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Hass, dieser Band beinhaltet eine Sammlung phänomenologischer, philosophischer, soziologischer, psychoanalytischer und kulturwissenschaftlicher Überlegungen zu diesem Gefühl, aber auch zu Strategien seiner Bewusstmachung gegen kulturelle Verdrängungstendenzen etwa in der Vermittlung der NS-Zeit oder in der gegenwärtigen interkulturellen Auseinandersetzung. Alle Beiträge sind um das Veranstaltungs- und Kulturprojekt Hass des Bremer Kulturensembles am Klinikum Bremen Ost von 2006 entstanden. Hervorgegangen aus dem Öffnungsgedanken der Psychiatrie, entwickelte sich aus dem ursprünglichen Kunst- und Geschichtsprojekt ein Kulturveranstaltungskonzept, das die Grenzen der Selbstbezüglichkeiten der disziplinierten Diskurse, wie von Wahn und Norm, Künsten und Wissenschaften, über den Zusammenhang von Kultur-Identität-Krankheit auslotet.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Stephan Uhlig (Hg.)
Was ist Hass?
Phänomenologische, philosophische und sozialwissenschaftliche Studien
© (Print) Parodos Verlag, Berlin 2008
© (E-Book) heptagon Verlag, Berlin 2024
Alle Rechte vorbehalten
ISBN der Print-Ausgabe: 978-3-938880-14-2
ISBN der E-Book-Version: 978-3-96024-040-2
https://parodos.de
»Kunst ist eine verdammt billige Methode, sich seiner Leidenschaften zu entledigen. Der alte Platon, freilich ein Großkopfiger, ein Oberaristokrat, aber ein schlauer Hund, wusste schon, warum er die Dichter aus seinem Staat verbannte. Billiger als durch Ästhetik kann man seine Verpflichtungen wirklich nicht loswerden. Es ist eine zu billige Art, mein Lieber. Die guten Triebe, Kampflust, Empörung, Mordlust, Ekel, Gewissen, sind unbequem. Aber gerade dazu sind sie da, daß sie einen nicht in Ruhe lassen. Sich durch Kunst abzureagieren, das könnte manchem passen. So einfach geht es nicht. Diese Triebe wollen praktisch verwendet werden: für den Klassenkampf.«
Der Liedermacher Pröckel (= Brecht) in »Erfolg« von Lion Feuchtwanger
Die in diesem Buch zusammengetragenen Beiträge wurden angeregt durch ein Projekt mit dem Titel »Hass«, welches 2006 vom Kulturensemble des Klinikums Bremen-Ost mit einem abschließenden interdisziplinären Symposium veranstaltet wurde.
Warum beschäftigt sich ein Kulturensemble an einem städtischen Klinikum mit psychiatrischem Schwerpunkt mit dem Thema Hass, warum sucht es Antworten in der oft nicht leicht zu gestaltenden Begegnung von Alltäglichem und Wissenschaft, von Wissenschaften unterschiedlicher Disziplinen und der Philosophie oder gar den Künsten? Die Frage nach der Interdisziplinarität ist dabei vielleicht einfacher zu beantworten als die nach dem Hass, auch wenn der Kulturort »Psychiatrie« Themen der großen Gefühle wie das Nachdenken über den Hass nahelegt. Wenn nicht auf den ersten, so doch auf den zweiten Blick. Zu diesen Fragen einleitend ein paar Hinweise, dem eine Einführung in die in diesem Buch veröffentlichte Textsammlung zur Frage »Was ist Hass?« folgt.
Um den interdisziplinären Ansatz dieses Sammelbandes nachvollziehbarer zu machen, sei ein Einblick in die dahinter stehende Entwicklungsgeschichte der Projektarbeit des Kulturensembles am Klinikum Bremen-Ost gegeben. Allgemein lässt sich zur interdisziplinären Sicht unabhängig von diesem Standort zunächst folgende ursächliche und weitgehend bekannte Überlegung beschreiben: Die Disziplinierung der wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischen Diskurse hat nicht immer zu einem besseren Verständnis des Menschen oder der Menschen in ihren Konfliktwahrnehmungen, ihrem Konfliktempfinden und -lösungsvermögen geführt. Oft hat sie das genaue Gegenteil bewirkt. Anstatt Lösungen anzubieten, wurden per Definition, durch Grenzziehung, Ausschließung und die immanente Logik der erfundenen Systeme erst neue Probleme, »Krankheiten« und »Lösungs«-sackgassen geschaffen. Oft verfestigt zu einem Mainstream der Anschauungen und Ansichten ohne Nebenstraßen. Die Interdisziplinarität dieses Projektes verweist indes auch auf einen gebührenden Respekt gegenüber wissenschaftlicher und philosophischer Systematisierung, Analysen und Denksysteme. Denn gerade in den gegenseitigen Bespiegelungen dieser Systeme kann der Nutzen einer interdisziplinären Sammlung von Ansichten liegen. Dass dieser Respekt auch den Künsten gilt, welche ein gleichberechtigter Bestandteil der Projektarbeit des Kulturensembles sind, kann im Rahmen dieses Buches, das mehr als eine reine Projektdokumentation darstellt, leider nur erwähnt, aber nicht angemessen dargestellt werden.
Das Ziel des Projektes war, ausgehend von einer alltagsnahen Phänomenologie des Hasses – oder verwandter Emotionen –, die (Omni-)Präsenz dieses Gefühls in Geschichte und Gegenwart, seine strukturelle Verankerung in gesellschaftlichen Institutionen, in den Geschlechterbeziehungen und Kulturen, den Prozess seiner Unbewusstmachung und (bigotten) Verpönung, seine biografische Implantation und seine Wirkungsdynamik über eine interdisziplinäre Betrachtung und ganz unterschiedliche Veranstaltungsformen zu veranschaulichen bzw. bewusst zu machen. Darüber hinaus sollte dieses Projekt und soll dieses Buch mit seinen Beiträgen zu einer »differenziellen Emotiologie« (Haubl) beitragen, zum Nachdenken über ein zivilisationsgeschichtliches Entwicklungspotenzial eines in unserer Kultur bisher nur verpönten, manipulativ benutzten Gefühls.
Das Kulturensemble hatte dazu nicht nur WissenschaftlerInnen, PhilosophInnen und KünstlerInnen befragt. Auch AnwohnerInnen des Stadtteils Bremen Osterholz-Tenever, der durch seine außerordentliche ethnische Vielfalt geprägt ist, Psychiatrieerfahrene aller Seiten und Schulen waren im Vorfeld einbezogen worden. Daraus ergaben sich sehr unterschiedliche Veranstaltungsformen. Vieles von dem, was dieses Projekt auch ausgemacht hat, ist also in diesem Buch nicht direkt dokumentiert, die TheaterLesung mit Texten des Auschwitzkommandanten Rudolf Höss oder die Konzert-Lesung mit Texten Friedrich Hölderlins und Streichquartettfragmenten, welche die für unseren Zusammenhang unausweichlich nachwirkenden Erschütterungen der Moderne seit 200 Jahren seismographisch aufgezeichnet haben, die Kunstausstellungen und Filme sowie Performances zum Fußball und zu den »Großen Gefühlen«, die Anti-Stigma-Führungen durch die Psychiatrie, die vielen Diskussionen und die Gespräche am Rande. Dennoch ist dies alles indirekt aufgehoben, da, wo es den einen oder anderen in diesem Buch festgehaltenen Gedanken angeregt hat.
Das Kulturensemble am Klinikum Bremen-Ost – das »Haus im Park« mit seinem Konzert-, Theater-, Vortrags - und Festsaal, die »Galerie im Park«, eine Galerie für zeitgenössische Kunst und Raum für Ausstellungen zur Kulturgeschichte der Medizin, und das »Krankenhaus-Museum«, das mit seiner Aufarbeitung der nunmehr über 100-jährigen Geschichte des Klinikums, das mittlerweile somatische, psychosomatische und psychiatrische Abteilungen vereint, einen wichtigen Beitrag zur deutschen Psychiatriegeschichte überhaupt geleistet hat – entstand 1987 aus dem Öffnungsgedanken der Psychiatrie. Über das kulturgeschichtliche Verständnis dieses Ortes »Psychiatrie« und über integrative Kunst- und Kulturprojekte sollten vorhandene Ressentiments gegenüber »psychisch Kranken« abgebaut werden. Am Ende dieser mittlerweile 20-jährigen Bemühungen steht unter anderem die Dauereinrichtung eines Anti-Stigma-Projekts, um einer offensichtlich für die Stabilität einer Gesellschaft, vielleicht aber ja nur scheinbar notwendigen Stigmatisierung einer Gruppe von Menschen im Trialog von Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen sowie MitarbeiterInnen der Psychiatrie und Schulklassen etwas entgegen zuhalten. Dabei wurde deutlich, dass dies sowohl etwas mit Gefühlen im Allgemeinen bzw. damit, wie sich Gesellschaften über sie strukturieren, als auch etwas mit dem Hass im Besonderen zu tun hat.
Will man das Ressentiment und die Stigmatisierung dem Grundgefühl Hass zurechnen, sie als latenten Hass verstehen, der hier noch in gesellschaftsverträglich gemäßigter Form der Gewalt in Erscheinung tritt, so bergen diese Gewaltformen keine Garantie dafür, dass der Hass in ihnen nicht doch in offenen Vernichtungswillen umschlägt. Da deshalb von Stigmatisierung betroffene Menschen tatsächlich an einem erhöhten »Lebens«-Risiko leiden, bietet es sich an, in einem Kulturensemble an einem Klinikum mit einem psychiatrischen Schwerpunkt über den Hass in besonderer Weise nachzudenken. Zumal sich die Funktion der Psychiatrie für diese psychodynamisch heikle Konstituierung von Gesellschaften über Stigmatisierung immer wieder als Januskopf erwiesen hat. Diese Problematik allein über Hass verorten zu wollen, isoliert vom Gesamtspektrum der Gefühle und deren Bedeutung für die Organisation von Gesellschaften, würde – das sei an dieser Stelle auch gesagt – aber letztlich zu kurz greifen.
Schon die Andeutung der besonderen Situation der Arbeit am Kulturensemble mit der damit verbundenen Stigmatisierungsproblematik macht deutlich: Will man die Hoffnung nicht aufgeben, dass Aufklärung hilft, so bleibt es wichtig, immer wieder gerade alltägliche soziokulturelle Phänomene oder sich davon abhebende spezielle Erscheinungsformen einer emotionalen Gemengelage der Gesellschaft und gesellschaftlicher Ordnungsprinzipien mit ihrer latenten Brisanz zu begreifen, zu der auch der Hass gehört. Es bleibt wichtig, bewusst zumachen, was hinter der Fassade der Erscheinungen abläuft, gerade wenn »es läuft«.
Auch am Beispiel der Stigmatisierung lassen sich dabei zwei generell unterschiedliche, d.h. auch in ihren Folgen oder Folgerungen unterschiedliche Herangehensweisen an ein »Symptom« beschreiben, also an etwas, das für einen Mechanismus steht, der als Problem generierend ursächlich, um nicht zu sagen als Krankheit hinter der Erscheinung (dem Symptom), vermutet wird. Diese Unterscheidung hat auch einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Fragen, welche dieses Buch aufwirft. Die eine Herangehensweise setzt bekanntlich beim Symptom an, beschreibt etwa den Vorgang der Stigmatisierung, ihre schlimmen Folgen für die Betroffenen, die ihr innewohnende Gefahr der Eskalierung usw. und hofft auf das Gute im Menschen. Die andere setzt ursächlich tiefer an und fragt nach der Logik von Stigmatisierung, nach ihrer Funktion für die psychische und gesellschaftliche Stabilisierung überhaupt und geht gar soweit zu fragen, ob Stabilisatoren wie die Stigmatisierung eine »conditio humana«, eine »anthropologische Konstante« sind oder lediglich ein zivilisationsgeschichtlich hervorgebrachter, vielleicht historisch notwendiger Mechanismus, also einer, den man zivilisationsgeschichtlich auch überwinden könnte. Diese Herangehensweise setzt nicht nur ursächlich tiefer an als die, welche allein auf Symptombeseitigung zielt, sie begreift das Widerspruchspotenzial, dass sich auch im Vorgang der Stigmatisierung Gestalt gibt, als etwas »über sich hinaus« Gestaltbares und als etwas, das gerade dann seine destruktive Macht entfalten kann, wenn es wie üblich tabuisiert oder verboten wird. Hier rücken, wenn man diesem Gedanken folgt, neben der allgemein psychologischen Betrachtung aktueller gesellschaftlicher Psychodynamik und deren gesellschaftspsychologischer Bedeutung die historische, entwicklungsgeschichtliche Dimension bestimmter universaler Mechanismen oder auch Widersprüche ins Blickfeld und damit letztlich die Frage: Was ist der Mensch? Das Kulturensemble ist diesem Gedanken in seiner Arbeit gefolgt und demzufolge hat sich aus einem zunächst die Psychiatriereform der 1980/90er Jahre begleitenden Kunst- und Geschichtsprojekt ein Kulturensemble entwickelt, das Raum bietet, über den Zusammenhang von Geschichte, Biografie, Biologie, Krankheit/Gesundheit und Kultur nachzudenken – und seit geraumer Zeit in diesem Kontext speziell eben auch über Gefühle.
Das Projekt »Hass« ist entsprechend der Bedeutung der emotionalen Organisation von Gesellschaften, also von Emotionalisierung resp. Entemotionalisierung im Sinne einer falschen Sachlichkeit oder auch im Sinne einer »Sprachzerstörung« (Lorenzer 1973), nicht das erste Projekt des Kulturensembles, das sich mit dem Anpassungsgeschehen von rohen, angeborenen Affekten, Trieben und Aggressionspotenzialen an zivilisatorische Bedürfnisse beschäftigt. Ihre Kanalisierung in Kreativität, Konstruktivität oder auch in gesellschaftskonforme Gewaltformen sowie ihre mögliche »Aufhebung« in eine(r) eigenständige(n) Welt differenzierter und sich differenzierender Gefühle waren dabei Gegenstand der Betrachtungen. Wobei dieser »Aufhebungs«prozess roher Affekte immer auch hinsichtlich seiner Anfälligkeit für nachhaltige Störungen, wie sie etwa in der Sucht und in deren selbstverstärkenden Rückkopplungseffekten in der Kultur zum Ausdruck kommen, besonders in den Blick genommen wurde. Das Projekt »Hass« ist aber das erste, das sich über einen längeren Zeitraum ausführlich und auf unterschiedlichsten Ebenen mit nur einem Gefühl auseinandergesetzt hat.
Doch: Ebenso wenig wie man den konkreten Fall einer Stigmatisierung aus dem komplexen psychologischen Mechanismus herauslösen kann, in dem Gesellschaften und Individuen um Stabilität und Lebendigkeit mit sich ringen, ebenso wenig kann man Hass – will man das Prinzip nachhaltig überwinden – aus der »Klaviatur« möglicher Gefühle herausisoliert verstehen. »Reine« Gefühle, also nicht in eine Gemengelage von gemischten Gefühlen eingebettete Gefühle, gibt es wahrscheinlich überhaupt nur im Symptom. Dieser Aggregatzustand deutet also eher auf eine pathologische Arbeitsweise eines, wenn auch sonst »normal« funktionstüchtigen Gehirns hin. Letztlich sind Gefühle in ihrer Funktionalität denn auch nicht ohne ihre konkrete Beziehung zum Verstand zu verstehen. Und schließlich: Herausgelöst aus seinem sozialen, kulturellen und zivilisationsgeschichtlichen Kontext betrachtet, welcher – und das ist für uns entscheidend – schon den basalen, primären neuronalen Einschreibungen der Gefühle ihr spezifisches symbolisches Muster gibt und damit einem Menschen seine durch sie erst möglichen Interaktionsformen (Lorenzer 1973), bliebe uns auch der »ganze«, also fühlende und denkende Mensch gänzlich unverständlich.
Einige Beiträge sind im Zusammenhang mit einzelnen Veranstaltungen entstanden, welche besondere Facetten des Hasses beleuchten sollten. Die Projektveranstaltungen begannen am 30. Mai 2006, am Gedenktag für die Opfer der NS-Psychiatrie und Gesundheitspolitik in Bremen, mit einem Impulsvortrag »Blinde Wut, brauchen wir Feindbilder?” von Rolf Haubl, der in diesem Band in anderer Form wieder aufgenommen wurde. »Die Vermittlung der NS-Zeit als bleibende künstlerische Herausforderung – das Projekt Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim« war ursprünglich ein frei gehaltener Beitrag von dem leider in diesem Jahr verstorbenen ehemaligen Leiter der österreichischen Gedenkstätte bei Linz, Hartmut Reese, gehalten als Gastrede auf dem Symposium im Anschluss an die Gedenkveranstaltung am »Irrstern«, dem Bremer Mahnmal für die Opfer der NS-Psychiatrie und Gesundheitspolitik. Die Zusammenstellung seiner hinterlassenen Aufzeichnungen zu einem Beitrag für diesen Band hat dankenswerterweise Brigitte Kepplinger übernommen, wobei sie sich auf gemeinsame Arbeiten stützt. Dieser Beitrag beschreibt sehr konkret, wie sensibel, dynamisch und komplex die Herausforderungen einer Gedenkstättenarbeit sind, deren Ziel »die Vermeidung einer Externalisierung des Nationalsozialismus aus der Geschichte der Moderne« (Reese/Kepplinger) ist, wenn sie den »Blick für die Kontinuität, aber auch für die Brüche der gesellschaftlichen Entwicklung« (Reese/Kepplinger) schärfen soll – und damit für den historisch widerspruchsvollen Umgang mit dem Hass und seinen Ausdrucksformen. Die meisten der hier vorliegenden Beiträge haben allerdings ihren Ursprung in Statements der AutorInnen, gehalten auf dem Symposium »Hass – Symposium zu einem großen Gefühl« am 28. Oktober 2006, das den Abschluss des Projektes bildete.
Am Anfang der Sammlung stehen zwei Texte zur differenziellen Emotiologie von Ärger, Wut, Zorn und Hass und zur Phänomenologie des Feindbildes des psychoanalytischen Sozialpsychologen Rolf Haubl. Mit »Der Hass – eine große Stimmung« von Volker Caysa folgt dann eine philosophisch-ethisch orientierte Auseinandersetzungen mit dem Hass, wobei schon dieser Aufsatz im Vergleich zur Herangehensweise von Rolf Haubl die besonderen Möglichkeiten interdisziplinärer Betrachtung sehr gut veranschaulicht: nämlich je nach Perspektive der Verfasser sich in gewisser Weise auch ausschließende Positionen zu einem Phänomen wieder zu einen, um damit seine innere Widersprüchlichkeit sichtbar und gestaltbar zu machen. Während so z.B. Rolf Haubl nach meinen Verständnis seiner Texte im Hass vor allem ein Symptom für eine Kränkung, eine Schwächung des Egos mit all den möglichen psychodynamischen Folgen sieht, sieht Volker Caysa in der aus zivilisatorischer Sicht immer notwendigen Kränkung eines Menschen einen Hass entstehen – Hass ist dann schon die Zivilisierung eines Affektes –, der Ansporn werden kann, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Karl Marx). Als Philosoph sieht Caysa die Notwendigkeit zur Entwicklung, die nicht ohne Verletzung des alten Regelgebäudes (wobei auch das der rohen Affekte schon eines ist) vonstatten gehen kann. Damit formuliert er mit der »Verrohstofflichung« des Menschen, also mit seinem Missbrauch, einen ethisch gerechtfertigten »Hasspol«.
Dem philosophischen Text von Volker Caysa folgen zwei Texte, welche Kulturphänomene beschreiben, die sprachlich direkt mit Hass verbunden werden. Der psychoanalytisch orientierte Kriminologe Lorenz Böllinger setzt sich in seinem Beitrag mit einer relativ neuen Verbrechenskategorie, der »Hasskriminalität«, auseinander und die Soziologen Axel Schmidt und Klaus Neumann-Braun haben ihre neuesten Forschungsergebnisse über »Hatepages« diesem Band zur Verfügung gestellt.
Die beiden dann folgenden Beiträge von Margrit Brückner und Katharina Liebsch beschäftigen sich mit der Institutionalisierung von Gewalt und Hass in Paarbeziehungen und in den besonderen Ausdrucksformen des Selbsthasses. Der den Band abschließende Beitrag von Brigitte Kepplinger bezieht sich auf die Erfahrungen der Gedenkstätte Schloss Hartheim, einer der sechs ehemaligen psychiatrischen »Euthanasie«-Tötungsanstalten der Nationalsozialisten, bei der Vermittlung der NS-Zeit durch Kunst und Kultur.
Ohne den Beiträgen dieses Buches ungebührend vorgreifen zu wollen, möchte ich an dieser Stelle ergänzend zu dem Abschnitt dieses Textes »Das System Mensch« für LeserInnen, welche sich mit Gefühlen bisher eher lebenspraktisch, nicht aber mit den Grundlagen einer »Emotiologie« (Haubl) befasst haben, kurz auf eine Annahme eingehen, welche den Beiträgen dieses Buches m. E. zu Grunde zu liegen scheint:
Hass als eines der Gefühle unserer basalen emotionalen Grundausstattung, mit der wir auskommen müssen, um unser Leben zu interpretieren, Neues zu integrieren und zu gestalten usw., ist danach ein integraler Bestandteil eines unbewussten Systems, das wahrscheinlich auf wenigen, angeborenen Grundaffekten und Trieben basiert (siehe hierzu auch Haubl in diesem Buch). Diese wiederum sind je nach Gefühlsvermögen des reiferen Menschen mehr oder weniger in der frühen Kindheit über Bindungserfahrungen sozial wie kulturell, d.h. auch immer schon geschichtlich und zivilisationsgeschichtlich differenziert, »neurophysiologisch ummantelt«. Unser Verstand agiert dann letztlich »im Auftrag« dieses unbewussten mehr oder auch weniger, manchmal zu viel und manchmal zu wenig einsozialisierten Systems und rationalisiert das eigene Tun – will sagen: begründet es mit einer scheinobjektiven Logik (ob und inwieweit eine objektive Logik im menschlichen Handeln überhaupt eine Rolle spielen kann, muss hier nicht diskutiert werden).
Keines dieser Gefühle wie Hass, Neid oder Liebe etwa kann also isoliert für sich in seiner Funktion für dieses System verstanden und beurteilt werden, wenn man nicht seine Urgeschichte, den Prozess seiner Einsozialisierung berücksichtigt. Diese Geschichte wäre möglicherweise auch schon schwer zu verstehen, wenn sie nur symbolisch über die späteren Lebensäußerungen des/eines Menschen vermittelt wäre, also wieder erscheint. Nach psychoanalytischer Ansicht kommt noch erschwerend hinzu, dass dieser Urtext des Unbewussten in aller Regel durch die Möglichkeit der Abwehr von unerträglichem Schmerz verstellt sein kann, durch Abspaltung des damit verbundenen Gefühlsszenarios, das fortan im abgespaltenen Symptom sein Eigenleben führt, also auch wieder erscheint. Beide zusammen, die Symbolebene der aktuellen Handlung, in welcher der Urtext in gewisser Weise unverstellt erscheint, und die Symptomebene, in welcher der Urtext oft bis zur Unkenntlichkeit verklausuliert oder pervertiert erscheint, machen danach aber erst die Gesamterscheinung einer Person aus (Lorenzer 1986).
In Extremen ausgedrückt, hätte danach auch eine hohe Empathie, also das Einfühlungs- oder Mitfühlungsvermögen, einen hohen Symbolgehalt, während das Fehlen von Empathie, wenn keine erkennbaren neurophysiologischen Gründe vorliegen, entweder Ausdruck einer durch Bindungsmangel nie überwundenen Gefühlskälte wäre (sie ist dann ein Mangel an Symbolen, der das Spektrum möglicher Interaktionsformen einschränkt) oder sie ist selbst schon das Symptom einer Erfahrung, welche nach dem Vermögen des Erfahrenden nur durch Abspaltung der situationsgeformten Gefühle erträglich gemacht werden konnte. Dies geschieht oft allein nur deshalb, weil im entscheidenden Augenblick eine stützende Bindungserfahrung fehlt.
Begreift man die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen als Ausdruck fehlenden Empathievermögens, bietet diese Feststellung in jedem Fall einen Verstehensansatz für die wachsende Einengung des Wahrnehmungs- und Handlungsspielraums von Gesellschaften, Individuen und damit künftiger Generationen. Wobei darin Abwehr und abgespaltene, verdrängte Gefühle wieder in unbeherrschten Ausdrucksweisen zum Vorschein kommen. Eben dann, wenn ein Gefühl oder Gefühlskälte zum alles Beherrschenden wird, wie im vernunftentbundenen destruktiven Exzess oder wie auch dann, wenn der »reine« Verstand sich in der symptomatischen Vorstellung der »reinen Faktizität« der Dingwelt der Menschen von den Gefühlen, also den subjektiven Bedeutungsebenen dieser Dingwelt löst – und dies für den einzig richtigen und »vernünftigen« Zugang hält. Dies gilt nicht nur für das Verhalten Einzelner, sondern eben auch für Gruppen oder ganze Gesellschaften und scheint in gewissem Maße manipulativ lenkbar zu sein. Als extremes und besonders abschreckendes Beispiel für diese Form der systematischen Aufspaltung von Menschen oder auch einer Kultur in emotionslose, kalte unbeherrschte Rationalität und eskaliertes, unbeherrschtes Ressentiment gilt die oft mit kühlem Menschenverstand betriebene und als notwendig erachtete Massenvernichtung in den Konzentrationslagern der nationalsozialistischen Gesellschaft, in welcher ein entgrenzter, rassistisch rationalisierter Hass zur »großen Stimmung« (Caysa) hat werden können.
Für eine in puncto Gewalt auf Prävention setzende Aufklärung scheint die Unterscheidung der möglichen Ursache für die Übersteigerung der sich gleichenden Gefühlsphänomene, wie dem Hass, dem Ressentiment oder der Gefühlskälte, doch wichtig: Sind sie Ausdruck eines unsozialisierten, rücksichtslos hypertrophen Egos oder eines neurotisch agierenden frustrierten Egos (Gerhard Roth, Der Spiegel 35/2007)? Wenn sich Institutionen, Gruppen, ganze Gesellschaften oder Kulturen so verhalten können, schließen sich dann gleich weitere Fragen an: Wie ist dann der Hass etwa von Individuen auf eine Gesellschaft zu bewerten, die sich aus einer »unterdurchschnittlich« neurotischen oder größenwahnsinnigen Disposition heraus regelwidrig verhalten, vielleicht verhalten müssen? Wer ist dann »krank«, die Norm oder diese/r Abnorme? Und wie bewertet man überhaupt das Verhalten, wenn man die Neurose oder Hypertrophie für einen möglichen psychischen Vorgang eines normal funktionstüchtigen Gehirns hält? Sind die Begriffe von »Krankheit« und »Gesundheit« also rein historisch-relativ, normativ, allein von Mehrheiten abhängig, oder gibt es andere Maßstäbe?
Die soziale Bedeutung der Begriffe »gesund« und »krank« unterliegt grundsätzlich einem beständigen historischen Wandel. Dennoch soll eine quasi ahistorische Definition der Begriffe versucht werden, der zufolge das Leben als sich entwickelndes, als ein synergetischer Zusammenhang sich entfaltender Vielfalt (Gesundheit) zu verstehen wäre und als eine konkurrierende, sich nach partiellen Interessen gegenseitig oder einseitig auslöschende Vielheit (Krankheit).
Wenn man Gefühle in diesem Zusammenhang als »Modi« (Haubl) der Wirklichkeitsgestaltung (d. Verfasser) auffasst, dann könnte also »Krankheit« in diesem Sinne ein Orientierungspol sein, dieses emotional bedingte Verhalten
