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Der Protestantismus ist eine Bildungsreligion. Protestantische Bildungsverantwortung beschränkt sich nicht auf Schule und Unterricht. Dieser Band beleuchtet wichtige Dimensionen von Bildung im Horizont von Religion: ethisches Lernen anhand von Vorbildern, ökumenisches Lernen, religiöse Bildung im Religionsunterricht im Verhältnis zum Fach "Werte und Normen" sowie die Fragen nach dem Proprium religiöser Bildung und nach der Kategorie "Religionssensibilität". Auch grundlegende Verhältnisbestimmungen religiöser Bildung werden eingehend thematisiert, so etwa das Verhältnis von Bildung und Kompetenzorientierung, Spiritualität und Bildung, Seelsorge und Bildung, Biblischer Theologie und Bildung.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Religion im kulturellen Kontext
Band 3
1. Auflage 2014
Alle Rechte vorbehalten
© 2014 W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-025176-2
E.Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-025177-9
epub: ISBN 978-3-17-025178-6
mobi: ISBN 978-3-17-025179-3
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Vorwort
Thorsten Paprotny
Theologisch denken mit Friedrich Johannsen
Ulrich Becker
Ökumenisches Lernen im Horizont der Globalisierung – auch ein Beitrag zu einem zukunftsfähigen Lernen
Alexandra Dierks
Spiritualität und Bildung?
Bernhard Dressler
Religion im Bildungssystem
Klaus Grünwaldt
Biblische Theologie und Bildung
Matthias Günther
Die seelsorgeliche Dimension religiöser Bildungsarbeit mit Jugendlichen
Marco Hofheinz
Bildung als ethisches Lernen anhand von kritisch-gebrochenen Vorbildern. Impulse Dietrich Bonhoeffers
Silke Leonhard
Religionssensibilität – Überlegungen zu einer religions-pädagogischen Kategorie
Reinhold Mokrosch
Philipp Melanchthon als (Religions)Pädagoge – noch aktuell für Evangelische Bildung heute?
Harry Noormann
Religionsunterricht und Werte und Normen. Denkanstöße für einen differenzierten Lernbereich
Christiane Rösener, Christine Althammer, Eileen Richter
„und sie haben dann halt ähm äh ihre, müssen dann selbst gestalten“ – Religionslehrerinnen und -lehrer und die Gestaltungskompetenz
Frederike van Oorschot
Verstehst du auch, was du da liest? Übersetzung religiöser Überzeugungen im öffentlichen Raum im Anschluss an Schleiermacher
Jens Wening
Wie der Bibeltext von der Fesselung Isaaks (Gen 22,1–19) bildet
Autoren
Die Frage nach Bildung im Horizont von Religion weist in zwei Richtungen. Bildungstheoretisch geht es um den religiösen Modus des Weltzugangs im Kontext allgemeiner Bildung in einer Zeit revolutionärer digitaler Wissenskommunikation. Der Erweis, dass Bildung ohne Religion defizitär bleibe, birgt große bildungspolitische Brisanz. Umgekehrt ist die theologische Frage virulent, wie die „reformatorische Bildungsreligion“ aus ihren genuinen Quellen schöpfen kann, um Glaube zu kritischer Selbstdistanz und zur Unterscheidung vom „Gott des Friedens und den Göttern der Macht“ (Ingo Baldermann) zu befähigen – Religion ohne Bildung bleibt unbewehrt gegenüber eigener Begrenztheit und Unvollkommenheit.
Die Anlage des vorliegenden Bandes folgt der Einsicht, dass „Bildung im Horizont von Religion“ über die Religionspädagogik hinaus die Theologie insgesamt vor eine Bewährungsprobe stellt. Dieser erkenntnisleitenden Fragestellung haben sich daher im Sommersemester 2013 Vertreter(innen) verschiedener theologischer Fachdisziplinen im Dialog mit der Religionspädagogik gestellt, deren differenziertes Fachspektrum nuancierte Perspektiven auf den Bildungsdiskurs gestattet. Im wöchentlichen Rhythmus der Lehrveranstaltung haben Kolleg(inn)en der Abteilung Evangelische Theologie und Religionspädagogik am Institut für Theologie und Religionswissenschaft der Leibniz Universität Hannover Forschungsprojekte, Projektideen, Initiativen und Problemaspekte zu „Bildung im Horizont von Religion“ zur Diskussion gestellt. Jede Sitzung hatte ein Projekt bzw. eine Initiative oder Idee zum Gegenstand. In „Expertenteams“ haben sich die Studierenden im Vorfeld gezielt auf die jeweiligen thematischen „Brennpunkte“ vorbereitet.
Der vorliegende Band dokumentiert die einzelnen Vorträge dieser Veranstaltung – erweitert um Beiträge einiger externer Expertinnen und Experten zu besagter Thematik. Es handelt sich zugleich um Weggefährt(inn)en von Friedrich Johannsen, dem Gründungsdekan der Hannoveraner Philosophischen Fakultät und langjährigem Leiter unseres Instituts und unserer Abteilung. Ihm sind diese Beiträge als Festschrift zu seinem 70. Geburtstag am 14.03.2014 in großer Dankbarkeit gewidmet.
Friedrich Johannsen hat seine besondere Gabe meisterlich entfaltet, neue Entwicklungen und Forschungsfelder der Theologie und anderer Disziplinen in religionspädagogische Perspektiven zu übersetzen und für diese fruchtbar zu machen1 – so zuletzt in dem „Arbeitsbuch Systematische Theologie für Religionspädagogen“2. Für eine theologisch tragfähige Verhältnisbestimmung von Bildung und Religion in reformatorischer Perspektive ist nach Friedrich Johannsens Verständnis deren anthropologische Verortung entscheidend. Bildung gründet dementsprechend in der Gott-Mensch-Beziehung und zielt auf das Verstehen und Gestalten von Beziehungen. Gott selbst bildet dabei den Mensch durch das Christusgeschehen neu als beziehungsfähige Person. Und in Analogie dazu bildet sich der Mensch als beziehungsfähiges Subjekt. Im letzteren Sinn ist Bildung – wie Friedrich Johannsen im Anschluss an Luther nicht müde wird hervorzuheben – ein „weltlich Ding“. Und so kann Friedrich Johannsen festhalten: „Elementare theologische Bildung scheint mir für junge Religionspädagoginnen und -pädagogen eine wesentliche Bedingung zu sein, wenn sie sich mit ihrem Fach im Kontext der Schule behaupten wollen.“3
Die Erstellung und Gestaltung dieser Festschrift wäre ohne die fleißige Mithilfe unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Abteilung Ev. Theologie nicht möglich gewesen. Wir danken namentlich Raphaela Meyer zu Hörste-Bührer, Jörn Neier, Frederike van Oorschot, Ina Schröder und Jens Wening. Den Satz hat verdienstvoller Weise Frederike van Oorschot erstellt. Ein herzliches Dankeschön für einen großzügigen Druckkostenzuschuss gilt der Ev.-Lutherischen Kirche von Hannover und Frau Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track. Ohne diese finanzielle Hilfe hätte dieser Band nicht erscheinen können. Für verlegerische Betreuung danken wir Herrn Florian Specker und Frau Julia Zubcic. Das Bild von Friedrich Johannsen hat uns seine Frau Ingrid diskret zukommen lassen. Sie hat das große Engagement ihres Mannes über die vielen Jahre mitgetragen. Ihr gilt unser besonderer Dank.
Hannover, im Dezember 2013 Marco Hofheinz und Harry Noormann
1Vgl. Becker, Ulrich: Laudatio für Professor Dr. Friedrich Johannsen bei der Festveranstaltung anlässlich seines 65. Geburtstages. In: Ders. (Hg.): Theologie im Kontext pluraler Lebensformen. Beiträge zum interdisziplinären Gespräch. Friedrich Johannsen zum 65. Geburtstag. Stuttgart 2011, 11–16.
2Johannsen, Friedrich/Wagner, Wiegand: Arbeitsbuch Systematische Theologie für Religionspädagogen (In Vorbereitung).
3Johannsen, Friedrich: Religionspädagogik im Spannungsfeld von Kritik und Gestaltung. In: Rupp, Horst F.: Lebensweg, religiöse Erziehung und Bildung. Religionspädagogik als Autobiographie Bd. 4. Würzburg 2011, (179–195) 192.
Friedrich Johannsen erblickte am 14. März 1944 in Schüttorf das Licht der Welt. Zu den Voraussetzungen seiner Geburt gehörte protestantischer Trotz. Der reformierte Pastor hatte vergebens vor einer „Mischehe“ gewarnt. Friedrichs Vater, lutherisch getauft, und die einem calvinistischen Elternhaus entstammende Mutter trauten einander und schlossen den Bund fürs Leben. Der junge Friedrich wuchs in der Grafschaft Bentheim auf. Die „Feiertagsruhe“ erlebte er als „tödlich langweilig“, die sichtbaren Erzeugnisse des „protestantischen Arbeitsethos“ beeindruckten ihn so sehr, dass er später einen Aufsatz mit einem vielsagenden Titel verfasste: „‚Umsonst ist’s, daß ihr früh aufsteht‛. Biblische Impulse zu einer Ethik der Arbeit“. Früh zeigte sich die Neigung zu pragmatischen Lösungen. Johannsen besuchte das konfessionell gemischte Gymnasium in Rheine. Gelegentliche Abwesenheit beim Schulgottesdienst begründete er verschmitzt mit der „evangelischen Freiheit“. Die Schulzeit ermöglichte die ökumenische Vielfalt zu studieren. Er berichtet über Erfahrungen und Einsichten:
„In den Gesprächen über die Besonderheiten der jeweiligen Konfession kam immer wieder zum Durchbruch, daß sich der evangelische Glaube vor allem in Negationen ausdrückte: nicht zur Kirche müssen, nicht an die Heiligen glauben, nicht zu Maria beten, keine Wandlung beim Abendmahl, nicht beichten müssen, kein oder wenig Kirchenschmuck, kein Weihrauch, kein Weihwasser. Gab es schon in der Kirche wenig Heiliges, war alles andere in jedem Fall profan. So war für mich auch die ungeheure Empörung der Schulleitung kaum verständlich, als die gestiftete Statue des heiligen Sebastian eine lange weiße Unterhose trug, der Pfeil herausgeschraubt und die Wunde mit Hansaplast beklebt war.“1
In Schüttorf galt die Kirche als Herzstück des Ortes. Die von der Kanzel verkündigte christliche Lehre war bindend, „auch oder gerade auch, wenn sie zu Anfechtungen führte“.2 Friedrich Johannsens Weg zur Theologie begann im Emsland. Er machte sich früh den protestantischen Impuls der kritischen Reflexion zueigen und mit diesem verbunden die Leidenschaft für die evangelische Freiheit. Erste Anlässe hierzu fanden sich im Religionsunterricht, mitunter dargeboten in hoheitsvoll kirchlicher Engherzigkeit und Strenge.
Die Art des theologischen Denkens – dialogisch, konfliktfähig, kulturorientiert und jederzeit mit Engagement, aber auch in heiterer Gelassenheit ein Lernender bleibend – zeichnet Johannsen aus, geschult an und inspiriert von Paul Tillich. Spürbar ist dies in allen seinen Arbeiten zum Alten und Neuen Testament in gleicher Weise wie zur Systematischen Theologie und zur Religionspädagogik – und auch in seinen Predigten. Kleine Anregungen und Ermunterungen für theologische Entdeckungsreisen mögen die nun vorgestellten Wegmarken spezifisch Johannsen’scher Prägung bieten.
Johannsen entdeckte Paul Tillichs Werke für sich und lernte diesen theologischen Ansatz wertschätzen. Tillich gibt neutestamentlich dem biblischen Christus des Glaubens den Vorzug und nicht dem historischen Jesus. Er betont das protestantische Prinzip prophetischer Kritik – nicht nur auf emsländischen Kanzeln wie im Schulunterricht vernachlässigt – und verdeutlicht die politische Dimension der Theologie heute:
„Das protestantische Prinzip erinnert in Situationen größter Ergriffenheit durch das Unbedingte an die Relativität jeder menschlichen Erfahrung. Es sichert die unlösbare Spannung, daß Gott gegenwärtig, aber nicht gegenständlich ist. Es wurzelt im kritischen und dynamischen Quellgrund allen Seins und sorgt für den angemessenen wahren Ausdruck der menschlichen Situation vor dem Letzten und Unbedingten. Als prophetische Kritik wendet es sich gegen jede absolute Autorität, und jede Verabsolutierung von endlichen Gestalten der Gnade, seien es Bibel, Kirche, Dogmen oder Weltanschauungen. Es verweist auf das Worthafte in der Bibel, das Menschliche in Christus, das Materielle im Sakrament, auf die Schwäche in der Kirche. Als Kriterium jeder religiösen und geistigen Erfahrung befreit es aus der Engführung konfessioneller Gruppen, verweist aber gleichzeitig auf die dort in vielerlei Erscheinungen auftretenden endlichen Gestalten der Gnade.“3
Tillichs Werk gleicht einem Türöffner zur Theologie für Friedrich Johannsen. Er begreift dessen Schriften als Widerspruch gegen die „Zwänge der technischen Rationalität“ und der „pluralistischen Vergleichgültigung“, als Aufforderung zur Abkehr von einer kirchlichen „Kumpanei mit lebensfeindlichen Mächten“ wie auch von einer saturiert kirchenamtlichen Biederkeit und bürgerlichen Borniertheit. Die Bezugnahme auf die postulierte „kreative prophetische Kritik“ schützt vor nostalgischer Verklärung und bewahrt auch vor jeglicher Larmoyanz.4 Johannsen betont die gegenwärtige Bedeutung des protestantischen Prinzips:
„Ein kritisches Profil kann der Protestantismus in dieser Situation nur gewinnen, wenn er sich nicht lamentierend in ein verlorenes Rückwärts stürzt, weder krampfhaft abgrenzt, noch den Lockungen des Zeitgeistes nachgibt, mit den religiösen und kommerziellen Glücksangeboten standhalten zu wollen.“5
Das Christsein in der Moderne erfordert intellektuelle Redlichkeit und die Anerkennung des Zweifelns als ein wichtiges Moment des Denkens. Dies schließt die sympathetische Verbundenheit mit dem Zweifler ein. Dieser soll nicht beherzt korrigiert, hochmütig belehrt, mitleidvoll unter- oder angestrengt zurechtgewiesen, sondern in seinem Sein und Denken angenommen werden:
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