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Grundbegriffe, zentrale Problemfelder und prominente Positionen der Antisemitismusforschung, werden knapp und einführend erläutert »Was ist Antisemitismus?« bietet in knapper Form eine fundierte Darstellung der grundlegenden Begriffe, Probleme und eine Übersicht der Autor:innen, die für die wissenschaftliche und öffentliche Diskussion über das Verständnis von Antisemitismus im deutschsprachigen Raum von Bedeutung sind. Die Herausgeber:innen verfolgen dabei zwei Hauptanliegen: Erstens soll die komplexe wissenschaftliche Arbeit von verschiedenen Antisemitismus-Konzepten, wie dem israelbezogenen oder dem »postkolonialen« Antisemitismus, einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Zweitens soll das Wissen über die verschiedenen Auffassungen von Antisemitismus aus Perspektiven der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie sowie der Antisemitismusforschung systematisiert werden. Das Buch ist das Ergebnis eines intensiven Austauschs im Rahmen des Forschungsprojekts »Antisemitismus definieren«, in dessen Rahmen acht Personen mit verschiedenen wissenschaftlichen und biografischen Hintergründen die Grundlinien unterschiedlicher Antisemitismusbegriffe herausgearbeitet und die Schwierigkeiten bei der Definition diskutiert haben. Herausgekommen ist ein interdisziplinärer Band, der auch vor dem Hintergrund aktueller kontroverser Debatten eine zentrale Handreichung bietet.
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2024
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STUDIEN ZU RESSENTIMENTS
IN GESCHICHTE UND GEGENWART
Herausgegeben vom
Zentrum für Antisemitismusforschung
Band 8
Was ist Antisemitismus?
Begriffe und Definitionen von Judenfeindschaft
Herausgegeben von
Peter Ullrich, Sina Arnold, Anna Danilina,
Klaus Holz, Uffa Jensen, Ingolf Seidel
und Jan Weyand
WALLSTEIN VERLAG
Das Forschungsprojekt »Antisemitismus definieren« wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Mitteln des Bundesministeriums des Innern finanziell gefördert.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2024
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf
ISBN (Print) 978-3-8353-5070-0
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8658-7
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8659-4
1. Einleitung: Antisemitismusverständnisse (Sina Arnold, Anna Danilina, Klaus Holz, Uffa Jensen, Ingolf Seidel, Peter Ullrich, Jan Weyand)
2. Grundbegriffe
2.1 Antisemitismus – der Terminus (Peter Ullrich und Uffa Jensen)
2.2 Antijudaismus (Katharina von Kellenbach)
2.3 Moderner Antisemitismus (Jan Weyand)
2.4 Erlösungsantisemitismus (Michael Wildt)
2.5 Sekundärer Antisemitismus (Klaus Holz)
2.6 Neuer Antisemitismus (Sina Arnold)
2.7 Muslimischer/arabischer/islamisierter/islamistischer Antisemitismus (Sina Arnold und Michael Kiefer)
2.8 Israelbezogener Antisemitismus (Thomas Haury)
2.9 »Postkolonialer Antisemitismus« (Jan Weyand)
2.10 Philosemitismus (Vanessa Rau)
3. Problemfelder
3.1 Ebenen der Erforschung von Antisemitismus: Einstellungen, Vorfälle, Kultur und Organisation (Klaus Holz und Peter Ullrich)
3.2 Arbeitsdefinition Antisemitismus, Jerusalemer Erklärung, Nexus-Dokument (Peter Ullrich)
3.3 Antisemitismus und Rassismus (Sina Arnold und Felix Axster)
3.4 Der Nahostkonflikt: Realkonflikt und Antisemitismus (Peter Lintl und Peter Ullrich)
3.5 Umkämpfte Sprechpositionen in der Antisemitismusdebatte (Meron Mendel)
3.6 Imagination/Projektion (Cordelia Heß)
3.7 Mit und ohne Juden: Zwei Familien von Antisemitismusbegriffen (Peter Ullrich)
3.8 Psychoanalyse des Antisemitismus (Ilka Quindeau)
3.9 Antisemitismus als Element von Autoritarismus (Jan Weyand)
3.10 Antisemitismus- als Vorurteilsforschung (Uffa Jensen)
3.11 Einstellungsforschung zum Antisemitismus (Heiko Beyer)
3.12 Rationalität und Emotionalität (Uffa Jensen)
3.13 Antisemitismuskritische Bildungsarbeit: Definitionen und ihre Anwendungskontexte (Ingolf Seidel)
4. Positionen
4.1 Hannah Arendts Theorie und Geschichte des Antisemitismus (Annette Vowinckel)
4.2 Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Elemente des Antisemitismus (Jan Weyand)
4.3 Jean-Paul Sartre: Betrachtungen zur Judenfrage (Uffa Jensen)
4.4 Shulamit Volkov: Antisemitismus als kultureller Code (Jan Weyand)
4.5 Moishe Postone und die »Personifizierung des Abstrakten« (Frank Engster)
4.6 Detlev Claussen: Antisemitismus und Alltagsreligion (Ingolf Seidel)
4.7 Helen Fein: Latente Struktur judenfeindlicher Überzeugungen (Peter Ullrich)
4.8 Zygmunt Bauman: Allosemitismus, Proteophobie und Ambivalenz (Michael Kohlstruck)
4.9 Klaus Holz: Nationaler Antisemitismus (Jan Weyand)
4.10 Astrid Messerschmidt: Verstrickungen (Gottfried Kößler)
4.11 Judith Butler: Kritik instrumenteller Antisemitismusvorwürfe (Hans-Joachim Hahn)
4.12 Monika Schwarz-Friesel: Verbalantisemitismus (Uffa Jensen)
4.13 Jonathan Judaken: Judeophobie – ein neues Wort für flexibleres Denken (Stefanie Schüler-Springorum)
5. Probleme der Begriffsbildung und Definition von Antisemitismus(Peter Ullrich)
5.1 Vielfalt und Leerstellen der Debatten um Antisemitismusverständnisse
5.2 Definitionen und Begriffe
5.2.1 Umkämpfte Begriffe und Definitionsmacht: der soziale Kontext
5.2.2 Zum Begriff des Begriffs
5.2.3 Zum Begriff der Definition
5.2.4 Gütekriterien, Herausforderungen und Fallstricke von Begriffsbildung und Definition
5.3 Acht Probleme der Begriffsbildung von Antisemitismus
5.3.1 Sprachverwirrung: Das Problem der Begriffs- und Bezeichnungspolitiken
5.3.2 Das Problem der Temporalität I: ein Gegenstand im Wandel
5.3.3 Das Problem der Spezifität: Antisemitismus und Nicht-Antisemitismus
5.3.4 Das Zurechnungsproblem: intentionaler und intentionsloser Antisemitismus
5.3.5 Das Korrespondenz- bzw. Konstruktionsproblem: die Rolle der Jüdinnen*Juden
5.3.6 Das Substanzproblem: Locus und Charakteristika des Antisemitismus
5.3.7 Das Erklärungsproblem: Antisemitismustheorien
5.3.8 Das Problem der Temporalität II: Holocaust und Post-Holocaust
5.4 Das Vereinheitlichungsproblem von Antisemitismus: Auseinanderführende Überlegungen
Literatur
Autor*innen
Anmerkungen
Die Antwort auf die Frage, was Antisemitismus ist, scheint leicht: Feindschaft gegen Jüdinnen*Juden und das Judentum. Doch ein Blick in mehr als 100 Jahre Forschungsliteratur zeigt schnell und deutlich: So leicht ist es offensichtlich nicht. Denn wie ist ein Gegenstand begrifflich zu fixieren, der einerseits auf eine kulturelle Tradition bis in die griechisch-römische Antike zurückweist, andererseits aber insbesondere (wie verzerrt und ideologisch auch immer) mit genuin modernen Problemfeldern wie Kapitalismus, Nationalstaaten, Individualisierung usw. verknüpft ist? Ist es überhaupt möglich, einen historischen Gegenstand, der steter Entwicklung unterliegt, zu definieren? Wird er dann nicht schon jeder Kontextualität und Komplexität beraubt? Wenn man glaubt, dass eine definitorische Fassung wohl möglich und sinnvoll ist, gelangt man sofort zur Folgefrage, wie denn die Abgrenzung des Begriffs erfolgen müsste. »Definieren« kommt schließlich vom lateinischen Wort für abgrenzen. Dann wären Fragen wie die folgenden zu stellen: Was macht den Antisemitismus aus, was nicht für beispielsweise Ethnozentrismus oder Rassismus gilt? Was sind seine besonderen Kennzeichen? Oder: Ist der Philosemitismus sein Gegenstück oder doch eine Teilmenge, die nur (scheinbar) die Vorzeichen umkehrt? Und wie lassen sich Antisemitismus und Kritik an der israelischen Politik unterscheiden?
Fraglich ist auch, wo Antisemitismus herkommt. Liegen ihm Konflikte zwischen Jüdinnen*Juden und anderen zugrunde oder handelt es sich um Projektionen der Antisemit*innen? In diesem Punkt besteht eine weitgehende – aber keinesfalls absolute – Einigkeit in der Antisemitismusforschung: Antisemitismus hat tendenziell ein Welterklärungspotenzial, nimmt Jüdinnen und Juden für Entwicklungen und Prozesse in Haftung, die sehr allgemeiner Natur sind. Was immer auch konkrete Jüdinnen und Juden tun, scheint dafür weitgehend ohne Belang. Sie müssen für die Existenz antisemitischer Fremdbilder nicht einmal anwesend sein. Der Antisemitismus, von seinen überzeugten Anhänger*innen wie eine Leidenschaft (so Jean-Paul Sartre) aktiv verfolgt, dient den Antisemit*innen, beispielsweise ihrer psychischen Stabilisierung, und reagiert nicht auf den Juden*.
Doch im Gegensatz zu dieser Frage besteht in kaum einer anderen Einigkeit in der Forschung zum Antisemitismus. Wer sich mit den Antisemitismusverständnissen befasst, die diese in ihrer Geschichte hervorgebracht hat, wird auf eine große Vielfalt von Sichtweisen stoßen. Dies hängt unter anderem mit fachlichen Traditionen zusammen. Psycholog*innen nähern sich dem Komplex anders als Historiker*innen oder wiederum Soziolog*innen. Auch der Zeitkontext des Nachdenkens über Antisemitismus bestimmt jeweils mit, worauf die Aufmerksamkeit besonders gelenkt wird und erklärt, warum beispielsweise Max Horkheimer und Theodor W. Adorno angesichts ihrer Zeitgenossenschaft zu Auschwitz zum Teil andere Fragen beschäftigt haben als vor ihnen Sigmund Freud oder später Shulamit Volkov. So entstand über die Jahrzehnte ein inzwischen kaum mehr überschaubares Begriffsnetzwerk zur Charakterisierung auch von Formen, Typen und Phasen von Antisemitismus. Doch was unterscheidet den ›klassischen‹, modernen Antisemitismus von sogenanntem ›sekundärem‹ oder ›neuem‹ Antisemitismus und was ist ihnen doch allen gemein? Und gehört der christliche Antijudaismus nur zu dessen Vorgeschichte oder ist er Ausdruck einer anderen historischen Konstellation?
Derlei Fragen sollen in diesem Buch mit Blick auf den gegenwärtigen Kenntnisstand und die forscherische Tradition beantwortet werden. In der sehr knappen Form eines einführenden Handbuchs werden Grundbegriffe, zentrale Problemfelder und prominente Positionen dargestellt, die für die wissenschaftliche wie öffentliche Diskussion um Antisemitismusverständnisse maßgeblich sind. Wir beziehen uns dabei insbesondere auf Deutschland, ohne uns auf diesen Kontext zu beschränken. Die Darstellungen arbeiten die Grundlinien von Antisemitismusbegriffen und unterschiedlichen Zugängen zur Thematik heraus. Ziel ist explizit nicht, den einen, wahren Begriff zu destillieren. Vielmehr wird die Vielfältigkeit von Antisemitismusverständnissen aufgezeigt und die Schwierigkeit, Antisemitismus zu definieren, aufgearbeitet. Angesichts der diversen Debatten um Antisemitismus und um seine Definitionen verfolgt das Buch damit zwei Anliegen: erstens, das komplexe Wissen der unterschiedlichen Verständnisse von Antisemitismus einem breiteren Publikum dem Stand der aktuellen Forschung entsprechend zur Verfügung zu stellen, und zweitens, auch mit Blick auf die Fachöffentlichkeit, diese Ein- und Überblicke reflektierend zu ordnen.
Dieses mehr bilanzierende, denn sich stark positionierende Vorgehen hat selbst einen fachlichen wie zeitbedingten Kontext. Denn heute wird auch in der Öffentlichkeit teils vehement über Antisemitismusdefinitionen und -konzepte gestritten. Werden in ihnen beispielsweise Sichtweisen und Erfahrungen von Jüdinnen*Juden angemessen berücksichtigt? Welche Anteile der gewaltförmigen Feindschaften des Nahostkonfliktes lassen sich mit Hilfe der Antisemitismusforschung verstehen und erklären? Welche der aktuell verbreiteten bündigen Definitionen von Antisemitismus sind geeignete Instrumente für ein Verständnis und vor allem für eine Bekämpfung des Problems? Die weltweite institutionelle Nutzung der Arbeitsdefinition Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ist dafür symptomatisch. Sie reflektiert den Wunsch nach einem praktikablen und allgemeinen Verständnis und provoziert damit neben Zustimmung auch vehemente Kritik und Gegenentwürfe wie die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus (JDA).
Das Buch will diesen oft heftig ausgetragenen Streit nicht befördern. Es wechselt die Ebene und stellt eine andere Frage: Welchen Beitrag leistet die Forschung über Antisemitismus zu der Vielfalt möglicher Sichtweisen? Die Autor*innen arbeiten heraus, warum diese Vielfalt aus verschiedenen Gründen für den Gegenstand Antisemitismus und die wissenschaftliche Disziplin, die ihn analysiert, konstitutiv ist. Gestellt werden zudem grundsätzliche, aber über das vorliegende Thema weit hinausgehende Fragen: Was ist eigentlich eine Definition und ein Begriff? Welche Gütekriterien wurden für sie in der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie entwickelt? Welche Ziele, welche Ideale und welche praktischen Fallstricke spielen bei der Begriffsbildung eine Rolle? Welche Besonderheit haben diese allgemeinen Überlegungen im Hinblick auf das Antisemitismusverständnis?
Das Buch sei entsprechend verstanden als eine Einladung zur Auseinandersetzung mit einer von vielfältigen Positionen gekennzeichneten Debatte über Antisemitismus. Und es ist selbst das Resultat einer intensiven Debatte im Forschungsprojekt »Antisemitismus definieren«.[1] Die Projektgruppe mit unterschiedlichen fachlichen, theoretischen und biographischen Hintergründen hat sich in einer Reihe von 16 Workshops und begleitender individueller Forschung intensiv mit Antisemitismusverständnissen auseinandergesetzt, miteinander gestritten und an den Quellen gerieben. Die Kapitel wurden mehrheitlich von den Mitgliedern des Projektteams sowie von einzelnen besonders ausgewiesenen externen Spezialist*innen verfasst. Dadurch kommt der besondere Charakter des Buches zustande, das kein üblicher Sammelband ist, sondern ein genuin kollektives Produkt intensiver Kooperation und Diskussion.
Das Buch gliedert sich in vier große Teile. Die ersten drei Teile haben den Charakter eines Handbuchs mit konzisen Einführungen in bestimmte Sachfragen und das Schaffen ausgewählter Autor*innen.
Die erste Gruppe von Handbucheinträgen widmet sich Grundbegriffen, insbesondere jenen, die zur Bezeichnung bestimmter »Formen« oder »Phasen« von Antisemitismus üblich sind, beispielsweise »sekundärer« oder »israelbezogener Antisemitismus«, und führen in die damit jeweils verhandelte Problematik ein.
Die zweite Gruppe behandelt Problemfelder, die maßgeblich für das Verständnis von Antisemitismus sind. Es geht um Dimensionen der Antisemitismusverständnisse, auf denen eine bestimmte Frage jeweils so oder anders beantwortet werden kann, z. B.: Ist Antisemitismus in erster Linie ein Vorurteil/Einstellungsmuster von Personen(gruppen) oder hat er eine eigene kulturelle Existenzweise? Ist Antisemitismus eine Form des Rassismus oder unterscheidet er sich von diesem fundamental? In welchem Verhältnis stehen Antisemitismus und bestimmte Positionierungen im Nahostkonflikt?
Dabei zeigt sich auch, dass sich bestimmte prägnante Positionen mit den Namen einzelner Autor*innen verbinden, die beispielgebend für bestimmte Auffassungen wurden. Diese Autor*innen und ihre Antisemitismusbegriffe werden im dritten Teil vorgestellt. Noch mehr als bei den ausgewählten Grundbegriffen und Problemfeldern musste hier eine strenge Auswahl relevanter Positionen getroffen werden. Eingang finden insbesondere Autor*innen, die im deutschen Kontext eine starke Rezeption erfahren haben, aber auch weitere, deren Beiträge zum Gesamtbild Neues, Substanzielles und Distinktes beisteuern. Das Ziel der kompakten Einträge ist nicht die Darstellung aller Facetten ihrer Werke und Antisemitismuskonzepte. Im Zentrum steht vielmehr die Frage nach Allgemeinheit oder Besonderheit der Positionen und nach ihrem Beitrag zu einem umfassenderen Verständnis von Antisemitismus.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass alle Handbucheinträge, insbesondere um verständlich in das Wesentliche einzuführen, auch mit gewissen Vereinfachungen einhergehen. So folgen die Darstellungen dem Prinzip, Grundpositionen auszuweisen. Es geht nicht darum, alle theoretischen Details zu entwickeln. Doppelpfeile → im Text verweisen auf andere Einträge in diesem Handbuch.
Der vierte Teil schließlich hat einen etwas anderen Charakter. Der umfangreiche Text dient insbesondere der Systematisierung und der wissenschaftstheoretischen Reflexion. Während die Vertiefungen im Handbuch-Teil eher Vielfalt, Widersprüchlichkeit und offene Fragen dokumentieren, wird im zweiten Teil nach grundlegenden Mustern der Diskussion geschaut. Dazu wird zunächst in einige maßgebliche theoretische Grundprobleme der wissenschaftlichen Begriffsbildung eingeführt. Und es wird gefragt, wie die Antisemitismusforschung bisher mit diesen umgegangen ist. Denn explizit hat sie sich ihren erkenntnistheoretischen Grundlagen bisher kaum gestellt. Der zusammenführende Blick, der auf den ersten drei Teilen des Handbuchs aufbaut, systematisiert dies zu acht Problemen der Begriffsbildung von Antisemitismus und gelangt darüber zu »auseinanderführenden Überlegungen«. Sie führen schlussendlich auseinander statt zusammen, weil insbesondere eines deutlich wird: ein allgemeines Verständnis von Antisemitismus ist ein hehres Ziel, seine Einlösung aber ebensowenig plausibel wie wahrscheinlich. Es gilt also, sich einer Situation von Komplexität und Widersprüchlichkeit möglichst produktiv zu stellen und die Debatte weiterzuführen, ohne fälschlich auf ihr Ende im allgemeinen Einverständnis zu hoffen.
Berlin, Sommer 2023
Die Herausgeber*innen
Dieses Buch wurde vor dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 fertiggestellt. Auch wenn die Folgen des Angriffs und des darauf folgenden Krieges im Gazastreifen derzeit nicht absehbar sind, so scheint klar, dass es sich um eine Zäsur handelt. Pogrome mit derart vielen, teils bestialisch ermordeten jüdischen Opfern hat es seit dem Nationalsozialismus nicht gegeben. Das Selbstverständnis Israels als Schutzraum vor Judenverfolgung ist erschüttert. Der Nahostkonflikt erscheint weiter von einer Lösung entfernt als je zuvor. Wir sind entsetzt über die oft kühle Distanz gegenüber den Ängsten und Sorgen von Jüdinnen*Juden, zumal diese Distanz auch aus Teilen einer politischen Linken kommt, die für Menschenrechte und eine friedvollere Welt einzustehen vorgibt.
Vor diesem Hintergrund wäre der Zungenschlag einiger Darstellungen in diesem Buch etwas anders ausgefallen. Grundsätzlich beziehen sich die Überlegungen aber auf Aspekte von Antisemitismusverständnissen, die gerade wegen der aktuellen Entwicklungen eine erhebliche Relevanz haben.
Berlin, Oktober 2023
Sina Arnold, Klaus Holz, Uffa Jensen, Ingolf Seidel, Peter Ullrich, Jan Weyand
Antisemitismus ist als Wort in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts populär geworden. Es taucht in einem Bericht über eine Veranstaltung eines deutschen Vordenkers des Antisemitismus, des Journalisten Wilhelm Marr, auf. Die nun einsetzende, erstaunlich schnelle Verbreitung des Begriffs verweist auf das Bedürfnis nach einer neuen Bezeichnung für die schnell wachsende judenfeindliche Bewegung der Zeit. Dies war aber auch möglich, weil sich die Bezeichnung zur Markierung des Fremdbildes einer bereits etablierten sprachwissenschaftlichen Vorstellung von »semitisch« bedienen konnte.[3] Der linguistische Terminus wird aber von der Bezeichnung eines Zweigs der afroasiatischen Sprachfamilie (zu dem u. a. auch Arabisch und Aramäisch gehören) zu einer Herkunftsbezeichnung transformiert, die Jüdinnen*Juden ethnisch, national oder rassisch als Abstammungsgemeinschaft bestimmt. Die Begriffswahl diente den frühen Vertreter*innen des Antisemitismus nicht zuletzt dazu, sich vom religiösen Judenhass abzugrenzen, und begründete eine zunehmend biologistisch-rassistische Konzeption von Judenfeindschaft.[4] Durch Verwendung moderner Terminologie der Zeit wurde dies signalisiert und damit eben: Aufgeklärtheit, Nüchternheit, Wissenschaftlichkeit.
Ganz basale Probleme sind mit dem Wort selbst verbunden. Mit ihm war im deutschen Sprachraum klar und ohne Zweifel von Beginn an nicht die Bezeichnung von Feindschaft oder Gegnerschaft gegen die Angehörigen des semitischen Sprachenzweigs, sondern gegen die Jüdinnen*Juden und das Judentum gemeint. Mit der Nutzung war damit zudem fast immer eine Gegenvorstellung wie »Arier« oder »Indogermanen« für die nichtjüdische Eigengruppe impliziert. Diese ›Ungenauigkeit‹, die Verunsicherung, die aus der Etymologie des gewählten Wortes »semitisch« rührt, ist immer wieder Anlass für Verwirrung. Gegenwärtig ist diese besonders in der Form prävalent, dass angenommen wird, bestimmte Personen könnten nicht antisemitisch sein, weil sie ja selber ›semitisch‹ seien. Innerhalb der antisemitischen Bewegung plädierte deshalb der NS-Ideologe Alfred Rosenberg (1934) dafür, das Wort durch die Bezeichnung »anti-jüdisch« zu ersetzen. Es kann hier dahingestellt bleiben, ob dies im Einzelfall auch Ausdruck von Unkenntnis, spitzfindiger Bauernschläue oder schlicht eine Schutzbehauptung gegen unliebsame Antisemitismusvorwürfe, beispielsweise gegenüber Araber*innen ist.
Im anglophonen Sprachraum gibt es deshalb seit einigen Jahren auch Diskussionen um die geeignete Schreibung des Wortes. Üblich war bisher »anti-Semitism« mit Bindestrich. Dagegen nutzen immer mehr Forschende die zusammengezogene Schreibweise »antisemitism«, um den durch den Bindestrich verstärkten Eindruck zu vermeiden, der Antisemitismus sei eine Anti-Haltung, die sich gegen eine Entität »Semitismus« richte.[5] Eine solchen gibt es nach Meinung der meisten Forschenden zum Thema nicht; der Antisemitismus ist in Gänze und in sich geschlossen von projektivem oder wahnhaftem Charakter (→ Imagination/Projektion, Kap. 3.6). Dies soll mit der kompakten, bindestrichlosen Schreibweise zum Ausdruck kommen. Doch es gibt auch hier Widerspruch. → Jonathan Judaken (2018, 1126 f., dort finden sich auch reichlich Quellen zu den unterschiedlichen Verwendungsweisen und den jeweiligen Begründungen) beispielsweise hält unter Berufung auf historische Forschungsarbeiten an der Bindestrichschreibung fest. Sein Argument: tatsächlich habe es viele Ähnlichkeiten in der Wahrnehmung von und der Feindschaft gegenüber Jüdinnen*Juden und Muslimen/Araber*innen gegeben, die teilweise bis ins 20. Jahrhundert hinein als enge »Verwandte« aufgefasst wurden und teils gemeinsam abgewertet wurden. Dies ändert sich erst mit der Etablierung des Mythos eines »jüdisch-christlichen« Erbes des Westens, womit die islamischen Beiträge zur Kultur des »Westens« ebenso ausgeblendet würden wie die Intersektionen zwischen antimuslimischem Rassismus und Feindschaft gegen Jüdinnen*Juden. Unabhängig von Judakens konkreter Schreibweisenentscheidung kann man ihm sicherlich unumwunden zustimmen, dass diese Entscheidung immer eine »epistemologische und politische« ist (Judaken 2018, 1127).
Fest steht jedenfalls, dass es sich bei Antisemitismus, in welcher Schreibweise auch immer, um eine unglückliche Wortneuschöpfung mit Potenzial für Irritationen handelt. Dies verstärkte sich im Laufe der etwa 150-jährigen Existenz des Wortes noch dadurch, dass der Terminus zwar als Selbstbezeichnung entstand und beispielsweise von der Antisemitenliga (1879-1880, gegründet von Marr) schon in der Bezeichnung der Organisation festgeschrieben und propagiert wurde, mittlerweile aber vor allem als Fremdbezeichnung in analytischer oder politisch-moralischer Perspektive Anwendung findet. Die damit Kategorisierten hingegen weisen diese Einordnung heute oft von sich und bekennen sich nur selten offensiv und emphatisch unter Bezug auf diese inzwischen klar negativ konnotierte Bezeichnung als antisemitisch. So ergibt sich das, was Bernd Marin als »Antisemitismus ohne Antisemiten« bezeichnete (Marin 1979).
Die tiefgreifenden Prozesse dieses Wandels in Bedeutung und Verwendung der Wörter Antisemitismus/antisemitisch, die hier nur knapp angerissen wurden, sind auf das Engste verknüpft mit den tiefgreifenden Wandlungen politisch-öffentlicher und wissenschaftlicher Sichtweisen auf Antisemitismus und damit Anlass für die Forderung des britischen Historikers des Antisemitismus, David Feldman (Feldman 2018), nach einer Geschichtedes WortesAntisemitismus, die er für das Beispiel Großbritannien zugleich auch skizziert.[6]
Der Begriff »Antijudaismus« bezeichnet Judenfeindschaft, die christlich motiviert ist und/oder sich auf die religiöse Praxis und Identität der Verfolgten bezieht. Mit »Antijudaismus« ist oft (nur) die prämoderne Vorgeschichte eines modernen (politischen, rassistischen, wirtschaftlichen, sozialen usw.) Antisemitismus gemeint. Dabei kann weder historisch noch ideologiekritisch eindeutig zwischen einer säkularen und einer religiösen Judenfeindschaft unterschieden werden.
Die religiöse Dimension des modernen Antisemitismus besteht nicht nur in der Kontinuität christlicher Bilder und Narrative, sondern vor allem im Verlangen nach einer Heilsgewissheit, die alle Ambivalenzen abwehrt (→ Zygmunt Bauman, Kap. 4.8) indem sie störende, unreine und böse Elemente auslagert und auf das jüdische Andere projiziert: ewige Gegnerschaft (Pharisäer und Hohenpriester), Verrat (Judas) und die Verschwörung unheilvoller Mächte, die das Gute zu Fall bringen und die heile Welt zerstören. Diese Heilsvorstellungen wurden in der Neuzeit säkularisiert und in ganz unterschiedliche politische Ideologien eingeschrieben, vom Nationalismus zum Kommunismus, vom Feminismus zum Postkolonialismus. Damit wird Antisemitismus zum religiösen Herzen einer Neuzeit, die das Heil nicht mehr in der Transzendenz sucht, wohl aber das Unheil in der jüdischen Gegenwart findet. Judenhass gedeiht in gebrochenen Heilszusagen und der Notwendigkeit, die Ursachen des Unheils zu benennen, wodurch der Antisemitismus selbst zu einer »religiösen« Welterklärung wird. Deshalb kann Antisemitismus nicht ohne Kenntnis von Religion im Allgemeinen, und dem Christentum im Besonderen, diskutiert werden.
Antisemitische Karikaturen und Narrative haben eine christliche Vorgeschichte, die sich über Jahrhunderte im kulturellen Wissensspeicher der europäischen Kultur(en) etabliert haben und immer wieder »ausbrechen«, aktiviert und mobilisiert werden können (Adams und Heß 2020). Es ist die christliche Rezeption biblischer Geschichten eines auserwählten Volkes, das sich absondert und nach eigenen Bundesgesetzen lebt, das sich standhaft weigert, den christlichen Heiland anzuerkennen und sich der christlichen Heilswahrheit und kirchlichen Herrschaft widersetzt. Es ist die Geschichte einer Verschwörung jüdischer Eliten, des Verrates und der Manipulation naiver Machthaber, die sich die Hände in Unschuld waschen; es ist eine Geschichte des Fortschritts und der Überlegenheit über das Alte Testament und den vermeintlich jüdischen Gott der Vergeltung hin zu einem reinen, universalen (inklusiven, aufgeklärten, friedliebenden usw.) Glauben.
Sowohl die christliche als auch die muslimische Tradition (→ Islamisierter Antisemitismus, Kap. 2.7) verstehen sich als Erben Abrahams und müssen sich theologisch und politisch gegenüber der jüdischen Mutterreligion positionieren. Während sich der Islam auf eine neue Offenbarung in arabischer Sprache durch den Propheten Mohammed gründet und sich in den Bund Abrahams mit Gott über seine ägyptische Sklavin Hagar und deren Sohn Ismael einliest, hat sich die Kirche der Heidenchristen als rechtmäßige Erbin Isaaks, des Sohnes Sarahs, verstanden.
Der Antijudaismus des Neuen Testaments entspringt inner-jüdischen Auseinandersetzungen zwischen Tora-treuen Jüdinnen*Juden und jenen, die in Jesus von Nazareth den angekündigten Messias Israels erkennen, der gekommen ist, um alle Menschen zu erlösen. Obwohl die Schriften im Neuen Testament von jüdischen Autoren verfasst wurden, legen sie die Grundsteine einer Polemik, die von der heidenchristlichen Kirche in eine systematische »Lehre der Verachtung« (Isaac 1968) entwickelt wurde. Es ist historisch ungewiss, wen die neutestamentlichen Autoren als »die Juden« und »ihre Synagogen« bezeichneten, wo sie doch selbst jüdisch waren und in Synagogen beteten. Aber ihre Rhetorik begründet die Lehre einer grundsätzlichen Feindschaft zwischen dem »jüdischen« und dem »christlichen« Heilsweg. Das Judentum wird zur Negativfolie der christlichen Kultur, die rhetorisch dazu dient, die eigene Identität zu profilieren, indem deren Schattenseiten auf Jüdinnen*Juden und Judentum projiziert werden (Nirenberg 2017, 201).
Der Vorwurf, die Juden hätten Gott ermordet, liefert die theologische Rechtfertigung für die göttliche Bestrafung, d. h. Verwerfung und Enterbung durch das Neue Israel, die heidenchristliche Kirche. Gewalt und Vertreibung, Erniedrigung und Verachtung erscheinen christlichen Judenfeinden als gerechte und gottgefällige Strafe für den »Verrat« am Messias. Antijudaismus, so die zentrale Einsicht von Rosemary Radford Ruether (1974), ist die »linke Hand der Christologie«, d. h. kein marginales Vorurteil oder Unwissenheit, sondern eine zentrale theologische Doktrin: Ohne jüdische Kollektivschuld und Verwerfung wird die Erwählung und Einsetzung der heidenchristlichen Kirche fragwürdig. Die Verwerfung der jüdischen Religionsgemeinschaft wird im Christentum zur Frage theologischer Legitimität.
Dennoch toleriert die Kirche, die ab dem 4. Jahrhundert Staatsreligion des Römischen Reiches wurde, die Synagoge als erniedrigte, besiegte und erblindete Rivalin – in Erwartung einer Endzeit, in der auch die Jüdinnen*Juden die triumphale Rückkehr des Messias Jesus Christus anerkennen müssen. Diese messianische Endzeiterwartung sicherte das Überleben der Synagoge trotz des Verlustes der Bürgerrechte (die erst im 19. Jahrhundert wieder zugestanden wurden) und erheblichen wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Einschränkungen. Synagogen bestehen weiterhin – im Unterschied zu heidnischen und heterodoxen christlichen Religionsgemeinschaften – toleriert als Zeugen der Wahrheit der christlichen Bibel. Auf dieser Grundlage entsteht im 19. Jahrhundert der christliche Zionismus, der in der Rückkehr der Juden ins Heilige Land ein Zeichen der nahenden messianischen Endzeit sieht. Damit wird der jüdische Staat in einer philosemitischen Wendung (→ Philosemitismus, Kap. 2.10) in die christliche Heilsgeschichte eingemeindet. Der christliche Zionismus ist insbesondere unter evangelikalen Christ*innen weit verbreitet.
Während und nach den Kreuzzügen verschärft sich die Judenverfolgung und neue Mythen beginnen zu zirkulieren, die z. T. heute immer noch im Umlauf sind. Zum Beispiel die Legende von Kindermorden, wie die Legenden von Julian von Norwich (1144) und vom Anderl von Rinn (1462), die Jüdinnen*Juden unterstellen, christliche Kinder zu schlachten, um ihr Blut für rituelle Zwecke zu nutzen. Oder die Legenden von Hostienfrevel, die Jüdinnen*Juden unterstellen, Hostien aus Kirchen zu entwenden, um den Leib Christi zu schänden (nach 1215). Oder die Mythen von Brunnenvergiftungen, die Jüdinnen*Juden für Krankheitsausbrüche wie die große Pestepidemie (1347-1348) verantwortlich machen. Schuld, Verrat, Heimtücke und Blut sind die zentralen Themen der Judenfeindschaft, die in mythologisierter Form die Passionsgeschichte dramatisch fehlinszenieren. In der Passionserzählung wird die Schuld einer kleinen Gruppe jüdischer Priester zugeschoben, die Pontius Pilates aus niedrigen Beweggründen dazu bewegen, einen Unschuldigen ins Verderben zu führen. Dass diese Erzählung historisch falsch ist, weil die Evangelien in einer Verfolgungs- und Nachkriegssituation nach dem römisch-jüdischen Krieg geschrieben wurden, wurde erst 1965 vom Zweiten Vatikanischen Konzil offiziell anerkannt, als der Kollektivschuldvorwurf in Nostra Aetate zum ersten Mal offiziell widerrufen wurde.
Eine wichtige Unterscheidungslinie zwischen dem religiösen einerseits und dem säkularen → modernen Antisemitismus (Kap. 2.3) andererseits betrifft die Wirksamkeit von Taufe und Konversion. Zweifel an der Bedeutung der Taufe entstanden erstmals in Spanien und Portugal, wo im 14. und 15 Jahrhundert hunderttausende Jüdinnen*Juden zwangsweise getauft wurden, was sie vor Pogromen und Zwangsausweisungen zu retten versprach. Diese »conversos« und »neuen Christen« standen unter Häresieverdacht und wurden mit Gesetzen zur »Reinheit des Blutes« (limpieza de sangre) unter Kontrolle der Inquisition gebracht. Zum ersten Mal war Taufe nicht genug, um das Jude-Sein abzulegen. Die Häuser der »Maranos« wurden markiert, und bei Verdacht auf »Rückfall« drohte die Todesstrafe auf dem Scheiterhaufen (Auto-da-Fe) (Chazan 2016). 1492 markiert nicht nur das Jahr, in dem alle jüdischen und muslimischen Bewohner aus Spanien verwiesen wurden, sondern auch die Entdeckung der Neuen Welt, und damit den Beginn des Kolonialismus, des transatlantischen Sklavenhandels und der Entwicklung moderner Rassetheorien. Auch Martin Luther beginnt seine Karriere mit Hoffnungen auf jüdische Massenkonversionen und endet sein Leben mit einem Hetzpamphlet »Von den Juden und ihren Lügen«, das am 9. November 1938 ohne Veränderungen wiederaufgelegt werden konnte, um die Zerstörung deutscher Synagogen zu feiern (Sasse 1938). Seit dem 19. Jahrhundert wird das Wesen des Judentums weniger in der Religion als in »Rasse« und »Blut« gesucht, die von Taufe und Konversion zum Christentum nicht verändert werden können. Allerdings wird, wie in den Nürnberger Rassegesetzen (1935) festgelegt, die Zugehörigkeit zum Judentum durch die Mitgliedschaft der Großeltern in einer Synagoge definiert. Rasse oder Religion, Nation oder Glaube, die jüdische Religionsgemeinschaft und -tradition entzieht sich einfachen Definitionskategorien und wird immer dort zur Zielscheibe, wo Ambivalenz unerträglich erscheint (→ Antisemitismus und Rassismus, Kap. 3.3, → Zygmunt Bauman, Kap. 4.8).
Mit dem Begriff moderner Antisemitismus ist eine – andauernde – Phase der Judenfeindschaft bezeichnet, die in aller Regel von vormodernem Judenhass unterschieden wird. Die sozialstrukturellen Grundlagen dieses Wandels sind die rechtliche Gleichstellung der Jüdinnen*Juden und die Bildung von Nationalstaaten, die ihren Angehörigen gleiche Individualrechte garantieren (a). In der Debatte um die rechtliche Gleichstellung der Jüdinnen*Juden verändert sich die antijüdische Semantik: Im modernen Antisemitismus verliert eine religiöse Legitimation der Judenfeindschaft (→ Antijudaismus, Kap. 2.2) an Gewicht, während ethnische Deutungen an Gewicht gewinnen. Im modernen Antisemitismus gelten Juden*Jüdinnen als Feind aller Völker (b).
a) Das Alltagsleben von Juden*Jüdinnen und Christ*innen in der Vormoderne ist durch weitgehend getrennte Lebenswelten charakterisiert. Christ*innen und Juden*Jüdinnen leben im Wesentlichen nicht mit-, sondern nebeneinander. Verstärkt wurden Juden*Jüdinnen seit etwa dem 11. Jahrhundert diskriminiert, im Vergleich zu Christ*innen rechtlich schlechter gestellt (sie konnten etwa keine handwerklichen Berufe ergreifen, da dies nur Mitgliedern christlicher Zünfte möglich war usw.) und als »Juden« kenntlich gemacht (seit dem Vierten Laterankonzil 1215 waren Juden*Jüdinnen (wie Muslime) zum Tragen besonderer Kleidung verpflichtet). Mit der Erosion der ständischen Sozialstruktur, dem sie begleitenden Aufkommen der aufklärerischen Auffassung von der Gleichheit der Menschen unabhängig von Gruppen- und Familienzugehörigkeiten und der Herausbildung eines nach langen innerchristlichen Kriegen und vielen Verwüstungen zunehmend säkularen Selbstverständnisses der Staaten wurde neben der ständischen Struktur der Sozialordnung auch die Sonderstellung der Juden*Jüdinnen problematisch. Die Gleichheit von Juden und Christen[7] als Menschen wurde betont (etwa: Lessings Ringparabel) und diese Gleichheit im Staat ihrer ungleichen Religionszugehörigkeit übergeordnet. In den Worten von Christian Konrad Wilhelm von Dohm, der mit seiner 1781 publizierten Schrift »Über die bürgerliche Verbesserung der Juden« im deutschen Sprachraum für den Beginn der Debatte um die rechtliche Gleichstellung der Juden steht:[8] »Der Edelmann, der Bauer, der Gelehrte, der Handwerker, der Christ und der Jude [ist, J. W.] noch mehr als dieses, Bürger« (Dohm 1973, 26), der »Jude .. noch mehr Mensch als Jude« (Dohm 1973, 28). In einem Zeitraum von etwa 100 Jahren rückten Juden*Jüdinnen aus dem Außenbereich einer christlichen Sozialordnung in den Innenbereich einer bürgerlichen Sozialordnung ein. Aus Christen und Juden wurden Bürger, wodurch die »Trennungslinie zwischen Juden und Nichtjuden verwischt wurde« (Toury 1977, 172). Die Tendenz des Prozesses der Verbürgerlichung war eindeutig und lässt sich auf einen knappen Nenner bringen: Integration und sozialer Aufstieg in der bürgerlichen Gesellschaft durch Assimilation an eine bürgerliche Lebensweise. In diesem Sinne ist das 19. Jahrhundert oft als »Erfolgsgeschichte« (exemplarisch für viele: Jensen 2005, 145; detailliert am Beispiel der Wissenschaft: Volkov 2000a, 155-61) bezeichnet worden. Mit der Debatte um die rechtliche Gleichstellung von Juden*Jüdinnen verlor die traditionelle Begründung für die Abwertung von Juden*Jüdinnen zunehmend an Plausibilität: Für das Zentrum der emanzipatorisch gestellten Judenfrage, der Frage nach der rechtlichen Stellung der Juden im Staat, war die Religionszugehörigkeit der Juden*Jüdinnen zweitrangig. Das Kernargument der Befürworter der Emanzipation lautete ja gerade, dass die rechtliche Stellung von Untertanen (und später von Bürgern) im Staat der Religionszugehörigkeit übergeordnet sei. Daher lief das Argument, die Judenemanzipation mit Verweis auf religiöse Zugehörigkeit abzulehnen, ins Leere. An dieser Stelle wandelt sich die Semantik der Judenfeindschaft von einer vormodernen, christlich geprägten Judenfeindschaft zum modernen Antisemitismus: Juden*Jüdinnen können nach Auffassung von Antisemit*innen keine gleichen Bürger*innen im Staat sein, weil sie nicht dem deutschen (französischen usw.) »Volk« angehören.
b) Die vormoderne Judenfeindschaft ist im Kern religiös geprägt: Juden*Jüdinnen werden von ihren Feinden als eine religiöse Gruppe verstanden und ihre Feinde verstehen sich selbst als eine religiöse Gruppe; die Jüdinnen*Juden zugeschriebenen Missetaten waren weit überwiegend religiös konnotiert, schlimme Vorwürfe waren Ritualmord und Hostienschändung. Auch der Vorwurf des Wuchers war religiös eingebettet. Die Grenze zwischen den Gruppen war typischerweise durch Taufe überwindbar, d. h. ein Jude konnte durch das Bekenntnis zum christlichen Gott die Seite wechseln. Zwar lassen sich seit dem 15. Jahrhundert Tendenzen zur Ethnisierung der Grenze erkennen – etwa bei Luther, der davon ausgeht, dass Juden*Jüdinnen unfähig seien, »fleich und blut, marck und bein« (zit. nach Hortzitz 2005, 274) zu ändern, oder in den sogenannten spanischen Blutreinheitsgesetzen oder auch, etwas später, in der abschätzigen Rede vom »Taufjuden«, der offenbar auch nach der Taufe ethnisch jüdisch bleibt. Aber insgesamt gilt für die vormoderne christliche Judenfeindschaft, dass die Taufe die Exklusion von Juden*Jüdinnen beendet. Dies ändert sich im Übergang zum modernen Antisemitismus. Der Grund dafür ist, dass sich das Verständnis der Gruppe der Juden*Jüdinnen und das Verständnis der eigenen Gruppe wandelt. Die eigene Gruppe wird dominant als ein durch Abstammung verbundenes Volk von Gleichen gedacht, der »die Juden« als feindliche Gruppe gegenübergestellt werden. Ethnisch definierte Völker gewinnen gegenüber religiös definierten Gruppen zunehmend an Bedeutung. Diese Völker werden als ontologisch geschlossen (vgl. Holz 2001, 196 ff.) gedacht. In der Folge bleibt ein »Jude« in den Augen der Antisemit*innen auch als »Deutscher«, »Franzose« usw. ethnisch ein »Jude«. Das führt zu einer für den modernen Antisemitismus seit dem späten 18. Jahrhundert charakteristischen Ambivalenz: Einerseits sollen »Juden« sich assimilieren, gute »Deutsche«, »Franzosen« usw. werden, andererseits wird die Möglichkeit einer solchen Assimilation bezweifelt.
Was aber soll man mit einer Gruppe machen, deren Angehörige zwar »unter uns« leben, die aber nicht »zu uns« gehören können? Die Antworten der Antisemit*innen auf diese Frage sind vielfältig, von der Kennzeichnung über die Isolierung bis zur Vertreibung ist seit dem späten 18. Jahrhundert alles dabei und auch die Idee der »Vernichtung« fehlt nicht (vgl. Bergmann und Erb 1989). Neben diesem Charakteristikum des modernen Antisemitismus, Gruppen als ethnische Gemeinschaften zu verstehen, weist die Semantik des modernen Antisemitismus eine zweite Besonderheit auf: Der moderne Antisemitismus kennt auf der einen Seite »Völker«, das eigene »Volk« und »alle anderen Völker« (exemplarisch Treitschke 2003, 10), und diesen« Völkern« stellt er auf der anderen Seite »Juden« als Feinde gegenüber. Das ist das semantische Grundmuster des modernen Antisemitismus, das sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart in antisemitischen Texten nachweisen lässt: Antisemit*innen stellt sich die soziale Welt als Welt von ethnisch verstandenen »Völkern« dar, in der »Juden« dem eignen »Volk« und allen anderen »Völkern« feindlich gegenüberstehen. Alle »Völker« gelten als Gemeinschaften, »Juden« hingegen als Zerstörer von Gemeinschaft (Weyand 2016, 195 ff.; Holz 2001, 218 ff.). Dieses Grundmuster lässt sich für jeden Handlungsbereich ausbuchstabieren (und wurde von Antisemit*innen für jeden Handlungsbereich ausbuchstabiert): »Völker« schaffen Kunstwerke – »Juden« zersetzen den Kunstbetrieb durch eigennützige Nachahmung; »Völker« sind in sich einheitlich und leben in einem Staat auf einem Territorium – »Juden« leben in »anderer Völker« Staaten zerstreut und können keinen eigenen Staat bilden; »Völker« erhalten sich auch durch die gemeinnützige Arbeit ihrer Mitglieder – »Juden« hingegen arbeiten nicht, sondern handeln mit den Produkten jener Arbeit zu »unserem« Nachteil; »Völker« streben nach Eintracht – »Juden« säen in »anderen Völkern« Zwietracht usw.
Die Periodisierung des modernen Antisemitismus ist in der Forschung a) ebenso strittig wie b) die Abgrenzung zwischen modernem und vormodernem Antisemitismus sowie c) die Frage, inwiefern von modernem Antisemitismus oder von modernen Antisemitismen zu sprechen ist.
a) Lange wurde die Entstehung des modernen Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verortet. Nach Reinhard Rürup, der mit seiner Studie »Emanzipation und Antisemitismus« in den 1980ern maßgeblich zur Festigung dieser Position beigetragen hat, ist »der moderne Antisemitismus […]nicht nur chronologisch, sondern auch sachlich ein postemanzipatorisches Phänomen« (Rürup 1987, 114), das zeitlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anzusiedeln ist: Der moderne Antisemitismus beginnt mit der – fälschlicherweise – Wilhelm Marr zugeschriebenen Selbstbezeichnung der Judenfeindschaft als Antisemitismus (→ Antisemitismus – der Terminus, Kap. 2.1), die sich unter Antisemit*innen ausgesprochen rasch etablierte, weil damit die Differenz zu einer religiös legitimierten Judenfeindschaft deutlich gemacht werden konnte. Auch wenn diese Position nach wie vor noch vertreten wird (exemplarisch etwa Ulrich Wyrwa, der Antisemitismus als Phänomen des späten 19. Jahrhunderts versteht und dem Jahr 1879 »entscheidende Bedeutung« zuspricht, vgl. Wyrwa 2019, 35), so weisen inzwischen eine Vielzahl von Studien darauf hin, dass sich der moderne Antisemitismus im späten 18. Jahrhundert in der Diskussion um die Emanzipation der Juden herausbildet (exemplarisch und mit vielen Verweisen: Weyand 2016, 88 f., insbes. FN 2 und 3). Tatsächlich lässt sich das oben genannte semantische Grundmuster des modernen Antisemitismus schon in den antisemitischen Reaktionen auf Dohms Forderung nach rechtlicher Gleichstellung der Juden nachweisen. Der zentrale Grund dafür ist, dass sich in dieser Diskussion die Selbst- und Feindbilder wandeln: Es geht in der Emanzipationsdiskussion nicht zuerst um die Unterscheidung zwischen Christ*innen und Jüdinnen*Juden, sondern um die Zugehörigkeit zum Staat, um Deutsche, Franzosen usw. – und Juden.
b) Auch wenn die Unterscheidung zwischen einem modernen und einem vormodernen Antisemitismus in der Antisemitismusforschung gut etabliert ist, wird sie weder allgemein geteilt noch ist sie unumstritten. Ein prominentes Beispiel für eine andere Phaseneinteilung ist Langmuir (1990), der den schimärischen Charakter des Antisemitismus betont und dessen Entstehung auf etwa das 14. Jahrhundert in Nordeuropa datiert. Andere Autor*innen, z. B. Peter Schäfer (2020, 9 f.), betonen das Gemeinsame von modernem und vormodernem Judenhass und lehnen eine begriffliche Differenzierung von Phasen ab. Umstritten ist die Unterscheidung, weil sie eine klare Differenz suggeriert, die in gewisser Weise plausibel ist: Der moderne Antisemitismus fokussiert im Selbstbild der Antisemit*innen auf die ethnische Gruppe »Volk« und im antisemitischen Feindbild auf die ebenfalls ethnisch verstandene Gruppe »Juden«. Empirisch stellt sich dies aber aus zwei Gründen oft weniger eindeutig dar: Zum einen ist gerade im 19. Jahrhundert ein auch religiös geprägtes Verständnis von Volk im Antisemitismus eher die Regel als die Ausnahme, zum anderen rufen viele den Jüdinnen*Juden gemachte Vorwürfe explizit oder implizit religiöse Traditionen des Judenhasses auf. Als Beispiel sei an dieser Stelle nur auf die Stereotype von Juden*Jüdinnen als Kindermördern und auf das gerade in visuellen Darstellungen oft präsente Bild des »blutsaugenden Juden« verwiesen.
c) Die Unterscheidung zwischen einem vormodernen und einem modernen Antisemitismus muss davon ausgehen, dass sich Varianten des gegenwärtigen Antisemitismus wie etwa → israelbezogener Antisemitismus (Kap. 2.8) oder → »sekundärer Antisemitismus« (Kap. 2.5) als Varianten des modernen Antisemitismus verstehen lassen. Das Argument dafür ist empirischer Natur: Die oben genannte Grundstruktur des modernen Antisemitismus lässt sich in allen Varianten des modernen Antisemitismus nachweisen. Dieser Position stehen Auffassungen gegenüber, für die moderner Antisemitismus eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Antisemitismen in modernen Sozialordnungen ist. Hier wird dann zwischen jeweils dominanten Ausprägungen unterschieden: einem frühmodernen Antisemitismus (vor 1879, → Antijudaismus, Kap. 2.2), einem rassistischen Antisemitismus (bis 1945), einem → sekundären Antisemitismus (nach 1945, Kap. 2.5) und einem → israelbezogenen Antisemitismus (Kap. 2.8) in der Gegenwart.
Nationalsozialismus ist untrennbar mit Antisemitismus verbunden, aber die massenmörderische Praxis der Shoah wirft das analytische Problem auf, ob dem nationalsozialistischen Antisemitismus eine spezifische Radikalität eignet. Ein wichtiges Konzept kristallisiert sich um den Begriff »Erlösungsantisemitismus«, der vor allem durch Saul Friedländer geprägt wurde. In seinem Buch zur Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1939 widmet er der Entfaltung dieses Begriffs ein ganzes Kapitel (Friedländer 1999, 87-128). Friedländer gewinnt diesen Begriff, indem er auf »das Überleben des traditionellen religiösen Antisemitismus« (Friedländer 1999, 97) verweist. Entgegen der Annahme, dass die christliche Judenfeindschaft (→ Antijudaismus, Kap. 2.2) von einem rassistisch bestimmten Antisemitismus im 19. Jahrhundert abgelöst wurde, hat sich ein aus religiösen Überlieferungen und Gefühlen gespeister Judenhass auch im 20. Jahrhundert durchaus erhalten. Im Religionsunterricht, im Katechismus, in der Liturgie und nicht zuletzt in der Alltagssprache sind antijüdische Floskeln, Redensarten, Bilder oder unverblümte Schmähungen tradiert worden. »Was immer sich sonst über den Juden sagen ließ«, hält Friedländer fest, »er war zuallererst ›der andere‹, der Christus und die Offenbarung verschmäht hatte.« (Friedländer 1999, 98).
Auch Alon Confino betont in seinem Buch »A World without Jews« am Beispiel der Vernichtung von Tora-Rollen während des Novemberpogroms 1938, dass der nationalsozialistische Antisemitismus die judenfeindliche Imagination einer Christenheit ohne Juden integrierte (Confino 2014). Auf diese Verbindung verweisen auch die seit 1934 überall im Deutschen Reich aufgestellten »Stürmerkästen«, große, grellrot angestrichene Schaukästen, in denen die aktuelle Ausgabe des antisemitischen Hetzblattes »Der Stürmer« ausgehängt war und die mit antisemitischen Sprüchen wie »Der Vater der Juden ist der Teufel« betitelt waren. Damit wurde – für alle Passant*innen in Deutschland in den 1930er Jahren unschwer zu erkennen – auf einen Vers im Johannes-Evangelium angespielt, in dem Jesus zu den im christlichen Sinn glaubensunwilligen Juden sagt: »Ihr habt den Teufel zum Vater« (Johannes 8,44). Selbst Hitler zog zuweilen das christliche Register, wenn er zum Beispiel in »Mein Kampf« formulierte: »So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.« (Hitler 2016, 231)
Die vielleicht stärkste Wirkung des religiösen Antisemitismus, so Friedländer, war die »aus dem Christentum ererbte Doppelstruktur des antijüdischen Bildes« (Friedländer 1999, 98). Einerseits waren Juden verachtete Außenseiter, die sich dem Triumph des Christentums verweigerten; andererseits erschienen Juden seit dem Mittelalter in den chiliastischen Bewegungen und im christlichen Volksglauben als dämonische Abgesandte des Bösen, als Verkörperungen des Anti-Christ, dessen Vernichtung dem Kommen Christi, der Erlösung, vorangeht.
Während der rassische Antisemitismus, so Friedländer, nur ein Element einer umfassenderen rassistischen Weltanschauung darstelle, sei im Erlösungsantisemitismus der Kampf gegen die Juden der beherrschende Aspekt, während andere rassistische Themen nur sekundäre Anhängsel seien. »Der Erlösungsantisemitismus ging aus der Furcht vor rassischer Entartung und aus dem religiösen Glauben an Erlösung hervor. […] Das Deutschtum und die arische Welt waren auf dem Weg ins Verderben, wenn der Kampf gegen die Juden nicht aufgenommen wurde; dies sollte ein Kampf bis aufs Messer sein. Die Erlösung würde als Befreiung von den Juden kommen – als ihre Vertreibung, wenn möglich ihre Vernichtung« (Friedländer 1999, 101-2).
Friedländers Begriff »Erlösungsantisemitismus« korrespondiert eng mit einer Betrachtung des Nationalsozialismus als politische Religion (vgl. auch → Detlev Claussen, Kap. 4.6). Mit diesem von Eric Voegelin (1993) entwickelten Begriff wird der Nationalsozialismus wie der Stalinismus als totalitäre Religion gedeutet, die im Diesseits Glauben weckt und Erlösung verspricht und spezifische liturgische Praktiken instrumentalisiert (Maier 1996; Ley und Schoeps 1997). Allerdings gründet sich das Konzept der politischen Religion, was den Nationalsozialismus betrifft, in erster Linie auf die Interpretation der Schriften führender Nationalsozialisten wie Adolf Hitler, Joseph Goebbels oder Alfred Rosenberg (Bärsch 1998). Ebenso bezieht sich Friedländer in seiner Konzeption des Erlösungsantisemitismus insbesondere auf Adolf Hitler und dessen Bezug zu Richard Wagner (Friedländer 1999, 102-5, 111-20).
Nur vordergründig ähnelt das Konzept des Erlösungsantisemitismus indessen dem »eliminatorischen Antisemitismus«, den Daniel Goldhagen in Anschlag brachte (Goldhagen 1996). Während Goldhagen eine spezifische deutsche Kultur des »eliminatorischen Antisemitismus« seit dem 19. Jahrhundert behauptete, erhielt der Erlösungsantisemitismus seine radikale Vernichtungsdimension vielmehr aus der Amalgamierung von christlicher Erlösungsreligion und rassistischer Untergangsfurcht.
Kritisch anzumerken bleibt, dass zum einen die Verallgemeinerung individueller Weltanschauungsäußerungen führender Nationalsozialisten auf das Handeln vieler Täter*innen nur schwer zu erbringen ist. Zum anderen verweist die neuere Holocaust-Forschung sowohl auf die kumulative Radikalisierung der Gewalt durch zahlreiche Akteur*innen und Institutionen mit durchaus unterschiedlichen Motiven als auch auf den Krieg als entscheidende Bedingung, um die Vernichtungsgewalt gegen Jüdinnen*Juden zu entfesseln (Pohl 2022). Allerdings überzeugt das Konzept des Erlösungsantisemitismus mit dem Argument, dass die christliche Judenfeindschaft auch im Nationalsozialismus weiterhin eine bedeutsame Rolle spielte, und mit der Betonung der emotionalen Dimension (→ Rationalität und Emotionalität, Kap. 3.12) des Antisemitismus, die im Religiösen, im Glaubenseifer, ihren Ausdruck findet.
Der Begriff des sekundären Antisemitismus soll die Besonderheit der Judenfeindschaft nach dem Holocaust erfassen. Unter primärem Antisemitismus ist dementsprechend der klassische → moderne (Kap. 2.3) und/oder der nationalsozialistische Antisemitismus zu verstehen. Moses Moskowitz vermutet bereits 1946, dass »a new form of anti-Semitism may be arising in Germany« (Moskowitz 1946). 15 Jahre später beendet Peter Schönbach seine Untersuchung der antisemitischen Schmierwelle 1959/60, die hauptsächlich jugendlichen Tätern zur Last gelegt wurde, mit der These: »Es ist denkbar, daß wir es heute in vielen Fällen mit einer Art Sekundärantisemitismus zu tun haben, einer Trotzreaktion, die die traditionellen antisemitischen Vorstellungen, seien es die eigenen oder die der Eltern, um ihrer Rechtfertigung willen am Leben erhält« (Schönbach 1961, 80). Schönbach hatte dabei insbesondere die intergenerationelle Tradierung des Antisemitismus von der NS- zur Nachfolge-Generation im Blick, die er im Rahmen des Autoritarismus-Konzeptes analysierte. Aber schon in dem knappen Zitat werden die beiden Grundfragen benannt, die für den Begriff des sekundären Antisemitismus entscheidend blieben: Wie verändern sich erstens die »traditionellen antisemitischen Vorstellungen«, wenn sie zweitens als »Trotzreaktion« und »Rechtfertigung« von den Nachgeborenen auf den Holocaust bezogen werden? Mit dem »recht glücklichen Ausdruck eines ›sekundären Antisemitismus‹«, so die ursprüngliche Konzeption, sollte das »Nachleben des faschistischen Antisemitismus« untersucht werden (Adorno 1971b, 108).
Für die Legitimität der jungen BRD wie die der DDR war die demonstrative Abgrenzung vom Nationalsozialismus entscheidend.[9] Der öffentliche Gebrauch offensichtlich nationalsozialistischer Sprechweisen wurde diskreditiert, die explizite Anerkennung der Abgrenzung vom Nationalsozialismus eingefordert. Damit geriet die Fortsetzung des Antisemitismus, auch wenn sie sich vom Nationalsozialismus fernhielt, in eine Zwickmühle. Angesichts der mörderischen Realisierung des Antisemitismus bedurfte es nun einer antisemitischen Rechtfertigung, warum trotz der deutschen Verantwortung für Auschwitz weiterhin »die Juden« der Taten gegen »uns« zu beschuldigen seien. Damit rückt Auschwitz in den Mittelpunkt des Antisemitismus nach Auschwitz. Der Mord an Jüdinnen und Juden muss weg-erklärt, derealisiert, bagatellisiert werden, damit sich die Antisemit*innen erneut als Opfer »jüdischer Taten« präsentieren können. Das Muster, in dem diese Verkehrung der tatsächlichen Verhältnisse vorgenommen wird, ist die Täter-Opfer-Umkehr. Dieses Muster kennzeichnet jeden Antisemitismus nach Auschwitz.
Von sekundärem Antisemitismus wird in der Regel dann gesprochen, wenn dieses Muster im Zentrum antisemitischer Äußerungen steht. Typische Formulierungen hierfür sind: »Die Juden« werfen »uns« den Holocaust vor, um sich zu bereichern. Oder: »Wir« haben selbst so sehr im Zweiten Weltkrieg (z. B. in Bombennächten, zugespitzt formuliert im »Bombenholocaust«) und unter dessen Folgen (z. B. deutsche Teilung) gelitten, haben überdies in großzügigen Wiedergutmachungen »die Juden« entschädigt, so dass jede weitere Beschuldigung bösen Absichten entspringen muss. Der sekundäre Antisemitismus zielt also darauf, die »Vergangenheit« so zu »bewältigen«, dass sie keine Bedeutung mehr für die Gegenwart hat. Damit verstrickt sich der sekundäre Antisemitismus in eine »Paradoxie der Normalisierung« (Holz und Haury 2021, 95 ff.): Die Täter-Opfer-Umkehr ist paradox, insofern und weil sie Schuld und historische Verantwortung Deutschlands respektive des Antisemitismus für den Holocaust (wenigstens für die Zukunft) belanglos machen möchte, dies aber nur kann, indem sie sich gerade mit dem beschäftigen muss, was doch im Ergebnis der semantischen Manöver bar jeder Bedeutung für »uns« sein soll.
Die Täter-Opfer-Umkehr wird häufig in der → Einstellungsforschung (Kap. 3.11) als Item verwendet. Diese zeigt seit Jahrzehnten, dass der Wunsch nach einem »Schlussstrich unter die Vergangenheit« von 50 und mehr Prozent der deutschen Bevölkerung geteilt wird (z. B. u. a. Heyder, Iser und Schmidt 2005, 151). Um sekundär-antisemitische Einstellungen handelt es sich dann, wenn ein »jüdischer Täter« benannt wird. Für den sekundären Antisemitismus ist typisch, dass er mit Andeutungen (»Lügenpresse« statt »Judenpresse«), verschleierten Formulierungen (»Zionismus« statt »Judentum«), Beispielen (»Soros« statt »internationales Geldjudentum«) und dergleichen antisemitische Sinngehalte mehr oder minder explizit formuliert. Wir haben es also – gemessen am »klassischen« und nationalsozialistischen Sprachgebrauch – häufig mit »krypto-antisemitischen« Äußerungen zu tun, die bewusst mit einem »gewissen Gestus des Augenzwinkerns« antisemitische Vorstellungen eher andeuten als hart ausformulieren (Adorno 1971b, 107). Der sekundäre Antisemitismus wird also tendenziell latent kommuniziert (Bergmann und Erb 1986; Weyand 2017).
Neben dem Konzept der Kommunikationslatenz wurden weitere Theoreme entwickelt, die heute meist im Begriff des sekundären Antisemitismus mitgemeint sind, was diesen Begriff zu einem weithin gebräuchlichen, aber auch zuweilen unscharfen hat werden lassen. Diese lassen sich in drei Theoremen verdichten.
War erstens »Antisemit« zunächst die affirmative Selbstbezeichnung der modernen Judenfeinde (→ Antisemitismus – der Terminus, Kap. 2.1), wird Antisemitismus nach 1945 mit dem Nationalsozialismus und zunehmend dem Holocaust identifiziert. Deshalb verstehen sich viele Personen, obwohl sie einen »weithin ungebrochenen Vorstellungs- und Einstellungskomplex« teilen, nicht selbstbewusst als Antisemit*in. Sie reproduzieren den »Antisemitismus ohne Antisemiten« (Marin 1979; 1981). Sekundärer Antisemitismus wird heutzutage häufig von Personen geäußert, die sich explizit als Nicht-Antisemiten bezeichnen und stattdessen Aufklärung, Wissenschaft, Antifaschismus und Menschenrechte für ihre Positionen reklamieren.
Zweitens ist das psychoanalytische Schuld-Abwehr-Theorem zu nennen (Adorno 1955, → Psychoanalyse des Antisemitismus, Kap. 3.8). Durch die nationale Identifikation mit Deutschland wird die Verantwortung Deutschlands für den Holocaust als Schuldvorwurf wahrgenommen, der das Selbstbild belastet. Diese Belastung wird abgewehrt, um das Selbstbild zu entlasten. Der Vorwurf, personifiziert »im Juden«, wird zum Aggressor, gegen den sich der narzisstische Wunsch, einem guten Kollektiv anzugehören, wehrt. Unklar bleibt in der Verwendung dieses Theorems oft, ob tatsächlich eine unbewusste emotionale Dynamik oder die »gar nicht so unbewußte Abwehr von Schuld« gemeint ist, die sich kommunikativ als Täter-Opfer-Umkehr artikuliert (Adorno 1959, 555).
Ein drittes Theorem verbindet sekundären mit → israelbezogenem Antisemitismus (Kap. 2.8). Indem antisemitische Äußerungen statt »vom Juden« von Israel zu sprechen vorgeben, meiden sie die Nähe zu klassischem und nationalsozialistischem Sprachgebrauch. Diese Ausprägung des Antisemitismus rechtfertigt sich als »Antizionismus« und »Israel-Kritik« und kann sich selbst als antifaschistisch darstellen, indem sie Israel in die Nähe des Nationalsozialismus rückt.[10] Damit ist eine perfekte Täter-Opfer-Umkehr möglich: »Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben«. Dieser Aussage stimmen aktuell in Deutschland »eher« oder »ganz« 25 bis über 50 Prozent zu (Zick, Küpper, und Berghan 2019, 70 f.; u. a. Heyder, Iser und Schmidt 2005, 151).
War der Begriff des »Sekundärantisemitismus« zunächst intergenerationell vom primären geschieden, deckt er inzwischen ein weites Feld des zeitgenössischen Antisemitismus ab. Trotz mancher Uneinheitlichkeit im Einzelnen artikuliert dieser Begriff eine grundlegende Veränderung: Nach dem Nationalsozialismus und insbesondere nachdem der Holocaust ins Zentrum der Erinnerungskultur gerückt wurde, steht jede Judenfeindschaft unter dem neuartigen Rechtfertigungsproblem: Wie kann Antisemitismus nach dessen mörderischer Realisierung in den Vernichtungslagern weiterhin legitim sein? Die Täter-Opfer-Umkehr beantwortet diese Frage und ist die Grundform des sekundären Antisemitismus.
Hieraus ergeben sich jedoch drei Probleme, die bislang in der Forschung strittig sind bzw. unbearbeitet blieben. Erstens wird sekundärer Antisemitismus fast nur auf Deutschland bezogen, das Rechtfertigungsproblem aber stellt sich postnazistisch für jeden Antisemitismus, wenngleich in den NS-Nachfolgestaaten besonders stark. Dementsprechend ist die Täter-Opfer-Umkehr nicht nur eine deutsche und intergenerationelle Reaktion auf den Holocaust, sondern das allgemeine Kennzeichen des »postnazistischen Antisemitismus« (Holz und Haury 2021, 85 ff.). Zweitens ist der Zusammenhang zwischen der psychischen Dynamik (Schuld-Abwehr) und der Entwicklung der Erinnerungskultur unterbestimmt. Handelt es sich um die Abwehr von Schuld oder eines Schuldvorwurfs? Oder handelt es sich um die emotionale Bewältigung der (öffentlich durchgesetzten) Anerkennung des Holocausts? Drittens tendiert die überwiegende Mehrheit der Forschung dazu, sekundären Antisemitismus als eigenständigen Typus zu betrachten. Damit wird die Frage nach der Kontinuität in Wandlungsprozessen antisemitischer Ausdrucksformen vernachlässigt, die zugleich im Begriff »sekundär« angezeigt wird. Der sekundäre Antisemitismus hat den primären nicht nur als Problem der Vergangenheitsbewältigung geerbt, sondern er greift überdies auf die zentralen klassischen Stereotype wie »Geld« und »Presse« zurück, um den »jüdischen Schuldvorwurf« als unberechtigt, hinterlistig und rachsüchtig zurückzuweisen.
Die Behauptung eines »Neuen Antisemitismus« findet sich punktuell bereits nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und sollte unter anderem auf antisemitisch motivierten Hass gegenüber Israel verweisen.[11] Dabei rückte die (radikale) Linke erstmals explizit als relevanter Träger von Antisemitismus in den Mittelpunkt (Raab 1974). Auch in den 1980er und 1990er Jahren finden sich – vor allem im angloamerikanischen Raum – vereinzelte Stimmen, die vor einem »new Anti-Semitism« warnen (Horowitz 1993; Volkman 1982, 10). International weit verbreitet hat sich der Begriff jedoch erst Anfang des Jahrtausends.[12] Anlass dafür waren politische Ereignisse wie die Zweite Intifada in den Jahren 2000/2001, die Anschläge vom 11. September 2001 oder die UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban im selben Jahr. Begleitet wurden diese von einem Anstieg judenfeindlicher Straftaten und der Zustimmung zu entsprechenden Aussagen bei Befragungen in Teilen Europas.
Kritiken am Konzept eines »Neuen Antisemitismus« wurden recht bald sowohl entlang des Begriffs »neu« – also entlang der Frage nach der (Dis-)Kontinuität antisemitischer Stereotype – als auch entlang des Begriffs »Antisemitismus« artikuliert.
Befürworter*innen wiesen dem gegenüber weniger auf die quantitativen als auf die qualitativen Wandlungen der Kontexte und Argumentationsfiguren hin, die der Begriff erfassen soll: die Veränderungen in Hinblick auf a) die Träger*innen und b) die inhaltlichen Bezugspunkte einer zunehmend globalisierten Judenfeindschaft. Einige Autor*innen verwiesen zudem c) auf neue, digitale Anwendungs- und Verbreitungskontexte.
a) Träger*innen: Während der Antisemitismus für die politische Rechte zwar weiterhin relevant sei, seien doch zwei Gruppen sichtbarer geworden. Zum einen rückten in den Debatten um den »Neuen Antisemitismus« islamisch geprägte Länder und Diaspora-Communities in Europa – und hierin vor allem männliche Jugendliche – in den Fokus (Arnold 2019; Schroeter 2018), wie auch das Erstarken des radikalen Islamismus. Zum anderen werde die politische Linke zu einem zentralen Akteur, insbesondere die globalisierungskritische wie auch die Friedensbewegung (Rosenfeld 2007; Walzer 2004). Neu sei dabei auch die Kooperation zwischen diesen gegensätzlichen Akteuren: Gerade der antizionistische Antisemitismus mache »die unterschiedlichsten politischen Lager im Antisemitismus kooperations- und koalitionsfähig«, hier könnten sich »der islamisierte, der rechtsradikale, der marxistisch-leninistische, der globalisierungskritische und der Antisemitismus der Mitte treffen« (Holz 2005b, 15). Diese Konstellation war zu vorherigen Zeitpunkten kaum möglich gewesen.
b) Inhalte: Diese Trägergruppen hingen unmittelbar mit veränderten inhaltlichen Bezugspunkten zusammen. Vorstellungen angeblicher »rassischer« oder »ethnischer« Andersartigkeit oder Überlegenheit seien nämlich immer seltener Anknüpfungspunkte für den Antisemitismus. Vielmehr seien Antirassismus, Antiimperialismus, Antiamerikanismus oder Antikolonialismus – also klassisch linke Themen – ideologische Bezugspunkte für einen virulenten Antizionismus, der fließende Übergänge zum Antisemitismus zeige (Chesler 2003, 88; Taguieff 2004b, 67 f.).[13] Der Nahostkonflikt, nicht mehr der Nationalsozialismus, sei somit zentraler weltpolitischer Bezugspunkt für die Artikulation des Ressentiments. Immer mehr nehme Kritik an Israel antisemitische Formen an.
c) Digitale Medien: Zunehmend reproduzierten seit der Verbreitung des Internet digitale und soziale Medien antisemitisches Gedankengut. Nicht zuletzt dank der von neuen Medien gebotenen Möglichkeiten sei weniger der nationalstaatliche Rahmen Orientierungspunkt für antisemitische Diskurse; vielmehr würde die Debatte global geführt (Brodnig 2019; Porat 2007, 133; Schwarz-Friesel 2019a).
Ein Strang der Kritik fragt nach dem »Neuen« des »Neuen Antisemitismus«. Während ein quantitativer Anstieg antisemitischer Straftaten gerade für Europa zu Anfang des Jahrtausends durchaus festgestellt werden konnte, verweisen Kritiker*innen entlang des Vergleichs empirischer (Einstellungs-)Studien auf die Schwierigkeit, jenseits kurzfristiger Periodeneffekte (also ereignisbezogener Schwankungen im Meinungsklima) einen längerfristigen Trend auszumachen (Bergmann 2008).
In Bezug auf die qualitativen Charakteristika des »Neuen Antisemitismus« weisen manche Autor*innen darauf hin, dass man nicht von einer grundsätzlich neuen Form des Antisemitismus sprechen könne. Vielmehr werde dieser nur an veränderte weltpolitische Gegebenheiten angepasst und somit der → Nahostkonflikt (Kap. 3.4) in den Mittelpunkt gerückt, während altbekannte Semantiken erhalten blieben (etwa die Struktur der Wir-/Sie-Unterscheidungen oder ihr verschwörungsideologischer Charakter, Holz 2005b, 5 f.). Aber auch einige Vertreter*innen der These eines »neuen« Antisemitismus argumentieren mit der historischen Kontinuität antisemitischer Topoi, etwa in der Linken oder im Islam. Sie betonen, dass alte ideologische Erbschaften aktuell wieder besonders sichtbar und bedrohlich würden.
Ein zweiter Strang der Kritik fokussiert das zweite Wort des Konzepts: »Antisemitismus«. Er bezieht sich auf den Zusammenhang zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus (→ Israelbezogener Antisemitismus, Kap. 2.8). Den Vertreter*innen der These eines »neuen Antisemitismus« wird dabei politischer Missbrauch des Konzepts vorgeworfen. Es möge zwar eine Zunahme an Antizionismus geben, aber: Der »Neue Antisemitismus« sei kein Antisemitismus, vielmehr werde legitime Kritik an Israel mit diesem Vorwurf desavouiert (vgl. Beller 2007; Butler 2019, 201; Finkelstein 2007; Judaken 2008; Klug 2003; 2004b).
In den letzten Jahren hat der Begriff des Neuen Antisemitismus als Analysekonzept an Bedeutung verloren. Das damit Bezeichnete aber steht weiterhin im Mittelpunkt wissenschaftlicher wie politischer Kontroversen (Judaken 2013; Marcus 2013; Klug 2013a; Rosenfeld 2013).[14] Immer wieder kreisen diese, wie die Antisemitismusforschung generell, um die Fragen von Beständigkeit und Wandel antisemitischer Vorurteile und Praktiken, und somit um das Wesen des modernen Antisemitismus. Verkompliziert werden die Debatten dadurch, dass sie sich in einem politisch aufgeladenen Feld an den Schnittstellen von Wissenschaft, Aktivismus, internationaler Politik und Bildungsarbeit bewegen. Sie erinnern daran, dass die mit dem Begriff verbundenen Themenkomplexe – arabisch-muslimischer Antisemitismus wie Antisemitismus von links, das Verhältnis zwischen Antizionismus und Antisemitismus – auch nach zwei Jahrzehnten nichts an Sprengkraft eingebüßt haben.
Unter verschiedenen Oberbegriffen wird seit Anfang des Jahrtausends (→ Neuer Antisemitismus, Kap. 2.6) Judenfeindschaft unter Menschen mit muslimischem und/oder arabischem Hintergrund diskutiert, sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland. Befördert wurden diese Debatten einerseits durch die Zunahme an islamistischen Terroranschlägen in Europa, andererseits durch muslimische Migration in europäische Länder (Arnold 2019, 128 f.). Insbesondere der Fokus auf muslimische Migrant*innen in Deutschland wurde wiederum im Kontext der Fluchtmigration aus arabischen Ländern 2015/2016 wie auch durch israelfeindliche und antisemitische Demonstrationen und Handlungen der vergangenen Jahre verstärkt. Medial wurde dabei teilweise der polemische Begriff des »importierten Antisemitismus« verwendet, welcher auch eine Externalisierungsleistung vollziehen und vom weit verbreiteten Antisemitismus unter »Alteingesessenen« nach 1945 weit ablenken kann (→ Sekundärer Antisemitismus, Kap. 2.5). Er hat keinen Eingang in wissenschaftliche Debatten gefunden.
Unstrittig – auch aufgrund der empirischen Datenlage (American Jewish Committee 2022; Anti-Defamation League 2014; Arnold und König 2019; Günther Jikeli 2018) – ist jedoch, dass antisemitische Vorurteile in Deutschland wie global auch
