zimmer lag im obersten Stock, dem fünften, und auf jedem Treppenabsatz, den sie passierten, fiel ein blasses goldenes Licht durch die aufwendig geschmiedeten Aufzugsgitter, sodass kurz ein zartes Schattenmuster auf ihren Gesichtern aufblühte und wieder verging, wieder und wieder und wieder.
Überraschenderweise reichte die dunkle, düstere Erhabenheit des Hotels nicht bis in ihr Zimmer, das geräumig, aber nur spärlich möbliert war. Die Wände waren mit Plastikpaneelen verkleidet, die Ziegelwände suggerieren sollten, den Boden bedeckte ein zottiger, goldener Langflorteppich, der beunruhigend unter den Füßen knirschte. Im Zimmer war es, wie es die Rezeptionistin gesagt hatte, sehr kalt.
Die Frau setzte die Taschen ab, die sie trug, und ließ sich aufs Bett sinken. Äußerst steif saß sie da und starrte die falsche Ziegelwand an.
Der Mann betrachtete sie eine Weile und sagte dann: Wie fühlst du dich?
Sie wandte den Blick von der Wand ab, legte sich aufs Bett und sah zur Decke. Dafür, dass ich sterbe, gut, sagte sie.
Wir sind endlich da, sagte er. Zählt das gar nicht?
Nach einer kurzen Pause fragte sie: Möchtest du, dass ich überlebe?
Was?, fragte er. Natürlich möchte ich das.
Wirklich?
Ja, sagte er.
Ich glaube, an deiner Stelle würde ich es nicht wollen.
Aber natürlich will ich das.
Ich glaube, ich würde wollen, dass ich sterbe, sagte sie. Wenn ich du wäre.
Ich möchte, dass du wieder gesund wirst. Dass du es überlebst.
Vielleicht tust du das wirklich, sagte sie. Aber es kommt mir komisch vor. Ich weiß, was aus mir geworden ist. Wie ich bin. Was ich bin.
Er setzte sich neben sie aufs Bett und versuchte sie in den Arm zu nehmen, sie an sich zu ziehen, doch sie blieb steif liegen. Er streichelte ihren Arm, der sich unter dem Stoff so dünn anfühlte, als wäre es nur ein Knochen.
Natürlich bist du so, wie du bist, sagte er. Jeder wäre das unter den Umständen. Aber wenn du dich erholst, wirst du wieder anders.
Und wenn nicht?
Wenn nicht was?
Wenn ich mich nicht erhole. Oder wenn ich mich erhole und meine Gesundheit wiedererlange, aber nicht mein, nun … du weißt schon, mein altes Ich. Meine Lebensfreude, ma joie de vivre. Sie lachte hohl.
Natürlich wirst du das, sagte er. Wie auch nicht?
Vielleicht ist sie verloren gegangen. Es tut mir leid, ich wollte nicht so werden.
Du bist erschöpft, sagte er. Aber wir haben es geschafft. Wir sind angekommen.
Ich fühle es noch nicht, sagte sie. Fühlst du es?
Ja.
Vielleicht sollte ich ein Bad nehmen. Das ändert immer alles, oder? Wenigstens für mich.
Die Frau stand auf, öffnete die Badezimmertür und schaltete das Licht ein. Das Bad war sehr groß und sehr rosa. Toilettenschüssel und Waschbecken waren rosa, die große Wanne und die Fliesen auf dem Boden und an den Wänden. Selbst die Decke.
Was für ein schönes rosa Bad, sagte sie. Und sieh dir die riesige Wanne an.
Da kannst du ein wunderbares Bad nehmen, sagte der Mann. Ein wunderbar langes, heißes Bad.
Ja, sagte die Frau. Ein langes, heißes rosa Bad. Sie lächelte ihn an, und es war ein echtes Lächeln. Sie ging ins Bad und schloss die Tür hinter sich.
Der Mann überquerte das knisternde Teppichfeld und kniete sich neben den Heizkörper. Mit einem Stoßgebet drehte er das kleine schwarze Rad. Erst wollte es nicht, gab dann aber nach, und eine Dampffontäne schoss aus dem uralten Bakelitventil, so wie der Dampf aus einer Lok in einem Stummfilm. In den gewundenen Innereien des Heizkörpers gurgelte es wie im Gedärm eines Menschen, der sich gleich übergeben wird. Er legte eine Hand auf die raue, rostige Außenhaut und spürte, wie sie langsam wärmer wurde. Erst, als sie brennend heiß war, ließ er los.
Er stand auf und ging den Raum einmal ab, schloss den Vorhang vor dem dunklen, eiskalten Fenster und schaltete die beiden Nachttischlampen ein, die kleine rosa Seidenschirme trugen. Dann ging er zur Tür und machte die Deckenlampe aus, die alles in kaltes Kalkweiß gehüllt hatte, worauf das Zimmer fast schon warm und heimelig wirkte. Befriedigt setzte er sich wieder aufs Bett, das mit einer gesteppten Tagesdecke aus einem rutschigen goldenen Stoff bedeckt war, lauschte auf seine Frau im Bad und fragte sich, wie es ihr ging, hörte aber nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Tür, und sie erschien in der langen seidenen Unterwäsche, die sie beide trugen, seit sie in dieses kalte Land gekommen waren. Sie hatte ihr feuchtes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Es war weit dicker als je vor ihrer Chemotherapie – das einzig Gute an dem Gift, behauptete sie. Sie wirkte sehr sauber und frisch, gerötet und fast gesund.
Sie trat ans Bett und sah ihn komisch, beinahe schüchtern an.
Ich habe die Heizung aufgedreht, sagte er und zeigte auf den immer noch leicht zischenden Heizkörper. Es sollte langsam warm werden.
Gut, sagte sie. Danke.
Er schlug die goldene Tagesdecke zurück, unter der weiße Kissen und Bettzeug zum Vorschein kamen. Wie Hautschichten, dachte er, eine auf der anderen und weit darunter irgendwo die Knochen, das Blut. Er klopfte aufs Bett. Leg dich hin, sagte er.
Nein, sagte sie.
Es ist kalt, sagte er. Er konnte die stumpfen Enden ihrer Brustwarzen sehen, die sich durch die weiche Seide der Unterwäsche drückten. Dir ist kalt. Leg dich ins Bett.
Nein. Warte.
Was ist denn?
Nichts, sagte sie.
Sie streckte die Hand aus und berührte sein Gesicht. Verstehst du nicht? Wir sind angekommen. Alles ist gut. Es ist das, was wir wollten, was wir geplant, wofür wir gelitten haben. Die Sache, von der wir dachten, dass wir sie nie bekommen, nie miteinander teilen würden, jetzt haben wir sie bald. Ich kann es kaum glauben. Kannst du es?
Es kann immer noch etwas dazwischenkommen, sagte er. Ich will es nicht berufen.
Nein, sagte sie. Denk nicht so. Glaub daran.
Okay. Bis eben noch habe ich es nicht. Aber jetzt tu ich es.
Ich liebe dich, sagte die Frau. Und ich bin dir dankbar. Ich weiß, dass ich es manchmal vergesse. Dankbar für alles, was du für mich getan hast. Nicht einfach nur jetzt, nicht nur für das hier, sondern für alles. Von Anfang an.
Ich liebe dich, sagte er.
Ich liebe dich auch, sagte sie. Kommst du mit ins Bett? Kommst du und hältst mich?
Ja, sagte er.
Sie schlüpfte unter die Decke und rutschte in die Mitte. Er wollte sich schon neben sie legen, doch sie sagte: Nein. Zieh dich aus. Bitte.
Oh, sagte er. Er spürte, wie sie ihm beim Ausziehen zusah. Er ließ seine Sachen auf den Boden fallen, den schrecklichen zottigen Teppich. Einen Moment lang stand er in seiner langen, seidenen Unterwäsche da, und als er sich zu ihr legen wollte, hielt sie ihn erneut auf.
Nein, sagte sie. Zieh das aus. Ich möchte deine Haut spüren. Bitte, sagte sie. Es ist warm im Bett.
Wirklich?
Ja. Köstlich warm.
Er schlüpfte aus seiner Unterwäsche, legte sich neben sie und zog die Decke über sich. Es war eisig kalt.
Es ist eiskalt, sagte er. Du hast mich hereingelegt.
Warte, sagte sie. Es wird gleich warm. Sie zog ihn näher zu sich heran, und er drückte ihren Körper vorsichtig an sich.
Als er sicher war, dass sie schlief, stieg er leise aus dem Bett, stand da und betrachtete sie eine Weile. Der Schlaf war eine Zuflucht, er trug sie zurück in ein früheres, unbeschädigtes Ich, und deshalb sah er sie gerne schlafen.
Das Zimmer hatte sich aufgewärmt, und so kniete er sich erneut vor den Heizkörper und drehte das Ventil wieder zu. Das Ventil spuckte heftig, als wollte er es erwürgen, doch er gab nicht nach und brachte es zum Schweigen.
Die Hotelhalle war verlassen. An der Rezeption war niemand mehr, und die Laternen der Greife waren verloschen.
Weil es dadurch in der Eingangshalle jetzt noch dunkler war, wirkte das durch den roten Glasperlenvorhang der Bar fallende Licht heller als zuvor. Der Mann ging hinüber, blieb kurz stehen, griff in die hängenden Perlen und schuf sich eine Öffnung, durch die er trat.
So riesig und kalt die Halle war, so klein und intim wirkte die Bar. Es war ein länglicher, holzvertäfelter Raum mit niedriger Decke, und für einen Moment fühlte der Mann sich zurück in den Zug versetzt, weil ihn die Proportionen an einen Eisenbahnwagen erinnerten. Längs durch den Raum erstreckte sich eine Theke, die mit zwei Personen besetzt war, jeweils ganz am Ende, als wollten sie eine Art Gleichgewicht halten. Der Barkeeper stand beim Eingang, lehnte mit dem Rücken an einem matt beleuchteten Regal voller Flaschen und starrte vor sich hin, wobei der Raum nur sehr schmal war, und falls es da etwas zu sehen gab, existierte dieses Etwas wohl nur in ihm selbst. Auf dem letzten Platz hinten an der Theke, dort, wo sie einen Bogen zur Wand hin machte, saß eine Frau, die auf die gleiche versunkene Weise ins Nichts starrte wie der Barkeeper.
Die Verteilung der zwei Personen machte klar, welche Position der Mann einnehmen sollte, und er setzte sich auf einen Hocker in die Mitte zwischen den beiden, die zunächst nicht auf sein Eintreten reagierten. Er hatte das Gefühl, indem er sich so korrekt positioniert hatte, das Gleichgewicht im Raum nicht durcheinandergebracht zu haben, und dass sie nun zu dritt die Statik beizubehalten vermochten, die er zu stören gefürchtet hatte. Es war, als hätte er seinen vorgesehenen Platz in einem Gemälde oder Diorama eingenommen. Der Gedanke erfüllte ihn mit einer schwächenden Reglosigkeit, als bestünde das Ziel des Lebens darin, eine bestimmte Koordinate im Raum zu finden und einzunehmen – als wäre die Welt ein Bild, das in eine perfekte Anordnung gebracht werden musste, und wer seinen Platz bereits gefunden hatte, durfte sich nicht bewegen, bis es vollendet war.
Vor der verspiegelten Wand hinter der Theke standen zahllose Flaschen aufgereiht, durch die hindurch ihn sein Spiegelbild mit einer Intensität betrachtete, zu der er selbst kaum fähig schien, und für eine Sekunde verlor er jede körperliche Bewusstheit und fragte sich, auf welcher Seite des Spiegels er tatsächlich saß. Im Bemühen, in seine Körperlichkeit zurückzufinden, streckte er die Hand aus und klopfte auf die kupferne Oberfläche der Theke, und die Berührung des kalten Metalls holte die Welt zurück in ihre reale Anordnung. Der Barkeeper interpretierte die Geste als einen Ruf nach ihm, und er löste seinen Körper vom Regal, kam herüber und legte eine Serviette auf exakt die Stelle der Theke, auf die der Mann geklopft hatte. Es war, als verbände er eine dort entstandene Wunde.
Es war ein junger Mann, groß und dunkel, mit einem leichten asiatischen Einschlag, dabei erstaunlich steif, als wäre er mit weniger Gelenken als ein normaler Mensch auf die Welt gekommen. Er schien unfähig, oder unwillig, den Kopf vorzuneigen, blickte über den Mann hinweg und schien den Alabasterleuchter an der Wand hinter ihm anzusprechen. Die fremdsprachigen Worte, die er äußerte, verstand der Mann nicht, tatsächlich kamen sie ihm nicht einmal wie Worte vor. Er musste daran denken, dass er als Kind lange gedacht hatte, es gebe einen Buchstaben namens Ellemmenno, weil L, M, N und O in ihrem Alphabet-Lied ineinander verflossen (zumindest in der betrunkenen Version seiner Mutter).
Er nahm an, dass ihn der Barkeeper nach seiner Bestellung gefragt hatte, aber was, wenn es nicht so war? Vielleicht hatte er auch gesagt, dass die Bar geschlossen war, hatte ihn beleidigt oder sich nur nach seinem Befinden erkundigt. Die Vorstellung, dass Sprache überhaupt funktionierte, selbst wenn zwei die gleiche sprachen, schien mit einem Mal ein Wunder, eine unmöglich große Übereinstimmung, die zwischen zwei Menschen erforderlich war.
Es war die Frau, die ihn rettete. Sie sah abrupt von ihrem Glas auf und sagte ziemlich laut: Englisch, Englisch! Niemand spricht deine verdammte Sprache, du Narr.
Der Barkeeper zuckte zusammen, wartete einen Moment, als wollte er einen Abstand zwischen ihre Ermahnung und seine Worte bringen, und sagte dann in perfektem Englisch artikuliert: Guten Abend. Was darf ich Ihnen anbieten?
Der Mann war unsicher, was er bestellen sollte. Die Anordnung der Flaschen auf dem gläsernen Regal schien einem Muster zu folgen, das so kompliziert und unentzifferbar war wie das Periodensystem der Elemente, und ein Getränk daraus auszuwählen hatte etwas Einschüchterndes, ganz so, als müsste er sich für eines der vielen Elemente entscheiden, aus denen die Welt bestand. Der Mann neigte den Kopf leicht zur Seite, damit er die Flaschen am Barkeeper vorbei betrachten konnte. Er hoffte, dass ihm eine ins Auge springen würde – er wollte einen Scotch, ein großes, gepflegtes Glas Scotch, das er zwischen den Händen wärmen und an dem er nippen konnte, doch im Laufe der langen Reise hatte er so viel an Selbstvertrauen verloren, dass es ihm unmöglich schien, seinen Wunsch vorzubringen. Wieder war es die Frau am Ende der Theke, der offenbar seine Unentschiedenheit und die Trägheit des Barkeepers missfielen und die offenbar wollte, dass etwas, irgendetwas, geschah, und sagte: Haben Sie schon den Schnaps hier aus der Gegend probiert? Er wird aus Flechten gewonnen, was fürchterlich klingt, aber das ist er nicht, ich verspreche es Ihnen, es ist einer der schönsten Schnäpse, die ich kenne. Lárus, gib ihm einen, lass ihn sehen, ob er ihn mag. Ich glaube, das wird er.
Der Barkeeper drehte sich um und nahm eine große, eckige, unetikettierte Flasche mit einer klaren Flüssigkeit, zog den silbernen Korken heraus, der einem Hirschgeweih glich, und goss einen Schluck in einen weiten Cognacschwenker. Den stellte er vor den Mann hin, der jetzt sah, dass die Flüssigkeit nicht klar war, sondern silberblau schimmerte wie Schnee im Dämmerlicht. Er ergriff das Glas, schwenkte die Flüssigkeit darin herum, ließ sie an den Seiten hochsteigen und spürte, wie ihn sowohl der Barkeeper als auch die Frau gespannt beobachteten. Er hob das Glas an den Mund, atmete den sauberen, kräftigen Geruch institutionell gewaschener Wäsche ein, nahm ein wenig in den Mund und behielt den Schnaps dort eine Weile. Kühl und aromatisch. Er schmeckte leicht nach Bleiche, Wasserkresse, Minze und Reis.
Der Mann stellte das Glas langsam zurück auf die Theke und sagte: Sehr schön.
Ich wusste, dass Sie ihn mögen würden, sagte die Frau. Lárus, schenk ihm nach.
Der Barkeeper öffnete die Flasche, hielt sie über das Glas des Mannes, und als der nickte, schüttete er ihm etwas nach, ging ans Ende der Theke und schenkte auch der Frau nach. Sie hob ihr Glas in Richtung des Mannes und sah ihm in die Augen. Sie war älter, wie er feststellte, wahrscheinlich in ihren Siebzigern, strahlte aber dennoch eine befremdliche, unverhohlene Sexualität aus. Sie trug ein eng anliegendes, mit schillernden Pailletten besetztes schwarzes Kleid, die den Mann an Fischschuppen erinnerten. Er sah prismatisch leuchtende Bäuche von gerade aus dem Wasser gezogenen Fischen vor sich, und wie ihr Zucken sie glänzen ließ. Das lange, silbergraue Haar der Frau war auf eine komplizierte, altmodische Weise hochgesteckt, ihr Gesicht wirkte hager und kräftig, mit dunklen Augen, einer schmalen, eindrucksvollen Nase und weinroten Lippen, die sich deutlich von der blassen Haut abhoben. Die großen Augen schienen etwas zu weit auseinander zu stehen, als hätte sie der beständige Wille, nicht nur, was vor, sondern auch, was neben ihr geschah, zu sehen, zu den Seiten des Gesichts wandern lassen.
Man sollte in einer Bar nicht zu laut reden, sagte sie, besonders so spät am Abend nicht. Ich bin Schauspielerin, und meine Stimme ist darauf trainiert, weit zu tragen, erlauben Sie mir dennoch, dass ich mich zu Ihnen setze, denn Sie werden sicher nicht zu mir kommen. Es ist zu lächerlich, so weit voneinander entfernt zu sitzen.
Ohne auf eine Antwort zu warten, rutschte sie von ihrem Hocker, nahm ihr Glas, kam um die Theke herum und setzte sich neben den Mann. Das Glas stellte sie behutsam so weit wie er vor sich hin und sah dann nicht ihn, sondern sein Spiegelbild zwischen den Flaschen an. Ihre Blicke trafen sich dort und verharrten beieinander, und der Mann spürte, wie ihm der starke Schnaps wie ein elektrischer Strom durch den Körper fuhr.
Sind Sie wegen des Heilers hier?, fragte die Frau. Oder wegen des Waisenhauses?
Wegen des Waisenhauses, sagte der Mann. Gibt es hier einen Heiler?
Ja. Bruder Emmanuel. Sie haben doch sicher von ihm gehört.
Habe ich nicht, sagte der Mann. Ein Heiler? Wie meinen Sie das?
Wie ich das meine? Was meinen Sie? Er ist ein Heiler. Er heilt Leute.
Wirklich?
So heißt es. Ich persönlich bin noch nicht von ihm geheilt worden, wenigstens bis jetzt nicht, also kann ich das nicht definitiv beantworten. Aber warum fragen Sie? Wollen Sie geheilt werden?
Nein, sagte der Mann. Aber meine Frau ist krank. Sehr krank.
Unheilbar?
Nun, sagte der Mann, ich nehme an, das muss sich noch erweisen.
Natürlich, sagte die Frau. Alles, was kommt, muss sich erst noch erweisen.
Der Mann sah, dass der Barkeeper an seinen Ursprungsort zurückgetrieben war und so tat, als hörte und sähe er sie nicht, als stünde er alleine auf der Bühne, in einem anderen Stück, einer Ein-Mann-Show. Die Frau seufzte und berührte ihr Haar, erst auf der einen, dann auf der anderen Seite des Kopfes, und der Mann begriff, dass sie es so raffiniert frisiert trug, damit sie sich in Momenten wie diesem damit beschäftigen konnte. Es gab immer etwas zu korrigieren, zurechtzurücken, zu verschönern.
Es kann stimmen, sagte die Frau. Ich habe Leute hier ankommen sehen, die kurz vor dem Tod standen, mit einem Bein schon im Jenseits, und ein paar Tage später sind sie fröhlich davongehüpft.
Der Mann antwortete nicht.
Aber ich denke, dazu muss man daran glauben. Glauben Sie an solche Dinge?
Ich weiß es nicht, sagte der Mann.
Dann tun Sie es nicht, sagte die Frau. Sonst wüssten Sie es. Was ist mit Ihrer Frau? Glaubt sie an so etwas?
Ich weiß es nicht, sagte der Mann. Ich bezweifle es.
Nun, ich nehme an, schaden kann es nicht, zu ihm zu gehen. Vielleicht probieren Sie es, wo Sie schon mal hier sind. Leute aus der ganzen Welt kommen zu Bruder Emmanuel. Glücklicherweise war ich in meinem Leben nicht einen Tag krank. Meine Augen sind gut, meine Zähne – alles funktioniert bestens. Klopf auf Holz. Sie pochte mit den Fingerknöcheln unter den Thekenrand. Ich weiß nicht, warum. Ich trinke. Ich rauche.
Sie haben Glück, sagte der Mann.
Ja, sagte sie. Was das betrifft. Mein Körper hat mich nie im Stich gelassen. Alles andere schon, mein Körper nicht. Ich frage mich, wie ich sterben werde. Ich heiße übrigens Livia Pinheiro-Rima. Stört es Sie, wenn ich eine Zigarette rauche? Reden macht mich nervös, und eine Zigarette beruhigt mich.
Der Mann schüttelte den Kopf, um zu zeigen, dass er nichts dagegen hatte, und sie fischte ein silbernes Etui aus ihrer Tasche, ließ es aufschnappen und zog eine Zigarette unter einem Band heraus. Sie hielt sie mit zwei Fingern, schnipste sie mit dem Daumen in die Luft, wo sie sich überschlug, und fing das Filterende mit dem Mund auf.
Ein Trick aus Zirkustagen, sagte sie. Sie beugte sich vor und hielt die Zigarette in eine Kerzenflamme, zog daran, hob den Kopf und stieß den Rauch durch die Nasenlöcher aus.
Ich war wirklich beim Zirkus, wissen Sie.
Was haben Sie da gemacht?, fragte der Mann.
Ich hab am Trapez geschaukelt und bin auf einem Elefanten geritten. Das ist natürlich Jahrhunderte her, aber einiges überdauert.
Ein guter Trick, sagte er.
Ich weiß. Deshalb habe ich ihn mir erhalten. Es gibt bestimmte Dinge, die ich jeden Tag mache, und dieser Trick gehört dazu. Wenn Sie etwas jeden Tag tun, verlernen Sie es nicht wieder. Viele Leute geben in der Hinsicht zu schnell auf. Sie zum Beispiel.
Wieso?, fragte der Mann.
So etwas sehe ich. Sie haben gewisse Dinge aufgegeben, sausen lassen. Ich besitze dieses Kleid seit meinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr. Wissen Sie, ich war mal eine von den ursprünglichen Isadorables.
Sie meinen die Kinder, die mit Isadora Duncan getanzt haben?
Ja. Wobei wir für sie keine Kinder waren. Für sie war jeder, der älter als drei war, eine autonome Person.
Ich verstehe nicht, wie das möglich sein soll, sagte der Mann. Da müssten Sie hundert Jahre alt sein.
Vielleicht bin ich das ja. Aber wissen Sie nicht, dass es ungehörig ist, über das Alter einer Frau zu reden?
Es tut mir leid, sagte der Mann. Sie sind bemerkenswert.
Nur hilft mir das nicht viel. Es ist, wie wenn im Wald ein Baum umfällt: Ist niemand da, wen interessiert es dann, ob es bemerkenswert ist oder nicht? Ich habe früher viel Zeit in Wäldern verbracht und darauf gewartet, dass Bäume umfielen. Das passiert, wissen Sie – sie geben plötzlich auf und krachen zu Boden. Es ist das Intimste, was ich je erlebt habe. Und ich habe viel Intimes erlebt, das können Sie mir glauben. Oh, mein lieber Gott, was ich alles an Intimitäten erlebt habe! Eigentlich sollte ich blind sein. Glauben Sie daran?
An was?
Hysterische Blindheit. Der Sehnerv stellt seinen Dienst ein, infolge eines psychischen Schocks.
Ich weiß nicht, sagte der Mann. Ich nehme an …
